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MaerW Zeitung

Monakbcllage: „Fuldaer Geschichtsblätter"

i» Zxlda. lÜ0dlCltbCif(l§C: „Illustrierte §onntagrzeitung"

Erscheint ISglich mit Ausnahme her So.m- «nd Feiertage, viertel­jährlich« vezngrpreir ohne vringerlahn «nb vestckgeld in Fulda so­wie auswärts verantw. «edakteurr

Larl Schütte,

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RotationsdruSunb Verlag der Fuldaer Al- tieudruckerei in Fulda Fernsprecher M. 9.

M 206.

Fulda, Donnerstag den 9. September 1909.

36. Jahrgang.

v Der Charakter des Zentrums.

Die Ausführungen des Zentmmsabg. Spahn in Rheinbach über den politischen (nicht konfessionellen) Charakter des Zentrums werden erfreulicherweise auch in den gegnerischen Blättem auszugsweise mitgeteilt. Aber so klar und autoritativ auch die Ausführungen sind, es hören dennoch keineswegs die Versuche auf, das Zentrum als ein „konfessionelles Gebilde" hinzu­stellen und dadurch dessen Gleichberechtigung mit den anderen politischen Parteien zu untergraben.

Es gibt zu viele, die nicht belehrt werden wol­len und trotz aller Aufklärung an der tendenziösen Unwahrheit festhalten. Dieses krampfhafte Bestre­ben nach einer konfessionellen Abstempelung des Zen­trums hat neuerdings eine ganz sonderbare „Beweis­führung" im Anschluß an den Breslauer Katholiken­tag gezeitigt, die sich ja auch das Kasseler sozialdemo­kratische Blatt angeeignet hat. Man sagt: Ter Ka­tholikentag ist eine konfessionelle Einrichtung; auf dem Katholikentag treten auch „Zentmmsgrößen" als Red­ner, Antragsteller, Präsidenten ec. auf; also sind Katholikentag und Zentrum identisch; also ist auch das Zentrum eine konfessionelle Einrichtung.

Eine großartige Weisheit! Ebensogut fann man schließen: Zentrumsleute gehen gelegentlich ins Wirtshaus, Sozialdemokraten desgleichen, die Zen­trumsleute trinken Vier, die Sozialdemokraten eben­so; also ist Zentrum und Sozialdemokratie dasselbe.

Uebrigens ist es gar nicht wahr, daß sich an den Katholikentagen nur Wähler oder Abgeordnete der Zentrumspartei beteiligen. Dort sind auch solche Ka­tholiken, die aus irgend einem äußerlichen oder inne­ren Grunde sich nicht zur Zentrumspartei halten, als vollberechtigte Mitglieder vertreten: in Breslau war z. B. (was schon wiederholt erwähnt worden ist) der Führer der Freikonfervativen Fürst Hatzfeldt am Platze, und anderswo waren Anhänger der „Deut­schen Vereinigung" vertreten. Allerdings sind diese Nichtzerttrurnsleute auf den Katholikentagen in der Minderheit.

Das beweist aber weiter nichts, als daß die Katholiken in ihrer großen Masse bei ihrer po­litischen Betätigung sich zu der Z e n t r u m s p a r t e i halten. Das ist eine Tatsache, die längst nicht mehr neu ist. Dadurch wird aber das Zentrum ebensowenig zu einer konfessionellen Partei, wie auf der anderen Seite die konservative Fraktion durch die Tatsache, daß ihre Wähler und Abgeordnete bis auf verschwin­dende Ausnahmen evangelisch sind, nicht den Charak­ter einer konfessionellen evangelischen Partei erhält.

Es liegt in der Natur der Sache, daß d i e Män­ner, die zugleich Staatsbürger und überzeugte Christen sind, sich an zweierlei Organisationen beteiligen. Diejenigen Angelegenheiten, die mit den Grundsätzen ihrer Glaubens- und Sittenlehre zusammenhängen, suchen sie in konfessionellen Versammlungen, Vereinen usw. zu fördem; das tun nicht bloß die Katholiken, sondern auch die Protestanten. Wenn es sich aber um die Geltendmachung der Grundsätze und Interessen auf dem politischen Gebiete handelt, so schließen sich die christlichen Staatsbürger einer politischen Partei an, deren Programm und Ueberlieferuna ihren Ueberzeugungen und Idealen am besten entspricht. Das führt zu einer gewissen Per­sonalunion; aber zwei Veranstaltungen werden noch keineswegs gleich, wenn dieselben Personen sich an beiden beteiligen.

