Maer W Zeitung
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Fulda, Freitag den 10. September 1909
Jahrgang
JV8 207.
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X Der fozialdemokratische Parteitag.
Am Sonntag beginnt die Schlacht bei. Leipzig. Eine -Woche wird sie dauern und es wird fürchterlich gekämpft werden zwischen Revisionisten und Radikalen. Aber zum Schluß werden die Radikalen einen glänzenden Sieg davontragen. Das darf man Voraussagen, ohne Besorgnis, durch die Ereignisse widerlegt zu werden, obwohl eine Anzahl Revisionisten neuerdings einen lebhaften und zuversichtlichen Ton anschlägt, als könnte sich das Zünglein an der Wage zu ihren Gunsten neigen. Man wird sich schlagen und sich wieder vertragen oder auch nicht vertragen, und am Ende bleibt so ziemlich alles beim alten.
Im vorigen Jahr war der große Streitpunkt die Budgetbewilligung, lieber die guten Leute, die sich erlaubt hatten, den Staatshaushalt zu genehmigen, wurde der große Bann verhängt; aber nur theoretisch und allgemein und ohne Konsequenzen für die Personen. Es wurde ein Parteigesetz aufgestellt; wenn in Zukunft gegen dieses Parteigesetz gefrevelt würde, dann wehe, dreimal wehe! Die Minderheit wollte sich nicht unterwerfen; aber ihrer nicht wenige haben einen Vorwand gesucht und gefunden, aus andern Gründen das Budget zu verweigern, und daher wird über keine Budgetbewilliger hochnotpeinlich Gericht gehalten werden. Dafür werden die „Hofgänger" daran glauben müssen — auch nur in Worten. Die unglücklichen sieben Schwaben, die zu Zeppelin pilgerten und ein Gabelfrühstück beim König einnahmen! .Inzwischen sind auch die Herren Bebel und v. Vollmar in Friedrichshafen gewesen und sind mit Exzellenzen in derselben Gondel aufgestiegen. Möglich, daß sie es verschmähten, an den Festmählern teilzunehmen, bei denen ein Hoch ausgebracht werden konnte. Aber wenn sie es nicht verschmäh: hätten, wären sie dämm jählings reaktionäre Fürstendiener geworden? Es ist erheiternd, mit welchem Krimskrams sich die deutsche Sozialdemokratie ernsthaft beschäftigt. In Wien würde der „Genosse" und Vizepräsident Pemerstorfer mit Vergnügen zweimal wöchentlich beim Kaiser Franz Joseph speisen, wenn er dabei etwas für seine Partei erreichen könnte.
Freilich von Leipzig nach Wien ist es noch ein gut Stück Wegs. Es gibt Schwarzseher, die heftige Kämpfe erwarten, ganz von der Art, wie sie sich im Jahre 19-33 in Dresden abgespielt haben, lind die Vorbereitungen und Vorpostengesechte geben dieser Auffassung einige Berechtigung. Es hat bereits eine ganze Reihe von Versammlungen stattgefunden, in denen die zahmeren Genossen, die „Revisionisten" mit den Radikalen sich hart in die Haare gerieten. In Resolutionen wurde dem Verlangen Ausdmck gegeben, daß die revisionistischen Genossen von ihrer „parteischädigenden Kritik an den Gmndsätzen und der Taktik der Partei" Abstand nehmen mögen.
Vor allem hat sich der Revisionist Bernstein durch seine selbständige, der Parteischablone nicht in allem folgende Haltung bei den Größen der Partei höchst mißliebig gemacht, und diese haben ihm durch Nadelstiche aller Art. und namentlich durch Erschwe- mug seiner llterarischen Arbeit, das Leben schwer zu machen gesucht. Als besonders belastend hatte Bernstein hervorgehoben, daß, als er nach Paris ging, um dort vor den französischen Genossen Vorträge zu batten der Großinauisitor der Partei, Kautzky, daraufhin einen Brief an den französischen Genossen Lafargue geschrieben hat, in dem er auf die „Bedeutungslosigkeit" Bernsteins hinwies und jedenfalls alles Mögliche tat «m ihm in Paris die Wege nicht zu ebnen. Dieser Uriasbrief hat Bemstein besonders in den Harnisch gebracht und im „Vorwärts" eine Antwort von Kautzky hervorgerufen. In ihr sagt Kautzky, daß er sich des dieses nicht mehr genau erinnern könne, er gibt aber 3U' /“V ?ot’1 irgend einer Form gesagt haben werde, Bernstein habe seine Rolle in Deutschland aus
Am nächsten Morgen führt Orlando fein junges Weib heim nach seinem Hause in Neapel. Hellstrahlendes Sonnenleuchten am tiefblauen Himmel. Hellstrahlendes Sonnenleuchten auch in den Augen des glücklichen Paares. Alles jedoch überstrahlt vom erhabenen Sonnenleuchten tieftnnigster Herzensliebe.
