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36. Jahrgang

Fulda, Mittwoch den 11. August 1909

M 181,

Erstes Matt

a)

b)

c)

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. n Ben-

mit strömendem Regen. In unmittelbarer Rahe des Schlaffes wurden einige Kühe vom Blitz erschlagen.

Dienstag nachmittag kurz nach 2 Uhr traf das Kaiserpaar im Sonderzug auf dem Bahnhof Wetter in Westfalen ein, von wo unter begeisterten Huldi­gungen ver unzähligen Tausende, die spalierbildend schon viele Stunden im heißen Sonnenbrand auf die Ankunft des Kaiservaares gewartet hatten, die Auto­mobilfahrt zur H o h e n s y b n r g zur Teilnahme an der 300-Jahrfeier der Zugehörigkeit der Grafschaft Mark zu Preußen aitgetre­ten wurde.

Die Feier wurde bei prachtvollem Wetter zu einem allgemeinen Festtag für den ganzen Bezirk. Die ganze Gegend drangt im reichsten Festschmuck. Der Andrang

Wer hat nun richtiger gehandelt? Die Antwort soll jedem Unparteiischen überlaffen blechen.

6 Die Nationalltberalen sprechen von der Steuer­drückerei der Agrarier, wer aber hat sich von der Talonsteuer (Stempel auf Zinsscheine von Wert­papieren), welche der Reichstag beschlossen hat, durch vorzeittge Ausgabe der ZinSscheinbogen drücken wol­len? Die Direktoren und Llufsichtsräte von 420 Ak­tiengesellschaften, fast alle nationalliberale Großkapitalisten!

Da ist ihnen vom Bundesrat ein Riegel vorge­schoben worden. An der geplanten Steuerdrückerei kann man sehen, wie weit es mit dem Patriotismus her ist!

7. Das Zentrum hat die Rational- liberalen bei der Finanzreform ge­

lt b e r a l e n.

Wären den Nationalliberalen ihre volksfeindlichen Pläne gelungen, hätten sie es fertig gebracht, auch diesmal wieder das Großkapital frei ausgehen zu las­sen ,dagegen die indirekten Verbrauchssteuern noch um 90 Millionen höher zu schrauben, wie sie es wollten und wie es ihr Führer Baffermann am 25. Juni d. I. im Reichstage als Willen der nationatliberaten Partei offen ausgesprochen hat, bann wäre eine solche weit drückendere Finanzreform natürlich in ihren Augen ein vortreffliches nationales Werk" gewesen, weil f i e diese gemacht hätten. Weil ihre Großkapitalisten unO Börsenleute jetzt auch zur Steuerlast entsprechend he r - angezogen werden, und zwar durch das Eingrei­fen des Zentrums, deshalb soll das Zentrum „eine üble Rolle" gespielt haben.

Die nationalliberale Agitation wird mit diesen unwahren Behauptungen kein Glück haben, die 8aröe wird ihr vom Gesicht gerissen werden, und auch die Volkskreise ,die ihr bisher noch Glauben geschenkt haben, werden allmählich einfehen, wie' unwahr diese Agitation ist. Aus dem Wahlergebnis von Neustadt- Landa« kann die nationalliberale Parteileitting diese Lehre ziehen, wenn sie nicht durch ihren Haß gegen das Zentrum schon völlig verblendet ist.

wurden, r

daß den Zuckerfabrikanten keine 35 Millionen Liebesgabe zugewendet wurden, wie es die Na­tionalliberalen wollten,

। daß das mobile Großkapital und die Grund­stücksspekulanten zum erstenmal allgemein besteuert werden.

Daher der ganze Zorn der Rat io na l-

Veutjches tteich

Das Kaiferpaar am Niederrhein.

der Menschenmoffen war ganz getoaltig. Die Spitzen der Regierungs- und Militärbehörden der Provinz Westfalen und des Amsberger Bezicks, die Bürger­meister, Landräte und Vertreter der Geistlichkeit waren schon fett dem frühen Morgen anwesend.

