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M 208.
Tvulba, Samstaa den 11. September 1909.
36. Jahrgang.
Drittes WLcrtL.
Die Entdeckung des Nordpols.
Ist die Erreichung des Nordpols eine sportliche -der eine wissenschaftliche Leistung? Das /ängt von dem ab, was Cook und Pearh vom Pol uitbringen. Wenn sie weiter nichts zu berichten jaben, als daß sie auf denr Punkt, wo sie 90 Grad nördlicher Breite maßen, die amerikanische Flagge entöltet hätten, so würden sie als Sporthelden, aber nicht
Bahnbrecher der Wissenschaft zu rühmen sein. Man darf aber hoffen, daß doch etwas reelles zur För- »errung der menschlichen Erkenntnis bei dem Wettlaufe jewuskommt.
Cook, der zuerst heimkehrte, hat schon einige geographische Beobachtungen mitgeteilt. Er will am Nordpol kein Land, sondern ein eisbedecktes Meer gefunden und auf seine: Heimreise östlich von seiner Route beträchtliche Landmasien gesehen haben. Wenn sich das bestätigt, so lägen nicht nur theoretisch, sondem auch praktisch wertvolle Bereicherungen unserer Kenntnisse vor. Die praktische Bedeutung liegt darin, daß über das von Cook angeblich gesehene Land hinweg sich vielleickt eine Art Etappenstraße zur Annäherung an den Nordpol Herstellen läßt.
Hat denn die Herstellung eines solchen Weges in die Nähe des Nordpols Sinn und Zweck? Allerdings. Ein flüchtiger Besuch, den ein kühner Poljäger dem Pol abstattet, macht den Kohl nicht fett. Aber eine dauernde Beobachtung der dortigen Berhält- nifle kann für die Wisienschaft fmchtbar werden, die Geographie, die Geologie, die Wetterkunde, die Astronomie — alles würde profitieren, wenn wir in der Umgebung des Poles die Wasserverteilung, die Meeresströmungen, die Beschaffenheit des Erdbodens, den Gang der Winde, die baronietrischen, thermometrischen und magnetischen Kurven usw .fortlaufend feststellen könnten. Wollen die vereinigten Staaten auf Grund der angeblich doppelten Flaggenhiffung den Nordpol als ihre Kolonie beanspruchen, so mögen sie auch die Ehrenpflicht erfüllen, Geld und Leute für die andauernde wissenschaftliche Forschung in jenen Gegenden zu beschaffen. Dazu ist die erste Grundbedingung, daß man von dem bisherigen Systeme der waghalsigen Spritzfahrten nach dem Pol abstcht und eine Reihe von festen Stationen bis in die erreichbare nächste Nähe des Poles errichtet. Von der einen Etappe zur anderen kann dann eine fortgesetzte Reihe von verhältnismäßig sicheren Forschungsfahrten in Gang gesetzt werden, deren zeitweilige Beobachtungen sich mit den täglichen Beobachtungen auf den festen Stationen zu einem wertvollen Gesamtbilde von den arktischen Verhältnissen und ihrem Zusammenhänge mit den übrigen irdischen Zuständen und Vorgängen ergänzen würden.
Die Arbeit ist also nicht vollendet, sondern muß jetzt erst recht angefangen, und zwar die wissen- schaftliche Arbeit, nicht der Sport der Poljägerci. Darum ist auch der Plan, das lenkbare Luftschiff zur Erforschung der Polgegend z» bem tzen, keineswegs als überholt zu betrachten. Das Polarluftschiff hat ein riesiges Wirkungsfeld zur Ergänzung dec bisherigen verzettelten Forschungen. Es wird um so länger und um so,erfolgreicher arbeiten können, je mehr es sich auf wohlausgerüstete vorgeschobene Stationen in >er Eiswelt stützen kann.
Der hohe hygienische Wert der Auswanderung.
Von Dr. Otto Gotthilf.
„Es würde alles viel besser gehen, wenn man mehr singe", sagt der große Tourist und Dichter Seume in einem „Spaziergange nach Syrakus." Dies Wort silt namentlich in gesundheitlicher Beziehung.
