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Gvstes Wtcltt.

Deutsches Reich.

** Berlin, 6. Sept. 1909. Der Kron­prinz wird der Kaiserparade in Stuttgart nicht beiwohnen, da seine linke Wange infolge eines Wespenstiches derart angeschwollen ist, daß der Arzt sein Erscheinen nicht für wünschenswert erklärt hat.

L Zur Teilnahme an den Kaisermanöveru sind am Montag in Stuttgart Erzherzog Friedrich von Oesterreich, Prinz Eitel-Friedrich von Preußen und Prinz Ludwig von Bayern eingetroffen. Am Nachmittag 2,15 Uhr traf das Äaiserpaar in Stuttgart ein. Es fuhr zum Restdenzschloß und besichtigte später das Rathaus. >DaS Manöver erhält besondere Wichtigkeit da­durch, daß das Truppenaufgebot der drei großen süddeutschen Bundesstaaten daran teilnehmen wird. Es gehört zu den umfangreichsten, die 'in den 15 Jahren seit Einführung der kriegs- müßigen Friedensübungen großen Stils statt- gefunden haben.

** Die Aenberungen in den höheren Kom­mandostellen der Marine, die bereits vor einigen Tagen angekündigt waren, sind jetzt durch aller­höchste Kabinettsorder bekanntgegeben worden: Vizeadmiral v. Holtzendorfs wurde zum Chef der Hochseeflotte anstelle des zum Generalinspekteur der Marine auftückenden Prinzen Heinrich von Preußen ernannt.

* A«S heu AuSführrmgSbestimuumgen zum ZSnd- warmsteuergesetz teilt eine Berliner Korrespondenz noch folgende Einzelheiten mit. Sind Zündhölzer an beiden Enden mit Zündmafle versehen oder In einer Art hergestellt, die das Abbrennen von weiteren gebrauchsfähigen Zündstäbchen ermöglicht, so sind für die Versteuerung soviel Zündhölzer in Ansatz zu bringen, als gebrauchsfähige Stäbchen daraus hergestellt werden können. Der Reichskanzler ■ift ermächtigt, auch bengalische Zündhölzer, sowie Hölzer, die durch Paraffinieren, Schwefeln oder auf Ländere Weise derart vorgerichtet sind, daß sie ohne Berührung mit Feuer durch Eintauchen in eine Flüssigkeit oder auf anderem Wege zur Entflammung gebracht werden können, für steuerpflichtig zu erklären. Für die Nachsteuer ist von besonderem Interesse, daß alle im Besitze von Händlern, Wirten, Kasinos, > Logen usw., und zwar auch in den Privathäusern iber Betreffenden sich befindenden Zündwaren der Nachsteuer unterliegen.

** „Reichskanzler und Zentrum." Unter dieser Spitzmarke berichten die nationalliberal­kulturkämpferischen »Berliner Neuesten Nach- richten':

Der Regierungspräsident von Breslau machte be­kanntlich von seiner Befugnis, die polnische Sprache auf dem Katholikentage zuzulasien, keinen Gebrauch und lehnte ein dahiuzielendes Gesuch des Komitees rundweg ab. Nach einer Mitteilung von jbestinformierter Seite erfolgte das Verbot im Einver­nehmen mit dem neuen Kanzler. Herr von Beth- mann-Hollweg wollte auch den Schein vermeiden, als ob die Regierung anläßlich der Haltung des Zen­trums und der Polenfraktion bei der Reichsfinanz- resorm beabsichtige, eine neue Aera einzuleiten.

Nun ja: den »Schein" hat der neue Kanzler gründlich vermieden!

-*-Zum Jahrestag der Schlacht von Denne- tvitz soll in diesem Orte dem Grafen Bülow von Dennewitz (der dort 1813 den französischen Marschall Ney besiegte) ein Denkmal errichtet werden. Dem Ehrenkomitee ist außer Nach­

36. Jahrgang

Fulda, Dienstag den 7. September 1909

J» 204.

fühl« durch Andersgläubige bitter zu klagen haben. Wenn die deutsche Vereinigung ihre Anstrengungen einmal auf diesen Punkt richten wollte, so könnte sie ein gut Teil dazu beitragen, daß die Gründung eines katholischen Strandklubs nicht notwendig würde.

