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in ihren Schlupfwinkeln verbergen. Auch im Jnnem der spanischen Monarchie sind die Anarchisten noch an ihrer Wühlarbeit, sodaß es nicht ausgeschlossen scheint, daß es schon in der nächsten Zeit wieder zu neuen blutigen Aufständen kommt.
Die türkische Regierung hat jetzt, nachdem der griechisch-türkische Konflikt wegen der Kretafrage wieder für eine kurze Zeit aufgeschoben worden ist, genug damit zu tun, um für die Ruhe im Innern zu sorgen. So wurden in den letzten Tagen sowohl aus Armenien wie auch aus Mazedonien wieder alarmierende Nachrichten gemeldet, die erkennen lassen, daß es noch in zahlreichen Provinzen des Reiches gährt. Dazu wollen die Jungtürken, besonders die tonangebenden Offiziere in mehreren wichtigen Garnisonen nicht parieren und agitieren gegen das gegenwärtige Kabinett weiter
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Wiederkehr erstens einmal lächerlich ist und zweitens unrichtig, da man von einem wirklichen Ministerstürzen durch eine oder mehrere Parteien doch nur bei voll durchgeführtem parlamentarischen Regime sprechen kann, und wir dieses in Deutschland nun doch einmal nicht haben.
Große Versammlungen stehen bevor, der sozialdemokratische Parteitag wird Mitte September in Leipzig tagen, die Generalversammlung des Evangelischen Bundes gegen Ende desselben Monats in Mannheim und vor allem ist es das katholische Deutschland, welches sich zur großen diesjährigen Katholikenoersammlung in Breslau rüstet. Für den sozialdemokratischen Parteitag liegt schon wieder Krakehlstoff genug vor. Der alte Kampf zwischen Revisionisten und Radikalen wird dort wieder aufs neue entbrennen. Den Anlaß dazu hat wieder einmal Herr Eduard Bernstein gegeben. Alten Gepflogenheiten folgend hat er auch jetzt wieder einmal für bürgerliche Zeitungen geschrieben, vor allem für das stammverwandte Berliner Tageblatt Darüber hat man sich in den Kreisen der radikalen Sozialisten, wie sie besonders in Sachsen und in Berlin Hausen, gewaltig erregt, ja die Berliner scheinen allen Ernstes zu wünschen, daß Bernstein aus der Partei austrete, widrigenfalls die Partei die Tür weisen müsie.
Jenseits unserer Grenzpfähle geht es wie gewöhnlich weiter, ohne daß Deutschland sonderlich dabei beteiligt wäre. In Oesterreich-Ungarn dauern die nationalen Kämpfe zwischen den Deutschen und Tschechen in unverminderter Weise fort, und tagtäglich werden Meldungen über neue Reibereien verbreitet. Inwieweit die parlamentarischen Führer dahinter stecken, kann man einstweilen noch nicht erkennen. Erst der demnächstige Zusammentritt des österreichischen Abgeordnetenhauses wird Klarheit darüber schaffen. Man weiß daher auch noch nicht, ob die Slaven die Obstruttion im Parlamente aufgeben werden, um so die Möglichkeit zu schaffen, daß wenigstens die wichtigsten Vorlagen, vor allem die Finanzreform zustande kommen.
In Rußland scheint die Regiemng mit der Verwaltungsreform recht langsam vorzugehen. Auch der vor kurzem unternommene Vorstoß gegen die Terroristen hat bald aufgehött, und offiziös sucht man nur die Angaben über das Lockspitzeltum im Dienste der russischen Regierung zu dementieren. Wann der Zar mit dem italienischen König und dem türkischen Sultan zusammenkommen wird, ist noch nicht fest bestimmt. Auch andere Monarchenbegegnungen sollen noch bevorstehem
Schweden atmet wieder etwas auf. Der Generalstreik neigt sich dem Ende zu, die Arbeit wird von Tag zu Tag in größerem Maßstabe wieder ausgenommen Während in den ersten Tagen des Streikes von einem Zuströmen ausländischer Arbeiter nicht die Rede war, scheinen die schwedischen Arbeitgeber jetzt zu versuchen, aus dem Auslande eine möglichst große Masse von Arbeitern heranzuziehen Die sozialdemokratisch organifierte Arbeiterschaft hält zwar offiziell noch an dem Stteikbefchluß fest, lehnen aber nicht mehr so entschieden eine Vermittelung ab. Dagegen wollen die Arbeitgeber jetzt von einer solchen nichts wissen und hoffen, daß schon in kürzester Zeit die Streikenden vollständig mürbe gemacht seien.
