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JV8 185.

Fulda, Montag den 16. August 1909.

36. Jahrgang.

Erstes McrtL.

+ Nationalliberale Wahrheitsliebe.

Das Zentralbureau der nationalliberalen Par­tei hat eine Broschüre „Die nationalliberale Par­tei und die Reichsfinanzreform 1909" herausge- neben, die in der liberalen Presse als parteilose, aktenmätzige Darlegung der Finanzreformkampfe ausposaunt wird. „

Eine solche Schrift ist ja sehr erwünscht, sehen wir sie uns also einmal etwas näher an. Leider bringen schon die ersten Seiten eine Enttäuschung. Weshalb wird da verschwiegen, daß die 1906 be­schlossene Schuldentilgung unter vorzüg­licher Mitwirkung gerade der nationalliberalen Partei außer Kraft gesetzt wurde? Run frei- lich, dadurch wird die Mitschuld der National­liberalen an der Finanzmisere bewiesen; darum schweigt man davon lieber. Auch von der unver­antwortlichen Verschleppung der Reform hütet vian sich, ein Sterbenswörtchen zu sagen. Dem Zentrum wird auf Seite 6 vorgeworfen, daß es anfänglich die Notwendigkeit der 500 Millionen Mehreinnahmen bestritten habe, verschwiegen ober, daß dies mit Rücksicht auf die Autorität des früheren Schatzsekretärs Fehrn. von Stengel ge­schaht der 1907 die notwendige Steuersumme auf nur 150 Millionen bezifferte.

Unwahr sind die Behauptungen, daß das Zen- Inhrt sich dtzi ganzen Regierungsvorlage a b l e h. N e n d gegenübergestellt hübe (Seite ß) und daß bas Zentrum sich monatelang mit dem Gedanken des sozialen Ausgleichs durch eine gleichzeitige Heranziehung von Besitz und Massenkon- sum sich nicht habe vertraut machen können. Die Nationalliberalen haben doch ebensowenig wie das Zentrum irgend eine Regierungsvorlage un­besehen hingenommen, und was den Gedanken her Heranziehung des Besitzes anbetrifft, so hat ber Abg. Dr. Spahn bereits am 21. Novenwer ausdrücklich auf den § 6 des Flottengesetzes hin- tzewiesen, an dem bekanntlich das Zentrum nicht 'gong unschuldig ist. Vielleicht informiert sich der Verfasser der Broschüre demnächst einmal über die Bedeutung dieses § 6. Die Ablehnung des Branntweinmonopols durch das Zen­trum geschah „aus politischen fadenscheinigen Mo­tiven" (S. 11). lieber die Fadenscheinigkeit die- ser Motive wollen wir uns nicht in eine Erörte­rung einlassen. Aber hat nicht Dr. Spahn in der ersten Lesung im Plenum daneben auch auf hie schwerwiegenden finanziellen und technischen Bedenken gegen das Monopol aufmerksam ge­macht? Weshalb wird das verschwiegen?

An mehreren Stellen wird dem Zentrum vor- tzeworfen, daß es die mittler. | Brauereien Nicht genügend geschützt habe im Gegensatz zu den Nationalliberalen. Wie liegt die Sache? Der ursprüngliche Zentrumsantrag, der die mittleren Brauereien gegenüber der Regierungsvorlage er­heblich günstiger stellen wollte, wurde von der Blockmehrheit, auch von den Nationalliberalen, abgelehnt. Im Plenum schlugen die National- liberalen eine Staffel vor, welche die Brauereien mit einem Malzverbrauch bis zu 3000 dz. genau so hoch belastete, wie die Regierungsvorlage, da­gegen die größeren, auch die allergrößten Braue­reien erheblich geringer. So sah die Mittelstands- sreundlichkeit der Nationalliberalen in Wahrheit jaus. Aehnlich ist es bei der Darstellung der Ta­baksteuer. Da wird wohlweislich verschwie- tzen, daß in der Subkommistion der nationallibe­rale Abg. Dr. Weber zuerst einen Antrag einge­macht hat, der den Tabak mit nicht weniger als 110 Millionen belasten sollte! Unwahr ist die Behauptung, daß das gesamte Gewerbe die Fak- turenwertbefteuerung als das schlimmste Uebel

