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JV3 184.
Fulda, Samstaq den 14. August 1909.
36. Jahrgang.
Drittes Wtcett.
Die Barusschlacht im Teutoburger Walde.
Rinn löhunderljährigen Gedächtnis. — 9 n. Chr. Bon G. v. Sandoz.
Der Sommer dieses Jahres bringt die 19OOjäh- rige Gedenkfeier der Schlacht im Teutoburger Walde, die im Jahre 9 nach Christi Geburt die Befteiung der Germanen von der römischen Herrschaft unter Her- Manns des Chemskers Führung zur Folge hatte. Die Feier wird durch eine Vorfeier am 14. August eingeleitet Das Hauptfcst folgt am 15. August. In Detmold wird ein großer historischer Festzug — alt- 'germanischer Siegeszug — abgehalten. Vom 16. bis 21. August Feier der Schulen und Vereine auf der Drotenburg (im Teutoburger Walde, da wo das Her- Mannsdenkmal steht, einige Kilometer von Detmold). Am 22. August findet ein Turnfest statt, Wiederholung hes Festzuges, den Schluß macht eine weitere Festfeier am HermannS-Denkmal."
So lautet in Kürze das offizielle Programm der Gedächtnisfeier.
Ob freilich die Varusschlacht in der zweiten Hälfte des August geschlagen worden ist, und ob sie in der Mihe der sog. Grotenburg, genauer gesagt, in der Dörenschlucht, ganz in der Nähe, einer Att Paß über den Teutoburger Wald, stattgefundm hat, das sind freilich ganz andere Fragen, mit deren (Erörterung wir' keineswegs die patriotische Festfreude stören wollen, die aber besprochen werden müssen. Darüber jedoch später.
Vorerst legt sich uns die Frage auf den Weg: Alle kamen die Römer um die Zeiten Christi in das (Herz Westdeutschlands hinein, was wollten sie dort, Mer und was veranlaßte sie, in das nach ihren eigenen "Anschauungen und Berichten so rauhe und für die römischen Finanzen mehr kostspielige als einträgliche Land vorzurücken mit der Absicht, es dauernd zu beherrschen? Hier bedarf es eines kurzen Rückblickes.
1 Mit germanischen Stämmen, bezw. deutschen, waren die Römer zuerst in den Jahren 113—101 v. Chr. in Berührung gekommen, als die Cimbern und Teutonen, deren Heimat vermutlich an der Nord- ober Ostsee bezw. im heuttgen Schleswig-Holstein mit Jütland zu suchen ist, nach sonst unbekannten Wanderungen in Südsrankreich und Italien einbrachen, aber, nach verschiedenen Niederlagen der römischen Heere, doch von diesen überwunden und wohl fast vernichtet wurden. Darauf trat die germanische Gefahr für das römische Reich für längere Zeit in den Hintergrund.
Erst in den Jahren 58 bis 51 v. Chr. kamen die Römer unter ihrem großen Heerführer Cäsar während der Eroberung Galliens, des heutigen Frank- reichs, mit deutschen Stämmen wieder in Berührung und erkannten, daß sie es mit einem Volke zu tun hatten, das trotz seiner Unkultur dem römischen Staatswesen gefährlich werden konnte. Und so hielt es Cäsar für nötig, einen militärischen Abstecher großen Stils über den Rhein nach Deutschland hinein zu unternehmen, um die unruhigen Nachbarn die Schärfe der römischen Waffen fühlen und die Unbesiegbarkeit der Legionen erkennen zu lassen. Cäsar scheint aber recht wenig ausgerichtet zu haben, denn sonst hätte er sicher nicht verfehlt, in seiner »Geschichte des gallischen Krieges" etwaige Erfolge zu gewaltigen Siegen auftubauschen.
