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Fulda, Donnerstag den 26. August 1909

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der

Kreisen die neuen Steuern zur Profitmacherei ausgebeutet weihen sollen und wie sich bet Wider­stand der Verbraucher gegen die übertriebene Be­lastung hier und dort schon lebhaft regt, so möchte man den Beteiligten auch zurufen: Erst wägen! Unterschätzt nicht die Gefahren, die in dem Rückgang des Verbrauchs ober auch in dem weiteren Eingrei­fen her Gesetzgebung eueren Bestrebungen erwachsen können. Maß zu halten ist gut in allen Dingen. Allzu scharf macht schartig. Gerade auf dem wirtschaftlichen Gebiete rächt es sich schnell und schwer, wenn man die Stimmungen und Kräfte auf der Gegenseite nicht gebührend beachtet.

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päpstlichen Legaten, Kardinals Vannutelli, in Köln unter anderem auch den Zweck gehabt habe, die tiefgehenden Meinungsverschiedenheiten im Zentrum zu beseitigen. Nun will das,Berll Tageblatt' sogar „aus klerikalen Kreisen« erfahren haben, daß diese Seite der Vannutellrschen Mission als völlig mißlungen zu bezeichnen sei. Einige einflußreiche katholische Bischöfe hätten dem Kardinal gegenüber ganz offen erklärt, daß sie in Anbetracht der ernsten Verhältnisse „trotz der Mahnung des hl. Vaters" die Bewegung gegen das Zentrum „in seiner heutigen Gestalt" weiter begünstigen würden. — Daß man es versucht hat, dem ,Berl. Tageblatt' einen solchen Bären aufzubinden, ist nicht so sehr zu verwundern, als das ,Berl. Tagebl/ sich einen solchen ausbinden läßt. Wo ist denn überhaupt die „tiefgehende Meinungsverschieden­heit" im Zentrum? Uns ist keine bekannt! Und was hätten Papst und Bischöfe damit zu tun? Alles eitel Humbug!

Reichstagsabgeordneter Dr. Böhme, der Vertreter des Kreises Marburg-Kirchhain-Franken- berg, hat nach der .Deutschen Tageszeitung' dem Vorsitzenden der Wirtschaftlichen Vereini­gung, Abg. Liebermann v. Sonnenberg, feinen Austritt nicht nur aus der Vereinigung, son­dern auch aus der Deutschsozialen Par­tei formell angezeigt. Dr. Böhme ist bekannt­lich der Syndikus des neu gegründeten liberalen „Deutschen Bauernbundes".

* Frisch, fromm, fröhlich, freie „Pfaffen"« Hetze. Der erste Vorsitzende der Deut­schen Turnerschaft Dr, Götz zieht in der Turnerzeitung (Nr. 14) gegen das „römische Pfaffentum" vom Leder. Er wettert gegen die „alleinseligmachend sich dünkenden Pfaffen" und fügt, um den Beweis zu erbringen, daß er sich in der den Katholizismus und das Christentum verunglimpfenden „Poesie" gut auskennt, das bei allen „modernen Christen" bekannte und ge­schätzte Pamphlet „Excelsior" hinzu, worin von „Gerstesknechtung«, „Volksverdummung" „Bibel­aberglauben« und anderem die Rede ist. Gegen derartige Ungehörigkeiten muß entschieden Ein­spruch erhoben werden; wir geben uns der Hoff­nung hin, daß die katholischen Mitglieder des Verbandes ihrem ersten Vorsitzenden die gebüh­rende Antwort nicht schuldig bleiben werden.

X Daß man „Genossen" Bernstein durch Aushungerung gefügig machen will, ruft selbst die Empörung zahlreicher radikaler Kreise unter der Sozialdemokratie hervor. Der ,Vorwärts' aber läßt sich dadurch nicht abhalten, auch weiterhin die Stockprügel auf den Magen als ein ganz zulässiges Erziehungsmittel hinzustellen, wenn es sich um einen Sünder wie Bernstein handelt, der den Mut hat, seine revisionistische Gesinnung offen an den Tag zu legen. Wie man den „Genoßen" Bernstein in der Tat planmäßig ausgehungert hat, dafür bringt die sozialdemokratische Magdeburger ,V^Iksstimme' die Belege. Sie erinnert an folgende Tatsachen:

