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36. Jahrgang

Fulda, Montag den 30. August 1909.

M 197

Hlen aus sozialem und wirtschaftlichem

Erstes Matt

Dr.

L»;rlge«: vre et» fpaltigepetitzeile oder derer Rau« 15 Pfg. veNamendiepesttzeitt 25 pfg., bei Wieder­holungen wird entspr, Rabatt gewährt.

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»erantto. Redaktemr «ar! Schütte,

„Der Bonifatius verern."

Dr. theol. M. Faulhaber, Profeffor an der Uni­versität Straßburgi.Els.: „Die Frauenfrage/

Abg. Johannes Kapiha, Pfarrer, Tiehau, Kreis Pleß, Oberschlesien-. „Die Al ko Hols rage."

Abg. Alois Fürst zu Löwenstein-Wertheim, Schloß Kleinheubach am Main, Erbliches Mitglied der Ersten Kammern von Bayern, Württemberg, Baden und Hessen: „Missionen."

Dr. Jakob MeyerS, Profeffor, Luxemburg:

Gebiet."

, jur. Hans Herschel, Rechtsanwall Breslau: Bonifatiusveretn."

lichen Aera, hatten unsere Glaubensgenosse« die Entdeckung gemacht, daß gerade Leute, di» das Wort „Freiheit" am lautesten im Munde führen, für alles andere Frecheit wollen — natürlich für sich in erster Reihe — nur nicht für die katholische Kirche. Man gibt das ja in der Regel nicht öffentlich zu. Man ruft auf zum Kampf gegen „Rom", gegen den „Klerikalismus", gegen den „Ultramontanismus", weil man zu feige ist, öffentlich einzugestehen, daß die katholische Kirche der Feind ist, gegen den man eigentlich aufruft. (Zustimmung.) Mit der Freiheit der Kirche steht in untrennbarem Zusammenhang« die Freiheit der christlichen Erziehung. Ihre Sicherstellung und Verteidigung war von jeher das zweite Ziel unserer Katholikentage. Das dritte war die werktätige Liebe, die geistige und die leibliche Fürsorge für die, deren Bedürftigen oder wie man das aussprach und wie man zuerst in Deutschland das aussprach — es wird das em ewiger Ruhm unserer Katholikenversamm­lungen bleiben —, wie man das schon aussprach 1848 auf dem ersten Katholikentage in Mainz: „Es gibt eine soziale Frage, der wir abhelfen müssen vom Boden des Christentums." In diesem Rahmen haben wir' uns immer nur mit den Werken des Glaubens und der Liebe beschäftigt; wir haben von jeher' alles sorgfältig vermieden, was den Glauben und die' Meinung anderer Leute stören könnte, wenn eben die anderen Leute nicht etwa daran Anstoß nehmen, daß wir treu und offen zu unserem Glauben halten. Wir haben auf unseren Versammlungen niemals kon­fessionelle Polemik geduldet. (Lebhafte Zustimmung.) Das sind ja alles bekannte Dinge, die ich Ihnen sage.' Aber es sind Dinge, die immer wieder gejagt werden müssen, weil es Leute gibt, die nicht hören können oder wollen. Wir erleben es ja hier in diesen Tagen, daß man verschiedene Demonstrationsversamm­lungen gegen uns veranstaltet, ohne nur erst unfere Reden und Beschlüsse abzuwarten. (Hört, hört!)' Gestern abend ragte eine kleine politische Vereinigung^ die nicht leben und sterben kann, mit der geschmackvollen Tagesordnung: „Der Block der Ritter und der Heiligen."^ Für heute früh und morgen abend hat man von sozial­demokratischer Seite die Massen aufgerufen, „zur Auf­klärung über die volksfeindliche Haltung der Zentrums^ Partei im deutschen Reichstage". Ich muß demgegen­über festfiellen, daß die Parteitage der Zentrumspartei in den nächsten Monaten in verschiedenen Gegenden unseres Vaterlandes stattfinden, daß wir hier kein Parteitag des Zentrums sind und mit bett Fragen der reinen Tagespolitik, die außerhalb der do«' uns "gezeichneten Ziele unserer Versammlungen liegens nichts zu tun haben. (Sehr richtig!) Wir haben un>: nie mit Kanalfragen oder Handelsverträgen oder mit Militär- und Marinevorlagen befaßt. Wir befassest uns nicht mit der Reichsfinanzreform, mit der Wahl-' rechtsfrage, mit dem Wechsel in hohen Etaatsämtern' oder mit den Zielen der Zentrumssraktton und ihrer' Zusammensetzung. Das gehört nicht zu unserer Zu­ständigkeit. (Zustimmung.) Uebermorgen ist der Todes­tag Laffalles. Diesen Anlaß wollte die Sozialdemo­kratie benutzen, um heute früh auf dem jüdischen Friedhöfe am Grabe Lassalles einen Kranz niederzn-' legen. Das ist das gute Recht der Sozialdemokratie.' Das geht uns gar nichts an. Aber ebenso wenig geht es die Sozialdemokratie etwas an, wenn die deutsche« Katholiken in Breslau zusammenkommen, um ihre katholischen Angelegenheiten zu beraten. (Sehr richtig!) Es ist mir unverständlich, wie gerade die Partei, für welche angeblich Religion Privatsache ist, hiergegen nach der Kranzniederlegung eine „Demonstrationsver-' sammlung" veranstalten kann. (Zustimmung.) Sie wird uns doch wohl nicht das Recht bestreiten und es ver«' argen, wenn auch wir einmal uns versammeln! DaS soll uns aber die Tätigkeit der kommenden Tage nicht trüben. Mögen sie in den Tausenden, die sich hier schon eingesunden haben und noch einfinden werden,' den katholischen Glauben neu beleben und stärken, mögen sie in ihnen das katholische Bewußt- fein und den Mut des offenen Eintretens für Religio« und Krrche neu wecken und befestigen. Mögen sie di« unerläßlich notwendige Einigkeit d er Katholiken Deutschlands neu bestätigen. Mögen unser» Beschlüfle segensreich sein für unser Vaterland. Möge»' sie die Ehre Gottes mehren, dem wir dienen wolle« und mit dessen Lobe wir deshalb unser»

