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Fulda, Dienstag den 31. August 1909.

36. Jahrgang

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Monatrbellager „Wdaer Geschichtsblätter"

Anzrigenr Vie et» fpMge Petitzeile oder bereit Kaum 15 pfg. Reklamen diepetitzeile 25 Pfg., bei wieder Holungen wird entspr.

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Serantw. Redakteur: Lark Schüttei

Zweites Wt'crtt. - s—!

56. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands. Erster Tag — Sonntag (Nachtrag).

ns. Breslau, 28. Aug. 1909.

Die Zahl der Teilnehmer an dem großen Fest­zuge wird von anderer Seite auf etwa 26000 an­gegeben. Das meiste Interesse erregten die Bergleute, die Hüttenarbeiter und die Jugendorganisationen in ihren schmucken, kleidsamen Uniformen. Den Polen wurde vielfach zugejubelt. Auch der Kardinal winkte ihnen zu und segnete sie besonders. Ungewöhnlich groß war die Zahl der Gesellenvereine und Jugend­organisationen. Auch ein Arbeiterinnenverein zog im Zuge mit. Der Süd und West fehlte völlig, dagegen war Sachsen durch mehrere Vereine ver­treten. Mit Tränen der Freude betrachtete der Kardinal jede einzelne Gruppe des Zuges. Mit großer Freude nahm er aus den Händen des Ge­heimrats Porsch, der an der Spitze des Zuges marschierte, eine kunstvolle Adresse der katholischen Vereine entgegen.

Aus der Versammlung der Ar­beiter in der Festhalle ist noch nachzutragen, daß Abg. Dr. Fleischer eine begeisterte Rede über Religion und Autorität hielt. Kardinal Kopp ' wurde bei seinem Erscheinen minutenlang mit tosen- dem Beifall empfangen. Er nahm sofort das Wort :unt> begrüßte mit der schwachen Stimme eines eben Genesenen in einer halbstündigen Ansprache die Arbeiter wie folgt:

GottsegnedieehrbareArbeit! Mit He­lfern Wahrspruch begrüße ich Sie am heutigen Tage. Sie haben durch den lauten Beifall, mit dem Sie mich empfangen haben, diesen Wahrspruch bestätigt. Für- wahr, ehrbar ist die Arbeit» sie ehrt den Menschen, sie ist seine Bestimmung nach Gottes Willen. Mit der Ar- bei soll der Mensch sein Leben würzen und veredeln und so seine ewige Bestimmung dort oben erreichen. Ehr­bar ist die Arbeit, denn sie ist aller Menschen Aufgabe; aber besonders ist es die Ar b e i t d e r s ch w i e l i g e n Hand, die in unseren Zeiten vorzüglich die Aufmerk, samkeit der Welt auf sich lenkt. Die Zeiten sind vor­über, wo diese Arbeit unter Mißachtung und Gering­schätzung zu leiden hatte. Mehr und mehr hat sie sich Anerkennung und Achtung erworben, sie ist die unent­behrliche Hilfe für die großen Kulturaufgaben, die die Menschheit zu lösen hat, und so hat sie sich eine ehren­volle Würdigung in der Menschheit erobert, und die edelsten Kreise der menschlichen Gesellschaft halten es für einen Ruhm und eine Ehre, die Standesinteressen der Arbeiterschaft zu fördern und ihnen ihre Fürsorge angedeihen zu lassen. Die Arbeit wird von allen ge­ehrt, aber besonders ehren sie die Arbeiter selbst. Sir richten ihre Arbeit aut Gott und bauen sie auf sei­nen Segen auf. Was sollte auch andere die Arbeit lehren können? Die Unterhaltung des irdischen Lebens? Oder der Lohn, der von den Arbeitgebern gezahlt wird? Wenn das das ganze Ziel der Arbeit wäre, dann wäre sie unwürdig und unehrenvoll für die Menschen, dann wäre sie Sklavenarbeit und erniedrigte den Menschen zum Sklaven. Wohl gibt es weite Kreise, die die irdische Arbeit allein in den Dienst der Vervoll­kommnung und Ausgestaltung des irdischen Lebens stellen wollen. Gewiß ist das auch eine Aufgabe der irdischen Arbeit, aber die Hauptaufgabe ist es nicht und kann es nicht fein, sonst würde die Arbeit das Men- schenherz nicht glücklich machen, sondern müde und leer und würde es mit Unzufriedenheit und Mißmut erfül­len. Die Arbeit für Gott hebt das wahre Standesbe» wußtsein des Menschen, sie macht ihn zum Diener des allerhöchsten Arbeitgebers. (Lebh. Beifall.) Diese Arbeit haben Sie eben gefeiert in dem herrlichen Zuge, den Sie vor unseren Augen sich entwickeln, ließen. Das war kein leeres Schauspiel, das war der tiefernste Ausdruck der Ueberzeugung. das ernste Bekenntnis, daß Sie festhalten im Glauben und an der Betätigung des