Die bedeutendsten medizinischen Autoritäten srim- nen mit den sogenannten Naturärzten darin überein, »aß Fußwanderungen einen überaus hohen hygicni- chen und heilenden Wert haben. Beim Wandern wird >ie Widerstandskraft des Körpers gegen künftige Erkrankungen und die Spannkraft des Geistes bedeutend xrhöht; es bildet das beste Vorbeugungsmittel gegen Krankheit und Siechtum. Dazu ist nun keineswegs rotwendig, daß man her Alpen Gipfel erklimmen muß. Dieser Sport artet sogar oft zu einem unsinnigen Fexentum aus, bei dem die Körperkräfte überanstrengt mb das Leben leichtsinnig aufs Spiel gesetzt wird. Die modernen Bergfexe mit ihrer krankhaften Renom- miersucht sind dir lächerlichsten und widerlichsten Erscheinungen inmitten der erhabenen Naturpracht der Hochgebirge. Freilich gewährt Bergsteigen alle hygieni- chen und sanitären Vorteile des Fußwanderns in noch zöherem Maße als Marschieren in der Ebene, aber es darf nicht übertrieben werden. Am empfchlenswerte- 4en in, gesundheitlicher Beziehung ist entschieden em zur mäßiges Bergsteigen, also das Wandern in den sogenannten Mittelgebirgen, wie Rhön, Taunus, Schwarzwald, Harz, Erzgebirge usw. Auch wer hierruf verzichten muß, möge sich doch ja die großen hygienischen Vorteile längerer Touren nicht entgehen lassen, sondern öfters tagelang durch Wälder und Felder marschieren. Wer auch nur vierzehn Tage hintereinander selbst in der traurigsten Gegend über Felder, Hügel, Wiesen und Wälder wandert, hat für die Er- frischuyg seines Geistes, für die Kräftigung seiner Nerven, für die Gesundung und Widerstandsfähigkeit sämtlicher Körperoraane weit mehr getan, als wer ein »ierwöchentliches Schlaraffenleben in einem Luxusbade Dhrt.
Vor allem ist bei längeren Touren von großem Nutzen der beständige Aufenthalt in frischer, freier Lust. Die Lungen, die daheim, namentlich im Winter, recht )ft die zweifelhaftesten Lustmischungen einatmen müs
fen, erhalten jetzt stets eine fast kohlensaurefteie, sauerstoffreiche Lustspeise. Der größte Votteil aber liegt in folgendem: Wer sich, wie die meisten Städter, nicht körperlich anzustrengen braucht, nimmt für gewöhnlich bei jedem Atemzuge nur in einem geringen Teile seiner Lunge neue Luft auf, während in dem ganzen anderen Teile die alte ausgenuhte, schlechte Lust verbleibt. Dadurch wird nun nicht nur den roten Blutkörperchen weniger von ihrem Nährmaterial, dem Sauerstoff, zugeführt — blasse Farbe der Stubensitzer —, sondern die vielen untätigen Lungenbläschen schrumpfen, besonders an den Lungenspitzen, allmählich ein, werden widerstandsunfähig und bilden dann einen gefährlichen Nährboden für alle krankheiterregenden Mikroorganismen, wie diejenigen der Lungen-Entzün- dung, Schwindsucht usw. Deshalb nehmen auch alle Lungenkrankheiten, vom einfachsten Spitzenkatarrh bis zur schwersten Tuberkulose, meist in den Lungenspitzen ihren Anfang. Soll nun den Krankheitserregern dieses günstige Ansiedclungsfeld entzogen werden, so muß man auch die Lungenbläschen in den Spitzen ventilieren und in Tätigkeit fetzen, was am besten durch lang anhaltendes Marschieren geschieht. Denn plötzlich und aus einmal, etwa durch recht tiefes Einatmen, läßt sich dies keineswegs erreichen. Denken