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üotationrdruckund Verlag drr Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 4.

36. Jahrgang

Fulda, Dienstact den 31. August 1909

M 198

Erstes Matt

Schar auS den verschiedenen Berufs- und Bevölkerungtz- schichten herbeigeeilt. Freundliche Aufnahme haben Sie gefunden in der gastlichen schlesischen Haupt- und Rrsi- denzstadt. Das zeigt die frohe Stimmung, das be­wegte Leben, die vielseitige herrliche Ausschmückung. (Beifall.) Dem Frieden wollen wir dienen. Nur mit unseren eigenen katholischen Ange- legenheiten werden wir uns befassen. (Zustim­mung.) Und wahrlich der Aufgaben find so große, wichtige und vielseitige, daß dadurch unsere Arbeits­kraft in vollem Umfange in Anspruch genommen wird. Mögen die Andersgläubigen nur mit Aufmerksamkeit unseren Verhandlungen folgen, am Schluß werden sie bestätigen müßen, daß kein verletzendes Wort ihnen gegenüber gefallen ist. Vor einigen Wochen hat im Westen unserer Monarchie, in der rheinischen Me­tropole Köln, eine großartige, Lbertvältigende Glau­bensbetätigung stattgefunden, die Anbetung des aller­heiligsten Sakraments auf dem internationalen Eucha­ristischen Kongreß. Unser Windthorst gab schon vor Jahrzehnten dem Gedanken Ausdruck, daß in der Be­teiligung so vieler auswärtigen Herren an den Katho- likenversammlungen der Keim einer internationalen Assoziation der Katholiken läge. In anderer Form ist dieser Gedanke zur Ausführung gebracht. Zur Ver­ehrung der hl. Eucharistie hat sich seit einer Reihe von Jahren eine Vereinigung der Katholiken der ganzen Welt vollzogen, wodurch so deutlich der weltum­spannende Charakter der katholischen Kirche zum Ausdruck kommt. Wir freuen uns, daß dieser Kongreß gerade in Deutschland in so hervorragen­der Weise sich entfaltet hat. Zahlreiche Nationen waren vertreten und priesen in den verschiedensten Zungen das Geheimnis der hl. Eucharistie. 100 Bischöfe und kirchliche Würdenträger, im Mittelpunkt der Legat des hl. Vaters, waren erschienen vor dem im allerheiligsten Sakrament gegenwärtigen Sohn Gottes. Der mächtig wirkende Glanz der katholischen Kirche zeigte sich hier in seiner ganzen erhabenen Größe, sodaß dieser über­wältigende Eindruck für alle Teilnehmer unvergeßlich bleiben wird. Solche großartige Feier wollen und kön­nen wir hier nicht entfalten. Auf der Katholikenoer­sammlung handelt es sich nicht um die Anbetung des einen lvunderbaren geheimnisvollen Sakraments, son­dern der Katholik soll als Ganzes erfaßt werden. Mit stolzem Selbstgefühl und Begeisterung wollen wir das Bekenntnis ablegen: I ch bin katholisch und bleibe katholisch und werde dem katho­lischen Glauben die Tveue bewahren bis ins Grab! (Lebh. Beifall.) Zum vierteninale wird die Katholrkenversammlung hier in Breslau ab­gehalten. Und diese Versammlungen stellen dar eine Geschichte der katholischen Kirche in Deutschland. Die erste Versammlung fand statt nach den Stürmen der Revolution unter dem Belagerungszustand in Breslau, sodaß die Katholiken unter dem Geknatter des Gewehr­feuers in Breslau einzogen. Aber schon damals er­kannte der kommandierende General die günstige Wir­kung der katholischen Vereine, indem er die denkwür­digen Worte sprach: „W äre ganz Breslau ein katholischer Verein, gäbe es kein Be­lagerungszustand!" Und so entschied er dahin, daß nichts den katholischen Vereinen entgegenstehe, ihre Versammlung in Breslau abzuhalten, welche denn auch für damalige Verhältnisse sehr glänzend verlief. Ueber 3090 Menschen beteiligten sich in größter Begeisterung an der Versammlung, in welcher der verdiente Lega­tionsrat Dr. Moritz Lieber das Präsidium führte. Auf jener ersten