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ansehe. Wahr ist, daß dies nur seitens der Groß­produzenten geschah, die die teuersten Zigarren anfertigen. Diese würden bei einer großen Er­höhung des Gewichtszolles natürlich erheblich bes­ser daran gewesen als jetzt. Es ist bezeichnend für die Mittelstandsfreundlichkeit der National- lüberalen, daß ihre Vertreter in der Kommission ihre Information bei Vertretern des Großkapi­tals holten 1

Bei der Darstellung der übrigen Steuern wie­derholt sich immerfort das gleiche Spiel: Ver­drehung und Verheimlichung der Wahrheit zu Gunsten der braven Nationalliberalen, zu Un­gunsten der bösen Konservativen und des nodj schlimmeren Zentrums. Nur eine Ausführung möchten wir noch erwähnen: Betreffs des Kaf­fee- und Teezolls heißt es auf Seite 26:

„Gegen diese exorbitanten Zollerhöhungen haben die Nationalliberalen von vornherein Stellung genom­men und später im Reichslagsplenum energisch Front gemacht. . . . Das Zentrum versucht in einer Schrift über die Finanzreform den Liberalen die Vaterschaft des Kaffeezolls anzuhängen. Eine dreistere Unwahrheit ist wohl lange nicht geschrieben worden, denn lein Liberaler hat je daran gedacht, dieses Volksgetränk zu verteuern."

Gemachi Im Reichstag ist vom Reichsschatz­amt öffentlich die Mitteilung gemacht worden, daß die erste Anregung zu dem Kaffeezoll aus der freisinnigen „Weserztg." entnommen worden ist. Die Nationalliberalen haben zum Kaffeezoll lediglich den Antrag Nr. 262 eingebracht, in deut­schen Kolonien hergestellte und von dort impor­tierte Kaffeepwdukte zollfrei zu lassen. Darf man hg nicht annehmen, daß sie an der Erhöhung des KaffeezoW föttfi nichts auszusetzen hatten? Der freisinnige Abg. Hermann hüt im- „Tag" vom 25. Juli eine Besteuerung der Kaffee- surrogate in Höhe von SO Millionen gefor­dert und diese Forderung haben im Reichstag der freisinnige Abg. Dr. Pachnicke und der national- liberale Abg. Dr. Semler vertreten. Ist die Er­höhung des Kaffeezolls um 20 M „volksfeind­licher" als die Besteuerung der Kaffeesurrogate, welche vorzugsweise von der ärmeren Bevölke­rung verwendet werden? Und bat d e r ein Recht, über die Verteuerung des Kaffees sich zu ent­rüsten, der selber die Kaffeesurrogate in erheblich höherem Maße verteuern wollte?

Mit besonderer Ausführlichkeit werden in der Broschüre natürlich behandelt der Auszug der Na­tionalliberalen aus der Finanzkommission und das Schicksal der Besteuerung des Galten- und Kindeserbes. Auch hier ist wieder das Interessan­teste das, was nicht gesagt wird. Die Nieder- legung des Vorsitzes in der Kommission durch Dr. Paasche ist unvollständig dargestellt. Verschwiegen wird z. B., daß die Nationalliberalen anfänglich mit der später als rechtswidrig bezeichneten Be- mtung des Kaffeezolls einverstanden waren, was sie durch Einbringung eines Abänderungsantra­ges aufs klarste dokumentierten, und daß sie erst nachher, als ihnen „der Kram nicht mehr paßte", es vorzogen, Obstruktion zu treiben. Die Taktik des Verschweigens ist in der Bro­schüre mit großer Meisterschaft gehandhabt. Wie wäre es, wenn in einet etwa notwendig werden­den Neuauflage der Broschüre ein weniges dar­über ausgeführt würde, wie die Nationalliberalen die NachlaWsuer einstimmig ablehnen und die Erbanfallsteuer, die denselben Grundgedanken in etwas anderer Form darstellte, einstimmig an­nehmen konnten? Die Broschüre enthält darüber fein einziges Wbrtlein. und es wäre doch so inter­essant, etwas darüber zu hören. Zum Zwecke einer sachlichen Darstellung wäre es denn auch ratsam, nicht nur die Rede des preußischen Fi­nanzministers Freiherrn von Rheinbaben vom 17. Juli, sondern auch feine Rede wie die des Fürsten Bülow vom 5. Dezember 1905 g g e n die Besteue­