— Herbstmanöver trotz aller Ernte- schwierigkeiten. Das großherzoglich mecklen- burgische Ministerium des Innern war an das Generalkommando des IX. Armeekorps erneut mit dem dringenden Ersuchen herangelreten, mit Rücksicht auf die anhaltend ungünstige Witterung und die dadurch hervorgerufenen überaus schwierigen Ernteverhältniffe den Ausfall der diesjährigen Truppenübungen an zuständiger Stelle zu erwirken. Das Generalkommando hat aber gutem Vernehmen nach dem Ministerium geantwortet, daß es bei der gegebenen Sachlage die Herbeiführung des Ausfalls der „Hebungen nicht glaube verantworten zu können.

So kriegerisch sieh t's doch in Europa nicht aus?

* Krieg int Ovambo-Lande? Aus dem Ooambolande bringt die deutsch-südwestafrikanische Zeitung die Nachricht,* daß der Häuptling von Hkuambi einen Raub zu g nach Ongandjera aus- geführt habe. Der Verkehr zwischen beiden Stämmen ist vollständig abgeschnitten. Ob es zu weiteren Feindseligkeiten kommen werde, bleibe abzuwarten. Der Missionar Nautanen sen. sei abgereist, um wenn möglich den Streit zwischen beiden vollständig in unserem Gebiet wohnenden Stämmen zu schlichten. An Berliner zuständiger Stelle ist von diesen Vorgängen bisher nichts bekannt.

* Darmstadt, 6. Sept. 1909. Die Landeskonferenz der Sozialdemokratie im Großherzogtum Hessen beschloß am Samstag einen Antrag, der er­wartet, daß der Parteitag in Leipzig alle Ausein­andersetzung persönlickM Art vermeidet. — Man fürchtet offenbar, nach den neuen Vorkommnissen, Leipzig könnte ein zweites Dresden werden.

)( Unsere Ostmärkler und Alldeutschen sind gleiche Brüder mit gleichen Kappen. Das zei­gen mich die gegenwärtigen Verhandlungen des O st - rnarkenvereins in Kattowitz und des All­deutschen Verbandes in Schandau bei Dres­den. Auf beiden Tagungen beschäftigte man sich aus­giebig mit den Nationalitätenfragen, und in abge­droschenen Phrasen wird gefordert, daß das Deutsch­tum in der Ost- und Nordmark und in Elsaß-Lothrin- gen mehr gefördert werde.

Der Ostmarkenverein sandte u. a. ein Tele­gramm an den Kais e r, in dem auf das Bestreben des Vereins hingewiesen wird, das Deutschtum im Osten zu kräftigen und gegenüber feindlicher Agitation den deuffchen Mittelstand zu sichern. Der Kaiser sandte auch ein Dankteleoramm, worin er der Hoff­nung Ausdruck verleiht, daß „der für die Zukunft und Größe des deutschen Vaterlandes so bedeutungsvollen Arbeit des Vereins" Gottes Schutz und Segen in rei­chem Maße beschieden fein möge. — Das Telegramm zeigt leider, daß in bet preußischen Polenpolitik sobald noch nicht eine Änderung eintreten wird.

Der Alldeutsche Verband hat sich natürlich auch mit der Welfenfrage beschäftigt. Was für poli­tische Sonderlinge diese Herren sind, zeigt die Reso­lution, die nach langem Hin- und Herreden angenom­men wurde und die

für die Ruhe und Sicherheit des Deutschen Reiches c8 für nötig hält, daß die Braunschweigische Frage so bald wie möglich einer endgültigen Lösung zugeführt werde. Es bleibe kein anderer Ausweg zur Lösung der Frage übrig, als das Herzogtum Braunschweig zum Reichslande zu erklären, in dem der deutsche Kaiser die Rechte des Landesfürsten ausübe.

kommen des Siegers von Dennewitz auch der frühere Reichskanzler Fürst Bülow beigetreten. Die,Nordd. Allg. Ztg/ empfiehlt, das patrio­tische Unternehmen der Unterstützung weiterer Kreise und glaubt die Empfehlung dadurch be­sonders wirksam machen zu können, daß sie be­merkt:

„Für die zahlreichen Verehrer des Fürsten Bülow dürste sich bamtt zugleich eine gute Gelegen­heit bieten, ihrer dankbaren Bewunderung einen ihm gewiß willkommenen Ausdruck zu geben, nämlich durch eine Spende für die Ehrung seines berühmten NamenS- BetterS.*

Vielleicht gelingt es auch auf dem Denkmal selbst einen Hinweis auf den „berühmten Namens­vetter" des Siegers von Dennewitz anzubringen, dann hätte Fürst Bülow doch wenigstens schon ein halbes Denkmal.