Katholikenversammlung zu Breslau wurde die notwendige Freiheit der katholischen Kirche mit Entschiedenheit betont. Allmählich gestalteten sich die Zu stände unter der Regierung Friedrich Wilhelms iy. auch befriedigend für die Kirche, aber bald kamen andere Zeiten. Die zweite Versammlung zu Breslau im Jahre 1872 stand bereits unter dem Zeichen des be­ginnenden K u l tu r k a m p f e s. Der Kanzelparagraph war erlaffen worden, wodurch die freien Predigten in der Kirche untersagt wurden. Die katholische Abteilung int Kultusministerium war aufgehoben. Der Kultus­minister v. Mähler war entlassen und dem Dr. Falk das Kultusministerium übertragen. Das Schulauf- sichtsgesetz war beschloffen, durch das Jesuitengesetz waren die Jesuiten aus ihrem Vaterlande, in dessen Liebe sie gewiß niemanden nachstehen, vertrieben wor­den. Man tagte in der Ueberzeugung, daß sich ein schwerer Kampf gegen die katholische Kirche enttvickeln werde. Dem gab auch der damalige verdienstvolle Präsident, Herr Frhr. v. Franckenstein, in seiner Eröff­nungsrede Ausdruck. Fürstbischof Dr. Förster führte aus, daß die erlassenen Gesetze und Verordnungen nur Vorläuser seien, „die uns dahin führen sollen, daß wir wie gepreßte Matrosen auf dem Kirchenschiffe stehen, andere aber das Steuerruder führen, die besser als Papst und Bischöfe wifien, was katholisch ist". Auf der Generalversammlung zeigte sich der entschiedene Wille, mit Entschlossenheit den Kampf aufzunehmen, und ob- schon man allgemein schweren Zeiten für die katholische Kirche entgegensah, waren alle von der Ueberzeugung durchdrungen, daß schließlich die Gerechtigkeit der katho­lischen Sacke siegen muffe und siegen werde. Der Red­ner gedenkt dann, oft von Beifall unterbrochen, zweier Männer, die auf jener Versammlung austraten und jetzt hier anwesend find, des Grasen Ballestrem und des Abg. Porsch. In der Folge wurden die Maigesetze er­lassen. Die Artikel 15, 16 und 18 der Verfassung, die die Freiheit der Kirche garantierten, welche Bismarck als ein Bollwerk der Kirche gegen alle gesetzgeberischen Eingriffe des Staates in die Angelegenheiten der Kirche bezeichnete, wurden aufgehoben. Windthorst schloß seine gewaltige Rede zur Verteidigung dieser Verfassungsartikel mit den Worten: „Und wenn die Paragraphen der Verfassung fallen sollten, ein anderer Paragraph bleibt bestehen, und dieser heißt: Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen und die Pforlen der Hölle werdm sie nicht überwältigen." Biele Leiden hat die katholische Kirche in Deutschland ertragen müs­sen. Das eine Gesetz folgte dem anderen zur Unter­drückung der Kirche. Bischöfe und Priester mußten inS Gefängnis oder in die Verbannung. Allein in den ersten 4 Monaten des Jahres 1875 wurden 241 Geist­liche mit Geld- imd Hastftrafen belegt. Den Priestern wurde das Gehalt genommen, um sie durch Rot zur Nachgiebigkeit, d h. zur Pflichtverletzung zu veran- lassen. Ueber 1000 Pfarreien waren verwaist. Die Verrichtung des Gebetes und Gottesdienstes und die Spendung der Sakramente waren mit Strafe bedroht, sämtliche Orden, mit Ausnahme detz barmherzigen Schwestern — für den Kriegsfall waren sie ja notwen- big — wurden vertrieben, aber das katho lische Volk stand fest und unbeugsam, aufs innigste verbunden mit seinen Bischöfen und Priestern. (Bei­fall.) Tiefe Wunden sind der Kirche geschlagen. Aber der GlarckenSeifer, der Glaubensmut, die Begeisterung für die katholische Sache wurden neu belebt und ge­stärkt. Das ist das Wunderbare bei der katholischen Kirche, daß diejenigen, welche sie zu vernichten sich be­mühen, schließlich gegen ihren Willen ihre Stärkung und Kräftigung bewirken. (Zustimmung.) Durch

