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JV3 173.

Fulda, Montag den 2. August 1909.

36. Jahrgang.

Grstes W0cltt.

® Neustadt-Lanvau.

In der Stichwahl in Neustadt-Landau haben, wie schon telegraphisch berichtet wurde, die So­zialdemokraten gesiegt; die Nationalliberalen er­litten eine „glänzende" Niederlage.

Die Trauer über den Verlust dieses Wahl­kreises entpreßt der liberalen Presse jämmerliches Gestöhne. Es ist ja gewiß überaus schmerzlich für die Nationalliberalen, daß ihnen hier ein Wahlkreis abgeknöpst wurde, den sie 40 Jahre hindurch ununterbrochen besessen haben, der ihr letzter Sitz in der Pfalz war, noch schmerzlicher aber, weil das Wahlergebnis zeigt, daß der neueste nationalliberale Kur§ zum Konkurs führt.

Nach den Ankündigungen Herrn Bassermanns sollte die Wahl den Beweis erbringen, daß die Reichsregierung falsch gehandelt hatte, als sie nach Ablehnung der Erbschaftssteuer nicht Neu­wahlen anordnete. Und gleichzeitig sollte der nationalliberale Wahlsieg der Beweis dafür fein, daß die große Mehrheit des deutschen Volkes die Haltung der nationalliberalen Partei in Sachen der Finanzreform billige.

Diese Spekulationen sind gründlich verhagelt. Wer hat das verschuldet? In tieffier Empö- rung weist die liberale Presse auf das Zentrum. Dieses soll den Wahlsieg der Sozialdemokratie auf dem Gewissen haben und es wird dafür auch gebührend mit allen Kraftworten „natio­naler" Entrüstung überschüttet. Tas sind so nationalliberale Gepflogenheiten: erst hetzt man maßlos gegen die Zentrumspartei und feiert den Fürsten Bülow wegen seines Kampfes gegen „Rom", und dann tut inan gar noch verwundert, wenn Zentrumswähler keine Lust haben, den Liberalen die Kastanien aus dem Feuer zu holen und ihren schlimmsten Gegnern zum Siege zu verhelfen.

Ob, wie die liberale Prefle ohne weiteres behauptet, Zentrumswähler für den Sozialdemo­kraten gestimmt haben, können wir nicht fest­stellen. Wenn es geschehen fein sollte, obwohl das ^Zentrum Wahlenthaltung proklamiert hatte, billigen wir es nicht, aber wir begreifen es. In der Pfalz hat die jahrelange Gewaltherrschaft der liberalen Partei ein Sündenkonto geschaffen, für das sie noch oft wird büßen müssen. Darüber hinaus hat die Art und Weise, wie der Wahl­kampf von den Nationalliberalen geführt wurde, in der Zentrilmswählerschaft tiefe Erbitterung geweckt. Nach der Hauptwahl freilich, die den 'nationalliberalen Kandidaten mit dem Sozial­demokraten in die Stichwahl brachte, fanden die liberalen Redner und besonders die liberale Presse Worte sanfter Mahnung und verschämter Bitten an das Zentrum; aber diese konnten nur den üblen Eindruck verschärfen, den die skrupel- lose Hetze vor der Hauptwahl, als die Liberalen mit dem Zentrum in die Stichwahl zu kommen gedachten, hervorgerufen hatte.

Da war zunächst die unehrliche gewissenlose Verhetzung der Wählerschaft gegen die Mrtarbeit des Zentrums an der Finanzresorm bezw. gegen die neuen Steuern. Die ,Tägliche Rundschau' und die .Kölnische Zeitung' erhalten aus dem Wahlkreise die Mitteilung, daß auch die Hälfte der Bündlerstimmen auf den Sozialdemokraten ge-

Bernhard von der Eiche.

Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach 44] (Nachdruck verboten.)

