A.Mz«Ser in Mda. w°cheni>cikag«:,Mustrrerte §smitag;zeitung"
Monakbeilagc: «Luldaer GeschlchtsblAter"
Fulda, Donnerstag den 12. August 1909
36. Jahrganq
JV$ 182.
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□ Rücktritt -es KnegAimsters.
In der Leitung des Kriegsministerium» tritt ein Wechsel ein. Der preußische Kriegsminister General v. Einem ist aus seinen Wunsch durch den Kaiser von seinem Posten enthoben und mit der Stellvertretung des kommandierenden Generals deS 7. Armeekorps in Münster. Generals der Kavallerie Bernhardi, beauftragt worden.
Auffälligerweise findet sich weder in der Ausgabe des „Reichsanzeigers' noch in der der „Nordd. Mg. ptg.' von Mittwoch abend irgend eine Notiz über den Rücktritt des Herrn v. Einem. Auch über seinen Nachfolger wird weder offiziell noch offiziös irgend etwas gemeldet.
' Vor etwa anderthalb Jahren erkrankte Herr von ^Einern schwer und sah sich genötigt, zur Besserung seiner Gesundheit einen längeren Aufenthalt in Egypten zu nehmen. Soviel bekannt geworden, hat er jtann wieder, genesen, die Geschäfte des Kriegsministeriums übernommen. Sein Rücktritt kommt deshalb «jetzt ganz unerwartet. Er soll auf den besonderen Wunsch des Generals, an die Spitze eines Armeekorps 'gestellt zu werden, zurückzusühren sein. General von .Einem, der, sobald das Abschiedsgesuch des Generals pon Bernhardi Erledigung gründen haben wird, auch 'zum Kommandierenden General deS 7. Armeekorps er- inannt werden wird, ist in diesem Armeekorps eine bekannte Persönlichkeit. Er hat hier einst das Küraffier- ’regiment Rr. 4 als Kommandeur befehligt und ist später der Chef deS GeneralstabeS dieses Armeekorps gewesen Auch jetzt hat der General noch in seiner Stellung L la suita der 4. Kürassiere besondere Beziehungen zum KorpS. So ist es nid)t verwunderlich, daß General von Einem, der wohl infolge seiner schweren Krankheit die überaus arbeitsreiche Äellung des KriegSminPers mtt einer weniger anstrengenden Tä- ttgkeü vertauschen wollte, gerade den Posten a» der Spitze deS westfälischen Armeekorps wünschte.
Karl von Einem, genannt v. Rothmaler, ist jetzt 56 Jahre alt; er hat das preußische Kriegsministerium sechs Jahre hindurch geleitet. Nachdem er 1898 zum Abteilungschef im Kricgsministerium ernannt worden war, 1900 zum Direktor des allgemeinen Kriegsdepartement«, wurde er drei Jahre darauf Sriegsminister. Im Jahre 1907 wurde er außerdem zum General der Kavallerie befördert. Herr v. Einem ist Inhaber des Schwarzen Adlerordens, der ihm anläßlich der Hun- dertjahrseier deS Kriegsministeriums verliehen wurde. ,Er war, trotzdem er sich bei jeder Gelegenheit durch und durch als Militär zeigte, eine sympathische Persönlichkeit. AlS Debatter im Reichstag war er ausgezeichnet. Wiederholt hat er sich dott al« glanzender Fechter bewiesen. Es muß ihm die Anerkemmg gezollt werden, daß er in seinem Amte überaus segensreich gewirü hat. Bei den Parteien hat er sich durch sein zuvorkommendes Wesen und besonders durch die Offeicheit seines Charakters ein hohes Maß von Achtung erworben.
General der Kavallerie v. B e r n h ar d i, bet bis Ende August beurlaubte Kommandeur deS 7. Armeekorps und mit dessen Vertretung General von Einem beauftragt ist, hatte, wie erinneckich, vor einigen Monaten einen scharfen militärischen Konflikt mtt dem damaligen Kommandeur deS Kürassier-Regiments in Münster Oberstleutnant Grafen von VillerS Dieser nahm bald darauf seinen Abschied, und General v. Bernhardi wird nun binnen kurzem folgen
Deutscher Reich.