Kampf zum Sieg. Der mächtige, allgewaltige Kanzler mußte zurückweichen vor der Einigkeit und Ge- schloffenheit der Katholiken. Er mutzte bekennen: „Ich bin todmüde geworden in diesem Kampfe. Die Ver­treter der katholischen Sache im 3entrum sind unüber­windlich. Das Zentrum ist der unüberwindliche Turm." (Brausender Beifall.) Die Kulturkampfgesetze wur­den abgemildert, der Zugang zum Frieden wurde all­mählich angebahnt. Und unter diesem Zeichen tagte die 3. Generalversammlung der Katholiken Deutsch­lands in Breslau. Vom 29. August bis 2. September 1886, also genau an denselben Tagen, wie die diesjäh­rige Versammlung. Die Stimmung war eine krohe, da manche Gesetze schon abgemildert toaren., Sämt­liche preußischen Bistümer waren wieder besetzt, das Sperrgesetz war gefallen, die Wiedereröffnung der bischöflichen Knaben- und Priesterseminare war gestat­tet. Der Präsident der Versammlung, der verdienst­volle edle Freiherr v. Heereman, milde, aber von un­erschütterlicher Festigkeit, leitete die Versammlung mit einer Rede über die Freiheit bei Kirche ein. In Heller Begeisterung vertraten bie verschiedenen Redner die bolle Freiheit der Kirche. Von allen Seiten erscholl mit Macht der Ruf nach der Rückberufung der sämtlichen Orden. Jeder Ruf nach den Orden wurde mit don­nerndem Applaus aufgenommen. Hoffnungsfreudig, voll Zuversicht blickte man in die Zukunft. Auch die soziale Frage wurde insbesondere von Herrn Dr. Hitze in überwältigender Rede behandelt. Viele bet Forderungen, welche er damals in überzeugender Weise darlegte, sind bereits durch die Gesetzgebung ver­wirklicht. Rach Verlauf von genau 23 Jahren tagt nun­mehr die Generralversammlung zum 4. Male in der schleftschen Hauptstadt. Breslau ist größer und schöner geworden. Die Einwohnerzahl hak sich fast verdoppelt. Mehr aber sind g wachsen die Katholiken- Versammlungen, nicht nur der Zahl nach, auch die Begeisterung für die katholische Sache hat stets zu- genommen. Allerdings von den Forderungen für die Freiheit der katho li scheu Kirche sind in den 23 Jahren wenige in Erfüllung ge­gangen. Aber diese Forderungen verjähren nie­mals (Beifall) sie werden immer wieder von neuem erhoben werden mit zunehmendem Nach­druck. (Wiederholter Beifall.) Und schließlich wird man zu der Erkenntnis kommen, daß man auch dadurch den Staatsinteressen am besten dientz wenn man der Kirche Freiheit und Selbständigkeit ge­währt. (Anhalteicker Beifall.) Und so treten wir denn nunmehr in die Beratungen des diesjährigen Katholikentages ein. In Reden und Resolutionen wer­den alle diejenigen Fragen behandelt werden, welche in besonderem Maße die Katholiken bewegen. Aber an Gottes Segen ist alles gelegenI Und so nröchte ich denn Seine Eminenz Herrn Kardinal Fürstbischof Dr. Kopp, welcher der Versammlung die hohe Ehre seiner Anwesenheit erwiesen hat, ehrfurchtsvoll bitten, einige Worte an die Versammlung zu richten und sei­nen oberhirtlichen Segen zu erteile«. (Rauschender, anhaltender Beifall.)