Ines war schon mehrere Wochen in der For­stei, da kam eines Margens ein Brief von Kurt Krause, denr Berliner Studenten, an seine El­tern an. Er war mit einem jungen Balten be­kannt geworden, und fragte in dessem Auftrage beim Oberförster an, ob Graf Frauenfeld wohl auf einige Zeit als Eleve in die Forstei kommen könne.

„Er hat selbst große Wälder auf seinem Gut in Livland ,und möchte etwas von der Forstwirtschaft verstehen, ehe er heimkehrt. Frauenfeld gehört einem weitverzweigten al­ten Adelsgeschlecht Livlands an. Trotz seiner vornehmen Herkunft ist er ein Mensch, der Euch in keinerlei Weise störend sein wird. Ec erklärte sich von vornherein mit allem einver­standen, wie es ihm geboten wird."

Kurt nannte einen so hohen Pensionspreis, daß Tante Emma aufhorchte. Ihr kam diese Extraeinnahme sehr erwünscht, es gab allerlei im Hause anzuschaffen, und durch die vielen Kin­der kam man nicht dazu.

Der Förster und seine Frau besprachen noch manches, dann sollte der zusagende Brief noch beute geschrieben werden.

Krauses iahen in Ines keine Fremde; sie erschien ilmen vielmehr wie ein liebes Kind, des­halb fand die Erörterung und das Vorlesen des Briefes vor ihr statt. Sie achteten nicht auf das lunge Mädchen. Ines hatte die Näherei sinken lassen. Ihr Gesicht sah halb erschreckt, halb freu­dig erlvartungsvoll aus. Delr Name Frauen­feld weckte die Erinnerung an jenen Tag, wo sie die Unterredung Irmgards mit ihrem Vetter in der Laube gehört hatte. Wie Kurt schrieb, fo gab es ja viele in Livland, die so hießen; es war sogar wahrscheinlich, daß es nicht Graf Artur

fallen sei. Das würde beweisen,welche Empörung die liberale Agitation gegen die neuen Steuern auch in Kreisen, die nicht dem Zentrum angehören, hervorgerufen hot. In diesem Zusammenhänge ist die Mitteilung der „Kreuzztg." erwähnenswert, daß ihr aus dem Lande zahlreiche Zuschriften zugehen, die eine schärfere Tonart verlangen und die berichten von einer zunehmenden Erbitterung der parteitreuen ländlichen Bevölkerung gegen die tobenden und schimpfenden Liberalen, einer Er­bitterung, die es fast undenkbar erscheinen lasse, daß jemals wieder eine konservative Stimme selbst im Kamps gegen die Sozialdemokratie für einen liberalen Kandidaten abgegeben werden könne. Hinzu kam die Kulturkampsstimmung, die in den letzten Wochen die nationalliberalen Wortführer unter dem lauten Beifall ihrer Ge­folgsleute so offenherzig kundgetan halten, di: laute Kampfansage „gegen Rom". Zwar ver- kündete Herr Baffermann in seiner Neustädter Rede, daß er nicht an eine Neuauflage des allen Kulturkampfes denke — als ob den deutschen Katholiken ein Kulturkampf in neuer, vielleicht feinerer Form eine angenehme Aussicht sein könnte! Nimmt man hinzu, daß die Person des liberalen Kandidaten Oehler für das Zentrum geradezu unannehmbar war — im Gegensatz zu dem zuerst ausgestellten Kandidaten Buhl — so muß man zu dem Schluffe kommen, daß die Nationalliberalen ihr Möglichstes getan haben, um die Zentrumswähler in das gegnerische Lager zu treiben. Wer den Zentrumswählern einen Vorwurf machen will, darf der Schuld der Liberalen nicht vergessen. Auch die „Kreuzztg." meint:

„Die Liberalen haben kein Recht, sich zu beklagen. Mit einer unerhörten Gewissenlosigkeit haben sie Vie bürgerlichen Parteien untereinander verhetzt, ein über bas andere Mal erklärt, daß schwarz schlimmer wäre als rot und dementsprechend in dem der Pfalz benachbarten Großherzogtum Baden im engen Bündnis mrt dcr Umsturzprrtei den gehässigsten Kampf gegen Zentrum und Konservative geführr. Ev erntet der Liberalismus jetzt nur, was er gesäet hat, und wenn er, wie es den Anschein hat, aus der Wahl in Neustadt-Landau nichts lernen w.ll, sondern in der demagogiichen Aufwiegelung der Bolksmassen sortfährt, werden die demnächst bevorstehenden Ersatzwahlen in Ko bürg und Halle a. d. S. sicherlich denselben Aus gang nehmen, wie die Wahl in der Pfalz."