moitotsbotiage: „Fuldaer Geschichtrblätter"
gespielt, und man empfinde für ihn kein Interesse mehr. Freundlich und kameradschaftlich ist ein solches Vor- gehen jedenfalls nicht. Kautzky hält die Ausstellungen Bernsteins an seinem Verhalten natürlich für ganz unberechtigt und bezeichnet sie als „Quemlantenwahn". Rach dem Verlauf, den die bisherigen Dernsteindebat- ten genommen haben, dürfte es Bemstein in Leipzig, wo die Berliner Schreihälse in Gemeinschaft mit den Leipziger Genossen das Heft in der Hand haben, recht schlecht ergehen und ebenso denjenigen revisionistisch gesinnten Genossen, die sich beikommen lassen werden, Bemstein zu verteidigen.
Zu recht lebhaften Auseinandersetzungen wird es zweifellos auch Beim Bericht der Reichstagsfraktion kommen, da man mit der Haltung der Fraktion, in der sich Radikale unb Revisionisten etwa die Wage halten, bet der Finanzreform in den radikaleren Parteikreisen nicht einverstanden ist. Auch das Schmerzenskind der sozialdemokratischen Bewegung, die Maifeier, gelangt wieder zur Besprechung. Aus einer Reihe von Wahlkreisen sind Anträge gestellt worden, auf dem internationalen Kongreß im nächsten Jahre in Kopenhagen für die Aufhebung des Beschlusses, die Feier durch Arbeitsruhe zu begehen, einzutreten oder die Feier auf den Sonntag zu verlegen. Zwischen Partei- unb Gewerkschaftsleitung schweben schon seit Jahren Verhandlungen über eine gemeinsame Regelung der Maifeier, die aber bisher keine befriedigende Lösung der Unterstützungsfrage gebracht hatten. Jetzt liegt ein Vorschlag vor, in dem es nur noch heißt, daß für eine „würdige Feier" Sorge zu tragen sei.
Draußen im Park erhabene Einsamkeit. Süße Traurigkeit weht durch die balsamische Luft. Richt
krscheint täglich mit Ausnahme der ro.m- Uild Feiertage, viertel- sähAicher Bezugspreis ohne vringerlohn unv Bestellgeld in Fulda so- roit auswärts 1.50 Ulk. Oerantw. Redakteur: «art Schütter
antreten wollten. Wenn hier und da einige Zentrumswähler bei einer Stichwahl zwischen kulturkämpferischen Liberalen und Sozialdemokraten nicht für den Liberalen eintreten, sondern sich der Stimmen enthalten, dann schreien die "Liberalen von einem Verrat an der nationalen Sache und am Vaterlande. Hier aber wird öffentlich dokumentiert, daß die nationalliberale Parieikasse an sozialdemokratische Wahlmänner sogar Reisekosten gezahlt habe. Wenn man also die Hilfe der Sozialdemokraten braucht, dann scheut man nicht vor einer Verbrüderung zurück.
* Der 19. deutsche Anwaltstag, der in Rostock versammelt ist, machte in einer Reso- lution den Anwälten die Beteiligung an dem sozialen Hilfswerk gemeinnütziger Belehrung für Unbemittelte zur Pflicht. Dieser Pflicht soll durch Schaffung einer eigenen Organisation oder durch Mitwirkung bei den bestehenden staatlichen, kommunalen oder Priooieinrichtungen genügt werden. Weiterhin wurde der Entwurf der neuen Strafprozeßordnung erörtert. Die Stellung der Vereidiger, dahin ging die Meinung im allgemeinen, werde durch den Entwurf zwar nur unwesentlich verbessert, immerhin sei der Gesetzentwurf aber als eine brauchbare Grundlage für eine Reform des Strafprozesses zu erachten. Die Mitwirkung des Laienelements in der Berufungsinstanz müsse verlangt werden.
