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36. Jahrqang
Fulda, Mittwoch den 25. August 1909
JV3 193.
Gastes
ID.: X Weßlt«;
Ä* w-tzmte!k°e-- .^lluftlierte Sonniagrzeitung«
Deutsches Keich
Die deutsche Kriegsmarine im Jahre 1908 09. Au» dem halbamtlichen Naniieus bringt die „Nordd. Allg Ztg." eine beachtenswerte Zusammenstellung übet die deutsche Kriegsmarine im Jahre 1908 09. Erwähnt zu werden verdient, daß seit dem Inkrafttreten unseres ersten Flottengesehes 500 Millionen Mark weniger für unsere Marine ausgegeben worden sind als für die französische und 2 Milliarden Mark weniger als für die Marine der Vereinigten Staaten. Und doch stehen wir jetzt dersranzösischenFlottemin- bestens gleich, der nordamerikanischen nur wenig nach. Von den für Schissbauten bewilligten Geldmitteln (1908: 171 Millionen, 1909: 219,8 Millionen Mark) fließt der überwiegende Teil der Privatindustrie zu. Erste Raten wurden bewilligt für 3 Linienschiffe, 1 Panzerkreuzer, 2 kleine Kreuzer und 12 Torpedoboote. Vergleichsweise sei erwähnt, daß der diesjährige englische Flottenetat die ersten Raten für 7 Linienschiffe, 1 Panzerkreuzer, 6 geschützte Kreuzer und 20 Torpedoboote (Zerstörer) vorsieht. Die deutschen großen Schiffe werden in 3, die englischen annähernd in zwei Jahren hergestcllt. Einzelheiten über die Schiffe des Etats sind ebensowenig bekannt wie über die in Bau zn gebenden Unterseeboote, dagegen erfahren wir Näheres über die großen Schiffe des Etats 1906, die demnächst unter die Flagge treten werden. Es handelt sich dabei um den Panzerkreuzer „Blücher" und um unsere beiden Dreadnoughts, die Linienschiffe .Nassau" und Westfalen". Hervorzuheben ist bei letzteren die enorme Steigerung an Gefechtskraft im Vergleich zu unseren bisher stärksten Linienschiffen, der „Deuffchland"-Klasse. „Deutschland" trägt vier 28-Zentimeter- und vierzehn 17-Zen-
„Roon" (9500 To., 1903/04), kleine Kreuzer „Berlin", „Lübeck", „Stettin" (3200—3500 To., 1903/07).
)( Der Gesetzentwurf über die Hilfskassen, der bereits 'eit 2 Jahren dem Reichstage zur Beschlußfassung vorgelegen hat, kost nach emei Berliner Korrespondenz dem Parlament nicht mehr zugehen, weil er durch die fommenbe Reichsversicherungsordnnng überflüssig gemacht worden sei. Dies dürste aber wohl kaum zu- treffen. Tenn nur ein kleiner Teil des Hillskaffengesetzes wird auch in der Reichsversicherungs- ordnung behandelt, und vor allem muffen die allgemeinen Verhältnisse der Hiktskassen besonders geregelt werden. Dre Regierung dürste datier das Gewtz dementsprechend umäudern. Ucbrigens ist es bereit’ das zweite Mal, daß der Entwur; für ein Hiksskassenge-etz durch den vorzeitigen Reichslagsschluß nicht zur Verabschiedung gelangt ist. Tenn schon im Jahre 1905 war dem Reichstag ein solcher Entwurf vor gelegt, der in der Kommission durcbberoten und vielfach abgeändert wurde, schließlich aber durch die Reichs- tagsauslömng des nächsten Jahres nicht zur Verabschiedung kam. Der neue Entwurf, der im Mai 1907 vor der ReichSregierung voraelegt wurde und der dann wieder das Schicksal seines Vorgänger- geteilt hat, trug übrigens allen Kom- inissionsbcschlüssen, die zum ersten Entwurf ergangen sind, m weitestem Maste Rechnung.