Wenn einmal die Katholikentage ans l a u t e r An­hängern und Vertretern der Zentrumspartei bestehen sollten, so würde es noch gar nicht die Konsessronalität der Zentrumspartei beweisen. Im Gegenteil: in der d o p p e lt e n Organisation zeigt sich ja gerade das Bestreben, die rein politische Tätigkeit gesondert zu halten von der kirchlich-konfessionellen Betätigung.

Deutsches Reich.

** Berlin, 8. Sept. 1909. Die Kaiserin traf um 11 Uhr im Sonderzuge zum Besuche bei dem Fürsten zu Hohenlohe-Langenburg in Langenburg ein.

= Bürgerkunde auf den Universitäten. Vom kommenden Jahre ab werden an sämtlichen Universitäten Preußens Vorlesungen über Bürger­kunde gehalten werden. Diese Vorlesungen sind weniger für Juristen und Nationalökonomen als für die künftigen Geistlichen, Aerzte, und vor allem für die künftigen Lehrer berechnet, die in höheren und Fortbildungsschulen Bürgerkunde im Anschluß an den GeschichtS- oder den deut­schen Unterricht lehren sollen. Daß derartige Aufschlüfle über grundlegende politische Fragen der Heranwachsenden Jugend dringend not tun, liegt auf der Hand. Im Lande des allgemeinen Wahlrechtes muß jeder Einzelne sich eine selb­ständige politische Meinung bilden können.

(*) Reichstagsabgeordneter Wilhelm Schack erbat bis zur gerichtlichen Austragung der „Triole" - Angelegenheit seine Beurlaubung von den Dienstgeschästen als Vorsitzender des Deutsch - Nationalen Handlungsgehilfen­verbandes. In den ihm nahestehenden Zei­tungen sucht Schack sich als die verfolgte Un- schuld hinzustellen. Er gibt zu, sich mißverständ­lich ausgedrückt zu haben, unsittliche Absichten hätten ihm durchaus serngelegen. Seine Aeuße- rungen in dem Briefwechsel sind jedoch kaum mißverständlich.

** Stadtverwaltungen und Katholikentage. Unter dieser Ueberschrist bespricht die „Köln. Volksztg." das Fehlen der Begrüßung des Katho­likentages durch die Breslauer Stadtver­waltung; sie stellt dabei fest, daß es in den letzten Jahrzehnten das erstemal sei, daß die Stadtverwaltung des Tagungsortes sich der Be- grüßung entzogen hätte. Man sage nun, es liege eine allgemeine Stellungnahme be§ Preußischen Städtetages vor; als im verflossenen Jahre der katholische Gesellenverein in Wesel sein goldenes Jubelfest feierte, habe der dortige Bürgermeister fein Fernbleiben von der Feier mit einem Be­schlüsse des Preußischen Städtetages entschuldigt, wonach bei Kongressen konfessionellen Charakters eine Begrüßung durch die städtische Verwaltung ferner nicht mehr erfolgen solle. Hierzu bemerkt dann die „Köln. Volkztg." u. a.:

„Bindende Beschlüsse dieser Art kann man doch auch schwerlich so allgemein für alle Fälle fassen. Es wäre ein bedauerliches Zeichen der fortgeschrittenen konfessionellen Verhetzung, wenn die Stadtverwaltungen mit Rücksicht auf die Empfindungen eines größeren Teiles der Bevölkerung jede von einer einzelnenKon- fefsion ausgehende Veranstallung meiden zu müssen glaubten. Jedenfalls müßten wir uns entschieden da­gegen verwahren, wenn man die Katholikentage mit den Versammlungen des Evangelischen Bundes in Parallele stellen wollte. Der 'Evangelische Bund ist eine ausgesprochene Kampforganisation, die sich ledig­lich milden Angelegenheiten anderer Konfessionen statt mit der eigenen befaßt und daher notwendig den Frieden stören muß. Bei den Katholikentagen ist das G e g e n t e, l der Fall .. . Selbst der Gustav Adolf-Verein hält sich nicht immer von verletzenden Angriffen fern, wir haben aber nichts dagegen, wenn man ihn, seiner positiven Ziele wegen, ebenso behan­deln will, wie die Katholikentage, ganz zu schweigen von anderen evangelischen, z. B. evangelisch-sozialen Veranstaltungen, die auf eine Begrüßung durch städtische Behörden sicherlich mit gutem Rechte zählen dürfen. Etwas anderes aber ist es mit den Tagungen des Evangelischen Bundes, und es müßte daher als krän­kend für uns zurückgewiesen werden, wenn man etwa

