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Zuldaer W Zeitung

36. Jahrgang

Fulda, Mittwoch den 8. September 1909.

M 205

Erstes Matt

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moittrtsbeitoge: „Fuldaer Geschichtsblätter"

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sa-m- Uitb Feiertage. Viertel« jährliche,veMgspreir ohne vringerlohn und vepeLgeld in Fulda so­wie auswärts t.S0Mt.

verantw. Redakteur: Earl Schütter

iRXk woch-nb-imse: „Illustrierte Sonutagrzeitung"

Deutsches Reich.

(*) Neuregelung der preußische» Orts- klasieneinteilung. Auf eine an das Staats- ministerium gerichtete Eingabe um Einreihung der Stadt Rosenberg (Oberichles.) in die dritte Servisklaffe hat der Finanzminister geantwortet, daß für Preußen eine veränderte allge­meine R egelung der Ortsklasseneinteilung im Ministerium erwogen werde; von Anträgen an da« Staatsministerium auf Einreihung einzelner Orte in eine andere Servisklaffe müsse daher einstweilen abgesehen werden. Wahrscheinlich kommt das neue Gesetz im Herbst in den Landtag.

(*) Zur Talonsteuerfrage bemerkt die ,Nordd. Allg. Zig/, daß die Absicht fortbestebt, die gesetzgebenden Faktoren des Reiches mit dieser Angelegenheit zu befassen, weil nament- lich dieser Weg die Möglichkeit biete, einerseits der vorzeitigen Ausgabe von Coupons» und

täfel am abend brachte der König von Württemberg einen Trinkspruch auf den Kaiser aus. Dieser dankte und hob hervor, daß bei der Parade das 13. württembergische Armeekorps eine ganz hervorragende Haltung und Leistung auszuweisen gehabt habe. Weiter sagte er:

Ich würde aber eine Pflicht der Dankbarkeit ver­säumen und meiner Bewunderung für Württemberg nicht voll gerecht werden, wenn ich nicht auch an dieser Stelle seines berühmten Sohnes gedächte, des Grasen Zeppelin, dem es vom Himmel vergönnt war, für unser Volk und Vaterland so Schönes zu vollbringen, und dem wir es zu danken haben, daß sich das deutsche Volk wieder einmal in einem großen patriotisch en G edanken zusammen« gefunden hat und dafür möchte ich ihm als Kaiser noch besonders danken.

Abends 11 Uhr ist der Kaiser mittels Sonderzuges nach Jglau in Mähren abgereist. Der König geleitete den Kaiser unter den stürmischen Kundgebungen einer riesigen Menschenmenge zum Bahnhofe. Die Kaiserin reist zu einem zwei­tägigen Besuche des Fürsten Hohenlohe-Langen­burg nach Langenburg.

<? München, 5. Sept. 1909. „Religion ist Privatsache", so verkündenjahraus jahrein, besonders aber bei Wahlzeiten, die sozialdemo­kratischen Führer und Agitatoren; aber die Taten der Roten stehen nicht in Einklang mit ihren Worten. So wird wieder ein äußerst bezeich­nender Fall aus Augsburg gemeldet. Am dortigen Amtsgericht skand am 2. September der Vorsitzende der sozialdemokratischen Gewerkschaft in Lands­berg, M u ch, zur Aburteilung wegen Religions­oergehens, begangen am 14. März d. Js. in einer Gastwirtschaft zu Unterpeiching. Er soll nach bestimmter Aussage eines Zeugen gesagt haben: „Reißt unfern Herrgott herunter vom Kreuz, speit ihm ins Gesicht und Euch christliche Gewerk;chastler soll man hinnageln." Das Ge­richt erkannte schließlich gegen den gotteslästernden Sozi auf eine Gefängnisstrafe von einer Woche, die unter Anrechnung einer vom Amtsgericht Landsberg zuerkannten Gefängnisstrafe von fünf Tagen wegen Hehlerei auf 10 Tage Gefängni- und Tragung der Kosten erhöht wurde.

wir uns niemals bekehren können, ebensowenig wie die gläubigen Protestanten sich zu ihr werden be- kennen können. Auch der ,Reichsbote' wird für sich in Anspruch nehmen, daß er den Glauben der Katholiken als Irrglauben bezeichnet, ein anderes geschieht auch von uns nicht und ist insbesondere auch auf der Katholikenversammlung nicht geschehen. Wir sollten meinen, über diesen Punkt müsse mit den ehrlichen Protestanten eine Verständigung erzielt werden können. So wenig wie sie auf den Boden dogmatischer Toleranz treten können, um mit den katholischen Volksgenossen in Eintracht zu leben und gemeinsam zu wirken, ebensowenig können wir dies.

