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M 208.
Fulda, Samstag den 11. September 1909.
36. Jahrgang.
Kustes WlcrlL.
[] Die Börse atmet wieder auf.
Der Tod des nordanierikanischen Eisenbahnkönigs Harriman befreit die Börse, sowohl die amerikanische als auch die europäische, von einer starken Beklemmung. Wochenlang blickte sie mit großer Besorgnis dem Verlaufe der Krankheit Harrimans entgegen, und die Börse von New-Aork und London „diskontierten^ jedes Bulletin mit einer beängstigenden Gier; kein Wunder, war doch der verstorbene Dollarkönig, der ein Vermögen von 150—200 Millionen Pfund Sterling (— 3000—4000 Millionen Mark) hinterläßt), der bedeutendste Eisenbahnmann der Vereinigten Staaten, der nebenbei für nicht weniger als 41 Banken Aufsichtsratsmitglied war. Sein Einfluß reichte über ein Netz von beinahe 70 000 Meilen, es gab keinen großen Spekulanten in Eisenbahnen, den er nicht an die Wand gedrückt hätte. Die Einspannung oller Transportwege zwischen Atlantischem und Stillem Ozean in ein einziges großes System war das Ziel der Harrimanschen Politik, und diesem Ziel hat er ohne Rücksicht auf moralische Forderungen nachgestrebt.
Selbst ein Mann wie Theodor Roosevelt vermochte nichts gegen ihn auszurichten. Bei seinem Kampfe gegen die Trusts hatte der Expräsident gerade Harriman niederwechen wollen, aber mußte bald einsehen, daß in Amerika ein Dollarkönig größeren Einfluß besitzt, als das Haupt eines noch so mächtigen Staates. Selbst auf dem Sterbebette war der Eisenbahnkönig für das Spekulantentum tonangebend, und man kann ohne Uebertreibung sagen, daß in den letzten Jahrzehnten es keinen gegeben hat, dessen Tod eine so allgemeine Bedeutung haben könnte, wie sie der Tod Harrimans hat. Die Befürchtung seiner Anhänger war keineswegs glattweg von der Hand zu weisen, daß beim Eintreffen der Todesnachricht sich der Börse eine Panik bemächtigen könnte. Man suchte daher auch am Donnerstag an der Newftorker Börse die j'Nachricht von seinem Tode bis zum Schluffe noch zurückzuhalten, trotzdem gaben die Aktien der amerikanischen Eisenbahnen schon nach offiziellem Schluß der Börse 6ebeutenb nach, als man die Mitteilung über den Tod Harrimans erhielt.
Aber auch die europäische Börse war am Freitag äußerst stark von dem Hinscheiden des amerikanischen Eisenbahnmagnaten beeinflußt. In Berlin und in London behauptet man mit Vorliebe immer und immer wieder, daß man von Newyock unabhängig sei, aber das ganze Verhalten der europäischen Börse während der Krankheit Harrimans bewies nur zu deutlich, daß es dem europäischen Geldmärkte keineswegs gelungen ist, sich von Amerika frei zu machen. Man kann aber an diesem Falle wieder sehen, oon welchen Einflüßen das ganze Börsenwesen beherrscht wird Ein einziger Mann vermochte in all den Jahren hindurch die Entwickelung des Geldmarktes zu hemmen oder zu fördern, wie es eben in seinem Interesse war.
Oh"e Zweifel ist es ein ungesunder Zustand, wenn der Tod eines einzigen Mannes auf dem wirtschaftlichen Markte in solcher Weise fühlbar wird, wie gegenwärtig das Hinscheiden des amerikanischen Geldmagnaten. Gewiß liegt die Schuld daran in der Entwickelung des Kapitalismus in Amerika. In Amerika ist es die Persönlichkeit, die den Ausschlag gibt, wäh- rend bei uns die Entwickelung den Weg von der Persönlichkeit zur Unpersönlichkeit, vom Privatunternehmen zur Aktiengesellschaft gegangen ist. Gewiß hat auch das Mienwesen manche Schattenseiten; aber
®tienform macht die Unternehmen wenigstens un- abhangig vom Sterben und Leben. Zweifellos macht sich auch der Tod des Leiters eines Unternehmens be- mcickbar, aber mit Leichtigkeit kann ein anderer Tüchtiger an die Stelle des Verstorbenen treten. Ganz
anders aber verhält es sich, wenn die Riesenkapitalien in Privathänden sich zusammenballen. Auch bei uns find nicht wenige Volkswirtschaftler, die eine solche Entwickelung des Kapitalismus sehnlichst her- beiwünschen. Aber die Verhältnisse in Amerika müssen Europa zur Wamung dienen, und es fann nur gewünscht werden, daß alle Maßnahmen getroffen werden, die eine allzu starke Kapitalansammlung verhindern.