Kardinal Kopp erhebt sich sofort und richtet, jubelnd begrüßt, eine längere Ansprache an die Ver­sammlung. Zunächst dankt er den deutschen Katho­liken, daß sie ihn durch ihr Gebet am Leben er­halten haben. Dann spricht er über die Bedeutung der Katholiken Versammlungen und betont, daß auch der Staat große Vorteile von diesen Versammlungen habe, indem sie stets die strenge Pflichterfüllung auch dem Staate gegenüber betonten. Er hebt hervor, daß wir uns nie in fremde Angelegenheiten mischen würden, sondern nur «ns mit dem geistig-religiösen Leben der Katholikm beschäftigten. Se. Eminenz bedauert, daß andere nicht unterlassen können, sich mit unseren Angelegenheiten zu beschäftigen. Die geäußerten Befürchtungen, daß hier bei uns der bürgerliche oder konfessionelle Friede gestört würden seien grundlos; dafür sei im besonderen der fried­liche Charakter der schlesischen katholischen Bevöl­kerung Bürge. Die Grundlosigkeit der gehegten Be­fürchtungen beweist auch die Geschichte der Katho­likenversammlungen. Der Herr Kmdiual bedauerte ferner lebhaft, daß es nicht möglich geworden sei, für die polnisch sprechenden Katholiken, die in Oberschlefien in der Mehrzahl seien, in ihrer Atuttersprache zu reden. (Großer Beifall). Der Zweck der Katholikenversammlungen sei, friedlich, schiedlich die eigenen Angelegenheiten zu regeln. Hieraus erteilte der Herr Kardinal gemeinsam mit den übrigen anwesenden Bischöfen den Segen, den die Versammlung knieend empfängt.

Der Präsident Herold dankte Se. Eminenz für die huldvollen Worte und brachte ein Hoch aus, das in der Versammlung brausenden Widerhall sand.

Fürst Alois Liwmsteiu (Klein - Heubach) be­handelt das

Missiousw esen.

Christus hat der Kirche nicht den Rat, sondern den Befehl erteilt, st, alle Welt zu gehen, und alle Völker zu lehren. Mit der Ausführung dieses Befehles erfüHt die Kirche ihr heiligstes Vorrecht, die Wahrheit zu verbreiten. Es gibt Katholiken, welche glauben, man solle doch nicht die Heiden durch die Mission beunruhigen und andere mei­nen, genug zu tun, wenn wir für die Wiederbelebung des Glaubens im eigenen Lande wirken. Hätte der hl. Bonifatius so philisterhaft klein gedacht, so würde et in England geblieben sein und würde unsere Väter in der Finsternis des Unglaubens belassen haben. Gerade heute haben wir eine große Misfionsgelegenheit, dank dem Fortfchrstt unserer Technik, bei dem uns Eisenbahn und Dampfschiff in kurzer Zeit in die fernsten Länder bringt, und dank der Erforschung des fast ganzen Erd­teils. Je mehr unsere europäische Kultur zu den Wil­den dringt, um so mehr wankt ihr Aberglaube und wer­den sie von Sehnsucht nach einem Ersatz der verlorenen Ueberzeugung erfüllt. Ueberall zwingt der Mohamme- danismns eine rege Betätigung und in unfern Kolonien droht dem christlichen Glauben Gefahr, wenn wir mit unserer Mission nicht bald und kräftig einsetzen. Aber nicht nur von den Mohammedanern kommt die Gefahr der Verseuchung in unseren afrikanischen Kolonien, son­dern auch von sittlich minderwertigen Anpedlern und Angestellten, bie, wie sich ein protestantischer Pastor aus­gebrückt hat, den Christennamen vor den Heiden ftin» fenb machen. Redner streift dann die Verhältnisse in brr Türkei, in Japan, China, Korea und Indien, um darzulegen, daß die jetzige Zeit für die Mission beson­ders günstig fft. Wird die Gelegenheit jetzt nicht ge­nützt mit äußerster Anspannung, dann siegen Moham­med, Buddha und Konfuzius und aus zwei Dritteilrn wird Christus ausgeschlossen auf Perioden der Welt­geschichte. Wen Gott zum Apostolat ersehen hat, den möge man nicht aus mißverstandener Liebe davon ab­halten, sein höchstes Glück zu finden, das sind aber nur wenige, wir alle aber müssen die Mission durch Gebet

