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36. Jahrgang.

vulba, Dienstag den 24. August 1909

JV3 1U2.

△ Eine koloniale Neugründnng sollte offenbar di, Papiere der Londoner South African Territorien Comp. wieder in Schwung bringen. Es handelt fitj um die Bildung einer Untergesellschast der genannten Londoner Gesellschaft durch den Rittergutsbesttze! SchlutiuS in Karow-Mecklenburg. Auch Dernburg sollt, mit dieser Untergesellschast in Verbindung stehen. Dock wird jetzt offiziös dies dementiert. Die Beziehunze, des Staatssekretärs zu dem Unternehmen beschränkte» sich nur auf die Entgegennahme einer Mitteilung üba die erfreuliche Gründung der Gesellschaft. Ter Grün­der der neuen Gesellschaft sei dem Staatssekretär pev sönlich unbekannt. Ein Antrag auf Genehmigung bei Uebertragung der Rechte der'Territories Limited iiu! die neue Gesellschaft ist bisher bei dem Reichskolonial amt nicht gestellt. Die Frage der Zulässigkeit wird bei Prüfung durch die ReichLjustizbehörde unterliegen uni die Uebertragung, soweit das Reichskolonialamt zu­ständig ist, jedenfalls nur bann genehmigt werden, wenn durch diese die Jntereffen des Schutzgebietes uni des Publikums in ausreichendem Maße gesichert ev scheinend

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Verontw. Redakteur

LI: X D)efeier; z/yarzelle?in^5ul'da McheNbMgr: „Illustrierte §onntag;zektung

aeaen eine höhere Besteuerung der Börse und der reichen Börsenspekulanten gestimmt? Die Sozial­demokraten. Wer hat gegen die Verteuerung der Champagnerweine, des Getränkes der wohlhabenden Schichten und vor allem der reich gewordenen Juden gestimmt? Die Soziald emokr aten. Mögen also die Sozialdemokraten vor ihrer eigenen Tür kehren und nach der nnsrigen nicht fragen."

)( Die Unterftütmng aus dem 4 Millionenfonds, der bekanntlich vom Reichstage für die durch das neue Tabaksteuergeseh in ihrem Erwerb geschädigten Tabak­arbeiter beschlossen worden war, scheint man den be­treffenden Arbeitern nur u u t e r g r o ß e n S ch w i e- rigkeiten gewähren zu wollen. Tas bewefft eine Veröffentlichung des Berliner Polizeipräsidenten, wo­nach die arbeitslos werdenden oder im Verdienst ge­schmälerten Tabakarbeiter den Nachweis führen müs­sen, daß das neue Tabaksteuergesetz den Grund zur Arbeitslosigkeit ober Verdienstschabigung gegeben hat. In sehr vielen Fällen bürste bies nicht so leicht sein; außerdem sind mehrere Vorschriften über den Ausschuß der Unterstützungsberechtiglen ergangen, wonach der Tabakarbeiter keine Unterstützung erhält, wenn er eine ihm auf feinen Unterstützungsantrag angebotene ge­eignete Beschäftigung anderer Art ober an anderer Ar­beitsstelle ohne zureichenden Grund ablehnt. Wenn dazu ein zureichender Grund für die Ablehnung die für die Erlangung bet Arbeit etwa erforderliche Ueber- siedelung des Antragstellers und seiner Familie schon nicht gilt, wenn die durch die Ueberstedelung entstehen­den Kosten vergütet werden, so kann man sich denken, in wieviel anderen Fällen die Polizei alle Chikanen an- wendm wird, um dem brotlos werdenden Arbeiter keine Unterstützung gewähren zu müssen. Da gleich­lautende Bestimmungen auch anderwärts veröffentlicht werden, so scheint ihnen ein von einer Zentralinstanz festgestellter Wortlaut zu Grunde zu liegen. Hoffent­lich entschließt man sich noch in letzter Stunde, die Be- stiinmunaen etwas zu mildern. Sonst könnte sich der Arbeiterschaft eine große Erbitterung bemächtigen, die doch gerade der Unterstützungsfonds verhindern sollte.

)( Eine scharfe Absage an den Hansabnnd erläßt nunmehr der über ganz Deutschland ver- breitete Bund der Handwerker. Die Hand­werker werden gewarnt, ben Lockrufen der Waren­häuser, Großbankiers, Großindustriellen nsw. Folge zu leisten. Der Beitritt des Berliner Jnnungsausschufses zum Hansabunbe könne nur durch Austritt aus dem Bunde gut gemacht werden.