Eine Monopolstellung auf dem wirtschaftlichen Markte muß unter allen Umständen verhütet werden. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet find auch die in letzter Zeit so häufig werdenden Verschmelzungen größerer Banken Deutschlands keineswegs mit Genugtuung zu begrüßen. Die Erfolge der amerikanischen Antitrustgesetzgebung ermutigen freilich äußerst wenig, auf dem Wege der Gesetzgebung die Entwickelung des Kapitalismus aufzuhalten. Immerhin ist schon etwas mit einer richtigen Staffelung der Einkommensteuer zu erreichen.
Deutsches Reich.
♦ Berlin, 20. Sept. 10. Der deutsche Kaiser hat zur Hilfeleistung für die durch die lieber» schwemmung in Monterey (Mexiko) Geschädig- len eine Summe von 10 000 Mk. gespendet. — Der Zentralverband deutscher Industrieller wird in den ersten Tagen des nächsten Monats in Berlin seine Ausschußsitzung abhalten. — Die Felddienstübungen der Hochseeflotte fanden heute mit einem größeren Gefecht bei Bodum nördlich von Apenrade ihr Ende. Morgen ftüh kehrt die Flntte nach Kiel zurück.
'-i- Eine Anerkennung für die Politik des Zentrums spricht der konservative Publizist Richard Nordhausen im ,Tag' aus. Er beklagt zwar, daß „vorn Standpunkte derjenigen, die jeden Kampf zwischen beiden christlichen Glaubensbekenntnissen für die allerverhängnis» vollste Torheit halten, die Zentrumspartei ein schweres Hindernis für die nationale Entfaltung" sei — eine Auffassung, die keineswegs als richtig anerkannt werden kann —; sieht sich dann aber zu folgender Anerkennung gezwungen:
„Andererseits sei dankbar anerkannt, daß die Zentrumspartei in den wirlschaftlichen Kämpfen der letzten drei Jahrzehnte stets tapfer ihren Mann gestanden hat, daß sie fast immer für nationale Forderungen zu haben und ein festes Bollwerk gegen die Sozialdemokratisierung weiter Bezirke gewesen ist. Sie hat ihre Pflicht zumeist um Gottes willen getan; dem törichten Kuhhandel gerade sollten Verständige allmählich das Ohr verschließen. Wär« das Zentrum eine selbstsüchtige Schacherpartei, dann müßte man seiner kaufmännischen Begabung ein schlechtes Zeugnis ausstellen: so wenig hat es in dreißigjährigem Kampfe für sich erreicht."
Wir können leider die Hoffnung nicht hegen, daß dos törichte Gerede von der angeblichen Kuhhandelspolitik des Zentrums bald verschwinden werde.
)( Die vom Bundesrat erlassene Branntwein - Nachsteuerordnung bestimmt u. a., daß Branntwein, der sich am 1. Oktober d. Js. in Brennereien, Verschlußlagern usw. befindet, außer den Abgaben nach dem geltenden Branntweinsteuergesetz eine Nachsteuer von nur 35 Pfg. für das Liter Alkohol unterliege, während diese Nachsteuer eigentlich 55 Pfg. betragen müßte. Denn die Steuersätze des alten Gesetzes waren 70 Pfg. und des neuen 1,25; die Differenz be- trägt also 55 Pfg, Weshalb man hier eine Ermäßigung hat eintreten lassen, wird nicht rnitge- leilt. Eine fernere Bestimmung, die besonders für Apotheker und Drogisten wichtig ist.
besagt, daß nicht zum Genuß geeignete Fabrikate, die auS versteuertem Branntwein hergestellt werden dürfen, der Nachsteuer nicht unterliegen, wenn sie einen Alkoholgehalt von nicht mehr als zwanzig Gewichtsteilen haben. Branntwein in Fruchtsäften ist nur dann nachsteuerpflichtig, wenn der Alkoholgehalt mehr als vierzehn Hua- dertteile beträgt. Von der Nachsteuer befreit ist Branntwein im Besitz von Gewerbetreibenden mit Erlaubnis zum Ausschank oder Kleinverkauf in Mengen von nicht mehr als zwanzig Liter, im Besitz von Haushaltungsvorständen in Mengen von nicht mehr als zehn Liter Alkohol. Für den Handverkauf Hergerichte Branntweinfabrikate von nicht mehr als ein Kilogramm Gewicht der Einzelpackung, wie Mundwasser, Tinkturen usw., sind ebenfalls nicht nachzuversteuern.
