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M 201.
Fulda, Freitag den 3. September 1909.
36. Jahrgang.
Kustes Mcrtt.
S6. Generalversammlung derKatho- liken Deutschlands.
ns. Breslau, 2. September 1909. Die vierte geschlossene Versammlung.
Die letzte geschloffene Sitzung, die schon um 8 Uhr eröffnet wurde, brachte die Anträge aus dem zweiten Ausschuß für soziale Fragen, f Generalsekretär Dr. Pieper begründete zunächst Änen Antrag zur Erhebung und Veredelung !der Lebenshaltung der erwerbstätigen Bevölkerung. Die Hauptsätze des Antrages lauten: f Die Generalversammlung hält es für dringend not- Mendig, daß mit der sozialen Besserstellung eine Ver. ddelung der Lebenshaltung, eine Vertiefung des Geisteslebens und eine Festigung der religiös-sittlichen Grundsätze verbunden seien. Alle, welche an der sozialen Reform arbeiten, mögen auf die schädlichen Einflüsse achten, denen die Erwerbsstände ausgesetzt sind durch jene Auswüchse des modernen Lebens, die unter nüchternen Aeusterlichkeiten und oberflächlicher Lebensauffassung einem rohen Lebens- und Sinnengenutz Vorschub leisten. Dem gegenüber muß immer wieder der Ruf erhoben werden nach größerer Sparsamkeit und nach Vertiefung deS religiösen und geistigen Lebens. Die erwerbstätige Bevölkerung ist anzuleiten zu einer rationellen Verwendung der Einnahmen zumal in der Hauswirtschaft. Frauen und Töchter sind hauswirtschaftlich auszubilden, die Jugend ist früh zur Einfachheit und Sparsamkeit anzuleiten und vor flatterhafter Aeußerlichkeit in Kleidung und Aufwand und vor Ausschweifung im Alkoholgenuß und in der Sinnlichkeit zu warnen, da diese die besten Kräfte der Jugend zerstören. Der Sinn für Häuslichkeit und Familienleben muß von Jugend auf gepflegt werden, und zwischen Eltern und Kindern mutz ein christliches, geist- und ge- mütvolles Leben platzgreifen. Die Bestrebungen auf bessere Wohnungen namentlich für die minderbemittelten Volksllassen, sind kräftig zu unterstützen, ebenso die Bestrebungen auf Förderung einer zweckmäßigen, dem Sinne für Schönheit und dem Sinne für volkstümliche Kunst entsprechenden Wohnungsausstattung. Neben eifriger religiöser liebung ist die Bildung des Geistes Ünd Charakters durch sittenreine Lektüre, häusliche Geselligkeit usw. usw. notwendig.
In der Diskusfion führte Reichstagsabg. Gies' Herts-Essen aus, daß der Antrag keine Moral' Vorlesung über irgendwelche Untugenden darstellen solle, sondern ein Programm, das die Katholiken 'Nun auch befolgen sollten. Die in ihm niedergelegten Gedanken müßten Gemeingut des katholischen Moldes werden. (Lebhafter Beifall.) Der Antrag Wurde hieraus einstimmig angenommen.
Es folgte die Beratung eines Antrages, der dir Aurückdrängung der sozialen Entfrem- idung betrifft. In dem Antrag heißt es unter ^anderem:
Bei den Besitzenden und Gebildeten muß die lleber- -tzeugung durchdringen, daß auf ihrem Besitz die sittliche Verpflichtung ruht, damit in hervorragender Weise dem Gesamttnteresse zu dienen; daß Reichtum und Luxus tim Dienste der Gemeinschaft ihren berechtigten Zweck sinden; daß insbesondere auf den gesellschaftlichen Worrechten die entsprechend starken Pflichten lasten, ßum Schutze und zur Förderung der Schwächeren tätig 'zu sein. Die Versammlung fordert deshalb die Katholiken Deutschlands auf, alle Versuche sozialerStu- bentenarbeit zu unterstützen, die geeignet sind, die Jugend der besitzenden und gebildeten Stände in verständnisvolle persönliche Beziehungen zu den handarbeitenden Klassen zu bringen. Richt minder wichtig für die Anbahnung einer sozialen Annäherung ist die Mitarbeit der handarbeitenden Klassen. Auch in ihnen sNiuß bas Gemeinsamkeitsbewußtsein gepflegt werden. Wie von der Sozialdenwkratie genährte Mißgunst ge- «cn die Besitzenden und Gebildeten muß vor der Ein» tficht weichen in die unentbehrlichen sozialen Funktionen des Kapitals und des kapitalistischen U n- er n e h m e rt u m s. Die Pflege der christlichen Soli- Harrtat wird ferner verhindern, daß der Wettbewerb zwischen den ciuzelnen Erwerbsständen, insbesondere zwischen der städtischen und ländlichen Bevölkerung zu ■einer größeren sozialen Entfremdung führt.