Sonnenl^euchten.

17] Roman von Erich Friesen.

Melleicht I! . - . Ein geringer Trost? Allein fährt Orlando nach Neapel zurück. Teresita bleibt vor­derhand in Capri bei den Eltern.

f „Mein Mann ist tot!" hatte sie kopfschüttelnd ge­sagt, als man ihr nahe legte, mit Orlando in ihr Keim zurückzukehren.

Wie einsam kommt er sich vor in den glänzenden Räumen, die ehedem durch Teresitas Geplauder, durch ihr Helles Lachen, ihre heitere Laune so froh belebt Erschienen! Er vergißt dabei, daß dies Geplauder gar «u oberflächlich, dies Lachen ost gar zu laut, die hei­lere Laune zumeist etwas erzwungen war.

All die Wolkenschatten »welche in letzter Zeit den klaren Himmel ihres Eheglücks verdunkelten — sie sind vergessen. Nur des Sonnenscheins gedenkt er, ten Teresitas Neigung zu ihm in sein Leben gebracht.

h Und tiefe Reue erfaßt ihn, wenn er sich vergegen­wärtigt, daß eigentlich er selbst an dem Unglück Schuld ist, das seine Frau betroffen.

! 2Barum gab er damals seinem Unmut nach! Warum .übte er als der überlegene Mann nicht Nachsicht gegenüber den Schwächen der Frau! Warum ließ er feinem Zorn so sehr die Zügel schießen, daß er in einer Aufwallung von Lebensüberdruß im letzten Mo­ment beschloß, bei jenem unglückseligen Wettrennen Pluto selbst zu reiten, obgleich er wußte, daß da» ^Tier mit der schweren Last auf dem Mcken nicht ge­winnen, ja vielleicht sogar bet dem rasenden Wettlauf verunglücken konnte! Welch Unheil hat sein Eigen- st""- st]" Mangel an Selbstbeherrschung über sie alle gebracht! lieber ihn, über fein Weib, über ihre El- Hern, über Mirra!

r 2", ""ch über Meta — das holde Sonnengefchöpf, Mf dessen goldig schimmerndes Haupt er allen Him- Achtel Ach, und doch weiß er nicht, wie unglücklich Mirra in Wirklichkeit ist! Viel- wichsten von allen der an dieser Tragödie Beteiligten. Sie leidet doppelt dreifach

Nicht an sich selbst denkt sie dabei Mag ihr Glück iBntergeben — was liegt daran! Wer Orlandos Glück,

Glaubens als treue Katholiken und treue Söhne des Vaterlandes. Mit Bewegung habe ich die herrliche Ordnung des FestzugeS gesehen, gesehen, daß die Ar- beiterschaft nach wie vor an den Grundsätzen des katho- Irschen Glaubens festhält in Einigkeit und Festigkeit. (Stürm. Beifall.)