aus Rücksicht auf diesen die Katholikentage meiden zu müssen glaubt,"

Die,Köln. Volksztg." schließt ihre kritischen Bemerkungen mit dem zutreffenden Satze: „Ein Standpunkt, der alle konfessionellen Veran- staltungen unterschiedslos über einen Kamm scheren wollte, ist mehr als bequem denn als gerecht zu betrachten." ,

(*) Was man uns zu bieten wagt. Der stramm kulturkämpferisch gesinnte nationallibe- rale schwäbische Merkur" ist gezwungen, dem diesjährigen Katholikentag ein großes Lob zu erteilen. Er sei „imposant genug" gewesen und jedenfalls verdiene er allgemeine Beachtung:

„Nachdrücklicher als je zuvor haben ihre Veran­stalter und Leiter versichert, daß ihm jede heraus­fordernde Absicht den Nichtkatholiken gegenüber fern liege, und man muß gerechterweife anerkennen, daß in all' den in Breslau gehaltenen Reden, foweit sie in die Presse gelangt 'sind, von einer Verletzung Andersgläubiger auch nicht ein Anklang zu finden ist."

Aber nun möchte der,Merkur" sein Urteil sofort einschränken, naiv bemerkt er:

„Leider sind diese »Generalversammlungen der deutschen Katholiken, in einem so ftart konfessionell gemischten Land wie Deutschland nur schon durch ihr bloßes Dasein etwas, das die außer der katholischen Kirche Stehenden zum mindesten befremden und deshalb unangenehm berühren muß."

So ist es! Die Katholiken befremden und fallen unangenehm auf „schon durch ihr bloßes Dasein." Da bleibt ihnen nichts anderes übrig, als den Hut zu ziehen unv mit einem liefen Bückling zu murmeln: „Entschuldigen Sie, daß ich geboren bin."

4- Unterdrückung der polnischen Presse ist das neueste von den Hakatisten empfohlene Kampfmittel gegen die Polen. Die Katloivitzer Tagung des Deutschen Ostmarkenvereins hat eine Resolution gezeitigt, worin gegen das Treiben der polnischen Presse ein energisches Einschreiten gefordert wird. Die ,Tägl. Rund­schau" untersucht, welche Maßnahmen hierfür in Betracht kommen und empfiehlt

„die Einführung einer gesetzlichen Bestimmung, die nicht nut die polnische, sondern Überhaupt die fremdsprachliche Presse einer schärferen lieber« wachung unterstellt und ihre Existenz davon ab­hängig macht, daß sie das Recht der Meinungs­äußerung nicht zur Erregung von Haß gegen Deutsch­land und zu hochverräterischen Bestrebungen miß­braucht."

Wenn ein Blatt bochverräterische Bestrebungen unterstützt, so kann schon nach dem jetzt gelten­den Strafrecht dagegen vorgegangen werden. Einer weiteren Einschränkung der Pressefreiheit werden wir unter keinen Umständen zustimmen können. Für die Parteien indeß. die den fa­mosen Sprachenparagraphen des Vereinsgesetzes leschlossen haben, wäre es schließlich nur eine logische Konsequenz, wenn sie nun auch in das Preßgesetz einen Sprachenparagraphen einfügten. Ob der Freisinn sich allerdings nochmals zu einer Vergewaltigung des liberalen Programms wird stereilfinden lassen, scheint uns immerhin fraglich. Vielleicht aber könnte man es mit einem neuen Kuhhandel — ähnlich wie beim Vereinsgesetz — doch erreichen.

