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Rotationrdruckund Verlag der Fuldaer Ak- tieudruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.

Fulda, Samstag den 14. August 1909

M 184.

36. Jahrgang.

* Steg, 13. Aug. 1909. Bei der heutigen L an d- tagsersatzwahl im Wahlkreise Wiesbaden ist anstelle des zurückgetretenen Abg. Dr. Heydweiler AmtLgerichtsrat Lieber (ntl.) mit 131 gegen Oekonomierat Lucke (SB. d. Lw.), der 19 Stimmen erhielt, gewählt worden.

(*) Koblenz, 11. Aug. 1909. Der Wahlausschuß der Zentrumspartei des Wahlkreises Koblenz-St. Goar beschloß, in der Vertrauensmännerversammlung die Wiederwahl des srüheren Reichstags- und Landtagsabgeordneten, Senatspräsidenten Well- stein vorzuschlagen.

]=[ Stuttgart, 15. Aug. 1909. Die zweite württembergische Kammer hat in der Frage der Gesandtschaft zu München doch nachge­geben. Entgegen ihrem früheren Beschluß wurde am Freitag die Münchener Gesandtschaft wieder geneh­migt.

Gastes Matt.

△ Das amtliche Pretzbrrrearr

muß mal wieder in der Presse Spießruten laufey.

Die Kreuzzeitung stellt fest, daß das amtliche Preßbureau unter nationalliberaler Leftung stehe. Die Deutsche Tagesztg. wünscht eine ganz neue Organisation des amtlichen PreffediensteS. Das Berl. Tageblatt wendet sich gegen die Bevorzugung der Köln. Ztg. und damit gegen den alten Unfug, Auslassungen des Auswärtigen Amtes erst nach Köln zu geben und sie dann durch das offiziöse Wolff-Bureau zu verbreften.

Der ganze Jammer der Offiziösen trat zutage nach der Annahme der Reichsstnanzreform. Solange diese in der Schwebe war, kamen in der Nordd. Allg. Ztg. alle Depeschen, die Stammtische, Kegelklubs usw. an den Fürsten Bülow sandten, und ebenso deflen Antworten zum Abdruck. Ein unermeßlicher Apparat wurde in Bewegung gesetzt, um der Reform die Wege zu bahnen.

Dann kam das Finanzgesetz zustande. Aber eS hatte ein ganz anderes Gesicht, als die Regierung es sich vorgestellt hatte, und nun — schwiegen auf einmal alle offiziösen Flöten. Wenn man auch von ihnen schließlich Freudenäußerungen nicht zu er­warten brauchte, aber es wurde überhaupt kein Wort zu Gunsten eines Gesetzes laut, das durch die Unterschrift des Kaisers nach vorauf­gegangener Billigung durch den Bundesrat sank­tioniert wurde. Auch gegen die immer mehr sich geltend machende Verhetzung des Volkes las man kaum eine Mißbilligung; mcht einmal zu einer sach­lichen Aufklärung über die Wirkung der neuen Steuern schwang man sich auf. Die Kreuzzeitung hat recht: das Preßbureau steht eben unter national­liberaler Leftung. Da die Nationalliberalen in Opposition getreten sind, schweigt es sich vollkommen aus. Der neue Reichskanzler muß daraus ent­nehmen, wie notwendig eine gründliche Reform ist. Das Berl. Tagebl., vom 10. August 1909, schildert 'sehr offenherzig, wie es in diesem Preßbureau zu- zeht. Man liest da:

In einer Fülle wie nie zuvor drängten sie (die liberalen Journalisten) sichvorHerrn Ham­man ns Pforten und waren nie glücklicher, als wenn sie die politische Erbweisheit schwarz auf weiß nach Hause tragen konnten. Nun gar, nachdem der Block feierlich inauguriert und der Liberalismus „mitregie- ruugsfähig" geworden war, gab's bald kein Blättchen in Deutschland mehr, das sich nicht »offiziöser Be­ziehungen' hätte rühmen dürfen. Obwohl das Preß- vureau allemal dann versagte, wenn man seiner am dringendsten bedurft hätte, nämlich in kritischen Augen­blicken, herrschte doch alsbald allgemeine Zufriedenheit. Denn in kritischen Augenblicken wußte zwar das Preß­bureau auch nichts und empfahl Vorsicht als der Tapferkeit besseren Teil, aber nachdem erst der Kanzler sich beim Kaiser, der Unterstaatssekretär beim Kanzler, ddr Dezernent beim Unterstaatssekretär informiert hatte, plätscherte der Bronnen wieder reichlich und munter. Und man verabfolgte nicht nur Informationen — wer weiß auch täglich etwas neues! — man spendete auch freigebig fertige Meinungen über aktuelle Ereig- nisie uns Persönlichkeiten. Und es machte sich ganz von selbst, daß die Leute, die die Informationen des Preßbureaus entgegennahmen, auch seine fertigen Mei­nungen nicht schnöde zurückwiefen, was schon deshalb nicht empfehlenswert gewesen wäre, weil es dann auch keine brauchbaren Informationen mehr gegeben Härte. Und so haben denn die .Ahnungslosen" im osfiztöfen Preßbureau, ohne es zu wollen, ihr redlich Teil dazu beigelragen, der Blockpo litik das Grab zu graben. Dort wurde jeder Mißerfolg in einen heimlichen Er­folg umgedichlet. Dort wurde der Liberalismus ge­warnt, nur nicht zu viel zu verlangen, dieweil er sonst alles verlieren könnte. Dort wurde nach dem No- s^™eJfturm vorzeitig abgewiegelt, nach­dem Bulow seinen nächsten Zweck, die Befestigung tn fernem Amte, erreicht halte.

Siefe Auslastungen, so fügt die Germania hin- gU, sind tn mannigfacher Richtung sehr interessant,

besonders auch die Bemerkung über den November- sturm und seinen nächsten Zweck. Man sieht mal wieder, wie die .öffentliche Meinung' der liberalen und farblosen Presse gemacht wird. Zwei oder drei Geheimräte in der Wilhelm- straße sind die geheimen Drahtzieher; wie sie wol- len, tanzen die liberalen Pressepuppen. Kam es doch sogar vor, daß man Vertreter solcher Blätter, die der Regierung nicht immer yi Willen waren, einfach nicht mehr empfing. Die Informationen im Preßbureau sind .käuflich", nicht durch Geld, sondern „gute" Gesinnung, stramme Leitartikel und wütende Ausfälle auf alle Gegner der jeweiligen Regierung.

Von einer Neuorganisation im amtlichen Preß­bureau ist aber etwas Ersprießliches nur zu er­warten, wenn eine Regierungskorrespondmz mit den nötigen Nachrichten und Berichtigungen einge- führt wird, die der Allgemeinheit und nicht nur der jewelligen Regierungspresse zugänglich ist. Wir wollen erwarten, daß die „Reform" des amtlichen Nachrichtendienstes, wenn sie einmal in Angriff genommen wird, nicht schließlich, wie das im Auswärtigen Amte der Fall zu sein scheint, lediglich aus eine Vermehrung des Personals hin­auskommt.

Deutsches Reich.

— Die preußische Wahlrechtsfrage. Der freisinnige Abg. Dr. Pachnicke veröffentlicht in ter ,Voff. Ztg/ einen Artikel: „Herr v. Beth- mann-Hollweg und das Wahlrecht". Der Artikel schließt:

Eine gründliche Reform des preußischen Wahlrechts bleibt auch künftig die Parole. Neben dem direkten, das einer näheren Begründung nicht mehr bedarf, mindestens das geheime Wahlrecht — das würde schon einen Gewinn bedeuten, das hieße, jene alle Regel der Regierungskunst beachten, die aus die recht­zeitige Schaffung von Uebergängen abzielt. Für die Stellung des Liberalismus zum Ministerium Bethmann- Hollweg wird davon viel abhängen, ob der Wille und die Kraft zu wirklichen Reformen auf diesem Gebiet vorhanden ist oder nicht."

Für die Beseitigung der indirekten und der öffentlichen Wahl ist im Abgeordnetenhause wohl auf eine sichere Mehrheit zu rechnen.