Versammlungen beginnen und schließen. Ma«

hat uns neuerdings wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß wir Katholiken nur eine Minder­heit im Reiche seien. Gewiß das ist richtig. Dessen wollen wir auch immer und überall eingedenk sein und es sorgen auch schon andere Leute dafür, daß es uuS immer im Bewußtsein bleibt. Wir Minderheit sind schon deshalb nicht so töricht, nach irgend einer Herr» lchaft zu streben. Aber wir sind dabei allerdings so unbescheiden, anzunehmen, daß wir eine nicht zu ver­achtende Minderheit sind, daß wir gewillt und befähigt sind, mit allen Kräften und Thron und Altar zu schützen und zu stützen. (Brausender Beifall.) Das war von jeher das Ziel unserer Versammlungen. Dieser Tradition folgend, wollen wir zum Beginn des heutigen Abends den Repräsentanten der höchsten Autorität, dem Kaiser und dem Papst huldigen, indem wir rufen: „Se. Heiligkeit Papst Pius X. und Se. Majestät Kaiser Wil­helm II. sie leben hoch! (Die Versammlung stimmt j lebhaft in diesen Rus ein und spendet dem Redner' lauten langanhaltenden Beifall.)

Dann sang die Versammlung stehend die National-, Hymne. Präsident Porsch verlas hieraus tele­graphische Begrüßung des Kardinals Gruscha in Wien und anderer hochw. Bischöfe. Abg. Seop.1 Kuntschatt-Wien überbrachte die Grüße der Katho­liken Oesterreichs und versicherte, daß auch sie ein­treten würdm für die innere Einheit im Glauben unbeirrt durch politisches und nationales Gezänk. Professor Schnürer aus Freiburg überbracht» Grüße aus der Schweiz, Reichsrat Dr. jur. Frhr. v. Aretin solche aus dem treukatholischen Bayern­lande mit der Versicherung, daß das Bayernland. mit seinen Gedanken und seinem ganzen Herzen bei \ dieser schönen Tagung weilen werde. Graf Friedrich i Praschina, bei seinem Erscheinen auf der Redner-! tribüne stürmisch begrüßt, überbrachte die Grüße des, militärischen St. Mauritiusvereins in Berlin, dessen: Mitglied er sei und der beweise, daß dessen Mit-,' glieder nicht bloß treu der Fahne für König und Vaterland folgten, sondern daß sie ebenso treu der kath. Kirche seien. Amtsgerichtsrat Gießler ent­ledigte sick des Auftrages seiner Badener Freund^' die von dem tannenbesetzten Schwarzwald, vomj Bodensee, von den schönen Ufern des Rheins die besten Glückwünsche überbrächten, dabei des kühnen Helden aus ihrem Meer, dem Bodensee gedenkend, der Grasen Zeppelin, der heute tue Hauptstadt Deutschlands mit de» modernsten VerkehrSmittÄ, erreicht habe. 1