„Bernstein ist jetzt saft 60 Jahre alt. Seit 1877 ist er schriftstellerisch tätig. Während der ganzen Dauer des Sozialistengesetzes war ihm die Redaktion des .Sozialdemokrat" übertragen, der vom Ausland nach Deutschland geschmuggelt wurde. Als das Ausnahme­gesetz fiel, fiel nicht die Zahl der Steckbriefe, die hinter dem Sünder erlassen waren. Er mußte im Exil bleiben, bis im Jahre 1901 ihm die Rückkehr nach Deutschland ermöglicht wurde. War er bis An­fang dieses Jahrhunderts Mitredakteur der ,Neuen Zeit', so schied er infolge des bekannten Konfliktes mit

„Ich gehe«, sagt er fast tonlos. „Ihr Wunsch iß mir heilig. Leben Sie wohl, Mitra!«

Abgewandten Hauptes reicht sie ihm die Hand zum Abschied. Und er geht, ohne sich noch einmal umzusehen.

Als feine Schritte draußen im Park verklingen, sinkt Mitra wieder auf die Marmorbank. Große Tränen rollen ihre Wangen herab — die ersten bitte­ren Leidenstränen in ihrem jungen Leben. . .

10.

Mehrere Wochen sind vergangen. Das Verhältnis zwischen Teresita und Orlando ist scheinbar wieder das beste. Kein Wortwechsel mehr. Kein Streit. Er fragt sie nicht mehr nach jenem verhängnisvollen Brief. Und auch sie erwähnt desselben mit keiner Silbe.

Doch die Kluft des gegenseitigen Mißtrauens ist einmal da und läßt sich schwer überbrücken. Orlando verbringt seine Abende wieder häufig im Klub und in Gesellschaft seiner Sportfreunde. Und Teresita stürzt sich aufs neue in einen Strudel von Vergnügungen. Kein Abend vergeht, an dem man nicht die „schöne Signora della Rocca« in irgend einem Theater, auf irgend einem Fest bewundert — manchmal allein, manchmal in Begleitung ihres Gatten. Und immer ist sie lustig und fidel. Niemand ahnt, daß her strah­lende Glanz ihrer Augen von dem Fieber herrührt, das beständig ihren Körper durchschüttelt, daß der prickelnde Reiz, die Berve ihrer Unterhaltung der grenzenlosen Angst und Aufregung entspringen.

Diese Angst steigert sich fast bis zur Verzweiflung jedesmal, sobald während her Abwesenheit ihres Gat­ten Beppo im Schloß war und mit einem wohlge- süllten Portemonnaie grinsend von dannen schlich. Die Dienerschaft wundert sich nicht wenig, was bet unheimliche Bursche so ost im Schloß zu suchen hat. Aber eine gutbezahlte, wohlerzogene Dienerschaft bars sich zwar tounbem, jedoch niemals eine Bemerkung darüber machen Was gehen sie auch die Geheinmiffe ihrer Herrschaft an!

'(Fortsetzung foIflU

Je? Wirtschaftliche Kämpft.

Der sogen. Generalstreik in Schweden scheint einem unglücklichen Ende es^egenzugeh Wirklich allgemein ist die Arbeitseinstellung nie ge­wesen: in der ersten Woche zeigte sie aber noch Kraft des Wachsens und Werbens. Darauf trat in derzw eiten Woche Stillstand ein,, und dann wurde immer häufiger von einer r ü ck l ä u fr gen Strö­mung von der Wiederaufnahme der Arbeit In dreien und jenen Betrieben aemeldet. Unverkennbar geht der gewaltige Feldzug der Niederlage entgegen. Sie v erführten Arbeiter haben bie furchtbar schweren Opfer umsonst gebracht. Sie dürfen noch ftoh sein, wenn sie ihre Arbeitsbedingungen auf dem alten Stand erhalten können; vielleicht werden man­che zu dem Schaden, den sie während des langen Streiks erlitten haben, noch Lohnherabsetzungen oder längere Arbeitslosigkeit über sich ergehen laffen müflen.