* Telephongespräche und Amtsgeheimnis Wie wir mitteilten, hatte der Deutsche Handels- tag ein Rundschreiben erlassen zu der Klage der Metzer Handelskammer über Beeinträchtigung der Verständigung in den Fernsprechleitungen durch allzu häufige Kontrolle durch die Aemter. und über die Gefahr der mißbräuchlichen Weilerver­breitung des Inhalts der Gespräche durch die Beamten. Der Staatssekretär des Reichspost­amts hat inzwischen folgenden befriedigenden Be­scheid gegeben:

Ein Mithören der Gespräche durch die überwachen­den Beamten findet nach den für den Fernsprechdienst bestehenden Bestimmungen nur insoweit statt, als es jur ordnungsmäßigen Ausnutzung der Betriebsmittel und zur raschen Herstellung der Verbindungen nölig ist. Für den Fall, daß diese Bestimmungen in einzelnen Fällen nicht genügende Beachtung gefunden haben olllen, ist die Oberpostdirektion in Metz angewiesen worden, auf die genaue Durchführung zu halten. Tie Annahme, daß die Gespräche nicht unter das Amtsgeheimnis fallen, ist nicht zutreffend. Die rechtswidrige Mitteilung solcher Gespräche an dritte durch Telegraphenbeamte ist zwar nicht nach § 35ö des Strafgesetzbuchs, aber unter allen Umständen disziplinarisch strafbar. Im übrigen sind aus Anlaß der Revision des Strafgesetzbuchs bereits die einleilenden Schritte getan, damit die Verletzung des Fernsprechgeheimniffes künftig unter gerichtliche Strafe gestellt wird.

(*) Das gewerbliche Musizieren von Staatsbeamten soll nach Mitteilung der ,Deutschen Ztg/ in Zu­

kunft feilens der Behörden nur insoweit gestattet werden, als unter Berücksichtigung der örtlichen Verhältnisse wie der Famllienverhaltnisse der be­treffenden Beamten Gründe vorliegen, die einen Nebenerwerb als dringend wünschenswert erscheinen lassen und eine Schädigung des Dienstes durch den Nebenerwerb ausgeschlossen wird. Ein Verbot des nebenamtlichen gewerblichen Musizierens im Jn- terefse der Zivilberufsmusiker auszusprechen, hat man für unbillig erachtet, da man den Ünterbeamten die Möglichkeit eines Nebenverdienstes nicht nehmen will, solange dieser Nebenverdienst nicht das An­sehen des Beamtenstandes gefährde.

* Mit den neuen Diamantenfmtden in Drntsch- Sädwestafrika auf dem Gebiet der South African Territories ist es, wie jetzt einwandssrei festgestellt worden ist, gar nichts. Es haben auf Anord­nung des Gouvernements von Deutsch - Südweft- afrika mehrere Tage lang Nachforschungen nach Diamanten stattgefunden, die jedoch vollständig ergebnislos verlaufen sind. — Danach gewinnt die Vermutung hohe Wahrscheinlichkeit, daß das B Gerücht von den Diamantenfunden nur per»

t worden ist, um die Anteile der South African Territories in die Höhe zu bringen.

)( Bon der gemeinsamen Erziehung der Knaben und Mädchen will die preußische Regierung trotz allen liberalen Geschreis nichts roiffen. Dies läßt eine aus Anlaß eines beson­deren Falles ergangene Entscheidung der Unter» richtsverwaltung erkennen. Da die Zulassung von Mädchen zu Gymnasien und Realschulen in einigen wenigen süddeutschen Bundesstaaten be­steht, so wollen Eltern aus den Offizier- und, Beamtenständen, die eine Tochter bisher auf einer höheren Knabenschule hatten, bei Versetzung nach Preußen diese Art der Erziehung beibe« halten. In letzter Zeit wurde denn auch die Genehmigung der Zulaffung von Mädchen zu einer höheren Knabenschule beantragt. Jedoch hat der neue Kultusminister in Uebereinstimmung mit der bisherigen Haltung der preußischen Regierung den Antrag abgelehnt. Die libe­rale Presse schreit natürlich wieder von der Rück­ständigkeit der preußischen Regierung. Dem­gegenüber muß zum wiederholten Male betont werden, daß die große Mehrzahl des deutschen Volkes nichts von der gemeinsamen Erziehung wissen will. Dies hat sich im letzten Winter im preußischen Abgeordnetenhause gezeigt, als mehrere Petitionen wenigstens die bedingte und beschränkte gemeinsame Erziehung wünschten. Wenn auf die Erfolge in anderen Ländern hingewiesen wird, so erwähnt die liberale Presse doch nur die paar Stimmen, die für die Koedukation sprechen, während dabei verhehlt wird, daß weitaus mehr Fachmänner der gemeinsamen Erziehung kein günstiges Zeugnis ausstellen.