* Berlin, 11. Äug. 1909. Der Kaiser und die Kaiserin unternahmen am Mtttwoch morgen in Wilhelm-Höhe einen Spazierritt. Später hörte der Kaiser den Vortrag de» Chefs des Milftärkabinetts, Generalleutnant- Frhrn. v. Lyncker, und besichtigte da- neue Theater in Kaffü. — Da- Prinzenpaar August Wilhelm
SonnenLeuchter^
2] Roman von Erich Friesen.
We au» einem Traum erlvachend, streicht Dr= htanbo sich über die Stirn. Dabei bemerkte der Oberst, daß Orlandos Hand stark blutet
.Sie haben sich verletzt, Signore!' ruft er besorgt. .Gewiß bei Ihrem mutigen Rettungsweck — zeigen Sie einmal her!'
Mit einer ärgerlichen Bewegung zieht Ockando die Hand zurück.
„@8 ist nichts ... nut eine Schramme! ... . Gestatten Sie, daß ich mich Ihnen jetzt empfehle, »eine Herrschaften. Ich werde im Klub erwartet.'
Er reicht dem Oberst und seiner Gattin die Hand und verbeugt fich leicht vor Mitra.
Roch einmal sucht sein Blick die leuchtenden Augensterne in dem rosigen Gesicht de« hingen Mädchen».
Doch die Lider bleiben gesenkt
Minas Seele hat fich wieder in fich selbst Ptrück- yegogen. Die blendende Außenwelt mtt ihr« ber» derbenbringenden Leidenschaften, ihren Wonnen und Qualen ist für sie noch ein verschlossene» Buch.
2.
»Ein merkwürdiger Mensch! Ein Original! Rie wird man an- ihm klug!'
So lautet das allgemeine Urteil über Ockando della Rocca.
Trotzdem — oder vielleicht gerade deshalb ist ft beliebt in der neapolitanischen Gesellschaft.
Da» merkt man auch jetzt wieder, als er, nachdem «r sich von dem Oberst San Martino und seinen Damen verabschiedet hat, hocherhobenen Haupte» die gaffende Menge dnrchschtettet, hie und da einen höflichen Gruß, einen heiteren Zuruf mit leichtem Hut- Lüsten erwidernd.
Die berauschende Musik, die bewundernden »licke, 'der ganze Menschentrubel und Jubel belustigen ihn. ' ES drängt ihn, allein zu sei« — allein mtt feinen .Gedanken
von Preußen trifft am 13. August im Königlichen Schloß zu Homburg zum Kurgebrauche ein. — Der Reichskanzler v. Belhmann - Hollweg wird am 17. oder 18. September in Begleitung des Kaiser- in München erscheinen und dem Prinzregenten Luüpold seine Aufwallung machen.
(*) Die nächste Landtagssesfion wird nach Meldungen Berliner Blätter voraussichtlich erst in der ersten Hälfte des Januar 1910 beginnen.
)( Die Herbstmanöver der Flotte beginnen am 18. August. Vom 30. August bis zum 5. September wird der Kaiser den Manövern in der Nordsee beiwohnen, und für den 6. Sept, ist ein großes Landungsmanöver in der Apen- rader Bucht in Aussicht genommen. Bekanntlich wird Prinz Heinrich in diesem Jahre zum letzten Male als Chef der Hochseeflotte die Manöver der Marine leiten. Auch das sogenannte „Reservegeschwader der Ostsee", dem 8 Küstenpanzer, schiffe überwiesen worden find, wird fich an den Manöoem beteiligen, und es werden auch noch mehr Admirale aktiv Anteil daran nehmen, als dies sonst bisher in unserer Marine üblich war. U. a. wird Prinz Adalbert em größeres Torpedo- boot befehligen.
.'. Nun wird ihnen selbst angst. Nachdem die liberalen Zettuugen und einträchtig mit ihnen die Generalanzeiger und übrigen farblosen Blätter lauge wegen der Zündholzsteuer gehetzt und so da- Volk rabiat gemacht und zur Erhöhung der Preise beigetragen haben, schreibt jetzt der ,Fränk. Kurier":
,3m bayerischen Oberland macht sich die Zünd- holzstener besonders bemerkbar. In vielen Orten kostet da» Paket schwedische Zündhölzer schon jetzt 20 Pfg. und darüber, in manchen Ortschaften sind überhaupt feine mehr zu erhalten, so daß man zu den alten Schwefelzündbölzem, die da und dort noch lagern, zurückgreift. Es ist höchste Zeit, daß diesem Zündholzschwindel endlich einmal ein Ende bereitet wird. Die Steuer tritt erst am 1. Oktober in Kraft, so daß eine solche enorme Preissteigerung, wie sie jetzt schon fast allgemein durchgesührt wird, keineswegs am Platze ist. Leider ist das Publikum ht seiner blinden Einkaufswut zum größten Teil selbst daran schuld, daß die Fabriken und Händler die Preise so abnorm in die Höhe getrieben haben. Wenn hier nicht bald Wandel geschaffen wird, kosten die Zündhölzer lange vor der Etenererhöhung den gleichen Preis wie bei Eintritt derselben.'
