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Fulda, Dienstag den 7. September 1909.
36. Jahrgang.
Zweites Malt.
4» „Leget die Lügen ab und redet die Wahrheit!"
Um die ganze „Verruchtheit" der Steuerpolitik des Zentrums zu „brandmarken", wie es in der Kraftsprache sozialdemokratischer Blätter und Flugblätter heißt, gefällt sich die Sozialdemokratie in dem Agilationstrnk, Aussprüche aus dem Munde von Zentrumsabgeordneten sowie Abschnitte aus älteren Artikeln und Broschüren zu zitieren. Damit will die Sozialdemokratie angeblich eine Antwort geben auf das Volksvereinsflugblatt: „Die Reichssteuern von 1909". Sachlich weiß sie auf dieses Flugblatt auch rein gar nichts zu erwidern, und in dieser Verlegenheit wirft sie sich auf die Zitatenspielerei, um so einen „Widerspruch" zwischen Zentrums- Worten und Zentrumstaten bei der neuen Reichsfinanzreform zu „konstruieren".
Zentrumsworte und Zentrumstaten brauchen aber durchaus nicht einen Widerspruch zu bilden. Beide muß man beurteilen aus den Zeitverhältnissen heraus, aus der Ver- gangenh.eit bezw. aus der Gegenwart. Wenn die sozialdemokratische Preffe z. B. einer vom Volksverein vor einigen Jahren heraus- gegebenen Broschüre „Die Steuerpolitik des Zentrums", Zitate über die Zuckersteuer, Tabaksteuer, Biersteuer usw. entnimmt, so ist zum Verständnis dieser Zitate sehr zu beachten, daß diese Broschüre eine Umarbeitung eines Flugblattes darstellt, das vor etwa zehn Jahren bereits geschrieben wurde. Damals hatte das Reich noch nicht so gewaltige Ausgaben wie heute, sodaß auf eine schärfere Heranziehung von Gegenständen des Massenkonsums verzichtet werden konnte. Damals sind in der Erwartung, daß auch in absehbarer Zukunft die Bedürfniffe des Reiches einen be- sonderen Umfang nicht überschreiten würden, die Ausführungen abgefatzt worden; heute sind sie also zu verstehen aus den Verhältnifien der
Vergangenheit.
Bei der sogenannten kleinen Finanzreform von 1906, als die Umarbeitung des alten Vvlks- vereins-Flugblatts über die indirekten Steuern erfolgte (1906), konnte man auch noch ohne wesentliche Belastung des Massenverbrauchs aus- kommen. Es ist eine faustdicke Lüge, wenn in |ber sozialdemokratischen Preffe vornehmlich die Dinge so dargestellt werden, als wenn jene I Volksvereinsschriften „im vorigen Jahre" verfaßt worden seien, als die große Reichsfinanzreform vor der Türe stand. Kein Mensch hat 1906 ahnen können, daß schon im Laufe Verhältnis- mäßig so weniger Jahre sich die Verhältnisse im Reich so ändern würden, daß die Regierung mit Riesenforderungen von 500 Millionen Mark an das deutsche Volk heran- treten würde! Selbst die „Genoffen", die ja ! sonst mit einer besonderen Prophetengabe ausgestattet zu sein scheinen, haben an einen solchen j Umschwung nicht gedacht. So wie aber die
Verhältnisse in der Gegenwart im Jahre 1908/09 lagen, ließ sich die Schaffung neuer Steuern nicht weiter umgehen. Und wenn die Steuern bei der jüngsten Finanzreform hauptsächlich indirekter Natur waren, so er«
Kleines Feuilleton.
