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36. Iahrqang

Fulda, Samstaq den 31. Juli 1909

JV? 172

Zweites Wtcltt

des Zarenbe- Briands ge­ben Mauern Ob sie aber

den gegen den Zaren nicht fehlte, schon Sozialisten Plauen, anläßlich fuchs frühere revolutionäre Reden gen den russischen Souverän an

♦ Vom Kommando der britischen Mittelmcer- flotte ist der Herzog von Connaught zurückgetre­ten, da er der Meinung war, daß die Mittel­meerflotte gegenüber der Nordseeflotte vernach­lässigt werde und damit das Kommando der ersteren zu unbedeutend geworden sei.

** Die türkischen Volksvertreter sind mit der gemäßigten Haltung der türkischen Regierung in der Kretafrage durchaus nicht einver­standen. In der Kammer wurden kriegerische Telegramme aus allen Teilen des Reichs ver­lesen. Mehrere türkische, albanisch; und ara4 bische Deputierte hielten unter lebhaftem Beifall begeisterte Reden, in welchen sie die Regierung aufforderten, energisch vorzugehen, und, erklär­ten, daß alle zum Kampfe bereit seien, um die griechische Flagge auf Kreta zu zerreißen und eine Negierung zu vernichten, die diese Flagge ans Kreta gehißt habe. Unter dem Eindruck die­ser Kundgebung hat die Pforte ihre Botschaf- t e r beauftragt, den Kabinetten der Kreta-Schutz­mächte mitzuteilen, daß, wenn auf Kreta die grie­chische Flagge gehißt werden sollte, die Türken energisch v o r g eh e n und die Fahne selbst herunterholen würden.

* Ter Kaiser von Abeflinien, Menelrk, ist nach einem Telegramm des „Berl. Tageblattes" von einem Schlaganfall getroffen worden, der ihn am Sprechen hindert und lebensgefährlich erscheint. — Wie man weiß, besteht die Befürch­tung, daß nach dem Tode des klugen unb im besten Sinne staatsmännischen Menelik die frem- denfcindliche Kaiserin und die nur durch Mene« liks gewaltige Autorität gezügelten Fürsten da» Reich in schwere Wirren stürzen und auch eine Austreibung der Europäer versuchen könnte^, was dann freilich unzweifelhaft eine „aktive Po­litik" der Engländer und Franzosen zur Folg« haben würde.

volkswirtschaftliches und Soziales.

~P Tarifverträge der christlichen Bauhanb- Werfer. Ein umfangreiches, 312 Seiten um­fassendes Werk hat der Zentralverband christlicher Bauhandwerker und Bauhilfsarbeiter (Sitz Berlin) über die von ihm abgeschlosfenen Tarifverträge herausgegeben. Danach schloß der Verband im Jahre 1907 173 und im Jahre 1908 105 Ver­träge ab. In 155 Verträgen ist eine Schlich- tungekommiision vorgesehen. Die festgelegte Ar­beitszeit schwankt zwischen 8 und 11 Stunden täglich. In 107 Verträgen ist eine Mindest- Winterarbeilszeit festgelegt, die zwischen 7 und 9 Stunden schwankt. Von sonstigen Bestimmungen regeln die Verträge die Auflösung des Arbeits­verhältnisses, die Lohnzahlungsperiode, die Zu­schläge für Ueberstunden, für Nacht-, Sonntags­und sonstige qualifizierte Arbeit; die Lohnbemessung sür Junggesellen und sür invalide Arbeiter; die Dauer der Abmachung, die Kündigungsfrist der Verträge usw. Es gelten von den im Jahre 1908 abgeschlossenen 105 Verträgen, 68 für Maurer, 55 sür Zimmerer, 47 sür Bauhilfs­arbeiter, 6 sür Dachdecker, 7 sür Stukkateure, Gipser, Pliesterer, 3 sür Fliesenleger, 2 sür Zementarbeiter, 1 für Rabitzputzer, 1 für Runter­putzer, 4 für Steinhauer, 2 für Steinarbeiter und 1 sür Säger. In den beiden letzten Jahren (1907—1908) war der Verband an 383 Lohn­bewegungen beteiligt. Durch dieselben wurde