.< Die Erfahrungen Cäsars und anderer Römer hatten zur Folge, daß Rom sich dazu entschloß, die deutschen Stämme allmählich zu unterjochen und die ^Grenzen des Reiches bis an die Elbe vorzuschieben, ‘itm einer kommenden Gefahr von deutscher Seite her ivorzubeugen. Längs des Rheines wurden nach und mach, vorerst auf beffen linker Seite, eine Reihe großer Befestigungen mit starken Garnisonen angelegt, Mainz (Mogontiacum), Köln (Colonia Agrip= ■pina), Neuß (Novesium), Vetera castra, das in :ber Nähe von Tanten gestanden hat usw. Zwischendurch wurden Castelle mittlerer und geringerer Größe ^geschoben. Damit war den deutschen Stämmen ein Wall entgegengesetzt, den sie bei Einfällen in das römische Gallien nur mit großen Verlusten durchbre- jchen konnten, um, wenn es doch gelang, dann gleichsam in der Falle zu sitzen. Die Grenze war also ge- . deckt, blieb aber jederzeit gefährdet, solange jenseits <des Rheines die Germanen in unaebro^ner Kraft saßen und, sobald über das römische Staatswesen ibon innen her durch Bürgerkriege oder von außen cher durch irgend ein anderes starkes Volk böse Tage tarnen, mit Macht hervorbrechen konnten, — sofern sich die stets Zwieträchtigen einmal energisch einten.
Rom mußte also, ob es wollte ober nicht, auch feste Stellung jenseits des Rheines bis in das Herz ,des Landes hinein nehmen und von diesen Posten aus .die deutschen Völker teils durch Schüren ihrer Eifersüchteleien schwächen, teils durch Waffengewalt niederhalten.
Rom fand die geeignetsten Männer dazu in Dm- sus und Tiberius, den Stiefsöhnen des Kaisers Au- sgustus, die durch Feldherrngenie und kluge Polittk dos Land ziemlich beruhigt hatten.
So fand Publius Quinctilius Varus, als er t. I. 6 nach Christus als Oberbfehlshaber und Staü- j Halter Nieder-Germaniens nach Deutschland versetzt Murde, eine Bevölkerung vor, die zwar unterjocht <war, aber sich auf dem Wege befand, sich mit römischem Mesen und römischer Kultur allmählich auszusöhnen. We Söhne der Vornehmen traten bereits in römische ^Dienste und selbst das ferne Rom blieb ihnen nicht (mrbekannt, war doch auch der jugendliche Cherusker- Wrst Arminius, der spätere Sieger in der Varusschlacht, einige Zeit dort gewesen und hatte den Rang üsines eques, eines römischen Ritters, erhalten, und
sein Bruder Flavius hat auch nach der Teutoburger Schlacht noch Jahre lang in der römischen Armee als Ofsiizer gedient.
Aber Vams war ein ungeschickter und rücksichtsloser Mann. Und so griff eine stille Gärung um sich, die ArminiuS benutzte, in aller Stille mit benachbarten Volksstämmen ein Bündnis abzuschließen, um Vams samt seinem Heere zu vernichten. Es wurde ein Ueberfall für einen bestimmten Tag und an einem bestimmten Orte beschlossen.
Welches war dieser Tag und welches der Ort? Vorerst müssen wir noch einmal zu Vams zurückkeh- ren.
Alle römischen Berichte sind dann einig, daß Va- ruS im Jahre 9 nach Christus das große Standquar- tier Vetera Castra, am linken Rheinufer. mit drei Legionen verließ, um, wie es beim römischen Heere üblich war, irgendwo im Inneren West-Deutschlands die Sommettager zu beziehen. Wo dieses gewesen ist, läßt sich nicht feststellen, ein einziger römischer Schriftsteller, Dio Cassius, der aber erft um 220 n. Chr. schrieb, meint, es sei an der Weser aufgeschlagen worden. Aber, gegenüber Dio Cassius, haben deutsche Forscher das Sommerlager ganz anderswohin verlegt, der eine dotthin, der andere dahin, und infolgedessen auch das Schlachtfeld an ganz verschiedenen Orten gesucht. Mr erwähnen hier nur kurz: Professor Mommsen verlegt das letztere nach Barenau Bei Osnabrück, andere in das Wiehegebirge, noch andere in die Gegend von Beckum, ober nach Feldrom bei Alten- ; Befen, ober in die Dörenschlucht bei Detmold, oder in die Gegend von Lage usw. Also jedenfalls genug Unflachett.
Für den Laien liegt es nallirlich am nächsten, das Schlachtfeld in den Teutoburger Wald zu verlegen, tote es auch der sonst recht zuverlässige römische Schriftsteller Tacitus tut. Die Sache hak aber einen gewaltigen Haken! Man weiß nämlich gar nicht, welchen Höhenzug bezw. Bergwald die Römer zu Vams Zeiten und mit ihnen später schreibende Tacitus „Teutoburger" Wald nannten; im ganzen Mittelalter hat man diesen Namen überhaupt nicht gekannt und erst in verhältnismäßig neuer Zett hat man ihn auf den Lippiscken Wald bezw. Osning und dann auf die ganze, nur wenig hohe und schmale Gebirgskette bis nach Osnabrück hinunter übertragen.
lieber den genaueren Ort bet Varusschlacht fmb unb bleiben wir also bis auf weiteres ganz im Ungewissen.
