Einzelbild herunterladen
 

Maer W Zeitung

Mouakbellager „§Müer SeschichtrbM

*4i

s

rinr-j

erf^eijrf inguq««» Ausnahme der Senn» «nd Zeieriage. Viertel, jährlicher ohne Sringerlohn und yestellgeld in 5«>das0' wie ouswärtS 1-60 ffit

verantw. Redakteur ID.: L. wetzlerr

I.^arMer"in Lulda. McheMwM.Muskrkerte Lomtagrzektmg"

3T«3tfgnr: Mr em» spalüge Petitzeile oder -er« Raum tspfg.' Aeklameudiepetitzeile LS PsS,-« Med«. Holungen wird «ttspr,

LcSattgewShrt. -

A»1atto«rdr«SmS Verlag der Fuldaer AV-" üeadruäerri l« Kllda

Fernsprecher Ar. L ■

=SSS=SB=SSHl

JVs 195.

iyulba, Freitag den 27. August 1909.

36. Jahrgang.

Deutsches Reich.

n Der Kaiser hörte am Donnerstag den Dortrag des Chefs des Militärkabinetts. Zum Besuch des Kaiserpaares sind der Fürst und die Fürstin zu Waldeck und Pyrmont, der Großherzog von Sachsen sowie der Fürst und die Fürstin zu Solms-Hohensolms in Wilhelms- höbe eingetroffen.

)( Eine neue deutsch-englische Streitfrage haben wir jetzt in Südwestasrika. Die Walfischbai- Frage scheint ja für eine Zeitlang von der Tagesordnung abgesetzt zu sein, dafür aber streitet man sich, was nur zu natürlich ist, um die besten Diamantfelder. Nach einer englischen Meldung erwarb im Jahre 1862 eine Kapstädter Firma Deyaß Spencer u. Co. die Konzession auf einem Küstenstrich in der Nahe der Lüderitzbucht ein Stück Land, das später von einem Häupt­ling dem Lüderitz gegeben wurde. Cs kam hier­auf zu einem Besttzstreite, der 1886 durch ein deutsch-englisches Abkommen erledigt wurde, das der Kapstadter Firma ein dauerndes Recht auf einen Teil des strittigen Landstreisens zusprach, in welchem jetzt die besten Diamanten gesunden werden. Die deutschen Behörden habm nunmehr einem deutschen Untertanen, namens Weiß, zu­gestanden, auf diesem Gebiete nach Diamanten schürfen zu dürfen. Dagegen protestieren aber die betreffenden britischen Untertanen, die seit 1886 das alleinige Recht dort besitzen wollen. Der Kapstädter Korrespondent der,Daily Mail' erfährt hierzu, daß das Londoner Auswärtige Amt sich bereits mit dieser Angelegenheit befasse. — So die Darstellung seitens der englischen Presse. Von deutscher Seite liegt über den Strest noch keine Nachricht vor.

)( Bafsermonn hat wirklich Pech! Er hat sogar seinen Aufenthalt im Bade unterbrochen, um in, Verein mit seinen Parteifreunden Dr. Weber und Dr. Stresemann ein Tournee in Norddeutschkand zu veranstalten, um gegen den schwarz-blauen Block mit seiner Finanzreform Protest einzulegen. Das haben aber jetzt nicht nur die Linksliberalen, sondern auch seine engsten Freunde übelgenommen. Sie werfen ihm nichts weniger vor als Mandatslüsternheit und wollen ihm in Norddeutschland keinen Unter­schlupf gewähren. Baffermann erklärte zwar stets zu Beginn seiner Reden, ihn habe nur ein Zufall herbeigeführt, aber man ist so boshaft, es ihm nicht zu glauben. Ebensowenig hält man von einer Einigung der liberalen Parteien, der so eifrig der nationalliberale Führer das Wort gerbet hat. Die Stimmung unter den Liberalen in Norddkutschland über das Vorgehen Baffer- manns gibt am treffendsten die ,Ostfriefische Ztg/ im Norden wieder, welche u. a. schreibt:

„®a? Auftreten der drei nationalliberalen Reichs- tagsabgeordneten in unserer Stadt hat unter den Abe- raten keine besonders große Freude ausgelöst. . Wr 'Linksliberalen sehen in dem Borgehen der National­liberalen kein besonderes Vertrauensvotum.^