— Neber das Schreien unserer Säuglinge. Gegen ldie Unfitte, das schreiende Kind durch Wiegen, Schaufeln oder durch Hin- und Herfahren mit dem Wagen zu beruhigen, muß enffchieden angekämpst werden, da sie schädlich wirkt. Hört das Schreien nicht auf, und findet man nach sorgfältiger Untersuchung keine Ursache, so laffe man das Kind liegen, bis es sich selbst beruhigt hat, und verwöhne es ja nicht durch sofortiges Aufnehmen und Herumtragen. Durch das Schreien kommen die Brust- und Bauchmuskeln tüchtig in Bewegung, die Lunge wird stack gedehnt, und durch den Druck der Bauchmuskeln auf den Unterleib gehen oft Blähungen und Gase ab, die dem Kinde Schmerzen verursacht haben, und das Kind wird dann oft ruhig. Ein Ausschreien des Bruchs ist bei sonst gesunden Kindem nicht so leicht zu befürchten. Nimmt andererseits das Schreien einen ängstlichen Ausdmck im Gesichte des Kindes an und hält das Schreien zu lange an, so muß man auf andere Ursache schließen -.mb den Arzt befragen Viel häufiger ist das Schreien nichts als eine schlechte Angewohnheit; zum Wohle des Kindes ist nur darauf zu achten, daß es diese Un- crt nicht annimmt. Der jungen, unerfahrenen Mutier kann nicht genug empfohlen werden, sich durch einen kleinen Schreihals nicht tyrannisieren zu lassen; merkt derselbe erst, daß er beim Meckern und Schreien auf» sgeriffen, gehätschelt und getätschelt oder gar geschaufelt und gefahren wird, so ist es vorbei, und der Schreihals ist fertig. Ganz zu verwerfen ist aber die Unsitte, Kinder beim Schreien durch Aengsttgen beruhigen zu wollen z. B du sei still, der schwarze Mann kommt, die Hexe kommt und holt dich, oder du kommst in die schwarze Kammer usw., wie dies unerfahrene Mädchen und Wärterinnen oft tun. Am alleckchlimm- sten ist es aber, die Kinder durch Hereinschieben eines GummipfropfenS oder Lutschers in den Mund beim Mchretm beruhigen zu wollen; davor sei ausdrücklich
klärt sich das einmal aus dem verfassungsmäßigen Zustand, der gerade diese indirekten Abgaben dem Reich überläßt, während die direkten den Bundesstaaten und den Gemeinden überlassen sind. Sodann zweitens aus der gewaltigen Summe, die jetzt gefordert wurde, so daß von einer weiteren Erhöhung der indirekten Steuern unter keinen Umständen abgesehen werden konnte. Nur schweren Herzens, lediglich der Not gehorchend, hat das Zen- trum einigen indirekten Steuern zugestimmt. Wer aber das Ganze nach seiner Verteilung auf Besitzende und Besitzlose überblickt, der wird zugeben müssen, daß das Zentrum sich aufs eifrigste bemühe hat, auch bei der jüngsten Sozialreform den
Grundsätzen einer sozialen Steuerpolitik Rechnung zu tragen. Das Zentrum hat dem Reiche gegeben, was zu seinem Fortbestand und damit zur Wohlfahrt seiner Bürger notwendig war, es hat aber die Lasten so verteilt, wie es soziale Gerechtigkeit und die Rücksicht au die Besitzverteilung in unserem Vaterlande zur Pflicht machten. Das Zentrum hat damit eine wahrhaft
possitive, fruchtbare Politik getrieben. Dagegen trägt die sozialdemokratische Politik an sich den
Stempel politischer Unfruchtbarkeit sowohl im allgemeinen wie im besondern.
Jrn allgemeinen! Im Stellen von Forderungen an den Staat ist die Sozialdemokratie wirklich nicht unbescheiden. Geht's aber ans Zahlen, dann stimmt die Sozialdemokratie einfach gegen den Etat und versucht, dem Staat die Mittel zur Erfüllung der Forderungen zu nehmen, die sie selbst gestellt hat. Sie lehnt einfach jede Steuer ab und überläßt es andern Parteien, diese zu bewilligen. Ist das vielleicht eine Politik politischer Fruchtbarkeit? Auch bei der jüngsten Finanzreform wollte die Sozialdemokratie ernsthaft gar nicht Mitarbeiten. Sie wollte die Finanznot des Reichs gar nicht beseitigen, obwohl das nicht im wenigsten im Interesse der Arbeiter gelegen war, sondern sie wollte nur hetzen können. Sie wollte, daß die Finanzresorm verhindert würde, der Reichstag bann aufgelöst würde, um dann um so ungehinderter im Trüben fischen zu können. Und eine solch verlogene Politik nennt bann die sozialdemokratische Presse heuchlerisch eine Politik zur Wahrung der Volks- inteteffen!