Die abendliche Begrüßungsversammlung bewieß, daß auch die Schlesier, die Breslauer warm werden können in ihrer Festesfreude, so warm, wie die Rheinländer und Süddeutschen. Die jubelnden Beifallsstürme, die Geheimrat Porschs Begrüßungs- Worte begleiteten) hätten auch am Rhein oder Main nicht lauter, nicht herzlicher die Festhalle durch- braufen können. Die Halle war bis auf das letzte Plätzchen besetzt und draußen harrten noch viele Hunderte des Eintritts. Die riesige Tribüne füllte ein reicher Damenkranz. Besonderen Eindruck machte die Darlegung des Vorsitzenden Abg. Porsch, daß der Katholikentag kein Parteitag des Zentrums sei. Unter immer wieder sich erneuernden Stürmen des Beifalls erklärte er, daß die politischen Fragen nicht zur Zuständigkeit des Katholikentages gehörten, und verständnisinnige große Heiterkeit erhob sich, als er sagte, daß wir uns auch nicht mit dem Wechsel tn einem hohen Staatsamt befaßten.

Auf dem Breslauer Begrüßungsabend war nur eines zu vermissen, was man in anderen Städten, auch in vorwiegend protestantischen, gewohnt war, eine Begrüßung vom Rathause. Betrachten wir die Hergabe des städtischen Grund und Bodens für die Festhalle als tatsächlichen Ersatz für die vermißten Grußworte.

* ♦ *

In einem Bericht über die Veranstaltungen vom Sonntag äußert die liberale ,Köln. Zig/ mit fol­genden anerkennenden Worten: War die Begeisterung hier (in der Arbeiterversammlung) schon groß, als Herr v. Savigny den Vorsitz mit den Worten über­nahm: Es fei für ihn, der durch Geburt und Beruf einen anderen Wirkungskreis erhalten habe, eine hohe Ehre, eine Arbeiters ersammlung präsidieren zu dürfen, so gingen die Wogen der Stimmung noch höher, als der Kardinal sofort nach seinem mit tosendem Beifall begrüßten Erscheinen das Wort nahm, um mit schwacher Stimme, der man eben erst überstandene schwere Krankheit anhörte, über die ehrbare Arbeit zu sprechen und am Schluffe den Segen zu erteilen. Wenn man den gewaltigen Festzug, der sich fast zwei Stunden ausdehnte, auf­merksam verfolgte und aus den mitgetragenen Tafeln die Entfernungen der Orte abmaß, aus denen die so stolz und bekenntnistreu Marschierenden ge­kommen waren, wurde einem klar, daß diese Massen von einem höheren Impulse ge­führt waren. Wenn man bann aber in der Fest­halle den adeligen Vorsitzenden und den erzbischöf­lichen Redner gewahrte, wurde einem auch mit überzeugender Kraft des Rätsels Lösung klar: Mit solchen starken Mitteln, die besonders auch die Mensch euch re des Arbeiters anfassen, ver­mag nur der Katholizismus zu wirken; und wenn man nebenbei gewahr wird, daß in diesen Arbeitermassen auch die noch so leise angeschlagene vaterländische Note sofort ein sehr vernehmliches Mitschwingen des Gemüts erweckt, kann man es nicht anders denn als beruhigend ansehen, daß diese Bataillone wenigstens der sozialistischen Rattenfängerpfeife nicht zugänglich sind.

* * *

Der katholische akademische Abstinentenverband ver- fammeUe Samstag abend eine große Anzahl seiner Mitgueder zu einem Begrüßungsabend. Der Vorsitzende des Landesverbandes, v. Malotki, wür­digte die Bedeutung, die die Abstinentenbewegung unter den kathol. Akademikern gewonnen hat. Ver­schiedene Gruppenvorstände berichteten alsdann über die Fortschritte der Bewegung.

