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36. Jahrgang

Fulda, Samstag den 7. August 1909.

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Zweites Wtcltt

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Nachlässigkeit oder Trägheit sein, sondern viel­mehr ein Ansporn, auch im weltlichen Ringen und Streben sich als tüchtiger Mann auf, seinem Po- sten, als trefflicher Mitarbeiter in seiner Berufs­stellung zu bewähren. Die treue Entfaltung der Kräfte auf allen Gebieten des weltlichen Lebens ist nicht eine Unterbrechung, sondern vielmehr die rechte Fortsetzung des Gottesdienstes, der in der Kirche begonnen hat. Wer mit Ehre und Er­folg in seinem Berufe alle Kräfte anfpannt, die ihm Gott gegeben hat, der arbeitet mit am Reiche Gottes auf Erden.

Graf Zeppelin ist nicht im ersten Anlauf nach Köln gekommen. Er geriet auf der ersten Fahrt in Gewitter und Stürmen, die ihn zur Ent­sagung und Geduld zwangen. Es wird ihm nicht leicht geworden sein, bei Bonn, in der verlocken­den Nähe des ruhmvollen Zieles, vorläufig zu verzichten und zur Segnung und Sammlung der Kräfte auf den sicheren Landeplatz bei Frank­furt sich rückwärts zu konzentrieren. Aber die Besonnenheit erwies sich als richtig, die Selbst­beherrschung wurde belohnt. Hätte er bei dem ersten Versuch zu verwegen sich weiter gewagt, so würde dre Luftschraube, die nachher in Frank­furt ohne Schaden in Stücke sprang, wahrschein­lich mitten in den Sturm auf einer fremden und hilflosen Stätte ihren gefährlichen Todestanz unternommen haben. Die ganze Luftschiffahrt besteht ja aus einer Reihe von Geduldsproben. Schicksalsschläge und eigene Fehlgriffe vereinigen sich um den Eroberer neuer Bahnen immer wie­der' mit Enttäuschungen heimzi-suchen und vor neue Aufgaben zu stellen. Wer bei jedem Miß- erfolg klagen und verzagen wollte, würde niemals vorwärts kommen, und wer trotz der auftauchen­den Schwierigkeiten mit dem eigensinnigen Kopf durch die Mauer rennen wollte, würde bald zer­schmettert dalieaen. Mut mit Besonnenheit zu vereinen und nach jedem Fehlschlag immer von neuem den Kampf aufnehmen, — das ist der rechte Weg zum Erfolge.

Diese praktische Weltweisheit läßt sich auf das christliche Ringen und Streben anwenden. Der Weg zur Tugend und Vollkommenheit ist steil, enge und voll gefährlicher Stellen. Es geht

nicht alles beim ersten Anlauf, wie es wohl sollte; man strauchelt, man gleitet, man sieht sich zuruck- geworfen. In den Augenblicken der Enttäuschung und Verblüffung musi der Kopf klar und das Herz fest blejben. Wer noch lebt, kann noch einen neuen Anlauf unternehmen, und dem, der auS- harrt, ist die Krone verbeisien worden. Nicht der selbstgefällige Stolz, sondern die bescheiden« Zähigkeit triumphiert schließlich über alle Schwee- rigkeiten. Einen steilen Berg bezwingt man nicht im Galopp, sondern im geduldigen Klettern, langsam und sick-er, die Umwege nicht scheuend.

Kardinal Ferrari von Mailand, der auch jetzt wieder Köln mit feinem Besuche beehrt, hat damals auf dem Kölner Katholikentage gesagt: Germania docet, Deutschland belehrt die SB eit! Er bezog das auf die Organisation der deutschen Katholiken, die als mustergiltig für die anderen Nationen hingestellt wurde. Eine große Ehre für uns, aber auch eine Verpflichtung- Wer als Lehrer gepriesen wird, der muß auch andauernd feine Ueberlegenheit bewähren. Germania docet, Deutschland marschiert als bahnbrechender Lehr­meister an der Spitze, — fo kann man jetzt auch im Punkte der Luftschiffahrt mit Lenkballons sagen. Zeppelin hat uns da einen ruhmvollen Vorsprung verschafft. Tiefe Ehrenstelle muß aber behauptet werden. Wir müssen all unsere Kunst und Kraft daran sehen, nicht bloß das Er­rungene $u behaupten, sondern auch weiter zu kommen in der Ausbilduiig der deutschen Luft- fahrkunst; denn die andern Nationen streben auch immer weiter vorwärts, und wer still steht, wird bald überholt. Wir deutschen Katholiken wollen uns das auch gesagt sein lassen für unsere Or­ganisation und unsere Tätigkeit im ganzen öffentlichen Leben. Rasten wir, so rosten roir und verlieren bald den Ruhm und Vorrang. Also Pflegen wir die Eintracht, die Begeisterung,, die Tatkraft. Zeigen wir durch unser tüchtiges Streben auf den idealen und realen, den gerst- Itdien und den weltlichen Gebieten des Lebens, daß trotz aller Spottreden der Gegner dre „Schwarzen" doch Leute sind, di« in di« Welt passen.