England steckt gegenwärtig noch tief in seinen Finanzsorgen und tagt trotz der Sommerhitze weiter, um das Budget zu erledigen. Während die Liberalen dieses mit den großen Mehrforderungen für Heer und Marine bereitwilligst annehmen wollen, suchen die Konservativen noch mehr für ihre Flottenpläne herauszuschlagen. Dazu treten natürlich auch die neuen Forderungen für den Ausbau der Luftschiffflotte.
Daß Spanien in Marokko immer noch nicht zu einem entscheidenden Erfolg gekommen ist, beweist toieberum, wie schwer es ist, Kolonialkriege zu führen. Tagtäglich kommt es zwar zu kleineren Gefechten zwischen den spanischen Truppen und den Riflabylen, die jedoch die Spanier kaum vollständig ausnutzen können, da die Gegner sich immer und immer wieder
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3 Welfenfonds und Welfenlegion.
Obwohl bereits nahezu ein halbes Jahrhundert verflossen ist, ist die Wahrheit über den Welfenfonds und die Welfenlegion noch nicht festgestellt, zum wenigsten nicht anerkannt. Beide Probleme unterliegen noch immer dem Urteil der Parteien, deren Jntereffe dahin geht, Beweismomente für ihre eigene These zu erhalten. Die Beendigung des unerquicklichen Streites, die gewiß im Jntereffe beider Parteien läge, dürfte am ehesten dadurch angebahnt werden können, daß die mit dem Namen Welfenfonds und Welfenlegion verknüpften Ereigniffe in das Helle Licht der objektiven Geschichtsforschung gestellt werden. Im „Tag" kündigt Dr. Hans F. H e I m o I i-Dresden an, daß es sich eine für die völlige Aufhellung dieser schwierigen Frage ganz besonders berufene Kraft angelegen fein lassen wird, binnen angemessener Frist historisch einwandssreie Untersuchungsergebnisse und Zeugnisse an weithin sichtbarer Stelle zu veröffentlichen. Inzwischen bittet er um eine rege, das Endziel fördernde öffentliche Aussprache. Wir werden mit Jntereffe diese Aussprache verfolgen und erwarten von ihr eine reiche Ausbeute.