Die kath. Jugendvereine nahmen in diesem Jahre zum ersten male am Festzuge teil. Nach diesem ver­sammelten sich über 1600 Mitglied er und zahlreiche Gäste im St. Vinzenzhause. RuratuS Pfeffing, der Präses der Breslauer kath. Jugendvereine, begrüßte die Versammlung und übertrug dann das Wort dem Landtagsabgeordneten Rektor Zischs-Breslau zu seiner Rede über: »Die Aufgabe des kath. Jünglings in der Gegenwart." Oberpfarrer Dr. Drammer-Aachen sprach über „Katholische Kirche und Jugend". Kardinal Kopp wies auf die Wichtigkeit der Jugendvereine hin, die, ein zweiter Schutzengel, den Jüngling vor den auf allen Seiten lauernden Gefahren bewahrten. Er wür­digte die selbstlose Arbeit des Präsidenten im Dienste der überaus wichtigen Sache und erteilte dann den Anwesenden den bischöflichen Segen.

Deutsches Reich.

* Mit der Frage des künftigen Reichs­tags-Präsidiums beschäftigt sich C. Metzger im ,$ag'. Am interessantesten ist dabei sein Urteil über den früheren Präsidenten des Zentrums, Grasen Ballestrem, und den jetzigen Präsi­denten, Grafen Stolberg. Er schreibt:

„Anders werden sich aber wohl die Dinge gestatten, wenn jetzt der Reichstag wieder zusammentritt. Dann wird das Zentrum schwerlich auf den ihm gebührenden Vortritt verzichten wollen, .... um so weniger, als man Graf Stolberg auf dem Präsidentenstuhl wohl kaum vermiffen würde. Seinerzeit war Graf Balle- strem das Ideal eines Präsidenten. Er verlor nie die Ueberstcht über die Geschäfte; bei aller persön­lichen Liebenswürdigkeit hatte er doch die nötige Be­stimmtheit, um nicht ins Schwanken zu geraten: außer­dem verfügte er über einen schlagfertigen Witz, der gefährliche Spannungen durch Gelächter auslöste. Von allen diesen Eigenschaften war bei Graf Stolberg nur wenig zu bemerken. Seine Ablösung durch einen ge­schickten Präsidenten aus den Reihen des Zentrums wäre also auch im allgemeinen Interesse nicht zu be­klagen.

Ausland.

• Aus Spanien.

Die neuesten Nachrichten aus Spanien lassen keinen Zweifel mehr darüber, daß es sich bei den Unruhen in Katalonien um den Ausdruck einer all­gemeinen, seit langem unter dünner Decke gährenden Unzufriedenheit handett, die in den marokkanischen Ereignissen nicht ihren Grund, sonderen nur ihre Veranlassung hat. Irgend ein anderer Zwischen­fall in der spanischen Politik hätte ganz ähnliche Erscheinungen zeitigen können, wie Spanien jetzt erlebt.

Die Dinge liegen offenbar viel schwieriger, als das offizielle Spanien wahr haben will. Das be­weisen die unzähligen Verhaftungen, Verurteilungen usw. Jeder irgend verfügbare Raum wird in eine Gefangenenzelle verwandelt und der zuständige spanische Minister hat geäußert, man werde fort« fahren, alle verdächtigen Leute zu verhaften, auch wenn man um, die Gefangenen unterzubringen, neue Gebäude errichten müßte. Das vor einigen Tagen in Barzelona, also einer Stadt, die unter strengster polizeilicher Aufmerksamkeit steht, einer Stadt, die von zehntausend Polizisten und zwölf­tausend Soldaten bewacht ist, in der Calle de San Fable eine Petarde platzen konnte, beweist doch zur Genüge, wie alles drunter und drüber geht. Höchst bezeichnend für die politische Lage in Katalonien, besonders in Barcelona ist die Zu« ämmensetzung des Barcelonaer Stadtrates, der nur aus Republikanern und So- z i a l i st e n besteht. Einzelne Mitglieder des Stadtrates mußten wegen Anstiftung des Auf­ruhrs verhaftet werden, ja die Regierung soll sich mit dem Plane tragen, den Stadtrat aufzulösen.