Hütet euch vor den Verfiihrern, die euer Selbst­bewußtsein übermäßig cmfteizen und euch so in wag­halsige Untemehmungen treiben! Diese Lehre gilt nicht nur für die Schweden, sondern für alle Arbei­ter, bie den Einflüsterungen der sozialdemokratischen Phrasenhelden zugänglich sind. Was bei uns zu Lande schon in den kleineren Konflikten wegen der Maifeier sich gezeigt hat und was in Belgien, Frank­reich und Italien schon in größeren Anläufen zum Generalstreik ausprobiert ist, das wird jetzt aufs neue durch eine Erfahrung von verhängnisvoller Größe und Sck we re bestätigt: es ist nicht wahr, daß „alle Räder still stehen«, wenn tollkühne Führer und ein allzu folgsamer Teil der Arbeiterschaft den Arm erheben. Die zu einem wirksamen Generalstreik erforderliche umfaffende Einigung, ausdauernde Zähigkeit und zentralisierte Autorität sind h ö ch - si e n s unter ganz außerordentlichen, nachhaltig fas- jinierenben Verhältnissen zu erzielen und zu erhalten.

Die wirtschaftlichen Kämpfe, bie mittels ber Streik- ober Ausspermngswaffen in größerem ober kleinerem Umfange zum Austrage kommen, haben lei­het nur zu viel Aehnlichkeit mit dem wicklichen Kriege, den die Staaten leidet noch gelegentlich mit- nnander führen Es würde weder politische, noch Wirtschaftliche Kriege geben, wenn die Beteiligten vor dem Kampfe so klug wären, wie nach dem Kampfe. Der Krieg ist eine mit schweren Schäden verbundene Kraftprobe. All' diese Schäden lie­ßen sich vermeiden, wenn man rechtzeitig von der eigenen Kraft und Leistungsfähigkeit sowie von der Widerstandsfähigkeit des Gegners sich ein richtiges Bild machte. Selbstüberschätzung und Un­terschätzung ber entgegenstehenben Kräfte führen zu leichtsinnigen Unternehmungen, die in schmerzlichen Niederlagen enden. Darum muß trotz aller Ver­lockungen ber Eitelkeit und ber Habgier immer das Moltkesche Wort beachtet werden: Erst wägen, bann wagen!

An dem richtigen Abwägen des Könnens und Nichtkönnens fehlt es bei der modernen Arbeiterbe­wegung überall da, wo die Sozialdemokratie und ihre Phrasen von der „internationalen Soli­darität« ?c. den Ausschlag geben. Wie wenig auf bie Hilfe des Auslandes zu bauen ist, haben die Schweden soeben wieder erfahren. Obschon dort bie Streiken­den nur auf 300 000 stiegen unb bie gesamte in Be­tracht kommende Arbeiterschaft nur eine halbe Mil­lion betrug, war doch ber Kriegszuschuß vom Aus­lande gänzlich ungenügend. Man darf nicht auf schöne Worte ober Glücksziifälle vertrauen, sondern muß ganz nüchtern, mit der größten Vorsicht die realen Verhältnisse ab schätzen.

Die Warnung vor trügerischen Berechnungen und geschwollenen Hoffnungen gilt natürlich für kanchf- luftigc Arbeitgeber ebenso wie für kühne Ar­beiter. Sie gilt auch für Versuche ber Preistrei­berei, die durch Gruppen von Gewerbetreibenden (Ringe usw.) oder durch einzelne unternommen wer­ben. Wenn man sieht, wie rücksichtslos von manchen

Deutsches Reich.

** Berlin, 25. August 1909. Der ,Reichs- anzeiger' veröffentlicht eine Bekanntmachung betr. den Schutz von Erfindungen, Mustern und Warenzeichen auf der deutschen Brauerei-Aus­stellung in München 1909, wonach der durch das Gesetz rom 18. März 1904 vorgesehene Schutz von Erfindungen, Mustern und Warenzeichen für die Ausstellung eintritt. — Im Sitzungssaale des Reichsschatzamtes findet morgen eine vom Staatssekretär Wermuth einberufene Konferenz von Fachleuten der Spiritusindustrie statt. Die Konferenz soll über die Wünsche der In­dustrie fich äußern mit Hinblick auf die bevor­stehende Beschlußfassung des Bundesrates über die Aussührungsbestimmungen zum Branntwein- fleuergefehe.

-T- Der Kaiser nahm am Mittwoch auf Schloß Wilhelmshöhe den Vortrag des Chefs des Zivilkabinetts entgegen.

4- Der. neue Reichskanzler und die Polen­politik. In Kulm wurde dieser Tage ein Bis­marckturm eingeweiht. Auf das Begrüßungs­telegramm an den Reichskanzler ging folgende Antwort ein: „Für die telegraphischen Grüße vom Kulmer Bismarckturm danke ich Ihnen und allen Festteilnehmern aufrichtig. Das Deutschtum in unseren Ostmarken zu erhalten und zu stärken, bleibt mir eine Aufgabe, an deren Erfüllung ge­treu den Traditionen des großen Staatsmannes, dem fie soeben ein Denkmal geweiht haben, ohne Wanken fortgearbeitet werden wird. Bethmann- Hollweg."