4- Zur Affäre Schack verbreitet der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband ein Flugblatt unter der sensationellen Ueberschrist w@in moralischer Meuchelmordversuch", worin er von nichtsnutzigen Angriffen, schmutziger Phantasie, Anschuldigungen der niedrigsten und gemeinsten Art, heißhungriger Meute, gemeinem Verleumdungsfeldzug unb dergleichen mehr redet. •*- Inzwischen ist gegen Schack vom Staatsanwalt öffentliche Anklage erhoben worden nnd die betreffende junge Dame als Nebenklägerin zugelassen worden.
)( In Deutsch-Südwestafrika ist man bekanntlich bestrebt, für die wirtschaftliche Entwicklung des Schutzgebietes die im Lande vorhandenen Arbeitskräfte nutzbar zu machen. Die. Heranziehung der Arbeitskräfte aus den Stämmen, kes Nordens und des Südens hat denn auch neuerdings wieder erfreuliche Resultate gezeitigt. Im Monat Juni passierten die Station Namu- toni aus dem Wege nach dem Süden 1096 arbeitsuchende Ovambos, zurückgekehrt sind 213; die andere Grenzstation, Outjo, berührten im gleichen Zeitraum 526, auf dem Rückmarsch 59 Ovamboleute. Die Heranziehung der Bon- delzwarts zu geregelter Arbeit außerhalb ihrer Reservate macht gleichfalls befriedigende Fortschritte. So haben z. B. int Monat Juni 31 Bondel bei der Kolmanskoop-Gesellschast in Lüderitzbucht Arbeit genommen. Viel ist das zwar nicht, aber immerhin ist es ein Anfang.
B Weimar, 9. Sept. 1909. Mit der Nichtbestätigung der Wahl einer katholischen Lehrerin als Mitglied des Lehrerkollegiums einer Eisenacher Volksschule (bergt. Nr. 205) hat es feine Richtigkeit Die „Fuld. Ztg." tat aber recht, zur Beurteilung der Nachricht nähere Mitteilungen abzuwarten. Die Schule, um die es sich hier handelt, ist die tädtische Schule, die eine protestantische Schule ist. Gegen die Stellungnahme der Weimar. Regierung dürste also kaum etwas einzuwenden fein. Aber eine . andere Erwägung zwingt uns die Entscheidung un-
veutsches Reich.
** Berlin, 9. Sept. 1909. Die Bildung einer deutsch-russischen Handelskammer soll nunmehr definitiv beschlossen fein. — Der .Staatsanzeiger' veröffentlicht das Gesetz belr. die Bewilligung weiterer Staatsmittel (16 Mill. Mark) zur Verbesserung der Wohnungsoerhält- niste von Arbeitern in staatlichen Betrieben und gering besoldeten Beamten, und das Gesetz fielt, den Anschluß der Lehrer und Lehrerinnen an den öffentlichen nicht staatlichen mittleren Schulen an die Afterszulagekasse der Volksschullehrer. — Rach dem am 1. September in Kraft getretenen Weingesetz sollen zur Unterstützung der Nahrungspolizei Sachverständige im Hauptamt (Wein- tontrolleure) bestellt werden. Für das Mosel-Weingebiet sind jetzt zwei Kontrolleure, einer in Trier und einer in Koblenz, und für die Nahe und den Rhein ein Kontrolleur mit dem Sitze in Kreuznach bestellt worden. Für das übrige Staatsgebiet sollen noch sieben oder acht Kontrolleure bestellt werden. — Der Kronprinz begab sich heute abend zur Teilnahme an der Parade nach Karlsruhe.