Die offiziöse Presse kündigt neue gesetzgebe­rische Arbeit an. Zunächst handelt es sich darum, ein Ergänzungsgesetz zur Talonsteuer zu fdjaffen, um es den stets „opferwilligen" Geldmännern unmöglich zu machen, das Reich für die nächsten Jahre um die Talonsteuer zu bringen.

Zar Nikolaus hat dem Präsidenten der französischen Republik und dem König von England freundschaftlich die Hand gereicht. Auf beiden Seiten des Aermel- kanals find Reden gehalten worden, die jedoch politisch von keiner allzugroßeir Bedeutung sind. In Frankreich sowohl wie in England versicherte Nikolaus, daß das Bündnis mit Frankreich und die Entente cordiale mit England den guten Beziehungen Rußlands zu Deutschland in keiner Weise Abbruch tue. In Frankreich fand er außer­dem noch hohe Lobesworte über die Vortrefflich­leit der Marine. Dieses Lob wirkt etwas komisch, wenn man berücksichtigt, daß die Franzosen von dieser „Vortrefflichkeit" keineswegs erbaut sind und der neue Marineminister eifrig dabei ist,

daß er um fo ruhiger sterben kann. Auch ohne die Erbanfallsteuer scheint die Sonne und blühen die Rosen, also selbst Liberale haben noch kernen Grund, für immer am Vaterlande und ain Leben zu verzweifeln. Sie brauchen noch nicht zu zit- ern vor der Gefahr, daß nächstens Deutschland ganz fozialdenwkratisch wird. Wenn die Sozial- demokratie Fortschritte inacht, so ist es sedenfalls die liberale Agitation, besonders die hetzerische Sprache der liberalen Presse wegen der neuen Stenern, die bet Sozialdemokratie gÄvaltigen Vorschub leistet, nicht aber die neue Fimmz-

rCf°aber — so könnte man uns entgegenhalten —, die neuen Steuern, namentlich die Ver­brauchsabgaben, sind doch die eigentliche Ursache der Unzufriedenheit, aus der die sozialdemorra- tische Agitation ihren Vorteil zieht. Gewiß eine Mehrbelastung des Volkes bis zu der Gefamthohe von einer halben Milliarde geht nicht ohne Verstimmung und Aergermsse vor sich Wenn die Steuerreform vom alten Block gemacht worden wäre, also mit Hilfe von Liberalen, fo hätte sie auch unliebsame Gefühle ausgelost und Wasser auf die Mühlen der Sozialdemokraten ge- liefert. Denn Fürst Bülow und fern Blocklibera­lismus hätten auch 3 bis 400 Millionen aus den Verbrauchssteuern herausholen müssen., dem Bülowschen Finanzplan war sogar eine star­ke r e Be l a st u n g des Massenverbrauchs vorge- sehen, als wie die neue Mehrheit sie beschlossen hat. Die vielbesprochene Erbanfallsteuer hatte daran nichts ändern können. Die neue Mehrheit hat freilich die Erbanfallsteuer mit ihren Mil- lionen fallen lassen, dafür aber an n.e u e n Besitz­steuern (Grundstücksumsatz, Zinsscheinbogen usw.) über hundert Millionen hinzugefugt, so daß die Steuergesetze in der letzten Fassung die Schonung der schwächeren Schuv ter n so gut, tote es überhaupt m o g l1et) war, gewahrt hat. Weiter ließ sich die Belastung de3 Massenverbrauchs nicht herunterdrücken. Di« neue Mehrheit und die Regierung standen nun vor der Wahl, entweder diese Losung anzu- nehmen oder die Finanznot des Reiches niit ihren schweren Schäden fortbestehen zu lassen. Man hielt im Interesse des Reiches die Vollen­dung der Steuerreform in der jetzt erreichten Fassung für eine nationale Notwendig­keit und patriotische Pflicht.