O Polnisches vom Katholikentage. Auf da? Gesuch, für Versammlungen des Katho­likentages den Mitgebrauch der polni- schen Sprache zu gestalten, ist dem Vor- sitzenden des Lokalkomitees, Geh. Justizrat Dr. Porsch, wie die ,Schles. Volksztg.' mitteilt, nachstehende Antwort des Regierungspräsidenten zu Breslau zugegangen:

„Breslau, 21. August. Auf den Antrag vom 21. Mai d Js. erwidere ich Euer Hochwohlgeboren ergeben ft, daß ich im vorliegenden Falle bas Vor­handensein ausreichender Grunde für die Abweichung von der in § 12 Absatz 1 des Reichsvereinsgesetzes ge­gebenen Vorschrift, wonach die Verhandlungen in öffentlichen Versammlungen in deutscher Sprache zu führen find, nicht anerkennen kann. Ich bin daher zu meinem Bedauern nicht in der Loge, für eine am 29. d. Mls. nach dem Festzuge der katholischen Arbeiler- und Gesellenvereine zu veranstaltenden Versammlungen den Mitgebrauch der polnischen Sprache zu gestatten, v. Baumbach.«

Diese Entscheidung wird in den weitesten Kreisen des katholischen Volkes schmerzlich be- rühren.

Lächerlicher Humbug. In der gegne­rischen Preffe ist in den letzten Tagen mehrfach behauptet worden, daß die Anwesenheit des

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vrrautw. Redakteur BF W

1.0.: A. wetzlerr

3.fparjel« rvochenbeilagtt Illustrierte Zoimtagrzeiümg

„Erschrecken Sie nicht, Mirra! Mit keinem Blick, mit keinem Wort werde ich Ihnen zu nahe treten; Sie sind für mich ein Heiligtum, vor dem meine Seele sich bewundernd beugt. Aber ich fühle es: auf der ganzen Welt gibt es keinen Menschen, ber mich so voll­kommen versteht, wie Sie, bem ich mich so ganz an- üertrauen, bem ich mein Herz ausschütten möchte.«

Mit keinem Wort hat fie ihn unterbrochen. Da sie noch immer schweigt, faßt ihn eine tiefe Angst. Hot er sie burch seine Worte beleihtgt? Zürnt sie ihm?

„Mirra!« ruft er erregt, ihre beiben Hände er­greifend.

Saust entzieht sie ihm ihre Hände.

„Sie wollten mir sagen,was Ihnen zugestoßen fit, baS Sie so furchtbar erregt«, sagt sie ernst. „Ich höre.«

Sie setzt fich auf eine Marmorbank, bie halb um­wachsen ist von Myrten- unb Lorbeergebüsch, unb labet ihn burch eine Hanbbewegung ein, neben ihr Platz zu nehmen.

Unb er erzählt ihr — alles, alles. Von dem Mo­ment an ,als Teresita ihn anffuchte, um ihm für „ihre Lebensrettung«, wie fie es nannte, zu danken, — bis zu jenem geheimnisvollen Vries unb bem noch geheim­nisvolleren späten Ausgang, über beffen Zweck fie ihrem Manne jebe Auskunft verweigert .

Wie immer, hört Mirra auch biesmal still zu. Die großen Augen fest auf ben Mann gerichtet, ber ihr bie geheimsten Regungen feiner Seele offenbart, die Hände, ihrer Gewohnheit gemäß, leicht verschlungen — so sitzt sie schweigenb ba, voll tiefinnerster Teil­nahme

Er hat seine Erzählung beenbet. Bleich vor Er­regung wartet er auf Mirras Urteil.

„Nun? Unb —« sagt sie leise.

„Sie können noch fragen?« ruft er heftig. „Te­resita scheint ihre eigenen Wege gehen zu wollen. So gehe ich bie meinen. Mehr benn je fühle ich: es war ein Rausch, ber mich zu ihr hinzog. Dieser Rausch ist verflogen. Was übrig blieb? Ernüchterung — nichts weiter.«

Da fühlt er, wie eine Hand sich leise auf feinen Arm legt

„Ddanbo!" ’..