Ein weiteres Moment zur Charakterisierung der Lage besteht darin, daß die Regierung gezwungen gewesen ist, in Barcelona vierundneunzig kon­fessionslose Arbeiterschulen zu schließen. Und eine neueste Meldung aus Barcelona — wie es heißt, eine amtliche — besagt, daß die meisten Kirchen und Klöster ihre Tore und Fenster mit starken Eisengittern versehen. Hier kommen wir in ein bekanntes Gebiet! Wir sind hier im klassischen Lande der Klosterstürmerei. Seit einigen Jahren war es ja stille, aber es zeigt sich jetzt klar, daß diese Stille nicht als Zeichen innerer Gesundung gedeutet werden durste. Nur ein wenig Abspannung. Große Teile der Bevölkerung jener Landstriche sind seit undenklichen Zeiten von Revolutionismus, von der Freimaurerei, ueuerdings auch von Anarchismus und von der Sozialdemokratie unterwühlt. Und diese Unzufriedenheit macht sich nach der Seite Lust, wo gerade ein Anlaß ist. So jetzt gegen das Vor­gehen in Marokko, mehr noch "gegen das „klerikale Katalonien*. Vor einigen Tagen brachte ein spanisches antiklerikales Blatt eine Ueberstcht über die Anzahl der Klöster, Mönche und Nonnen in Katalonien, und meinte, es gebe jetzt, nach dem Zu­wachs durch französische Einwanderung in Spanien, in der Diözese Barcelona mindestens fünfhundert Klöster. Das wäre allerdings int Ver gleich zur Bevölkerungszahl außerordentlich viel; zunächst aber weiß man nicht, was alles der Mitarbeiter deS radikalen Blattes als Klöster mitzählt — wahr­scheinlich jede Einzelzelle eines alleinhausenden Mönches, jede Schule rc. — bann aber ist auch von katholischer Seite zugegeben worden, daß die Klöster, die fast alle Gewerbe treiben, der Privat- und Laienarbeit unangenehme Konkurrenz machen, Nun ist ja hundert gegen eins anzunehmen, daß die unzufriedenen Arbeiter überhaupt nicht viel Lust zum Arbeiten haben, und daß ihre Sage nicht besser fein würde, wenn die klösterliche Konkurrenz nicht da wäre, aber immerhin haben die Aufrührerische« hier einen Vorwand.

Einer der Angeklagten, Josö Miguel Barö, wurde irn Festungsgraben von Montjuich erschossen, sechs weitere Hinrichtungen (die,Corresv/ behauptet nur 4) sollen demnächst erfolgen. 14 Angeklagte wurden am Freitag zu lebenslänglicher Zwangs­arbeit verurteilt. Daß diese Strenge den Geist des" Aufruhrs in Katalonien ersticken wird, ist mehr als zweifelhaft. Vor Jahren wurden in den Verließen von Montjuich Hunderte von Anarchisten erschossen.' Und immer wieder kommen in Barcelona anarchistische' Anschläge vor. i

volkswirtschaftlicher und Sozialer.

* Trier, 28. Aug. 1909. Infolge Absatz-' mangels ist für Montag auf sämtlichen Staats-' gruben VeS Saarreviers eine Feierschicht eingelegt.

m. Ausbildungs - Kursus für Verwalter öffentlicher Arbeits-Nachweise. Der mitteldeutsche Arbeitsnachweits-Verband veranstaltet in Verbin­dung mit dem sozialen Museum, beide zu Frank­furt a. M., vom 11. bis 16. Oktober einen AuS- bildungs - Kursus für Verwalter öffentlicher Ar- beits - Nachweise mit anschließenden praktischen Hebungen. Außer einer Einschreibe-Gebühr von 10 Mark werden weitere Gebühren nicht erhoben.

