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MaerW Zeitung

36. Jahrgang

Fulda, Freitag den 6. August 1909

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xnt et» fpaltigepetttzrileoder bereit Raum 15 Pfg. Seflamendiepetitzelle 25 Pfg., bei wieder- Holungen wirb entfpr. vabatt gewährt.

»otatiottsbrntfMHb Verlag derZuldaer Ak- tieudruckerei in Silbe Fernsprecher Nr. 9.

Blüten würde dann der Argwohn erst treiben, wenn ein Vertrag den Engländern das Recht gäbe, den Umfang der deutschen Rüstungen zu kontrollieren? Bei der gegenwärtigen Stim­mung in England wäre eine solche Kontrolle fein Gewinn für den Frieden, sondern eine schwere Kriegsgefahr. Erst muß die dortige öffent- liche Meinung aufgeklärt und beruhigt werden; dann erst kann man zusehen, ob eine Abmachung über die Rüstungen möglich ist.

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„Das Schlagwort vom „schwarz-blauen" Block sei albern, man wolle mit ihm politische Kinder

ntonatsicUage: „Fuldaer GeschichtrblStter"

♦♦ Er will keine Memoiren schreiben. Man hat in letzter Zeit vielfach die Frage aufgeworfen, ob Fü'rst Eulenburg mit der Abfassung bei Memoiren beschäftigt sei. Hierzu wird nun einem Berliner Blatte, das sich schon des öfteren zum Advokaten des Fürsten aufgeworfen hat, mitge- teilt, daß der Fürst »eber Memoiren geschrieben hat, noch bei feinem Zustande in der Lage ist, ölche zu schreiben, noch überhaupt die Absicht hat, jemals Memoiren zu verfassen. Das Befinden des Fürsten lasse noch zu wünschen übrig.

+ Auf dem bevorstehenden sozialdemokrati- chen Parteitag wird es vermutlich recht lustig bergeben. In Berlin, dem Hauptsitz des radika­len Flügels der sozialdemokratischen Partei, ha­ben am Mittwoch sechs große Versammlung gen stattgefunden, die sich mit dem Parteitag in Leipzig beschäftigten. In allen Versammlun­gen trat zutage, daß die Berliner Genossen recht unguftieben finb, vor allem über die Hal- runz ber Reichstagsfraktion während der Ver­handlungen über die neuen Steuern, bann natürlich über bie Revisionisten unb die „Hof­gänger". Im ersten Wahlkreise wurden die Re­visionisten scharf mitgenommen. Es lagen nicht weniger als vier Resolutionen vor, die das Ver­halten Heines, Franks, Bernsteins, Maurenbre- chers unb der „Hofgänger" verurteilten. Alle Resolutionen würben angenommen. Die Rebner erklärten, baß die Führer sich nicht einbilben foff­en, daß bie Massen Schachfiguren seien, mit benen man nach Belieben spielen könne. Die Haltung ber Fraktion bei ber Reichsfinanzreform würbe als schwächlich bezeichnet. Es hätte unbe­dingt ber Generalstreik inszeniert werben müssen. Auch wurde ber Fraktion vorgeworfen, daß sie es unterlassen habe, Obstruktion zu machen. Es wäre jetzt schwer möglich, eine lebhafte Bewegung im Lande zu entfachen.

]:[ Stuttgart, 4. Aug. 1909. Das Plenum der Zweiten Kammer hat heute die zweite Beratung des Volksschulgesetzes zum Ab­schluß gebracht. Die Zweite Kammer ist den Beschlüssen der Ersten Kammer in wichtigen Punkten entgegengekommen. Sie hat insbeson­dere den Artikeln zugestimmt, in denen die Erste Kammer dem OrtSgeistlich en innerhalb bei OrtsschulratS eine würdigere und einflußreiche« Stellung zugewiesen hat. Die Zweite Kammer hat außerdem, entgegen ihren Beschlüssen in erster Beratung, ihre Zustimmung zu konfessionell getrennten Oberschulbehörden ausge­sprochen und die ursprünglich abgelehnte Beauf­sichtigung des Religionsunterrichts durch die Oberkirchenbehörden angenommen. Der emsige Differenzpunkt von größerer Bedeutung ist fetzt noch die Frage der Höchstzahl der von einem Lehrer zu unterrichtenden Schüler, die nach der Ersten Kammer 70, nach der Zweiten Kammer 60 betragen soll. Die Gesamtabstimmvug in der Zweiten Kammer erfolgt in einigen Tagen.

