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36. Iahrqanq

Fulda, Mtttvoch den 1. September 1309

JV3 199.

Erstes Wtatt

daS

Artikel, die den BolkSvere« in Verbindung brachten mit dem .systematischen Bestreben» ix dem katholischen Volke die Anschauung zu verbreiten, daß wirtschaftliche, soziale und politische Fragen losgelöst von den Grund­sätzen der katholischen Weltanschauung zu behandeln flnb". Man warnte vor einer .systematischen Jrtt«- konfessionalisierung der sozialen und politische» Be- strrbunge»'. 68 ist schwer erfindlich, wie man mit diesen Bestrebungen den VolEoereiu in Verbindung bringe» konnte. Gewiß, der Bolksverem fördert nicht bloß den Ausbau der sozuüen Gesetzgebung, sondern auch di» längst vor Gründung des Volksvereins be- steh«lde» in t «rko» fr ssio nellen Berussvereini- gungen, wie Handwerkerinnungen, Detaillistenvereine, Bauernvereüw, Arbettergewerkschasten, Privatbeamten- Verriniguugen usw., abet durchaus nicht vom Stand­punkte eines verwaschenen sogenannten interkonfessionellen Christentums. Die Leitung und die Mstglieder des Volksvereins kenne» nur ein konfessionelles Christen­tum, das für die Katholiken das katholische Bekenntnis ist. Eifrig und umfaffrud Hal der BolkZverein von An­fang an auch die ausgesprochen katholischen sozialen BeAtebunge» gefördert, die den Neid der Anders­denkenden wachrufen. Wer hat mehr wie der Bolls- verein getan für de» zeitgemäßen Ausbau der katho­lischen Arbeiter-, Arbeiterinnen. und Jugendvereine? Der Redner erinnert au die Präsides-Korrespondenz für die Leiter der kalhokische» Etaudesverrine, die Handbücher für die Leiter der katholischen Arbeiter-, Arbeiterumen- und Jugmdvereiu«, an die hundert- tausende von Muablälteru, in denen für diese Vereine geworben wird. Es gibt keinen auf sozialem Gebrete tätige Art katholischen Verein, der nicht fortwährend beim BolSverein Rat und Auskunft sucht, die nicht fast ständigeinzelneBeamtederZentralstelleinAnspruchnimmt. Der BolKverein hat in eigenen Schriften uno Fkug- blällern die konfessionelle Schule verteidigt, die Wege des katholischen Familienlebens, die katholische Presse und Schrifteuverbreitung zu fördern gesucht. Die systematischen Angriffe des Unglaubens auf das posi­tive Christentum hat er durch eifrige apologetische Be-

vereine, Sozial» UnterrichtÄurfe, Etudreuzirkel und Sekretariate) wurden durch Gratisabgabe von 7830 Schriften bei Gründung einer Bibliothek unterstützt. An Anerkennungen d»S Volksvereins aus befreundetem und aeanerischem M»nde hat es auch im letzten Jahre nicht aefehlt. Am ehrendsten für die Mitglieder des Vereins war die überaus huldvolle «nerkennung, die der hl. Baler PtuS X. unter Ueberreichung seines Bildes an den Vorsitzenden der .Förderung der geistigen und sozialen Wohlfahrt des Volkes* durch den Volksverein zollte. Die Abrechnung der Zentralstelle er­streckt sich auf drei Halbjahre 1908 biS Juli 1909 und schließt in Einnahmen und Ausgaben mit 785299,52 Ml. ab. Bon den Einnahmen entfallen 727 444,65 Mk. auf MitgliederbeitrSge, welche durch die Geschäftsführer für 1907, 1908 und 1909 in drei Halbjahren adgeliesert wurden. Bon den Ausgaben kommen auf Personal-, Haus- und Bürokosten 290802,69 Mk, auf Bibliotheken, Drucksachen und deren Versand 320454,41 Mk., auf Versammlungen, Kurse, Agitationsstellen im Lande re. 174042,43 Mk. Für das Jahr 1908 allein belaufen fich die Ausgaben der Geschäftsführer und der Zentral­stelle zusammen auf 593954,02 Mark.