• 6 « tuet» Beispiel ber Verhetzung evangelischer Arbeiter finden wir hn Sonntagsblatt für den evangelischen Krchenkreis Aschersleben. Das Blatt berichtet über eine Festrede, die der Pa stör Krause am 1. August bei dem 20. Jahresfeste des Evangelischen Arbeitervereins Aschersleben hielt, folgendes:
„Es ist eine böse Zeit, darum schicket euch in die Zett', von diesem Worte des Apostels Paulus ausgehend zeigte der Redner an mehreren Beispielen, was uns dazu »erantaffe, unsere Zeit eine böse Zeit zu nennen. Die neuen Steuern, der Abgang Bülow», den er in würdiger Weise al» einen echt deutschen Mann feierte, die Rückkehr der Zentrumsherrschast, all das lastet auf unserem Gemüt, ja legt uns vielleicht sogar den Gedanken nahe, aus Derrtschland auszuwandern. Aber wohin? Nach Amerika? Dort find die wirtschaftlichen Verhältnisse und die Arbeitsbedingungen »ft geradezu erschreckend. Nach Spanien? Da tobt jetzt infolge der Herrschaft der Jesuiten die Revolution. Rach England oder Frankreich? Ja diese« Ländern des Parlamentarismus und Sozialismus »acht man jetzt gerade die ersten Anfänge einer Arbetterverücherung. Nur in Deutschland will ich ewig bleiben!
Wäre eS im Jntereffe des konfeflionellen Friedens nicht doch beffer, daß der Herr Pastor aus- wänderte? Irgend ein Plätzchen, wo er sich wohl fühlen und fein bedrücktes Gemüt entlasten könnte, wird fich doch wohl noch finden.
* Hinter den parlamentarischen Kuliffen. Vor kurzem hat der konservative ReichstagS-Ab- geordnete Dr. Dröscher bekanntlich öffentlich mitgeteilt, in der Budget-Kommiffion deS Reichstages habe bei der Beratung der Beamten- besoldungs - Gesetze ein liberaler Abgeordneter erklärt, er werde bei der Abstimmung die KommissionS • Sitzung verlassen, um dadurch die Annahme eines Antrages der Mehrheit zu ermöglichen. Jetzt bezeichnet die .Neiffer Ztg." den nationalliberalen Abgeordneten Dr. Semler als denjenigen, der obige Aeußerung dem Zentrum gegenüber getan habe. — Herr Semler wird nicht umhin können, zu dieser Behauptung Stellung zu nehmen. — Die ,Rationallib. Korresp." erklärt: „Der nationalliberalen Parteileitung ist von einem solchen Vorgehen nichts bekannt. Sollte die Mitteilung deS Neiffer Zentrumsblattes zu- treffend sein, so hat Herr Dr. Semler eben auf eigene Hand gehandelt. Partei und Fraktion sind keinesfalls in Anspruch zu nehmen. *
X Für den Hansabund hat auch der deutsche Zentralverband sür Handels und Gewerbe nicht viel übrig. Er wird in den nächsten Tagen in seiner diesjährigen Hauptver- sammlung in Lübeck Stellung zum Hansabund zu nehmen haben. Im Geschäftsbericht deS Verbandes, der der Einladung zur Hauptversammlung beigegeben ist, wird aber schon über den Hansabund nur wenig günstig geurteilt. ES heißt u. a.:
„Ob wir uns dem sogen. Hanfabunde, der die heterogensten Elemente umschließen soll und schwerlich für die Vertretung des Kleinhandels etwas übrig haben wird, angliedern sollen, darüber wird unsere bevorstehende Hauptversammlung zu entscheiden haben. Schon jetzt steht fest, daß fast sämtliche Borstandsmit» gkieder sowie bk erdrückende Mehrheit der Detaillisten- welt im allgemeinen und unseres Zeniralverbandes im besonderen dem Hanfabunde keine Sympathie entgegenbringt, wenigstens aber eine abwartende Stellung einzunehmen entschlossen ist.'