In der Diskussion führte Dr. Sonnenschein M-Gladbach) aus:
Der Antrag bezweckt nicht nur die Hebung der materiellen Lage der arbeitenden Klaffen sondern wirst darüber hmaus die Frage auf, weshalb wir in un- Ieren sozialen Standesvereinen so wenig Gebil- ete und Besitzende haben. Man meint, daß die fogiale Arbeit für die feine Gesellschaft unfair sei. Demgegenüber mutz betont werden daß wir darauf auS- rehen müssen, den Begriff des Sozialen tiefer und ern- ter zu fassen. (Sehr richtig!) Es ist nicht nur wirt- chastlich, sondern auch kulturell wahr, daß die Kultur >er oberen Schichten nicht gesichert werden kann ohne Erhaltung ^und Kräftigung der Kultur der unteren Stände. (Sehr richtig!) Wir wollen durch Erziehung der jmigeren Besitzenden langsam dieses Ziel verfolgen, beispiellos ist die Ignoranz in unseren gebildeten und besitzenden Klassen über die jsoziale Frage. (Sehr richtig!) Es ist nicht böser Wille, wenn unsere jungen Studenten verständnislos 'dem Streben des Proletariats nach ideeller und geisti- «er Hebung gegenüberstehen, sondern es ist grasse Jgno- tianz. Cs ist kein Zufall, trenn von zehn Studenten der Straxchurger Universität fünf nicht wußten, ob wir Freihandel oder Schutzzoll haben, und wenn alle zehn die Hauprbestlmmungen unserer Jnvalidenberfiche- pungSgefetzgebung nicht kannten. Tas sind keine AuS- pahmen, das ist die Regel. Das mutz anders werden. (Sehr richtig.) Tie jungen Gebildeten wiffen ja gar inicht, wie verbisternd ihr Auftreten dem Proletariat gegenüber wirken mutz. (Sehr richtig.) Die Psycho- ^gie der Putzfrau auf der Treppe, des Kellners im Motel, des Schaffners auf der elektrischen Bahn ist un- ^seren Gebildeten viel fremder als die Psychologie ir- endeines Mannes aus dem Altertum. Unser Studcn- ntmn ist heute nicht populär, weil es sich nicht nützlich
Das Volksganze bezahlt Millionen für Uni- ernteten, und das Volksganze bleibt zurück, um etli- u Lausenden zu ermöglichen, geistigen Genüffen zu r so, als ob wir dem Studenten
me Lebenslust und Lebenssteude nehmen wollen, aber _. M keine Freude bet Lüge, sondern nut eine Freude, | die der Wirklichkeit inS Gesicht sieht. (Seht richtig!) Das muß die Freude unseres Studententums werden. »Lebhafter Beifall.) Daher keine Abgeschlossrn- qeit unserer Studentenschaft, sondern ein
Zusammenarbeiten mit allen Ständen. (Stürmischer Beifall!) Man braucht davon nicht eine Gefährdung der Korporationen zu befürchten. Es gibt eine Aristokratie des Studententums, die ewig berechtigt bleiben wird, und die darin liegt, die Studenten für ihre großen Aufgaben zu erziehen. (Lebhafter Beifall.) Wir wollen die Geister revolutionieren und so die Rose einer schönen sozialen Zukunft pflegen und entfalten, die auf den Gräbern von Keppler und Kolping ihre Wurzel hat. (Stürmischer Beifall.)