wir uns die Lunge wie einen (trockeneni Schwamm, dessen äußerste Voren an der Spitze mit Leim zusammengeklebt sind. Legen wir nun den Schwamm in Wasser, so iauaen sich zwar die freien offenen Poren fofort voll Wasser, aber die verklebten nehmen nur ganz allmählich, meist erst nach längerer Zeit eine nach der andern das Wasser in sich auf. Aehnlich verhält es sich mit der Lunge. Während beim gewöhnlichen. Atmen in körperlicher Ruhe nur die normalen Lungenbläschen sich mit neuer Lust füllen, fangen bei körperlicher Bewegung infolge des tieferen Atmens nach und nach immer mehr der vorher untätigen, meist verklebten Lungenbläscken Luft auf, und rwar von Stunde zu Stunde von Tag zu Tag mehr. Man merkt dies auch beim Wandern ganz aut. Am ersten Tag leiden die Stnbensitzer meist an Luftmangel. sie müssen immer einmal tief aufatmen tn- Brust scheint ihnen zu eng. weil eben für den Mehrverbrauch an Sauerstoff noch nicht genug Lungenbläschen in Tätia- keit getreten sind: aber von Tag zu Tag bessert sich dies die Lunge fcheint immer weiter zu werden, die Brust immer freier. Also ist länger so'taefetztes Wandern die beste Lungengymnastik und bildet das erfolgreichste Mittel zur Gesundung dec Lunge und zur Vorbeugung gegen die vielen gefährlichen Lungeneckran- kunaen.
Noch ein anderes äußerst wichtiges Organ unseres Körpers zieht aus größeren Fußtouren sehr viel Nutzen: das Herz. Mit dem Herzmuskel verhält es sich ebenso wie mit den übrigen Muskeln des Körpers: ie mehr Arbeit dieselben leisten, um so kräftiger und fettarmer werden sie. Wie man nun aber z. B. die Acm- muskeln nicht auf einmal durch Heben von schweren Gewichten stark machen kann, sondern dazu regelrechte, tagtägliche Rrmarbeit (auch Hanteln) ausüben muß, ebenso kann der Herzmuskel nur allmählich gekräftigt werden. Auch dies werft man beim Wandern. Touristen mit „schwachem Herzen" bekommen in der ersten Zeit, besonders beim Vergsteiaen. infolge von Ueber- anstrenm'.ng des Herzens sehr leid): Herzklopfen. Zur Beseitigung desselben genügt übrigens zeitweiliges Stehenbleiben. Wenn sie aber mehrere Tage marschiert sind, hört das Herzklopfen auf, der Herzmuskel hat sich geprästigt und ist nun imstande, die durch die stete körperliche Bewegung vermehrte Arbeit der beschleunigten Blutzirkulation zu leisten.
Infolge von Herzschwäche staut sich and) leicht das Blut im Venensystem auf, wodurch Schwellungen und Entzündungen, Hämorrhoiden. Krampfadern, Wassersucht usw. entstehen, indem, ähnlich wie ein gestauter Bach aus seinem Bett über die benachbatten Geftlde sich ergießt, das Blutwasser ans den Venen in das umliegende Gewebe und die Körperhöhlen eindringt. Wird nun durch längeres Marschieren das Herz gekräftigt und seine Tätigkeit vermehrt, so erhöht sich auch bedeutend seine Saugkraft und es vermag das in die Gewebe ausgetretene Wasser wieder aufzusaugen. Unterstützt wird das Herz hierbei noch durch das beim Wandern eintretende ftarte Schwitzen und durch die Steigerung der Nierenabsonderung, wodurch viel Wasser und Abiallprodiitte des Stoffwechsels ausgeschieden werden. Daher bilden auch für alle derartige Leiden, zur Heilung und Vorbeugung, längere Fußtouren das beste Mittel.