„Charita 8/

Abg. Wilhelm Marx, Oberlandesgerichtsrat, Düsseldorf: „Die Schulfrage."

Johannes Mumbauer, Redakteur, Rom: „Lite­ratur."

Angust Rumpf, päpstlicher Ehrenkämmerer, Rechts­anwalt, München: „Wie pflegen und fördern wir die christliche Kunst."

Abg. Prälat Dr. Franz Schädler, päpstlicher Protonotar, Domdekan, Bamberg: „Papsttum und Pius X."

Abg. Hermann de Witt, Amtsgerichtsrat, Köln (Rhein): „Presse."

Die Reihenfolge der Redner steht noch nicht fest; sie wird bekanntlich vom Präsidenten bestimmt.

Im Volksverein werden am Dienstag sprechen: Fabrikbesitzer Brandts, Generaldirektor Dr. Pieper, Dr. Donders-Münster, Abg. Land- gerichtsdirettor Gröber-Heilbronn u. Geh. Justiz­rat Dr. Porsch.

Erster Tag — Sonntag. Telegramm.

ns. Breslau, 29. Aug. 1909. Die Sonne, die am Samstag hinter dichten Wolken steckte, zerriß heute früh den grauen Vorhang und begrüßte mit freundlichen Strahlen,die aus allen Gauen Deutsch­lands angesammelten Zehntausende. Erst jetzt steht Breslau ganz im Zeichen des Katholikentages; auch die Ausschmückung ist inzwischen auffallend schnell ausgeführt. Die Straßen boten ein wirklich festliches Bild.

Feierliches Glockengeläuts von allen katholischen Kirchen leitete die Tagung' ein, die mit einem feier­lichen Pontifikalamt im Dom ihre religiöse Weihe erhielt. 30 Extrazüge führten im Laufe des Vormittages ungeheure Menschenströme nach Breslau.

Um 12 Uhr fand die feierliche Einweihung der Fe st halle mit einer hl. Meffe statt. Dann rüstete sich Breslau zum Empfang des

Festzuges.

Man kann sagen, daß trotz aller Gegendemonstratio­nen buchstäblich ganz Breslau auf den Beinen war. Auf den Dächern, aus den Brückengeländern, auf improvisierten Tribünen, an den Fenstern, auf den Ballonen und auf den Straßen bildeten die Massen Spalier die ganzen Feststraßen entlang, um das wahrhaft imposante Schauspiel sich nicht entgehen zu lassen. Die Haltung der Menge war durch­aus achtungsvoll, seitens der Katholiken na­türlich war die Aufnahme des Zuges begeistert. Aus manchen Fenstern regnete es Blumen und Sträuße auf den Festzug. Wohl l1/» Stunden dauerte der Vorübermarsch. 20 Musikkapellen mit 400 Musikern, 5 Trommlerkorps mit 20 Spielleuten und viele Hunderte von Fanfarenbläser waren in dem Zug zerstreut, der etwa 21000 Teilnehmer zählte und in seiner ganzen Länge durch viele Haupt­straßen nach der Dominsel zog. Einen gewaltigen erschütternden Eindruck machte dieser Vorbeimarsch der Tausende katholischen Männer, die ihren Glauben und ihr Bekenntnis zum sozialen Wirken im Sinne der hl. Kirche frei und offen zur Schau trugen. Auf der Dominsel war vor dem sürstbischöflichen Palais eine Tribüne errichtet, aus der die hohe Geistlichkeit, die Vertreter der Behörden und die Ehrengäste Platz genommen hatten, während der Fürstbischof Kardinal-Bischof Dr. Kopp den Vorbeimarsch im offenen Fenster des fürstbischöflichen Palais fitzend entgegennahm Die Vordeimaschierenden brachten dem Kirchenfürstei', der sehr wohl aussah, begeisterte Ovattonen dar, für die er lächelnd dankte. Kuratus Pfeffing, der Präses des Breslauer Arbeitervereins hielt eine Huldigungsansprache, dann teilte sich der Zug in die verschiedenen Gruppen. Die Gesellen-, Knapp­schafts- und Jugendvereine trennten sich und zogen zu ihren Versammlungslokalen. Im ganzen fanden sechs Parallelversammlungen statt.