Wir bebauetn bie Wahl be§ Sozialdemo­kraten, aber wir beklagen nicht ben Miß­erfolg ber Nationalliberalen. Sie haben sich ihre Nieberlage selbst zuzuschreiben, ja sie müssen sich sagen, baß sie hätten siegen müssen, wenn sie ihrer eigenen Wähler sicher gewesen wären. Entweber sind biefe Wähler 'ern geblieben, ober sie sinb in Masse zu ben Sozialdemokraten übergelaufen. Ein rechtsgerichteter National- liberaler wie ihr erster Kanvibat Buhl wäre zweifellos gewählt worben, benn er hätte, außer der vollen Unterstützung des Bundes ber Land­wirte sicherlich auch die Stimmen berjenigen nationalliberalen und großenteils auch bet Zen­trumswähler erhalten, bie für Oehlert nicht zu haben waren. Ader Herr Buhl war gegen bie Erbschaftssteuer, unb darum mußte er abgesägt werben.

Jetzt können sich bie Nationalliberalen ben Schaben besehen und sich die Ouistung darüber ausstellen lasten, baß ihre Steuerheh; bie sozial- bemoiratischen Händen füllt.

Frauenfeld war; mit Spannung sah Ines dem Tage entgegen, dec ihr Gewißheit bringen sollte. Kurt Krause hatte ihn nicht erwähnt, und cs schien der Ungeduld des jungen Mädchens allzu lange zu dauern, bis der Angemeldete in die Forstei kam.

Tante Emma hatte Ines mit den beiden jüngsten Töchtern mit einer Bestellung in das Nachbardorf geschickt. Es wat ein tüchtiger Gang durch den Wald, der schort ein buntes Herbstkieid anlegte, aber noch war es sommerlich warm und die Luft mild und von jener köstlichen Klarheit, wie sie nur dem September eigen ist.

• „Ines, Gretchen, Anna, er ist dal"

Mit diesem Ruf stürmte Franz, das Nesthäk­chen der Försterfamilie ihnen entgegen.

„O, er hat fein Reitpferd mitgebracht, einen prachtvollen Schimmel; er steht schon in unserem Stall."

Ines fühlte ihr Herz schneller pochen; war es blos die Neugier? War es die Erinnerung dar­an, wie sie ihn einst zu trösten versuchte?

„Wie sieht er aus?" fragte die kleine Anna.

„Fein!" rief Franz. „Einen so langem Schnurrbart hat er!" Der Kleine zeigte mit der Hand eine ungewöhnliche Länge dieses männ­lichen Schmuckes.

„Nein", denkt Ines, „das stimmt nicht, Graf Artur war fast bartlos.

Sie vergaß, daß in zwei Jahren aus dem Jüngling ein Mann geworden ist.

„Furchtbar lustig ist er auch", erzählt Franz weiter. „Er hat mich aufgehoben und auf den Rücken feines Pferdes gesetzt, und mir verspro- chen, daß ich reiten lernen soll. Und dabei haben seine Augen so lustig gelacht, o, ich liebe ihn schon schrecklich."

„Ines, trägt ein Graf ein goldenes Gewand? Es heißt so in den Märchenbücherir", fnagte Gretchen. „So antworte doch, Ines."

„Nein, — ja, ich weiß es nicht." Mit diesen Worten lief Ines davon.

Deutsches Reich.