Damit ist aufgezeigt, unter welcher Bedingung ein erfolgreiches Zusammenwirken von Katholiken und Protestanten möglich ist. In Betätigung des Gebots der bürgerlichen Toleranz ist die Ueberzeugung des anderen zu achten und eine Verständigung für ein gemeinsames Vorgehen auf all den Gebieten möglich, wo es sich nicht um Diffe- renzen des Glaubens und des Bekenntnisses handelt. Dieses Zusammengehen, wie der ,Reichsbote" mit Recht sagt, „zur Ausgestaltung und Begründung der christlichen sittlichen Weltanschauung in unserem Volke" ist heute mehr wie je notwendig gegenüber den Vorstößen des Unglaubens.

In Breslau haben die deutschen Katholiken sich darin bestärkt, die Treue gegen Glauben und Kirche zu bewahren und zu erhalten und den Kampf gegen den Unglauben mit allen Mitteln aufzunehmen. Aus dieser Forderung entsprang das Verlangen, den Zusammenschluß des katholischen Volksteils immer enger zu gestalten. Aber dies schließt nicht aus, daß wir zur Bekämpfung des Unglaubens mit allen christlich gesinnten Kreisen des Volkes zusammenstehen. Wenn auch, wie der Reichsbote erklärt, auf protestantischer Seite diese Bereitwilligkeit vorhanden ist, so muß eine Verständigung auch hierüber möglich sein. Tas Hindernis „einer ehrlichen Kampfgemeinschaft" liegt nicht auf unserer Seite, weil wir voll und ganz auf dem Boden der bürgerlichen Toleranz stehen.

Wenn man auch auf protestantischer Seite auf diesen Boden zu treten gewillt ist — der Reichs­bote könnte sich darum manches Verdienst erwerben — so wird der Unsegen der konfessionellen Zwietracht in unserem Volke bald begraben sein. Vor allem der Evangelische Bund möge, wenn es ihm um den Frieden ernst ist, sich der Forderung der bürger­lichen Toleranz zugänglicher erweisen, als er es bisher getan hat.

Wenn wir über die bevorstehende Tagung des Evangelischen Bundes das Urteil fällen könnten, das der Reichsbote über die Breslauer Katholikenver­sammlung fällen mußte, so werden wir dies mit hoher Freuoe begrüßen.

Dividendenbogen durch spezialisiertere Vorschriften entgegenzutreten als es im Rahmen der Aus­führungsbestimmungen geschehen konnte, anderer- seits auch sonstige Fragen der Stempelgesetze in einer über die Ausführungsbestimmungen des Bundesrats hinausgehenden Weise gesetzlich zu ordnen.

-U Die Zentrumsscheu soll den National- liberalen bei den bevorstehenden Wahlen der zweiten sächsischen Kammer zu einer Mehr- heit verhelfen. Im Wahlaufruf des national- liberalen Landesvereins heißt es:

Was die konservative Partei im Verein mit dem Zentrum und den Polen — diese Verbrüderung sagt an sich jedem deutschen Mann genug — als „Reichs­finanzreform" zu Wege brachte, war derart, daß Fürst Bülow seine Unterschrift weigerte und auf die Ehre verzichtete, länger Reichskanzler des deutschen Reiches zu fein ... Die Frucht der großen nationalen Be­geisterung des Wahljahres 1907 ist vernichtet. Das Zentrum ist im Reichstage wieder eingesetzt als mit­regierende Partei. Das ist die politische Schuld der konfervativen Partei, von der sie keine Macht los­sprechen kann."

In diesem Tone geht die Polemik gegen die Konservativen noch eine ganze Weile weiter. Wie frühere Erfahrungen beweisen, ist die Spekulation der Nationalltberalen für das „Helle" Sachsen nicht so ganz uneben.