» Der schwedische Generalstreik nimmt einen so ereignislosen Verlauf, daß nur die Veröffentlichung der Zahl der Streikenden, 255 668, die Bedeutung dieses wirtschaftlichen Kampfes wieder einmal im vollen Lichte erscheinen läßt. In der letzten Woche haben 23000 Arbeiter die Tätigkeit wieder ausge­nommen. In Stockholm selbst hat sich die Zahl der Ausständigen nur wenig vermindert. Die öffent« ' liche Meinung wendet sich gegen eine Vermittlung

das Glück der Schwester, die Ruhe der Eltem — das ist es, um was sie sich sorgt. Als Orlando vor kurzem, mit dem Tode ringend, im Krankenhause lag — wie zog es sie hin zu ihm, um ihn zu pflegen? Doch nein. Sie hatte kein Recht dazu. Von ferne mußt- sie stehen und sich begnügen mit den spärlichen Nachrichten, die sie sich zumeist beim dirigierenden Arzt des Kranken­hauses selbst einholte. Mit ganzer Hingebung wid­mete sie sich nun der Pflege der Schwester.

Wenn Orlando, wie durch ein Wunder bewahrt vor dem fast sicheren Tode, wieder heimkehrt in sein Schloß am Posilipo — bann soll er feine Frau dort vorfinden, gesund an Leib und Serie, in Sehnsucht des Gatten harrend. So wünscht es sich Mirra.

AlS Teresita vor Wochen auf der Tribüne ohn­mächtig zusammenbrach, ahnte niemand, welch' her­bes Schicksal sie damit traf. Eine heftige Gehirnent­zündung war die erste Folge. Langsam, ganj langsam gesundete der Körper von der schweren Krankheit. Aber der Geist blieb umwöltt. Sie sieht und hört alle«, was lim sie her vorgeht; sie kennt die einzelnen Personen ihrer Umgebung und spricht vollständig ver­nünftig mit ihnen; sie entsinnt sich auch der früheren Vergangenhett mit all ihren Einzelheiten Nur über die letzten Ereignisse ist in ihrem Hirn ein undurch­dringlicher Schleier gebreitet. Es ist, als ob mit dem Moment, da sie den Gatten blutübersttömt vom Pferde stürzen sah, ein großes „Nichts" sich vor ihrem Geiste auftat Orlando ist tot! » . . Und dann — nichts mehr.

12.

Auch Graf Riccardo Tosti wurde schwer von Te- resttas Unglücksfall betroffen — wenn auch in feiner Weise. Er hatte sein letztes Geld auf „Pluto" ge­setzt. Und „Pluto" hatte verloren. Das wäre noch nicht das schlimmste. Er hat ja die schöne Signora della Rocca an der Strippe und damit einen Teil ihrer Millionen. Aber diese selbe Signora della Rocca hat plötzlich die Unverschämtheit, tränt zu wer­den — sehr Iran! sogar, so daß sie nach Capri zu ihren Eltem gebracht locrden mußte. Und Graf Tosti braucht Geld. Einen Augenblick schießt es ihm durch den Kopf: 2Bie, wenn er das Geheimnis an den Oberst San Mattino verkaufte? Der würde sicherlich,

um die Ehre seiner Tochter zu retten, die Hälfte sei­nes Vermögens hingeben . . .

Aber erstens: dieses Vermögen ist nicht übergroß. Zweitens wäre es nicht ganz unmöglich, daß der alte Haudegen in Ueberschwang feiner Ehrlichkeit die ganze Sache zur Anzeige bringt, ohne Rücksicht auf seine Tochter und den dadurch ensstehenden Skandal. Und drittens: würde der Oberst ihm überhaupt glauben? . . . Gras Tosti laßt also den Gedanken wieder fallen. Er überlegt weiter: Beinahe zwei Jahre sind ver­gangen feit jener verhängnisvollen Nacht in der Villa Fortuna auf Capri. Niemand denkt mehr an das ge­stohlene Brillanthalsband, zumal der Diebstahl durch das gleichzeitige größere Verbrechen des Mordes von Anfang an in den Hintergrund getreten war. . . . Weshalb also das kostbare Ding noch weiter im Stroh­sack unter seiner Matratze verschimmeln lassen? . . . Heraus damit!