Einige Angaben über Welfenfonds und Welfenlegion werden unfern Lesern erwünscht fein. In der Kapitulation von Langensalza war König Georg V. von Hannover der ungeschmälerte Besitz seines Privatvermögens zugesichert worden. Nach d?r Besitzergreifung seines Landes durch Preußen beauftragte er Windthorst, seinen alten Justizminister, mit den Verhandlungen über die Herausgabe des Vermögens. Nach langen, schwierigen Verhandlungen gelang es Windthorst, am 29. September 1867 einen Vertragsabschluß zu erzielen, wonach gegen Auslieferung der während des Krieges nach England verbrachten Gelder dem König Georg die Zinsen eines sicher zu stellenden Kapital? von 48 Millionen Mark zuerkannt wurden, ohne daß er gezwungen sein sollte, ausdrücklich auf die Thronfolge zu verzichten. Der Vertrag hatte ein seltsames Schicksal. Hüsgens Windthorst-Vuch erzählt darüber:
Im preußischen Abgeordnetenhause stieß er zunächst auf große Schwierigkeiten. Erst als Bismarck die Kabinettsfrage stellte, gab das Abgeordnetenhaus seine Zusttmmung am 1. Februar 1868. Nachdem die Vertragsbedingungen seitens des Königs Georg erfüllt waren, wurde der Vertrag am 3. März 1868 im Gesehblatte veröffentlicht. In derselben Nummer aber erschien eine Königliche Verordnung, welche ver- fiigte, daß der Fonds mit Beschlag belegt und die Zinsen dem Ministerium zur Verfügung gestellt werden sollten und die Kosten der Verwaltung, sowie die Maßnahmen „zur Ileberwachung" und zur Abwehr der gegen Preußen gerichteten Unternehmungen des Königs Georg und seiner Agenten" zu bestreiten. Ms Hauptgrund dienten die umlaufenden Gerüchte über die Bildung einer „Welfenlegion". Diese seltsame Handlungsweise gab Veranlaffnng zu einer stürmischen Verhandlung im preußischen Abgeordnetenhause. In einer meisterhaften Rede wies Windthorst die Unhaltbarkeit der Maßnahme nach der Verfassung, dem gel
vestellgeld in Sutoajo- wie auswärts 1.50 Mk. verantw. Redakteur LD.$ 2L weßkerr
lenden Staatsrecht, dem Vöflerrecht und dem Privatrecht nach. An der Hand der Geschichte des Vertrages stellte er fest, daß alle die Tatsachen, die ange- fihrt wurden, um die Beschlagnahme und eventuell die Konfiskation zu begründen, bei den Verhandlungen bereits zur Sprache gekommen seien, also keineswegs dazu bienen könnten, jetzt eine andere Auffassung zu rechtfertigen. Trotz der zwingenden Bewers- fühmng Windthorsts und trotz der kräftigen Unterstützung durch den Abg. Virchow entschied sich das Abgeordnetenhaus für die Aufrechterhaltung der Beschlagnahme. Eine Bemerkung Bismarcks über den angeblichen Zweck des Fonds „die bösartigen Reptilien zu verfolgen bis in ihre Höhlen hinein, um zu beobachten, was sic trieben", gab dem Fonds seinen Namen „Reptillenfonds". Er diente in der Folge wesentlich zur Unterstützung der den Zwecken der Regiemng dienenden Presse. Die Beschlagung des Welfenfonds wurde erft nach Windthorsts Tode am 10. April 1892 aufgehoben. Das Kapital der Ausgleichsumme ist zwar heute noch im Besitz der preußischen Staatsregierung, aber die Einkünfte werden seitdem halbjährlich dem Herzog von Cumberland ausgezahlt. Die Verwaltung führt unter Oberleitung des Oberpräsidenten von Hannover die „Vermögens- verwaltung des Herzogs von Cumberland". Von den während der Beschlagnahmezeit (1868—1892) aufgelaufenen Zinsen oder etwa erzielten Ueberschüssen ist nichts herausgegeben worden, und obwohl der Vertrag von 1867 eine Sicherstellung der Ausgleichsumme sttpulierte, hat diese bis heute noch nicht statt- geftmden.
Welfenlegion nennt man eine 1867 aus Anhängern des hannoverschen Königshauses gebildete Miliztruppe. Aus den Niederlanden und der Schweiz ausgewiesen, fand sie in Frankreich Aufnahme, löste sich aber bereits 1870 auf. Es wird behauptet, daß der Ueberlrift stellungspflichtiger Hannoveraner über die deutsche Grenze durch König Georg V. selbst veranlaßt worden fei. Indes ist dies keineswegs klar erwiesen. Der König hat am 30. März 1869 erklärt (zitiert in der Schrift von Onno Klopp „Das preußische Verfahren in der Vermögenssache des König- von Hannover" (Wien 1869 Seite 214): „Die Hannoveraner, die sich dem preußischen Militärdienst entzogen, haben dieses getan ohne mein Vorwissen und ohne meine Einwirkung . . . nur soviel ist richtig, daß ich diese politischen Flüchtlinge nicht hilflos gelassen habe." Wie oben mitgeteilt, hat besonders die „Welfenlegion" die Rechtfertigung für die Beschlagnahme des Welfenfonds abgeben müssen. Windthorst hat demgegenüber am 28. Juni 1874 bei der Etatsberatung nochmals ausdrücklich festgestellt, daß die Negierung unter genauer Kenntnis der sogenannten „wel- fischen Umtriebe" und der „Welfenlegion" den Vertrag mit dem König Georg geschloffen habe.
lvochen-Run-schau.