* Politik in Krieaervereinen. In Nr. 206 der,Kieler Neuesten Nachrichten' liest man in einem Bericht über die Sedanfeier der dortigen Kriegeroereme folgende Worte eines Festredners, des Magistratsaffeffors Dr. Mützelburg:

«Wir müssen den Blick nach Osten wenden, wo die Polen daran arbeiten, einen eigenen Landesverband zu gründen und ein Stück vom Lande loszureißen. Es gilt"ferner, der leise schleichenden Gefahr der ultra- montanen Jnteressenwirtschaft als einem gefährlichen Feinde ins Auge zu sehen und der Gefahr, die von einer großen, abseits stehenden, an der Be­seitigung unserer Staatsordnung arbeitenden Partei droht, zu beginnen.

Ein Teilnehmer an der Feier bestätigt der ,Köln. Vztg.' diesen Wortlaut mit dem Bemerken, er habe selbst ebenso wie eine ganze Anzahl an­derer katholischer — „ultramontaner", sagt Herr Dr. Mützeburg — Festteilnehmer mit Entrüstung diese Worte de« uniformierten Redners mit an­hören müffen. Auch habe derselbe die Behaup­tung aufgestellt, ein Staat könne nur groß und glücklich werden, wenn die Freiheit der Wiffen- schäft von beengend dogmatischen Grundsätzen in den Schulen und auf den Universitäten ge- gewährleistet sei. Es scheint also, als habe Herr Mützelburg die Sedanfeier der Kriegervereine mit einer freisinnigen Parieiversammlung ver­wechselt.

Zu der Angelegenheit der katholischen Strandklubs nimmt jetzt auch die Korrespondenz der deutschen Vereinigung das Wort. Sie schreibt u. a.:

„Der Grund, vor Verletzung des religiösen Gefühls bewahrt zu fein, ist jedoch bei der Gründung konfessioneller Vereine meist nur vorge- schützt oder eingebildet. Der Hauptgrund ist der, daß den treibenden Kräften in solchen Vereinen das kon­fessionelle Prinzip so sehr in Fleisch und Blut überge­gangen ist, daß sie glauben, in der Nähe von Anders­gläubigen nicht von Herzen froh werden zu können. Schon zu Hause in konfessionellen Vereinen aller Art einrekrutiert, ist das erste, was man in einem fremden Orte sucht, ein konfessioneller Verein. Besteht dann noch keiner, so wird freilich drauf los gegründet. So besitzen gleich Juist fast alle Badeorte ihre konfessionellen geselligen Vereine, und zwar nicht blos katholische, sondern teilweise auch solche anderer Konfessionen. Der katholische Strandklub in Juist, der den Anstoß zu der Erörterung gegeben hat, ist nur eine sympto­matische Erscheinung für den in Deutschland herrschenden engherzigen Geist des Konfesstonalismus."

Da« Organ der deutschen Vereinigung be­schränkt ihren Tadel und ihre Kritik ausnahmS- weise nicht auf die katholische Seite. Es ging wohl nicht gut anders. Aber die Voraussetzung, von der eS ausgeht, ist falsch. Massenhaft liegen die Zeugniffe dafür vor, daß die Katho­liken vor Verletzung des religiösen Ge-I

Auf diesen politischen Unsinn näher einzugehen, wäre Zeitverschwendung. Man steht aber, daß die Alldeutschen immer kurioser werden. Der Alldeutsche Verbandstag hat sich ferner mit der Kolonialpo­litik beschäftigt, wobei natürlich Staatssekretär Demburg nicht glimpflich abkam. Das Kolonialamt gehe in der Eingeborenensrage äußerst autokratisch vor, was unter der Leitung eines Mannes, der aus dem Linksliberalismus hervorgegangen sei, doppelt beftemden müßte. Ehen ^zwischen Weißen und Far­bigen sollen in unfern Schutzgebieten verboten und unter Strafe gestellt werden. Staatssekretär Dernburg wird sich wohl kaum durch die Anrempelung dieser Herren in seiner Kolonialpolitik, die im allgemeinen den Beifall des deutschen Volkes findet, irre machen lassen.