* Berlin, 1. August 1909. Das Gesetz betr. Aenberung des Schankgefäßgesetzes wirb im „Reichsanzeiger" veröffentlicht. — Der Kronprinz hat an ben französischen Aviatiker Bleriot ein Glückwunsch-Telegramm gesanbt. — Der Fall Bernhard, der wie erinnerlich, in wissenschaftlichen Kreisen lebhaftes Aufsehen er­regte, ist jetzt beigelegt worben. Die philosophi- sche Fakultät ber Berliner Universität erhebt gegen den Eintritt des Professors Bernharb keinen Widerspruch mehr, sobaß er im Oktober feine Lehrtätigkeit beginnen wirb.

+ Die Ausführung des Reichsbesol­dungsgesetzes, bas bekanntlich mit Wirkung vom 1. April in Kraft getreten ist, haben die Zentralhörben jetzt in Angriff genommen. , Es handelt sich dabei um Nachzahlungen an Gehalt unb Wohnungsgeldzuschuß für 1908 unb 1909. Den Nachzahlungen an Gehalt hat für zahl­reiche Beamte eine Neufestsetzung des Besol- dungsdienstalters vorauszugehen. Diese Fest­setzung nimmt jeboch längere Zeit in An­spruch. Im Geschäftsbereich bes Innern sollen daher brr etatsmäßigen Beamten zunächst den Wohnungsgelbzuschuß nachgezahlt er­halten. Die bazu erforberlichen Vorarbeiten sind bereits eingeleilet. Auch bei ber Postverwaltung lassen sich bei ber großen Zahl ber Beamten nicht die Vorarbeiten so rasch erledigen; man hofft jedoch Ende August ben Beamten bie Nach­zahlungen verabfolgen zu können.

** Schonung der Steuerzahler. Reichs­schatzsekretär Wermuth hat einen Erlaß heraus­gegeben, ber ben Zoll- unb Steuerbehörben vor­schreibt, bei der Ausführung ber neuen Zoll- unb Steucrgesehe mit möglichster Schonung vor­zugehen. Klagen unb Beschwerden ber Steuer­pflichtigen müßten soweit als möglich vermieden werben. Insbesondere in ber Uebergangszeit müsse von der Verhängung von Strafen in allen Fällen abgesehen werben, in benen es sich um Orbnungsw'.drigkeilen ober um eine entschulbbare Unkenntnis ber neuen Bestimmungen hanbelt.

4* „Die neuen Reichs steuern." Ein Flug­blatt: „Die neuen Reichssteuern*, gibt soeben die Zentralstelle des Volksvereins für das katho­lische Deutschland heraus. Gegenüber ben außer­ordentlich heftigen sozialbemokratischen Angriffen auf bie Haltung des Zentrums in bet Frage ber Reichsfinanzresonn wirb eingehenb bargelegt, wie bas Zentrum bei ber Notwenbigkeit, 500 Millionen Mark neuer Steuern zu beschaffen, sich bemühte, einen möglichst großen Teil auf bie leistungsfähigen Schultern zu legen, soweit aber Maffenverbrauchssteuern nicht zu umgehen waren, den Ansprüchen einer sozialen teuerpolitik ent­sprochen hat. Die sachlichen Ausführungen bes Flugblattes empfehlen besten Verbreitung auch an solchen Orten, wo bie Agitation gegen bas Zentrum nicht einsctzt. Das zur Zurückweisung gegen sozialbemolratische Schwinbelangriffe vor­züglich geeignete Agitationsflugblatt wirb von bet Zentralstelle unentgeltlich nach solchen Orten ver­sand», welche ben Volksverein eingesührt haben ober in der Agitation zur Einführung sich be­finden. In anderen Fällen erfolgt bie Franko- zusendung gegen nachstehende Nnkostenvergütung: 100 Stück 1 M., 510 Stück 2 M., 1000 Stuck 3 M. Bestellung und Verbreitung der Flug­blätter erfolgt am zweckmäßigsten durch bie Ge-