+ „Proletarische Solidarität." Unter dieser Spitzmarke berichtet der,Vonvärts', daß aus den Lokal-Kassen der Gewerkschaften in Hannover be­reits mehr als 10,000 Mark zur Unterstützung des schwedischen General-Streiks bewil­ligt worden sind. Im .Hamburger Echo' sind Beiträge aus den Lokal - Kassen der Hamburger Gewerkschaften in der Höhe von ebenfalls mehr als 10,000 Mark quittiert worden. Auch die Nürnberger Gewerkschaften haben bereits mehrere Tausend Mark abgeführt. Im,Vorwärts" quit­tiert heute die Berliner Gewerkschafts-Kommission über 3914 Mark 90 Pfg. für die schwedischen Streikenden. — Wenn die Genossen soviel Geld übrig haben, sollten sie eigentlich nicht soviel über die ungeheure Belastung des Volkes durch die neuen Steuern schimpfen.

Ausland.

* Der französische Antimilitarismus wächst beständig. Eine Aufstellung über die französischen Gestellungspflichtigen im .Figaro' weist an der Hand amtlicher Statistiken nach, daß sich die Zahl Der Militärdienstdrückeberger im Verlaufe eines Jahres nahezu verdreifacht hat. Bei der vorletzten Dienstklasse betrug die Zahl der Ge» stellungsflichtigen für ganz Frankreich 2614, bei der letzten, d. h. vorjährigen Klaffe, dagegen bereits 11223. Jrn Seinedepartement, in dem bekanntlich Paris liegt, tritt diese Steigerung am stärksten auf, denn hier wuchs die Zahl der Drückeberger in dem genannten Zeiträume von 228 auf 1417 an. Auch in den anderen Städten des Landes ist eine ähnliche Progression zu ver­zeichnen. ,

* Die spanischen Kämpfe in Marokko. Spanischen Meldungen zufolge erzielen die spa­nischen Truppen vor Melilla fortgesetzt „kleine" Erfolge gegen die Riffleute. Am 11. August soll es den Spaniern gelungen fein, den Ri^- kabylen große Verluste beizubringen. Da die Spanier nur von „Siegen" zu erzählen wissen, sind ihre Siegesfanfaren mit großer Vorsicht auszunehmen, zumal auf Umwegen die Meldung nach Europa gelangt ist, daß die Riffkabylen sich recht kräftig wehren und den Spaniern auf einmal 300 Mann abgenommen und in die Gefangen­schaft abgesührt haben. Der spanische Kriegs­minister erklärte die Gerüchte, wonach neue Ver­stärkungen nach Melilla abgegangen feien, für unrichtig.

* In Persien beschloß bas nationalistische Zen­tralkomitee nach dem Muster der französischen Revolution ein Direktorium zu ernennen, das die gesamte Regierung in sich vereinigen soll. Die Stadt Teheran ist ruhig, doch ist die Lage sehr kritisch. Der junge Schah will au f den Thron verich ten und sich mit seinen Ettern nach Rußland begeben.

* Erneuerung der kretischen Gefahr?

Wenn man den neueren aus der Türkei und Griechenland einlaufenden Depeschen Glauben schenken darf, hat sich die Situation über Nacht dort wieder verschlimmert. Die Erregung des Volkes scheint über die Köpfe ihrer geistigen Ur­heber und Leiter zu wachsen. Man fürchtet, wie aus Konstantinopel gemeldet wird, daß die Re­gierung kaum imstande sein werde, die Erregung des Landes zurückzuhalten. Aus den Provinzen laufen fortgesetzt Meldungen, über Kreta-De­monstrationen ein. An einer Versammlung in Adrianopel nahmen 30000 Personen teil. Zwei VersammlungM in Jpeck und Djjakoo«, die sich mit der Kretafoage beschäftigten, nahmen

Sonnenteuchten.

4] Roman von Erich Friesen.

Doch er kann die quälenden Gedanken nicht los werden.

Aergeckich leate er das Buch wieder beiseite und läßt seinen „Fuchs" satteln zu einem Spazierritt in Gottes herrliche Natur.