Auf also, das Rönzel geschnürt und hmausgewan- bert in bie freie Gottesnatur, den ewigen Gesundbrun- nne für Körper und Geist: womöglich einmal für mehrere Wochen hintereinander. Das verleiht dem Körper Gesundheit, Widerstandsfähigkeit und jenes Krastgestühl, das den Kampf mit den Schwierigkeiten des Lebens erleichtert und die wesentlichste Grundlage einer gesunden Heiterkeit des Geistes bildet! Wie sagt Goethe? „Die frische Luft des freien Feldes ist der eigentliche Ott. wo wir Hingehören. Es ist, als ob der Geist Gottes den Menschen unmittelbar anwehte und eine göttliche Kraft ihren Einfluß ausüble!"
( = ) Das Elend der Heimarbeit.
Auf dem Züricher Verbandstage des deutschen Vereins für öffentliche Gesundheitspflege sprach am Donnerstag Dc. K a u p (Berlin) über die Hygiene der Heimarbeit. Damit ist ein Fürsorgethema berührt, das die Sozialpolitiker seit längerer Zeit eingehend beschäftigt und das auch in unserem Bezitte, wo die Heimarbeit stellenweise von großer Bedeutung für bie Bevölkerung ist, lebhaftem Interesse begegnen wirb. Die Ausstellung für Heimarbeit, bie im vorigen Jahre in Frankfurt statt- fand, hat einzelne nicht erfreuliche Belege für bie unhaltbaren Verhältnisse mancher Heimindusttten bet Rhön unb des Vogelsberg es erbracht.
Die Zahl der Heimarbttter, so führte Dr. Kaup auS, ist nach der Berufszählung von 1395 mit einer halben Million viel zu niedrig gegriffen, es dürfen mindestens % Millionen die Heimarbeit als Hauptberuf betreiben, als Nebenberuf wahrscheinlich auch mehrere Hunderttausend. In der Tcx- tilarbeit auf dem Lande sind Erwachsene, Kinder und
Greise zur Beschäftigung herangezogen. In der Heimarbeit für die Bekleidungsindustrie in den Großstädten überwiegen verheiratete Frauen, die zum kärglichen Verdienst des Mannes etwas hinzuverdienen wollen. Bei den Webern auf dem Lande ist der Landbesitz nahezu geschwunden, die Wohnungsverhältnisse sind sehr schlecht, Schlaf- und Wohnraum sind zugleich Arbeitsraum. Die gebückte Haltung beim Weben, die überaus lange Arbeitszeit, bie unzureichenbe Ernährung führten zu einer weitgehenden Degenerierung dieser Familien. Bemerkenswett ist auch bie Entwickelung ber Kleinei senhausindu st rie der Kreise Solingen unb Schmalkalben. Hier haben ärztliche Forscher bie Aufmerksamkeit ber Verwaltungsbehörden schon frühzeitig auf die ungünsttgen Gesund- heitsverhältnisfe dieser Heimarbeiter gelenft. Polizei- vecordnungen, die besondere Entstaubungseinrichtungen für die Schleifscheiben verlangten und eine organisierte Belehrung des einzelnen Arbeiters brachten einen Rückgang ber Mortalität des Schleifers in 20 Jahren von 25 auf 11 pro Tausend zustande. Ein Gegenstück zu dieser erfreulichen Erscheinung bieten bie Glasschleifer eines Jnbustriebezirks in Deutsch-Böhmen Das Fehlen ieber Schutzvorrichtung an ben Apparaten zwinat bie Heimarbeiter zur Einatmung des hatten Schleifftaubes und bewirkt direkt eine Zerstörung des Lungengewebes. Ein Drittel der Schleifer geht schon im Alter von 25 bis 40 Iahren zugrunde unb 75 Prozent ber Todesfälle sind auf Tuberkulose zurückzufühcen. Die entsetzlich niedrigen Löhne gestatten nur eine Ernährung mit Kaffee und Kartoffeln, die auch die Frauen unb Kinber vorzeitigem Siechtum und schnellem Tobe zuführen. 34 Prozent ber Kinber sterben im ersten Lebensjahre. Ein ähnlicher ungün- sttger Einfluß ber Heimarbeit auf die Lebensverhältnisse ist auch in ber bekannten Spielwacenin- b u ft r i e in ber Umgebung Sonnebergs zu finben.