)( Zur braunschweigischen Frage. Die ebenso „kräftigen" rote täppischen Resolutionen des alldeutschen Verbandes zu der Welsensrage auf dem Dresdener Kongreß haben in der braun­schweigischen Presse selbstverständlich Protest hervorgerufen. Die Zustände in den Reichslanden seien durchaus nicht so erbaulich, daß man der Proklamierung des Herzogtums Braunschroetgs zum Reichslande mit großer Sehnsucht entgegen- sehen könnte. Für das deutsche Volk liege das Heil der Zukunst nicht in dem unitarischen Ge­danken. — Ganz unsere Meinung. Seltsamer­weise schweigt sich die alldeutsche Presse über die Resolution des alldeutschen Verbandes zur Welsen frage fast ganz aus.

— Em Skandal. Der Name des kompromittierten Reichstagsabgeordneten, der, wie gestern an anderer Stelle gemeldet, unter dem Stichwort „Triole" eine Gesellschafterin für sich und seine Frau suchte, u. dabei nicht mißverständliche unsittliche Anerbietungen machte, wird jetzt in den Blättern aller Parteifchattierungen ge­nannt, sodaß auch wir ihn nicht länger zu verschwei­gen brauchen. Es handelt sich um den Abgeordneten Schack von der Wirtschaftlichen Vereinigung (Eise- nach-Detmbach), der zugleich der Vorsitzende des deutsch-nationalen Handlungsgehilsenverbandes ist und im Jahre 1898 im Wahlkreis Kassel-Melsungen für bett Reichstag kandidiert hat. Demnächst werden also wohl der Deutschnationale Handlungsgehilfenverband einen neuen Vorsitzenden und der Reichstagswahlkreis Eisenach-Dermbach einen neuen Abgeordneten an Stelle des Herrn Schack-Triole zu wählen haben.

= Weimar, 7. September 1909. Das Großh. Staatsministerium lehnte die Bestätigung bet Wahl einer jungen katholischen Lehrerin als Mitglied des Lchrerkollegiums einer Eisenacher Volks­schule mit der Begründuilg ab, daß sie infolge ihres katholischen Bekenntniffes nicht die Befähigung be­sitze, eine volle Lehrkraft abzugeben bezw. in allen Disziplinen Unterricht erteilen zu köniten. — Zur Beurteilung der Meldung bleiben nähere Mittei­lungen abzuwarten.

» Stuttgart, 7. Septbr. 1909. Vor dem Kaiserpaar und einer großen Zahl weiterer Fürstlichkeiten sand heute hier die Parade des württemberglschen Armeekorps statt, die das dies­jährige Kaisermanöver einleitet. — Bei der Parade-

Aurland.

* Die Verschiebung des österreichischen Katholikentages hat in jenen katholischen Kreisen, wo man den guten altösterreichischen Staats­gedanken hochhält, schmerzliche Bewegung hervor- gerufen. Noch zu den Zeiten Radetzkys ver­trugen sich die österreichifchen Völker so gut miteinander, daß Grillparzer von der Armee Radetzkys sagen konnte: „In deinem Lager ist Oesterreich." Es können einige sonst gut katho­lische slawische Kreise nicht von der Verantwortung freigesprochen werden, ihre Partei- und National­rücksichten dem katholischen Interesse vorangestellt zu haben. Freude über die Verschiebung des Katholikentages herrscht daher nun in den radikal- nationalen und sozialdemokratischen Blättern, während die wahrhaft katholisch gesinnten Kreise Grund genug haben, über den in letzter Stunde vereitelten Katholikentag schmerzlich berührt zu sein. Möge der Aufschub des Katholikentages nicht lange währen, und möge die durch die augenblicklichen Erfahruttgen gewonnene Einsicht feinen Beratungen dann zu noch größerem Nutzen gereichen; möge aus ihnen der Wille, einig zu sein, koste es, was es wolle, gestärkt hervorgehen, zum Heile der österreichischen Katholiken und

© Der tolerante „Reichsbote".

Nun möchten wir doch wissen, wie wir es dem .Reichsboten", dem evangelischen Pastorenblatt, recht machen sollen. Das Blatt ist mal wieder mit dem Katholikentage nicht zufrieden. Zwar muß es zu- zestehen, daß in Breslau .alle Ausfälle gegen die evangelische Kirche vermieden" wurden und man könne auch von protestantischer Seite „mit den meisten Beschlüssen ganz einverstanden" sein, aber der ganze friedliche Verlauf sei nur — Berechnung, um zas protestantische deutsche Volk für den Katholizismus zu gewinnen. . ..