Der Antrag wird angenommen, desgleichen ein Antrag betreffend Hebung der wirtschaftlichen Lage des Handlungsgehilfenstandes und sonstiger Privatbeamten und Förderung ihrer sozialen Bestrebungen. Abg. Dr. Pieper lenkt dann die Aufmerksamkeit auf eine neue Erscheinung, die in der Arbeiterwelt Boden zu gewinnen versuche, nämlich die Freidenkerbewegung. Die Arbeitervereine, die Jugendvereine und die Gesellenvereine sollten diesen Bestrebungen entgegenwirken und namentlich die vom Lande kommenden Leute in den Städten widerstandsfähig machen gegen diese Religion und Sittlichkeit untergrabenden Versuche atheistischer Redner und Schriftsteller. Der Antrag wird angenommen. Ein Antrag über die Förderung der Jugendvereine begründete wiederum Dr. Pieper. Generalsekretär Dr. Drammer fügte der Begründung warme Worte der Empfehlung hinzu, sodaß auch dieser Antrag freudig entgegen- genommen wurde. Zum Schluß kam noch ein umfangreicher Antrag über die „Fürsorge für die erwerbstätige Frauenwelt" zur Beratung und Annahme.
Vizepräsident Freiherr v. Ar et in dankt allen, die an der Arbeit der Generalversammlung teilgenommen haben, besonders den Vorsitzenden der einzelnen Ausschüffe für ihre aufopferungsvolle Tätigkeit. Alsdann findet die Neuwahl des Zentrakomitees statt. An Stelle der aus- scheidenden Herren Justizrat Dr. Taler (Würzburg) und Rechtsanwalt Fehrendach treten die Herren Herold und Porsch. Die weiter aus- schcideuden Herren, 22 an der Zahl, werden durch Akklamation wiedergewählt. Hierauf schließt der Präsident die Versammlung.
Die vierte und letzte öffentliche Versammlung.
Während noch die geschlossene Versammlung tagt, hatte sich schon lange vor Beginn der letzten öffentlichen Generalversammlung die Festhalle mit einer ungemein starken Anzahl von Teilnehmern gefüllt. Gegen IO1/» Uhr, dem Beginn der Verhandlungen erschien Kardinal Fürstbischof Dr. Kopp auf der Präsidiallribüne und wurde von der Versammlung stürmisch begrüßt. Außer ihm sind auf der Präsidialtribüne anwesend die Vertreter der Geistlichkeit, des hohen Adels und der Parlamente. Präsident Herold eröffnet kurz nach 101;'« bie Versammlung mit dem katholischen Gruß.
Als erster Redner nimmt, lebhaft begrüßt, das Wort Reichs- und Landtagsabgeordneter Prälat Dr. Schädler-Bamberg zu seinem Vortrage über das
Papsttum und Pius X.