* Die „armen" Genossen. In einer sozial­demokratischen Versammlung, die am Dienstag in Berlin stattfand, wurde mitgeteilt, baß die Genossen Berlins 102 C00 Mk. und die Genossen ganz Deutschlands 3/* Millionen Mark für die Streiken den in Schweden aufgebracht ha­

ben. — Trotzdem können natürlich diese Herren auch die geringste Steuererhöhung nicht tragen, ohne völlig „ausgepowert" zu werden.

)( Für Teutsch-Südwestafrika ist auf An­ordnung der Kolonialverwaltung die mitteleuro­päische Einheitszeit eingeführt worden.

* Herne, 8. Sept. 1909. Seitdem in Bochum eine eigene Abteilung bei der kgl. Polizei zur Beobachtung der Polen im Ruhrkohlengebiet errichtet worden ist, werden den Polen allerhand Schwierigkeiten gemacht. So werden die Ver­sammlungen ter Polen durch die Polizei über­wacht und dafür Sorge getragen, daß kein polnisches Wort gesprochen wird. Demzufolge finden hier nur sogenannte „stumme Versamm­lungen" statt. Infolge Hinscheidens des Bischofs von Paderborn wurden am Montag hier wie in allen Pfarrkirchen des Bistums feierliche Requiems abgehalten. Als nach Beendigung der Trauerfeier ein polnischer Verein mit seiner Fahne zu seinem Standlokale zurückziehen wollte, wurde er polizeilich daran gehindert, weil er „keine Genehmigung zu einem öffentlichen Auf­zuge" hätte. Der 'Weg von der Kirche zum Vereinslokale ist nur wenige hundert Schritt weit. Daß unter den Polen infolge dieser Be­handlung — die anderen Vereine konnten ruhig ziehen — Erbitterung Platz greift, ist natürlich.

= Neustadt, 7. Sept. 1909. Bei der Land­tagsnachwahl in Neustadt-Edenkoben hat, wie gemeldet, der nationalliberale Kandidat Hammer­schmied gesiegt. Im Vergleich zu der Wahl von 1907 ergibt sich für den Liberalismus ein Stimmenverlust von 1815, für das Zentrum ein solcher von 131 Stimmen, für die Sozialdemo­kratie ein Gewinn von 1683 Stimmen. Ist die Verschiebung in der Zentrumspartei unwesentlich, um so auffälliger noch ist sie beim Liberalismus. Noch ein solcher Sieg des Liberalismus, und — der Sohn tritt die Erbschaft des Vaters an. Die liberalen Wähler sind überall mit fliegenden Fahnen ins sozialdemokratische Lager eingeschwenkt und wohl für immer für den Liberalismus ver­loren. Es ist ihm nicht gelungen, die Scharte vom 20. Juli auszuwetzen; der Niedergang des Liberalismus ist unaufhaltsam. Durch die kurzsichtige Politik, durch die wahn­sinnige Steuerhetze hat er die Hasen in die sozial­demokratische Küche gejagt. In blinder Wut hat der Liberalismus aufs Zentrum losgehauen und sich dabei selber tödlich getroffen. Das ist das Ergebnis dieser Landtagsnachwahl. So rächt sich die kurzsichtige Politik des Liberalismus. Der Zentrumsturm steht unerschüttert in dem Wahl­kreise, denn so unerhebliche Verschiebungen bringt jede Wahl, besonders jede Nachwahl. In unsere Reihen ist die Sozialdemokratie trotz der gewaltigen Anstrengungen nicht eingebrochen.

* Stollberg, 8. Sept. 1909. Die gestrige Reichstagsersatzwahl im sächsischen Reichs­tagswahlkreise Stollberg-Schneeberg brachte den Sieg des Sozialdemokraten. Schöpflin (Soz.) erhielt 21178, Vorwerk (natlb.) 9368 Stimmen. 19 7 hatten die Sozialdemokraten 19000 Stim­men, die Nationalliberalen 14600 Stimmen er­kalten. Also hier wie überall Rückgang der Nalionastiberalen.

Ausland.

* Der deutsche Kaiser bei den österreichischen Manövern. Kaiser Wilhelm traf gestern um

Sonnen^euchten.

24] Roman von Erich Friesen.