Ei, sieh da! Sind das doch Schlaumeier, die Leute vom Katholikentage! Sie stellen sich katzen­freundlich und harmlos, damit ihnen die armen ahnungslosen Protestanten ins Garn lausen. Da bemühen sich der Evangelische Bund, der Reichsbote, Graf Hoensbroech und andere durch ein ewiges Gezeter gegen den „Ultramontanis- mus" dem Katholizismus Abbruch zu tun, und sie erreichen doch nichts. Jetzt weiß man endlich, wo­her das kommt. Ja, freilich, wenn die Katholiken in dieser Weise „unlauteren Wettbewerb" um die Gunst deS Publikums üben, daß sie nicht wieder- chimpfen, sondern immer freundlich tun, da erklärt ich manches. Wie wäre es denn, wenn der Evan-. wlische Bund re. auch mal so aus „Berechnung" -andeln wollte und im Wetteifer mit den Katho­liken sich in Friedensliebe übte? Vorläufig braucht man sich nach dieser Richtung hin keiner allzu großen Hoffnung hinzugeben. Schon ein paar Zeilen nach der obigen Entdeckung schimpft der Aeichsbote' schon wieder im altgewohnten Ton über „römischen Fanatismus", der die evan- gelische Kirche für die schlimmste Ketzerin halte. Aus eine kurze Formel gebracht, zielen die weiteren Vorwürfe des .Reichsboten' ab auf die „In­toleranz" der Katholiken. Ist dieser Vorwurf berechtigt? Das Wort Toleranz ist ein viel­gebrauchtes Schlagwort, aber leider machen sich die meisten derer, die es gebrauchen, nicht genügend klar, was es bedeutet.

Man muß bekanntlich unterscheiden zwischen ogmatischer, bürgerlicher und staatlicher Toleranz. Dogmatische Toleranz ist jene Auffassung, die alle Religionsbekenntnisse für gleich wahr und gleich ,ut hält; bürgerliche Toleranz ist das achtungs­volle Verhalten gegenüber Andersgläubigen im täglichen Verkehr, die staatliche Toleranz endlich besteht darin, daß der Staat den verschiedenen Religionsgesellschaften gesetzliche Duldung gewährt. — Welche Toleranz nun soll auf der Katho- likenversammlung verletzt worden sein? Der ,Reichsbote" selbst gibt zu, daß die bürgerliche Toleranz geübt worden fei, indem kein böses und feindliches Wort gegen die Protestanten gesagt wor- den ist. Was et zum Beweise der katholischen „In­toleranz" ansührt, fällt unter das Gebiet der dogmatischen Intoleranz. Aber diese Intoleranz ist wohl begründet und notwendig.

Wenn der Katholik der Ueberzeugung lebt, daß sein Glaube der wahre Glaube und feine Kirche die wahre Kirche sei, so kann er unmöglich anerkennen, daß auch ein anderer Glaube und eine andere Kirche wahr sei. Auf der Gegen­seite ist es doch gar nicht anders. Der überzeugte Protestant muß dafür halten und kann garnicht anders, daß er im wahren Glauben sei und daß die Katholiken im Irrtum sich befinden. So wenig wir dieser ehrlichen Ueberzeugung eines Protestanten zu nahe treten dürfen, ebensowenig soll man ’ltnferer Ueberzeugung zu nahe treten.

Die bürgerliche Toleranz als Ausfluß des Gebots der christlichen Nächstenliebe wird von uns durchaus geübt, die dogmatische Toleranz aber ist in ihrer Wurzel verkehrt. Zu dieser werden

SonnenLeuchten.

s'23] Roman von Erich Friesen.

„Mirra, beruhigen Sie sich! Ihre Nerven sind [erregt!" versucht Orlando zu trösten, indem er den Stan um ihre Schulter legt.

Und in einem Gefühl von Schwäche läßt sie es geschehen, daß er ihren Kopf an seine Brust zieht und ibie bleichen Lippen küßt.

; Da — hintereinander zwei furchtbare Stöße, die das ganze Schiff erschüttern. Drunten in den Ka­rinen gellendes Aufschreien.

l' Orlando hält den Atem an und lauscht. Ihm ist, pls senke sich das Schiff auf eine Seite. Oben an iDeck hastiges Auf und Ab Und jetzt — Kommando- xufe:

- „Alle Mannschaften an Deck!"