Nach der programmäßigen Begrüßungsansprache hielt der Kaiser eine Rede, in der er namens der Kaiserin und in feinem Namen für die Veranstal­tungen dankte und fortfuhr: Der Umstand, daß mein weiser Ahn Kurfürst Johann Sigismund die Hand auf die hiesigen Lande legen mußte, ist gewiffermaßen ein Werk der Vorsehung, welches zum ersten Male das Haus Brandenburg darauf hinwies, daß seine Aufgabe nicht nur östlich der Elbe, sondern jenseits derselben bis zum Rhein liege. Und dieser Schritt, den mein Haus damals getan hat, hat dazu geführt, daß mit Gotteshilfe trotz vieler schwerer Kämpfe Preußens Königsthron und schließlich der deutsche Kaiserthron hat wieder aufgerichtet werden können. . . Möge Gottes Segen über diesem schönen Lande ruhen, und möge es mir vergönnt sein, auch ferner in Frie­den zu regieren und es dem Lande dadurch zu ermög­lichen, in Frieden zu leben und zu schaffen. Das ist mein Gebet. Ich trinke auf das Wohl der Markancr.

Der Kaiser trank sodann unter allgemeinen Hurra­rufen. Um 4 Uhr bestiegen die Majestäten unter brausendem Jubel die Automobile zur Fahrt nach Schwerte, wo sie den Hofzug zur R ei s e n a ch W i helmshöhe besttegen.

Die Nationailiberalen wollten bereinigen:

400 Mill, indirekte Steuern, 75 Mill. Besitzsteuer,

■475 iWtlL zusammen.

Das Zentrum hat bewilligt:

310 Mill indirekte Steuern,

110 Mill. Befitzsteuern,

420 Mill, zusammen.

bewilligt, die Rattonalliberalen wollten 4 00 Mil­lionen indirekte Steuern bewilligen, ihr Führer Baffermann erklärte wörtlich am 25. Juni 1909 im Reichstage:

„Wir, die nationalliberale Reichstagsfraktton, stehen nach wie vor aus dem Standpunkt, daß wir bereit find, 400 Millionen indirekte Steuern, darunter 250 Millionen aus Branntwein, Bier und Tabak zu be­willigen."

Hierzu noch folgendes:

a) Das Zentrum hat 80 Millionen Branntwein­steuer bewilligt, die Nationalliberalen haben 100 Millionen Mark beantragt;

b) das Zentrum hat 100 Millionen Biersteuer be­willigt, als höchsten Steuersatz 20 Mark, die Natio­nalliberalen haben noch 2 Mark Steuer mehr, nämlich 22 Mack, beantragt;

c) das Zentrum hat 45 Millionen Tabaksteuer be­willigt, die Nationalliber al en haben 90 Mil­lionen Mart beantragt.

Das Zentrum hat also bei Bier, Tabak und Branntwein allein durch fein Eingreifen eine Mehr­belastung von 75 Millionen, welche die Nattonalliberalen schon beantragt hatten, ver­hindert.

2. Die (Steuern mußten bewilligt werden für dauernde Ausgaben und Schulden, die zum großen Teil infolge Bewilligungen der Natio­nalliberalen entstanden sind. Die National- liberalen sind an den Steuern in erster Reihe schuldig, denn sie haben die größten Ausgaben bewilligt und Schulden gemacht.

3. Die .Liebesgaben" auf Branntwein find nicht vom Zentrum eingefiihrt -toorben, sonbern von ben Nationalliberalen im Kartellreichstag von 1887, das Zentrum hat damals gegen die Liebesgaben gestimmt. Den größten Nutzen davon haben nicht die.Junker", (um diese Bezeichnung des nationalliberalen Flugblattes beizubehalten), sondern die nationalliberalen Großbrenner; ein badischer Nattonalliberaler bezieht jährlich 300 000 Mart, kein .Junker" hat auch nur den zehnten Teil davon. Auch diesmal stimmten die National- liberalen für die Forterhaltung der Liebes­gabe.

Dem Zentrum ist es gelungen, jetzt die Beseiti­gung der Maischraumliebesgabe von 12 Millionen jährlich durchzufetzen, die es schon seit Jahren bean­tragt hatte, gegen den Widerspruch der Nationallibe­ralen.

4. Das Zentrum hat mit Fug und Recht gegen b i e Nach laßsteuer gestimmt, welche 21 Mil­lionen Mart Erhebungskosten verursachen sollte, aber auch bie Nationalliberalen haben da­gegen gestimmt, was sie jetzt verschweigen.

Das Zentrum hat ben Antrag gestellt, 150 Mill. Mart als allgemeine Besitzsteuer auf bie große Ein­kommen und Vermögen zu legen, bie Nationallibera­len haben diesen Antrag zu Fall gebracht. Richtig ist, baß bas Zentrum einen Wechselbalg von Erban- .fallsteuer, bet nur 55 Mill. Mk. einbringen sollte, bet die Bauern, Handwerker und den ganzen Mittelstand belastet hätte, das mobile Großkapital aber frei auSgehen ließ, abgelehnt hat. Dagegen hat das Zentrum für guten Ersatz gesorgt durch Bör­sen- und Wertpapiersteuern, Steuern auf die oft mühelosen Riefengewinne der Spekulanten usw. im Gesamtbetrag von 110 Mill. Mk.