,x lieber die abtrünnigen Konservanven schreibt cne.Reiormalimtt unteranderem folgendes: „Da sind zuerst die zahlreichen Beamten, Offiziere, Gut-bentzer ttfro., die bisher mit der konservativen Harter gegangen sind, aber ihren geistigen Tagerbedar durch die.Tägliche RuntschaM, die,Post' und andere nationale Blätter befriedigen, die durchaus nicht konservl.no, sondern in Weltanschauungsstagen vollkommen liberal find. Daß diese tägliche Lektüre ab- tärbt, iit eine bekannte Talfache. Alle diese Zeilungen haben aber beider Reichssinanziesorm aufs entschlossenste gegen die Konfervativen Stellung genommen. Da find ferner die Pastoren, die unter dem Einfluß des täglichen Kleinkrieges mit der katholischen Kirche
0 Die Gründe für die Ablehnung j der Erbansallsteuer.
Es ist bekannt, daß einzelne Zenkumsabgeord- nete der Ausdehnung der Erbschastsbesteummg auf die Erbanfälle an Kinder und Eh-gat- ten nicht im Prinzip ablehnend gegenubeytehen. Aber wenn man dies betont so muß auch glelchzni'g festgestellt werden, in welcher Form von diesen Herren die Besteuerung des Erbanfalls ^ Gatten und Kinder befürwortet totrb. Al- un 1906 d-r Aba S p e ck für diese Steuer emgetrereu ist, hat er als Objekt derselben die Erbanfälle über 100 000 Mk. genannt. Etwas ganz anderes abe'- wollte die Erbansallsteuervorlage der verbündeten Neuerungen, sie setzte die untere Steuergrenze herab auf Erbanfälle im Betrage von 10000 Mk. bei einem Gesamtwert des ganzen Nachlasses von 20 000 Mack Es ist nicht zu bestreiten, daß diese Steuer a u q d e n Mittelstand getroffen haben würde, wahrend doch der Grundgedanke der geforderten Besitzbesteuerung dahin geht, den Mittelstand und die ärmeren Volksklassen von der Besteuerung frei zu lassen. _ Wo in Zentramskrelsen die allgemeine Erbschaftssteuer befürwortet wird, da geschieht es vornehmlich aus der Erwägung, daß sie eine Kontrolle der Einkommen- und Vermögenssteuern gewähren soll. Insbesondere der Abg. Dr. Heim vertritt die Nachlatzsteuer aus dieser Erwägung, wie er im Reichstage am 24. Juni ausführlich dargelegt hat. Zugleich aber hat er damals betont, daß der .Wechselbalg von Erbschaftssteuer, den die Regierung uns vorgelegt habe", mit der von ihm gewünschten Rachlatzsteuer nicht das mindeste zu tun hat Mit der Erbanfallsteuervorlage der Verbündeten Regierungen konnten auch die Zentrumsabgeordneten die an sich eine allgemeine Erbschaftssteuer nicht unbedingt verweffen, sich nicht befteun- den. Sie tonnten dies umsoweniger, als die Vorlage der Forderung yleichmätziger Belastung aller Arten des Besitzes nicht im geringsten Rechnung trug. Die Erbansallsteuer würde das mobile Kapital im Gegensatz z« dem landwirtschaftlichen und gewerblichen Kapital erheblich stärker belastet haben, da das mobile Kapital in der Lage war, sich der Besteuerung zu entziehen, und zwar nicht nur durch die bei mobilen Werten allgemein vorhandene Möglichkeit der Steuerhinterziehung, sondern auch auf gesetzlichem Wege, während das landwirffchaftliche und gewerbliche Kapital sich der Besteuerung nicht entziehen kann. Wirk- Ifame Vorschriften gegen die Steuerhinterziehung des mobilen Kapitals enthielt die Vorlage der verbündeten Regierungen nicht. . . Die Erbanfallsteuervorlage war damit einfach unannehmbar.
Man könnte nun sagen, cs hätte der Versuch gemacht werden muffen, solche Kautelen in das Gesetz hineinzubringen. Es ist fraglich, ob diese Bemühungen von Erfolg begleitet gewesen wären. Wenn das Zentrum von diesem Versuche abgesehen hat, so ist dies deshalb geschehen, weil die Fraktion einmütig der Meinung gewesen ist, daß in dem gegenwärtigen Augenblicke die allgemeine Erbschaftssteuer nicht diegerechtesteFormder Besitzbesteuerung darstellt. Es ist nämlich nicht zu leugnen, daß die gegenwärtige Art der Besitzbesteuenmg im ganzen betrachtet ungerecht ist. weil sie nicht die verschiedenen Arten des Besitzes gleichmäßig trifft. Das gegenwärtig bestehende System der Vesitzbesteuemng bevorzugt das mobile Kapital ganz erheblich gegenüber dem landwirtschaftlichen und gewerblichen Kapital.