(*) Fabriks- oder Handwerksbetrieb. Bekannt sind die erheblichen Schwierigkeiten, die sich aus dem Fehlen einer scharfen Abgrenzung Zwischen Fabriks- und Handwerksbetrieben ergaben. Wissenschaft und Praxis haben sich bisher vergeblich bemüht, eine alle Teile in gleicher Weise befriedigende Lösung der wichtigen Frage einer Abgrenzung zwischen Fabrik und Handwerk her- bkizuführen. Auch die Rechtsprechung hat versagt. Im Reichsamt des Innern finden nun, wie die,Deutsche Zeitung' meldet, Erwägungen darüber statt, ob es angezeigt wäre, entsprechend dringenden Wünschen aus den Kreistu des Handels, der Industrie und des Handwerks demnächst eine Kommission, bestehend aus Vertretern der Regierung und der beteiligten Inter estenten-
— Einen sonderbaren „Scherz" hat sich der au8 Dänemark stammende Kürschner Hesse! in Berlin geleistet. Saß ba neulich auf einer Bank am Leipziger Platz ein Schneider auf einer Bank unb machte ein Nickerchen. Er wurde jedoch aus feinen süßen Träumen ziemlich jäh durch einen Mann herausgeriff m, bet sich als Kriminalbeamter vorstellte und ihn fol lenber- mafjen anhauchte: „Hier darf nicht geschlafen > «erben. Wo haben Sie Ihre Papiere? Falls Sie solch • nicht haben, zahlen Sie eine Mark!" Der biedere Däne kam aber an den unrichtigen. Das ehrsame Sch reider- lein rieb sich zunächst den Schlaf aus den Augen und ersuchte den „Kriminalbeamten" bann um Vorzeigung seiner Erkennungsmarke. Nun gab der „Kriminalbeamte" Fersengeld, wurde aber ein geholt und liefet Tage vom Gericht, dem er seine Tat als einen § cherz zu schildern suchte, zu drei Monaten Gefängnis verdonnert. । c.
— Streit um die Niagara-Selbstmörder. Ein merkwürdiger Streit ist zwischen den Behörden der amerikanischen und der kanadischen Sefte des Niagara entbrannt. Keine von beiden Behörden will nämlich die Kosten der Beerdigung der vielen Selbstmörder, die in den Fluten der Wasserfälle ihrem verpfuschten Dasein ein Ende machen, übernehmen. Merkwürdigerweise werden die meisten Leichen nach der kanadischen Seite geschwemmt. Die Kosten der Beerdigung hatten schon bisher die Summe von mehr als 3000 Mack sro Jahr erreicht. Nun find aber die Selbstmorde in letzter Zett so außerordeiitlich gewachsen, und da sie saft stets von der amerikanischen Seite verübt werden, vev langen die Kanadier, daß die Arneckkauer zu den Begräbniskosten beitragen sollen, wozu diese keine Lust haben. Da die Aankees sich weigem, für ihre Selbstmörder die Beerdigungskosten zu zahlen, will die kana- ’ dische Behörde einfach alle Selbstmörder ba verscharren lassen, wo sie sie finbet.
— Fische als Hungerkünstler. Daß viele Tier« einen Winterschlaf halten, ist bekannt, ebenso daß diese Erscheinung weder an einen Winter gebunden ist, noch
Hinter den blitzblanken Fensterscheiben werden zuweilen bleiche, abgezehrte Frauen gesichter sichtbar mit dunklen Schatten um den Augen, mit schmerzverzoqe- nen Lippen und früh verwelften Zügen. Doch meck- wurdrg — schon nach wenigen Wochen blicken die trüben Aug«i hckler, die Lippen umspielt ein heiteres Lachem, die Gesichter, denen vorher das Laster unverkennbar fernen Stempel aufgebrückt, werben ähnlicher bem Ebenbilde Gottes.
All jene bedauernswerte Geschöpfe, welche Not und Hunger oder Unerfahrenheit ober irgend ein unglückseliger Zufall bem Laster in die Arme trieb-sie finden in diesem Hause Unterkunft. Nicht ftreng gehalten werden sie von den freundlichen Pfleoeichive- stern. Nein, durch Güte und Milde, durch voafire Barmherzigkeit und Menschenliebe werden ihre niedergedrückten Seelen emporgehoben.
„Sonnenleuchten der Barmherzigkeit!"