Der Antrag des Zentrums, die Steuern auf das mobile Großkapital noch um 40 Mill. M. zu erhöhen, scheiterte an dem Widerstand der Regierung, welche auf die nattonalliberalen Großkapitalistin Rücksicht nehmen mußte.

** Berlin, 10. Aug. 1909. Die Einweihung des Offiziersheims Falken stein im Taunus er­folgt in Gegenwart des Kaisers am 20. August, 12 Nhr mittags. — Wie jetzt fest steht, trifft der Kaiser Mitte des Monates in Fischbeck ein, um der Aebtissin Frau v. Buttlar im Stifte Fisch­beck den Aebtisfinnen-Stab zu verleihen. — Der Stadt Bochum ist vom König das Vorschlags­recht zum Herrenhause verliehen worden.

* Zu ben Kaisermimövem. Vom Sitz der Ma­növerleitung in das Manövergelände wird diesmal kein Zug geleitet werden. Die früheren Benutzer die­ses Zuges ,des sogen. Fürstenzuges, müssen sich, wie es ihnen beliebt, ins Gelände begeben. Ebenso wird auch die Manöverleitung in diesem Iahte zum Pro- vianttransport keine privaten Automobile mieten, da sie heute selbst über genügende Kraftfahrzeuge verfügt.

* lieber bie Volksschullehrerzulage schreibt bie „Nordd. Allg. Ztg.": Durch bie Presse geht die Nach­richt, daß die Ausführung des neuen Volksschullehrer- gesetzes insofern zu Klagen Anlaß gäbe, als ben Leh­ren, die ihnen 1908 aus der Staatskasse für Rechnung der Schulverbände gezahlte einmalige Zulage von 150 Alk. bei der Gehaltszahlung am 1. Oktober b. I. in Abzug gebracht werben solle, sobaß ihnen an bem genannten Tage unter Umftänben ein geringeres Ge­halt gezahlt werden würde, als bisher. Nach § 2 des Gesetzes vom 13. April 1908 sind die Lehrer verpflich­tet, die erhaltene einmalige Zulage zurückzuzahlen, so­bald die mit Wirkung vom 1. April 1908 ab in Aus­sicht genommene Abänderung des Lehrerbesoldungs- gesetzes in Kraft getreten fein wird. Da in dieser Beziehung durch bas neue Lehrerbesoldungsgesetz oom 26. Mai d. I. nichts geänbert ist, kann über bie Rück­zahlungspflicht ber Lehret ein Zweifel nicht bestehen. Soweit aber eine Anorbmmg ber Schulaufsichtsbe­hörde des Inhaltes ergangen fein sollte, daß die ein­malige Zulage am 1. Oktober b. I. von bem Gehalte ber Lehret in Abzug zu bringen fei, so liegt babei bie Voraussetzung zu Gmnbe, baß bis bahin bie Gehalts­regelung betört beenbet ist, daß bie Lehrer bie er­höhten Gehaltssätze am 1. Oft. b. I. ausgezahlt er­halten. Nach ber ausführlichen Anweisung zum Leh- rerbesoldungsgefetz soll bie Wiedereinziehung ber Zu­lagen durch Ausrechnung gegen bie ben Lehrern nach ber neuen Befolbimgsorbnüng von ben Schulverbän­den zustehenden Gehaltsforderungen erfolgen. Die Befürchtungen der Lehrer, daß ihnen am 1. Okt. d. I.

schlagen, es hat erreicht:

baß die indirekten Steuern um 90 Millionen Mart niedriger gesetzt wurden,

daß die Besitzsteuern um 35 Millionen erhöht

Von Cleve aus stattete das Kaiferpaar, tv: gemeldet, Montag nachmittag dem Grafen von tinck und Waldeck-Limpurg auf Schloß Middach - t e n in Holland den angekündigten Besuch ab. — Am Abend wütete in Middachten ein heftiges Gewitter

3 Der Schwindet, der heute von den Liberalen und Sozialdemokraten im trauten Verein unter der Firma „Aufklärung über die neuen Steuern" getrieben wirb, ist geradezu un­verschämt.