Dabei war man sich allseitig bewußt, daß man die Erregung in den belasteten Volkskreisen und die Ausnutzung derselben durch die sozialdemo­kratische Agitation in den Kauf nehmen muffe. Wenn die Feuerwehr mit Dampfspritzen gegen ein Schadenfeuer vorgeht, so sieht sie Wasserscha­den voraus; aber sie läßt sich durch das kleinere Uebel nicht abhalten von der energischen Bekainpf- ung des größeren und gefährlicheren Hebels. Der Finanznot mußte unter allen Um­stände n a b g e h o l f e n werden; wenn Partei- politische Schwierigkeiten sich einstellen, so muß man im Bewußtsein der guten Sache sie ßmyoft auf sich nehmen und durch vermehrte Aufklar- ungs- und Sammelarbeit allmählich zu überwin­den suchen. . .

Die neue Mehrheit und die Regierung konnte nicht anders handeln, als wie sie getan hat. Die Liberalen aber haben eine gemeinschLdliche Hal­tung eingeschlagen und die unvermeidlichen Schwierigkeiten der Lage böswillig verschärft. Tie liberalen Redner und Zeitungsschreiber, die bis vor etlichen Wochen iwch in den kräftigsten Brusttönen selbst die unbedingte Notwendigkeit einer 500 Millionen-Steuerreform verkündet hatten, sch to e n f t e n nach dem Fehlschlägen ihrer

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Die liberale „Entrüstung"

üxr „diese" Finanzreform nimmt kein Ende. In Wirklichkeit ist es wohl weniger die Finanz- reform, die die liberalen Mannesseelen in so fürch­terliche Empörung versetzt, als der Aerger dar­über, daß der Block „kapnt" ist und die Liberalen nicht mehr ausschlaggebend sind, jedenfalls hat Has Zentrum mit erheblich mehr Wurde und Gleichmut die Ent st e h n n g des Blocks aufge­nommen als die Liberalen das E n de des Blocks. Bei uns zeigte sich das Phlegma des Starken, aber bei bett Liberalen finden wir jene Nervosi­tät, die immer den Schwächling charakterisiert. Wir wußten eben ganz gut, daß die Blockkapitäne mit all ihren „steifleinenen" Rittern aus dem hakatistischen Flotten- und evangelischen Bundes­lager uns nicht in die Pfanne hauen konnten. Als sich am Abend des 25. Januar 1907 der Pulverdampf verzogen hatte, stand der Zen­trumsturm unerschüttert und unverletzt da. Auch nicht ein Stein war herausgebröckelt. Und des­halb sahen wir auch in Ruhe den Talen das Blocks entgegen.

Die Liberalen aber erheben jetzt nach dem Ende des Blocks ein Geschrei, als sollten sie von den „klerikal-konservatioen Pfaffen und Jun­kern" sämtlich zu Hackfleisch verarbeitet, werden. Keine Sorge! Es wird ihnen gar nichts ge­schehen ; sollte aber jemandem das Leben nicht mehr lebenswert erscheinen, weil die Erbschafts­steuer gescheitert ist, fo hat er jetzt den Vorteil,

Wochen-Rundschau.

[:] Fulda, 6. August 1909.