Er beschränkt sich auch nicht darauf, unter den Mit­gliedern eines Standes oder Berufes zu wirken, sondern will in Ergänzung der zahlreichen Standes- und Bernssverei»» die soziale Organisation der deutschen Katholiken dar. stellen, mit dem Ziel, alle Stände und Gesell- schastsschichte» zu solidarischer Arbeit zu einigen. Die Vertrauessmännerorganifation ist das Nervensystem dieses Maffenkörpers. Erst wo eifrige, auf jeder Straße oder in jedem Häuserviertel stationierte Vertrauensmänner, die allen Berusskreisen angchören, tätig sind» entfaltet der Volksverein seine volle Lebenskraft. Ausihren Reihen nehmen auch die sozialenStandesvereiue, die politische Partei ihre rührigsten und tüchtigsten Kräfte. Von der Bedeutung der Zentralstelle des Bolks- vereins muß daun gesprochen werden. Schauen wir einige Jahrzehnte zurück, so finden wir, daß im katho­lischen Deutschland damals die anhebende soziale Arbeit sozusagen nur im Nebenamt» organisiert und geleitet wurde. Der Mangel an freigestellten Beamten für diese Arbeit machte sich in seinen üblen Folgen immer mehr bemerkbar. Wer im Nebenamte sozial tätig ist, kann sich uiäft ei» vollauf genügendes Rüstzeug an wissen- schastlichen, organisatorischen und agitatorischen Hilfs­mitteln anlege»; er kommt nicht dazu, die immer wieder auftauchenden, di» weiten Bolkskreise erfassenden Tages­fragen gründlich mi bearbeiten. Von dieser Einficht geleitet, schuf der Volksverem von seiner Gründung an sich einen Organismus freigestellter und fachwiffenschast- lich vorgebilderter Beamten, die unterstützt wurden von zahlreichen Hilfsarbeitern. Jeder Beamte hat fein scharf abgegrenzstes Arbeitsgebiet, daS er durchdringen und beherrsche« muß, auf welchem er fortdauernd neue Ge­danken finde» und die Mittel und Wege zu ihrer Ber- wiicklüchung schaffe» soll. So ist möglich, daß alle Ge­biete der schiale» Arbeit mit all ihren Erscheinungen vo» hoher Warte beobachtet werden. Die sozialwisseu- schajtliche Bibliothek vereinigt alles, was in Büchern und Zeitschriften a» die Oeffentlichkeit kommt. Die Registra­tur der Zentralstelle sammelt und ordnet, was in Tages­zeitungen, Jahresberichten «sw. vo» dauerndem Wert geboten wird. Diese vo» Tag zu Tag wachsende» Schätze werd«» durch die soziale Auskunstsstelle allen, die Beistand für soziale Kleinarbeit wünschen, zur Verfügung gestellt. Auf den sozialen Kursen finden die praktisch sozial tätige» Geistlichen und Laien, gründ­liche BelehMng. Gleiche» Zwecke dienen die soziale» Konferenzen für Gebildete, die soziale» Unterrichtskurse für die erwerbstätige Bevölkerung. Zum Schluffe »och ein Wort der Klarstellung, das geboten erscheint gegen­über vereinzelten Kritiken des Volksvereins.

täligung mehr wie eine andere katholische Organisation rurückgewiesen. Mehr als zwei Millionen apologetischer Flugblätter, mehr als eine Million der 34 Hefte der Apologetischen Volksbibliothek find vom Bolksverein verbreitet; eine ganze Reihe von Apologetischen TageS- ftagen für die G> bildeten, zwei Bände apologetische Vorträge sind von ihm herausgegeben und in vielen tausenden Exemplaren in Umlauf gebracht. Mögen alle Mitglieder, Vertrauensmänner und Geschäftsführer des Volksvereins wefter zu seiner Fahne stehen und rastlos wirken; mögen aber auch alle diejenigen Katho­liken uns zugesellen, die bisher noch zaudernd abseits standen. Wie unsere heutige Jahresschau beweist, lohnt es sich, im Volksverein zu arbeiten für die Erneuerung und den Ausbau der christlichen Ordnung in der Ge­sellschaft. (Lebh. Beifall.)