Einige Zahlen mögen dies ganz kurz beleuchten. Man hat für die Stadt Essen die steuerliche Belastung verschiedener Personen mit einem Einkommen von 100 000 Mark seftgestellt. Ein Rentner, mit diesem Einkommen bezahlt an Steuern insgesaint 15 900 Mark, also etwa 16 Proz, während ein Fabrikant mit demselben Einkommen nicht weniger als 22 200 Mark,
timeter-Geschutze, .Nassau" nicht weniger als zwAs 28-Zentimeter-Geschütze, obwohl das Deplacement nun von 13200 auf 18 500 Tonnen echoht worden ist Die Aufstellung von 12 schweren Geschützen tu 6 Türmen ist dadurch ermöchtcht worden.daß der Schiffskörper gegenüber der .Deutschland -Klasse von 121 5 Meter auf 137,7 Meter verlängert worden, was besonders zu beachten ist, von 22,2 auf 27,1 Meter verbreitert worden ist, während der Tiefgang nur von 7 7 auf 8,1 Meter zunimmt. Hierdurch find ine neuen Schiffe allerdings zu breit für den Kaffer Wilhelm-Kanal und seine Schleusen geworden und blechen daher bis zum beendeten Umbau dieser Anlagen im wesentlichen auf die Nordsee angewiesen. Rach Eintritt der „Nasimi" und „Wefffalen" in die Hochseeflotte, also in diesem Winter, wird die gründ,atz- liche Teilung unterer Mannschaften nach Geschwadern und Stationen eingeführt, betört, daß das 1. Geschwader Wilhelmshaven, das 2. Geschwader Kiel als.Station zugewiesen erhält. Im Winter wird sich bte Hochseeflotte voraussichtlich wie folgt zusammensehen: 1 Geschwader, 8 Linienschiffe: „Nassau", „Westfalen" (18 500 Tonnen, Stapellauf 1908), .Hannover", Schlesien (13 200 To., 1905/06), „Wittelsbach", „Zähringen". „Mecklenburg", „Wettin" (11800 To., 1900 01 2. Geschwader, 8 Linienschiffe: „Deutschland" (zugl. Flottenflaggschiff). „Preußen", „Schleswig-Holstein", „Hessen", „Elsaß", „Braunschweig", .Lothringen", „Pommern" (sämtlich 13 200 To., Sia- pellanf 1902/06). Aufllätunasfchiffe, 4 Panzerkreuzer, 6 kleine Kreuzer; 1. Gruppe: Panzerkreuzer „Blücher" (Flaggschiff, 15 500 To., 1908), „Gneife- nan" (11600 To.. 1906); kleine Kreuzer „Danzig", „Königsberg", „Dresden" (3200—3600 To., 1905— 1907). — 2. Gruppe: Panzerkreuzer „Aorck" und
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Betantw. Red altem
cito 222 Proz. feines Einkommens an Steuern ab- führen mutz. Daß dies eine krasse Ungerechtigkeit bedeutet bedarf wohl keiner näheren Ausführung. Ms es sich nun jetzt im Reiche darum handelte, eine Besteuerung des Besitzes herbeizuführen, bot sich Gelegen- beti dieser Ungerechtigkeit entgegenzuwirren. Dies konnte dadurch geschehen, daß die bisher bevorzugten Arien des Besitzes mit einer besonderen Steuer belastet wurden. Aus dieser Erwägung heraus hat das Zentrum sich entschlossen, von der allgemeinen Erb- schastssteuer abzufehen und eine Besteuerung des mobilen Kapitals zu befürworten. Dres sollte geschehen zunächst durch die Kotierungssteuer, deren Ertrag auf 80 Millionen berechnet war. Da die verbündeten Regierungen leider dieser zweifellos besten Form der Heranziehung des mobilen Kapitals ihr Unannehmbar entgegensetzten, hat man auf andere Steuerarten zu- riidgegriffen und in der Talonfteuer und der Erhöhung der Stempelabgabe auf Wertpapiere eine Besteue- nmg mit insgesamt 50 Millionen eingeführt. Dieser Regelung der Besitzsteueffrage hat die Zentrumsfraktion — uui) zwar ohne Fraktionszwang — einmütig zngestimmt, und auch die Freunde der allgemeinen Erb- kchaftssteuer in der Fraktion haben dieser Regelung der Besitzbesteuerung vor der Erbschaftssteuer, deren schwere Unzuträglichkeiten, die oft genug hervorgehoben worden sind, sie im übrigen auch nicht verkannten, den Vorzug gegeben. Es darf diesbezüglich auf die Ausführungen des Abg. Dr. Heim, im Reich-mge vom 24. Juni und des Abg. Gröber in der württembergi- schen Zweiten Kammer vom 6. August verwiesen toet* den