56. Generalversammlung der Katho­liken Deutschlands.

Zweiter Tag — Montag.

ns. BreSlau, 30. Aug. 1909.

Der Montag wurde eingeleitet durch ein Po nt i- fik alamt zur Anrufung des heiligen Geistes in der Domkirche. Während die Besucher des Katholiken­tages in der neunten Morgenstunde sich in dichten Scharen zum Vinzenzhaus begaben, in deffen großem Saale die erste geschloffene Versammlung stattfinden sollte, sah man fast in allen Straßen der inneren Stadt die Chargierten der katholischen farbentragen­den Studentenverbindungen in Wichs und mit Fahne in Equipagen dem Domplatz zusahren, von dem aus um W» Uhr eine festliche Auf- •fahrt durch die Stadt erfolgte. An 70 Wagen toaren gestellt. Die Festfahrt bot ein glänzendes Schauspiel und erregte in allen Straßen, die fie passierte, große Aufmerksamkeit des Publikums.

Die erste geschlossene Bersammlung

-wurde kurz nach 9si- Uhr im Vinzenzhaus durch den Präsidenten des Lokalkomitees, Dr. Porsch, -mit dem katholischen Gruße eröffnet. Er teilte mit, itzaß der hl. Vater auf das Huldigungsschrecken -des Lokalkomitees folgendes Erwiderungsschreiben -gesandt hat, deffen Verlesung die Versammlung -stehend anhört:

PiuS X-- Papst, an seinen geliebten Sohn Dr. Felix Porsch und alle mit den Vorbereitungen bet Bres- iauer Kaiholikenversammlung betrauten Männer. Gruß tanb apostolischer Segen. Der deutschen Katholiken Ein­sicht und heiligen Eifer bekundet gewiß vieles, besonders ober die Tatsache, daß sie schon seit langer Zeit in großer Zahl zusammenkommen, um gemeinsame An- Gelegenheiten zu beraten. Vielfacher Nutzen ist daraus entsprungen: nicht nur bie Vermehrung des göttlichen Glaubens im Volke, bie Befestigung ehrerbietiger und frommer Ergebenheit gegen Jesu Christi Stellvertreter -und bie Nachfolger bet Apost ’l oder bie Förderung der Einigkeit unter den Guten, die Verteidigung der Rechte ifcer Kirche, sondern auch für die Aufsuchung von Heils- toitteln christlicher Klugheit und Charitas gegen die -sozialen Schäden der Zeit, sowie vor allem bie wirk­same Verteidigung der Autorität der Regierungen, der Staatsverfassung und der öffentlichen Sicherheit gegen Umsturzbeftrebungen. Da wir dies nun wohl wissen. Hat eS uns sehr gefreut, als wir durch Euren Brief er» fuhren, daß in Breslau von Euch wieder eine solche Ge­neralversammlung veranstaltet werden sollte. Daß diese ebenso fruchtbringend und heilsam sein werde, hoffen wir bestimmt, zumal so erfahrene Männer die Veranstaltungen vorbereiten und unser geliebter Sohn, Georg, Kardinal und Bischof von Breslau (der zu ‘imferer Freude durch Gottes Hülfe uns und der Kirche erhalten wurde) mit seinem Ansehen für Euch eintritt, und weil ihr besonders dasjenige erhalten wollt, was diesen Zeiten oassend entspricht. Ihr seht ja, mit wel­chen Mitteln die Feinde des katholischen Glaubens ge­rade jetzt die Vernichtung der Kirche anftreben. Ihr werdet die ruchlosen Anträge abschlagen, Ihr werdet dafür sorgen, daß bie Katholiken zum apostolischen Stuhl um so fester stehen und bie Pflichten der heili­gen Zucht umso treuer betätigen. Hütet euch vor ver­derblichen Irrtümern und haltet fest am überlieferten Glauben. Was Ihr also von uns erbittet, tun wir ge­neigten und willigen Herzens. Wir bitten die heilige Hedwig, die Patronin Schlesiens, daß sie, tote sie einst die christliche Kultur in jenen Landen nach ihrer Ver­nichtung wieder hergestellt hat, Euch als Vermittlerin göttlicher Wohltaten zur Seite stehen möchte. Als Zeichen unseres Wohlwollens erteilen wir Euch, geliebte Söhne, liebevoll den apostolischen Segen. Gegeben Rom bei St. Peter, 26. Juli 1909 im sechsten Jahre unseres Pontifikats, Pius x,"