Kardinal Kopp, stürmisch begrüßt, widmet dem verstorbenen Bischof Dr. Schneider, der ein warmer Freund des Volksvereins gewesen sei, einen herzlichen Nachruf und ftiBe Fürbitte und fährt dann fort: Ein hervoragender Führer der deutschen Kacholiken hat den Volksverein als die „permanente Generalversammlung der Katholiken Deutschlands" bezeichnet. In der Tat hat der BoUsvereiu die Aufgabe, die Beschlüsse der Generalversammlungen auszuführen. Der Bolksverem gehört zur Generalversammlung der Katholiken Deutsch- lanos, und er soll auf ihr Rechenschaft ablegen über die Erfolge des letzten Jahres. Die zahlreichen An­griffe auf den Volksverein find nicht gerecht­fertigt. Ich stehe vor Ihnen als der einzelne Bischof und bitte meine Worte und Ansichten als die emes einzelnen Bischofs, nicht als Vertreter des Gesamt- episkopats aufznfasfen. Aber ich kann ihnen nichts anderes sagen, als was auch der Gesamtepis­kopat über den Volksverein urteilt, was er erst kürzlich den Zentralvorstand des Volksvereins durch ein anderes Mitglied des Episkopats hat wissen lassen. Was der Bolksverein bezweckt, besagen klipp und klar seine Statuten: er will die Förderung der christlichen Ordnung in der Gesellschaft. Der erste Vorsitzende des Volksvereins stand vor nicht langer Zeit vor dem obersten Hirten der katholischen Kirche und legte ihm Rechenschaft ab über das Wirken und die Ziele des Volksvereins. (Lebhafter Beifall.) Ich wiederhole seine schönen Worte, die er dem Papst entgegentief: der Volksverein hat die Aufgabe, das katholische Volk in voller Glaubesireue zu erhallen und das wirtschaft­liche Leben des Volkes immer mehr zu bessern. Der Bolksverein will die. Katholiken im öffentlichen Leben zur Arbeit anfeuern. Der greife Pontifex erhob segnend die Hände über den ersten Redner und über den Volksverein, (Stürmischer Beifall.) Ein hochver­dientes Mitglied des Volksvereins hat auf der vor­jährigen Generalversammlung sich über die Ziele des Volksvereins gleichfalls geäußert und gesagt, daß der VoWverein die Aufgabe habe, die soziale Kleinarbeit zu fördern. Der Volksverein denke nicht daran, die Selbständigkeit anderer Organisationen einzuschränken, im Gegenteil, er habe fein Wirkungsgebiet genau ad- gesteckt, und er wolle stärken und fördern unseren hl. Glauben. Der Volksverein fei da für das ganze katho­lische Volk. Und noch ein anderes hat ein hochver­dientes Mitglied des Volksvereins aus der vorjährigen Generalversammlung gesagt, indem er die patriotische Seite des Volksvereins betonte. (Stürmischer Bei­fall.) Ich hoffe und wünsche, daß auch meine Diözesanen recht zahlreich dem Bolksverein beitreten. Der Episkopat fürchtet nicht, daß das Zent, um den VoWverein beherrschen wird, er hätte auch nichts dagegen. (Lebhafter Beifall.) Der Bolksverein ist ein selbständiger Verein, der katholisches und soziales Wissen verbresten will. (Lebhafter Beifall.) Darum hat der Episkopat kein Mißtrauen gegen den Volksverein, sondern er hat volles Vertrauen. (Stürmischer Beifall.) Der Episkopat hat mit der Zentralstelle des Volksvereins stets enge Fühlung. Auch der Gesamtepiskopat hat Vertrauen zur Zentral­stelle. Sehen Sie, das ist das Verhältnis zwischen dem Volksverein und dem Episkopat. Es ist ei» vertrauens­volles Verhältnis und ich betone nochmals, dieses Verhältnis besteht. Und darum erteile ich den Herren meinen Segen, Gott segne und erhalle den Zweck und die Ziele des Volksvereins. (Stürmischer Beifall.) Der Begründer deS Volksvereins Windthorst hat wiederholt betont, daß der Verein das einigende Band sei für alle Katholiken. Deshalb rufe ich auch Ihnen heute zu: Seien Sie eitrig, denn Einigkeit tut not, namentlich in unserer Zeit. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.)