In der Festhalle, in der die Hauptversammlung stattsand, stand die Menge Kops an Kopf, an achttausend Arbeiter und Knappen mögen darin versammelt gewesen sein. Auch eine ganze Anzahl illustrer Gäste war anwesend, u. a. die Abgg. Porsch, Herold Marx, Dr. Fleischer. Dr. v. Savigny leitete die Versammlung. Kurz nach der Eröffnung erschien Se. Eminenz Kardinal Kopp, von der Versamm­lung mit brausenden Hochrufen begrüßt. Er nahm sofort das Wort zu einer Ansprache, worin er den Arbeitern dankte für ihr mutiges Bekenntnis des hl. Glaubens und darauf hinwies, daß die schlichte Arbeit freudiger Hände sich mehr und mehr Ach­tung und Anerkennung erobere. Er bat die Arbeiter, treu festzuhalten an ihren Vereinen und erteilte zum Schluß den bischöflichen Segen. Hierauf begab sich Se. Eminenz zu den anderen Versammlungen und hiell auch dort Ansprachen.

Die Sieben in den Versammlungen der Arbeiter- Jünglings- und Gesellenvereinen beschäftigten sich sämtlich mit den Pflichten des katholischen Mannes In der Gegenwart. Alle Reden wiederzugeben, ist natürlich unmöglich. Wir greifen nur die Rede des Arbeitersekretärs Richter in der Festhalle heraus. Er führte etwa aus:

Seit Jahren werden die Generalversammlungen der Katholiken in Deutschland eingeleitet mit einem Festzuge der Verein» der katholischen erwerbstätigen Männerwelt. Und wahrlich, es gebührt sich, daß eine Tagung von solider Bedeutung einaelettet wird mit

einem öffentlichen Bekenntnis katholischer Männer, und namentlich der Arbetter, deren Sache »urzeit int Vordergründe des öffentlichen Interesses fleht. Die gegenwärtige Zeit rühmt sich, hoch gestiegen iu sein; ungeahnte Fortschritte sind erreicht. Der Mensch hat sich alle Kräfte der Natur dienstbar ge­macht, sie ermöglichen ihm den Verkehr mit den in den fernsten Zonen Wohnenden. Je mehr sich die Menschen äußerlich näher gerückt sind, desto fremder find sie einander geworden. Rassen- und Klassenhaß haben kaum jemals so sehr ihre Orgien gefeiert, als gerade in der gegenwärtigen Zeit. Da ist gerade der katholische Mann berufen, daran mitzuwirken, daß der natürliche Zustand innerhalb der menschlichen Gesell­schaft wieder hergestellt werde, damit in Wahrheit die Rede fern kann von einer Zeit des Fortschritts, die sich nicht nur offenbart in neuen Maschinen und Luft­schiffen, sondern auch vor allem in der rechten Be­nutzung dieses Fortschritts. Der Mann steht an der Spitze der Familie; er leitet die Gemeinde; er ist Mit­glied in der Versammlung der Gesetzgeber, er ist Richter und Lehrer und er führt die Waffen wider die inneren und äußeren Feinde des Vaterlandes. Die Gegenwart ist nun wahrhaftig nicht arm an Männern. Es gibt Staatsmänner, Polizeimänner, Kriegsmänner, Handelsmänner, Volksmänner, Schul­männer, Männer der Künste und Wissenschaften, Geld­männer und Lebemänner; ganz abgesehen von den Strohmännern, Kautschukmännern und Hampelmännern. Woher kommt denn trotz der vielen Männer, die es gibt, die Krankheit unserer Zeit?. Weil es nur wenige Männer gibt, welche die Kraft und das Geschick haben, ihre hohen Pflichten in der Fa­milie, in der Gemeinde, im Staate, im Stande ganz zu erfüllen. Es steht vor uns ein Mann, dessen Gestalt hoch emporragt und sichtbar ist in allen Jahr­hunderten, jener Mann, der einst dem sein Todesurteil verlangenden Volke vorgestellt wurde mit den Worten: „Ecce homo!“ „Sehet, welch' ein Mann!" Zu diesem Manne, als dem großen Vorbilde und Lehrmeister aller wahren Männer, müssen alle in die Schule gehen, die sich berufen fühlen, an der Heilung der kranken Zeit mitzuarbeiten; seine Lehren sollen sie hören und seinem Beispiele folgen. Es ist deshalb auch keine leere, wenn auch äußerlich prunkvolle Demonstration, der Festzug katholischer Männer, womit die Generalverfammlung der Katholiken Deutschlanos eingeleitet wurde. Er bedeutet nichts anderes als den Ruf: Mann, vor allem du katholischer Mann, erkenne die Gegenwart, in der du dich befindest! Die hochgepriesene und in vie'.sacher Hinsicht fortgeschrittene Zeit ist trotz so vielen Glanz es krank bis ins Mark der Seele. Du bist das Heilmittel, darum tue deine Pflicht int öffentlichen Leben, bei den Wahlen, gegenüberderkatholischen Presse. Schule dich, pflege den christlichen Geist in der Familie und bei den Heranwachsenden Kindern; tritt mannhaft für deine Ueberzeugung ein. Suche Ordnung zu bringen in die zerrüttete menschliche t c- sellschaft! (Anhaltender Beifall).