Wie manches Mädchen, das sich schon dem Untergänge nahe sah, preist dies Haus als ihre Rettung! Und preist die hehre Lichtgesiatt, die als ein Engel der Barmherzigkeit von Saal zu Saal schrecket von Kammer zu Kammer — beruhigend, tröstend, Friede spendend! s
Vor zwei Jahren hat Mirra San Martino den Plan zur Errichtung dieses Hauses gefaßt. In Orlando fand sie einen eifrigen Förderer ihrer menschenfreundlichen Idee. Mit einem Teil des Geldes welches Terestta ihrem Manne hinterlassen, wurde der Plan zur Ausführung gebracht — eine Art Sühne für die Schuld der Toten. 4
18.
Wieder erstrahlt die Villa Fortuna auf Capri in eenhastem Glanze. In der Ferne Gckarren- und Mcmdolinenklang. Und Gläferllirren und stürmischer
„Evvival Evviva!"
gruppen zur Vorberatung einer befriedigenden Lösung dieser Frage einzuberufen.
)( Die Austrittsbewegung aus der evangelischen Kirche beschäftigte auch den protestantischen Pfarrertag, der in Wiesbaden in den letzten Tagen abgehalten wurde. Nach den Ausführungen des Referenten betrug die Zahl der Austritte aus der preußischen Landeskirche im Jahre 1906 1600. Sie wuchs dann allmählich auf 10000 und betrug im Jahre 1908 nahe- zu 14 7 00, so daß jetzt auf 1300 Seelen ein Austritt kommt. In Berlin, dem Herd der Bewegung, sind 1908 9472 Austritte erfolgt, d. h. ein Austritt auf etwa 210 Seelen! Interessant ist, daß gleich danach verhandelt wurde über die „Förderung der evangelischen Bewegung in Oesterreich." Die einzelnen „Landeskirchen" haben sür die „Los-von-Nom-Bewegung" insge- samt 280 000 Mark (soll wohl heißen im ver- floffenen Jahr) aufgebracht. Um Katholiken in Oesterreich zum Abfall von ihrer Kirche zu bewegen, schickt man Hunderttaufende dorthin, und im Deutschen Reiche fallen gleichzeitig viel mehr Protestanten, als man in Oesterreich Katholiken (und was sür welche!) gewinnt, zum Unglauben ab, ohne das man etwas ernstliches dagegen tut oder auch nur zu tun wüßte.
* Tie „loyale" Ausführung des Vereinsgesetzes. Neulich wollte, so erzählt die,Germ.' ein Ortsvorsteher in Schlesien eine Versammlung nicht gestatten und gab, nachdem ihm klar gemacht worden war, daß er nur die Anmeldung entgegenzunehmen, nicht aber eine Genehmigung zu erteilen habe, schließlich an, daß Scharlach im Orte herrsche. Bis dahin hatte man von einer „Epidemie" nichts bemerkt. Ein zweiter Fall spielt wieder in Schlesien. Letzten Sonntag sollte in Wolssdorf, Kreis Goldberg-Haynau, eine öffentliche politische Versammlung unter freiem Himmel statt finden, in der über die neuen Steuern gesprochen werden sollte. Auf vorschriftsmäßige Anmeldung erhielt der Einberufer folgenden Bescheid: „Die Genehmigung wird aus folgenden Gründen verweigert: Das Grundstück ist zur Abhaltung von Versammlungen zu klein und ist daher anzunehmen, daß der öffentliche Verkehr auf der Dorfstraße behindert wird, zumal da sich an diesem Tage größere Truppenmassen im Dorfe befinden." Das Grundstück ist etwa 2500 Quadratmeter groß und bietet Raum für 5000 Personen. Es liegt von der Dorfstraße reichlich 20 Meter entfernt, kann von dieser nicht gesehen werden.