Fürstbischof Dr. v. Kopp erteilte hierauf der Ver­sammlung den Segen und nimmt dann scheidend end­lose Hochrufe entgegen.

Während der Rede des Kardinals hatte fich ein Ge witterflurm erhoben; der auf das Dach der Halle niederpraflelude Regen machte, daß der Schluß der Rede den Weiterstehenden unverständlich war. Der stellvertretende Vorsitzende Reichstagsabgeordneter Dr. Trimborn begrüßte das inzwischen erschienene Präsidium des Katholckentages.

Präsident Wg. Herold dankte und wies hin aus den Bolksverein als die bewunderungswürdige Organi­sation zur Aufrechterhaltung der christlichen Ordnung zur Bekämpfung des Unglaubens und des Umsturzes. Er ist unser großes, mächtiges Heer, wo die Wehrkraft allgemein ist, niemand wird ausgemnstert, und die Dienstzett dauert bis ans Lebensende. (Lebh. Bravo!) Der Volksverein ist der Verein aller Vereine, in dem die ganze Bevölkerung, hoch und niedrig, zusammen- wirken soll. Er kämpft nicht mit blutigen Schlacht­waffen, sondern mit den Waffen des Christentums, der Ueberzeuguna und der Liebe. (Stürm. Bravo!) Ich wünsche, daß er auch in aller Zukunft wachse, blühe und gedeih« zum Helle des deutschen Vaterlandes. (Stürm. Beifall.)

Justizrat Karl Trimborn: Wir haben jetzt eine geschäftliche Angelegenhell zu erledigen. Der Gewitter- sturm bars uns an der wetteren Erledigung unserer Arbeiten nicht hindern, ebensowenig, wie Graf Zeppelin fich bei seinem Fluge durch di« Well durch Sturm und Gemüter hat hemmen laffen. (Stürm. Heiterkeit.) Also voran durch Sturm und Gewitter! Wll haben jetzt die Neuwahl vorzunehmen der aus dem Vorstände auSscheidenden Mitglieder. (Redner verliest die Name» der auSscheidenden Herren.)

Gras Praschma schlägt zur Geschäftsordnung vor, die Herren per Akklamation wiederzuwählen.

Justizrat Trimborn: Wem, einer Widerspruch er­hebt, dann bitte ich den Herrn, hierher zu kommen. (Stürm.Hetterkett.) Ich erkläre bie Wiederwahl der genannten Herren.

Dr. Donde^ - Münster i. W. spricht über die apologetischen Ausgaben deS Volksver­eins.

Fast zwei Jahrzehnte rastloser Vollsv rreinSarbett liegen hinter uns. Sein nächstes Ziel war die Erhal­tung und Förderung der christlichen GesellschastSord- nung durch soziale Arbeit. Eine große apologetische Arbeit ist hinqugekommen. Die wirtschaftlichen Fragen.

Im Anschluß an be» Jahresbericht führte General- direktor Dr. Pieper aus: Der Lettgedanke der im Laufe der Jahre immer intensiver ausgebauten Volks- vereinsarbett ist die Erziehung und Schulung der deutsche» Katholiken zur Selbstbetätigung auf sozialem und kulturellem Gebiete. Da­durch unterscheidet der Volksverein fich wesentlich von einer ganze» Reihe älterer kathollscher Vereine, die sich auf Sammlung von Geldmitteln bei ihren Mitglieder» beschränken, um damtt die Schaffung gemeinnütziger Anstallen und Einrichtungen zu ermöglichen. Zahl­reiche andere katholische Vereine, insbesondere die sozialen StandeSvereine, habe» mit dem Volksverein daS Ziel der geistigen Schulung ihrer Mttglieder ge« meinsam; der Volksverein hat ihnen gegenüber aber bie Eigenart, daß er sich nicht bloß a» seine Mttglieder, sondern auch an die welle Oessenllichkeit wendet, daß er alle sozialen Fragen aufgreift, die im öffentlichen Leben starke Vollsbewegungen Hervorrufen und unsere Tageskämpfe beherrschen. Der VolVverein arbettet nicht innerhalb der vier Wände der VereinSsäle, son­dern auf dem weiten Markte des öffentlichen Lebens.