Die Begrützungsversammlung begann abends nach 8 Uhr in der Festhalle. Gi. wies den gleichen Zudrang auf wie die kurz vor.-,: abgehaltene Arbeiterverfammlung. Die elektrische Beleuchtung ließ das harmonische Farbenspiel im Innern recht zur Geltung kommen. An den Schmal­seiten der Halle waren auf den Tribünen rechts eine große Statue der Mutter Gottes und links des Heilandes aufgestellt, beide waren in ihrer ganzen Größe mit einem zweifachen Perlenkranze von elek­trischen Lichtern umgeben und wirkten zu andäch­tiger Stimmung. Die Versammlung wurde mit der Tannhäuser-Ouvertüre und dem Sängergebet für Orchester und Männerchor von Karl Zuschneid ein­geleitet. Alsbann hiett der Präsident des Lokal­komitees Abg. Dr. Porsch eine Begrüßung-an- sprache, in der er etwa aussührte:

Gelobt sei Jesus Christus! Aus freudig bewegtem Herzen rufe ich diesen Willkommensgru ■ Ihnen zu, hochverehrte Versammlung. Vorüber fim> nun die Wochen schwerer Arbeit und banger Sorge. Besonders die Sorgen, die vergessen, die in ausgesuchter Weife unsere Arbeit gelähmt und die Frucht unserer Arbeit bedroht haben. Mehr als einmal war unsere ganze Versammlung in Frage gestellt. Eine zeitlang standen wir am Vorabende eines gewaltigen Welt­krieges, dessen Ausbruch nur durch das feste und treue Zusammenhalten unseres Reiches mit dem ver­bündeten und stammverwandten Kaiserreiche verhindert' worden ist. Eine zeitlang standen wir in inneren par­lamentarischen Streitigkeiten, die den Spät­sommer mit einem Wahlkampfe allerschwerster Art aus- zusüllen drohten. Eine zeitlang lagerte schwarze Sorge aus unserer Domtnsel, über die Grenzen unserer Diözese, über die Kreise unserer Glaubensgenossen hinaus um den geliebten Oberhirten, der heute zum Beginn unserer Versammlung nach langen Monaten zum ersten Male wieder seinen Dom betreten und seines hohen Amtes gewaltet hat. (Händeklatschen.) Alle diese Sor­gen sind durch die gütige Hand Gottes zerstreut worden. Darum gelobt sei Jesus Christus! aus freudigem dank­erfülltem Herzen, als Will komm für alle, die schon am heutigen Tage in so gewaltigen Scharen unserer Einladung gefolgt find und die wir in den kommen­den Tagen noch werden. begrüßen können. Dankbar drücken wir Ihnen allen die Hand. Wir können Ihnen ja nicht bieten, was andere Städte im Süden und Westen schon geboten haben. Hier tritt Ihnen keine festlich geschmückte Stadt zur Begrüßung entgegen und so weit es an uns, dem Lokalkomitee lag, haben wir uns sogar bemüht, dem allgemeinen Zuge der Zeit fol­gend, unseren Nachfolgerinnen ein Beispiel der Spar- sam kei t auf verschiedenen Gebieten zu geben. (Heiterkeit.) Aber sie finden hier schlesische Herzlichkeit und schlesi­sche Gemütlichkeit, Sie finden auch hierein treu- katholisches Volk, Sie find hier am Herzen einer der größten Diözesen der Wett, der größten Diözese des deutschen Reiches, deren Grenzen durch zwei Kaiser­reiche gehen, von den Felsgesteigen der Karpathen bis zu den von den Fluten der Ostsee umspülten Höhen von Arkona. Zum ersten Mal tagte hier vor 60 Jahren eine deutsche Katholikenversammlung, im Mai 1849. Wel­cher Unterschied zwischen damals und heut, zwischen der kleinen etften Versammlung und unserer gewalttgen heutigen! Aber die Traditton ist