Sie brauchte heute längere Zeit als sonst, um ihr Haar zu ordnen, daß es ihr gefallt. Tann eine frische Latzschürze um das schlichte, Helle Sommerkleid gebunden und eine Blume in den Gürtel gesteckt. Dann ging sie hinunter, half bei der Zubereitung des goldgelben Eierkuchens mit Speck, richtete den Kopfsalat und deckte den Speisetisch. Als sie eben fertig geworden war, traten der Oberförster und sein neuer Eleve in das Zimmer. Ines wagte kaum aufzufehen, da stellte der Förster vor- „Graf Artur Frauen­feld. Baronesse Ines von der Eiche."

Die beiden jungen Menschen lachten sich fröh­lich an, als sie sich wieder erkannten.

„Sie sind es also wirklich!" rief Ines.

„Ich finde Sie hier!" rief der Graf im selben Augenblick.

Der Förster stand verwundert dabei, bis ihm alles erklärt wurde. Auch die übrigen erfuhren es und eine allgemeine fröhliche Stimmung herrscht an dem schlichten, runden Tisch, dessen einfache Kost dem neuen Hausgenossen trefflich zu munden schien.

„Wie männlich und gut er aussieht", dachte Ines, „aar nicht mehr wie der Jüngling, den ich in Mon Repos kannte. Er hat wirklich, wie Franz sagt, einen stattlichen Schnurrbart und noch dieselben treuherzigen, freundlichen Augen, aber er sieht größer und breitschultiger aus. Ob er Irmgard wiedergesehen bat? Ich wüßte es gern, aber ich kann ihn doch nicht darnach fragen."

Krause und der Grat saßen bei einem Glase röter. Beide rauchten und sprachen über Jagd und verschiedene Jagderlebnisse.

„Gibt es noch Wölfe bei Ihnen?" fragte der Förster.

„Ja, hin und wieder. Leider sind die Bären in unseren großen Wäldern nicht mehr heimisch, dafür kommen sie aber noch oft in Rußland vor.

„Hatten Sie Gelegenheit, einen zu erlegen, Herr Grat?"

schäftssührer des Volksvereins, an die sich bU Interessenten wenden mögen.

+ Eine Absage an den Block von Baffe* mann bis Bebel enthält die ,Neue Zeit', off Wochenschrift der deutschen Sozialdemokrattz Dieses offizielle Organ der sozialdemokratische» Partei meint, es sei nichts schädlicher, als M Gerede von der Sturmkolonne, die von Baff« mann bis Bebel gegen das Junkertum gebihx werden solle. Nichts könnte dem Junkertum «»- wünschter sein, als ein solcher Mischmasch, da weder zu denken noch zu schlagen verstehe. Ans diesem Wege sei den Junkern nicht beizukomme» Jntereffant ist in dem Artikel noch der Hinweis darauf, daß sich in Zukunft nur zwei Partei«» als wirkliche Mächte gegenüberstehen dürste»», nämlich das Agrariertum und das Arbeiterin» Richtiger hätte bie ,Neue Zeit' gesagt: Christes- tum und Antichristentum.

* Karlsruhe, 31. Juli 1908. Die Wahle» für die Erste Kammer sind auf den 10. Nooem» vember und die für die Zweite Kammer auf de» 21. November d. I. anberaumt worden.

Ausland.