Dem Jahresbericht des BolkSverems ist folgender zu entnehmen: Der Berein zählte Ende Juni 1908 610428 ordentliche und 135 lebenslängliche, insgesamt also 610563 Mitglieder; Ende Juni 1909 dagegen 624876 ordentliche und 153 lebenslängliche, insgesamt also 625029 Mitglieder. Der beträgt demnach einschließlich 18 neuer

56. Getteralversammlung der Katho­liken Deutschlands.

Dritter Tag — Dienstag, ns. Breslau, 31. Aug. 1909.

Der dritte Tag, der Dienstag, wurde durch ein Requiem in der Pfarrkirche zu St. Dorothea zum Andenken an die verstorbenen Mitglieder der Gene- ralversammlungen eingeleitet. Wre aüiahrllch, so hielt auch in diesem Jahre der Volksvere,n für katholische Deutschland am Dienstag ferne General­versammlung ab und zwar in der Festhalle.

Generalver sammlung des Bolksverems für das katholisch« Deutschland.

Von Jahr zu Jahr erfreut sich diese General- Versammlung immer mehr des Interesses der katho­lischen Bevölkerung und welcher Teilnahme sie in Breslau begegnete, konnte man schon um die achte Morgenstunde an den dichtbesetzten Zügen der eiet Mschen Bahn, die zur Festhalle hinausfuhren, er­sehen. Kurz vor Beginn der Versammlung, Wi Uhr, erschien Kardinal Kopp auf der Präsidialbühne.

Der Vorsitzende, Fabrikbesitzer Brandts-M.-Glad- bach begrüßte den Rarbinal, der von der Menge leb­haft mtt Händeklatschen und Hochrufen empfangen wurde und hiell bann eine Ansprache, in der er dem Kardinal für sein Erscheinen den herzlichsten Dank aussprach und ihn bat, während des Verlaufs der Versammlung einige Wort an dieselbe zu richten. Das von ihm auf den Kardinal ausgebrachte Hoch fand einen mächtigen Widerhall bei den Teilnehmern der Versammlung. Herr «Brandts wendete fich in lebhaften Worten an die Katho­liken des Ostens mtt der Aufforderung, ebenso zahlreich iaK es die Katholiken des Westens schon getan haben, dem Volksverein beizutreten. In einer jüngst von geg­nerischer Selle in Berlin erschienenen Broschüre heißt es: „Steinern anderen Ziele, als dem, möglichst großen Cinfluß auf die Massen zu gewinnen, diente die Grün- bung des Volksvereins. Die Pflege des sozialen Ver­ständnisses und der sozialen Täligkett innerhalb der Wählerscharen des Zentrums sollte seine Aufgabe sein. Er hat sie glänzend erfüllt. Nichts anderes sichert dem Zentrum einen solchen Einfluß auf die Massen als er, mehr al5 durch christliche Gewerkschaften, mehr als durch Gesellenvereine und Windthorstbunde und Kongregationen herrscht daS Zentrum über die Massen durch den Volksverein. Mit fast fanatischer Energie hat man ihn aus ganz bescheidenen Anfängen zu einer Organisation entwickelt, der in der ganzen zivilisierten Welt keine politische Par­tei etwas gleiches an die Sette zu stellen hat. DaS ist kein schlafendes, auch kein friedliches, das ist das rastlos auwachsende schwarze Heer, das die Konsessionalisierung aller Adern unseres Dolkslebens betreibt, das den ultramontanen Gedanken in die Psyche unseres Volkes fo fest ver­wurzelt, daß nachfolgende Geschlechter, wenn einmal bet große Endkampf zwischen ultramontan« und mo­derner Staats- und Weltauffaffung unsere Kullnr in deren Grundfesten erbeben macht, unsere Zeit anklagen werden, daß sie sich hypnotisieren ließ von der sozml- denwkratischen Gefahr und nicht erkannte, daß min- defiens gleichgefährlich jene uBramontane Arbeit war, die daS Mark unseres Volkstums fälschte. Windt- h o r st'S letzte größte Tat nennen die Zentrumsannalen feine Mitwirkung zur Gründung bei Volksvereins. Sie war vielleicht feine größte Tat überhaupt und steht als ragender Markstein am Abschluß fetneS Lebens." DaS vor aller Augen liegende gemeinnützige Wirken des VoWvereins schützt ihn wohl genügsam gegen diese Vorwürfe, die ebenso unwahr sind, wie geeignet, de« Frieden im deutschen Volke zu untergraben. Sollte nicht vielmehr unser gesamtes Vaterland Windt- horst's letzter großer sozialer Tat Dank und Anerkennung zollen? Die Nachwelt roirb einst baS letztere sagen. (Lebh. Beifall.) Freunde aus Schlesien! Folget unseren rheinische», westfälischen und de» übrigen Glaubensgenossen aus den anderen deutschen Ländern, verwehrt »ud verflärkt unsere Rechen! (Anhalt. Beifall.)