Der Redner nahm das heurige 25jährige Bischofsjubiläum des Papstes zum Anlatz, ein Charakterbild Pius' X. zu zeichnen und ihn mit Leo XIII. zu ver. gleichen. In diesem sehe die Geschichte jetzt den großen Staatsmann, Diplomaten und Dichter, der eine äußere politische Besserstellung der Kirche erreicht hat. Pius X. aber wende den Blick nach innen, er sei bet religiöse Papst, dessen Interesse der Seelsorge und kirchlichen Kleinarbeit gelte. Wer bei der Wahl geglaubt habe, Pius X. werde vom Geiste der Moderne geleitet, habe sich getäuscht. Papst Pius wolle R e- formen, aber nur aus dem der Kirche innewohnenden Geist und aus dem übernatürlichenGlau- bensleben. Von Politik und Diplomatie verstehe er nichts nach seinem eigenen Wort, sein Vorbild sei der pastor bonus. Es sei der Weg der Vorsehung gewesen, der den Sohn des Gemeindedieners geführt hat auf den Stuhl Petri als Oberhaupt der Kirche, als Statthalter Christi. Der Jubelpapst steht uns auch menschlich sehr nahe, denn er ist ein Papst, der aus dem Volke hervorgegangen, ein Papst ,ber das Volk kennt und seine Bedürfnisse kennt. Das Papstkönigtum kennt keine Ansehung der Person. Wie sein Vorgänger aus gräftichem Geschlecht wat, so hat jetzt der schmucklose Sohn des Arbeiters den Stahl Petri bestiegen, in Wahrheit von Gott gesandt. (Stürmischer Beifall.) Pius IX. hat mit dem Senkblei bet Wahrheit die Untiefen des menschlichen Wesens und Könnens duAhmeffen Leo XIIj. leuchtende Gestalt hat die Welten gemessen. Pius X. ist der Säemann, der den fruchtbaren Boden von Unkraut reinigt und neuen Samen sät. Leo XIII. hat der Kirche politisch beffere Zeiten geschasfen, und nun wat die Zeit gekommen, den Blick auch nach innen zu lenken. Mit vollem Recht nennt man Pius X. den religiösen Papst. Ignis ardens! Feuer vom Felsen, die Welt zu durchleuchten! So steht der Jubelpapst vor uns, ein Papst aus dem Volke für das Volk, (Beifall) sich verzehrend für das Heil der Seelen init bet Parole, alles in Christo zu erneuern. Ob er sein Ziel erreichen wird? Eine bange Frage! Wit alle wiffen ja, was das Herz des Hl. Vaters so schmerzlich bewegt: Die Einschnürung d-r Freiheit und der Rechte her Kirche. Darum verlangen wir hier in dieser feierlichen Stunde für den Papst eine volle und wirkliche Freiheit in Ausübung seines obersten Hirtenamtes, was die unerläßliche Voraussetzung ist für die Freiheit und Unabhängigkeit der kathol. Kirche. (Lmiganhaltendet stürmischer Beifall.) Wit vertrauen auf den, der ihn gesetzt hat. Ein Mann, der leider den Weg zu uns nicht zurückgefunden hat, Döllinger, hat einmal gesagt: die griechische Sage er» zählt, daß zur Geburt der Gottheit die Insel Delos aus dem Meere empotgestiegen sei. Wit dürsten zu- vetläffig erwarten, daß auch dem Stuhle Petri sein Delos nicht fehlen werde und sollte es erst aus dem Meere emporsteigen. (Lebhafter Beifall.) Wer des PapsteS gedenkt, gedenst des Papsttums und damit nicht bloß der Stutoritöt, sondern der Kirche, er gedenkt Christi! (Langanhaltender, Mimischer Beifall.) Was diese unsere Freude auf granitnen Grund stellt: daß ist der Rückblick auf eine 2000 jährige Geschichte, in denen daS Papsttum allen Stürmen trotzte. (Et- neuteS, lebhaftes Bravo!) und alle Reiche überdauerte. Am Schluffe unserer Generalversammlung Beten wir deshalb: Gott schenke unserem gegenwärtigen Ober- Haupt ein langes glückliches Leben! (Lebhafte Zustimmung.) SS »oben wir unfern Blick nach Rom und legen wir das innigste Gelübde ab: treu, unverbrüch.
| sich treu sind wir Dir, dem der goldene Priesterkranz, dem das silberne Bischofsteis sich schlingt um die drei- fache Krone, Baier der katholischen Christenheit. (Stürmischer, langanhaltender, sich wiederholt erneuernder Beifall und Händeklatschen.)
Nach einigen geschäftlichen Mitteilungen erhält das Wort Professor Faulhaber-Straßburg:
Die grauenfrage.