Aller Skrupel bar versucht eine durch und durch ; unehrliche Agitation das deutsche Volk gegen die Konservativen und vor allem das Zentrum aufzuhetzen, weil sie die als dringend notwendig anerkannte Fi- nanzreform tatkräftig durchgeführt haben. Daß die neuen Steuern manche Mängel mifweisen, wissen wir srecht gut, wenn die Liberalen an ihnen Kritik üben »wollen, frf ist das ihr gutes Recht, aber sie dürfen »babei nicht vergessen zu sagen, wie sie selber es hätten besser machen können. Ganze sieben Mo­nate haben sie Zeit gehabt, eine gute Finanzreform auszuarbeiten. Warum haben sie es benn nicht ge­tan?

Einen ganz bedenklichen Mangel an Gefühl für Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit verrät es, wenn bie liberale Presse es heute wagt, uns das zum Vorwurf anzurechnen, was ste f elb er zu tun bereit war. Wie soll man es nennen, daß bie „Freis. Ztg." z. B. die Arbeiter- und Mittelstandsfeindlichkeit der Erhöhung des Kaffee- und Teezolles verkün- bet, ba doch feststeht, baß bie Anregung zu biefet iZollerhöhung von freisinniger Sette ausgegan- (gen ist und daß bie Freisinnigen ben Kaffeezoll um 40 Mk. zu erhöhen sich bereit erklärt haben, während die Erhöhung, bie Zentrum unb Konservative beschlos- (fen haben, nur 20 Mk. beträgt. Der Führer ber ba­dischen Nattonalliberalen Obkircher berftieg sich in ! öffentlicher Versammlung zu der Behauptung, daß die Annahme ber Erbmifallsteuer die Höherbelastung ;beS Konsums unnötig gemacht hatte, unb ber natio­nalliberale „Babische Landesbote" bringt es fertig zu behaupten, wenn bas Zentrum für die Erbanfall­steuer gestimmt hätte, bann hätte man keine Steuer auf — Zündhölzer nötig gehabt. Damit ist bie libe­rale Agitation auf bem Niveau bet sozialdemokrati­schen Agitation angelangt. Wenn nur ein kleiner Teil bet Unwahrheiten, welche bie liberale unb bie sozialdemokratische Presse verbreitet, von uns gewagt würde, wir sind sicher, baß in jebem sozialdemokra­tischen Blatte alltäglich der bekannte schöne Satz stände: Sie lügen wie bie Teufel unb schwindeln aus Prinzip i — Aber bie Schwindler find nicht bei uns zu finden.

Ein Beispiel bet skrupellosen liberalen Agitation fielet auch bas Flugblatt, bas ber Vorstanb einer nattonalliberalen Vereins in der Main- aegenb verteilt. Es heißt darin:

„Die große Steuerschlacht im Reichstag ist geschlagen. Eine Mehrheit die aus Konservativen, Zentrum und ben reichsfeindlichen Polen bestand, hat die Finanzresormvorlage der Regierung zu Fall ge­bracht, entgegen dem Willen der überwiegenden Mehr­heit des deutschen Volkes. Eine besonders üble Rolle hat habet das Zentrum gespielt. Noch vor wenigen Wochen spiegelten sich die Zentrumsführer ihren An- -hängern in Reden und Broschüren vor, sie würden stimmen: 1. gegen eine übermäßige Belastung des .Volkes durch indirekte Steuern, 2. gegen die drückenden Liebesgaben zugunsten der Junker, 3. für eine kräftige Besteuerung der Reichen. Was hat das Zentrum m Wiittichkeit getan? 1. Das Zentrum hat die Genuß- mittel ta schärfster Weise verteuern helfen, 2. das Zen­trum hat die Konservativen, die schon zum Nachgeben bereit waren, unterstützt, die Branntweinliebesgaben von 46 Mill. Mark jährlich au3 den Taschen des Volkes ‘in vollstem Umfange weiterzubeziehen, 3. das Zentrum hat eine allgemeine Besitzbesteverung durch eine Erb­schaftssteuer abgelehnt.

Ein Finanzpolittket des Zentrums, ber an ben Kämpfen im Reichstage lebhaft mit beteiligt war, stellt diesen Unwahrheiten gegenüber folgenbes fest:

1. Das Zentrum unb bie Konservativen haben (nur 310 Millionen Mark inbirekte Steuern

1]

weiß gekleibet ist — ohne {eben Schmuck. Rur ein Büschel Veilchen steckt in bem silbernen Gürtel.