(*) Die Rede des Abg. v. Heydebraud am letzten Tage der Beratung über die Reichs- finanzresorm war seiner Zeit einer Anzahl von Kreisblättern als Flugblatt beigelegt worden. Die liberale Presse hat behauptet, daß dies unter Mithilfe der Landräte geschehen sei. Das ,Berl. Tagebl.' will nunmehr wissen, daß die Regiernng bei den Landräten Erhebungen darüber anstellen lasse, inwieweit das zutrifft.
** Der deutsche Anwaltstag in Rostock beschloß im weiteren Verlause seiner Verhandlungen, für eine Erhöhung der Gebührensätze einzutreten.
)( Den ungesunden Zustand, der durch den Wettbewerb der größeren Städte in den Begünstigungen für die Lehrerschaft unter dem alten Besoldungsgesetz die Kritik weiter Kreije hervorgerufen hat, will man unter dem neuen Besoldungsgesetz nicht mehr dulden. Die städtischen Körperschaften in Charlottenburg hatten eine Besoldungsordnung der Regierung zur Genehmigung vorgelegt, die aber nicht erteilt wurde, da die ausgeworsene Ortszulage in ihrer Höchstgrenze über die in der Besoldungsordnung für die Berliner Volksschullehrpersonen enthaltenen Sätze bei den männlichen Lehrpersonen um 15) Mk., bei den Lehrerinnen teilweise um 250 Mk. hinausgeht. Nach der Uederzeugung der Regierung rechtfertigen die wirtschaftlichen Verhältnisse der Stadt Charlottenburg, die mit Berlin eine wirtschaftliche Einheit bildet, ein Hinausgehen über die Berliner Sätze nicht. Auch die von der Stadt Charlottenburg beabsichtigte Gewährung von Familienzulagen an die Volks- schullehrerschast ist nicht genehmigt worden, da sie mit der Bestimmung des § 2 des Lehrerbesoldungsgesetzes im Widerspruch steht, Nach dem genannten Paragraphen dürfen neben dem festen Diensteinkommen nur einmalige außerordentliche Bewilligungen an Lehrer oder Lehre- rerinnen aus besonderen Gründen erfolgen.
* Genossen unter sich. In der »Breslauer ozialdemokratischen .Volksmacht' sind folgende Sätze zu lesen: „In diesem Jahre ist nun wieder ein Krak ehl zurechtgemacht worden, bei dem sich die Stänkerer der früheren Jahre alle wieder zusammengefunden haben. Wir riechen in den Dörfern der Junker herum und )tingen in die Hochburgen des Zentrums, in« -essen haben die Obergenossen einiger Großstädte nichts weiter zu Ln, als die Früchte dieser Arbeit zum Teil wieder zuschanden zu machen. Wie lange soll das noch gehen?"
* Frankfurt a. M., 9. Sept. 1909. Trotz des Eintritts von 356 weiblichen Mitgliedern ist
der Frankfurter sozialdemokratische Verein in feiner Gesamtmitgliederziffer um 166 gegenüber dem Vorjahre zurückgegangen.
— Wunsiedel, 9. Sept. 1909. Wenige Tage nach dem Katholikentag in Breslau tagte in Wunsiedel das 9. Landesfest des Hauptvereins des Evangelischen Bundes in Bayern. Es dürfte nicht uninteressant sein, aus der Tagung des Bundes einige Punkte hervorzuheben, die so recht den Unterschied zwischen der Breslauer Versammlung und der in Wunsiedel dartun. Die Presse hat bis jetzt über die Wunsiedeler Versammlung nur knappe Berichte gebracht. Wir find daher angewiesen auf die Berichte der in Wunsiedel selbst erscheinenden Blätter. Aus diesen Berichten sei folgendes wiedergegeben: Ein Festgottesdienst in der Stadtkirche, in welchem Pfarrer Brendel aus Nürnberg die Festpredigt hielt, leitete die Tagung ein. Den Mittelpunkt der Predigt bildete der Mahnruf „Auf, zu den Waffen!":
„Energischer konnte Ziel und Pflicht des Evangelischen Bundes nicht nahegelegt werden, als es hier geschah, wo der Feind, dem der Kampf gilt, mit allem Ernst bezeichnet wurde."