Großer Gott, was ist pafliert! Sanft bettet Or­lando das müde Köpfchen, das schlaftrunken an sei­ner Brust geruht, auf das Sammetkiffen des Sofas. Dann eilt er hinauf. Droben alles fieberhafte Ge­schäftigkeit. Die Mannschaft ist bemüht, die Rettungs- woote klar zu machen.

„Kapitän! Ist Gefahr?" ruft Orlando durch den praufenben Sturm hinauf zur Kommandobrücke. t -3a! Unmittelbare Gefahr. Die Kabinen sind £>r^on benachrichtigt. Holen Sie auch Ihre Damen! jAlle^Paffagiere an Deck!"

In fliegender Eile tappt Orlando sich auf dem E^^br »ach rechts kippenden Schiff zurück nach ittoarttf1011' to0 3Rim ihn mit angstvollem Bangen

Sie!" stößt er hastig heraus, hre Mutter wecken. Das Schiff

1 auf den Füßen.

mit hinunter", fleht sie. „Meine lt hält er sie zurück.

aufhalten!" stößt ^te Eile ist vonnöten. Ich Verlaffen Sie sich auf mich!"

»®hrra! Bleiben >^ch eile hinunter, Sf Kat ein Leck!"

Schon steht Mirro „Lassen Sie mich fmne, arme Mutter!" - Mit fünfter Gewa 2 „Nein, Mirra, Si< hl hastig heraus, „Q Hin gleich wieder da!

Und schon stürzt er die Treppe hinab nach Frau San Martinos Kabine.

SDtirra schließt die Augen. Ein eigenes Gefühl beschleicht sie. Richt gerade Furcht, aber ein unge­wisses Bangen vor den nächsten Minuten. Sie denkt an den nichtsahnenden Vater daheim ... an die arme Mutter ,bie vielleicht mit ihr dem Tode ent­gegengeht. .. Und sie dentt an die tote Schwester und an das, was sie gelitten; dentt daran, wie ihr eigenes Herz seit langem Orlando gehört — schon damals, als Terestta noch lebte, sie dentt daran, welche Qua­len diese Erkenntnis der Toten bereitet haben muß und wie sie trotzdem auf dem Sterbebett die Hand der Schwester in die des so heiß geliebten Gatten legte. . . Ein tiefer Seufzer hebt Mirras Brust.

Wie Rein erscheint ihr plötzlich das irdische Leben mit all seinen nichtigen Sorgen, mit seinen Wünschen und Kämpfen und Hoffnungen und Qualen — hier, angesichts der rasenden Elemente, angesichts des nahenden Todes! . . . Sie sinkt in die Knie. Und ein Gebet steigt zum Himmel empor— so heiß, so in­brünstig, wie Mirra schon seit Jahren nicht gebetet. Ihr ist, als falle plötzlich alles Weh, alles Herzeleid von ihr ab, als umfingen sie wieder wie früher die stillen Klostermauern, als neige sich das sanfte Antlitz einer der frommen Schwestern über sie und flüstere:

„Schlaf sanft, mein liebes Kind . . .'

Da fühlt sie sich von starker Hand gepackt und em­porgehoben.

„Rasch, Mirra! Rasch! Das Wasser steigt! Ihre Mutter ist schon an Deck! Hier, diesen Schal! Und nun — vorwärts!"

Von Orlandos Armen mehr getragen als geführt, erreicht Mirra das Deck. Ueberall auf den Treppen­stufen, in den Gängen zusammengekauerte, notdürftig bekleidete Menschen in Todesangst. Frauen fassen die Hände ihrer Männer. Kinder klammern sich an ihre Mütter. Grauenvolles Schweigen. Nur manchmal verhaltene Seufzer, ersticktes Klagen.

Droben auf der Kommandobrücke in erhabener Todesverachtung der Kapitän mit zweien seiner Offi­ziere. Seine mächtige Stimme überbrüllt die tobenden Elemente. Jetzt ist das erste Rettungsboot flott. Hoch

wird es emporgehoben hon den Wellengebirgen und wieder hinabgeschleudett in Wogenabgründe. Fieber­hafte Aufregung erfaßt die zusammengekeilte Men­schenmenge.

„Hinein! Hinein ins Boot!"