Immer größere Bedeutung gewinnen bie gesundheitlichen Verhältnisse ber Heimarbeiter in bet Kon- fektionsinbustrie ber Großstädte. Die gesundheitszerstörende Arbeit an bet Nähmaschine, die Ausströmung giftiger Gase au8 dem Bügeleisen, das dichte Nebeneinandersitzen in schlecht gelüfteten Räumen führen häufige Erkrankungen ber meist noch jugendlichen Arbeiter namentlich an Tuberkulose herbei. Gesundheitlich fast noch ungünstiger liegen bie Verhältnisse in bet Zigarren-Hausindu- ft r i e. Auch hier ist der Mißbrauch der Kinder für die Heimarbeit sehr groß unb vielfach sind beim Ent- rippen der Tabakblätter Kinder im zartesten Alter an* gutreffen.
Der Redner faßte zum Schluß feine Forderungen in folgenden Leitsätzen zusammen: „Allgemein für alle Heimarbeiter sind zu forbeni: 1. Ausdehnung des Gewerberechts, des Arbeitecschutzes unb ber A-- beitervetsicherung auf bie Hausindustrie, Verbot ber Nachtarbeit, Sonntagsruhe. Wöchnerinnenschutz und Einschränkung ber Kinberarbeit. 2. Lohntatifgemeiü- fchasten ober staatliche Lohnseftfetzungen zur Erreichung hygienischer Lebensbedingungen. 3. Verbot ber Herstellung von Nahrung?- unb Genußmitteln in bet Heimarbeit. 4. Verbot ber Verwendung infektionsfähiger ober besonders gefundheitsgeführlichec Materialien für die Arbeit unb Verbot ber Beschäftigung von Versonen, bie mit ansteckenden Krankheiten behaftet sind.
Besonders zu fordern sind: 1. Für die Heimarbeiter auf dem Lande: Vorkehrungen zur Hebung unb Erleichterung ber Heimarbeit, Bestellung von Wanbetlehrern zur stänbigen Belehrung unb Kontrolle der ländlichen Heimarbeiter, Ermöglichung des Wechsels von landwirtschaftlicher Tätigkeit und Heimarbeit ja nach Jahreszeit und Witterung. 2. Für die Heimarbeiter in ben Städten: Fottbildungsschulzwang bezw. Fachschulzwang für die jugendlichen Arbeiter beiderlei Geschlechts Mindestfordemngen an Wohnungen für Heimarbeiter. Verbot ber Benutzung von Scblafräumen als Arbeitsräume, Unterstellung ber Heimarbeitsstätten unter bie Kontrolle ber Gewecbe- inspektion unb Verbot ber Mitgabe von Heimarbeit an Fabrik- unb Werkstattarbeiter."
An ben Vortrag schloß - sich eine interessante Debatte Einzelne Rebner warnten vor Uebettreibun- geil. Jnbessen bie Ausführungen anderer und insbesondere der Beifall, ben Dr. Kaup mit seinem Vorträge fanb, bewiesen, baß bie Versammlung im allgemeinen durchaus seinen Standpunkt teilte.
(*) Ueber die Eiseuvorräte ber Erde berichtet S. Philippim Septemberheft der illustrierten Monatsschrift „Nord und Süd" Da heißt es: Um bie Mitte des neunzehnten Jahrhunderts betrug die gesamte Noheisenproduktion der Erde etwa 4 Mil- ' Honen Tonnen im Jahre. 35 Jahre später betrug sie ! schon 20 Millionen Tonnen im Jahre. Am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war sie aus 40 Millionen Tonnen im Jahre gestiegen, nach noch weiteren 5 Jahren auf 50 Millionen. Um diese Zeit legten sich einige namhafte Geologen die Frage vor, wie groß denn ber Vorrat an Eisenerzen in ben uns bekannten Eisenerz-Fundstätten der Erde sein möge, und wie lange er bem Scharfe ber Jndu- ftrie, ber für bas nächste Jahrzehnt jebensalls auf 60 Millionen Tonnen jährlich zu schätzen fein wird, wohl genügen könne. Zur Erzeugung biefer 60 Millionen Tonnen reinen Roheisens gehören etwa 150 bis 180 Millionen Tonnen Eisenerze. Soviel müssen also jährlich ber Erbe entnommen werben.