Ausland

** Einen jedenfalls erfolgreichen Schritt ge­gen den Dnellunsug haben die Aerzte her italie­nischen Provinz Bergamo getan. Sie erlas­sen eine Erklärung, in Zukunft niemals mehr bei Duellen ärztlich mitzuwirken. Außerdem soll eine strenge Kontrolle errichtet Werben, nm zu verhin­dern, daß irgend ein Arzt gegen diese Bestimmung verstoße. Man nimmt au, daß die Mehrzahl der anderen italienischen Aerzte diesem von der Re­gierung unterstützten Vorgehen folgen werden. Bekanntlich ist der König in eigener Person Pro­tektor der Antiducllgeiellschaft.

änderte dann diesen Termin auf 1. August um. Man kann also nur dieser Behörde bte Schuld geben, wenn ein Berschen vorliegt.

Der Hansabund macht fortgesetzt mächrig Reklame. Uebcraü im Lande wird in einem Teil der Presse für dieses Neue politische Gchilde die Werbetrommel gerührt, wobei es auch an allerhand Uebertreibunqen nicht fehlt. Um auch bett Mittelstanb für den Bund zu erwärmen, har man bas Fähnlein ber Mittelstandsfreundlichkeit herausgehängt, nicht ganz ohne Erfolg, benn eine Anzahl derer, die nicht alle werden, hat sich durch die fchrnen Phrasen betören lasten. Schon die Tatsache, daß die Narionalliberalen im Hansa- bund die Drahtzicher sind, sollte genügen, um die MittelstandLfreuudlichkeit des Hansabundes ins richtige Licht zu rücken. Was haben die Na­tionalliberalen bisher für den Mittelstand ge­leistet? Wir sagen, nichts, und eine Widerlegung dürste dm Herren ans dem nationalliberalen Lager sehr schwer werden. Die nationalliberale Partei hat sich in den Fahren 1881, 1883 und 1884 gegen jede Erweiterung der Rechte der Innungen ausgesprochen; 1883 stimmte sie gegen das Gesetz Mr Einschränkung des Hausierhan­dels: 1884 und 1890 stimmten die Nationallibe­ralen gegen bett Allgemeinen Befähigungsnach­weis. Das sind nur einige Proben ber „Mit- telftcwbsfreunblichkeit" ber Nationalliberalen. Wir könnten diese Aufzählung bis ins Endlose fortfetzen.

Zar Nikolaus von Rußland ist auf einer Reise nach Frankreich und England begriffen. Auf deutschem Boden hat man zur Sicherheit des Zarenpaares die umfangreichsten Maßregeln ge­troffen. Eine kriegsstarke Kompagnie des ersten Seebataillons und vierzig berittene Gendarmen unterhielten einen Patrouillendienst auf der mehrere Kilometer laugen Chanssee von der Brücke in Borbq, wo das Zarenpaar deutschen Boden betrat bis zum Schloß Hermelmark. Auch