DaL Pferd spitzt die Ohren. Leises Wiehern als Antwort. Die beiden streben einander entgegen — bas Pferd und fein Herr, beide von frischem Mute beseelt. Jetzt greift Orlando hinein in die lange Mähne des Tieres. Pluto, beruhigt durch die Nähe feines Herrn, hört auf, wie rasend um sich zu schlagen. Ruhig schwimmt er dahin. Und mit ihm Orlando, die ohnmächtige Mirra im Arm. Wie lange — Or­lando weiß es nicht ... Er weiß nur, dcch plötzlich Stimmen an sein Ohr bringen; daß eine feste Hand ihm Mirra entreißt; daß gleich darauf auch er in Lin Boot gezogen wird.

„Pluto!" ruft er halb bewußtlos.

Ein ängstliches Wiehern Ms der Feme als Ant­wort. Dann nichts mehr.

Mirra aus ihrer tiefen Ohnmacht erwacht, si.eht sie sich emgehullt in grobe Wolldecken, im Sande + ^ie ^rum eine Masse wettergebräun-

ta Flschergesichter. Mit einem Schrei springt sie ern-

„Orlanbo! Wo ist Orlando?"

Ein verrunzelter Alter deutet auf eine ebenfalls Jn Decken gewickelte, lang Msgestreckte Gestalt

„Tot?!"

Wie der Auffchrel einer zu Tode gemarterten Leele zittert es hin über hie Wasser. Sie wirst sich Iber die. stille Gestalt. Sie umfängt sie mit ihren Ar- betastet in wahnsinniger Angst das bleiche Besicht, die kalten Hände. Und ein Jubelmf springt jon ihren Lippen: b

„@r lebt! Er lebt!! Dank dir, Gott!"

17.

, ein Lauffeuer verbreitete sich die Schreckens- Sachncht von dem Untergang des Re Umberto im

Lande. Nur wenige Passagiere wurden wie durch ein Wunder gerettet. Die meisten von ihnen, sowie die ganze Mannschaft, an ihrer Spitze der Helden­kapitän, dessen mächtige Gestalt bis zum letzten Augenblick auf der Kommandobrücke sichtbar war, fan­den den Tod in bett Wellen.

Als ber Oberst San Martino sein treue? Weib seine geliebte Tochter wieder in die Arme schließt — da stürzen ihm die Tränen au§ den Augen. Und der alte Haudegen schämt sich nicht dieser heißen Freu­dentränen.

Orlando hat Mirra nach Capri begleitet. Fester denn je fühlt er sich mit ihr verbunden, nach jener grauenvollen Nacht, da beide sich dem Tode verfallen glaubten und doch mit so brennender Sehnsucht nach dem Leben verlangten. Damals, angesichts des Todes, war für kurze Zeil Mirras Zurückhaltung ihm gegenüber geschwunden. Frei und offen zeigte sie ihm, daß er ihr Alles auf Erden ist. Doch feit sie wieder im Vaterhaufe weift, umschwebt sie die früb-re Un­nahbarkeit. Vergebens späht Orlando nach einem warmen Blick ihrer mhigen Augen, nach einem herz­lichen Wort.

Es ist, als ob die stille -Jlatur dieses seltsamen Mädchens stch wieder in sich selbst zurückzöge. Ja, es erscheint Orionbo zuweilen, als meibe Mirra seine Nähe. Nur bas trauliche „Du", bas die gemeinsame Gefahr damals beiden auf die Lippen drängte, — eS ist geblieben. Endlich hält er diesen Zustand des Bangens und Hoffens nicht mehr aus. Noch heute muß er mit ihr sprechen, muß er sie fragen, ob sie die Seine werden will fürs Leben.

Den ganzen Vormittag übet war sie für ihn un­sichtbar. Gegen SDHttag erst gewahrt er die schlanke, dunkelgekleidete Gestalt, wie sie langsam, in sich ge­kehrt, in der Hand einige Zweige Immergrün, durch die verschlungenen Parkwege auf das Haus zukommt. Er eitt ihr entgegen. Mit einer Art Erschrecken be­merkt sie sein Rahen. Fester umspannen ihre Finger die schlichten grünen Zweige.

„Mirra!" ruft er schon von weitem. „Endlich

sehe ich Dich allein. Tu weichst mir aus. Weshalb? Habe ich Dich irgendwie verletzt? Zürnst Du mir?"

Sie lächelt. Im Schmerze lächeln — o, wie schwer ist das!