Das Blatt erklärt dann weiter, daß man trotz aller Dementis dem nationalliberalen Führer ein Mandat verschaffen wolle, da die Parlei- leitung die an sie gestellte Frage, wie sie sich zu dem für Emden-Norden bestehenden Abkommen stelle, wonach das Reichstagsmandat den Libe­ralen, das Laudtagsmandat den Natioualliberalen überlassen bleibt, nicht beantwortet habe. Die Linksliberalen befürchten nicht ohne Grund, daß Baffermann das Reichstagsmandat für Emden-

Norden anstrebt, zumal ihm fei« schlesischer Wahlkreis im nächsten Wahlgange untreu werden will. Also auch hier will der Mandatshunger der einzelnen Parteien die Liberalen nicht zur Einigung kommen taffen, und so dürfte es auch in den anderen Wahlkreisen der Fall sein, wo überhaupt ein Liberaler Aussicht hat, durchzu­kommen.

4- Die Besoldung der Reichsbankbeamten. Nach der.Nationalzeitung'' finden im Laufe der nächsten Woche im Reichsamt des Innern die kommiffarischen Besprechungen über die Auf- befferung der Besoldungen und die Neuregelung der Wohnungsgekdzuschüffe für die Reichsbank­beamten statt. Die endgüllige Festlegung kann nach § 28 des Bankgesetzes erst nach dem Wiederzufammentritt des Bundesrats erfolgen.

△ Zum Strafverfahren gegen Jugendliche hat der Minister des Innern einen Erlasi an die Oberpräsidenten gerichtet, wonach vor allem die Polizeiorgane in Verbindung mit den Ge­meindebehörden auf eine möglichst frühzeitige und erschöpfende Erforschung der Lebensverhältniffe der jugendlichen Beschuldigten, sowie aller der­jenigen Umstände dringen solle, die sonst zur Beurteilung der Straftat und der zur Bekenntnis der Strafbarkeit erforderlichen Einsicht dienlich sein könnten. Man kann nur wünschen, daß in der Frage der Bestrafung der Jugendlichen und ihrer Befferung die Polizei und Gemeindebehör­den mehr mit den Gerichtsbehörden Hand in Hand gehen.

** Vor dem Hansabund warnt in Nr. 34 des jungliberalen .Fortschritt' Ingenieur Neu- mann die Angestellten im Handel, Industrie und Gewerbe, indem er schreibt:

„Es besteht dir Besorgnis und tatsächlich auch die Gefahr, daß der Hansabund sein Arbeitsgebiet nicht auf die Wirtschaftspolitik beschränkt, sondern sich auch gegen weitere sozialpolitische Belastungen von Hendel, Gewerbe und Industrie wendet."

Daß im Hansabund eine starke Strömung gegen jede Fortführung der Sozialreform ist, nimmt Neumann als sicher an, und er hat da­mit ganz recht.

O Präparandenlehrer an staatlichen und privaten Anstalten. Im Abgeordnetenhause war in der vorigen Tagling eine Bittschrift ein­gelaufen, die dir Gleichstellung der Lehrer an Seminar-Praparandenanstalten mit den Lehrern an Königlichen Präparandenanstalten in Gehalt und Wohnungsgxldzuschuß desüiwortet. Die Re­gierung hat, wie wir der ,Post' entnehmen, daraufhin angeordnet, daß die Präparanden­lehrer die Mittelfchnllehrerprüfung ab­zulegen haben. Die tüchtigsten von ihnen können später za Seminarlehrern befördert roeroen. Ferrier werden die Lehrer an den Seminar* präparandenanstalten in den ersten neun Tienst- jahren mit den Lehrer« an den königlichen An­stalten gleichgestellt. Was die Umwandlung aller Semmarpräparandenanstaiten in königliche anbetrifft, so würde dies einen Mehraufwand von ca. 3 Millionen jährlich bedingen, aus welchem Grunde in Anbetracht der Finanzlage zunächst hiervon abgesehen worden ist.

-4- Beschränkung der Gehaltspfändung. Eine Beschränkung der Pfändung der Gehälter von Privatangestellten, insbesondere Hand­lungsgehilfen, bezweckt eine Eingabe des Kausmannsgerichts Charloltenburg an den Bundesrat und den Reichstag. Nach den geltenden

Bestimmungen ist die Pfändung des Gehalts bei Privatangestellten insoweit zulässig, als der Ge­samtbetrag 1500 Mark übersteigt. Die Eingabe verlangt, daß, wie schon jetzt bei Beamten, so auch bei Privatangestellten, nur ein Drittel des 1500 Mark übersteigenden Gehaltsbetrages der Pfändung unterworfen wird, sofern tatsäch­lich 1500 Mark Jahreseinkommen bereits ver­dient sind oder nach rechtlichen und tatsächlichen Verhättniffen erwartet werden können.