-4- Eine bemerkenswerte Einrichtung hat die Han­delskammer zu Halberstadt eingeführt, indem sie „all­gemeine Ausweiskart en surden Handels­verkehr" ausgibt. Sie übertreffen die seit einigen Jahren von der Reichspost eingestchrten „Postaus­weiskarten" noch ganz bedeutend dadurch, daß sie un­entgeltlich ausgegeben werden und bann auch nicht auf eine bestimmte Zeit lauten, ferner haben sie ge­genüber allen Behörben unb Privatpersonen Gültig­keit. Alle Vorfälle bes Handelsverkehrs werden von diesen Karten ergriffen, sodaß sie ein allgemeines Hilfs­mittel des Kaufmanns int Auslande sind. Natürlich haben nur die Kaufleute von dieser Neuerung einen Nutzen, da andere Personen die Ausweiskarten von der Handelskammer nicht erhalten und benutzen kön­nen. Es'ist nicht daran zu zweifeln, daß die „allge­meinen AuL.oeiskarten" für den Handel unb Verkehr sich äußerst nützlich erweisen werben, unb es steht da­her auch zu erwarten, daß die anderen Handelskam- mem dem Vorgehen der Halberftädter Kammer fol­gen werden.

— Aus dem Neichstagswahlkreis Lands- berg-Soldin wirb gemeldet, baß Freisinnige unb Nationalllberale, die bisher dort einander ziem­lich scharf gegenüberstanben, sich nun für die Ersatzwahl auf den Gutsbesitzer Schöppe als gemeinsamen Kandibaten geeinigt.

Ausland.

* Neber die Ursachen der Entvölkeruntz Frankreichs hatte der ,MatirL unter den nam. basten Gelehrten des In- und Auslandes eint Rundfrage veranstaltet. Aussehen erregt bi« Antwort des bekannten Akademikers Levasseur, Administrator des College de France, denn dieser Gelehrte, der kein klerikaler ist, behauptet einfach und glatt, eine der Hauptursachen der Ent­völkerung sei die Abschwächung des religiösen Gefühls im französischen Volke. Das ist ein schwerer Vorwurf an die Adresse der fran­zösischen Machthaber, die seit einem Jahrzehnt an der Vernichtung des religiösen Sinnes im Volke arbeiten. Freilich suchen sie jetzt auch nach allen Mitteln gegen die Entvölkerung, drastische Mittel sind da schon genannt worden, aber Levasseur sagt über dieselben: „Die Mittel werden in einem patriotischen Empfinden vor­geschlagen. Ich habe keine Zeit und keinen Raum, fie in diesem Artikel zu untersuchen, und ich be- schränke mich darauf, zu sagen, daß wenn auch finanzielle Entlastung kinderreicher Familien gm und gerecht ist, kein einziges der vor­geschlagenen Mittel mir wirksam erscheint, einige erscheinen mir sogar direkt gefährlich. Die Sitten sind in dieser Angelegenheit mächtiger als die Gesetze." Es liegt also an den Sitten, an der Moral des Volkes und hier müßte die Verbefferung einsetzen — das meint Levasseur. Da aber diese Verbesserung nichts anderes be­deuten würde als eine radikale Abkehr von dem bisherigen antireligiösen Regierungssystem, wird man noch recht lange auf dieselbe warten dürfen.

♦ Den französischen KavallerieDivisionsmanöveru, die in Chalvns beginnen, wirb bet englische General French mit mehreren Offizieren seines Stabes bei­wohnen.

* Daß die französische Arbeiterbewegung für die ganze bürgerliche Gesellschaft von Tag zu Tag gefährlicher wird, zeigen die Streik ausschreitungen der Sandgrubenarbeiter von Vigneux am Sonntag, die eine geradezu anarchistische Tat gezeitigt haben; denn einer der großen Bagger fiel einer Explosion zum Opfer, die wahrscheinlich durch Dynamit verursacht worden ist. Der Bagger hob sich au8 dem Wasser und sank dann langsam zurück, um als­bald unter den Fluten zu verschwinden. Die durch die Detonation hervorgerufene Erschütterung

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gehässiger Weise der katholischen Kirche eins an- zuhängen. U. a. meint er:

„Es wäre nicht ohne Bedeutung zu wissen, wie viele Katholiken in demselben Zeitraum aus ihrer Kirche ausgetreten sind, ob also die Austrittsbewegung auch die Katholiken in Mttleidenschaft zieht. Es tft höchst verdächtig, daß man nie etwas davon hört. Der Zehn-Gebote-Hoffmann, der neulich im Hannoverschen Freidenkerbund gesprochen hat, i l ja selber Katholik gewesen, hat seinen Ingrimm gegen bte osfiuelle Kirche im katholischen Religionsunterricht emgesogen und sollte eigentlich seine früheren Glaubensgenossen bei seinen Besreiungsversuchen ganz besonders tm Auge haben. Aber gerade weil er früherer Katholik ist, hat er auch die Unkenntnis und eine fanatische Antipathie gegen die evangelischen Kirchen mit herübergebracht. . . . Ich glaub's ja schon, daß ein Mann wie Hoffmann mit guten Gründen und ans voller Ueberzeugung aus seiner Kirche ausgetreten ist; er hat cber doch immer noch allerlei Antipathien un­verändert mitgebracht... und dazu rechne ich bei einem früheren Katholiken auch die Antipathie gegen die evangelischen Kirchen. Man trifft sogar ,m Leben einstige Katholiken, die der evangelischen Kirche, die ihnen ja nichts getan hat, noch gehässigergegeu- überstehen als ihrer einstigen katholischen. . .,. Endlich wäre es eine dankbare Aufgabe für solche, bte Einblick haben, auch einmal den Spuren der heimlichen wirk­lichen Katholiken (oder bester Ultramontanen) da nach­zugehen, wo man sie gar nicht vermutet, wo man an­nehmen müßte, daß sie eigentlich draußen bleiben müßten. Es ist einem Protestanten ethisch unfaßbar, wie ein Mensch jahrelang einer Gruppe angehört, von der ihn eine Weltanschauung trennt. Aber es ist nun einmal so, daß die jesuittsche Ethik, in der die meisten erzogen sind, für manche Widersprüche des inneren Lebens abstumpfend wirkt.

Sachlich auf dieses Gemisch von Unsinn, Fanatismus und boshafter Verdächtigung einzu- cefeen, versagen wir uns. „Wenn man einen mindern», rtigen Menschen erkennen will, braucht man bekanntlich bloß „Jesuit" zu sagen." Aber wir bedauern auf das entschiedenste, daß durch derartige konfessionelle Hetze ein einmütiges Zu­sammengehen von Katholiken und Evangelischen im Kampfe gegen den gemeinsamen Feind, der das Christentum und die positive Religion in jeder Gestalt bedroht, fast unmöglich gemacht wird. Aber dem Evangelischen Bunde ist er» fa rungsgemäß der Kampf gegen Rom wichtiger als die Rettung des Christentums.

♦ Polen und Sozialdemokraten. Der vor­wärts' hatte kürzlich die Haltung der polni- scheu Fraktion bei der Beratung der Reichs­finanzreform besprochen und die Hoffnung geäußert, es werde infolge der Unzufriedenheit, welche die Abstimmung der Fraktion in der polnisch demokratischen Preffe erregt habe, zu einem offenen Bruche des Verhältnisses zwischen der polnischen Fraktion und den demokratisch gesinnten Schichten der polnischen Vo'.ksgesami- heit kommen. Darauf erwidert der,Dziennik Berlinskst dem sozialdemokratischen Zentral­organ, wenn der.Vorwärts^ darauf spekuliere, so baue er auf Sand. Das Blatt deutet bann an, daß ganz andere Gründe der Solidarität für die polnische Fraktion vorlägen und fährt dann, sich andieSoziald emokraten speziell richtend fort:

„Der Streit, welcher in der öffentlichen Meinung infolge des in den Augen vieler kritisch sehender Leute falschen Standpunktes der gegenwärtigen Mehrheit der Fraktion in der Finanzreformfrage tobt, ist ein häus­lich er Streit, den wir allein unter uns erledigen werden, andere aber mögen sich darin nicht mischen. 9m allerwenigsten die Sozialdemokraten, die in Sachen der Reichsfinanzreform selber viel Sünden auf dem Gewissen haben. Wer ver­suchte in der zwei»en Lesung der Erbschaftssteuer Bülow zu retten? Die Sozialdemokraten. Wer hat

Deutsches Reich.