Stichwahl. 9dun waren die Liberalen angetoie- en auf die HUfe derjenigen Parteien, die sie auf das gröbste bekämpft und fefchimpft batten, ^n der Not mußte sogar Herr Bassermann (feinen, um seine famose Parole vom „Kampf gegen Rom" wieder zu verwässern. Aber dre Verlegenheitsphrasen konnten, den Eindruck! der Tatsache nickst verwischen.. Em Teil der ausße schalteten Wähler hatte w. noch Selbstuberwin- mng genug, um dem liberalen Oehlert die Stimme zu geben, damit nur Nicht em Sozial- femokrat durchkäme. Andere aber vermochten nicht zu erkennen, ob denn der Linksliberale wirk­lich das kleinere Hebet sei im Vergleich mit dem Sozialdemokraten, da doch diese beiden ^arteten neuerdings in der Hetze gegen Agrarier, Konser­vative, Zentrum und alle Steuerbewilliger voll­ständig einig und gleichwertig seien. Die Wahl­leitung des Zentrums konnte beim besten Wi - len ihren Leuten nicht mehr znmuten, als Waht- enthaltung. Von agrarischer Seite wurde zwar die Wahl Oeblerts empfohlen, aber diese Parole der Selbstverleugnung hat offenbar Nicht allge­meine Beachtung gefunden. Wir haben fest Zäh­ren wiederholt gewarnt vor der Unterstützung eines sozialdemokratischen Kandidaten und inus- sen es nur bedauern, wenn in Neustadt-Landau ZentriMisanhänger über die Enthaltungsparole der Partei hinauSgegangen sind. Aber die Libe­ralen haben nicht das minbefte Recht, sich darüber zu beklagen oder gar zu entrüsten. Sie haben bte Parole „lieber rot als schwarz" nur zu oft betätigt und müssen sich also auch die „Gegen­seitigkeit' gefallen lassen. Zudem haben sie ge­rade jetzt ihre allgemeine Taktik und ihr ört­liches Verhalten so eingerichtet, daß sie als gleich­wertige Bundesgenossen der Sozial­demokratie erscheinen und also bei dem ein­fach denkeiiden und empfindendon Wähler nicht mehr auf Bevorzugung rechnen können. Wir wünschen lebhaft, daß arte bürgerlichen Parteien gegen die Sozialdemokratie zusammengehen. Da­zu ist aber ehrliche Gegenseitigkeit er­forderlich, il id daran fehlt es bei den Liberalen. Neuerdings ist ihr ganzes Verhalten der wahre Hohn auf die bürgerliche Solidarität. Wenn die Liberalen fortfahren in dieser Hetzerei nach sozialdemokratischem Muster, so werden sie bei den nächsten Reichstagstoahlen in Dutzenden von Wahlkreisen im Stiche gelassen werden. Neu­stadt-Landau ist zu einem Mene-Tekel-Phares geworden, aber nicht für die Konservativen ober das Zentrum, sondern für die Liberalen.

Kehraus zu halten u. arte ungeeigneten Elemente au entfernen. König Eduard bon England führte dem russischen Monarchen IvO Knegsschlffe vor und betonte mit berechtigtem Stolz, daß dies die mächttgste Flotte sei, die je versammelt war . Der Anblick der Riesenflotte machte auf den russischen Zaren, dessen Flotte sich von der zapanisöhen Schlappe immer noch nicht ganz erholt hat, einen gewaltigen Eindruck und er beglückwünschte Eduard darob. Wir DeutM wünschen, daß die mächtige Flotte dazu beigetragen haben möge, das Selbstvertrauen der englischen Nationin ihre maritime Stärke zu festigen, damtt^endttch»die unbegründete Furcht vor der „deutschen: ©efafe einmal verschwinde. Ganz besonders sympathisch hat es uns Deutsche berührt, daß Eduard feine Marine nicht als ein Symbol des Krieges, son­dern des Friedens bezeichnete.

In Spanien hat die Regierung.anschei­nend die Oberhand behalten. Die Aufständischen sind der Gewalt der Kanonen gewichen. Es wird aber voraussichtlich noch recht lange dauern, be­vor die Rnbe vollständig wieder hergestellt ist. Dazu haben die spanischen Truppen tn Marokko einen schweren Stand. Die Verlufte, .die sie dort erlitten haben, sind recht beträchtlich, em Umftanb, der umso schwerer ins Gewicht fallt, als nach .ln- sicht hervorragender Militärs die spanischen Truppenkontigente überhaupt nicht ausrerchen.

In Schweden haben die Fabrikanten den Forderungen der Arbeiterverbänbe nicht entspro­chen und den daraufhin ergangenen Beschluß der Arbeiter auf Niederlegung der Arbeit mit einer Aussperrung beantwortet. Tann kam es zum Generalstreik, der am Mittwoch begann. Die 3at)I der Streikenden beträgt ungefähr 2c>0U00, wovon 30 090 auf Stockholm entfallen. Das Eisenbahnperfonal streikt nicht, dagegen sind bte Arbeiter der Wasserleitung, der Beleiichtungs- werke und des Abfuhrwesens und der elektrischen Straßenbahn ausständig. Tie Abteilungskontore der Banken sind geschlossen. Sonst ist alles ruhig.