* Die Ausnützung der heimische« Wasserkräfte soll laut ,Voff. Ztg.' durch das Wassergesetz, das dem preußischen Landtage zugehen wird, gefördert wer­den, indem man versuchen will, eine erleichterte Mög­lichkeit zu schaffen, um Fernleitungen durchzuführen, welche die an den Stauanlagen gewonnene elek­trische Energie im Lande verbreiten und verteilen. Die Vorarbeiten für den Gesetzentwurf nähern sich ihrem Abschluß.

A Ueber die neuen Ostmarkenvorlagen erfährtdie,Nationalztg.' von „unterrichteterSeite", daß eine Neuauffüllung der Fonds zunächst nicht in Frage komme. Bezüglich der Einbeziehung der Provinz Schlesien (ev. auch Ostpreußen und Pommern) in den Bereich der Anfiedelungstätig- keit wird bemerkt, daß die Ansiedelungskom- miffion selbst der Regierung hiervon abgeraten hat, weil ein Emporfchnellen der Bodenpreise befürchtet wird. In Aussicht genommen dagegen sind Maßnahmen zur Erhaltung des Grund­besitzes in den Grenzprovinzen und in Pommern, die unter bestimmten Bedingungen in der Ge­währung von Mitteln gegen geringe Zinssätze bestehen sollen. Voraussichtlich werden entweder die Landschaften eine Rolle spielen, oder aber man wird eigene Kreditinstitute einrichten. Ferner steht ein Parzellierungsgesetz für Posen, Weflpreußen, Schlesien und einen Teil von Pom­mern in Aussicht.

4- Eine sozialdemokratische Einkommen­steuer beantragt der Genosse Geyer bei dem Leipziger Parteitage. Bis jetzt ist es üblich, daß die Genossen einen Wochenbeitrag von 10 Pfg. leisteten. Der Antrag Geyer verlangt eine pro­gressive Erhöh ung des Beitrages mitRück­sicht auf die Höhe des Einkommens. Die Partei- Steuerschraube ist folgendermaßen gedacht: Bis 700 Mark Einkommen soll der Beitrag 1 Mark 20 Pfg., von 701—850 Mk. Einkommen 1 Mk. 80 Pfg., von 850—1000 Mark Einkommen 2 Mark 40 Pfg. jährlich betragen. Die weitere Steigerung bis zu einem Einkommen von 2000 Mark beträgt 1 Mark 20 Pfg. für je 200 Mark, bis zu einem Einkommen von 3000 Mark 2 Mark 40 Pfg für je 500 Mark, die letzten Stufen sind 3001—3500 Mark Einkommen 18 Mark, 3501—4000 Mark Entkommen 24 Mark, alle höheren Einkommen 36 Mark. Man kann nicht gerade sagen, daß die Gen offen in den Ansprüchen an das Portemonnaie der Partei - Angehörigen besonders zurückhaltend seien. Die von dem An­träge geforderten Beiträge betragen etwa die Hälfte der Sätze der preußischen Einkommensteuer, ja sie gehen noch über diese hinaus, indem sie auch die Einkommen-Klaffen unter 900 Mark zur Parteisteuer heranziehen. Die Genoffen sind wirk­lich gute Volkssreunde.

4- Auch ein Protestant. Bremen ist be­kanntlich die Stadt der radikalen Kirche. Ein bürgerliches Blatt in Bremen berichtete kürzlich über eine Trauerfeier und brachte am Tage darauf folgende Berichtigung des Berichts: „Herr

Pastor Stendel ersucht uns, mitzuteilen, daß er bei der Trauerfeier für den verstorbenen Seminar» lehrer Schindler die im Berichte erwähnten Bibel­worte: „Viele, die unter der Erde schlafen, werden erwachen zum ewigen Leben" nicht ge­braucht habe und sich auch dem Sinne nach nicht ähnlich geäußert habe." Der /Vorwärts" bemerkt spöttisch dazu, daß es nicht angebracht sei, sich über den Unglauben roter Kreise zu ereifern, wenn es so weit gekommen ist, daß ein Gottes- diener öffentlich gegen den Verdacht protestiert, er habe die Unsterblichkeit gepredigt l — Leider ist der Hohn des sozaldemokratifchen Blattes nur zu berechtigt.