Die gtauenfrage ist älter, als man es gewöhnlich darstellt. Frauenrecht und Frauenebre sind bereits der biblischen Gesetzgebung bekannte Größen. Aber in den letzten 4 bis 6 Jahrzehnten sind verschiedene neue Faktoren in die Erscheinung getreten, welche die Fragestellung in der heutigen Frauenfrage besonders kom- pliziett machen. Ich denke an die Uebermännet und Ueberweiber der neuen Ethik mit ihren Grundsätzen von „Mutterschaft und Ehe auch ohne Trauschein", ich denke an die Ablösung des häuslichen Handwerks durch die Maschinenindustrie, welche Frauen und Kinder in die Fabriken gettieben hat. Ich denke an die Massen- not, die diesen wirtschaftlichen Umwälzungen folgte und ich denke an die Tätigkeit unserer Frauen in den sozial- charitativen grauenvereinen. Ich denke weiter an den Bildungsdrang so vieler Frauen in der Jetztzeit, ©ett der letzten Katholikenversammlung sind 3 wichtige Er- eigniffe zu verzeichnen. Die Universitäten haben die Sperre für die grauen aufgehoben ,in Nord- dcutschland ist eine Neuordnung des höheren Mädchenschulwesens erfolgt und im Dezember 1908 wurde die neue Gewerbenovelle angenommen, dir die Maximalarbcitszeit der arbeitenden Frauen festlegt. Ein Satz muh immer wieder wegen seiner fundamentaler Bedeutung für grauenleben und grauenfrage vorangestellt werden. Der natürlichste und allgemeinste Beruf des Weibes ist der Beruf der Hausfrau und Mutter. Das innere häusliche Leben wird bei allem Wechsel der Zeiten die eigentliche Domäne des Weibes bleiben. Kein Sieg auf dem Schlachtfeld kann den stillen Triumphen gleichen, welche die Mutterliebe in der Kinderstube feiert, von der Mutier der Makkabäer und Gracchen bis zu der einfachen grau von Riese, die unser zehnter Pius seine Mutier nannte. Dieser Beruf nimmt allerdings die volle Kraft der grau jahrzehntelang in Beschlag. Man kann nicht im Nebenamt Mutter sein und eine P-r- son kann nicht zwei Berufe erfüllen, deren jeder eine ganze Persönlichkeit fordert. Tie hausrechtliche Stellung der grau ist in dem Gotteswort umzirkelt, daß das Weib die Gehilfin des Mannes sein soll. Diese Unterordnung bedeutet nicht eine Erniedrigung des Weibes zu einem Menschen zweiter Klaffe, bedeutet auch nicht ein Sklaventum. Eine Anerkennung einer legitimierten Autorität bedeutet als Vernunftakt niemals eine Minderung des persönlichen Wertes. Eine grau kenn dem Manne geistig und sittlich sogar weit überlegen sein, trotzdem bleibt der Mann das Haupt der gamiüe. Von diesem Satz und dem Satz, daß die einzig gewollte Form der Ehe die E i n e h e ist, wird wie von zwei Brückenpfeilern der sittliche Charakter der Ehe getragen. Und eine Frauenbewegung, die an diesen Tragpfeilern der sittlichen Ehe rüttelt und statt der Unterordnung die mechanische Gleichstellung von Mann und grau im öffentlichen und im häuslichen Leben, statt der unauflöslichen Einehe die Mietehe und Dutzendehe mit Kündigungsvertrag fordert, eine solche Frauenbewegung rüttelt an den Grundmauern der sittlichen und gesellschaftlichen Ordnung und hat den Anspruch verloren, eine sittlich-ernste Bewegung zu sein. (Lebh. Beifall.) ließet die Ehe und über die hausrecht- liche Stellung der Ehefrau im allgemeinen ist für uns Katholiken die Diskussion geschloffen; hier hat die Offenbarung gesprochen und die Sprache der natürlichen Vernunft mit göttlichem Siegel besiegelt. Aber die grauen haben auch große Aufgaben zu lösen in den Werkstätten der Erwerbstätigkeit, der sozialen Charitas und der Bildungsarbeit. Es gibt wenig Sätze, die so wahr und doch auch so falsch sind, wie die Biedermannsphrase: Die grau gehört ins Haus! Mit einem solchen Allerweltsrezept kann die gräuenfrnge nicht g'- löst werden. Die Statistik mit