Es braucht nicht erwähnt zu werden, daß die Mehrheit der Zentmmssraktion der Besteuerung des Gatten- und Kindeserbes im Prinzip ablehnend gegen- überiteht, dies tft genügend bekannt. Aber auch die Freunde dieser Steuer halten dafür, daß sie erst dann praktische Gestalt gewinnen darf, wenn im übrigen eine gerechte Besitzbesteuerung durchgeftihrt ist. Solange dies nicht der Fall ist, wird das Zentrum einmütig seine Bestrebungen auf die Beseitigung der steuerlichen Bevorzugung des mobilen Kapitals zu richten hoben
und unter der ständigen Bearbeitung seitens des Evangelischen Bundes sich den Blick für die wirkliche Lage der Dinge üt der Reichsfinanzreform Haden trüben lassen. Das Schlagwort „Zentrumsherr- ehast", das von Seiten des Liberalismus mit besonderem Geschick verwertet wird, fiM hier einen groben Einfluß. Da find ferner persönliche Berehrer des Fürsten Bülow, die daran zweifeln, ob für ihn ein geeigneter Nach- olger gefunden werden könne und das Ergebnis deS Widerstandes gegen seine Politik den Verlust auswiege, den das deutsche Reich mit dem Abgänge seines Kmiffers erleide. Da find endlich Christlich-Konservative, die sich unbewußt noch immer von den Vorstellungen einer politische» Vergangenheit bestimmen lassen. Sie vergessen, daß heute nicht mehr die Regterung allein, die der Monarch ernennt, für die Politik des Landes verantwortlich ist, sondern ebenso die Volksvertretung. Die 'Autorität der Regierung scheint ihnen verletzt, wen» man chr unerschütterlich Widerstand leistet. Bei den Liberalen läßt man sich die Opposition gefallen. Den Konservativen rechnet man sie als Sünde an, weil die das Christentum auf ihre Fahne geschrieben Haden. Mit diesem aber vertragt sich nach vieler Meinung eine hartnäckige Opposition nicht."
Diese Kennzeichnung ist richtig. Es ist aber zu beachten, daß die hier genannten Kreise itt den Reihen der konservativen Parteien ein nicht unerhebliches Kontingent darstellen und auch in manchen Greifen die Haltung der Parteien maßgebend beeinflußt haben. Mit dieser Tatsache hat nicht allein die konservative Partei, sondern haben auch die anderen Parteien zu rechnen. Auch wir im Zentrum müssen die Wirksamkeit der verschieden oben gekennzeichneten Richtungen wohl berücksichtigen. Insbesondere ist zu beachten, daß. der unter dem Einfluß des Evangelischen Bundes stehend« Teil der konservativen Wählerschaft daS Verhalten der Partei gegenüber dem Zentrum und den Forderungen des katholischen Volksteiles maßgebend mitbeflimmt.
Eine neue Absage an den Hansabuno. Die Handelsvereine an der Unterelbe, und zwar die Vereine des Kreises Hadeln, Keh» dingen und Neuhaus an der Oste hielten kürzlich in Dobrock eine gemeinschaftliche Versammlung ab, m der sie sich auch mit dem Hansabunde beschäftigten. Die Versammlung lehnte einstimmig jede Stellungnahme zum Hansabunde ab, dg nach Ansicht der Versammlung von ihm keine gerechte Wahrnehmung der Jntereffeu des Kein- Handels -u erwarten fei. Wie man sieht, haben Kleinhandel und Gewerbe längst erkannt, daß sie im Hansabunde eigentlich nur als Stimmvieh gelten würden und haben kluger Weise den Sirenenlönen der Herren Finanziers kein Gehör geschenkt.
* Rückgang der Sozialdemokratie. In allen Landlsteilkn unseres deutschen Vaterlandes sammekt zurzeit die Sozialdemokratie all ihre Schäslein auf den verschiedenen Tagungen. AuS den Berichten über den Stand der Mitglieder klingt dann immer die Klage heraus: Wieder soviele Abtrünnige. So büßten die Genoffen in diesem Jahre im Kreise Westpriegnitz über 100, im RreVe Duisburg über 2000 und im Kreise Solingen über *300 Mitglieder ein. Ebenso ging die Zahl der organisierten Genoffen un Kreise Ruppin-Templin und Bremen zurück. Der sozialdemokratische Verein zu Bremen schloß mit einem Defizit von über 3000 Marr ab. Das find sonst gute „Fangorte" für die Sozialdemokratie gewesen. Und wie in oben* genannten Orten finden wir auch sonst vielfach das gleiche Bild. — Vernünftige Arbeiter sehen immer mehr ein, daß Bebels Prophezeihungen vom Zukunftsstaat Utopien find, und kehren den
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SonnenLeuchten.