(*) Dresden, 5. August 1909. Wie sehr nach dem neuen sächsischen Pluralwahl­recht sich die Zusammensetzung der Wähler­klaffen verschoben hat, lassen die Wahllisten be­reits deuüich erkennen. Danach besitzt z. B. die Stadt Reichenbach bei etwa 30000 Einwohnern zirka 5320 Wähler mit zusammen 10160 Stim­men. Von diesen haben etwa 2600 Wähler eine Stimme, 1400 Wähler zwei Stimme», 460 Wähler drei Stimmen und 860 Wähler vier Stimmen. Auffallend ist die Tatsache, daß die Zahl der Wähler mit vier Stimmen die der Wähler mit drei Stimmen um fast daS Doppelte übersteigt, eine Erscheinung, die, soweit Ziffer« hierzu vorliegen, auch in Plauen, Glauchau, Freiberg und Annaberg konstatiert worden ist

ÄÄ«. w-chEas«! Illustrierte Zomtagrzeitung"

mit ber Garnison Schöneberg bei Berlin besteht, auf zwei Regimenter herabgesetzt, während bas Eisenbahnregiment Nr. 3 nach H a n a it über-

veutsches Reich.

•* Der Kaiser hörte Donnerstag an Bord ber „Hohenzollern" in Swinemünbe einen Vortrag eines Marine-Stabsingenieurs über moberne Dampfturbinen.

* Der Reichskanzler v. Bethmann-Holl- weg wird, wie jetzt feststeht, in der Zeit zwischen dem 20. und 30. September seinen Besuch in Wien abstatten. Ebenso wird der Kanzler auch noch vor dem Beginn der Reichstags - Verhand­lungen seinen Besuch in Rom abstatten und sich wahrscheinlich auch noch den süddeutschen Bundes- fürsten in seiner Eigenschaft als verantwortlicher Leiter der Reichspolitik vorstellen.

)( Eine Reihe preussischer Regimenter wird nach öeenbigititg ber Herbstmanöoer Garnison­wechsel vornehmen; u. a. wirb bie Eisenbahn- brigiabe, bie jetzt aus brei Eisenbahnregimentern

gruseln machen. Bismarck sei seinerzeit auch von ven Liberalm von Benninasen bis Richter und Bebel ge­nötigt worden, seine Reform mit dem Zentrum durchzuführen. Als praktische mtschlossme Männer t ie Steuerreform in die Hand genommen haben und statt der Erbschaftssteuer aus Eltem und Kinder nach bet Börse hinüberlangten, da kochte die liberale Volksseele über und Geheime und andere Kom­merzienräte gründetm dm Hansabund. „Der Hansa« bund ist eine großkapitalistische Gründung zum Schutze der Börse, der Banken, der Warenhäuser (bie Börse und die Warenhäuser waren bei der Gründung hervorragend vertreten) und darum ist es zum Lachm oder vielmehr zum Heulen, wie sogar Kleingewerbetreibende, Handwerker, Kleinkaufleute, die von den Warmhäusern und Großen gefressen werden, diesem neuen Licht zuströmen, um sich sicher die Flügel zu verbrennen."

Wir haben bem weiter nichts hinzuzufügen.

siedelt.

* Verlegung der Kaisermanöver. Der zweiten württemb. Kammer ist gestern ein Dringlichkeits- Antrag zugegangen, in bem die Regierung er­sucht wirb, mit Rücksicht auf bie Verzögerung bet langen Ernte, sowie auf bie durch die Ein- »erufung der Reservisten drohende Steigerung der ^eutenot eine Verschiebung der diesmal in Württemberg stattfindenden Kaisermanöver anzuregen. Die Kammer hat die Dringlichkeit mit Zweidrittel-Mehrheit bejaht.