Mttglieder 14466. Auf Hessen-Nassau entfallen 28000 Mitglieder. Die Zentralstelle in M-Gladbach hat die Zahl der schriftstellerisch tätigen Mitglieder im Berichtsjahr von 16 auf 18 vermehrt; insgesamt waren an der Zentralstelle 121 Personen tätig. Die Dr« ganifatton im Lande konnte im Berichtsjahr weiter vervollkommnet werden. Neben dem für Baden in Freiburg errichteten Landesfekretariat wurde 1907 für Bayern ein eigenes Landessekretariat in München und im verflossenen Jahre ein solches für Württemberg be­gründet. Volksvereinssekretariate bezw. VokkS- büros wurden eingerichtet an der Saar (1) in Lothringen (2, im Oberelfaß (1), für die Eifel (1) und für das Fuldaer Land (1). In einer Reche von Bezirke» wurde von Vertretern der Zentralstelle Kon- ferenzen mtt den Geschäftsführern abgetjalten. Auf diese Weise konnten neue Gebiete für die Volksvereins- axbeit erschlossen werden, so insbesondere in West­preuße». Bo» derartigen Besprechungen angeregt, ent­standen mehrere neue Soziale Konferenzen für de» RteruS oder für Gebildete überhaupt. Nach mancherlei früheren weniger erfolgreiche» Versuchen ist neuerbingS eine entschiedene Regsamkeit der katholischen Studenten­schaft aus sozialem Gebiete z» konstatiere«. Dem Be­strebe», möglichst weite Kreise zu sechständiger sozialer Arbeit zu befähige», dient eine neue Einrichtung die in etwa 6 größere» Bezirken im vergangene» Jahre er­probt wurde, und sich durchaus bewährt hat, eS find daS die Bezirkskouserenzeu für Vertrauensmänner. Aus denselben werden die wichtigsten Tagesprobleme nrirt« schaftlicher, sozialer, gemeinnütziger und apologetischer Art erörtert Zusammen kamen 1908-09 fast 13 Mil­lionen, seit Bestehen des Volksvereins rund 123 Mil­lionen sozial und apologetisch orientierende Drucksachen aller Art zum Versand. Die sozialwissenschaftliche Bibliothek der Zentralstelle zählt jetzt 23000 Bände. Der Schulung tüchtiger Mitarbeiter und der Weckung einer Volksbewegung im Lande bienten an erster Stelle die Konferenzen der Geschäftsführer und die soziale» Kurse. Die Zahl der VolkS- veremSversammlungen hielt sich im Berichtsjahre auf der alten Höhe, lieber 2314 Versammlungen wurde Äer 3entrale berichtet, im ganzen dürften mehr als .8000 öffentliche Versammlungen stattgesunden haben. L83 soziale Veremiaunaen (SIrbeiter« und Jugend-