[:] Fulda, 27. August 1909.
Noch immer wirken die Ereignisse des politisch so tatenschweren Winters nach. Das ist sehr erklärlich, denn im Winter wurden die neuen Steuern nur beschlossen; jetzt aber werden sie durchgeführt. Und da bei inbiretten Steuern die ganze Unannehrnlichkert, die jede Steuer mit sich bringt, bei ihrer ersten Durchführung zutage treten, späterhin aber nicht mehr so unmittelbar empfunden werden, so ist es nur natürlich, daß man aller Orten mit saurer Miene über dte neuen Steuern spricht. Diesmal kann die Regiemng eigentlich noch von Glück sagen, denn in sehr vielen Tellen Deutschlands hat die liberale und freisinnige Hetzpresse so trefflich gearbeitet, daß die Bevölkerung als Förderer der neuen Steuern nicht etwa das Deutsche Reich oder gar die Regierung an- sieht, sondem diejenigen Parteien, die es nicht über sich gewinnen konnten, das Reich einfach bankerott machen zu lassen. Was jene liberalen und freisinnigen Zeitungen bei dieser Sachlage noch immer mit ihren lächerlichen nationalen Standpunkten usw anfangen wollen, ist nicht recht ersichtlich; denn ein unnationale- res und unpatriotischeres Gebaren als das der oben bezeichneten Presse läßt sich wohl nicht leicht denken. Aber diese Presse würde nicht so leichte Arbeit haben, wenn sie nicht oon denen unterstützt würden, die behaupten, durch die neuen Steuern erdrückt zu werden, tatsächlich aber einen immensen Nutzen aus der neuen 1 Gesetzgebung ziehen: es sind d i e Fabrikanten und Zwischenhändler. Ja, diese beiden strei- ten sich auch schon kräftig um den fetten Braten, den es da wieder einzuheimsen gibt. So ist in Berlin lein gewaltiger Bierkrieg im Gange, an dem aber das Publikum keinen Teil nimmt. Vielmehr handelt es sich In dem Kriege dämm, wer den großen Gewinn einstecken soll, die Brauereien oder die Wirte. Der Berliner Fall ist typisch, und so allgemein, daß das Publikum auch sehr wohl weiß, wer den Löwenanteil von dem, was es neu zu entrichten hat, einsteckt, daß es nicht die Regierung, sondern Produzenten und Kaufleute sind, also jene Leute, die vorher über die neuen Steuern am meisten geklagt haben. Unter den neuen Steuern sind es lediglich diejenigen auf Bier, Branntwein, Tabak, Kaffee und Streichhölzer, die den Massenverbrauch treffen. Sie sollen im ganzen 285 Millionen Mark erbringen. Das sind 4,40 Mk auf den Kopf der Bevölkemng im Jahr oder für eine fünfköpfige Familie wöchentlich 42‘/2 Pfg. Es lag in der Absicht des Gefetzgebers, diese Steuern auf den Verbrauch abzuwälzen Aber die in Betracht kommenden Industriellen und Händler sind weit entfernt, sich mit dieser Abwalzung zu begnügen, sie fügen vielmehr ihrerseits Zuschläge hinzu, die die tatsächlichen Steuern um das vielfache übertreffen. Während die Verbrauchssteuern insgesamt, wie gesagt, 285 Millionen Mark erbringen sollten, versucht man jetzt die . Preise um 1250 Millionen Mark zu erhöhen. Mehr als -das vierfache dessen, was die Konsumenten an das Reich zur Gesundung seiner Finanzen leisten sollen, will man ihnen nach dieser Berechnung, die ungefähr das Richtige treffen dürste, abnehmen. Derartige Verhältnisse geben natürlich einen mehr als ausreichenden Stoff für politische Unterhaltungen, und es ist außerordentlich erfreulich, daß sich im Publikum, Ivie es scheint, allmählich trotz liberal-freisinniger Wühlarbeit die richtigen Anschauungen über die neuen Steuern durchsetzen. Auch sonst spielen die Ereignisse der letzten politischen Hochsaison in den politischen .Geltungen noch eine große Rolle. In ziemlich regel- maßiger Wiederkehr bemüht sich jede liberale und sreijmnige Zeitung alle Woche wieder zu beweisen, daß die Konservativen den Fürsten Bülow ge- sturzt hatten. Welcher Versuch in seiner regelmäßigen
Deutsches Reich.