WaS geht ihn denn auch Terestta Barttey an? . . Was ihr eigentümliches Benehmen? .. . Was chr heu­tiger unwillkommener Besuch? . . .

m tx "hnt nicht, welche Folgen dieser harmlose Besuch nach sich ziehen wird! Ahnt nicht, daß er den Anfang zu einem furchtbaren Drama bildet, welches ganz Neapel jahrelang in Atem halten soll!

Gegen elf Uhr nachts . . .

««»^^^ndes Mondgeflimmer. Glitzernde Ster­nenpracht.

Süft^hur^ "Echenhaft träumerischen, von milden so oft pinpm^air^en^au6ernä^,e' wie sie im Süden Nacht d-e I?HnÖerts. Schirokkotage folgt — eine (beit und 'vlrU^8efnö in aufgeregte Herzen schmei- freubmfrit «S' »T** 2 fieber mit warmer Lebens- reckt ?un. dem Glücklichen aber fein Glück erst W 3um vollen Empfinden bringt.

F°rttln?Nff"C^vr?^"^ erftra^It ber Pack der Billa

Srh2r?es Gitarren- und Mandolinenklang, schmelzende Weisen durchzittern die weiche Lust.

E aufsprühende, buntfarbige Raketen. Beleuchtung Taghell erschimmernde bengalische erhellt" eth>a3 zurückliegenden Billa alle Fenster fame^Nachtz! stohlockt es durch die schweig- j?*1™ ®[“ierningen. Uebermütiges Lachen. Stür- »"icher Jubel.

» .9^ San Martino feiert den achtzehnten Ge- ounstag seiner jüngeren Tochter durch ein glanzen- ” -rest an dem das bisb---. <«• &r»Wt»r Klosterabpe-

schiedenheit ausgewachsene Mädchen gewissermaßen eingefühtt werden soll in die große Welt.

Draußen vor der Billa — alles still. Hehrer Jnselfriede.

Mit raschen Schritten eilt eine hohe Männergestalt den schmalen Weg hinan, der zu dem kunstvollen guß- eisemen Parktor führt — ein verspäteter Gast.

Orlandodella Rocca hatte durch eine unvorher­gesehene Abhaltung das die Verbindung zwischen Neapel und Capri Hersiellende Nachmittagsschiff ver- säunft und mußte sich nun einem Boot mioertraucn wollte er noch rechtzeitig in der Billa Fortuna ein» treffen.

Doch der entnervende Schirokko lähmte die Arm- krast der beiden Schifferjungen. Auch trieb bd Boot, bereits tm Anblick der Sterneninsel, des öfte­ren wieder seewärts, so daß aus den gewohnten sechs Stunden Ueberfahrt deren beinahe sieben wurden.

So findet der späte Gast das Fest bereits in voll­stem Glanze. Durch ein Hinterpförtchen tritt er ein ins Haus, macht rasch ein wenig Toilette und be­gibt sich dann sofort nach den Gesellschaftsräumen.

Auf der Schwelle der weitgeöffneten Flügeltür bleibt er einige Sekunden stehen. Mit einem Blick umfaßt er den ganzen festlich belorierten Saal. Glänzende Uniformen. Funkelnde Augen. Glitzernde Diamanten. Ein Hin- und Herbewegen edelstein­geschmückter Fächer, ein Neigen und Wiegen, ein Lächeln und Flüstern — echt südlicher Frohsinn voll Feuer und Anmut.

Inmitten dieses schillernd bunten Wirrwarrs hebt sich eine weiße schlichte Mädchengestalt scharf ab. In langen Wellen fällt das goldigglänzende Blond­haar fessellos über Schultern und Rücken. In ber Hand hält sie einen mächtigen Strauß weißer Ka- melien, den ihr soeben ein eleganter junger Herr überreichte.

Orlando kann ihr Gesicht nicht sehen. Doch ver- hartt er in stiller Bewunderung der ebenmäßigen, noch fast kindlichen Gestalt, der wundersamen Ruhe der Bewegungen, welche so votteilhast absticht von der Hast und dem Durch-inand^ i6-»- v

Da eilt eine glitzernde Frauen gestatt mit ausge­streckten Händen auf ihn zu.

„Endlich, lieber Freund! . . . Ich glaubte schon, Sie hätten uns vergessen! Und ich habe mich so ge­freut, Sie heute wiederzusehen und mit Ihnen zu plaudern, wie in alten schonen Zeiten!"