Ein breiter weißer Panamahut verdeckt zum Tell das anffallenb üppige, goldig schimmernde Blondhaar, bas sich leicht um Stirn unb Schläfen schmiegt. Das Gesicht ist schmal unb rosig angehaucht, gleich einer frisch erblühten Rosenknospe. Kinn unb Wangen sind zart wie bei einem Klnbe. Nur bie festgeschloffenen, sonst geschlungenen Lippen zeugen von Willenskraft unb außergewöhnlicher Energie.

Soeben spielt bie Musikkapelle bas Intermezzo ans ber „Cavalleria".

Das Stimmengewirr wirb etwas leiser . . .

Plötzlich — ein markerschütternder Aufschrei.

Entsetzt lauscht alles auf unb blickt hin nach ber ben Kai sich entlang ziehenbenSiraße.

Eine Erscheinung von rotleuchtenbem Atlas, wal­lenden Federn, blitzenben Diamanten — vorbei rast ein scheu gewordenes Vierergespann feuriger Schim­mel, eine Wolle von Staub und Tuberofenparfüm zurücklassend ....

Oberst San Martino ist aufgesprungen.

„Großer Gottk War das nicht Teresita?"

Und schon hat er sich Bahn gebrochen durch die erregte Menge unb starrt bie Straße hinab.

Dort hinten — die wie wahnsinnig dahinjagenben Pferbe .... ber leichte zweiräbrige Vucky fliegt von einer Seite zur anbern ....

In fiebernder Hast rennt der Oberst inmitten eines MenschenknäuelS dem Wagen nach

Jetzt eine Schwenkung ber immer toller sich ge= bärbenben Pferde nach rechts — auf die niedrige Kaimauer zu, hinter welcher das Meer schäumt und brandet....

Barmherzigkeit!

Dem Oberst stockt der Atem ...

Da springt ein Mann hervor, stürzt den fich wlld mifbäumenben Tieren entgegen, reifet mit fester Hand bie am Boden schleifenden Zügel an fich--

Der Wagen steht.

„Evviva! Evviva!" jubelte die gaffende Menge, während ein tiefer Seufzer der Erleichterung sich ber schwer atmenden Brust des Obersten entringt

Sc nnenLeuchten.

R> man von Erich Friesen.

(Nachdruck verboten.)

1.

Ein leuchtender Frühlingsabend im Golf von Neapel.

Heimwärts geht die Sonne hinter den Gebirgs- ! kämmen Ischias. In Flammen steht das Meer. So jtoeit der Blick sich in denHorizont bohrt — wogende FeuerSglut....

Drüben der Vesuv mit seiner anmutig geschwunge­nen Wellenlinie erglänzt in herrlichster Farbenpracht. In Wetter Ferne verdämmert das wundersame Schat­tenbild Capris . . .

i Vor dem eleganten Cafe ber Villa Razionale am '.Rai von Neapel hat sich bie vornehme Well eingefun» /den.

Alle Stühle an ben kleinen Marmortischen dicht

besetzt

i Das scherzt und lacht und schwatzt unb kokettiert, .als sei bas ganze Leben ein einziger Freudentaumel, sls sei alles Sterben von dieser Erde hinweggeräumt, (tls gäbe es keine Schmerzen mehr und keine Tränen mnb keine brennende Sehnsucht nach einem höheren, besseren Leben.

Eine kleine Gmppe bildet hauptsächlich das Ziel Neugieriger Blicke.

Etwas abseits von dem Gewühl fitzt in Gesell- ffchast zweier Damen ein graubärtiger, eleganter Herr Zdon mttitärischem Aussehen, der sehr bekannt zu sein itoeint in der neapolitanischen Gesellschaft: denn he- Pändig fliegen Grüße hinüber.

Der Herr, sowie die ältere der beiden Damm et» svidern diese Grüße in HebenSrofirbiger Weise.

Die Jüngere ist augenscheinlich verschüchtert durch idm tofenben Lärm um ste her. Die Hände leicht im Vchofe gefaltet hAt fie den BlÄ zumeist gesenkt (r GlleS Leuchten geht von der ganzen jungfräu» ©efealt aus, die, in wohltuendem Gegensatz zu [in übrigen grellfarbig geputzten Damenwelt, schlicht

Die beiden zurückgebliebenen Damen find wie fest­gebannt an ihren Plätzen.

„Glaubst Du, baß — baß Teresita in Gefahr ist, Mutter?" stammelte bas Mäbchen fassungslos.