rung des Gatten- und Kindesevbes zum Abdruck zu bringen. Ebenso läge es im Interesse einer „objektiven Darstellung", wenn nicht bloß von den Meinungsverschiedenheiten innerhalb der konser­vativen Partei, sondern auch von den Meinungs­verschiedenheiten innerhalb der nationalliberalen Partei berichtet würde — der Austritt der Herren Hehl v. Herrnsheim, Grat Oriola und Lehmann aus der nationalliberalen Partei stand wohl im Zusammenhang mit der Finanzref.'tm.

Das ist die „objektive, aktenmäßige Darstel­lung der Kämpfe um die Fincmzreförin" I Eins tendenziösere, mehr Unwahrheiten und Irrefüh­rungen enthaltende Arbeit ist kaum auszudenken, und das nennt man dann „Aufklärung" verbrei­ten über die neuen Steuern.

Deutsches Reich.

** Der Kaiser empfing am Samstag in Wilhelmshöhe den neuen Kriegsminister General von Heeringen. — Der Besuch des Stifts Fischbeck bei Hameln durch den Kaiser ist tuf den 27. August festgesetzt worden.

)( Als neuer Flottenchef an Stelle des Prinzen Heinrich, der bekanntlich nach den Herbst- manöoern seinen Posten verläßt, kommt nach Berliner Blättern Vizeadmiral v. Holtzendorff in erster Linie in Betracht. Wie in Marine­kreisen verlautet, werden sich angeblich unter der Führung des neuen Flottenchefs i echt einschneidende Veränderungen und Neuerungen bei der Hochsee­flotte zu volluehen haben.

* Tie Prüfungsordnung der Apotheker. Der deutsche Apothekerverein strebt seit langem danach, die Einführung des obligatorischen Abiturientenzeugnifses für den Apotheker- beruf von der Regierung zu erlangen. Auch die diesjährige Hauptversammlung des Vereins wird sich mit der Frage beschäftigen. Die Regierung steht aber bet Forderung aus dem Grunde ab­lehnend gegenüber, weil die im Jahre 1904 neuerlasiene Prüfungsordnung für Apotheker noch keine ausreichenden Erfahrungen für neue Prüfungsvorschristen ergeben hat.

X TerReichstagsabg. Oberamtsrichter Graes in Geiia ist auf fein Ansuchen vom 1. Septbr. als Amtsrichter an das Amtsgericht in Eisenach versetzt und ihm der Titel „Amtsgerichtrat^ ver­liehen morden. — Graes vertritt den ersten weimarischen Wahlkreis im Reichstag. Auf sein Mandat hat diese Versetzung keinen Einfluß.

-s- Der nationalliberale Abg. Dr. Semler hat, wie schon telegraphisch gemeldet, dem Hamb. Fremdbl. auf Anfrage — nicht also aus eigenem Antriebe — mitgeleill, daß er weder dem Zentrum noch den Konservativen gegenüber die von dem Abg. Dröicher behauptete Erklärung abgegeben habe, et werde bei bet Abstimmung übet einen „konservativ-klerikalen" Antrag zur Besoldungs- oorlage die Kommissionssihnng verlassen. Diese ganze Räubergeschichte, sagt er, sei wohl darauf mrückzuführen, daß er, und zwar ohne jede Heimlichkeil, mit seinen politischen Freunden in der Budgetkommission in Erwägung darüber getreten fei, ob er verantworten wolle, wegen eines einzelnen Antrages, den seine Partei durch­zusetzen wußte, gegenüber dem „Unannehmbar" der Regierung das ganze Gesetz zum Scheitern zu bringen. Diese Erwägungen hätten aber irgend eine praktische Folge nicht gehabt. — Da Herr Dr. Semler nicht zu der Zunft der Diplo­maten gehört, so hätte et sich etwas weniger dunkel ausdrücken bütfen. Man kann beim

besten Willen nicht erraten, was beim nun eigentlich jetzt Wahrheit ist. Zu einem klaren Dementi hat er sich augenscheinlich nicht auf­schwingen können.