ihrer Brutalen Zahlensprache rechnet uns vor, daß eS in Deutschland fast eine Million mehr grauen als Männer gibt, daß also 950 000 grauen mit mathematischer Gewißheit nicht am Tische ihres Mannes ihr Brot essen werden. Dieser weibliche Ueberschuß müßte nach chinesischen Rezepten reduziert werden, wenn das ehelose Leben an sich unweiblich und unnatürlich wäre. Nein, auch das Leben einer Ordensfrau ist kein verfehltes, kein entgleistes grauenleben. (Beifall.) Auch das Leben einer Lehrerin ist eine ideale Ausprägung weiblichen Edelsinnes und christlichen Opfergeistes (Beifall) und in dem Verein der katholischen deutschen Lehrerinnen haben wir den Beioeis, mit welch reichen Fonds >on Idealismus die Lehrerinnenwelt an der geistigen, sittlichen und sozialen Hebung ihres Geschlechts mitzuarbeiten Bereit ist. (Beifall.) 61/, Millionen weibliche Personen, der vierte Teil der deutschen Frauenwelt, sind durch wirtschaftliche Verhältnisse ge- z w u n g en, auf einem außerhäuslichen Arbeitsplatz >hr Auskommen zu suchen. Wir können im Namen der sozialen Gerechtigkeit für die erwerbstätige grau eine materielle Entlohnung fordern, so hoch, daß die Arbeiterin ohne Hunger und Schande ein ehrliches, standesgemäßes Auskommen hat. Wir können int Namen der Volkswohlfahrt ein Fabrikgesetz fordern, daS die verheiratete Arbeiterin von der tagtäglichen gabrifarbeit ausschließt im Interesse der Ge- sundheit deS nachwachsenden Geschlechtes. Die neue Gewerbenovelle hat in dieser Richtung einen guten Anlauf genommen. Wir können aber die Flüsse nicht rückläufig machen, um an Stelle des industriellen Großbetriebes den Kleinbetrieb des häuslichen Handwerks zurückzurufen und wenn 600 000 Kinder unseres Volkes die Hände nach Arbeit und Brot auSstrecken, können wir sie nicht abweisen mit der Phrase: die grau gehöre inS Haus. Die letzten Jahrzehnte haben den grauen manche neue Erwerbszweige geöffnet und die Frauenwelt hat ihre Probezeit mit Ehren bestanden. Die 8u- kunft wird die Grenzpfähle der Frauenarbeit noch wei- ter hinausrücken und ihnen weitere Erwerbszweige öffnen: Aemter in der Armenpflege, in der Waisenpflege, am Jugendgerichtshof, in Kommissionen der VolkShygiene und anderen dem weiblichen Naturell verwandten Gebieten. Di- schwesterliche Selbsthilfe ist dem gesetzlichen Schutz der erwerbstätigen Frau zu. dorgekommen mit einem viel maschigen Netz von sozial- charitativen Frauenvereinen, welche die zerstreuten guten Willen sammelt, organisiert und sozial schult, und dann als Sendboten der christlichen Nachstenliebr in die Niederungen schickt, wo ungezählte Schwestern von tausend gangarmen physischen und sittlichen Elen- des umschlungen werden. Ich kann sie nicht alle nennen, diese grauenotben ohne Gelübde, den Elisabeth- Verein, den Mädchenschutzverein, die Fürsorgevereine besonders für die Jugend und die Arbeiterinnen und die anderen Vereine, auf deren Altar heiliges Feuer lodert. Es ist ein herrliche» Panorama in dem wetten Trümmerfeld physifch und moralisch gebrcchener grau»
enexistenzen, die Zelte der charitativen Frauenverein, wie Lazarette beS barmhrezigen SamaritanS aus den Trümmern ragen» zu sehen. (Lebh. Beifall.) DaS KönigSzelt im Mittelpunkt ist der katholische grauen» bunb. (Beifall.) Es bleibt ein Stolz der deutschen Frauenbewegung, baß sie bisher stets auf die wirtschaftlichen, intellektuellen und charitativen Ziele den Nachdruck legte und nicht in bas politische Fahrwasser einlenkte. Eine Frauenbewegung wie in England bringt bie grauen in Mißkredit. Das aktuellste Kapital der Frauenfrage ist heute die Bildungsfrage. Ich wetz recht gut, daß Bei dem Wort akademisches Frauenstudium, Bei Männern unb grauen Be- fürchtungne auf steigen; bie