Nicht viel besser ergeht cs uns mit dem Tage, an dem die Schlacht geschlagen wurde. Da werden der 9. oder 10. August genannt der 11. September usw. Die größte Wahrscheinlichkeit spricht für den 2. August ober für ben 24. September.
Arminius unb seine Verbündeten batten wie gesagt, Tag und Ort des Ueberfalles auf Vams unb das römische Heer festgesetzt. Um Vams aber sicher zu machen, weilten die Führer der benachbarten Stämme meist bei Vams im Lager. Plötzlich meldeten sie ihm, daß ein Volksstamm sich empört habe. Der römische Feldherr beschloß natürlich, die Empörer zu züchll- gen, vorher ober auch das Sommerlager aufzuheben und dann, nach Niederwerfung des Ausstandes, da? Standlager am Rhein wieder zu beziehen
Für den Tag vor dem Auftmch hatte er nun alle Fürsten und Edelinge der wetteren Umgegend zu einer großen Tafelei ein geladen. Diese Festlichkeit legt nahe, daß der Tag vor dem Aufbruch eine besondere Bedeutung hatte Zur Erklömng diene folgendes: Im Jahr 8 v. Chr. hatte der römische Senat den Monat SeMis zu Ehren des Kaisers in Avgustus-Mo- nat umgenannt und bürgerliche wie militärische Feier für den 1. August ungeordnet; der 1. August war seitdem tatsächlich ein großer Feier- unb Prunktag, besonders im Heere. Der 23. September aber war des Kaisers Geburtstag, der in gleicher Weise gefeiert wurde.
Die verbündeten Fürsten wußten, daß es an solchem Kaisertage hoch her ging im römischen Heere, konnten Mich annehmen, daß Vams das Sommerlager nicht aufgeben werde, ohne einen solchen Kaisertag in Deutschland gefeiert zu haben.
Somit gewinnt die Annahme, daß der von den deutschen Fürsten festgesetzte Tag des Ueberfalles auf den Tag nach einem dieser Kaisertage, also auf den 2. August ober 24. September fällt, sehr viel an Wahrscheinlichkeit.
Der Festtag war herüber, der Marsch war angetreten und sofort überfielen die Deutschen die, wie ein römischer Schriftsteller sagt, von ihren Fübrem irgendwo in der Verborgenheit bereit gehalten waren, die Legionen.
Es ist nun nicht klar, ob einen ober zwei ober drei Tage gekämpft worden ist, bie Berichte sind undeutlich und die Meinungen gehen auseinander, um so gewisser ist das Ergebnis: Drei Legionen, die 17, 18. und 19. und neun Abteilungen Hilfstruppen, etwa 20 000 Mann (nach anderer Berechnung über 30 000 wurden erschlagen, nur wenige Reiterabteilungen gelangten bis an den Rhein, die Schreckenskunde zu melden. VaruS hatte sich, an allem verzweistlnd, das Schwert selbst in die Brust gestoßen. Es !var keine eigentliche Schlacht gewesen, fonbem ein furchtbares Gemetzel, in dem bie Römer der schlechten Wege, des eintretenden Unwetters des feuchten Bodens und des Gedränges halber ihre kriegerische Schulung nicht entwickeln konnten.
Einen furchtbaren Eindruck hat dir Nachricht von der caedes per paludes perque Nilvas (Abschlachtung in Moor und Wald) in Rom gemacht. Kaiser Augustus ist fast wahnsinnig geworden vor Aufregung, große Staatstrauer wurde angeordnet; nie hat man die untergegangenen Legionen wieder ergänzt, denn keine Legion hätte die blutigen Zahlen 17, 18 unb 19 tragen wollen.
Der großzügige Plan der Römer, die Reichsgrenzen bis zur Elbe vorzuschieben war endgültig gescheitert und in Rom auch aufgegeben. Wohl hat Germaniens, der Sohn des obengenannten Drufus in den Jahren 14—16 nach Christus noch einige Feldzüge nach Deutschland unternommen und Siege über Arminius davongetragen, aber es waren doch nur Rachekriege, festen Fuß konnte er nicht fassen.