13] Roman von Erich Friesen.
Mit bebenden Fingern öffnet Teresita den Brief, welcher die gleiche Handschrift, wie der gestrige, tragt
Und wieder lieft sie, ganz wie geilem, in größter Erregung. Und plötzlich packt Teresita ein grenzenloser Abscheu: Abscheu vor dem elenden Menschen, der sie mit solchen Briefen zu verfolgen wagt — Abscheu vor sich selbst. Aufschreien möchte sie vor verzweiflungsvollem Weh! . . . Nur mit Aufbietung all ihrer Kräfte beherrscht sie sich.
„ES ist gut", wendet sie sich mtt scheinbarer Ruhe at den Burschen. „Ich werde schreiben."
Doch Beppo schüttelt den Kopf.
„Nein, ich muß die Antwort gleich mttbringen, Signora."
Noch einige Augenblicke überlegt Teresita. Dann lagt sie hastig, während ihr Körper wie im Fieber- frost zusammenschaueri: .
„Ich werde kommen."
Abenddämmemng senkt sich herab. Müde, hungrig kehrt Orlando vom Rennplatz zurück. Teresita ist nicht zu Haufe.
„Die Signora ist vor ein paar Stunden ausge- gar.gen", meldet die Zofe.
„Gegangen?" wiederholt Orlando befremdet.
„Nicht gefahren?"
„Nein, Signore. Gegangen."
„Allein?"
„Ja, Signore. Allein."
„Hat sie etwas hinterlassen?"
1 „Rein, Signore. Aber —"
Die Zofe stockt. -
„Nun? Aber —"
„Die Signora war sehr aufgeregt. Ich fragte sie, ob ich sie nicht begleiten solle. Aber sie lehnte e8 ab."
Orlando blickt daS Mädchen scharf au. Ihm
scheint, als wisse es mehr, wolle sedoch nicht recht mit der Sprache heraus.
„Ist etwas Besonderes während meiner Abwesenheit vorgffallen. Elisa?" forscht er „War vielleicht jemand hier?"
Verlegen zupft die Zofe an ihrer Schürze.
„Ja, Signori, stammelt sie.
„Wer?"
„Der — der Bursche von gestern!
„Welcher Bursche?"
„Der gestern den Brief brachte!"
„Was für einen Brief?"
„Ich weiß nicht, Signor. Er wollte gestern schon Antwort haben. Die Signora schickte chn aber weg."
Orlando denkt einige Augenblicke nach. Es widerstrebt ihm, die Zofe nach den Geheimnissen ihrer Herrin auszufragen. Aber er kennt Teresttas Unbesonnenheit, ihr impulsives, kopfloses Handeln. Vielleicht steht sie im Begriff, eine Unvorsichtigkeit zu begehen, vor der er fie noch rechtzeitig bewahren kann.
„Was wollte der Bursche heute von meiner Frau?" forscht er deshalb weiter.
„Ich weiß nicht, Signore. Die Signora schickte mich aus dem Zimmer, bevor fie mtt dem Burschen sprach."
„Und dann?"
„Dann ging der Bursche wieder fori. Und eine halbe Stunde danach auch die Signora."
„Es ist gut, EÜsa. Sie können gehen."
Mtt einem tiefen Knix verschwindet das Mädchen.
-Oriando ist aufs tieffte beunruhigt. Er vermag sich nicht vorzustellen, waS Teresita bewegen kann, dis spät abends fortzubleiben, ohne etwas für ihn zu hinterlassen. Er begibt sich in fein Arbeitszimmer, um ihre Rückkehr zu erwarten. Und je fpater es wird, umso merkwürdiger erscheint ihm die ganze Sache. Die gestrige, so ganz unbegründete Aufregung feiner Frau fällt ihm wieder ein und ihr abweisendes Verhalten bei feinen teilnehmenden Fragen.