Sicherlich wird auch die Hauptversammlung fich auf diesen Standpunkt stellen. — Angesichts der Ableugnung seitens der liberalen Presse, daß die Beamten gewissermaßen zum Beitritt in den Hansabund gezwungen würden, ist eine Feststellung des Organs des deutschen Steigerver- bandes höchst bemerkenswert. Der „Technische Grubenbeamte' teilt nämlich mit, daß auf ver- schiedenen „Harpener'-Zechen die Beamten durch Namensunterschrift den Beitritt zum Hansabund erklären mußten. Sie wurden nicht gefragt, ob sie wollten oder nicht. Die Beiträge zahlt jetzt noch die Gesellschaft, das genannte Blatt glaubt aber, daß da- nur vor- läufig so sein wird, um den Beamten die Sache schmackhafter zu machen. Auch auf anderen Zechen soll man nach dem genannten Blatte ähnlich vorgegangen sein.
* Gegen die katholischen Beamten im Reichsamte des Innern erhebt bekanntlich die ,Boss. Ztg/ Klage, sie seien u ter PosadowSky sehr zahlreich geworden. Tatsache ist, daß unter 29 vortragenden Räten, Direktoren rc. 3 Katholiken sind; nimmt man alle dem Reichsamte unterstellten Aemier mit den Präsidenten dazu, so sind unter 39 Beamten 5 Katholiken. Schon da? ist der .Poff. Ztg/ zuviel.
X Die Berliner Stimmrechtlerinnen wollen jetzt gleich ihren Londoner Kolleginnen Propaganda in großem Stile betreiben. Nach einem Berliner Mittagsblatte sollen nämlich die Berliner Stimmrechtlerinnen beabsichtigen, nach dem Muster ihrer englischen Genosfinnen fich im Sep-
tember zu einer Propaganda-Fahrt auf die Straße hinauSzuwagen, um dadurch das Berliner Publikum auf ihre Bestrebungen aufmerksam zu machen. — Wenn die Berliner Damen nur nicht die Rechnung ohne die — Berliner Polizei gemacht haben! Es heißt zwar, daß fie im Gegensätze zu den Engländerinnen fich jeder lauten, lärmenden Kundgebung enthalten wollen. Aber immerhin dürste eine solche Demonstration leicht Anlaß zu unliebsamen Straßenaufläufen geben, und das würde gerade in Berlin auf den Verkehr äußerst hemmend wirken. Also schon auS diesem Grunde dürfte die Berliner Polizei einzuschreiten haben. Daß übrigens die Berliner Stimmrechtlerinnen auf diese Weise Anhang finden werden, ist wohl kaum anzunehmen. Im Gegenteil dürste gerade dadurch ein großer Teil der deutschen Frauenwelt noch mehr abgestoßen werden.
* Wiesbaden, 10. Aug. 1909. In geheimer Sitzung, an der die Bürgerin eist er sämtlicher Städte und der größeren Landorte Nassaus teil« nahmen, wurde beschlossen, bei der Durchführung des Lehrerbefoldungsgesetzes stritte an den gesetzlich festgesetzten Gehaltssätzen festzuhalten und den Lehrern keinerlei Ortszulagen oder sonstige Vergünstigungen zu gewähren. Nur Biebrich, Höchst und Gnesheim sollen Ortszulagen geben, soweit diese znm Ausgleich mit der bisherigen Besoldung erforderlich find.
*♦ Stuttgart, 11. Aug. 1909. Die erste württembergifche Kammer hat daS Volksfchul- gefetz unter Zustimmung zu den Beschlüssen der Zweiten Kammer mit 28 gegen 8 Stimmen an« genommen. Das Gesetz ist damit endgiltig erledigt.
+ Die Koblenzer Versammlung ist sür unsere lieben Freunde rechts und link- ein besonderes Fressen. Die gegnerische Press« findet darin eine willkommene Gelegenheit, sich wieder einmal über di« „konfessionelle Natur" des Zentrums zu ereifern. In allen Parteilagern, von der .Kreuzztg/ bis zum .Vorwärts" geschieht das mit großem Siser, und «S wird allseits mit hoher Freude konstatiert werden, daß die Herren, die an der OsterdienSlag-Kon- serenz beteiligt waren, endlich einmal so ehrlich gewesen seien, die Wahrheit zuzugeben.