Und so kann man ruhig sagen: die Varusschlacht hat die römische Herrschaft in Deutschland beendet, Arminius ober wie wir ihn gern nennen, Hermann,* ist ber Befreier Deutschlands.__
Gesundheitspflege im Hochsommer.
Von Dr. Otto Gotthilf.
(Nachdruck verboten.)
Sonnenschein und frische Lust! ist jetzt die Parole für Jedermann, der gesund werden und bleiben will. Der Italiener sagt: „Dove non viene il sole, viene :1 medico, — wohin die Sonne nicht kommt, dahin kommt der Arzt; und ein altes Sprichwort lautet: „Auf der Schattenseite der Straße hält der Leichenwagen dreimal so oft als auf der Sonnenseite." Gehet hinaus in den lachenden Sonnenschein und lernt an den Tieren die Heilkraft der Sonne kennen! Dort auf jenem Bauernhöfe liegt behaglich in der Sonne ausgestreckt der Hofhunds nicht weit davon nimmt die Katze mit wohlgefälligem Schnurren und zufrieden blinzelnden Augen ein Sonnenbad; und im heißen Sande liegen die Hühner, lüsten bald den einen, bald den andern Flügel, drehen und wenden sich, damit die belebendenSonnen- strahlen sie an allen Körperteilen bescheinen können. Ganz wunderbar ist der Einfluß der Sonne auch auf den menschlichen Organismus Der noch schwache Rekonvaleszent fühlt bei ihren erwärmenden Strahlen seine Lebenskräste unb -Säfte sich mehren. Wie unter ihrer Einwirkung der grüne Farbstoff der Blätter gebildet wird, so verleiht sie auch dem bleichen Blute, den fahlen Wangen eine gesunde, rote Farbe. Der Stoffwechsel des ganzen Organismus, das Nervensystem und die Gemütsstimmung werden in ganz erheblicher Weise angeregt. Daher sollten diese große Wohltat besonders Kinder und alte Personen, Bleichsüchttge, Nervöse, Rheumatiker, Schwindsüchtige und mit Hauttrankheiten Behaftete sich zunutze machen. Ihr Städter, verdunkelt nicht in ängstlicher Lichtfeindschaft die Zimmer mit Vorhängen und Fensterläden zu grabgewölbartigen Räumen oder vermeidet gar jeden Gang im Sonnenschein, nur um nicht einige Schweißtropfen zu verlieren. Gerade Schwitzen ist gesund. Die meisten Krankheiten treffen uns nicht plötzlich wie ein Blitz aus heiterem Himmel, vielmehr sammeln sich allmählich gesundheitsschädliche Substanzen, namentliche giftige Stosf- wechselprodukte an. Diese müssen immer einmal wieder durch hygienische Maßnahmen ausgeschieben werden. Dazu ist natürliches, reichliches Schwitzen, ohne innere schweißtreibende Mittel, besonders geeignet. Deshalb arbeite man körperlich öfter bis zum Schwitzen beim Graben, Bergsteigen, Turnen, Hm- tdn und dergleichen unb suche sich auch nicht vor jedem Sonnenstrahl ängstlich unter den Bäumen ober dem Schirme zu verbergen. Auch die Hygiene stimmt voll und ganz Schiller's Wort bei:
Von der Stirne heiß, Rinnen muß der Schweiß!
Wer noch an das Muhmenmärchen glaubt, daß Nachtluft ungesund sei. unb deshalb bei geschlossenen Fenstern schläft, der entschließe sich doch endlich einmal, in diesen milden Sommernächten die Fenster offen zu lassen: tiefer, ruhiger, erquickender Schlaf und morgens ein frisches, munteres Erwachen ohne Schlaffheit unb Bleischwere in den Gliedern wird der Lohn sein!
In der Nahrung ist der Fleischgenuß etwas ein- zuschränkm unb durch Gemüse, Mehlspeisen, Hülsen- srüchte und Obst zu ersetzen. Von letzterem sollte jetzt in jeder Familie stets ein Teller voll auf dem Tisch stehen, da es das beste unb angenehmste natürliche Gesundungsmittel für Jung und Alt bleibt.