Und ein heftiger Zom beginnt in ihm auszusteigen. Er mißtraut seiner Frau nicht — gewiß nicht. Aber weshalb hat fie ihn geftern nichts gesagt von jenem geheimnisvollen Brief, der fie so furchtbar erregt zu
haben scheint? Ist nickt gegenseittges Vertrauen eine der ersten Hanptbedingungen einer jeden Ehe? So grübelt und grübelt er und gibt sich allen möglichen Vermutungen hin. . .
Da endlich — gegen 9 Uhr — kehrt Teresita zurück. Ihre Wangen sind heiß gerötet, wie im Fieber.
Orlando geht ihr entgegen und sieht ihr scharf in das verlegen gesenkte Gesicht.
„Teresita, wo warst Du?"
Sie lacht — ein seltsam hohles Lachen.
„Fragt man feine Frau in einem solchen Tone aus?" versucht fie zu spotten, während in ihren Augen unveckennbare Angst zittert. „Ich habe Einkäufe gemacht !"
„So —?"
Er wartet einige Sekunden, während welcher Te- restta nervös Hut und Umhang ablegt, bevor er, sich zur Ruhe zwingend und jedes Wort schwer betonend, weiter fragt:
„Und jener Brief?
„Welcher Brief?"
„Den Dir gestern der Bursche brachte?"
Einen Augenblick ist es, als wolle fie zufammen- brechen. Dann erwidert sie leichthin, indem sie Hut und Mantel ergreift und sich zum Verlassen des Zimmers anschickt:
„Ach soi Den hatte ich schon ganz vergessen. Mein Herr Gemahl scheint übrigens die Dienstboten auszuftageni"
Er will aufbrausen. Doch noch einmal hAt er an sich.
„Teresita —" beginnt et, so ruhig wie es ihm nur möglich ist — „Du weißt, daß ich Dir vollständig vertraue. Aber — ich als Dein Mann habe ein Recht, Trine Schritte zu kontrollieren, um Dich von Unbesonnenheiten zurückzuhalten."
Ein weicher Ausdruck huscht wie Sonnenlächeln über TeresitaS gekannte Züge. Es ist, als wolle sie dem Gatten um den Hals fallen, den Kopf an seine Brust legen und ihm alles gestehen — alles. — Doch nur kurze Zeit. Dann nimmt ihr Gesicht wieder die alte verstockte Miene an.
„Nun? Bub —* fragte fie abweisend.
„Ich will den Brief lesen, den Dir geftern bei Bursche brachte", erwidert Orlando fest.
„Das ist nicht mehr möglich, mein Lieber l"
„Warum nicht?"
„Ich habe ihn verbrannt."
Gleichviel, zann sage mir, was er enthielt I
Lange schwüle Pause. Nur hörbar die raschen Atemzüge der beiden tieferregten Ehegatten. . .
„Du willst nicht?" fragte Orlando endlich drohend.
„Nein."
Und bocherhobenen Hauptes will Terefita an ihrem Manne vorbeifchreiten zur Tür hinaus. Da entgleitet den Falten ihres Kleides ein Brief und fällt zu Boden. Orlando hebt ihn auf und reicht ihn feiner Frau mit einer spöttischen Verbeugung.
„Ein zwetter Brief, von dem ich nichts weiß. Willst Du mir vielleicht Auskunft über diesen geben?
Sie scheint zu schwanken und zu überlegen. Dann steckt sie den Brief wieder in die Tasche.
„Rein", erwidert sie abermals besttmmt.
„Teresita! ?"
Nur dies eine Wort stößt er hervor; aber in ihm liegt feine ganze Seele. Und nochmals, weicher, eindringlicher:
„Teresita — soll ich Schlechtes von Dir denken?"
„Glaube von mir, waS Du willst!" ruft fie mtt dem Mut der Verzweiflung. „Schlage mich! Verachte mich . . . Aber diesen Brief — nein!"
„Also nicht!"
Orlando ist auf einmal ganz ruhig geworden. Nicht mehr dringt er in sie. Langsam, ohne seine Frau noch eines Blickes zu würdigen, schreitet er durchs Zimmer, der Tür zu. Auf der Schwelle wen- bet er nochmals den Kops.
„Die Folgen Deiner Handlungsweise treffen Dich allein! „Vergiß das nicht!" sagte er mtt harter Stimme. „Leb wohl!"
9.
Zum ersten Male feit feiner Verheiratung verbringt Orlando die Nacht wieder im Klub. Sein erregtes Wesen fällt allen dort auf; aber man ist zari- fühlend genug, ihn nicht durch Fragen zu beläftigen.