** Der Zar und Präsident Falliöres sind am Samstag auf der Reede von Cherbourg zusammengetroffen. Präsident Falliöres begab sich in Begleitung des Ministers des Aus- wärtigen, des Kriegs- und Marineministers sowie des russischen Botschafters auf dem Kreuzer „Galilee". Nach dem Eintreffen der russischen Schiffe begab er sich an Bord des „StanVarl" zur Begrüßung des Zaren und bat biefen, bie Revue über bie französische Flotte abzunehmen. Beide Staatsoberhäupter bestiegen alsdann ben Kreuzer „©alilee" unb fuhren an ven französi­schen und russischen Schiffen vorüber. Später machte der Zar dem Präsidenten Falliöres' einen Gegenbesuch an Bord des Panzers „Scrile". Tort sand ein Galadiner statt. Am Vorabend des Zusammenstreffens war an Bord des „Galilse" eine Meuterei ausgebrochen, die auf die sozialistische Propaganda gegen den Zarenbesuch zurückgegführt wird. — Allgemein bemerkt wird bas Fernbleiben des neuen Ministerpräsidenten von dem Besuch, des ehemaligen Sozialisten Briand. Bemerkenswert ist das Bemühen ber Pariser Prefle, gegenüber der großen Gleichgiltigkeit, welche die Oeffenttich- feit ber Begegnung entgegenbringt, den politi- icheu Wert des Zweibundes nach Möglichkeit zu unterstreichen. Selbst Sozialistenblätter wünschen, baß man ben russischen Zaren als Freund und Verbündeten empfange, zumal er das parlamen­tarische Regiment eingesetzt habe.

* Das dänische Kabinett, an dessen Spitze Neergaard stand, hat am Samstag dem König bas Entlaffungsgesuch überreicht. Mit dem Rück­tritt Neergaarbs und seines Ministeriums rech­nete die dänische Prefle schon seit einer Woche und länger. Denn es war immer klarer gewor­den, daß der Ministerpräsident für den entschei- benben Abschnitt in seiner LandesverteibigungS- Vorlage, der vorgeschobene befestigte Position» auf der Landseite Kopenhagens vorsieht, auch in ber brüten Lesung keine Mehrheit im Folketinz, finden würde. Deshalb hat das Ministerium di« dritte Lesung gar nicht abgewartet und ist zurück­getreten.

„Mehrere. Es gehört zu meinen liebsten Ver­gnügen, solchem braunen Gesellen eins auf den zottigen Pelz zu brennen."

In fesselnder Art berichtete Frauenfeld von einer Jagd im vorigen Winter im Petersburger Gouvernement. Dort hatte er das settene Glück gehabt, an einem Tage zwei Bären und einen Elch zu erlegen.

„Irmgard war damals gerade in Peters­burg", dachte Ines. „Er hat sie also oft gesehen. Gewiß liebt er sie nach wie vor; wie könnte er sie vergessen haben, sie, die so wunderschön ist, so anziehend für alle."

„Jedenfalls aber machte Frauenfeld nicht den Eindruck, einen Kummer zu tragen, er sah viel­mehr heiter und lebensfroh aus. Seine lustigen, blauen Augen lachten, sein Gesicht war frisch und hatte einen gleichmäßig zufriedenen Ausdruck.

Mit Eifer stürzte der Schüler des Oberför­sters sich in die Arbeit, die ihn viele Stunden cm Tage im Walde festhielt. Er hatte die schmucke, grüne Jägertracht angenommen, und der kleine Franz meinte:

„Der Herr Graf sieht wie der Prinz im Mär­chen aus, wenn er auf seinem Schimmel sitzt." Sie gewannen ihn schnell lieb in der Forstei; es war, als ob er schon lange unter dem Dach des braunen Hauses gelebt habe. Schlicht und natürlich gab sich der junge, vornehme Arista- Irat, der sich nichts auf feinen Titel einbildete. Dazu war er zu aufgeklärt. Nachdem er von Irmgard Gerard abgewiesen worden, verbrachte Artur Frauenfeld längere Zeit in Amerika, wo nur der etwas gilt, der etwas Tüchtiges leistet, wo Geburt ein nebensächliches Ting ist, auf das kein Wert gelegt wird.

Abends bereinigten sich die Hausgenossen um die große Hängelampe; der Förster las die Zei­tung vor, oder es wurde musiziert. Ines sarra und Frauenfeld begleitete sie. Oft kamen auch befreundete Familien in die Forstei, und bei ber. stets herzlichen Aufnahme fehlte es nie an Hei­terkeit. Die Jugend vereinigte sich -m iroen.6