Orlando fährt zusammen. Der Traum von Ruhe und Frieden, der ihn beim Anblick jener weißen Lichtgestalt wohlig umfangen, ist jäh zerstoben. Ein blendend schönes Weib steht vor ihm und zieht ihn hinein in den rauschenden Festtrubel.

Mit warmem Willkommenhändedruck wird er von dem alten Oberst und seiner Gattin begrüßt, mit schüchternem Augenaufschlag von dem lieblichen Ge­burtstagskind. Balo daraus steht er einem korpu­lenten, hellblonden Hünen gegenüber, dessen kleine roafferblaue Sleuglein aus dem frischen Gesicht ver­gnügt heroorblinzeln.

.Herr Orlando della Rocca — mein Mann!" stellte Teresfta vor.

Erfreut streckte der Hüne seine mächttge Hand aus.

„Hallo, mein Lieber!" ruft er mit mächtig dröh­nender Stimme. „Freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Meine Frau hat mir schon von Ihnen erzählt. Waren Jugendfreunde? . . . Wohl auch ein bischen verliebt ineinander, was?"

Und jovial lacht er auf, den jungen Mann auf die Schulter klopfend.

Den feinfühligen Orlando berührt diese unzarte Bemerkung überaus peinlich. Und doch muß er sich gestehen, daß die derbe offene Art des Südafrikaners etwas Urwüchsiges, nicht Unsympathisches hat.

Lachend wehrt ec deshalb ab und beginnt ein Ge­spräch mit John Bartley und seiner Frau.

Weiter und weiter tobt die Festesfreude Immer schwüler wird es in den Sälen; immer heißer wer­den die Köpfe

„Puh! Nicht mehr zum Aushalten!" jammert Terestta nach einem rasenden Galopp mit Orlando „Kommen Sie hinaus auf die Terrasse! Ich ersticke sonst."

ßangfam promenieren die beiden auf der tube- wlen- und orck " ^»-umrankten Veranda aus und ab.

Drunten das weite blauschwarze Meer. Und darüber der fternenüberflimmerte Himmel. . .

Plötzlich bleibt Terestta stehen.

»Jetzt kennen Sie meinen Mann. Was sagen Sie zu ihm?"

»Was soll ich sagen?" erwidert er ausweichend.

„Ein Ideal! Wie?"

„Das vielleicht nicht. Aber sicherlich . .

Er zögert.

„Na, reden Sie doch! Genieren Sie sich nicht, mein Bester. Ich bin aus alles gefaßt!"

Ihr Ton ist so leicht, ja leichffinnig — Orlando fühlt sich in diesem Augenblick fast abgestoßen von der schönen Frau an seiner Seite. Unwillkürlich entfernt er sich etwas von ihr.

Sie bemeckt es und ein hartes Lächeln springt von ihren Lippen. Sie tritt an die Brüstung und starrt hinaus aufs Meer. In weiter Ferne zieht ein großer Dampfer vorbei. Grell hebt sich der helle «Streifen ab von dem tiefen Dunkel des Meeres.

„O, wer da mit könnte — weit, weit fort!" mur­melte Terestta, wahrend es in ihren Zügen zuckt vor Erregung und die kleinen Hände sich ballen. „Aber ich bin gefesselt wie ein Galeeren-Sklave!"

Crlanbo schweigt. Ein großes Mitleiden erfaßt ihn. Mitleiden mit der Frau, deren wildes, ungezügeltes Temperament ihr Unglück ist. MiÜeiden mit dem Manne, der eine solche Natur nie wird verstehen und im Zaume hatten können. Wenn er John Bartley je fein Weib geneidet — mit diesem Augenblick ist die Empfindung vorbei — vorbei für immer.

Noch eine Weile kämpft Terestta mit sich und ihrer furchtbaren Erregung Dann wendet sie sich nach Orlando um und blickt ihn scharf an.

„Wie gefällt Ihnen Mirra?"

Beftemdet von dem fast feindseligen Tone er­widert er rasch:

„Ich sagte Ihnen schon — Fräulein Mir« er­scheint mir sehr anmutig."

„Finden Sie sie schön?"

„Nicht gerade schön, aber —'

„Schöner als mich?"

(Fortsetzung folgt.)’