In der Festversammlung knüpfte der Vorsitzende des Zweigvereins Wunsiedel, König!. Reallehrer Dr. Hederich
„an den Jahrhunderte alten Kampf zwischen Romanismus und Germanismus, deffen Beginn durch den Sieg im Teutoburger Wald erst vor ganz kurzem gefeiert wurde; dieser Kampf tobt auch heute noch und ihn führt vor allem auf deutscher Seite (!) der Evangelische Bund zum Nutzen und Segen des deutschen Vaterlandes."
Stadtpfarrer Fike n sch er aus Fürth erstattete
„Bericht über den Stand der evangelischen Sache und deren harten Kämpfe (?) mit dem immer mehr sich anmaßenden Katholizismus in den verschiedensten Gegenden unseres Vaterlandes. Mit kernigen Worten fordert er zu festem Zusammenschlüsse aller Protestanten auf und schließt mit den Worten: Möaen unsere Gegner in Granit beißen, wenn sie dem Protestantismus ans Mark wollen. (Lebhafter Beifall.)"
Pfarrer Braun-Schwabach sprach über „Ferienaufgaben des Evangelischen Bundes":
„Wenn auch angesichts der jüngsten politischen Ereignisse die Wahrscheinlichkeit bald beginnender Kämpfe infolge des sich wieder vermehrenden ultramontanen Druckes (I) größer geworden fei, so iönne immer noch von Ferienaufgaben bei ihm geredet werden. Bei aller Zurückhaltung entschlüpften dem Gehege der ultramontanen Zähne doch immer wieder Worte und kämen doch immer wieder Handlungen vor, welche nur zu deullich erkennen lassen, daß es drüben auf einen wirklichen Frieden nicht abgesehen sei. Es gelte, das evangelische Volk zu erziehen zu einem gesunden Mißtrauen gegen alles, was spezifisch römisch ist."
Hier haben wir so recht treffend den Charakter des Evangelischen Bundes gekennzeichnet: er nährt systematisch in den Herzen seiner Angehörigen ein „gesundes Mißtrauen" gegen alles, was katholisch ist, und trägt so stetig bei zu einer fortwährend zunehmenden Entfremdung der Brüder und Söhne eines Volkes. Und da will man in protestantischen Kreisen sich entrüsten über „konfessionelle Absonderung" seilens der Katholiken, da doch der Evangelische Bund ganz zielbewußt das konfessionelle Mißtrauen nährt und damst die Entfremdung fördert! — Beim Festabend hielt Pfarrer Fi keusch er-Fürth die Begrüßungrede, die mit den Worten schloß:
„Der evangelische Bund ist der Baum, der als Sturmfänger ausfängt, was von ultramontaner Seite einstürmt. Er ist der Sturmwart unserer Kirche und Protestantismus und Evangelium sind die besten Güter des deutschen Volkes."
Sodann beleuchtete Pfarrer Fischer-Eger
„in humorvoller Weise den Kampf des deutschen Protestantismus gegen den pechschwarzenGegner in den Egerlanden. Mit gerechtem Hohn und Spott
Mein Vaterhaus liegt nicht weit von Schloß Ol- densloe entfernt, in einem Wilden Waldgebirge, umgeben von düstern, schweigenden Tannenwäldern, die der Gegend den Siam en „das schwarze Land' eingetragen haben. Einsam war es in meinem Vaterhause, nur zur Zeit der Herbstjagden wurde es lebendig' wenn der Graf von Oldensloe mit seinen Gästen auf einige Tage in dem halbverfallenen Jagdschlösse ein- kehtte, um auf Hochwild zu pürschen, oder im Winter,
nm Kindern und KindeSkindern zu überliefern zur SBamung bor ihren Leidenschaften, zur Mahnung, die bösen Gedanken nicht Gewalt über sich gewinnen zu lassen, aber auch zum Trost und zur Hoffnung, daß treue Liebe noch immer in der Welt Versöhnung, »rieben und Freude gebracht hat.