Die sozialdemokratische Steuerpolitik ist aber auch deshalb unfruchtbar, roeil ihr Steuerprogramm einfach undurchführbar
ist. Eine direkte Einkommen-, Vermögens- und Erbschaftssteuer wie das sozialdemokratische Steuerprogramm als einzige Steuer fordert, ist einfach unmöglich. Indirekte Steuern sind einfach unvermeidlich.
Daß es ohne diese nicht geht, weiß die Sozialdemokratie sehr genau. Schrieb doch ihr Parteipapst Kautsky in seiner Broschüre „Am Tage nach der sozialen Revolution" (Berlin, .Vorwärts' 1909, S. 12—13) noch vor wenigen Jahren über die von der Sozialdemokratie ge- forderte progressive Einkommen-, Vermögens- und Erbschaftssteuer wie folgt:
und nochmals ernstlich gewarnt. Beim Schreien reißt das Kind den Mund moMchst weit auf, macht dabei sehr tiefe Einatmungen, und wie leicht kann so ein Gummipftopfen angesogen werden und dem Kinde in den Hals gelangen, woran es dann ersticken muß.
— Ein umsichtiger Todeskandidat. Der Dampfer „La Guadeloupe", der vor einigen Tagen von Bordeaux aus nach Südamerika abging, hat auch einen etwa vierzigjährigen, sehr reichen, aber auch gleichzeitig sehr kranken Peruaner an Bord. Die Pariser Aerzte hatten ihm nicht verhehlt, daß er die lange Fahrt kaum überstehen dürfte. Der Peruaner hatte daher vor seiner Abreise von Paris einen Eichen- und einen Bleisarg bestellt, ferner alles, was zur Einbalsamierung notwendig ist, und bei der Einschiffung in Bordeaux überwachte er, die Rechte auf einen Stock gestützt, mit der Linken sich an den Arm eines Freundes Ham- mernd, die Verladung seines gesamten Gepäcks. Der betreffende Frachtbrief lautete: „Herr . . 3 Felleisen, 2 Körbe, 1 Handtasche, 2 Särge, 1 großer Koffer" und enthält auf dem Rande den Bermeck: „Dieser Reisende glaubt, vor Ankunft des Schiffes am Bestimmungsorte zu sterben und wünscht einbalsamiert und in feine Heimat gebracht zu werden."
— Ein mißverstandenes Geschenk. In der Septembernummer des „Windsor Magazine" findet sich folgende hübsche Erinnerung an den »erstorbenen chinesischen Staatsmann Li-Hung-Tschang: Als Li-Hnng- Tschang London besuchte, beschloß ein Mitglied der Börse, dem berühmten Diplomaten eine Auftnecksam- keit zu erweffen. Nach langem lieberfegen verfiel er auf den Gedanken, dem Chinesen zwei kleine, sehr kostspielige Schoßhündchen zu schenken. Gesagt, getan. Nach einigen Tagen erhielt er von Li-Hung-Tschang folgenden überraschenden Dankbrief: „Ich habe mich über Ihr Geschenk sehr gefreut, leider zwingen mich mein Alter und meine Gesundheit zu einer sehr strengen Diät. Ich habe daher angeordnet, daß die beiden Hündchen für einige Herren meiner Begleitung her- gerichtet werden, und sie haben ihnen vortrefflich geschmeckt."
Es ist ja heute schon unsere Forderung, daß wir durch eine solche Steuer alle andern, delonoers die indirekten Steuern, eiietzen. Wenn wir aber zu chrer Durchsührung heute die Kratt erhielten, durch die Umernützung der andern Parteien, was sreilich ausgeschlossen, ... so würden wir doch dabei aus große Schwierigkeilen stoben . . . über ein gewisses MoH kann man allo bei die!en Steuern nicht hrnaus, selbst wenn man die volittsche MaLl dazu hätte.