.Wie ist es doch gesund, auf Speisen, die da nähren. Zu Setten frisches Obst erquicklich zu verzehren", fang schon vor zweieinhalb Jahrhunderten der Dichter Logan. Auch der Genuß erhitzender alkoholischer Getränke ist zu beschränken; dafür trinke man die erfrischenden unb gefunden Limonaden, besonders die von natürlichem Zitronensaft bereiteten. Will man Getränke durch Eis kühlen, so darf man es nie in das Getränk hinein, sondern nur um dasselbe hemm tun (wie beim Sekt), damit nicht etwa im Eis vorhandene krankheitserregende Batterien in den Verbauungsapparat gelangen. Dieser besitzt überhaupt in ber heißen Jahreszeit eine größere Reizbarkeit und Neigung zu Erkrankungen (Erbrechen, Diarrhöe), so daß jetzt Vorsicht am Platze ist. Namentlich unter den Kindem fordern bie Verdauungskrankheiten oft furchtbare Opfer.
Für Radfahrer, Touristen, Sommerfrischler ist auch die Kleidung in gesundheitlicher Beziehung von Wichtigkeit. Die Oberkleider, am besten von Seinen oder Baumwolle, seien luftig unb nirgends beengend, namentlich nicht am Gürtel, Brustkorb oder Hals. Helle lichte Gewandung nimmt die Sonnenstrahlen unb bie leuchtende Wärme in geringerem Grade auf als dunkle, erhitzt also den Körper viel weniger Zur Unterkleidung eignet sich Wolle am besten. Wer freilich den größten Teil des Tags sich ruhig im Zimmer aufhält, unb von dem die Unterfieibung durchnässenden Schwitzen, von Staub und Schmutz fast gar nicht zu leiden hat, möge lieber die kühleren Leinenstoffe oder die weitmaschigen Netzjacken wählen.
Der Sommer bildet bie hygienische Gnadenzeit zur Kräftigung des Körpers gegen die Unbilden der rauhen und kalten Jahreszeit. Jetzt können auch die verweichlichten, schlaffen und widerstandslosen Wasser- und Luftfeinde mit Krciftigungs- und Abhartungsku- ren beginnen, sich an kalte Ganzwaschungen gewöhnen. Wem es nicht vergönnt ist, über Berg und Tal ober in bie Gebirge zu wandern, der stelle sich morgens, mittags und abends an's offene Fenster und atme recht tief ein und aus, zuerst eine Minute lang, später bis Vt Stunde; das stärkt die Lunge, weitet die Brust, schafft Sauerstoff in's Blut und verleiht mehr Gesund-
*) Die Sprachgelehrten bestreiten entschieden, daß Hermann derselbe Name wie Arminius fet
heitskrast als manchen trägen „Kurgästen" daS Herumlungern in den Sommerfrischen!
P. Etwas vom Kartens Piel
Sicherlich ist das Kartenspiel das verbreitetstt Unterhaltungsspiel aller Gesellschaftsklassen. Von der Köhlerhütte bis zum Schloß des Grand Seigneur find die Karten familiär und bilden einen angenehmen Zeitvertreib für Jung und Alt. Und wie vielerlei Arten von Spielen gibt es! Wir nennen blos die landläufigsten, die^uns gerade in ben Sinn kommen: Schafskopf, Sechsundsechzig, Piquee, Manilla, Baccarat, Whist und nicht zn vergessen den beliebten Skat. Diese Spiele sind harmloser Natur. Daneben gibt es aber auch eine Anzahl, die im Geheimen betrieben werden und schon manchem, dem in Spielcercles der letzte Pfennig aus der Tasche geholt wurde, den Revolver in die Hand drückten. Es sind dies in der Hauptsache: Trente et quarante, 17 und 4, Küm- melbläftchen, meine Tante deine Tante, das Pokern usw. Leider gibt es an der Riviera ein Ort, wo man dem Trente et quarante öffentlich fröhnen und sich vor den Augen der sämtlichen Anwesenden ruinieren kann. Im Park von Monte Carlo haben die Wärter schon manch einen aufgehoben, der sich vor Scham und Verzweiflung über seine Spielverluste den Tod gegeben. Und immer wieder sehen wir sie nach Monte Carlo strömem, um dort dem Croupier ihre blinkenden Goldfüchse hinzuwerfen und bann mit leeren Taschen wieder abzuziehen. Auch in Ostende ist schon mancher zum Bettler geworden. Doch genug von dieser düsteren Seite des Spiels.