An alten Schlössern lebt die Sage von der gespenstischen weißen Frau, die den Bewohnern er« schemt, entweder um ihnen ein Unglück ober ein Glück anjunmbißen. Sie ist entweder die Schutzoöttin ihrer Nachkommen, oder die Rachegöttin für Schuld und Fehle.
Die weiße Frau - sie verkörpert den Gedanken, daß in jeder Familie Schuld und Fehle gewohnt den, daß in jedem Hause einmal die Sünde die Torheit, die wahnsinnige Leidenschaft ihr Haupt erhoben daß in jedem Hause ben finsteren Mächten ein Opfer gefallen ist und baß bie Schuld bet Väter sich forterbt auf Kinder und Kindeskinder.
Die weiße Frau ist aber auch bie Verkörperung des Gedankens der Versöhnung, des wiederhergestellten Friedens. Wenn sie von ihrer Unruhe geheilt ist wenn sie ben ersehnten Frieden gefunden hat, dann ist bet Bann bet Schulb gebrochen, bet auf bem Hause auf bem Geschlechte ruhte. ' ' '
Und in unserem alten Schlosse hat bie weiße Frau bie Ruhe, ben Frieden gefunden — der Zauber war gebrochen, die Schuld gesühnt, die Sonne des Fnc- dens leuchtete über den grauen Mauern und nur bet Sturm erzählte in Wilben Winternächten auch von Schulb und Fehle.
Sie weiße Fm oon SIMe.
,1] Original-Roman von O. Elster.
Der Herbsffturm saust um ben alten Schloßturm, und pfeift um die sich kreischend drehende Wetterfahne, bringt in bie schießschartenartigen JDeffnungen ein, bie sich in bet starken Mauer befinben, unb wirbelt bie steile Wendeltreppe hinauf und hinunter unb rumort in den bunklen Gängen, welche von bem Turm aus in den unbewohnten Test des Schlosses führen, rüttelt an den verschlossenen Türen unb Fenstern, als begehre er ungestüm Einlaß und fährt grollend davon, ärgerlich, daß ihm niemand mehr öffnet, wie zu jener Zett als diese Räume ein einsames Menschenkind bewohnte, das in seiner wilden Phantasie Zwiesprache mit dem Sturm zu halten liebte. Das ist lange Iahte bet unb das einsame Menschenkind hat endlich seine Ruhe gefunden, aber der Sturm braust Weiter um ben alten Turm und die unbewohnten Räume, als ofTrV r" vergangenen Zeiten erzählen, unb H^gelieber fingen von zerstörtem Menschenglück, von 2ol^Xnn' vernichteten Hoffnungen, vvn Torheit unb Leichtsinn, von Sünde und Schuld.
Doch wenn der wilde Geselle sich ausgetobt, bann taueri et leise murmelnd unb flüsternd in bie Winkel "^" Schlosses oder er lauscht an den erleuch- teten Fenstern des bewohnten Teils und blickt hinein und hma°m ?rSUI,(^en Kaminfeuer erhellten Zimmer und er finnt br°^ stimmt ihn weich und mlld,
nem Vettck<>n^r^7Schlummerlieder, daß er das in sei- felt leig unh nJ<e^ck Äini> uicht weckt und er säu- und Freuded burrf. hi? bon Versöhnung, Frieden führt. ' &le Allgewalt der Liebe herbeige- bie Skbete SZ ^eibtifä unb lausche auf Uiic in ben cinfotncit ®tunbcn her -k
m-m M unb meineS schlummernd ruhen und im Traume lächeln luraunt jfnb singt, das habe ich niedergeschrieben, um es mei-
Wenn die großen Treibjagden auf Wildschweine abgehalten würben. Dann hallte das alte Haus von dem Lachen unb Lärmen bet Jäger unb bem Gebell bet Hunbe wiber. Und meine Mutter, eine kleine, blasse, schmächtige Frau hatte Tag unb Nacht zu tun, um bie Jagbdinets heizutichten, unb für die Dienet unb Jäger bet hohen Gäste zu kochen. Zwei kräftige Mägde standen ihr zur Seite und ein Knecht, welcher das Holz spalten und Wasser tragen mußte.