Dr. Porsch bringt hierauf em Hoch aus den hl. Vater aus, in das die Versammlung jubelnd einstimmt. Dr. Porsch fährt bann fort:

Alles haben wir vorzüglich in die Wege geleitet, alle Veranstaltungen haben bisher vorzüglich geklappt. Nur eine Veranstaltung i ft ins Wasser gefal- 11 n. Wir haben nämlich auch eine Versammlung für die Mitglieder der oberschlesischen Arbeiter­vereine veranstalten wollen, die sich in ihrer Heimat her polnischen Sprache bedienen nick nach bem neuen Reichsvereinsgesetz auch bedienen bürfen- Bres­lau ist einer ber deutschen Orte, die unter das Verbot der polnischen Sprachversammlungen fallen. Das beutfdje ReichsvereinSgesetz, welches ich, da wir nicht eine politische Versammlung sind, nicht weiter quali» tizieren will (Heiterkeit), gestattet nun, daß von diesem 3erbot der polnischen Sprache Ausnahmen gemacht werden dürfen. Wir tjatten gehofft, daß die Laudes- polizeibehörd- die Ausnahme gestatten würde. Wenn nicht einmal in einem solchen Fall eine Ausnahme zulässig sein soll, dann verstehe ich nicht, warum man in das Gesetz überhaupt die Möglichkeit einer Aus­nahme aufgenommen hat. (Lebhafte Zustimmung.) Warum hat man bann nicht den Mut gehabt, in glat­tes Verbot in das Gesetz hineinzuschreiben? (Sehr richtig!) Es ist ja zweifellos, daß diese Entscheckung Nur getroffen wurde und nur getroffen werden konnte im Einvernehmen mit höheren Stellen (sehr richtig!) pmb deshalb haben wir die überaus schwere Arbeit des Lokalkomitees in den letzten Tagen nicht noch dadurch Komplizieren wollen, daß wir eine ganz unnötige Be­schwerde nach Berlin ausgearbeitet haben. (Sehr rich­tig!) Die Debatte über das Verbot dieser Versamm- Jung wird ja später einmal auf einem andern Woben stattfinden. (Sehr richtig!) Sie wird sicher ■iommen. (Stürm. Bravo!) Es erschien uns nicht zweckmäßig, im gegenwärtigen Augenblick eine Zei- tungspolemik wegen des Verbots dieser Versammlung zu veranstalten. Es erschien uns nicht angemessen, den Frieden der Katholikentage durch solche im Augenblick Unnötige Polemik zu stören. (Sehr richtig!) Manchen -^^utenmag das als Feigheit und Knechtseligkeit erschei- «en. Mögen sie so urteilen, wir tragen auch dieses un­gerechte Urteil. (Sehr richtig.)

m A* Versammlung schritt dann zur Wahl des rUm8- Unter jubelnder Zustimmung der Versammlung wurde auf Vorschlag des Lokalkomitees pas Prasidmm wie folgt besetzt:

Dcäsident: Gutsbesitzer Herold, Lovelinkloe He: Münster i. W.