(*) Parlamentarische Statistik. Der Reichs- ag ist, nachdem er die Hälfte seiner normalen Lebensdauer hinter sich hat, geschloffen worden. l?on den Abgeordneten sind, wie die,Voss. Ztg.' mitt eilt, bisher 347 im Plenum als Redner »ervorgetreten, reichlich 87 v. H. Davon ent» allen auf das Zentrum 79 v. H. Die Reden »er Sozialdemokratie umsasien in den amtlichen lieichstagsfienogrammen 212467 Zeilen, auf 'lie freisinnige Fraktionsgemeinschaft kommen 97914, auf das Zentrum 187869, auf die liationalliberalen 141573, auf die Konservativen 127 370, auf die wirtschaftliche Vereinigung >5 617, auf die Reichspartei 61088, auf die Polen 30446, auf die Reformpartei 21008 und auf die elsaß-lothringische Landespariei 3382 Zellen. Die Redner der Regierungsver- treter beanspruchen einen Raum von 118387 Zeilen. Die umfangreichsten Reden halten nach wie vor die Sozialdemokraten; Elsässer, Polen und Zentrum fassen sich am kürzesten. Folgende 25 Abgeordnete beanspruchen die größte Zeilen- zahl in den Stenogrammen des Reichstages: 1) Graf Stolberg, 2) Erzberger, 3) Dr. Paasche, 4) Kämpf, 5) Gothein, 6) Singer, 7) Stadt­hagen, 8) Bebel, 9) Dr. Müller-Meiningen, 10) Ledebour, 11) Baffermann, 12) Spahn, 13) Freiherr v. Gamp, 14) Speck, 15) Dr.

Ausland.

• Bom französischen Kulturkampf. Sui Auxerre wird gemeldet, daß die Geschworenen des donne-Departements vor Schluß der Schwur- gerichtStagung einstimmig eine Resolution^ an­genommen haben, in der der Ministerpräsident gebeten wird, aus dem von den Geschworenen zu leistenden Eide das Wort Gott zu besei­tigen. Eine solche Reform wäre nur die logische Folge jener Verordnung, durch die die Kruzifixe au$ den Gerichtssälen entfernt worden feien. — DaS Apellationsgericht von Agen bestätigte das Urteil der Gerichts von CahorS, durch daS der Bischof von CahorS und mehrere Geistliche wegen Aufreizung gegen die Schulgesetze mit Geldbußen zu 25 und 16 Franken bestraft worden waren, und hob Überdies die dem Bischof zu­erkannte Wohltat deS bedingten Strafauf­schubs auf.

Wiemer, 16) Raab, 17) Gröber, 18) Dr. David, 19) Hur, 20) Notke, 21) Giesberts, 22) Sachse, 23) Heine, 24) Dr. Weber, 25) Dr. Arends- ManSfeld.

X Die f»genannten Berliner Konservativen wollen also doch eine eigene „Partei" gründen. Schon vor einigen Tagen wurde eine neue Organisation der Konservativen Berlins, die „neue ümservative Vereinigung*, an gekündigt. Diese hat jetzt auch einen Ausruf erlassen, in dem die ©teuerpolitit der konservativen Reichstags­fraktion und ihre Haltung gegenüber dem Ex- kanzler getadelt wird. Der Aufruf sagt zum Schluß:

„Fort mit der Zentrumsfreundschaft, die ben staats« und freiheit-feindlichen Ultra« montant-muS stärkt! Fort mit der Engherzigkeit, die die Sammlung aller nationalen Kräfte bekämpft! Auf zur Förderung des inneren Friedens und sried- lichen Wettbewerbs in Stabt unb Land, Landwirtschaft unb Industrie! Aus $mn Kampf gegen bie Demagogie und gegen alle Verschleierungen bei Wahrheit! Wahr, rein, vornehm, in Wahrheit aristokratisch sollen unsere Wehr und Waffen fein! Das ist konservativ! Das alles in aller Treue, bie wie ein Fels bas neue Deutsche Reich nnb unser Kaisertum unwandelbar trägt!-

AuS dem Aufrufe geht bereits zur Genüge hervor, daß die Sinnesart seiner Urheber mehr gonvernemental als konservativ ist, und er läßt zweitens auch klar erlernten, wie stark diese Herren unter dem Banne der Hetze des Evan- gelischm Bundes stehen. Eine besondere Be- dentung ist der neuen Parteigründnng nicht bei- zulegen, und der konservativen Partei kann es nur angenehm sein, daß solch' unsichere Kanto­nisten, die den Namen konservativ wirklich nicht zn recht führen, auS dem Parteiverbande aus- scheiden.