Eine Rede des Abg. Dr. Spahn.

— Rheinbach, 5. Sept. 1909. In einer gut besuchten Versammlung der Zentrumspartei sprach Oberlandesgerichtspräsident Abg. Spahn über die politische Lage und die Finanzreform. Zn dreistündigem Vortrag erörterte der Redner zunächst die Beziehungen des Reiches zum Drei­bund, zu England, Frankreich, den Ländern am Mittelmeer und den außereuropäischen Staaten streiste dann die wirtschaftliche Krise der handel­treibenden Staaten und verbreitete sich schließlich ausführlich über die innere Lage, die noch immer von der Reichsfinanzreform beherrscht werde. Der Verlauf ihrer Beratung, so sagte der Redner, war dramatisch, die Verwickelung des Knotens vollzog sich langsam. Die Lösung im Schlußakte zeichnete sich durch Kürze auS. Für die Mitarbeit bei diesem Drama schulden wir besonders dem Abg. Müller (Fulda) Anerkennung und Dank. (Bravo!) Der Redner ging dann die einzelnen Fragen der Finanzreform durch und fügte hierzu zum Schluß aus:

Die Finanzreform hat unter möglichster Schonung der schwachen Schultern dem Reiche die zu seiner ^Existenz notwendigen Mittel gebracht. Daß sie handelsfeindlich fei, ist unwahr, wie unwahr auch die Behauptung ist, die Entschließung des Zentrums beruhe auf agrarischem Egoismus und auf dem Be­streben, die Finanzreform zu innerpolitischen Wirkungen miszmüitzen. Konnten unsere Wähler, konnten ins­besondere die Arbeiter unter den Wählern die Ab­lehnung der Finanzreform erwarten, weil in ihr Steuern enthalten sind, welche von ihnen als unbequem empfunden werden? Das ist zu verneinen. Wäre die Finanzreform durch itn5 abgelehnt worden, so hätten wir im tommenden Winter vor derselben Aufgabe ge­standen mit einer weiteren Steigerung der Schuldenlast von täglich 1 ’/i Millionen Mark. Die Ausgabe hätte auch dann unter Zuhilfenahme in­direkter Steuern gelöst werden müssen: eine 93er« siändigung unter den Parteien und dem Bundesrate würbe auch dann Voraussetzung der Lösung der Auf­gabe gewesen fein. Neuwahlen hätten uns, gleichgültig wie sie ausfielen, von der Verantwortung für die Finanzreform nicht befreit.

Bei der Besprechung des Etats für 1909/10 wies der Redner darauf hin, daß wir unsere Finanzreform beginnen mit einer Anleihe, um die den Einzelstaaten gestundeten Matrikularbei- träge ihnen wieder ab- und auf das Reich zu übernehmen: ein Auswaschen mit der Finanz- wirtschast der letzten Jahre. Die Lasten für die Berteidigungszwecke seien im Deutschen Reiche die höchsten der Weft. Da die ^Einnahmen aus den neuen Steuern 1909 und 1910 noch noch nicht den erhofften Ertrag bringen, so werde der dem Reichstage im Herbst vorzulegende Etat Mehr­forderungen für Herr und Marine zu vermeiden suchen, lieber den Block äußerte sich der Redner wie folgt:

Sonnen5enchten.

!22] Roman von Erich Friesen.

Orlando und Mirm verkehren mitetnanber wie straute Geschwister — offen, herzlich, wunschlos. Nie reden sie davon, daß Terestta auf dem Sterbelager ihre Hände ineinander gelegt. Es ist, als schwebe der ver­gärte Geist der Toten über ihnen und lenke ihre Sinne Ui von allem Irdischen.

Seinen Marstall vernachlässigt Orlando ganz und $ar. Der Anblick der Pferde, besonders Plutos, weckt stets die traurigsten Erinnerungen in ihm. Mit Eifer stimmt er deshalb das Angebot eines reichen, in Ge­nua wohnenden Engländers an, der ihm vier der schönsten Tiere, darunter Pluto, abkaufen will. Er erklärt sich sogar bereit, die Pferde selbst nach Genua zu begleiten, um sicher zu sein, daß ihnen unterwegs stichts passiert.