' 1. Vizepräsident Valentin GrafBallestrem, ObergläserSdorf, Bez. Liegnitz, der Sohn des ehe- Maligen Reichstagspräsidenten.

2. Vizepräsident Dr.Heinrich Frhr. v. Aretin, Reichsrat der Krone Bayerns, 1. Vorsitzender des niederbayerischen Bauernvereins, Haidenburg.

Und nun kam eine Szene von ergreifender Wirkung, die allen unvergeßlich sein wird. Unter donnerndem Beifall schlug Abg. Dr. Porsch vor, den Grafen B a l l e st r e m, den einstigen Präsidenten des Reichs­tages, zum Ehrenpräsidenten zu wählen. Graf Ballestrem ist nicht mehr der joviale, unverwüstliche lebensmutige alte Graf, wie ihn die Generalversamm langen der deutschen Katholiken und der deutsche Reichstag so oft gesehen haben. Jetzt ist er ein ehr­würdiger Greis geworden, den Krankheit und das Aller gebrochen haben. Gestützt auf einen Stock und die Arme seines Krankenbruders, ferner des Fürsten Aloys Löwenstein, betrat der Graf das Podium. Schon nach den ersten Sätzen überwältigte die Rührung und vielleicht auch die körperliche Schwäche das einst so sonore Organ des Redners, sodaß er kaum noch für die Nächststehenden ver­ständlich blieb. Und doch hat ihn der Humor noch nicht oerlaffen; es blickt noch immer der alte schlag­fertige Parlamentarier durch. Er dankt für die hohe Ehre und die große Freude, die ihm die Ueber- tragung der Würde ohne Bürde als Ehrenpräsident gemacht hätte und führt dann aus:

Sir haben mir diese Würde übertragen, weil ich einer der ältesten Verteidiger der Kirche gegen die Stürme des Kulturkampfes bin. Ich habe unter den großen Männern jener Zeit meine Lehrjahre durch­gemacht und heute als Veteran des katholischen Volkes rufe ich Ihnen den Grundsatz jener Männer zu: Seid einig, einig, einig! Einig in der Hingebung, im Ge­horsam gegen den Hl. Stuhl, in der Treue, Liebe und Verehrung für den Kaiser und das Vaterland, in der Verteidigung der Freiheit der katholischen Kirche und des katholischen Glaubens. (Bravo!) Ob wir in diesen Ka ups in geschloffener Kolonne ziehen, oder ob wir nach Moltke's Grundsatz: „Getrennt marschieren und vereint schlagen" ist eine Frage der Opportunität. (Erneutes Bravo.) Ich danle ihnen nochmals für das mir übertragene Amt, das wie gesagt, mir eine Würde, aber keine Bürde bringt. (Stürmischer Beifall.1 Sie haben eben meinen langjährigen Kampfgenossen und Freund Herold begrüßt, ras hat mich ganz besonders gefreut, weil ich der Ansicht bin, daß Schlesien und Westfalen zusammengehören. Was ich hierzu tun konnte, habe ich getan. Ich habe meine drei Töchter an West­falen verheiratet. (Heiterkeit.)

Mit der nochmaligen Versicherung der Freude und des Dankes für die ihm erwiesene Auszeichnung schließt Graf Ballestrem. Seine Freunde und sein Krankenbrrner geleiten ihn wieder zu seinem Platz. Stürmischer Beifallsjubel dankt ihm und lebhafte Hochrufe begleiten ihn.