Stoßen, Drängen, Schieben, Püffe, Gewalt. Die Bestie im Menschen erwacht. Jeder dentt nur an sich. Mag der andere untergehen! Frauen werden zurück- gestoßen, Kinder niebergetreten. Nur hinein, hinein ins Boot!

Vergebens kommaudiett der Kapitän: „Frauen und Kinder zuerst!"

Das erste Rettungsboot stößt ab. Es enthält nur Männer. Die rohe Kraft hat den Sieg davongetragen. Jetzt steht Orlando ganz vorn. Jeder seiner Arme umschlingt eine der zitternden Frauen.

„Ich habe die Pferde losgebunden, Signore!" brüllt Pietros Stimme von hinten zu Orlando hin­über. „Sie krepierten fast vor Angst.

Orlando hött nicht auf seinen Stallknecht. Was flimmern ihn jetzt die Pferde! Jetzt, da es gilt, da? Leben der beiden Frauen zu retten! Immer mehr sinkt das Schiff. Ein Tell des Decks ist bereits unter Wasser.

„Hinein, hinein ins zweite Boot!"

.Sofort ist es gefüllt.

„Noch einer!" kommandiert der leitende Offizier.

Mit geschicktem Wurf schleudert Orlando die fast ohnmächtige Frau San Martino hinunter.

„Voll! . . . Ab!"

Umsonst fleht und schreit die arme Mutter drun­ten im Boot, die Arme nach ihrer Tochter ausstreckenb. Das Boot stößt ab.

Dicht aneinander geschmiegt stehen Orlando und Mirra. Eine merkwürdige Ruhe ist über sie gekom­men. Ohne ein Wott zu sprechen, empfinden beide nur das eine:

„Wir sterben zusammen."

Da — eine mächtige Sturzsee--Ein Schrei

des Entsetzens — — Eine Masse Menschen ist über Bord gefegt Unter ihnen Orlando und Mirra. Or­lando fühlt, wie ihm das Wasser an die Kehle bringt Er ist ein geübter Schwimmer und gebraucht mit gan­

zer Kraft Arme und Beine, um sich aus dem Bereich des sinkenden Schiffes zu bringen.

Doch wo ist Mirra? In Todesangst ruft er ihren Namen. Ein halberstickter Laut als Antwort. Sie ist dicht neben ihm. Der Selbsterhaltungstrieb gab ihr Kraft, ihm nachzuschwimmen.

„Halte Dich an mir fest, Mirra! Ganz fest!"

-Ja."

„Nicht loslassen, was auch kommen mag! Hörst Du?"

-Ja."

So vereint, werden die beiden von den Wogen da­vongetragen, während hinter ihnen verzweifelnde Men­schen mit dem Tode kämpfen und das Schiff immer tiefer sinkt. Schon feit lange ertönen von dem sinken­den Re Umberto her Notsignale, steigen prasselnd Ra­keten in die Lust, um Schiffe, die vielleicht in der Nähe, aufmerksam zu machen. In seiner ganzen Pracht steht der Mond am dunklen Firmament. Fahl beleuchtet er die grausige Szenerie. Orlando fühlt, wie Mirras Körper schwerer und schwerer wird. Die Kräfte schei­nen sie zu verlassen.

Mit fast übermenschlicher Anstrengung arbeitet et. Nirgends ein Schimmer von Rettung.

„Laß mich los! Rette Dich, Orlando!" stöhnt Mirra erschöpft.

„Nein. Ich lebe mit Dir und sterbe mit Dir!"

Und nochmals nimmt er einen verzweifelten Anlauf, das teure Leben zu retten. Ein wahnsinniges Verlan­gen zu leben, vereint zu fein mit ihr, die seine ein­zige wahre Liebe, erfaßt ihn und gibt seinen Arm für kurze Zeit Riesenkraft. Dann — ein dumpfes Gefühl im Hinterkopf. Vor den Augen Nebelschleier. Ter ganze Körper wie erschlafft, wie abgestorben . . . Fast willenlos überläßt Orlando sich und die fest an ihm hängende Geliebte nun den Wellen.

Da hött er plötzlich neben sich heftiges Schnaufen. Ein bunller Körper treibt ihm entgegen. Er versucht den Kopf zu heben .Ein Pferd kämpft wütend mit den Wogen.

„Pluto!" schreit Orlando. „Pluto!."

lForisetzung folgt.)