= „Liberal". Als vor einiger Zeit die konservative Preffe sich veranlaßt sah, gegenüber der skrupellosen Hetze von liberaler und sozrat- deiuokratischer Seite gegen die neuen Steuern /und die Parteien der Steuermehrhett an die ver­bündeten Regierungen die Mahnung zu richten, dieser Hetze entgegenzutreten, da lachten bte Liberalen höhnisch auf unb spotteten über ben konservativen „Hilfeschrei". In ben letzten Tagen nun ist es geschehen, daß in einer Anzahl von Kreisblättern unter der Ueberschrist „Hetze unb , Lügenspiel" eine Korrespondenz veröffentlicht wurde, die den liberalen Hetzern ziemlich gründlich am Zeug flickte, unb es ist in der Presse die Vermutung ausgesprochen worden, daß diese Korrespondenz auf Veranlassung der Regierung verschickt worden sei. Zu unserem größten Staunen müssen mir* sehen, daß die Liberalen Gazetten darob in große Angst geraten sind. Die tugendstolze „Natl. Corr." fordert war den Reichskanzler auf, festzustellen, ob der Artikel wirklich offiziösen Ursprungs sei, und das Irannesmutige „Berliner Tageblatt" meint eben­falls, Herr v. Bethmann-Hollweg solle sich all- mählich wieder von der äußeren zu der stark vernachlässigten inneren Politik zurückfinden unb . sich ein wenig um „seine" Lanbräte kümmern.

Die Herren Liberalen fühlen wohl gar nicht, wie sehr sie sich mit solchen Angstprodukten blamieren.

[j Die Einberufung eines konservativen Parteitags ist in der ,Schles. Ztg/ zur Aus­gleichung der Meinungsverschiedenheiten der kon- Fervativen Reichstagsfraktion in der Frage der Reichsfinanzreform empfohlen. Die ,Krenzztg/ verspricht sich von einem Parteitag im Herbst die allerbeste Wirkung. Sie erklärt, daß der deutsch-konservative Parteitag eigentlich eine längst vorbereitete Sache sei: Vor etwa zwei Jahren beschloß der Delegiertentag, in eine Programm- revision einzutreten; der Elferausschuß wurde beauftragt, einen Entwurf auszuarbeiten und durch Beschlußfassung einen allgemeinen Partei- tag einzuberufen. Der Termin für diesen war bereits festgesetzt, aber die Reichsfinanzreform nahm alle Kräfte in der Partei so sehr in An­spruch, daß die Einberufung vorläufig unterblieb."

** Mangel an katholischen Lehrern im Osten. Um ben sehr großen Mangel an katho­lischen Lehrern, ber in der Provinz Posen nach wie vor herrscht, einigermaßen zu decken, sind von den 27 Schulamtskandidaten des katholischen Seminars in Habelschwerdt in Schlesien nach bestandener Abgangsprüfung 23 dem Regierungs- bezirk Bromberg überwiesen worden. Trotz dieser offenbaren Notlage auf dem Gebiete des katholischen Schulwesens im Osten geht man nur sehr zögernd an dieNeugründung katholischer Seminare. Dafür werden lieber evangelische Lehrerbildungsanstalten, wenn auch deren An- ;ahl hier im Osten das Bedürfnis schon lange übersteigt, neu geschaffen. Das erstere Verfahren gehört nämlich — so bemerkt mit bitterem Sar- kasmus die ,®ermania' — nicht in den Rahmen des Protestantisierungs- — Pardon: Germani- sierungswerkes hierzulande hinein.

* Schnöde Gehässigkeit. In Nr. 15 der Firchl. Gegenwart' finden wir einen Artikel über „allerlei Austritte au8 der Landeskirche", dessen Verfasser es fich nicht versagen kann, in höchst

Doch sie, die sonst jede Zärtlichkeit von feiten ihres Gatten mit Freude entgegennahm, weicht heute scheu vor ihm zurück.

„Laß mich, Orlando! Ich habe Kopfwehl Laß mitUnb dabei bleibt sie — trotz seiner eindringlichen Ermahnungen, ihm zu sagen, was sie quäle. Denn daß nicht Kopfweh die Ursache der seltsamen Ver­änderung in Teresitas Wesen ist, erscheint ihm sicher. Schließlich gibt et ihren dringenden Bitten nach und läßt sie allein.