Mein Vater, bet Revierjäget Gundokat Decket, ging finster unb schweigend umher; ohne ein Wort zu verlieren, tat er seine Pflicht unb erfüllte die Befehle seines Jagdherm des Grafen Lothar von OldenS- loe. Wenn aber die Jagden vorüber Waren, bann setzte er sich auf atmen b in ben finsteren Winkel seines Zimmers hinter bem gewaltigen Kachelofen, stützte bas bärtige Kinn in bie Faust unb starrte büstet, schweigenb, mtt drohenb zusammengezogenen Augenbrauen vor sich hin. Dann durste niemand ihm nahe treten, selbst seine Frau, selbst ich nicht, der ich damals ein kleiner Bube war. Meine Mutter räumte ihm dann alles aus dem Wege, was ihn stören konnte, die Mägde, der Knecktt, ich, ja selbst bie Hunde durften nicht in seine Nähe kommen, wollten sie nicht seinen jäh aufflammenden Zorn erregen. Die Menschen jagte er mit heftigen Worten von sich, bie Hunde mit einem derben Fußtritt. So saß er einen ober auch zwei Tage lang; bann erhob er sich, warf bie Doppelbüchse über bie Schulter unb ging hinaus in ben Wald.
Wehe dem armen Waldfrevler, der ihm in dieser Zeit begegnete. Er wurde schonungslos angezeigt, wenn er mich nur ein Stück dürres Holz oder eine Handvoll trockenes Laub genommen hatte. Unb wehe dem Wilddieb, den er in dieser Zett seines Zornes traf! Wenn er nut die kleinste Regung des Widerstandes machte, dann saß ihm die Kugel auS meines Vaters Büchse zwischen ben Rippen. Floh er aber davon, bann erreichte ihn bie Kugel nur um so rascher, so daß er mimmernb zusammenbtach.
Schon mehrere Wilddiebe hatte mein Vater „zur Strecke gebracht, wie er selbst mit finsterem Lachen er
zählte. Mehreremale hatte et deswegen auch schon in Untersuchung gesessen, aber man hatte ihm nichts anhaben können, und straflos war er aus der Untersuchungshaft hervorgegangen.
Gefürchtet war mein Vater in der ganzen Umgegend, geliebt von niemanden, nur meine Mutter und ich, wir liebten ihn, aber ohne daß wir ihm diese Liebe zeigen dursten. Wir wußten, daß unter bet rauben Außensette ein heißes, leidenschaftliches Herz pochte.
Kam mein Vater aus dem Walde heim, bann zeigte er sein gewöhnliches, gleichgültiges, mürrisches Wesen, ohne jedoch gerade unfreundlich zu sein. Ja, er konnte wohl gar mit mir scherzen unb lachen, indem er sagte: „Wenn ich wollte, mein Bürschchen, könntest du ein ebenso vornehmer Herr fein, wie der da drüben auf Schloß Oldensloe."
Dann erschrak meine Mutter, daß sie erblaßte und bat meinen Vater, nicht solche Reden zu führen, die ihn um Amt und Brot bringen könnten.
„Ja", lachte mein Vater heftig auf, „du bist ja dran schuld, daß mein Sohn kein vornehmer Mann werden kann. Aber kommt Zeit, kommt Rat, und noch ist nicht aller Tage Abend."
Mein Vater setzte sich an seinen Schreibtisch unb schneb, meine Mutter aber ging in bie Küche und Weinte bitterlich. Ich drängte mich in ihre Arme und weinte mit ihr, ohne zu wissen weshalb.
Das Verhältnis zwischen meinen Eltern war in den gewöhnlichen Zetten, wenn kein besonderer Anlaß vorkam, ben Zorn meines Vaters zu erregen, durchaus nicht schlecht. Mein Vater war wohl von außen rauh unb er sprach wenig, aber oft glitt doch ein Schein gutmütiger Zärtlichkeit über fein bärtiges Gesicht, Wenn er das stille Schaffen seiner schüchternen, kleinen 8rau beobachtete, und er strich ihr liebevoll über ben glatten, blonden Scheitel unb sagte: „Sei zufrieden mit deinem alten Brummbär, Machen! Bist ja doch mein lieber, kleiner Schatz . und dankbar blickte die verschüchterte Frau ihrem Gatten auf.
(Fortsetzung folgt.)