Eisen ist zwar ein sehr verbreitetes Metall, aber man muß hebenden, daß Erze mit weniger als 20 Prozent Eisengehalt nicht mehr als schmelz- toürbig gelten, well bamit über 80 Prozent Ballast zu förbem, mit zu bearbeiten «nb bann zu beseitigen sink», was zu kostspielig wirb. Man ist also auf bie ! abbauwürdigen Lagerstätten beschränkt, deren es aller- ' dings eine ganze Menge, kleinere und größere, gibt. Die größte Fundstelle der Erde, das Erzlager von Kirunavara-Luoffavara in Schweden enthält nach einer Schätzung 600 bis 800 Millionen Tonnen Eisenerz. Würde man au8 diesem Lager jährlich ben ganzen
Eisenerzbedarf ber Menschheit, also etwa 150 Mill Tonnen im Jahre, entnehmen, bann würben die 800 Millionen Tonnen dieses Lagers nicht einmal sechs Jahre lang Vorhalten. So wurden nun auch dir übrigen Fundstellen ber Erde abgeschätzt; man erkannte, baß man sich für viel zu reich gehalten Halle, unb schon würbe mancher bebenklich. Der Amerikaner John L. Stewart sagte offen: In wirtschaftlicher Beziehung taucht als ernstes Zukunftsproblem bie Furcht vor einer balbigen Erschöpfung unserer Eisenerzvorräte auf.
Dec Vorrat ber uns bekannten abbauwürdigen Lagerstätten der ganzen Erde wäre nach einem bedeutenden Sachkenner, dem Schweden Sjöngren, im ganzen auf 9250 Millionen Tonnen Eisenerz zu schätzen. Diese Schätzung mag etwas knapp fein; aber das Ergebnis unserer Untersuchung ändert sich nicht wesentlich, wenn man die Sjöngren sche Schätzung auch um einige Tausend Millionen Tonnen erhöht. Nehmen wir vorläufig 9250 Mill Tonnen als richtig an. Wenn wir ferner annehmen, der jährliche Bedarf der Menschheit an Eisen nehme nicht weiter zu, sondern die Menschheit beschränke sich in Zukunft auf einen Jahresverbrauch von 60 Mill. Roheisen, was nicht sehr wahrscheinlich ist, dann müs- sne jährlich 150 bis 180 Millionen Tonnen Eisenerze diesem Vorrat von 9250 Millionen entnommen werden. Dividieren wir das, bann ergibt sich, baß wir schoninetwa6OJahre n mit sämtlichen bekannten Eisenerz-Funb stellen fertig f in b.
Diese Frist wirb man jedenfalls noch verlängern können. Man wirb mit dem alten Eisen, bas man schon jetzt neben dem aus Erzen gewonnenen neuen Eisen immer wieder durch Umarbeiten nutzbar macht, wobei es freilich sehr viel Abfall gibt, noch sparsam umgeben lernen; man wird bie geringhaltigen Erze noch besser ausnutzen lernen; man wirb neue Lagerstätten abbmiwürbiger Erze finben. Aber man spanne bie Hoffnung nicht zu hoch. Denkt wohl jemand daran, man werde nach Abbau der vorhande- nen Kohlenlager durch besseres Absuchen ber Erde noch Kohlenlager von ebenso großem Umfange finben, wie ihn bie uns jetzt bekannten Kohlenlager ber Erbe zusammen genommen besitzen? Niemand nimmt das an; man ergibt sich darein, daß man später eben ohne Kohle wird auskomrnen müssen. Sollte es bei den Eisenerzen sich anders Verhalten? Und wenn man selbst neue Eisenerzlager fände, die zusammen ebensoviel Erz enthalten, wie die jetzt vorhandenen bekannten Lager, dann hat inan eben die Galgenfrist des Eisen- zeitalters nur um weitere sechzig Jahre verlängett.