In Spanien ist die Lage äußerst ernst ge­worden. Das Marokkoabenteuer ist dem Kömg- reiche zum Verhängnis geworden. Die revolutio­nären Unruhen, die infolge ber kriegerischen Un­ternehmungen gegen bie Niffkabylen entstanden sind, haben zu blutigen Zusammenstößen zwischen Militär unb Bevölkerung geführt. Ein leiben- schaftlicher Aufruhr hat bas ganze Land ergrif­fen. Die Soldaten weigern sich, sich als Futter für die Flinten der Mauren verfrachten zu lassen und kündigen ihren Offizieren den Gehorsam, bie Frauen reißen bie Schienen auf, um die Eisenbahnzüge an ber Abfahrt zu verhinbern, bie ihnen ihre Ernährer in den sicheren Tob ent« sichren sollen. Die spärlichen Nachrichten, bie ans Spanien kommen, zeigen gleichwohl den furcht­baren Ernst ber Lage. Die in Barcelona zuerst aufgetauchte Einspruchserhebung gegen ben marok­kanischen Krieg, bie bort sofort revolutionären Chartkter annahm, behnt sich auf anbere Provin­zen aus. Die Re-gierung ihrerseits scheint ent­schlossen, mit unbarmherzigster Härte gegen die Aufrührer und Barrikabenkämpfer vorzugcjhetzt, die in Barcelona bereits Klöster und Häuser ein­äscherten und nun in Madrid auch gegen da? königliche Schloß vorgehen. Man fragt sich, was werden soll, wenn dieBevölkerung erst die wahren Verlustziffern der im Riff kämpfenden Soldaten erfährt, bie ihr bis jetzt verschwiegen werden. Unb Wenn man sie ihr weiterhin verschweigt, so Wirb sie aus dem Umfang ber TruppenNachschübe auf die Lücken schließen, bie man cutssiiüen muß. Tie Regierung hat sich bereits zu einem außer­ordentlichen Schritte entschließen müssen, ber ber gewaltsamen Beruhigung dienen soll, aber zum Anfang neuer unabsehbarer Wirren werden kann. Sie hat die Verfassungsgarantien für ganz Spanien aufgehoben. Ein bedenkliches Symptom in ber Bewegung ist, daß sich ber Haß ber Menge auch gegen den König Alfons richtet, der bislang sehr beliebt War. Am Donnerstag Würbe er von der feindseligen Bevölkerung Ma­drids ausgezischt, und häufig Würben bie Rufe v nnehinbar: „Nieder mit Alfons! Nieder mit der Dynastiel"

Die Tarifverhandlungen der Vereinigten Staaten beanspruchen auch das Interesse Europas, da von deren Ergebnis das zukünftige Handelsverhältnis zum Onkel Sam abhängt. Prä­sident Tast sucht in letzter Zeit die Forderungen der extremen Hockschutzzöllner zurückzuschrauben. Er hat dabei seinen ersten wirklichen Kampf als Präsident auszufechten. Es handelt sich um ben Z.oll auf Häute, bie nach Taft zollfrei bleiben sol­len. Die Hocksckmtzzöllner im Senat mackten bie energischsten Anstrengungen, um Tafts Plan zu durchkreuzen. Schließlich drang Tast aber doch durch. _______

große Frage, da die französische Regierung ent­schlossen ist. jedwede sozialistische ober revolutio­näre Kundgebung, durch bie Frankreichs auswär­tige Beziehungen ©djaben leiden könnten, zu un- terdriicken.

Fran kreich hat jetzt ein neues Ministeri­um, an dessen Spitze Briand steht. Es fand so- wohl in der französischen, wie auch in ber aus- länbischen Presse im allgemeinen eine günstige Aufnahme. Das neue Ministerium will sich im Fahrwasser des Ministeriums Clemenceau halten. Für bie Kirche ist auch von den neuen Männern nicht viel zu erhoffen, benn Briand ist wie Cle­menceau ein enragierter Kirchenhasser.

In England hat die Regierung, wieder mal ihren liberalen Prinzipien untreu, vereint mit der Opposition einen „Sieg" errungen, in­dem die vier Eventual-Dreadnoughts schon bald auf Stapel gelegt werden können. Natürlich wird dadurch der Heißhunger der Flottenenthusiasten noch keineswegs gestillt. Die Flottenagitation geht weiter trotz aller Abrüstungsphrasen.

wochen-Uundjchau.

[:] Fulda, 30. Juli 1909.