Nur die Trennung von Mirra wird ihm schwer sei es auch nur für wenige Tage. Er hat sich be­reits zu sehr an das Sonnenleuchten ihres lieblichen Gesichtes, an den weltverschönenden Blick ihrer ruhigen Slugen gewöhnt. Er überredet deshalb den alten Oberst, ihm Frau und Tochter bei dem Dampferausflug mitzngeben. Eine kleine Abwechflung nach der trü­ben Trauerzeit werde den Damen sicherlich gut tun. Und der brave Oberst sagt zu.

Niemand ahnt, welch verhängnisvolle Fahrt es diesmal sein wird — die Fahrt des Dampfer» Re Umberto von Neapel nach Genua.

»Achtung! . . . Langsam vorwärts!"

Kapitän Ferraro signalisiert es von der Komman­dobrücke hinunter ins Höllenreich der Maschinen. Am Hafenkat steht Oberst San Martino und winkt Ab- schiedsgrüße herüber zu Frau und'Tochter. Ihm ist 'ganz eigen zumute. Am liebsten hätte er noch im lebten Augenblick seine Einwilligung zurückgenommen.

»Bah — davongejagt alle Sentimentalität! Ein Miet Haudegen und — Angst vor dem Meer! Lacher- M-'

Heber die Reling des Re Umberto gebeugt stehen Orlando und Mirra. Lächelnd blicken sie hinab auf die das Schiff umkreisenden kleinen Boote mit ihrer duftenden Ladung von farbenprächtigen Blumen und südlichen Früchten, mit ihren lustigen, in grelle Lum­pen gehüllten Sängern und Sängerinnen.

„Addio, mia Bella Napoli, Addio — addio--“

zittert es aus sangesfrohen Kehlen hin über die blauen Wogen. Der Re Umberto zieht hinaus aus dem Hafen.

Vorbei an der kleinen Insel Nisida . . dem flachen, langgestreckten Gelände Procidas . . . dem herrlichen Schattenbild Capris ... den Felsenhöhen Ischias. . . Im Hintergrund immer der alte Feuerkopf Vesuv, dessen Rauchfchwanz sich wett hindehnt am ttefblauen Himmel. Und über dieser ganzen südlichen Pracht die gutgelaunte Sonne mit ihrem strahlenden Son­nenlächeln. Doch nicht lange wähtte diese klare Him­melsbläue. Bereits am Nachmittag macht der Kapi­tän Orlando auf eine kleine dunkle Wolke aufmerk­sam, die sich rasch nähert.

»Sturm?" fragt Orlando beunruhigt, an die Da­men denkend.

Kapitän Ferraro zuckt die Achseln.

»Wir Seeleute find abergläubisch, Signore. Sehen Sie einmal genau hin: die Wolke da oben hat die Form eines Schiffes mit vollen Segeln. Nur einmal bemertte ich eine solch eigenartige Wolkenbildung. Und damals —"

»Nun? Damals?" fragt Orlando interessiert.

»Damals gab es ein Unwetter, Signore."

Orlando lacht.

»Braver alter Kapitän! Diesmal wohl kaum! das Meer ist ruhig —"

»Unheimlich ruhig, Signore. Die Ruhe vor dem Sturm", fallt der Kapitän kopfschüttelnd ein. »Na, hoffen wir das beste!"

Doch bleibt sein sonnenverbranntes Gesicht emst, und auf seiner ©tim lagert eine Falte.

Kapitän Ferraro scheint recht zu habm mit seiner Prophezeiung. Blutrot sinkt die Sonne ins Meer —

ein unheimlicher Vorbote nahenden Ungemachs. Nicht lange bauert es, ba tut sich ein heftiger Wind auf Hinein jagt der Re Umberto in frischwehende Wogen­kühle.

Frau San Marttno begibt sich bereits früh in ihre Kabine. Mirra und Orlando jedoch weilen noch an Deck, hingestreckt in ihre Korbsofas, in den Anblick der sich immer vergrößernden Meereswogen versunken.