(♦) Der Zarenbesuch in Hemmelmark dürfte auch im Abgeordnetenhause zur Sprache kommen, nicht etwa, weil man ihm irgendwelche politische Beveutung beimißt, sondern wegen der außer-

Dieser Vorgang ist von ber größten Beden- tung für die Frage beS Rüstungsab kommens. Wenn es schon jetzt, bei ber beiderseitigen Rü­stungsfreiheit, zu solchen Mißverständnis- !en unb Zwistigkeiten wegen bes Um- Fanges der deutschen Rüstungen kommt, welche

gewöhnlichen Maßregeln zum Schutze des Zaren- < paareS, die besonders bei der Bewachung des ; Nord - Ostsee - Kanals groteske Formen ange- , nommen hatten. Die Sozialdemokraten sollen < beabsichtigen, eine Interpellation wegen der nm- ; fangreichen Ueberwachung der mffischen Kaiser- pacht „Standart" während der Fahrt durch den Kanal einzubtingen.

Ö England ist noch weit davon entfernt, den deutschen Vetter liebend zu umarmen. Nicht bloß das Volk, sondern auch leitende ©tei­len find von höchst unfreundlichen Gefühlen gegen ihn beseelt. Das hat ein kleiner, aber sehr bezeichnender Vorfall wieder einmal gezeigt, den selbst die Offiziösen in Berlin ungeschminkt als „englische Unfreundliche" charakterisieren: Einige Tage ist es erst her, daß bei einem Fest­essen englischer Offiziere zur Erinnerung an die Schlacht bei Talavera beharrlich unerwähnt blieb, daß damals eine deutsche Legion im englischen Hilfskorps gegen die Franzosen ge­fochten und unter der Führung des General­majors Langwerth v. Simmern einen Teil der Lorbeeren verdient hat. Mußte man dieses Tot­schweigen deutsch-englischer Waffenbrüderschaft bei solchem Anlaß schon als eine Unfreundlichkeit auffassen, so verstärkt sich dieser Eindruck ganz bedeutend, wenn man erfährt, daß die englische Herresverwaltung die Beteiligung von engli­schen Offizieren an der Gedenkfeier der Schlacht bei Minden verboten hat. Am 11. August 1759 haben die verbündeten preußi- scheu und englischen Truppen bei Minden gegen die Franzosen gefochten. Für die unmittelbar bevorstehende Gedenkfeier hatten sich schon acht­zehn englische Offiziere angemeldet, die auf das Verbot hin jetzt ihr Besuch abgesagt haben. Eine Begründung wird die englische Heeresverwaltung für ihr Verbot kaum geben können. Weshalb sollen englische Ojfiziere nicht mit preußischen Offizieren die Erinnerung an gemeinsame Waffen­taten feiern, wenn einige Tage vorher gegen eine Feier der englisch-spanischen Waffenbrüderschaft nichts einzuwenden war? Halten die Engländer das Gedächtnis daran, mit den Truppen des alten Fritz gefochten zu haben, für weniger rühmlich, als die Erinnerung an das Zusammen­gehen mit den Spaniern? Wie ganz anders war es beim 50. Jahrestag der Schlacht bei Solferino im Juni dieses Jahres! Die Er­innerung an eine Schlacht, in der die verbünde­ten Franzosen und Sardinier die Oesterreicher auf§ Haupt schlugen, wurde lebendig. Damals hätten die Oesterreicher vielleicht einige Bitternis empfinden können; fie waren aber großherzig genug, um sich bei den Festlichkeiten durch den österreichisch-ungarischen Generalkonsul von Ve­nedig vertreten zu taffen. Das englische Ver­halten wird dadurch nur noch unverständlicher. — Over man versteht es nur zu gut!