Die liberale ,Köln. Ztg." vollends schwimmt in einem Meer von Seligkeit. Mehr als vier Spalten hat sie der Versammlung zu Koblenz, bereits gewidmet und auch hier ist zwischen den Zeilen immer aus's neue der Wunsch des BlaUeS ersichtlich: Möchte es den Anhängern der Roeren, Bitter usw. doch gelingen, das Zentrum als eine kaufestionelle Partei herauszumustern! Dann hätten die Liberalen, das fühlen sie instinktiv, ein leichtes Spiel. Obschon die.Köln. Ztg." zuerst in ihrem Berichte über die Koblenzer Versammlung mitteilte, die Ausführungen Bitters hätten sich in der Richtung bewegt: daS Zentrum ist eine politische und keine spezifisch katholische Partei, faßt sie am nächsten Tage ihr Gesamturteil in den Worten zusammen: „Sv viel ist indes sicher: Alle künftigen Versuche, den konfessionellen Charakter der Z«l- trumspartei abzustreiten, werden scheitern müssen.'
Solche Ausschlachtungen der Meinungsverschiedenheiten über eine sehr überflüssige „Definition' waren vorauSzusehen. ES wäre vielleicht jetzt doch angebracht, daß die maßgebenden Parteiinstanzen zu der Streitfrage da» Wort
und Goldmincnschacherer! Und wer weiß, wa» sonst noch! Unverantwortlich!
Was et vor Jahren verschmäht oder wenigstens nicht genügend gewürdigt hatte, steigt plötzlich bedeutend im Kurs in Orlandos Augen.
Dabei wächst sein Unmut
„Wozu bin ich überhaupt nach Reapck zurückge- kehrt?' preßte er ärgerlich zwischen den Zähnen hev> vor „Hat man's nicht drüben in dem freien Amerllm viel angenehmer? Oder in der heiteren, verfeinerten Lebensatmosphäre von Paris? Dumnckopf, ber ich war, mich wieder in die entschlaffende, entnervende Schirokkolust Neapels zu begehen!'
Verstimmt streicht er Über die Stirn, als wolle er die auf ihn einstürmenden Gedanken wegwischen, ruft einen Wagen heran und fähck rasch nach Hause.
Doch die Lust, in den Klub zu gehen, ist ihm verflogen. Früh begibt et fich zur Ruhe.
Die Begegnung mit Terefita Bartleh hat ihn mehr erregt, als er t8 fich eingestehen will.
Am nächsten Morgen findet et unter den cm gekommenen Korrespondenzen zwei Briefe, di« fein besonderes Jntereffe wecken. Der eine trägt die ktästtge Handschrift des Obersten San Mackino und ladet Orlando in herzlichen Starten für die nächste Woche nach der „Sifla Fortuna' ein, dem Besitztum der San Martinos cuf Capri . . .
Der Brief wird schnell überflogen und mtt befriedigtem Kopfnicken auf den Rauchtisch geworfen.
MU dem anderen, der einen durchdringenden Tuberofendust aussttömt, geht eS nicht ganz so rasch.
Wiederholt dreht und wendet Orlando daS zierliche wsa Kuvert hin und her. Er kennt diese geschnör- ketten Schriftzüge, diesen bermischenden Tuberosmdust; seine Schwester hat ost decket Briefchm von ihrer Freundin erhalten.
„Wenn die grauen doch diese unerträglichen Par- füms beiseite taffen wollten!' denkt et spöttisch. „Die Holden tolfftn gar nicht, wie wir Männer dieses ewig« Parfümieren haffm. Zum Kuckuck! Liebet Kuhstall- grtuch, als solch ekelhaft süßes Zeug!'
(Fortsetzung folgt)
Und nun — welch seltsamer Zufall, der ihn jetzt bald nach feinet Heimkehr, nach mehr benn sechsjähriger Abwesenheit, gerade in dem Augenblicke des Wegs daher führte, als Terefitas Pferde durchgingen und er durch feine ost bewunderte kaltblütige Ent- schlossenhett ihr Lebensretter wurde.