„Bei Teresiias Wesen — ste kutschierte wieder selbst, obgleich ihr Mann es nicht wünscht," lautete bie erregte Antwort.

Unb wieder Schweigen ....

Inzwischen ringsum bedenkliche Gesichter unb Tuscheln.

Vergebens sucht bas Orchester burch besonbers ge­wählte Stücke bie Aufmerksamkeit wieder aus sich zu knien. Aller Gedanken konzentrieren sich auf bie schöne Frau, bie, soeben noch ein Bild überfprubeln- ber Lebenslust, jetzt vielleicht mit gebrochenen Glie­dern an ber Kaimauer liegt

So vergeben einige Minuten banger Erwartung. Da kehrt ber Oberst San Martino wieber zurück. Und an seiner Seite eine hohe, kräftige Männer­gestalt.

Lebhafte Ausrufe fliegen ben beiben entgegen.

„Nichts passiert?" .... „Gut abgelaufen?* . . .

„Alles in Ordnung, Herr Oberst?"

Der alte Herr macht eine bejahende Gebärde und j nimmt den Arm seines Begleiters, dirett auf baS Tischchen zusteuernd, an bem bie beiben Damen seiner mit ängstlicher Spannung harren.

„Hier, liebe Emilia — ber Lebensretter meiner Tochter. Ohne seinen Mut und seine Kraft weifte Teresita vielleicht nicht mehr unter den Lebenden."

Voll herzlicher Freude streckt Frau Smi Martino bem hochgewachsenen Manne, der sich tief vor den Damen verbeugt, beide Hände entgegen.

„Daß Sie es gerade fein mußten, der Teresita das Leben rettete! Gerade Sie!" ruft sie bewegt. Lassen Sie mich Ihnen danken, Orlando della Rocca."

Lächelnd wehrt der junge Mann ab.

„Wie können Sie so viel Aufhebens von etwas ganz Selbstverständlichem machen, Signora? Ich kam zufällig des WegcS daher... sah ein Viergespann durchgehen und fiel ihm in bie Zügel. Was weiter? .. . . Daß Ihre Frau Tochter in dem Wagen safe, wußte ich gar nicht." i

Seine Stimme ist merklich kälter geworden. Fast verletzend wendet er sich ab unb blitft hinaus auf die sich mählig bunk-lviolett färbenben Meereswogen.

Das junge Mädchen beteiligt fich nicht an dem Gespräch. Still zuhörend, läßt fie gesenkten BlickS bie Seidenquasten ihres weißen Sonnenschirms durch bie Finger gleiten.

"Sie kennen wohl meine jüngere Tochter noch, nicht?" fragt ber Oberst plötzlich etwas unvermittelt — vielleicht um die eingetretene BerleaenheitSpaufe abzukürzen.

Verbindlich wendet Orlando della Rocca sich bem Mäbchen zu.

»Nein, Herr Oberst. Ich hatte noch nicht ben Vor­zug

„So wollen wir bas Versäumte rasch nachholen. Sieh, mein Kind, dies ist Signor Orlanbo della Rocca, ein alter Bekannter unserer Familie — meine jüngste Tochter Mirra, soeben erst zurückgekehrt aus dem Pariser Kloster, in welchem fie erzogen wurde."

Orlando della Rocca richtet seine dunklen, etwa» tiefliegenden Augen auf das liebliche Gesicht deS jungen Mädchens.

I , -Paris unb das Klosterleben scheint Ihnen vor- zügllch bekommen zu sein, Signorina," meint er lie­benswürdig. „Sie sind ein Bild ber Gesunbheit und — gestatten Sie mir hinzuzufiigen, der — Schönheit und Anmut."

, ?^e Röte steigt in Mirras ohnehin rosig ange­hauchte SBangen.

Langsam hebt sie bie Lider.

Ein verwunderter Blick aus großen, verträumten Augen trifft den Mann.

Einige Sekunden laug ruhen bie Blicke beider in­einander ....

Dann senken sich bie langbewimperten Liber. aufs neue über ben bunkelblauen Augensternen

Orlanbo bella Rocca aber kann ben Blick nicht losreißen von bem Sonnengestcht ba vor ihm, besser» sttlles Leuchten ihm bis in bie tiefste Seele bringt.

„Wer wirb bem Kinde Schmeicheleien sagen!" broht Frau San Martino »eckend. „Mirra ist noch nicht achtzehn Jahre alt, Signore!" (Forts, f.)