einen fürchten, verzeihenSie, eine Entwürdigung der grauen durch die Akademie Die einen fürchten eine Verweiblichung der Männerbildung, die anderen eine Vermännlichung der Frauenbildung und eine systematische Ausbildung der Einbildung. Indessen dürfen wir Männer nicht nach Gefühl und Empfindung sondern nur nach nüchternen Ver- standesgrünüMgen bei der Beurteilung der grauen» frage urteilen. Bei dem Frauenstudium handelt es sich nicht um eine Mode der emanzipierten Neuzeit, die grotzen grauen des Mittelalters, b# mit dem Lorbeer der gelehrten Geistesbildung und von der Kirche mit der Gloriole der Weiblichkeit geschmückt sind, eine hl. Hildegard von Bingen, Gertrud von Eisleben, Katharina von Siena usw. sind eine lebendige Apologie des heutigen Frauenstudiums, Ivie wir es meinen. Die Religion des Kreuzes hat im ersten Petrusbrief, also in der ersten päpstlichen Enzyklika als schönsten Schmuck beS Weibes ben «chmuck beS Geistes gefordert. Die Wertschätzung der grauenbilbung knüpft also an eine alte katholische Tradition an. Die g o r m der Bildung ist zwar neu, aber mir Recht wurde vor acht Tagen auf dem schweizerischen Katholikentag gesagt, waS Bedürfnis der Zeit ist, das ist Wille Gottes. Es handelt sich auch nicht darum, die Frauen in Massen in das akademische Studium zu locken und ein Problem des billigeren Kopses aufzurollen neben dem Problem- der billigeren Hand. ES handelt sich nur um einn' relativ kleine Gruppe von wirklich begabten und nervenstarken Mädchen, die am Studium Freude Haber. ES wird nicht zu einem Massenstubium kommen, der Doktorhut wird nie allgemeine Mode werden. Wir bü; - fen nicht vergessen, daß eine katholische Aerztin, Fahri k- inspektorin große sittliche Aufgaben bei uns zu erfüll n hat. Und was die Mäbchenschulresorm anlangt,, so wird der höhere Lehrberuf derjenige bleiben, der i er grau am meisten verwandt ist. Daher hat bie neue Ministeralverfügung für die grauen Erleichterung geschaffen. Aber unsere studierenden Mädchen dürfen nicht den männlichen Komilitonen kopieren wollen, sonst machen sie sich lächerlich, sie müssen sich aber auch bei ihrem Studium den Glauben bewahren. Die Wissenschaft ist dein Glauben nicht gefährlich, nur das Halbwissen. Im weiteren bittet Redner, den Silbegardisverein in Aachen zu unterstützen, ber weniger begüterten Katholikinnen bie Weg- zu akademischen Berufen ermog- liehe,r wolle und verweist weiter auf bie realgymnasialen Kurse in g r a n f f urt unb Münster und auf daS Mädchengymnas-um in Aachen, das unter der Leitung von Ursulinen steht. Der Redner schlieht: Wir Katholiken besitzen ein lebendiges Modell der ge- lösten grauenfrage in jener Lichtgestalt, bie wir als bie Gebenedeite ihres Geschlechtes grüßen. Unser Avegruh gilt ber gnadenvollen Mutter unb wenn sch tausend grauen nach dem Herzen Bebels rufen höre: „die Mutterschaft mache das Weib für ben Kon. kurrenzkampf mit dem Manne unfähig unb darum fet die Mutterschaft ein Fluch beS Weibes, bann höre ich Millionen christlicher Frauen beten: „Gebenedeit ist bie Frucht bemeS Leibes". (Stürm. Beifall.) Unser Avegrutz gilt zweitens der liebevollen grau, b,e die saure Pflichtarbeit der grau um bas tägliche Brot geweiht hat. Unser Avegruß gilt enblich der geistvollen grau und dem lebendigen Programm der Frauenbil» düng. Die Feuerzunge, die sich im Senat der Apostel auf ihrem Haupte niederlieh, war wie eme GeisteSsen» düng an die Frauenwelt. Tie Sängerin des Magniftkal ist uns Katholiken ein lebendiges Magniftkat auf werb» sich geartete und religiös gestimmte grauenbilbung, ein lebendiges Evangelium dafür, daß auch die Frauen, weit für das Licht, nicht für bie Finsternis geschaffen ist. (Stürmischer Beifall.)