△ Herr Schlutius, der sich nicht damit begnügen wollte, ein mecklenburgischer Rittergutsbesitzer und schlesischer Großindustrieeller zu gleicher Zeit zu fein unb sich zu einem Hauplaktionär von süd- afnfanifdjen Diamantenpapieren emporschwang, scheint seinen Zweck, den er durch den „Weg in die Oeffentlichkeit" erreichen wollte, völlig verfehlt zu haben; diejenigen, die seinen Worten Glauben schenken und meinen, er habe durch den Erwerb der meisten Aktien der Londoner South Asrican Territories Comp. und durch die Gründung der Charas Comp. dem deutschen Vaterlande einen Dienst geleistet, werden immer weniger. Jehl liegt ein Bericht über die Grün- dungsverfammlung der Charas Comp. vor, wonach es unbegreiflich ist, wie Herr Schlutius das Gebiet der Londoner Gesellschaft in Süd-West« asrika in der gemeldeten Weise loben tonnte.
Fremdes Gut.
Skizze von E. L.
(Nachdruck verboten.)
Es war ein Verhängnis, daß sie sich kennen lernten. O wie viel leichter wäre cs ihnen gewesen, wenn sich ihre Lebenswege niemals gekreuzt hätten. Und dennoch kam es so Warum nur kam es so? „Gott weiß es, ich weiß es nicht."
Zwei Menschen wie diese beiden konnten nicht achtlos aneinander vorübergeheu, konnten sich nicht gegenseitig kalt lassen. Was dem einen fehlte, hatte der finbere; was dem andern gefiel, besaß der eine. Sie ergänzten und verstanden sich, wie es selten zwei Menschen tun. Sie harmonierten zusammen wie füreinander geschaffen Ewig getrennt flössen die Ströme dem Meer der Unendlichkeit entgegen.
Beide waren außergewöhnliche Menschen, keine Alltagsmenschen — Ausleseexemplare. Er war ein Mann wie aus einem Guß. Hinter einer hohen, breiten Gelehrtenstirn verbarg sich ein reiches Wissen, tiefes Denken. Mund und Augen verrieten einen eisernen ,doch geschulten Willen. Uebcr allem lag die Gute, stets hilfsbereite Menschenfreundlichkeit und peinliche Ehrenhaftigkeit. Es war wie reine, klare Atmosphäre um den Mann. Er war eine innerliche, abgründige Natur — ein Mensch, wie man ihm nur selten im Leben begegnet.
Wie er ganz Mann, war sie ganz Weib; reines, zartes Weib mit liefern Innenleben und harmonisch aus- tzeglichenen Charaktereigenschaften Fesselnd in lieblicher Weiblichkeit, wie in schönem, starkem Seelenabel. Dazu die geistige Ebenbürtigkeit; beide hatten einen starken Geist, ein reiches Herz, tausend gemeinsame Interessen.
Sie sahen sich täglich. Leben und Beruf führte sie jufammen; sie konnten sich nicht ausweichen.