Wir kämen nun zu einer anderen Erscheinung, die das .Kartenspiel gezeitigt hat und die nicht minder verwerflich ist, wie das Glücksspiel, wir meinen den Unfug, das Kartenspiel zur Wahr- fagerei zu benutzen. Es gibt nämlich Personen,1 unb deren sind nicht wenige, die sich nicht damit begnügen, in ben kleinen, vom Zufall gemischten Karten eine kurze Zerstreuung ziu finben; sie schreiben ben Karten auch die Eigenschaft der Zukunftsvorhersage zu. Es ist dies die „Kunst" des Kartenlegens, die Madame Lenormand in Mode gebracht hat. Obschon das Kartenlegen einen gairz lächerlichen, stupiden Aberglauben darstellt, haben wir heute nicht nur in Frankreich, sondern auch bei uns im aufgeklärten deutschen Reiche eine große Anzahl von Personen, die das Kartenlegen gewerbsmäßig betreiben und ein gutes Geschäft dabei machen. Die Karten sind weiter nichts als ein Unterhaltungsspiel und kein Mensch sollte darin etwas anderes erblicken. Leider aber laufen tausende zur Kartenlegerin, um sich für ihr schönes Geld eine Reihe auswendig gelernter Sprüchelchen hersagen zu lassen. Wenn es bei nichtssagenden Sprüchen vom Glück usw. verbleibt, ist bie Sache noch nicht so schlimm; dann ist im besten Falle das Geld des Gimpels verloren. In vielen Fällen läuft aber die Sache nicht so glinrpflich ab. Wie oft kommt es vor, daß durch eine gdtoiffentofe Kartenlegerin bet eheliche Friede gestört unb das Glück einer ganzen Familie, zertrümmert wird. Wohl ein jeder iveiß, wie schwer es ist, einen Ehegatten ober eine Ehegattin, die zur Kartenlegerin ihre Zuflucht genommen hat. von ber Unwahrhaftigkeit ber Einflüsterungen dieses Weibes zu überzeugen. In vielen Fällen gelingt dies überhaupt nicht, weil mnn ben faulen Zauber ber Kartenlegerin zu großen Glauben schenkt.
Der Ursprung der Karten gcht auf das Jahr 1392 zurück. Sie wurden unter Karl VI. zu dessen Zerstreuung erfunden. Karl VI. war geistig nicht normal nd so mußten die Karten manch- mal das ihrige tun, um ben König zu beruhigen. Früher suchte man besonders in Frankreich den Karten zu Kriegszeiten eine kriegerische Bedeutung beizulegen. Pique und Carreaux stellten Bastionen, Zitadellen und Arsenale vor; Kreuz bedeutete einen vorsorglichen Truppenführer, ber zu Lagerplätzen für bie Reiterei nur Weideplätze aussuchte; Herz war das Symbol ritterlicher Eigenschaften; die vier Könige zeigten an, daß die besten Truppen ihre Erfolge nur zum größten Teil ber Geschicklichkeit unb ber Bravour ihrer Führer verdanken. Die vier Buben stellten tüchtige Hauptleute bar, denn früher schätzte man die Schildkn.rppen Wait höher ein als heute. Jeder Ritter mußte Vovher Schildknappe gewesen sein. Die Asse vergegenwärtigsn die Ehre den Reichtum und das Glück.
Diese früher den Karten beigefegte harmlose Bedeutung ist Wohl die einzige, die man gelten lassen kann, denn Carreaur, Pique, Kreuz, Herz usw. können nie und nimmer die geringste Be- btiutung inbezug auf des Menschsn Geschicke haben.
Allerlei.
— Zürich und Bem stehen beständig miteinander auf einer^ Art Kriegsfuß Man kann einem Senter keinen größeren Gefallen tun, als ihm Schlechtes über Zürich zu erzählen. Kürzlich, während einer Periode fuschen Wetters, das zu Ausflügen ins Gebirge wenig geeignet war, ärgerte man sich über die Wetterberichte ber Züricher Wetterwarte. In der Tat meldete genannte Wetterstation während einet langen Reihe von Tagen für den nächsten Tag Sinken des Barometers, Regen und Schnee Und jeden Tag bewahrheitete sich diese Prophezeiung. Eines Tages verlor ein gewisser „Müller" beim Lesen des Wetterberichtes die Geduld, eilte zum Trlegraphenbureau und sandte an bie Züricher Wetterwarte folgende Depesche: „Wenn Sie mit der Ankündigung des schlechten Wetters fort- ■ fahren, werden wir bie Verlegung bet Wetterwarte nach Bem beantragen. Muller." Unb was war die Folge? Am nächsten Morgen meldete die Züricher Wetterwarte gutes Wetter und — das gute Wetter stellte sich ein! -p.