„Nein, Orlando. Wie könnte ich Dir zürnen! Aber —!*

„Aber —" wiederholt er, ihr tief in die schwimmen­den Augen blickend.

„Ich komme von TeresitaS Grab, Orlando!"

Ein erkältendes Gefühl beschleicht ihn. Warum erwähnt ste das? Und mit solch besonderer Betonung?

„Arme Terestta!" murmelt er. „Sie hat aus­gelitten, während ich —"

Tief seufzt er auf. Und plötzlich packt es ihn mit elementarer Gewalt.

„Mirra!" ruft er, leidenfchastdurchbcbt, indem er stürmisch ihre Hände faßt. „Mirra! Ich kann diese Kälte nicht mehr ertragen! Wat denn alles, was ich in jener furchtbaren Nacht in Deinen Augen zu lesen glaubte, was mein Herz trotz der Todesangst mit namenlosem Entzücken erfüllte — war dies alles nur Einbildung meiner erregten Sinne?"

Schweigend blickt sie ihn an. Tränen schimmern in dem klaren SBlau ihrer Augen. Aber hinter den schmerzlichen Tropfen leuchtet ihm auch jetzt felsen­festes Verirauen entgegen.

„Mirra! Du weinst?"

Sie schüttelt den Kops mit einem rührenden Aus­druck in dem blassen Gesichtchen. Und noch einmal übermannt ihn die Leidenschaft.

„Mirra! Du weißt, wie ich Dich liebe! Du bist der Sonnenstrahl auf meinem Lebenswege! Sage mir ein einziges Wort — das Wort, das ich schon ost glaubte in Deinen Augm zu lesen, das Deine Lippen mir aber stets dorenthielten! Mirra — Du liebst mich?"

Ein heißes Erschrecken fliegt über ihren Körper. Mit einer Art Verzückung hängen ihre Blicke an ihm.

„Ja, Orlando —", sagt sie fest, voll tiefer Innig­

keit. „Ich bekenne es frei! ich liebe Dich. Ich habe Dich geliebt vom erften Augenblick, da ich Dich sah. Aber nicht mit jener heißen, verlangenden Liebe, die den Menschen zum Sklaven seiner Empfindungen macht. Nein — mit der stillen, allumfassenden Siebe, die nur das Glück des Geliebten will, die emporhebt aus dem Alltäglichen in reinere, höhere Regionen! . So liebte ich Dich bis vor kurzem. Aber jetzt —"

Sie zögert, während tiefes Rot in ihre Wangen steigt.

„Jetzt, Mirra?" Jetzt —" wiederholt er in beben­der Erwartung.

Sie wendet den Blick von ihm.

„Seit Dein Arm mich vor dem Tode bewahrte, seit Deine Lippen die meinen berührten — seitdem ist eine Veränderung in mir vorgegangen, Orlando. Ich fühle mich beklommen, nicht mehr frei wie der Vogel in der Luft. Ich bange vor etwas Unbekanntem, das mich niederdrückt. Ich habe die Empfindung, als ob meine Siebe zu Dir nicht mehr so selbstlos, so rein und opferfreudig ist. Als ähnele sie mehr TeresitaS Siebe zu Dir ,von der Du sagtest, sie sei ein Rausch gewesen .. . Schüttele nicht den Kops, Orlando! Aber ich kann den Gedanken nicht los werden, daß die Er­füllung unferer Siebe Enttäuschungen bringen wird. Mir ist, als schwebe TeresitaS Geist warnend über mir. Und dämm, Orlando, ziehe ich mich zurück vor Dir in mein eigenes sttlleS Selbst, wo ich sicher bin vor vielleicht namenlosem Glück, aber auch vor — Enttäuschung!"

Tiefe Blässe überhaucht seine männlichen Züge.

„Mirra!" ruft er mit bezwingender Eindringlich­keit. „Das kann Dein letztes Wort nicht fein! Habe ich nicht schon genug gelitten? Und auch Du leidest — ich sehe es Dir ja an! Hat nicht Terefita selbst kurz vor ihrem Tode unsere Hände ineirtanber gelegt? Sage, daß Du mein Weib werden willst, Mirra! Gib unserer Siebe die höchste Weihe!"

Sie schüttelte bett Kops.

(Schluß folgt)