unverändert, die Ziele sind die gleichen geblieben. Die Versammlungen der katholischen Vereine Deutschlands — sohießen ursprüng­lich unsere Katholikenversammlungen — waren in dem Sturmjahre 1848 ins Leben gerufen worden. Im Ok­tober 1848 tagte die erste Versammlung in Mainz. Neben manchen anderen Freiheiten hatte dieses Jahr auch der katholischen Kirche Freihett von bureau- Irakischer Bevormundung gebracht. Den Katholiken in den verschiedensten Gegenden Deutschlands, nicht zuletzt denen in Schlesien, schien es notwendig, diese Freihett der Kirche sicher zu stell« und zu ver­teidige«. Den« schon damals, in der freihett«

56. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands.

ns. Breslau, 28. August 1909.

Schwellend flutet der Strom der ankommen- den Besucher schon Samstag durch die Straßen in der Nähe der Bahnhöfe Breslaus, hauptsächlich vom Hauptbahnhos, her. Wehende Flaggen und girlandengeschmückte Fahnenmasten beweisen dort, daß die Eisenbahnbehörde die schöne Einnahme zu würdigen weiß. Alles strömt zunächst dem St. Bincenzhause zu, dort walten Wohnungs« und andere Kommissionen ihres Amtes, um dem stürmischen Andrange gerecht zu werden. Das Vincenzhaus, das schon früher die imposante Ver- anstaltung der Katholikenversammlung beherbergt hat, kann überhaupt als der Brennpunkt der dies- maligen Versammlung angesehen werden.

Hier tagen am Sonntag die katholischen Jugend- vereine, hier finden die bedeutsamen Sitzungen der Ausschüsse statt und vor allem die geschlossenen .Generalversammlungen. Hier tagen der akademische Wonisatiusverein, der Raphaelverein und verschredene andere.

Die Fahrt aus der Stadt zur Festhalle mit der Elettrischen beträgt eine knappe Viertelstunde. Hat man sich eine kleine Strecke dem Festplatz (Schweit- nigerpark) genähert, so bietet sich dem Kommenden ein geradezu überwältigendes Panorama dar. Zur Rech­ten liegt in Hellen, freundlichen Farben mit reicher Archttektur die in großen Maßen gebaute F e st h a l l e. Ihre 6 Türme steigen stolz zum Himmel empor. Aeußerlich ruft sie unwillkürlich die Erinnerung an die Düsseldorfer Festhalle wieder wach. Sie hat die­selbe Anlage, nur daß die große Kuppel in der Mitte fehlt. Ein Blick ins Innere läßt die übersichtliche Gliederung und praktische Raumverteilung erkennen. Am Samstag sollten die Arbeiten abgeschlossen fein. So war es denn auch geglückt, mit Riesen­anstrengungen, die Arbeiten an der gewaltigen Feschalle zu beenden. Was geleistet worden war, mögen folgende knappen Angaben erläutern: Die Halle hat 31 Meter Breite, 15 Meter Höhe. Mittel­schiff mit Seitenschiffen von je 9,5 Meter haben im Lichten eine Länge von 150 Metern und eine Breite von 49 Metern. Ringsherum ziehen sich sehr ge­räumige Gallerien hin, die durch 7 Treppen mit dem Freien verbunden werden. Insgesamt hat die Halle nicht weniger als 27 Ausgänge. Es ist 'berechnet, daß sie 7500 Personen fassen kann, 5100 aus Sitzplätzen und 2400 auf Stehplätzen. Die weiten Sandflächen um die Halle verwandelten sich am Samstag in festen Boden mit künstlichen Rasen­flächen und Tonnengrün. Die innere Ausschmückung, Beleuchtung, Post und Telegraph waren zur Minute fertig, was sonst, wie man weiß, in anderen analogen Fällen nicht immer der Fall ist.