Ausland.

** Die englischen Dreadnoughts. Soeben sind in Portsmouth die Pläne für die erste der dieses Jahr in Bau gegebenen vier besonderen Dreadnoughts ein getroffen. Das neue Schiff wird größer oder wenig-, stens länger sein als seine Vorgänger, aber nicht breiter, weil die zur Verfügung stehende Werst daS nicht erlaubt. Die Kosten werden auf 2% Millionen Pfund veranschlagt. Die Blätter melden, daß nach Vereinbarung der Reichsregienrng mit der austra­lischen Regierung die neu zu schaffende australische Flotte sich wie folgt zusammensetzeu soll: ein Panzer­kreuzer, drei andere Kreuzer, sechs Zerstörer, drei Unterseeboote. Die australische Negierung verpflichtet sich, diese Flotte zu bauen und zu unterhalten und im Falle eines Krieges dem Mutterlande zur Ver­fügung zu stellen. Somit erhält die englische Flotte eine neue Verstärkung von dreizehn schissen.

** Aus den Ausständen kommt Paris nicht her­aus. Viertausend organisierte Mau­rer haben, weil die Unternehmer ihr Versprechen, keine Akkordarbeiten mehr ausführen zu laßen, nicht gehalten hätten, beschlossen, in den Ausstand zu treten. — Die französische Polizei ist eifrig bestrebt, den russischen Kollegen Helfersdienfie zu leisten. — Auf Ersuchen der russischen Regierung hat die Polizei in Bordeaux einen russischen Studenten verhaftet, der sich seit einiger Zeit in Bordeaux aufhielt. Der Student Bast! Gambachidre wird seit einiger Zeit steckbrieflich ver- fclgt, und zwar wegen eines Raubanfalles, verbunden mit Kindesentführung und Erpreffung. Der Student protestiette gegen seine Verhaftung und gab bei seiner Vernehmung vor der Polizei in Bordeaux an, daß er vielmehr ein politischer Verbrecher fei, dessen Ausliefe­rung von der russischen Regiemng nur verlangt werde, um ihn nach Sibirien zu verbannen. Er wurde in Haft behalten, und die Arlsliefenmgsverhandlungen mit Rußland sind eingeleitet worden.

** Die Enthüllungen Burzews, des russischen Re­volutionärs, halten weithin die Oeffentlichkeit in Auf­regung. Vor allem sind es französische und englische Blätter, die sie eifrig verbreiten. Nun wird dazu ein Faksimile des Schriftzeichens verbreitet, das der Zar am Rande gelesener Eingaben anzubringen pflegte. Zugleich bringt man, ebenfalls faksimiliett, einen über revolutionäre Treibereien der Kabinettskanzlei vorge­legten mit jenem Zarenzeichen versehenen Polizeibe­richt . Die ganze Veröffentlichung bezweckt, Stimmung gegen den Zaren Nikolaus zu machen und, wie aus­drücklich bemerkt wird, die Legende zu zerstören, als ob man in Peterhof keine Ahnung von dem Wirken der hauptstädtischen Geheimpolizei hätte In stanzö- fischen Regierungskreisen ist man höchst unangenehm davon berührt, daß die feit Monaten gegen den Zaren getriebenen systematischen Angriffe cn Heftigkeit nur noch zunehmen. — Rach Meldungen aus Moskau wurde dort in einer Versammlung monarchistischer Or­ganisationen beschlossen, den Besuch, den englische Ab­geordnete in Mtßland in Beantwortung des Besuchs russischer Deputierter in England abstatten wollen, nach Möglichkeit zu verhindern.

Sonnenteuchten.

15] Roman von Erich Friesen.

Der Tag des Wettrennens, an dem zum ersten Male Pluto laufen soll, ist gekommen. UeberfüQt der Rennplatz. Uebcratt Köpf an Kopf, Schuller an Schul­ter. Niemand vermag es, tu dem Gedränge fernen Platz zu wechseln ober sich auch nur frei zu bewegen. Alles wie ein geteilt. Dort oben in einer der ersten Tribünenreihen sitzt die schöne Signora della Rocca neben ihren Eltern und ihrer Schwester.