— Wegen seiner Teilnahme am Gabel­frühstück beim König von Württemberg wird der sozialbemokratische Reichstagsabgeordnete Hildenbrand in dem sozialdemokratischen Witzblatt ,Der wahre Jakokv unter der lieber» schrift „Der wiebererstandene Brutus" wie folgt verhöhnt:

„Der Hildenbrand, der Demokrat, verfocht thtt Kraft den Zukunftsstaat, er predigt den Tyrannenmord und zog die Konsequenz sofort — mit gut geschärftem Dolch verseh«, sah man ihn drum zu Hose gehn. Der König bei der Tafel saß und ihn mit freud'gen Blicken maß. „Grüß Gott, mein lieber Hildenbrand, ihr seid als Demokrat bekannt —; da ihr ein Freund vom Teilen seid, teilt hier mein Mahl und trinkt „Bescheid". Es nähert sich der Volkstribun, nun gilt es, eine Tat zu tun, es blitzt der Dolch in nerv'ger Hand — „Heil Schwaben dir, mein freies Land!" Und in dem nächsten Augenblick — zerlegt er sich ein Bratenstück. . .

Der ,Vorw/ beeilt sich, diese Verhöhnung eines Mitgliedes der sozialdemokratischen Reichs- iagsfraktion seinen Lesern mitzuteilen noch vor der Veröffentlichung im Mahren Jakob' selbst. Die Veröffentlichung im Mahren Jakcb' ent­behrt nicht eines pikanten Beigeschmackes, denn auch der Herausgeber dieses Witzblattes ist mit von der Partie gewesen.

)( Zur mecklenburgischen Berfassungs - Re­form. Großherzog Adolf Friedrich hat dem Staalsministerium seine Bereitwilligkeit mitgeteilt, außer den bereits bewilligten 2 Millionen Mark weitere 10 Millionen Mark der Staatskaffe zu überweisen. Der Großherzog will auf diese Weste den Widerstand, den die Stände dem Ent- ivurfe der neuen Verfassung entgegensetzen, brechen. Diese hatten nämlich geltend gemacht, daß sogen. „Rückstände" der Verwaltung zunächst beseitigt werden müßten, ehe man eine neue Landesver­fassung einfühie. Hoffentlich erreicht der mecklen­burgische Monarch auch seinen Zweck, wenngleich iii befürchten ist, daß die starrköpfigen Ritter einen neuen Vorwand ausfindig machen werden, um die ihnen unbequeme neue Verfassung abzu­lehnen.

]:[ Stuttgart, 14. Aug. 1909. Du würt- terybergische Kammer hat nunmehr die Etatsberatung beendet. Sie hat den Etat für die Jahre 1909 und 1910 in der Schlußabstim­mung mit o8 Stimmen gegen 14 Stimmen der Sozialdemokraten angenommen. Die Sozial­demokraten erklärten, daß sie den Etat wegen bet Steigerung bet inbirelten Steuern im An­schluß an bie Reichsfinanzreform ablehnen müßten. — Seit Freitag hat bie Zweite Kammer eine neue Geschäsisorbnung. Im großen und ganzen richtet sie sich nach der Geschäftsordnung des Reichstages und des Preußischen Abgeork^ netenhauses. Vor allem sollen durch sie die Minderheitsfraktionen genügend geschützt werden. Bemerkenswert ist die Bestimmung, daß bei Be­sprechung von Interpellationen Anträge gestellt werden können. Sogenannte kleine Interpel­lationen können auf fchriftlichem Wege erledigt werden. Die Anträge auf Schluß der Debatte können erst dann gestellt werden, wenn jede Fraktion zum Wort gekommen ist. An der Aus­arbeitung dieser Geschäftsordnung hatte das Zen­trum äußerst lebhaften Anteil genommen, und es war daher nicht mehr als recht und billig, wenn nach der Annahme der Geschäftsordnung

SonnenLeuchten.

6] Roman von Erich Friesen.

Ein Lächeln stiehlt sich über seine männlichen 8üge.

„Sie sind schön, Fran Bartley — eine voller­blühte Rose voll berauschenden Duftes Ihre Schwe­ster ist noch eine geschloffene Knospe, auf welcher Der Tau der Unberührtheit liegt."