So steht's in Wirklichkeit! Die Sozialdemokratie, die in ihren Flugblättern ben starken Mann spielt und so tut, als wäre es ihr ein leichtes, von heute auf morgen ein absolut gerechtes Steuersystem zu schaffen, steht in der Praxis da, wie der bekannte Greis, der sich nicht zu Helsen weiß! Das ist begreiflicherweise eine recht blamable Situation, aus der die Sozialdemokratie einen Ausweg sucht. Da sie gegen die jüngste Steuerpolitik des Zentrums sachlich rein nichts zu erwidern weiß, glaubt sie diesen Weg darin zu finden, daß sie sich aufs Verdrehen, Verdächtigen und Schimpfen wirst.
Das Zentrum kann sich mit seiner Reichsfinanzreform schon sehen lasten. Der Sozialdemokratie aber, die nach dem Geständnis ihres hervorragendsten Lehrers mit einem völlig unmöglichen Steuerprogramm einfach hilflos dasteht, sich jedoch pharisäerhaft vermißt, die ernsthafte, sachliche Steuerpolitik des Zentrums mit ihrem Lug und Trug zu Überschütten, rufen wir mit ihren eigenen Worten zu:
„Leget die Lügen ab und redet die Wahrheit!"
Deutsches Reich.
(*) Mit der sozialdemokratischen Frauenagitation in Berlin ist, wie wir der „Freis. Ztg." entnehmen, bereits begonnen worden. Bekanntlich wird angestrebt, alle Geschäftsleute in den Arbeitervierteln dahin zu bearbeiten, daß sie bei den bevorstehenden Ersatzwahlen den sozialdemokratischen Wahlmännern ihre Stimme geben. Wer diesem Druck nicht Folge leistet, auch durch Stimmenthaltung, über den soll von den Frauen der Boykott verhängt werden. Zunächst wird zu den Geschäftsleuten dadurch Fühlung gesucht, daß man sie auffordert, für die Streikenden in Schweden Beiträge zu leisten. In dec Gotzkowski- sttaße gelang es einer sozialdemokratischen Agitatorin, auf diese Weise 36 Mack zusammenzubringen. In der Wilhelmshavener-, Borken- und Stromstraße sind ebenfalls bei den kleineren Geschäftsleuten derartige Listen präsentiert worden. Wer sich weigerte, kann schon jetzt eine Abnahme seiner Kundschaft konstatieren. Es wurde beobachtet, daß Frauen und Mädchen an mehreren Geschäften Posto gefaßt hatten und den Kauflustigen von der Sperre Kenntnis gaben. — Die Sozialdemokratie versucht also systematisch die kleineren Geschäftsleute durch Androhung ihrer Existenzver- nichküng zur Stimmabgabe für ihre Kandidaten zu zwingen. Um solchen Terror beizukommen, gibt es nach unserer Meinung nur ein Mittel: die baldige Einführung der geheimen Stimmabgabe in Preußen.
♦ Der Gesamtfehlbetrag des Reiches für 1908, der bekanntlich auf 122 Millionen angegeben wurde, beziffert sich nach der Behauptung der „Berl. Pol. N." in Wirklichkeit auf mehr als 246 Millionen. Es kommen nämlich noch die gestundeten Matrikular- umlagen hinzu, die durch die Reichskasse übernommen werden sollen. Da das Soll der Matrikularbeiträge 346 Millionen, die Ueberweisungssumme 197,4 Millionen betragen, so ergibt sich ein Fehlbetrag von 148,6 Millionen. Zieht man hiervon die 24 Mill, ab, die für die Schuldentilgung bestimmt waren, aber nicht verwendet wurden, so bleiben 124,6 Millionen, mit dem übrigen Fehlbetrag von etwa 122 Mill, also 246 Millionen. Abgesehen von dem Abzüge der 24 Millionen für die nicht ausgeführte Schuldentilgung kommen noch einige 20 Millionen Mack in Abzug für die Beamtenbesoldungsaufbefferungen.