In den letzten Tagen der vergangenen Woche machten sich mehr und mehr die Ausschmückungsarbei- ten bemerklich. Vielfach sah man Wagen mit Tannen- grün auf den Straßen. Sie kamen aus den schle­sischen Wäldem, um beizutragen zu dem Schmucke bet 56. Generalversammlung der Katholiken Deutsch­lands. Vor dem recht bescheidenen fürstbischöflichen Palais ist eine mit Grün geschmückte Tribüne fertig gestellt, wo die Huldigung des Festzuges Seiner Emi­nenz dargebracht werden wird. Da und dort, am Bahnhofe, von den Türmen der Kirche und den Zin- ,uen der katholischen Wohltätigkeits- und Bildungsan­stalten, vereinzelt von katholischen Privathäusern und den Gasthäusern, grüßt die gelb-weiße Fahne, gleich­zeitig die Farben Schlesien und des Papstes. Aber wie der Norden vom Süden und der Osten vom Westen verschieden ist an Land und Leuten, um so viel anders geartet ist der äußere Rahmen des Katholikentages an diesen Orten. Hier im Osten, wo die Leute ruhiger und in ihrem Charakter für den Süd- und Westdeut­schen kältet erscheinen, offenbart sich auch das innere Seelenleben, die Festfteude weniger nach außen, in -weniger hellen Farben und lauten Tönen. Das mag । der Fremde erwägen, wenn er heute, am Vorabend der 56. Generalversammlung der Katholiken Deutfchlands chas festlich geschmückte Straßenbild spärlicher finden öllte, als am Rhein ober in Bayern. Die Herzen chlagen hier ebenso warm den Katholiken entgegen, )ie in diesen Tagen aus allen Gauen Deutschlands in Breslau zusammentreffen werden, zu Tausenden, wenngleich die preußische Regierung durch ihr, die Ka­tholiken von ganz Deutschland tief verletzendes Verbot jder polnischen Versammlungen, der Masse der polnisch /sprechenden Katholiken den Besuch der Katholikenver- stnnmlung unmöglich gemacht hat.

Im Laufe des Samstags trafen auch eine Reihe luuftrer Gäste ein, so der hochbetagte Zentrums- ■ Wer und frühere Reichstagspräsident Graf Ballestrem. Auch der Bischof von Baymth in Syrien, Monsignore Athanasius Fawaya, wird der Versammlung beiwohnen. Wie mitgeteilt wird, hat sich auch der freikonservative Reichstagsabgeordnete Mrst Datzfe ld, Herzog von Trachenberg, in die Mitgliederliste einzeichnen lassen.

Die Zahl der ständigen Mitglieder hat bis jetzt die Zahl 4000 überschritten. Die katholischen Studen­ten waren auch Heuer wieder unter den ersten Gästen und in großer Anzahl erschienen. Der Begrüßungs­abend der katholischen Studentenverbindungen am Freitag Abend bot ein farbenprächtiges, jungfrisches Mld; es sind jetzt ihrer 67 Verbindungen und eben harren neue der Ausnahme. Samstag und Sonntag vormittag treffen auch die Mitglieder des Augu- Istinusvereins sich zu ernften Beratungen.

Mdaer W Zeitung

A.parzeller in Fulda. w»chmr«-se:„A«ftriette§oMag^eitung" m«natrb«llag-: „Kildaer GeschichtrblAter"

x Die Rednerliste -

Mr die öffentlichen Versammlungen der diesjährigen Katholikenversammlung ist folgende:

, Abg. Dr. jur. Joh. Bell, Rechtsanwall, Essen- Muhr: „Aufgaben der deutschen Katyo-