Freilich, ohne cs im Augenblick seiner mutigen Tat zu wissen.
Erst, als er die Pferde znm Sichen gebracht, als man ihn mit echt südlicher Lebhastigkett umringte und ein enthusiastisches „Eoviva!' nach dem anbem in die Lüste schmetterte — da eckannte et das von Angst und Entsetzen bleiche Anttih ber durch ihn vor dem Tode bewahrten Frau.
Ein eigentümliches Gefühl durchzuckt« ihn — halb Freude, halb Unmut.
Rasch lüftete er seinen Hut vor der ihn sprachlos anstarrendm Terefita und eilte davon, um jeder Danksagung zu entgehen.
Und dann kam der Oberst San Martino, der in größter Auftegung bett ganzen Vorfall von weitem mit angesehen, auf ihn zu und führte ihn zu feiner Gattin und zu feiner jüngsten Tochter
Hier verweilen Orlandos Gedankm einige Augen- blicke . . .
Weichet Unterschied zwischm bat Halbschwestern.
Mit säst greifbarer Deutlichkett ficht er die beiden Gesichter vor fich, als et in zunehmender Abenddämmerung das jetzt ruhige, spiegelglatte Meer entlang schlmdert; die bunfien brennenden Augen, di« vollm, aus dem atahastergleichen Antlitz blutrot hervor- glühenden Lippen, die ganze nervös« Beweglichkett in den tiefbrünetten Zügen bet älteren . . . die blauen, wie von innen heraus erhellten Augensterne, dm fefi- gef(bioffenen herben Mund ber jüngeren ....
„Ein wahres EngelSgeflcht —' murmelt Orlando grdankmvoll vor fich hin — „doch für meinen Geschmack zu still, zu unirdisch. Währänd da» anbete — ja, das andere--'
Leise vor fich hinpfeifmd, überläßt et fich feinen Betrachtungen über .das andre' .
Wie konnte Terefita biefen John Bartleh heiraten! Zwanzig Jchte ist er öltet als fiel Dabet Spekulant
So schlendert er langsam, in fich versunken, dm Kai entlang.
Bor wenigen Wochen erst ist er von einer mehrjäh- rigen Weltreise zurück gekehrt. Roch hat et die meisten feiner früheren Bckannten gar nicht aufgesucht.
Aber im Klub, in dem er feine Abende zuzubringen pflegt, erfuhr er bereits die wichtigsten gefell- schastlichm »euigtoten, die fich während seiner Ab- wesenheit zugrtragm.
Sie ließen ihn sämckich ziemlich gleichgittig.
Rur bei der Nachricht, di: schöne, vielumworbene Terefita San Martino habe fich vor etwa zwei Jahren mtt John Bartleh verheiratet, einem englischen Krösus, der feine vielm Millionen — wie Fama behauptet — durch nicht immer ganz einwandfteie Spekulationen in südafrikanischen Goldminmaktien zusam- mmgefcharrt--nur bei dieser in etwas spöttischem
Ton« hervorgebrachtm Nachricht wurde Ockando» Gleichmut aitfgefiMt
Terefita San Martino war die intimste Pensumsfreundin feiner vor sechs Jahren verstorbenen einzigen Schwester Lucia, und Ockando hatte die auffallend schöne, geistsprühende junge Dame stets warm bewundert. Auf Einladung ihre» Vaters hatte er feine Schwester sogar ein paarmal zu Festlichkeitm nach ber Villa San Martino begleitet, und es war ein offen» fcnbigeS Geheimnis, daß die vielbewunderte Terefita
Bruder ihrer Freundin vor allen andern ihrer zahlreichen Verehrer bevorzugte.
Trotzdem kam es zu leinet Deckobung
Ob Orlando« Bewunderung der glänzenden Terefita doch eine zu oberflächliche war für einen Bund fürs Leben, ob die launenhafte Schöne ihm einen Korb erteilt — niemand wußte es.
Als dann die schon von Sindhett an schwächliche Lucia della Rocca starb, ging Ockando, bet feine Schwester innig geliebt, in» Ausland. Er besaß leine Ellern mehr — überhaupt keine nahm Verwandtm. Nichts fesselte ihn an die Scholle. So gab er seiner Reifesehnsucht noch, zumal er keinen festen Beruf, dafür ober genügende Mittel zu einem forglofm Leben nach feinem Geschmack, besaß.