die gesellschaftlichen Kämpfe weisen unmiielbar auf re- ligiöses Gebiet hinüber. Auf dem Graniiboden der Religion, auf ihren Grundlagen und den Grundbe­griffen des Eigentums, der Autorität der lieber- und Unterordnung, Ser Gerechtigkeit, der Familie, des Staatslebens erhebt sich das Gebäude sozialer Ordnung. An den religiösen Grundwahrheiten müssen daher sich alle, die an der sozialen Entwicklung arbeiten, orientie­ren. Aus dieser engen Verbindung von Religion und sozialer Ordnung ergibt sich gebieterisch die Pflicht, die Fundamente zu stützen gegen den Wogenschlag des anstürmenden Unglaubens. Kulturelle Hingebung eines Volkes ist unmöglich ohne eine gleichzeitige Bertie- fung des religiösen Denkens. Eine nur auf das irdische gerichtete Kultur läßt die Herzen kalt und leer ,bie wahre Kultur ist Hebung des ganzen Menschen, der Ruf nach höheren Zielen und nach der Weihe aller un­serer Arbeiten durch die Kräfte und Wahrheiten der Religion. Daher muß der Volksverein, wenn er die Kultur fördern will, auch für die religiöse Veredelung der Menschen Sorge tragen. Und das umsomehr, je mehr eine gottesfeindliche Kultur an der Arbeit ist. Man sagt nicht mit Unrecht, daß trotz unserer hohen gesteigerten äußeren Fortschritte dennoch eine innere Leere und Trostlosigkeit, ein Ueberdruh und Freuden­taumel sich empfindlich geltend machen. Man hat zuviel an den äußeren Menschen gedacht, die Seele hat ge- darbt und nun schreit sie auf im Hunger nach dem Brote des Lebens; wenn in allen unseren Volkskreisen das Suchen und Sehnen na chReligion so tief und wahr geworden ist, dann ist es eine heilige Aufgabe, durch Belehrung und religiöse Vertiefung die Herzen zu er­füllen und zu erfreuen. Nur das ist die wahre kul­turelle Hebung des Volkes; es auch in seinem religiösen Denken zu vertiefen, ihm so den Weg zu Gott, zur Fülle des Lebens wieder zu zeigen und es zum Glück wahren religiösen Lebens und Denkens zu fühven. Was will alle soziale Arbeit und aller Fortschritt in letzter Linie? Sein letztes Ziel ist die Umsetzung der vermehrten Gewinne und der erhöhten wirtschaft- lichen Güter in persönliches Glück des einzelnen. Und da kommt alles nicht mehr auf Hebung und Besserung der sozialen Lage allein an, sondern da handelt es sich vor allem um eine klare und wahrhaft große Weltan­schauung. Wenn wir allen jenen, die durch die Not des Daseinskampfes von so vielen Gütern der geffttgen und wirtschaftlichen Kultur ausgeschlossen sind, wahres Glück geben wollen, dann können wir das nur dadurch,. daß wir sie zu den Tiefen jenes persönlichen Glückes I führen, welches in der Beantwortung der großen Welt- und Lebensrätsel, des Woher, Wozu, Wohin? im leuch- ' tcnden Glanze unseres heiligen katholischen Glaubens am tiefsten begründet liegt. Daher muß der Glaube schon von Jugend dem einzelnen zur lebendigen lieber- - zeugung werden und zwar müssen schon die jungen Männer werden wie kernige Eichen. Sie alle müssen mehr Schulung und Stärkung haben, sonst verlieren sie Ruder, Steuer und Kompaß. Sie müssen ausge­rüstet sein, um der Welt des Unglaubens zeigen zu können, daß es noch Ueberzeugungen gibt, die nicht ge­beugt und nicht gebrochen werden. Daher unbedingt tiefere Einftihrung in die religiösen Wahrheiten nach der Schulzeit und Ausrüstung zur Abwehr. Da hat der Volksverein eine große Aufgabe und er erfüllt sie in treuer Arbeit durch das gesprochene und das ge­schriebene Wort. Die Religion darf nicht während der Arbeitswoche in einer Schublade liegen, das ganze Leben muß geheiligt sein. Wir gebrauchen Männer, denen das ganz- katholische Glaubensbekenntnis in Fleisch und Blut übergegangen ist, und die daraus ein Verständnis für die Bedeutung des Christentums in den sozialen Kämpfen der Zeit schöpfen, Männer, die in fich selbst eine lebendige Apologie des Christentums darstellen. Alle unsere Arbeit im Volksverein will Dom­bauarbeit sein für Christus, denn Christus ist, wie der hl. Paulus sagt, der Eckstein, in dem der ganze Bau zusammengefügt ist und heranwächst zu einem heiligen Tempel des Herrn. Und wem gilt dieser Bau? Ihm, in welchem uns alles Völkerglück und aller Menschheits­segen gegeben ist: Christus! Christus gestern und heute mid in Ewigkeit! (Stürmischer Beifall.)