In der folgenden Nacht eine neue Zusammenkunft des „Herrn Grafen" mit seinem getreuen Beppo in der Kellerkaschemme.

„Wir brauchen Geld, mein Junge", beginnt der „Graf" nach dem ersten kräftigen Schluck aus dem Weinhumpen.

„Ja, Herr Graf. Wir brauchen immer Geld."

„Aus der Signora della Rocca ist nichts mehr herauszuholen."

„Nein, Herr Graf."

„Schade um die Frau! Hat Rassel Sehe sie noch int Geiste, wie sie bamali-mit flammenden Blicken vor mir stand und mir zurief:

„WaS Mi Ihnen ein, mir solche Briefe zu schrei­ben? Sind Sie verrückt?" Und wie ich ihr ruhig ent­gegnete: „Gemach, meine verehrte Signora! Ich habe doch Augen im Kopf! Und sehr scharfe sogar! Und diese scharfen Augen sahen in jener Nacht ganz deutlich--" Und wie sie bann auf einen Stuhl

sank und fintierte: „Was soll ich tun, damit — ich nicht--"

„Nichts weiter, als mir von Zeit zu Zeit mit einem kleinen Teil Ihrer Millionen unter die Arme greifen ,Signora!"

„Und wenn ich es nicht tue?'

„Sie wissen, welche Strafe auf Mord fleht, Sig­nora?"

„Man wird Ihnen nicht glauben. Auch werden Sie sich hüten zu reden; Sie selber kamen mit hin­ein — wegen Diebstahls!"

„Auf Diebstahl stehen tvenige Jahre, Signor«. Auf Mord — lebenslänglich . . . Zuchthaus ober gar —"

Da sprang sie auf und schleuderte mir ein —j „Schutte" entgegen. Doch jener Hieb saß. Ich er­reichte damit, was ich wollte. Du weißt es ja, Beppo."

„Ja, ich weiß es, Herr Graf."

Beide tun einen tiefen Schluck aus dem 'Humpen, bevor der Graf ärgerlich sottfährt:

„Und nun ist diese sichere Einnahmeguuelle tiefr icgt. Es bleibt nur noch ein8 übrig: das Brillant- Halsband. Wir müssen es los zu werden suchen."

In Bepvos Augen funkelt es auf.

„Endlich, Herr Graf! Endlich! Hab'schon lange darauf gewartet . . . Wann?"

„Schon morgen!"

„Wo?"

„Beim alten Simoni. Ist bereits alles borbereitet Brauchst nur hinzugehen und es abzugeben. Hier!"

Und Graf Tostt zieht ein kleines, festeingewickel- tes Paket aus der Tasche.

Grinsenb nimmt Beppo es' an sich und läßt eS

'ofott in seinen Stiefelschaft verschwinden

„So! Und nun — Prosit! Beppo!"

„Prosit, Herr Graf!"

Zur selben Zeit, da in der neapolitanischen Ver- brechettaschemme jene verhängnisvolle Unterhaltung zwischen dem „Herrn Grafen" und seinem getreuen Beppo statistndet, ereignet sich auch in der Villa For- una auf Capri ein seltsamer Vorfall. Tiefe Nacht chwebt über der Sireneninsel. Alles schläft . . . Es schlafen die gespenstisch in das Dunkel hinaufdü- stemden gigantischen Felsen. Es schlafen droben die TiberiuSminen mit ihren aus Schutt und Resten alter Pracht Hochauftagenden Säulen. Es schlafen die Bar­ken brunten an bet Grande Marina. Kummer und Frohsinn, Liebe und Haß, überfchämnende LebenS- freube und tiefste Verzweiflung — alles schläft.,,

(Fortsetzung folgt.) ' "