Sie fft das Ziel fast aller Blicke, aller Operngläser. So blendend schön wie heule hat man sie noch nie gefunden. Ein langes Schleppgewand aus goldfarbe­nem Atlas schmiegt sich um die volle Gestalt. Lange weiße Straußenfedern fallen von dem zart abgetönten Rembrandthnt bis herab auf den kostbaren Spitzen­umhang.

Lebhaft bewegen ihre schlanken, in schwedischen Handschuhen steckenden Hände den edeffteinbefetzten Fächer vor dem erhitzten Gesicht hin und her, während ihr Mund beständig scherzende Wolle nach links und rechts hinwirst.

Hinter Teresita sitzt Graf Tosti. Wiederholl schon bemerkte man, daß er ihr einige Wolle zuraunte, welche sie stets mit kurzem Nicken beantwortet

„Also Sie versichern mir, daß Pluto gewinnen wird?" flüftert er ihr soeben wieder ins D$r. „Ich habe eine große Summe auf ihn gesetzt —, ich müßte Sie dafür verantwortlich machen, wenn--" Eine

bie'fagenbe Gebärde beendet den Satz.

Müde winkt sie ab.

Ich selbst habe auf Pluio gewettet. Goldgelb tmro gewinnen, sagt mein Mann."

Ein zufriedenes Lächeln umspiell Graf Tostis dünne Lippen. Sein neuester Coup ist bewunderns­wert geglückt. Er hat die schöne Milllonälln da vor sich vollständig in feiner Hand.

„Wo ist übrigens Ihr Herr Gemahl?" fragt er, Jld) umblickend. Ich sehe ihn nicht!"

,®r wird wohl unten fein, um dem Jockei noch Anweisungen zu pi'rt“, erwidert Tereüta und wendet sich ihrer Schwester zu, die soeben eine Bemerkung über die sich immer mehr stauende Menge macht

Mirra sieht im Gegensatz zu ihrer Schwester ans- fallenb ernft aus. Das einfache weiße Spitzenkleid und der mattblaue Vergißmeinnichthut lassen das zarte Gesicht noch blaffet erscheinen.

Inzwischen überall — auf den Tribünen, hinter der Barriere, in der Arena — fieberhafte Erregung, die sich von Sekunde zu Sekunde steigert. Sie malt sich besonders auf den Gesichtern der Beteiligten, die entweder selbst ein Pferd laufen lassen oder auf eines derselben große Summen gewettet haben.

Fetzt werden die Pferde vorgeführt — etwa ein Dutzend an der Zahl.

Angestrengtes Seheu. Lebhafte Ausrufe der Be­wunderung oder auch des Mißfallens. ES dauert lange, bis man sich in der blendenden Sonne cm den Anblick grtvöhnen, die greüfnrbenen Jacken der ein­zelnen Jockeis cmdeinandechalten kann.

„28b nur Dein Mann bleibt?" flüsterte Mirra der Schwester zu.

Spöttisches Lachen als Antwort

.Ratüttich, — Du sorgst Dich wieder um ihn! Der wird schon irgendwo feint"

Und Teresita HM das Opernglas osr die Augen, um brunten auf der Rennbahn Pluto zu inspizieren.

Und fetzt — lost

TeresitaS Augen hängen wie gebannt an der goldfarbenen Jockeijacke. Sie sieht nichts weiter als den goldgelben Fleck, der sich mich vorwärts bewegt.

So fest fft sie überzeugt von dem Siege PlutoS, daß sie gar nicht begreift, wie ein anderes Pferd um Kopfeslänge »omuS sein kann.

Mirra blickt kaum hin. Ein Wettrennen ist in ihren Augen eine Tierquälerei, und sie wäre am lieb­sten gar nicht aus ihrer stillen Capll-Einsamkeit dazu hergekommen, wenn nicht ihr Vater es gewünscht hätte.

.Willst Du nicht auch einmal Hinsehen, Mirra?" fragte ihre Mutter, um ihr Interesse llwaS zu wecken, und reicht ihr daS Opernglas.

Gleichgültig nimmt sie das Glas vor die Augen. Doch bald läßt auch sie es nicht mehr aus der Hand, mtt fieberhafter Spannung den sich rasch nähcrenden goldgelben Fleck verfolgend. Etwas ganz Besonderes scheint dabei ihr Jr-t-'-effc zu erregen. Jetzt sämtliche Pferde ganz nah:. Wie der Wind galoppieren sie dahin.

„Ist daS nicht Cnanb...-' trogt der Oberst plötzlich erreat seine älteste Tochter.