tolltet neue Mehrheit toegfegen. Nun gab bte Sei*3tagsersatzwahl in Ne ustadt- Landau zum erstenmal Gelegenheit, bte Stim- Tmma der Wähler und deren Wirkung kennen zu Ä uÄ= d°. -4 wurde I°i„ tor und lein 8«nttumSmann tnnOTiMWnJ. I«'>1 aber ein Liberaler. Die neumodische Takttk und Agitation des vereinigten Liberalismus ermc| sich als selbstmörderisch. Zugleich bekräftigte bas Wahlergebnis, daß der Liberalismus letzt der wirksamste Schrittmacher, Sozialdemokratie ift Von den sogen, „nationalliberalen Hochbnr Jen in der Pfalz" war Neustadt-Landau als letzte noch übrig geblieben. Den Nest 40;ahrigen Besitzes zu verteidigen, mußte man doch alle Kratt trnb Kunst zusammennehmen. Aber bte lrferalen Herrschaften waren unter dem Einflüße der Be^ liner Ereignisse so berblenbet geworden, daß ne einen taktischen Fehler auf den anderen häuften, bis sie das letzte pfälzische Mandat mutwillig ver­scherzt hatten. Neustadt-Landau gehört zu den Wahlkreisen mit doppeltem Wahlgang,: ferne Partei hat die absolute Mehrheit, es wirb also in der Stichwahl über das Mandat entschieden; -wer siegen will, muß Bundesgenossen aus ande­ren Parteien Hafen. Früher pflegten sich bte torfigen Liberalen die Hilfe der Agrarier, des Bundes der Landwirte, zu sichern, mbent sie einen Kandidaten von ihrem rechten Flügel „aufstellten, der dem Bunde der Landwirte nahestand. Als -solchen Mittelsmann war mich jetzt im Anfang Dr. Bühl in Aussicht genommen. Wer bte Lmksliberalcn wollten einen erklärten Anhänger der Erbanfallsteuer und geschworenen Gegner der Konservativen; daher würbe an Stelle von Buht der Dr. Oehlert ausgestellt. Das war die vielgepriesene „Schwenkung nach rechts". Sie kostete dem Liberalismus die Bundesgenossen- schast der agrarisch-konservativen.' Elemente. Mit noch größerem Eifer stieß man die Zentrums­partei von sich ab. Herr Bassermann, der Führer der Nationalliberalen, den Fürst Bulow als weitblickenden Politiker lobte, hielt es für schön und klug, die Parole des „Kampfes gegen Rom" auszugefen. All die großen und kleinen Gellässigkeiten gegen Zentriim, Ultramontanis- mus und Rom trieben natürlich den Zentrums- Wählern die letzte Neigung zur Unterstützung des Liberalismus aus. Die toeiterbhdenben Führer der Liberalen glaubten, das Zentriim ungestra . beleidigen zu können; sie rechneten nämlich au eine Stichwahl zwischen ihrem Kandidaten und dem des Zentrums, und ertnarfeiten habet die entscheidende Hilfe von der Sozialdemokratie. Der Religionshaß und der Steuerhaß sollten zu­sammen die Roten bewegen, gegen den Zentrums­mann zu stimmen und den Liberalen das Mandat zu verßhaffen. Nun brachte aber die Hauptwah eine verblüffende Ueferraschung. Das Zentrum gab sich ferne rechte Mühe, in die aussichtslo e Stichwahl zu kommen. So bekam der sozial­demokratische Kandidat, die zweithöchste Sttm- menzahl, geriet aber mit den Liberalen in die

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ptraetto- Redakteur:

JSSL ivochenbeiiase! .Mustrlecke SonntagrMng

Unpolitische Zeitlaufe.

(N.) Berlin, 5. August 1909.

(Nachdruck verboten.)