* Kanzlerstürzer. Die von bem Haupt- , verein ber Deutschkonservativen herausgegebene ‘ Broschüre „Die konservative Partei unb bie ’ Reichsfinanzreform 1909" trägt aus ben No- ' vembertagen des vorigen Jahres einige Aus­sprüche liberaler Blätter zusammen. Ein ’ Berliner freisinniges Blatt (.Welt am Montags schrieb am 2. November: „Fürst Bülow ist der ' Hauptschuldige — mit verbrecherischem Leichtsinn ’ hat er Die Interessen des deutschen Volkes ge­fährdet"; unb eine andere freisinnige Zeitung (.Berliner Morgenpost'): „Fürst Bülow hat das Recht verwirkt, auch noch einen Tag länger an ber höchsten Stelle zu stehen". Führende unb zwar sonst gemäßigt nationalliberale Blätter stimmten in ben freisinnigen Chorus: „Fort mit Bülow!" auf baS lebhafteste mit ein. „Auf bas Vertrauen bes brutschen Volkes kann Fürst Bülow keinen Anspruch mehr machen, er sollte bie Zügel ber Reichspolitik unverweilt nieberlegen." (.Magdeburger Zeitung'.) Fürst Bülow kann nicht mehr einen auch nur „noch so kleinen Rest jener moralischen Autorität in Anspruch nehmen, ohne den seine Stellung ein Unding ist." (,Hann. goutier'.) „Zusammenbruch des ganzen (Bülow- schen) Systems der Systemlosigkeit"; „klägliche Motivierung der Unersetzbarkeit deS Fürsten Bülow". „Verabschiedung Bülows selbstver­ständlich". G&tpi. Tagebl.') Und Herr Basier- mann, der glorreiche Führer der nationalliberalen Partei, ließ damals durch die ,Dortm. Ztg.' er­klären: er halte BülowS Verbleiben im Amte für unmöglich. Wenn solche Bummelei in einem Privatgeschäft passiere, würde ber Chef (ber Kaiser!) ben Angestellten (Bülowy entlassen; irn Reichstage habe Bülow jedes Vertrauen ver­loren. Das ist, bemerkt die ^kreuzz.', genau dieselbe Gesellschaft, die die Konservativen jetz als volkS- und landesverräterische Kanzlerstürzer hinzustellen sucht, weil diese nach ihrer politischen Ueberjeugung die Erbanfallsteuer nicht glaubten annehmen zu dürfen. Noch niemals zuvor hat die Heuchelei größere Orgien gefeiert, als in diesen letzten Wochen.

(*) Wie ein Liberaler über den Hansabund denkt, zeigt Herr Schmid-Platzhos, Mitglied ber Ersten Württembergischen Kammer unb früherer nationalliberaler Reichrtagskandidat, ber sich in Nr. 171 der,Südd. Tagesztg.' über Reichssinanz-

. uioBbritannien hat an das deutsch - englische kremtdichastskomitee in Deutschland einen Ausruf «esandt, dem wir folgendes entnehmen:

Wir sind überzeugt, daß unsere Regierung wahr- «ilsqemäß das Verlangen der großen Maffe unserer -and-leute ausdrückt, wenn sie versichertz daß Groß- r r. en mit Deutschland Nicht nur den Frieden, oie freundschaftlichste» Beziehungen msrecht zu erhallen wünscht. Ein Krieg zwischen den ,-wer Ländern, deren wesentlichen Interessen doch m ßzirklichkeit übereinstimmend find, würde em schwer^ Mißgeschick für beide sein .... . Unser Komitee be­dauert aufs tiefste das unzeheure und stete An- wachsen der Ausgaben für die Seerustungen der ,eid?n Länder, die ein so ernsteS und schembar endwfts Hinaufschrauben der Steuern notwendig machen. Eme HerftLndiauug, betreffs Einschränkung der Seerüstungen wird daher von uns als überaus wünschenswert angesehen . . . Das Ergebnis der auf ^riegsrüstungen verwandten maßlosen Ausgaben kann ,ur darin bestehen, daß die Steuerlasten erhöht wnden and daß andere Großmächte bann in die Versuchung kommen, uns gegeneinander auszuhetzen, die wir doch •cn Natur aus die beste» Freunde in Europa sind ...

DemAutwortschreibendes deutsch-englischen Verständigungskomitees entnehmen rott folgendes:

Wir sind eins in dem ernsten Bestreben, Front «u machen gegen die verschiedenartigen Versuche, Zwie­tracht zwischen unseren Nationen zu l^»- Wir stnd eins, daß die Unsummen, welche dte Rustungm zu Waster und »»Lande verschlingen, g r o ß e, sich immer steigernde Lasten den beide» Völker» auferlegen, Welche kaum mehr zu tragen sind, weshalb auch wir 5»e Herabminderung der Rustu» gen sren pia begrüßen würden .. . Wtr sind eins, daß , tzdler friedlicher Wettbewerb die Völker zu Fleiß> tmd । Tatkraft anspornt, aber nie zu Feindschaft fuhren Müte . Wir sind endlich eins, daß es nötig 1 sst. alle Mittel zu ergreifen, die öffentliche Meinung , darauf hinzuweisen, daß wir unser-r gemetnsamen , Gesittung schuldig find, allen Ernstes fü-me Frte- oensvropaaanda Mann für Mann tt»zu treten. DaMbar für den an uns gerichteten Mahn­ruf schlagen wir vertrauensvoll iu die unS dargebotene Hand ein zur ehrlichen Mitarbeit, bestärkt durch die Versicherung, aufrichtige Unterstützung zu fmden auf der anderen Seite des Kanals, der uns eint."

Die Aufrufe legen,in sehr beredter Weise den Wert des Friedens, die Grundlosigkeit und Ver­derblichkeit der Zwietracht zwischen Dsutschtand und England unb die Notwendigkeit der Frie­denspropaganda dar.

Es muß beachtet werden, daß in der Zufchrift des englischem Komitees die Abrustungs- frage besonders lebhaft behandelt wird. Doch wird auf die praktischen Einzelheiten, die bei ^ner solchen internationalen Verständigung in Betracht kommen würden, nicht näher etngegan- ■en Das deutsche Komitee läßt sich auf bie W njchen Einzelheiten erst recht nicht ein, aber inderjeits erweitert es den Gedanken, indem es auch die Rüstungen zu Lande in Betracht zieht. Das rechtfertigt sich auch durch den Umstand, daß fnr das inmitten des europäischen Festlandes ge­legene Deutsche Reich die Wehrkraft zu Lande bie größten Opfer erfcrbert, sowie durch bie Tat- fache, daß in England neuerdings eine starke Agitation zur Schaffung eines Lanbheeres ersten Ranges im Gange ist.

Wer an den bisherigen Rüstungen die Schuld trägt, braucht man in ber Tat nicht zu unter­suchen. Aber hervorgehoben muß boch werden, »aß gegenwärtig die Initiative zu einer Vermehrung und Beschleunigung der Schiffsbau­ten von England auS geht. Deutschland ver­harrt bei dem Flottenbauplans, den es durch Ge- fetz vor aller Welt festgestellt hatte. England hatte

Frühjabr über vier weitere Dreadnoughts die Entscheidung sich Vorbehalten; jetzt hat es be- schlossen, auch diese vier sofort in Angriff zu iwh- !L, so daß sie zum Frühjahr 1912 fc^t fertig «fein sollen. Sei der Beratung dieser Rustungs- Lerstärkung hat die Regierungl nützt aus- schließlich ben deutschen Flottenbau zur Begründung angeführt, fondern auch auf ine Baupläne in Oesterreich und anderen Lan- deren Bezug genommen; aber Herr B a l f o u r, der frühere (und wahrscheinlich auch künftige, Ministerpräsident hat in Uebereinstimmung mtt der öffentlichen Meinung und im Gegensatz zu den amtlich beglaubigten Tatsachen die angebliche Beschleunigung des deutschen Schifffs- baues — bis auf 17 Dreadnoughts int >§ahre (1912 — ins Gefecht geführt. Der Adg. Dillon Hat nun, wie wir gestern berichteten, durch enu Anfrage die englische Regierung gezwungen, nw Ja und Nein offen einzugestehen, daß sie De von der deutschen Regierung gegebene Erkla- Mng der Nichtbeschleunigunz auch jetzt »noch als im gut en Glauben getan aner­kenne und daß bis zu der Bewilligung der neuer vier englischen Dreadnougths keine Nachrich ton die englische Regierung gelangt sei, die eine Aenderung in den deutschen Absichten bet- .muten lasse. Nach diesem amtlichen Anerkennt- ’nis im Londoner Parlament bleibt es also habe , daß Deutschland bis Ende 1912 erst l«i Dreadnougths haben wirb. Die englische ^Gesetzgebung aber faßt ihre Beschlüsse so, als ob schon im Frühjahr 1912 siebzehn deutsche Dreadnoughts vorhanden sein wurden, und daS englische Volk glaubt in seiner übergroßen Mehr­heit an diese eingebildete Gefahr.

Gastes WL-crtt.

Das englisch-deutsche Freund- schaftskomitee