Mo?"

„Dort! der „Goldgelbe"!"

Teresita lacht

„Tu mußt Dich irren. Vater Wie sollte er. . .' wäre auch tollkühn von ihm", brummt der Oberst in seinen Lall hinein. »Orlando hat viel zu viel Gewicht für das leichte Tier. Sin Fiasko wäre unvermeidlich."

Teresita runzelt die Brauen. Schärfer blickt sie hin. Auch ihr erscheint eS jetzt, als sei der .Goldgelbe" nicht der schmächtige Jockei Pietro. Sie starrt und starrt. . . Arm fast alle Pferde in einet Reihe. Und j.tzt .Hellblau" ein wenig voraus.

Zvviva „Messalina"!" jubelt die Menge.

Dazwischen Preisen, Zischen, Gröhlen. Teresita wird immer aufgeregter. Richt nur ihr Geld steht auf dem Spiel, sondem auch ■ . . Und ihr Blick streift den Grrffen Tofti, der fich soeben in aller Gemüts­ruhe eine neue Zigarette ansteckt Et weiß, er ge­winnt — fo oder so. Die allgemeine Erregung wächst und wächst . . . Krampfhaftes Stieren der Augen. Kaum wagt man zu ahnen. Run .Hellblau" und .Dunkelviolett" vornweg.

„Evviva .Messalina"!" . . . .Evviva „Rosa- munda"!" brüllt es durcheinander. Ein Höllen- spettakel.

Tersstta ballt die Fauste. Will denn niemand „Evviva .Pluto"!" schreien? Niemand? Teresita starrt und starrt . . BiS schwarze Punkte vor ihren Augen tanzen und alles vor ihren Blicken verschwimmt. .Goldgelb" bleibt wett zurück.

.Na, was sagen Sie zu „Pluto", meine Gnädige?" höhnt hinter ihr Graf Tosti. .FamoseS Tier, was?"

Ein häßliches Wort springt von TeresitaS Lippen. Sie kann sich nicht mehr beherrschen. Jetzt nimmt „Goldgelb" einen Anlauf.

„Evviva „Pluto"'" brüllt eine Stimme.

Wie eleftriftert springt Teresita in die Höhe. Ihr Blick bohrt fich hinlln in den vorbeijagenden goldgel­ben Fleck Jetzt ist er gleich hinter „Hellblau". Jetzt daneben.

„Evviva „Messalina"!" . . . „Evviva „Pluto"!!"

Schreien. Toben, Rasen. Ein wüstes Durchein­ander. Niemand fitzt mehr, alles steht. Zum Tell auf den Bänken, zum Teil auf den Geländern. Die fieberhafte Erregung ist beim Siedepunkt angelangt.

„Evviva!! Evviva!!!"

Nun noch das letzte Hindernis — das ausschlag­gebende. „Goldgelb" macht eine verzweifelte An­strengung. Peiiscke und Sporen tun das ihre. Hoch bäumt „Pluto" fich auf und--Ein Schrei des

Entsetzens aus Tausenden von Kehlen. .

„Goldgelb" liegt blutüberströmt im Sande. .Pluto" aber rast süchrerlos durch die Arena. Einen Augenblick Totenstille. Me erstarrt die Menge. Dann aufs neue Jubeln, Schreien, Toben.

.Evviva! Eoviva!" „Messalina" hat soeben daS Ziel passiert. .Goldgelb" ist bereits vergHsrn. . .

Während unten in der Arena ein paar Diener den Verunglückten forttragen, bemüht man sich auf der Tribüne um eine Ohnmächtige. Teresita ist lautlos zusammengebrochen Mit Mühe bricht der Oberst fich durch die Menschenknäuel Bohn. Todesangst im Her­zen folgt ihm Mirra. Sie muß Gewißheit haben, wer es ist, den man soeben wie tot forttrug

In der Hütte, in welche man „Goldgelb" gelegt, macht sich eine Menge Menschen um den Verunglück­ten zu schaffen. Beim Rahen des Obersten und seiner Tochter weicht alles zurück. Dort, aus einer rasch he» beigeholten Bahre liegt eine stille bewegungslose Ge- statt. Große BluMrovfen sickern von dem bleichen Gesicht mit den geschlossenen Augen, herab auf die elbe Seidenjacke.

ebend tritt Mirra näher. Ihre Seele schreit

auf vor namenlosem Weh. . . Es ist Orlando.

(Fortsetzung folgt.)