Der Mann war verheiratet. Nicht glücklich verheiratet, nicht befriedigt in seiner Häuslichkeit. Die Gattin verstand ihn nicht, wußte nicht, welch seltene- Glück sie an ihm besaß. Die Frau war abweisend unb kühl, grabeskühl. WieGletscherlust wehte eS manchmal
um sie. Das Haus war still und kinderleer, liebeleer; peinlich akkurat, doch steif unb steinern. Er zog sich immer tiefer in sich selbst zurück
Wessen Schulb dies alles war? Ich weiß es nicht. „Die Schuld liegt immer in der Mitte", sagen kluge Leute. Hatte er vielleicht zu jung, zu rasch gewählt? Ehe er sich unb bie Erwählte recht kannte?
Es kam, was kommen mußte.
Das unbefriebigte Herz des Mannes flog dem an- beren Herzen, das ihn verstand unb schätzte, heiß entgegen. Das anbere Herz jubelte bent feinigen frohlockend zu. Es erlag dem Zauber des seltenen Menschen, den der liebe Gott in seiner Sonntagslaune schuf. Sie liebten sich — unaufhaltsam, heiß unb alles überflutenb. Die Flut war ba, ehe sie bie Wasser kommen sahen. Nun mußten sie burch tiefe, tiefe Wasser ber Trübsal gehen.
Tödlich erschrocken waren sie, als sie ber Racheengel mit bern flammenben Schwerte aus bem Paradies der Liebe stieß. Sie d u r f t e n sich ja nicht lieben! Durften nicht dieses innige, sehnsüchtige Wohlgefallen an einander hoben. Durften nicht mit solchen zärtlichen Gedanken an einander denken. Qualvoller, jäher Sturz von der Höhe des beglückenden Jneinanberauf- gehens in schuldbewußte, anklägerische tiefste Seelennot!
Er gehörte ja einer anderen — war fremdes Gut Die andere Obgleich ihr wenig an ihm lag — hatte ein Recht auf ihn, nicht nur auf feinen Namen. Nein, auf den ganzen Menschen, auf ein ganzes Herz --nach Gottes ewigen Gesetzen.
Das Mädchen rang mit sich, mit ihrem heißen, reinen Herzen. Fast ging eS über ihre Kraft. Sie wollte ja nicht stehlen, sich nicht an fremdem Gut bergreifen — ob auch das Herz habet verblutete. War's doch so schwer, so furchtbar schwer, bie Hani» zurückzuziehen von diesem schönen, fremben Eigentum. Kein schwerer Ding auf Erden, al? Verzicht, Entsagen. Nur arme schwache Menschen sind wir ja. „Himmlischer Vater, stücke Du mich in ber Schwachheit, ich unterliege", so flehte sie wieder unb wieder in tiefster Herzensangst.
„Herr Gott, ich kann nicht rnehrl" stöhnte unb haderte der Mann im beißen Kampfe mit seinem zweiten Ich. „Warum führst Du dieses liebreizende Wesen in meinen Weg? Warum gabst Du mir ein Herz?"
„Ich gab dir nicht nur ein Herz; ich gab dir auch einen Willen und gebe dir meine Gnade!" sprach bie Stimme Gottes in seinem Jnnem. „Ge- braudje beinen großen, starken Willen, um das kleine, schwache Herz zu meistem."
„Ich kann nicht, Herr! Sie ist zu schön aus Deiner Hand hervorgegangen"
„Nicht für dich! du gehörst nicht mehr dir selbst. Du darfst sie nicht lieben, nicht besitzen. Du hast ein Weib; fei stack, sei treu, fei ehrenhaft! . . . Suche deinem Weibe mehr gerecht zu werden. Sie ist besser, als du benfft Geh' ihr entgegen. Reiche ihr bie Hanb."