* Zentrum und Jesuiten. Die,Rheinisch- Westfälische Zeitung' läßt sich angeblich von einem „katholischen Geistlichen", bet ihr als ein zuverlässiger Mann bekannt fei, folgenden „religiösen Kuhhandel" erzählen;
Gelegentlich der Beratungen bezüglich der Ehegesetzgebung im bürgerlichen Gesetzbuch habe ein reger Meinungs-Austausch zwischen den Jesuiten und dem Zentrumsführer Dr. Lieber ftattgefuudeu. Zuerst hätten Bischöfe und Jesuiten „schwere Bedenken erhoben und den Zentrumsabgeordneten bedeutet, sie dürften den betreffenden Paragraphen au8 Gewissensbedenken nicht zustimmen". Nach langen Verhandlungen hätten aber die Jesuiten doch ihre Zustimmung zu dem Gesetze gegeben, als ihnen ein Entgegenkommen der Regierung bei der nächsten .Einbringung des sogen. Jesuitengesetzes" (soll wohl heißen bei Einbringung des nächsten Antrages gegen das Jesuitengesetz) in Aussicht gestellt wurde. Nachher habe aber Dr. Lieber höchstens auf den Fall des Z 2 des Jesuitengesehes Hoffnung jelaffen, worüber die Jesuiten sehr ungehalten gewesen eien.
Diese Kuhhanbelgeschnhte ist erfunden. Wahr ist an ber ganzen Sache nur, baß Jesuiten um ihre Ansicht in der die katholische Kirche birett berührenden Angelegenheit befragt wurden. Der bekannte Moralist P. August Lehmkuhl 8. J. jat bann in bet .Kölnischen Volkszeitung' einen Artikel veröffentlicht, bet die Vereinbarung der Ehegesetzparagraphen mit dem katholischen Kirchen- recht darlegte.
* Landau (Pfalz), 5. Sept. 1909. Bet der heutigen Landtagswahl in Neustadt-Edenkoben erhielten Hammerschmidt (liberal) 4736, Lorenz (Zen- trum) 3523, Eckermann (Sozialdemokrat) 4111 Stimmen. Hammerschmidt ist somtt gewählt.
Ausland.
* Französische Vorkehrungen gegen Spionage. Der Kriegsminister General Brunn hat die Korpskommandanten aufgefordert, Maßnahmen für eine genaue Ueberwachung des Kriegsmaterials sowie aller militärischen Organisationen vorzunehmen, um jede Indiskretion, sowie unliebsame Zwischenfälle, wie sie in der letzten Zeit vorgefallen seien, zu vermeiden.
* Wohin blinder nationaler Eifer führen kann, zeigt folgendes ergötzliche Beispiel: Etwa 240 Schlesier, zumeist Deutsche, denen sich einige Polen angeschloffen hatten, der Mehrzahl nach Frauen, beschlossen eine Pilgerfahrt nach Admont, mit der sie einen Ausflug ins Salzkammergut verbinden wollten. Ein — sagen wir — deutschfreisinniger Berichterstatter hatte von dem Vorhaben Wind bekommen, er hörte die Namen Freistadt, Jablunkau, Skotschau und Teschen als Heimat der Pilger nennen. Teschen! Hier stockte er schon. Die Hauptstadt Ostschlesiens ist zwar kein unbekanntes Krähwinkel, aber ein deutschfreisinniger Berichterstatter braucht kein Geograph zu sein. Der Klang des Wortes war ihm verdächtig und nach kurzem Nachdenken zweifelte er nicht mehr, daß hinter dem Pilger- zuge aus Teschen ein Tschenei nfall stecke. Und flugs wurde die ganze deutschfreisinnige Oesfentlichkeit alarmiert. Drei Kronländer, soweit sie sich von der freisinnigen Presse informieren lassen, rüsteten zum Kampfe gegen die Eindringlinge. Der Landsturm der deutschen Schutzvereine wurde aufgeboten. Da stellte sich im letzten Augenblicke heraus, daß die Pilger keine tschechischen Eindringlinge, sondern Teschener Deutsche waren. In Salzburg, wo man am hartnäckigsten an den Einfall und an die tschechische Ueberflutung glaubte, harrte man der Ankömmlinge im Bahnhofe, und als diese durch keinen tschechischen Laut ihre teschener Herkunft kompromittierten, rief man ihnen empört über solche Verstellungskunst, „Heil" zu. Aber die Teschener „heilten" freundlich zurück und, als nun die biederen Salzburger, um der Sache auf ben Grund zu kommen, die „Wacht am Rheinsangen, stimmten einige der „Eindringlinge" herzhaft in den Chorgesang ein. Da verloren die Schützer von Salzburg alle Haltung und rief,« den Schlesiern zu: „Was ist denn das, ihr fe'b , fa gar nicht Tschechen!" Mn belustigtes „WaS> fällt euch denn ein, wir sind ja gerade so gutei Deutsche wie ihr!" war die Antwort. Und dir- ausgezogen waren, zu demonstrieren, kehrten heim,l sich zu genieren.