Die Kölner und ihre Nachbarn am Rhein sind zu beneiben. An zwei erhebenden Ereignis­sen zu gleicher Zeit können sie Augen und Herzen weiden. Vom Oberrbein her kommt auf dem herrlich geschmückten Fesffchiff der Vertreter des hl. Vaters mit großem Gefolge an geist­lichen und weltlichen SBiirbeitirägern zum Eucha­ristischen Kongreß, unb an beiden Ufern des Rheins wie in den Straßen des alten heiligen Köln jubelt das Volk in frommer Freude. Und ebenfalls vom Oberrhein kommt in dem silber­glänzenden Luftschiff Graf Zeppelin mit den Genoffen seiner Arbeit unb seines Ruhmes, um jgerade am Jahrestage bes furchtbaren unb frucht» waren Unglücks von Echterdingen feinen neuen Ballon nach Köln zu bringen, wo ihm von allen Straßen, aus allen Fenstern, von allen Dächern die begeisterte Volksmenge entgegenjauchzt. Die Kaiserglocke läutet zu dem heiligen Fest und zu fern weltlichen Fest.

Eucharistischer Kongreß und moderne Luft- schifsahrt, — fromme Gesänge unb das Surren ©er Benzimnotore, — die Kniebeugung vor dem Allerheiligsten des Glaubens unb der Triumph des menschlichen Forschergeistes — wie paßt das zusammen. wie reimt sich bas? Eine solche Frage -können nur die Liberalen stellen, die den Glau­ben für eine Rückständigkeit unb die Andacht für «ne Schwäche halten. Wir aber fagen: Das ist die rechte Harmonie, wenn Glauben und Wissen, Frömmigkeit unb Tatkraft sich gegenseitig sttitzen '«w ergänzen. In beiden Fällen.heißt es: Sar- corda, empor die Herzen! Empor zu dem ^"bn MmächtigÄi Schöpfer unb Herrn, bet seine Nernichkeit und Weisheit offenbart in ben Gna- ..e.ns,K Altars und in den Gesetzen bet Natur,

Mfen Ehre nicht bloß die Kniee sich beugen, ymoetn auch die Hände sich regen sollen in ziel- ?®“UBtem Schaffen unb Streben. Der Christ -<i$ut sich am allermeisten, wenn neue Wunder

in der Schöpfung entdeckt und neue Kräfte dem nach Gottes Ebenbild geschaffeiien Menschen dienstbar gemacht werden, weil jeder wahre Fort­schritt eine Verherrlichung des Schöpfers ist. Wer gern seine Seele zum Himmel erhebt, der weiß auch die Erhebung der Körper in die luftigen Höhen als neuen Triumph des Geistes über bte Materie zu würdigen. Das Zusammentreffen der beiden Ereignisse in Köln soll ein schönes Sinnbild sein von dem einträchtigen Zusanimcn- toirken des alten Glaubens und der neuen Tech­nik, des Kreuzes und des Rades zum Wohle der Pilger auf Erden.

Der Eucharistische Kongreß ist der Betrach­tung unb Verehrung des erhabensten, zartesten, innersten Geheimnisses der katholischen Kirche ge­widmet. Die Gegner erklären oft ben Katholi­zismus für unfriedlich; aber diese Feier, die ka­tholisch ist im allerstrengsten Begriff des Wortes, hat nicht bas geringste feindselige oder verletzende für die Andersgläubigen an sich, unb der Verlauf zeigt ja auch, daß alle wohlmeinenden Nachbarn mit unserer Familienfeier sich leicht und gut ab- finden. Wir gönnen ihnen ja auch von Herzen ihre kirchlichen Festlichkeiten, wenn sie nur von Ausfällen gegen uns frei bleiben. Indem wir das höchste Heiligtum unserer Kirche betrachten und verehren, wollen wir unfern Glauben und unsere Tugend zu wahren suchen, aber wir wol­len durchaus nicht auf Absonderung oder Ent­fremdung im irdischen Leben und Streben hin- arfeiten. Jrn Gegenteil: wenn das deutsche Volk in Folge der Glaubensspaltung unb „Aufklä­rung" auf bem religiösen Gebiete getrennt mar­schieren muß, so soll es doch die Schlachten der wahren Kullur vereint schlagen, b. h. alle guten Kräfte sollen treulich zusammenarbeiten in ber Pflege ber Wissenschaft, der Kunst, der Technik, ber Rechtsordnung, der Verwaltung, der natio­nalen Wohlfahrt unb Kraft.

Leben heißt streben! Dieses Mahnwort gilt für ben Christen in erweitertem Sinne. Er Hai bei feinem Streben zwei Ziele im Auge, das jen­seitige Heil und den diesseitigen Fortschritt. Das gute Gewissen, das ihm die religiöse Pflichter­füllung sichert, fort nicht ein Schlummerkissen ber