Zu Vorsitzenden der 4 Ausschüsse werden gewählt: Soziale Frage, Generalsekretär Dr. Pieper, M.-Gladbach; Charitas, Di. Müller-Simonis, Straßburg; Bildung, Oberlandesgerichtsrat Marx. Düffeldorf; Römische Frage, Amtsgerichtsdirektor Gießler, Mannheim.

Sodann beschließt die Versammlung Begrü­ßungstelegramme an Papst und Kaiser zu senden. In dem Telegramm an den Kaiser heißt es: „Getreu ihrer Tradition will auch diese General­versammlung im Sinne und nach dem Vorbild Ew.MajestätdcrVersöhnung derKonfessionen und der sozialen Gegensätze zu dienen be­strebt sein zum Heile des teuren deutschen Vater­landes." Es folgte der Bericht des Zentral­komitees, den leider deffen Vorsitzender, Graf Erbdroste Vischering, wegen schwerer Erkrankung nicht persönlich vorlesen konnte. Die Versammlung sandte ihm ein Begrüßungstelegramm mit dem Wunsche für baldige Genesung.

Inzwischen waren die Anträge verteilt worden. Iustizrat Karl Bachem begründete mit begeisterten Worten einen Antrag, worin dem Papste die Glück­wünsche zu seinem in diesem Jahre staltfindenden 25jährigen Bischofsjubiläum ansgesproä.en werden und die Versammlung den Ausdruck ihrer unver­brüchlichen Treue und Anhänglichkeit an den heil. Stuhl damit verbindet. Der Antrag heißt dann weiter:

Sie verlangt nach wie vor für den Papst als das Oberhaupt ber katholischen Kirche eine volle und wirklich e Freiheit und Unabhängigkeit in Ausübung seines obersten Hirtenamte?, welche die un­erläßliche Vorbedingung für die Freiheit und Unab­hängigkeit der katholischen Kirche ist. Da eine Be­dingung der Unabhängigkeit des Papsttums auch dre volle finanzielle Selbständigkeit der päpstlichen Ber- roaltung ist, so fordert sie die Katholiken Deutschlands aus, durch regelmäßige und reichliche Unter iützung und Sammlung zum Peterspfennig für diesen Zweck beizusteuern, und dadurch dem hl. Vater einen Beweis ihrer innigsten Verehrung für feine Person und ihrer treuen Liebe zu ihrer Kirche zu geben.

Der Antrag wird angenommen; ferner ein An­trag, der den Beitritt zum St. Raphaelsverein empfiehlt und Resolutioneir über die Förderung des Vereins vom hl. Lande und über den St. Joseph- Missionsverein.

Die erste öffentliche Versammlung fand unter so starker Beteiligung statt, daß die Festhalle einschließlich der Tribüne bis auf den letzten Platz besetzt war. Auf der Präsidialtribüne bemerkte man zahlreiche Parlamentarier, hohe Geistliche usw. Mit begeisterten Hochrufen begrüßt, Betrat kurz nach 51/s Uhr Kardinal Fürstbischof Kopp die Tribüne. Das Aussehen seiner Eminenz nach der schweren Krankheit ist vorzüglich.

Präsident Gutsbesitzer Herold eröffnete dann die Versammlung mit folgender Rede:

Gelobt sei Jesus Christus! (Die Versammlung: In Ewigkeit. Amen.) Mll dem katho­lischen Gruße wird nunmehr seit 61 Jahren zum 56. Male die Katholikenversammlung eröffnet. In diesen schlichten Worten kommt das Programm der Katho­likenversammlungen zum Ausdruck. Wir wollen öffent­lich Zeugnis ablegen von dem erhabenen katholischen Glauben, uns begetstern für die katholische Religion und beraten, wie unser ganzes Leben und Wirken am besten tiach katholischen Grund­sätzen gestaltet wird, wie wir am zweckmäßigsten für Ausbreitung der katholischen Religion über die ganze Welt Sorge tragen. Ans allen Gauen Deutschlands, aus fernen Ländern sind Sie in vieltausendköpfiger