Villa Fortuna nähert — klopfenben Herzens, mit be­flügelten Schritten — schallt ihm schon von weitem heller Kinberjubel entgegen. Inmitten einer Gmpve kleiner Mädchen steht Mirra, wie gewöhnlich in schlich­tes Weiß gekleidet. Rund um sie herum etwa ein Dutzend Schwarzköpfchen. Und alle überschütten fie mit einem bunten Blumenrausch. Ein etwas größe­res Mädchen drückt ihr soeben einen Kranz von Tu­berose ins lockige Goldhaar; zwei kleinere winden Girlanden von Orangenblüten und Immergrün um ihre Schultern: wieder andere befestigen ganze Ta- zetienbüfchel und Myrtenzweige an ihrem weißen Ge­wand.

Mit einem Blick umfaßt der langsam Nähertretmde das holde Bild jugendlichen Frohsinns. Und er ist gekommen, um di; Ruhe dieses lieblichen Sonnenkindes zu stören! Sem Herz krampst sich zusammen. Schon will er wieder gehen. Da bemerkt ihn Mrra.

Sie wehrt den Kindern, die sich an sie hängen wol­len, und eilt auf Orlando zu. Ein Blick In fein er­regtes Gesicht — und sie weiß, es ist etwas Außer­gewöhnliches passiert. Stumm reicht sie ihm die Hand zum Gruß. Nichts fragt sie. Still schreitet sie o.n seiner Seite dem Hause zu, während ihre Finger langsam die Blumen und Girlanden von ihrem Kleide lösen.

„Mrra —« beginnt Orlando endlich, ohne sie an= zusehen, „ich bin tief unglücklich!«

»Ich ivußte es, als ich Sie sah«, erwidert sie leise. „Und die Eltern sind gerade abwesend — droben bi Anacapri __ __"

Er schüttelt den Kopf.

"Eswt's. Nicht zu Ihren Eltern bin ich gekom­men , sondern zu Ihnen, Mirra!«

„Zu — mir?«

.Sie bleibt stehen und sicht ihn groß und verwun- tert an. Ein trübes Lächeln huscht über feine em- Mn Zuge .

Sonnent'euchten.

14] Roman von Erich Friesen.

Als Orlando gegen Mittag sich dem Park

Kautsky aus ber Redaktion aus. Wohl aber war ihm bei seiner Uebersiedelnng nach Deutschland eine fest« Mitarbeiterschaft am »Vorwärts' gegen festes Jahres­gehalt zugesichert. Nach kaum zweijähriger Anwesenheit auf heimischen Boden wurde ihm dieser Vertrag ge­kündigt. Er ist auf den Ertrag seiner Feder finanziell angewiesen, rote der Arbeiter auf den Berkaus seiner Hände. Das von ihm gegründete ,Neue Montagsblatt' wurde von den Berliner „Genossen« boykottiert, während auch die Arbeiter die bürgerlichen Montags­blätter kaufen durften. Die „Dokumente des Sozialis­mus«, .die er herausgab, mußten eingehen, weil der Parteivorstand jeden Zuschuß verweigerte und die Buchhandlung Dietz nicht allein die Unkosten bauernd tragen wollte.«

Mehr aushungern kann man einen Menschen nicht laffen.

— Bon der mecklenburgischen Berfafsungs- reform hört man endlich wieder etwas. Wenigstens wird gemeldet, daß die tont« miffarische depulanschen Verhandlungen über die Verfaffungsreform in Schwerin am Mittwoch wieder ausgenommen worden sind. Ob man diesmal endlich zu einem Resultat kommen wird, steht noch dahin. Das kürzlich gemeldete Vor« gehen des Großherzogs von Meckleburg-Schwerin, der mehrere Millionen zur Deckung der Staatsunkosten freiwillig der Regierung über­weisen ließ, zeigt zur Genüge, daß endlich die Verfaffungssrage gelöst werden muß. .