»Mirra —" beginnt Orlando plötzlich, und es zii- tert etwas wie Angst in seiner Stimme nach. »Schon lange wollte ich Sie etwas fragen."

Sie hebt den Kopf und blickt ihn mit ihren klaren Augen voll an.

»Nun?"

„Der Marchese Malotti — — ich hörte kürzlich, er wollte um Ihre Hand cmhalten. Hat er bereits .

Tiefes Rot überhaucht Mirras Wangen.

»Ja", erwidett sie leise.

„Und Sie?"

Sie zögett und sentt die Lider, um dem ängstlich forschenden Blicke des Mannes nicht zu begegnen.

»Ich habe ihn — abgewiesen."

„Mirra!"

„Wie ein Jubelruf springt es von seinen Lippen. Stürmisch will er ihre Hand ergreifen. Doch eine ernste, abwehrende Bewegung hält ihn zurück

»Verzeihen Sie mein Ungestüm, Mirra! Aber die Nachricht hat mich so glücklich gemacht! So unendlich glücklich!"

»Signore!" ruft die rauhe Stimme des Kapitäns von der Kommandobrücke herunter. »Bringen Sie die Signora in chre Kabine! Es ist besser — für alle Fälle!"

Ein heftiger Windstoß fegt daher. Der Dampfer rollt so stark, daß Orlando kaum imstande ist, Mirra die Treppe hinunterzuschaffen. Endlich ist es ihm gelungen. Mühsam klettert er wieder herauf in den Salon und streckt sich hier aufs Sofa nieder. Er mag sich nicht in feiner Kabine zur Ruhe begeben, um nötigenfalls sosott bereit zu sein.

Inzwischen hat der Sturm sich verstärkt; grausig durchrast sein Wutgeheul die Nacht ... Jetzt setzt er ein mit tiefem Geheul, wimmert die ganze Skala einige

Oktaven empor, geht über in spitzes Pfeifen, klar und schneidend wie scharfgeschliffener Stahl, brüllt dazwi­schen in tobendem Zorn, heult, bonnert, gellt. . .

Nun Windstoß auf Windstoß. Gedröhn auf ®e» dröhn. In fürchterlichen Atemzügen schnaubt das Meer. Der Re Umberto fliegt herum in allen mög­lichen Bewegungen. Er schlingert, rollt, stampft, bäumt sich hoch auf, stürzt tief hinab. Mächtige Sturz­seen fegen über Deck. Ein Aechzen, ein Knirschen, ein Beben — es ist, als fürchte sich das Schiff vor dem Orkan, der es mit einem Schlage zermalmen kann.

Orlando, der durch seine langen Reisen an See­stürme gewöhnt ist und deshalb auch heute keine Spur von Unruhe empfindet, hüllt sich in feinen Plaid und versinkt bald in eine Art Halbschlummer. Ein leises Geräusch in seiner Nähe weckt ihn. Er richtet sich auf und erblickt Mirra, die, an allen Gliedern zitternd, sich am Treppengeländer festhält. Wttt einem Sprung ist er bei ihr.

»Mirra! Weshalb sind Sie nicht unten geblieben? Wo ist Ihre Mutter?"

„Sie schläft."

„Gott sei Dank! Aber Sie?"

„Ich — ich kann nicht schlafen. Ich fürchte mich!" Er sieht forschend in das angstbleiche Gesichtchen.

„Es ist keine Gefahr. Ein bischen Sturm. Was weiter?" tröstet er, das zitternde Mädchen in feinen Plaid hüllend. „Soll ich Sie wieder in Ihre Kabine bringen?"

»Nein."

»Hier oben können Sie doch nicht bleiben, Mirra!

Sie werden sich erkälten!"

Sie schweigt und blickt ihn an. Und plötzlich durchzuckt ihn das beseligende Bewußtsein: zu ihm kommt sie in ihrer Angst! Bei ihm fühlt sie sich am sichersten! Sanft geleitet er sie hin zum Sofa.

„Versuchen Sie hier ein wenig zu schlafen, Mirra!

Ich wache über Sie!"

Wieder überfliegt ein Schauer ihren Körper.

„Mr war es vorhin, als hörte ich in dem Heulen des Windes Teresiias Stimme. Es klang wie ein Hilferuf, ein verzweffelter Angstschrei —"

Tortfetzung folgt'