„Soll das eine Schmeichelei fein ober —"

„Es ist die Wahrheit. Nicht mehr und nicht we- 'nkger."

Ein Seufzer hebt ihre Brust. Krampfhaft schlingt .sie bie Hände ineinander und preßt sie an die glühende Stirn.

„Orlando! Glauben Sie, daß ich glücklich bin?"

Fast verblüfft über diese direkte Frage, zögeck er ein wenig, bevor er ernst entgegnet:

„Ich hoffe es — um Ihretwillen. Sie sagten seilst, Ihr Gatte erfüllt Ihnen jeden Wunsch —" i „Ja, mit Geld!" lacht sie bitter auf. „Als ob Veld und wieder Geld glücklich macht!" Als ob ein Weib nach nichts anderm verlangt, als nach Geld stnd Geschmeide und Vergnügen jeder Att! . . . O, manchmal bin ich rein außer mir! Manchmal könnte ich fast

Unb wieder ballte sie die Hände in ohnmächtiger .Wut.

Einige Augenblicke steht Orlando faffungslos. Dann legt er sanft die Hand auf ihren Arm.

„Sie dürfen nicht so rede», Frau Bartleh. . . Sie chm unrecht."

„Ich weiß es; aber ich kann nicht anders."

/ „Warum haben Sie denn geheiratet, wenn Sie so denken?"

„Warum?" Wieder lacht sie bitter auf. „Heiraten ,)uuß man doch einmal. Kommt der Rechte nicht, Nimmt man eben den Unrechten. Schließlich kommt's pielleicht auch auf ein's heraus!"

b Hastig fährt sie sich über die Augen, rafft die ge Schleppe ihres schillemden Atlasgwandes zu- imeu und wendet sich zrml Gehen.

„Kommen Sie! . . . Immer tanzen und lustig fein im 8eben, das ist die Hauptsache Wer weiß, wie lange es noch bauert!"

Mit gezwungenem Lachen nimmt sie Orlandos Arm und läßt sich von ihm zurück in den Ballsaal führen. Sie ist wieder ganz sie selbst — die lebens­lustige. glänzende Weltdame, die über alles lacht und spottet und jeden ernsten Gedanken von bannen scheucht.

Und weiter und weiter tobt die Festesfreude. Je mehr die allgemeine Lustigkeit zunimmt, je ungezwungener die Worte von den weinfrohen Lippen springen, umso sttller wird Mirra.

Im Kloster hatte sie gelernt, daß Kultur die Entwickelung zum Schweigen sei und daß selige Ruhe über allem Vollendeten liege. Nach diesen Grundsätzen bildete sie ihr eigenes Selbst, und in ihnen fühlte sie sich glücklich. Unb nun heute die­ser Lärm! Dieser Trubel! Dieses Durcheinander!

O, wie verlangte sie danach, wieder allein zu sein in ihrem sttllen Zimmer! Fast sehnt sie sich nach der Einsamkeit des Klosters zurück,'obgleich sie ihre Eltern von ganzem Herzen liebt und sich innig auf das Vaterhaus gefreut hatte. Aber dieser erste Blick in die „große Welt" bedrückt sie. Der Kopf tut ihr weh von all den lärmenden Eindrücken. Ganz betrübt zieht sie sich auf die jetzt merrschenleere Terrasse zurück. Mit ver- schränkten Armen lehnt sie an der marmornen Brüstung, hinabblickend in die Unendlichkeit des Meeres.

Plötzlich zuckt sie zusammen. Rief dort nicht jemcutd ihren Namen? Sie blickt sich um und ge­wahrt Orlando della Rocca hinter sich.

„Fräulein Mirra, darf ich Sie in Ihrem Nach­denken stören?"

Sie nickt, ohne ihre Stellung zu berändern.

Schweigend verharren beide in der lautlosen Stille. Orangenblüten hauchen ihre berauschen- den Düfte herab auf die bewegungslosen Gestal­ten. den Syringenbüschen flötet eine Nach- tiggll :hr schmelzendes Liebeslied. Lautlos hu­

schen große Fledermäuse durch die weiche Nacht- luft. . . Geheimnisvolles Nachtweben. . .