Doch Teresita begibt sich nicht zur Ruhe, wie sie vorgab. Mtt unruhigen Schritten geht sie ttn Zim­mer auf und ab

Soviel sie auch versucht, sich über jenen anonymen Brief hinwegzufetzen — es will ihr nicht gelingen. Immer wieder zermartert sie ihr Him. Wer kann nur ber erbärmliche anonyme Briefschreiber fein? . . Weiß er wirklich etwas? . . Oder ist das ganze nur eine Drohung? . . . Oder ein schlechter Scherz? . . . Und was bezweckt er damit? . . . Einen Augenblick fährt es ihr durch den Kopf. Orlando von dem Bries Mit­teilung zu machen. Doch sofort verwirft sie wieder diesen Gedanken. Nein, nein! Lieber alles ertragen! Nur das nicht!

Endlich schläft sie ein — ben Schlaf tiefster Er­schöpfung. Doch wiederholt vernimmt Oriando in der Nacht von ihrem Lager her leises Stößen, als würde sie von schweren Träumen gequält. Am nächsten Morgen ist sie etwas ruhiger.

Heute, bei hellem Tageslicht, erscheint chr die gange Sache wie ein Spuk ihrer erregten Einbildungs­kraft. Und als Orlando sich besorgt nach ihrem Be­finden erkundigt, beruhigt sie ihn mit lachendem Munde. Es fei nichts, rem gar nichts gewesen. Nur die Nerven. Nichts Wetter. . . 6

Am Nachmittag läßt Orlando seinen Fuchs satteln, um sich wieder nach dem Rennplatz zu begeben. Tere- fita steht am Fenster und blickt ihm nach mit den Augen der liebenden Frau. Me stolz er zu Pferde sitzt! Me kühn sein dunkles Auge flammt! Wie deutlich fich seine kräftige Gestalt in dem hellen Spori-

Teresita beginnt zu lesen; erst gleichgültig . . . bann erregter. . . . Starrer werden ihre Augen, blei­cher ihre Wangen . . . Das Billet entfäöt ihren zit­ternden Händen.

»Signora —' wagt die Zofe, ängstlich geworden durch das eigentümliche Benehmen ihrer Herrin, schüchtern zu bemecken — „was soll ich dem Bur­schen sagen?"

Eine stumme Geste ihrer Gebieterin scheucht fie aus dem Zimmer.

Mit einem Seufzer, ber wie ein Stöhnen klingt, hebt Teresita den Brief vom Boben auf und liest ihn zum zweiten-, zum drittenmal. . .

„Allmächtiger Gott!" entringt es sich ihren zucken­den Lippen. „Ist es denn möglich?"

Alles toirbelt in ihrem Kopf durcheinander. Kein klarer Gedanke. Nur Angst, Todesangst vor einem sie veffolgenden Gespenst. Endlich rafft sie sich auf.

„Den Wisch beachte ich nicht — das ist das beste!" zuckt es blitzschnell durch ihr Hirn.

Noch einmal überfliegt sie die paar Zeilen:

„Signora! Ich kenne den Mörder Ihres ver­storbenen Gatten. Wollen Sie näheres über den­selben erfahren, so teilen Sie meinem Boten mit, wo u. wann Sie mich zu sprechen wünschen. R. T." In fieberhafter Hast nimmt sie ein Streichholz unb verbrennt ben Brief.

„So! Abgetan!" seufzt sie erleichtert auf.

Doch kann sie nicht verhindern ,daß ihre Hände ziitem und ihr Herz laut pocht. —

Als gegen Abend Orlando vom Rennplatz zuriick- kehrt, hat sich seine Frau bereits in ihr Zimmer zu­rückgezogen. Erst auf fein wiederholtes Klopfen öff­net sie. Erschrocken fährt et zurück. Wie hat sich Teresita seit heute mittag verändert! Aus ihren sonst so beweglichen Zügen liegt eine beängstigende Starre. Die Augen find unnatürlich groß unb von dunklen Rändern umgeben, die Lippen bleich und schmerz- verzerrt.

„Teresita! Was ist Dir? Bist Du krank?" tust er erschrocken unb will den Atm um sie schlinge«.

Sonnenl'euchten.

12] Roman von Erich Friesen.

„Das erste unb hoffentlich das letztemal, daß ich Dich in meinem Hause sehe!" murmelt er sttrnrun- gclnd. „Werde ben Menschen besonders von Teresita fernzuhalten suchen. Diese Sorte paßt nicht zu uns!"