Abg. Dr. Porsch, ungewöhnlich begeistert, mit Hoch­rufen und Händeklatschen begrüßt, besprach die Be­ziehungen deS Volksvereins zum katholischen Schlesien. Er mahnt zum allgemeinen Beittitt und bittet seine ■ Worte alS Rippenstoß zu betrachten, den er den Faule» und Neutralen von dieser Stelle aus erteüe. ES müsse mit aller Energie auf die Ausbreitung des Volksvereins in Schlesien hingearbeitet werden. (Lebh. Beifall und Zustimmung.)

Herr N. Gönner, Vertreter der katholischen Bereini­gung Nordamerikas, und Herr I. Huber, der General» sekretär des Volksvereins in Ungarn, überbrachten Glückwünsche ihrer Bereinigungen in dankbarer Aner­kennung des „Germania docet".

Stellvettretender Vorsitzender Dr. Trimborn: AIS Hauptergebnis unserer heutigen Versammlung betrachten wir es, daß wir in der Leitung des Vereins durch den Verlauf der Verbundlungen uns neu gestärkt und belebt fühlen, namentlich durch die Begeisterung, die unS hier entgegengebracht wird. Wr danken .dafür. Wir sind auf dem richtigen Wege, und mit Gottes Hilfe werden wir daS auch bleiben und wachsen. (Lebhaftes Bravo.) Wir erwarten aber auch einen Dank von Ihrer Seite, und diesen Dank bitten wir abzustatten, indem Sie für unsere Sache neue Mttglieder werben. Zu dem Rippen­stoß. von dem hier gesprochen wurde, fehlt mir der M»Ü tHeiterkeit), ich fühle mich nicht sicher genug dazu, und bin auch zu höflich dazu. (H.tterkeit.) Die Silesii catholiea steht wie eine wundervolle Maid vor mir, um deren Liebe ich werben möchte, natürlich nicht mit Rippenstößen. (Heiterkeit.I Ich möchte um sie werben mit der glühenden Sprache des Bräutigams. I» meinen Jahren habe ich leider diese Sprache verlernt lStürmische Hetterkett) und muß mich auf den prak­tischen juristischen Ton beschränken. Lesen Sie den Geschäftsbericht, auch Sie, meine Damen, und seien Sie dann sozial tätig, und Ihre erste soziale Tätigkeit sei, in den Verein einzutteten. Sorge» Sie, meine Damen, dafür! Ein gegnerisches Blatt nannte den Volksverein die »Hochburg des katholischen Deutschlands". Doch wahrhaftig eine hohe Anerkennung von einem Gegner. Wenn aber Feinde dieselbe lieber« zeugung haben: schämen sie sich bann nicht, nicht Mit­glieder zu werden? Ein besonders schöner Zug ist der demokratische Aufbau des Vereins, mid dieser verlangt, daß alle beüreten. Breslau ist für den Ausgaug großer Bewegungen ein geeigneter Boden. Von seinem tnäap tigert Exerzierplatz aus erscholl 1813 der Aufruf an daS preußische Voll. Hier wurde die Fahne davongetragen, welche die Inschrift trug: »Mit Gott für Sfßntg mtb Vaterland!' Die Enkel sollen hinter den Großvätern an Begeisterung nicht zurückstehen, sie jotlten unf6“1 Fahne folgen, deren Wahkspruch ist: »Mtt Gott für König unb Vaterland, für Kirche und Staat". Dieser Fahne, bie wir hier entfalten, werden hoffentktch mm auch viele Tausende neue Anhänger nachgehen, ^ch schließe die heutige Versammlung. Gelobt fei Jesu» CbristuS! (Stürmischer Beifall.)