„Legt dort unten nicht ein Boot cm?' fragt Mirra plötzlich mit ihrer tiefen ruhigen Stimme, indem sie hinunter deutet nach den geft>effstisch in die Nacht hinauf ragenben Favaglioni-Felseu.

„Ich sehe nichts", erwidert Orlando.

„Doch Zwei fchwarze Gestalten steigen aus. Ich erkenne sie ganz deutlich."

„Vielleicht Schmuggler, welche die Nacht für ihr lichtscheues Gewerbe benutzen wollen. Werden übrigens eine schlechte Fahrt haben, selbst wenn sie den Zollwächtern entgehen sollten. Sehen Sie dort hinten die schwarze Wolke, Fräulein Mirra? Es gibt ein Gewitter!"

Wieder nickt sie schweigend; nur oie großen Augen, die voll tiefinnerster Bewunderung auf die erhabene Majestät des Meeres gerichtet sind, reden. *

Helles, girrendes Lachen reißt die beiden Träumer aus ihrer Versimketiheit.

„Da steckt die schmerzlich Vermißte!" fvottet Deresitas scharfe Stimme hinter ihnen. „Und in Gesellschaft eines Kabaliers. Ei, eil"

Und sofort ist das Geburtstagskind wieder umringt von einer lauten Schar von Gästen und bineingezogeii in ben Strudel bet Festfreude.

Vorüber das glänzende Fest in der Villa For­tuna. Versprüht die drehenden Sonnen. Abge­brannt die bengalischen Flammen. Ausgelöscht die elektrischen Lichter. Dunkel liegt der Park da. Dunkel auch die ganze Villa Fortuna. Nur ein Fenster ist noch matt erleuchtet — Mirras Schlafgemach.

Das junge Geschöpf kann nach den ungewohu- ten Aufregungen des vergangenen Tages nicht schlafen. Die frische Nachtluft soll ihre brennen­den Schläfen kühlen. Gespenstisch ragen die dunklen Zypreffen zum Hiinmel empor. Drunten kocht und zerschellt die Flut an grausigen Fels­

riffen. Weitklafternd schwebt ein schwarzer Nacht­vogel daher, leise klagende Laute ausstoßend. Die ganze Natur wie im Banne einer geheimnisvollen todbringenden Trauer.

Noch lange, lange Jahre danach erinnert sich Mirra mit Schaudern dieses Moments: der ge­spenstisch aufragenden Zypressen, der grausig ge­peitschten Mcerflut, des daherschwebeuden klagen­den Nachtvogels.

4.

Tiefe Finsternis. . . In weite, schwarze Dol- mane gehüllt, die Kapuzen in die Gesichter ge­zogen, schleichen zwei dunkle Gestalten durch die verschlungenen Packwege der Villa Fortuna. Die eine, größere ist augenscheinlich Vertraut mit der ganzen Umgebung; denn sie steuert direkt auf das hinter breiten Steineichen und hohen Zypres­sen versteckte Haus zu. Behutsam folgt die an­dere. Der Mond hat sich hinter dicke, fchwarze Wolken verkrochen, ans denen hier und da ein Blitz aufzuckt.

„Sind Sie Ihrer Sache auch sicher, Herr Graf?" flüstert der Kleinere der beiden, sich ängstlich umblickcnd.

„Hasenfuß Dul" lautet die spöttische Ent­gegnung. „War ost genug hier in der Villa, wenn auch in anderer Eigenschaft als haute."

„Aber dort — sehen Sie nur — hinter dem Fenstervorhang — da ist noch Licht! . . . Wenn man uns bemerkt--"

Der mit „Herr Graf" Angeredete bleibt einige Augenblicke stehen und inspiziert die dunklen Umrisse der Hausfassade.

„Bah! Die Zimmer des kleinen Klosterfräu- leins. Da sind wir sicher. Die denkt an nichts anderes als an ihre frommen Schwestern und an den Frieden ihrer Seele. . . Komm!"

„Aber es sind doch gewiß noch Gäste im Hause! . . . Der dicke Millionär und der della Rocco und wer weiß, toer noch!"

»Die schlafen alle. Du siehst es doch. Beppo. Also — vorwärts!"

(Fortsetzung folgt.)