Präsident Herold spricht das
Tagung.
gestattet,
Schlußwort. t
Wir stehen am Schluffe unserer diesjährigen Wie großartig hat sich diese Versammlung wenn wtt sie vergleichen mit den früheren Breslauer Katholikentagen! Die Stadt BreSlan W keinen Saal gehabt, der groß genug gewesen wäre, alle Teilnehmer aufzunehmen. Die Versammlung wax gefüllt bis auf den letzten Platz. Tausende find herbes geeilt voller Begeisterung Jung und Alt.> Bürgerrmd Bauer, Arbeitgeber und Arbeiter suhlten sich als MXV glieber einer Familie, an deren Spitze der Hell. Vater in Rom steht. (Stürmischer Beifall.) Im Fe st- ruq haben die Arbeiter ihren Gehorsam vor dem kirchlichen Oberhitten gezeigt, sie Haden Opfer gebracht, um ihren Glauben zu zeigen. (Sturm. Beifall.) Em falsches Bild mag man den Lesern in den Zeitungen bieten und den Hörern in den Versammlungen, aber es ist nicht wahr, was der .Vorwärts' fernen Lesern vorspiegelt, nicht auf Kommando hat hier jemand Hoch gerufen, sondern aus tiefster Seele scholl das begeisterte Hoch dem Oberhirten entgegen. (Stürm. Beifall.) Wer nicht ein Herz von Stein hat, muß ergriffen fern_ »on dieser Kundgebung. Jeder muß anerkennen, daß die Kr aft der Kirche hier zum Ausdruck gekommen ist. Auch die Gegner werden noch einst bekennen muffen: Nazarener, du hast gesiegt! (Stürm, mm,,tenl Beffall). Wir haben hier Stellung genommen zu den Missionen und dem Bonifatiusverein und wollen nochmals er- Nären: Aus Mangeln an Geldmitteln darf keine Seele mehr dem Christentum fernbleiben und dem Christen- tum verloren gehen. Vielleicht ber wichtigste Gegen- stand, den wir hier behandelt haben, war die Schulfrage. Man hat bas Gefühl, daß in ben katholischen Kreisen noch immer nicht genügend die Gefahr erkannt wirb, bie ber Schule droht. Der Kampf um die Schuleistein KampfumdaSChri st entum. Niemals dürfen wir zulaffen, daß die Zustände, wie sie jetzt im deutschen Reiche zu Recht bestehen, als unabänderlich gelten sollen. Wir müssen immer wieder Protest erheben unb verlangen ,baß Abhilfe geschaffen wirb. (Stürm. Beifall.) Windthorst hat um bie Schule am meisten Sorge gehabt unb ist mit der Sorge um bie Schule inS Grab gegangen. Er hat immer wieder her- vorgehoben: Wer bie Schule hat, hat die Zukunft. Deshalb begrüßen wir es auch, daß der Verband k a» tholischer Lehrer hier fo zahlreich vertreten ist. Ehre diesen Männerii bie hier erschienen finb, die trotz aller Anfeindungen gufammengetreten find, um bte la» tholische Schule zu verteidigen, welche ben Standpunkt vertreten, daß die Schule unb ihre Lehrer in Verbindung Bleiben müssen mit bet Kirche und ben Geistlichen! Denn biefe Verbindung der Kirche unb ber