Er hält eS gar nicht für nötig, feiner Frau von dem Besuch des Grafen Mitteilung zu machen. In heiterster Laune nimmt er mit Teresita das Mittag­essen ein und begibt sich dann auf den Rennplatz, um Perhand Vorbereitungen wegen des demnächstigen Wettrennens zu treffen.

Teresita fühlt sich heute besonders newös. Ein schweres Gewitter hängt in ber Luft und ihre reizbare Matur litt von jeher unter der depreffionierenden Wir- ikung ber Gewitteratmosphäre. Seit jener schrecklichen Nacht in der Villa Fortuna jedoch übeffällt sie stets eine geradezu krankhafte Furcht vor jedem Donner- ischlag. Zudem ist Teresita jetzt ost allein — eine ungewohnte Beschäftigung für ihren unruhigen Geist. < Die sie quälende Erinnerung, die sie in Orlandos Nähe geschickt zu bannen weiß, kehrt dann mit er- iiteuter Kraft zurück. So auch heute. Sie zerbricht -sich fast den Kopf, womit sie sich beschäftigen soll, um ber unerträglichen Gemütsdepression Herr zu werden. Sie könnte musizieren, könnte lesen oder ausfahren! '■>.. Aber wie langweilig ist das alles! Wie langweilig!

Noch überlegte sie, wie sie die Zett bis zur Rück- .kehr ihres Gatten toischlagen soll. . . Da tritt ihre fZofe mit einem Brief ins Zimmer.

. „Ein rothaariger Mensch Hai ihn gebracht, Sig- <ju>ra. Es wäre sehr eilig."

t Teresita betrachtet die Handschrift. Sie ist ihr '««bekannt.

»Es fft gut, Elise, Du kannst gehen."

„Der Bursche wartet auf Antwort, Signora!" „So — ?"

< Vemmndert reißt Teresita das Kuvert auf. Aus Miem halben Bogen nur wenige Zeilen.

kostüm von dem tiefblauen Himmel abhebt! Lächelnd winkt sie ihm einen Abschiedsgruß zu, ben er freund­lich erwidert. Dann entschwindet er ihren Blicken.

Schon will sie vom Fenster fortgehen. Da bemerk! sie einen Burschen draußen am Gartentore, der augen­scheinlich das Foriretten ihres Gatten abgewartet hat. Sie steht, wie er nochmals vorsichtig nach links und rechts spät, ob auch niemand ihn bemerke, darauf das Tor öffnet unb in ben Garten eintritt.

Ein unbehagliches Gefühl beschleicht Terestta. Was will der Bursche hier? Sein Aeußeres ist alles andere als vertrauenerweckend. Die reine Spitzbuben-Ge- sichtsmuskel. Jetzt draußen vor der Haustür lebhaf­ter Wortwechsel. Augenscheinlich will der Portier den Burschen nicht hereinlaffen. Lautes Hin und Her.

Bis plötzlich Teresitas Zofe eintritt und erregt meldet:

„Der Bursche von gestern fft wieder da, Signora. Er läßt fich nicht abweisen. Er will durchaus die Signora selbst sprechen."

Teresita zaudert . . . Wenn der Bursche aufs neue einen Brief brächte? Desselben Inhalts, wie der gestrige? Nur vielleicht dringender, drohender? • -

Und weiter überlegte sie. . . Ihn abweisen. . . Muß fie nicht fürchten, daß er morgen wiederkommt? Vielleicht gar zu einer Zeit, da ihr Gatte zu Hause ist? . . . Großer Gott, was tun? Was tun?! Noch immer steht die Zofe wartend an ber Tür.

„Laß den Burschen eintreten, Elisa!"

Gleich darauf draußen plumpe Schritte. Dir Zofe öffnet die Tür. Ein rothaariger Mensch von auffallender Häßlichkeit tritt ein.

„Wer find Sie?" herrscht Teresita ihn an.

„Ich heiße Beppo, Signora."

„Wer schickt Sie her?"

Der Bursche grinst, antwortet jedoch nicht.

„Was wollen Sie von mir?"

„Ich soll den Brief hier abgeben."

Und mit listigem Augenblinzeln zieht er ein Ku­vert aus der Tasche seines grauen Leinwandkittels.

„Gebe« Sie her!"

(Fortsetzung folgt)