Der verzweifelte Mann wanb und krümmte sich im Kampfe mit bem eigenen Herzen, lange, lange. Enblich, endlich wurde er wieder Herr über seinen inneren Menschen Der Entschluß war geboren. Das geliebte Mädchen mit ber großen Seele wies ihm selbst den Weg dazu. Er sah sie nicht wieder — die Ursache seines Grams, feiner schlaflosen Nächte; das Mädchen, welches er zu Unrecht liebte Er ließ sich versetzen, verpflanzte seine stille, kühle, ftelneme Häuslichkeit in eine andere Stadt.
Sein Herz blieb wehmutsvoll, fein Gewissen ruhig. Ehrenhaft unb mannhaft hatte er gekämpft, gesiegt. Mußte er doch durch feine Stücke bem teuren Mädchen helfen in bet Gefahr. Sie richteten sich gegenseitig an einanber, an ihrer Seelenstäcke auf. Mit keiner Silbe hatten sie sich jemals gestanden, daß sie sich liebten. Dennoch wußten sie es, wie ber andere litt. Gebiete einer den Flammen ,bie im Hause toben, nicht durch bie Fenster zu lohen; werden sie gehorchen? Sicher nicht! So hatten sie gegenseitig ihr Inneres eckannt.
Der Segen des tapferen SelbftbezwingenS blieb nicht aus. Mit bet Zeit wurde eS auch in feinem Helm und Leben Würmer, freundlicher. Das Leben fthliff die Kanten, erweichte die starren Gletscher im Charakter seiner Frau. Das Mädchen fand auf der
Bahn liebevoller Pflichterfüllung gegen andere ihr Genügen.
Sie waren beide mhiger geworden — glättet doch die Zeit die höchsten Wogen auf bem Meer bes Leibes. Mit Inniger Freube, doch wunschlos still — wie man des toten Lieblings gedenkt — gedachten sie einander, des andem schöner Eigenart und Eigenschaften Der Kampf war ausgekämpft, die Herzen hatten Frieden — mit Gott, mit sich, mit dem Nebenmenschen. Und das höchste Gut ist doch der innere Frieden. Es ist Vorgeschmack ber einstigen Himmelsseligkeit.
— Sie weiß sich zu helfen. Folgendes nette Ge- schichtchen wirb aus Bayreuth berichtet: Ein hier in Garnison stehender Chevauxleger hatte während seines Urlaubes in Sachsen ein Mädchen kennen gelernt, mit dem ihn bald zarte Bande verknüpften. Als sie 'hm nach feiner Rückkehr nach Bayreuth das erste Briefchen schicken wollte, bemerfte sie zu ihrem Schrecken, daß sie wohl Namen und Wohnort ihres Angebeteten, nicht aber seinen Truppenteil im Gedächtnis behalten hatte Aber wir Sachsen „sein Helle", unb so fügte bie Maid bet Abreffe bie Bemerkung bei: „Soldat mit grünen Hosen und roten Streifen". — Der Adressat wurde denn auch allsogleich ermittelt. =y.
— Wie Königinnen die Zeit vertreiben. Die Kö- nigln von Spanien sammelt Kartenspiele. Ihre Kollektion gilt als die reichhaltigste. Sic umfaßt hauptsächlich auS Elfenbein hergestellte Kartenspiele des mit Malborough befreundeten Prinzen Eugen. Dieser trug die Kartenspiele stets, selbst im Kriege, bei sich. Ihre Majestät bie Königin hat Kartenspiele aus allen Teilen ber Erde, wo das Kartenspiel bekannt ist. Sehr werivoll stnb auch ihre ägyptischen unb arabischen Spiele. Die werivollsten Karten ihrer Sammlung sind jedoch diejenigen, bie von altersher im Gebrauch des spanischen Königshauses sich befanden und sich von Regent zu Regent vererbten. =p.
— Würdelosigkeit. Durch bie Blätter geht eine Mitteilung, wonach erwachsene deutsche Mädchen aus angeblich besseren Ständen sich nicht scheuen, unter dem Vorwande des Brlefmackenfammelns mit Regem aus