Nun, wird man denken, wenn wir mit dem Eisen fertig sind, dann werden wir uns Ersatzmittel dafür schaffen, wie bei der Kohle. Aber die Sache liegt hier anders. Kohle ist für uns im wesentlichen ein Quantum Energie; wir verbrennen die Kohle unb erhalten daraus Energie. Haben wir keine Kohle, dann nehmen wir andere Energiequellen, und die aus diesen bezogene Energie unterscheidet sich in nichts von der aus Kohle gewonnenen. Aber Eisen verwenden wir geraöe um seiner spezifischen, ihm allein 'zukommenden Eigenschaften willen. Mit diesen seinen Eigenschaften ist das Eisen zugleich das brauchbarste und das billigste, verbreitetste Metall. Ein billiges Ersatzmittel gibt cs dafür nicht Wenn man etwa ein Jahr hindurch sich des Eisenverbrauchs gänzlich enthalten und statt dessen bie in diesem Jahre erforderlichen Brücken, Krane, Träger, Schienen, Rohre, Gefäße, Maschinen und die übrigen sonst aus Eisen gefertigten Gegenstände nunmehr aus Bronze Herstellen wollte ,dann würde man während dieses einen Jahres fast ben ganzen erreichbaren Kupfervorrat ber Erbe verbraucht haben. Man würbe bie Galgenfrist unserer Kultur um ein Jahr verlängett haben.
Wollte man die eifernen Brücken, Träger usw. burch solche von Aluminium ersetzen, bann müßte man wegen ber geringeren Festigkeit dieses Materials alle Konstruktionsteile etwa dreimal so statt machen wie bie entsprechenben von Eisen. Obgleich Aluminium nur ben britien Teil bes Gewichtes von Eisen hat, würben demnach Aluminiumbrücken, -träger usw. gemacht werden muffen, daß sie ebenso viel wiegen wie eiferne. Da nun ein Zentner Aluminium etwa groangigmal soviel kostet wie ein Zentner Eisen, würden Aluminiumkonstruktionen außerordentlich teuer werden. Einen auch nur annähernden Ersatz für das nutzbarste und billigste Metall, das Eisen, wird es nicht bieten können. Ein anderes Ersatzmittel für das unserer Kultur unentbehrliche Eisen wüßte ich nicht.
Wie nun, wenn bie Unmöglichkeit an bie Jndw stttevölker herantritt, bie Industrie im bisherigen Umfange aufrecht zu erhalten und dadurch bie Uebervölke- rung zu ernähren; wenn der Eisenvorcat der Erde zwar noch nicht ganz erschöpft ist, aber doch entschiedener Eisenmangel zur Einschränkung der Industrie zwingt? Man wird zuerst bie Verwenbung bes Eisens im Hochbau reicher stack einschränken unb dadurch Zeit gereimten Aber wenn her Eifenmangel so weit gebieten ist, daß man Not darum haben wird, womit man unsere Eisenbahnen und unsere recht kurzlebigen Maschinen wieder erneuern soll, dann ist das Ende da. Das wird nicht in dreißig Jahren geschehen, auch nicht in fünfzig Jahren, so schlimm tst es nicht; sondern ich denke optimistisch genug, um anzunehmen, es lange noch für Jahrhunderte. Aber bie Tage unserer Industrie unb bamit unserer modernen Kultur sind gezählt.
Allerlei.
— Auch bie Pflanzen erliegen einem „Hitz« schlag", das hat kürzlich ein beachtenswerter französischer Gelehrter wissenschaftlich eintoanbSfrei fest- gestellt. Wenn nämlich bie trockene Erde im Sonnenschein begossen wirb, so finbet gleichzeitig mit. dem Aufsaugen bes Wassers burch bie Erde statte Wärme* entwickelung statt, die sich an heißen Tagen bis zu 50 Grab steigern kann, was für viele Pflanzen bereit» die Grenze ber zuträglichen Wärme weit übersteigt.