* Katholikenhetze in der Türkei. Die Mohammedaner scheinen es seit einiger Zeit auf bi< Katholiken abgesehen zu haben. Die „Franks. Ztg." berichtet aus Skutari: Der Generalgouverneur hat gegen angeblich widerspenstige Katholiken am Zukali eine Strafexpedition gesandt,' die wild gehaust haben soll. Es wurden ungefähr 20 Häuser niedergebrannt, viele Maisfelder ' verwüstet, Obstbäume gefällt und fehr viel Vieh den Bewohnern abgenommen und geschlachtet. Diese Strafe traf meist Unschuldige, da die Schuldi-; gen das Weite gesucht haben. Auch die Kirche von Schlaku soll niedergebrannt, der Pfarrer Don Michaele Ciuni verhaftet und nebst einem Dutzend, anderer Bewohner der Zukali-Dörfer in Ketten gelegt worden sein. Der Pfarrer hat stets für, die Befolgung der Konstitution gepredigt. ®ie, Harle Behandlung desselben fällt um so mehr auf, als die hiesigen mohammedanischen Reaktionäre und Feinde der Konstitution unbehelligt bleiben.
Aus Airche und Schule.
* Das Missionsklofter Mariannhill in Natal (Südafrika) wurde durch ein jetzt bekannt gewordenes Dekret der römischen Kongregation für Ordensleute vom 2. Febmar 1909 vom Orden der Resomierten Zisterzienser getrennt und als selbständiges Missionskloster proklamiert. Die Mariannhiller Mönche heißen nunmehr „Ordensmissionäre von Mariannhill". Sie legen einfache, jedoch ewige Gelübde ab und machen in Mariannhill ihre Studien. Bischof Dr. Miller, apostolischer Vikar von Transvaal und apostolischer Vifi- tator von Mariannhill, ernannte im Auftrage des hl. Stuhles den früheren Abt Gerrard Wolpert zum ersten Propst von Mariannhill. Die Nachfolger des ersten Propstes werden von den Ordensleuten selbst gewählt.. So können sich die Marinnhiller Mönche nunmehr, ganz ihren: segensreichen Missionswecke widmen, dem Zwecke, dem der verstorbene Abt Franz Pfänner vor nunmehr 29 Jahren die Zisterzienserabtei Mariannhill unter unsagbaren Opfern gegründet hat. — Aus dem Kloster Mariannhill ist auch der Vorsteher der Trap- liftmftation Citeaux (Natal) Pater Ivo Hohman- (HilderS) hervorgegangen.
Aus dem Nachbargebiete.
* Bach«, 2. Sept. 1909. Der 1. September toffl. ür unsere Stadt ein ernster Gedenktag, näm- ich der des großen Brandes, welcher am 1. September 1878 reichlich ein Drittel der Stadt in Asche legte. DaS Feuer war abends gegen 9 Uhr am Obertor zum Ausbruch gelangt. Bei dem herrschenden stacken Westwind nahm es eine große Ausdehnung an, so daß binnen 12 Stunden 64 Wohnhäuser und 140 Nebengebäude niederbrannten. Weitere 21 Wohnhäuer und 17 Nebengebäude waren beschädigt. Die Stadt erstand nach dem Brande schöner und fteund- licher. als ste ehemals war.