4- Gegen die politische Tätigkeit des Evangelischen Bundes protestiert die .Kreuz­zeitung'. Der Zentralvorstand hat bekanntlich unter Bezug aus die Mannheimer Generalver» sammlung einen Ausruf erlaßen, worin er u. a. sagt: „Berechnende Herrschsucht einer ultramon­tanen Minderheit will wiederum die bedauer­liche Parteizersplitterung zur politischen Vorherr­schaft ausnutzen. Eine erneute klerikale Minder­heitsherrschast im Mutterlande der Reformation bedeutet den konfessionellen Krieg und die Ge­fährdung der wertvollsten Grundlagen der deutschen Kullur! Gegen diese Gefahr ruft des­halb der Evangelische Bund zu deutsch-prolestan« tischer Abwehr!« Das konservative Hauptorgan bemerkt dagegen: I

„Da haben wir die Entrollung bex Kulturkampffahne! Von ber wollen wir Kons fern atro en nichts wissen. Es ist der Gipset politischer Unklugheit, diese Fahne in dem Moment entfallen zu wollen, in dem das Zentrum gar nichts getan bat, als daß es sich mit den Konservativen in die äußerst undankbare Aufgabe geteilt hat, d« deutschen Regierungen 500 Millionen neuer Steuern zu bewilligen, nachdem der gesamte Liberalismus in schnödem Parteieigennutz das Vaterland in seiner Finanznot und den Fürsten Bülow in seinem vor­eiligen Vertrauen auf die Liberalen schnöde im Stich gelassen hat. Der Evangelische Bund kann doch nicht wohl von irgend jemand verlangen, daß er das törichte unpatriolische Streiken. der Liberalen hätte nachahmen sollen? Da würde ja heute noch das Ausland über unsere Finanznot lachen können.«

Wir bezweifeln, ob diefe recht vernünftige Bemerkung auf die Herren vom Evangelischen Bunde Eindruck machen wird. Was liegt diesen Pcttenlpatrioten, die allerdings immer das große Wort von dem Schutze des Deutschtums und deS deutschen Volkes im Munde führen, an dem Gedeih und Verderb des Reiches, wenn nur ihr« erste und größte Sorge, der Kampf gegen Rom, befriedigt wird!

X Der Versicherungsvertrag. Es darf, wie die ,Post' erfährt, nun als sicher angesehen werden, daß das schon unter dem 30. Mai 1908 erlaßene Gesetz über den Versicherungsvertrag am 1. Januar 1910 in Kraft treten wird. Mit ihm natürlich alle Vorbedingungen und Bestimm

| Ihm ist, als zittere Mirras Stimme. Forschenb 5 blickt er in bas ernste Gesichtchen unb er gewahrt, daß ; bie Wangen schmäler geworben flnb, baß um ben lieb- lidxn Mund ein leiser Zug von Weh lagert. Und plötzlich zuckt die Erkenntnis in seinem Herzen auf, daß auch sie nicht glücklich ist. Und diese bittere Er­kenntnis läßt ihn momentan sein eigenes Weh ver- geffen.

„Mrra! Auch Sie leiben! Vertrauen Sie mir an, was Sie brückt!«

Sie schüttelt ben Kopf.

„Rein, Orlanbo. Mein Leib ist mein Geheimnis. Nur Gott allein kennt es.«

Unb roiebtr sucht sein Blick ben ihren. Doch ihre Liber bleiben gesenkt. Ein schwerer Kampf spiegelt sich in ihren reinen Zügen toicber. So verharren beibe schweigenb — lange--lange---

Dann erhebt fich Mirra.

„Kehren Sie zurück zu Terffita!« sagt sie fest „Sofott! Mt dem nächsten Schiff! Haben Sie die Worte des Priesters vergeßen, der Sie und Teresita am Altar miteinander fürs Leben verband, „bis daß der Tod euch scheidet«?"

„Sie hintergeht mich!« fällt Orlando ein.

„Woher wißen Sie das? Kann es nicht etwas anderes sein, das meine Schwester glaubt Ihnen ver­bergen zu muffen? Teresita liebt Sie! Ich weiß es. Sie aber sind schlecht, Orlando, wenn Sie nicht sofott nach Hause zurückkehren. Wollen Sie die Sünde auf sich laden, Ihr Weib zu verlassen, vielleicht in dem Moment, da sie eine Stütze am notwendigsten braucht? Nein, daS werden Sie nickt tun! Sie wären nicht der, für den ich Sie stets hielt, wenn Sie so handetten. Und ich müßte Sie — verachten!«

Erst leise, mhig, bann einbttnglicher, voll zwin­gender Gewall, fließen bie Wotte von ben Lippen bes sonst so schweigsamen Mädchens. Gleich einer Pro­phetin, mit flammenden Blicken, den Arm gebictettsch erhoben, steht sie vor dem sie anstarrenden Manne. Und diesmal treffen sich ihre Blicke. Jedes von beiden liest klar-in der Seele des anderen. . . Und der Mann beugt stumm daS Haupt vor der Heldengröße dieses Mädchens.