X Ein interessantes Nachspiel zur Landtagswahl von 1908 bot ein Beleidigungsprozeß, der dieser Tage vor dem Landgericht in Göttingen zur Verhandlung kam. Es handelt sich wieder um angebliche Wahlbeeinflussungen, die zu mehreren Beleidigungen geführt haben. Aus den Gegenstand der Klage wollen wir hier nicht näher eingehen, es handelt sich um Reibereien zwischen der Wirtschaftlichen Vereinigung und den Nationalliberalen rm Kreise Klausthal-Zeller- feld. Interessant ist aus den Verhandlungen die Mitteilung des Gewerkschastssekretärs Hufler aus Goslar, daß bei der Wahl aus der national- liberalen Parteikasse an sozialdemokratische Wahlmänner 50 Mark Reisekosten gezahlt worden seien, damit auch diese Wahl- männer an der Abstimmung teilnähmen, und
jene ernste Traurigkeit der Herbstnächste, ba feuchte Nebel frösteln; nicht jene todesstarre Traurigkeit oer Winternächte, wenn ber Sturm in den entblätterten Bäumen heult unb große Regentropfen herabplätschern. Nicht jene nervenzerrüttende heiße Traurigkeit der Sommernächte, ba Mensch wie Tiere nach einem effrischenben Lustzuge lechzt ■ - — nein, jene sanfte, tiefe, herzergreifende Traurigkeit der südlichen Frühlingsnächte, die Balsam auf kaum vernarbte Wunden träufelt und das Herz mit linder, süßer Hoffnung füllt.
Auch die beiden jungen Menschenkinder, welche, Hand in Hand, innig aneinander geschmiegt, langsam durch den frühlingsbuftigen Pack schlendern, stehen unter dem Einfluß dieses Zaubers. Sie sprechen nicht. Sie sehen, sie fühlen einander. Fester faßt der Mann die Hand seines jungen Weibes. Tiefer neigt sich fern dunkles Haupt auf ihren blonden Kopf.
„Mirm! Bist Du glücklich?"
Schweigend blickt sie ihn an — mit einem ihrer so beredten Blicke, mis denen ihre ganze Seele leuchtrt. Dann schlingen sich zwei weiche Arme um seinen Racken; ein süßes Gesicht schmiegt sich an seine Wange, unb eine vor Bewegung zitternbe «Stimme flüstert:
„Vollkommen glücklich, Orlando!"
Lange haften die beiden einander umschlungen.
Droben am Firmament löst sich ein blitzendes Sternlein und fällt langsam, versprühend, nieder zur Erde ...
Portal. Drinnen hohe Säle, weite Hallen, trauliches Kämmerchen mit weißen Gardinen und Blumentöpfen vor den Fenstern.
Safire sind vergangen. Dort, wo Neapel am dunkelsten ist, inmitten eines Wirrwarrs von winke- Itgen Gäßchen unb alten Häusern, wo Krankheit, Schmutz unb Laster jeder Art das Szepter führen, wo Tag für Tag und Nacht für Nacht Mord unb Tot- fcNag bie Lust burchgellen ober wüstes Johlen unb Kreischen ober todestrauriges Wimmern unb erstickte Klaselaute- inmitten dieser Schlupfwinkel der nied- riBen Menschenklasse dieser Erde erhebt sich ein mit einem wildwuch7mbm xHumengarten davor.
„Sonnenleuchten ber Barmherzigkeit" — steht in Kroßen goldenen Buchstaben über dem -veitgeöffneten
SonnenLeuchten.
25] Roman von Erich Friesen.
(Schluß.)
„Laß mir Zeit, Orlanbo! Du weißt, ich bin nicht, h)ie andere Mädchen. Ich stehe im Zwiespalt mit mir selbst. Nur ein Leben gibt es, das lebenswert sst: das Leben in Wahrheit und in Freiheit. Der Mann, dem ich einst angehören könnte, muß mich nicht nur lieben mit der heißen, begehrenden Mannesliebe — er muff auch meiner Seele nahe stehen, muß all meine Gedanken, meine Empfindungen teilen. Schon feit langem habe ich einen Plan im Kopf, den ich Dir noch auseinandersetzen werde. Wenn Du mir beistimmst, wenn unsere Herzen sich mich begegnen unter bem Lonnenleuchten ber Barmherzigkeit und ber allgemeinen Menschenliebe — bann kann ich sicher sein, daß unsere Liebe kein Rausch ist, sondern wahre, nur
dem Tode endende Herzensliebe!
hro,t beugt sich der Mann auch
Cb(ec Jungfräulichkeit. Sein lei- bollttInbacht^^" M 3“ "estr, ehrfurchts- ,, "Du bist mein guter Engel, Mirra", sagt er ernst, Ae Du willst!"^* 2iWtn Meßend, „Es geschehe.
„ „ , > willkürlich auf. Wenn die Regierung sagt, daß eine
müssen, weil die betreffenden sonst die Reise nicht j katholische Lehrerin wegen ihres Bekenntnisses