Seitdem die Linke ihre Mitarbeit an der Fi­nanzreform versagt hatte, ist in ber ganzen ihr ergebenen Presse, von ben führenden Organen angesangen bis herunter zum Duobezblättchen, ein heftiges Kesseltreiben gegen bie Parteien entstauben, die, da die Linke ihre absolute Un­fähigkeit in ber Steuerfrage in eklatanter Weise erwiesen hatte, bie Finanzreform allein zu Enbe führen mußten. Um das Volk gegen Zentrum und Konservative aufzustacheln, wirb demselben bie Wirkung ber neuen Steuern in den schwär­zesten Farben ausgeinalt. Dieses ganze Gebüh­ren richtet sich von selbst, Wenn man bedenkt, daß die Steuern, gegen deren Wirkung jetzt mobil gemacht Wird, gerade von denjenigen Parteien, und zwar zum Teil in noch verschärfter Form vorgescklagen Wurden, die sie heute bekämpfen. Ging doch anfänglich der Finanzplan ber Ver­bündeten Regierungen mir Zustimmung ber Li­beralen dahin, 400 Millionen auf ben Massen- konsum zu legen. Die neue Mehrheit erreichte es, baß die Verbrauchssteuern (ohne die Glüh­körper und Schaumweine nur 285 Mill. M) auf 310 Millionen M ermäßigt Worden sind. Was hat also bie neue Mehrheit so Schlimmes getan? Sie hat einfach dem Volke einen Teil ber Lasten, die von den Liberalen projektiert Waren, abge­nommen unb auf stärkere Schultern gelegt. Wenn man diesen Umstand berücksichtigt, bann erscheint die ganze künstliche Aufregung ber Presse der Linken als eine frivole Mache, nur darauf berechnet, die Reihen ber Linken zu stär­ken. Ob düs Mittel aber bei ber Masse ver­fangen Wirb, ist eine andere Frage.

Dieselben Leute, die über die Zugeknöpftheit der Konservativen den Mund nicht voll ge­nug nehmen konnten, sehen Wir gegenwärtig eif­rig an ber Arbeit, das Reich für die nächsten Jahre um die Talon st euer zu bringen. Das Wird ihnen dadurch ermöglicht, daß der Wort­laut — nicht bie Absicht des (Gesetzes — eine kleine Lücke läßt. Diese benutzen die „vater­landsbegeisterten" Patrioten aus den Kreisen : „von Bildung und Besitz", um die Finanznot des ■ Reiches erst recht nicht heilen zu lassen. Wie wir aus den Mitteilungen im Reichsanzeiger nach­gerechnet haben, belaufen sich die Steuerhinter- siehungen des Großkapitals bis jetzt auf über 60 Millionen Mark. Der Reichstag kann diese Gel­ber dem Reiche nicht entgehen lassen. Er muß ein kleines Gesetz machen, das bie Nachbesteue- nung anordnet und das für die Gesellschaften, die das Gesetz umgehen wollten, die doppelte Steuer einführt. Dann erhält das Reich im Herbste auf einen Schlag 120 Millionen Mark, die es gut brauchen kann. Was man aber am besten aus diesem Vorkommnis lernen kann, ist die Tat­sache, wie leicht sich das mobile.Kapital der Be­steuerung enitzietht. Die Erbschaftssteuer wäge von ihm ebenso einfach umgangen worden unb Wenn es Nur in ber Form des Verschenkens vor dem Tobe gewesen Wär. Uebrigens ist die Hin- i'sie'jung der Talonsteuer nur möglich gewor- . :i, weil das Reichsschatzamt den ursprünglichen Antrag abänderte; denn in dem Konzept des Antrages stand der 1. Juli als Termin für das Inkrafttreten des Gesetzes; das Reichsschatzamt

Cherbourgs anschlagen zu lassen.

zur Ausführung dieses tollen und für Briand recht peinlichen Streiches kommen wird, ist eine

zahlreiche deutsche unb russische Kriminalbeamte durchstreiften die Gegend. Die englischen Sozia­listen veranstalteten gegen den Zarenbesuch be­reits Protestmcetings, wobei es an Krastausdrü- Die französi-

Unpolitische Zeitkäufe-

(N.) Berlin, 29. Juli 1909.

(Nachdruck verboten.)

Tiefer Juli mit dem widerwärtigen April- w. -r geht zu Ende. Dieser Monat War nicht i.u an Regen reich, sondern auch an bedeutenden Ereignissen, politischen und unpolitischen. Er brachte uns ben Abgang Bülows unb den Ab­schluß der Finanzreform. Airch den Franzosen bescherte er ein neues Ministerium, das dem alten verzweifelt ähnlich sieht. Aber den Spa­niern Wurde noch ganz etwas anderes beschert, nämlich Aufruhr und Verhängung des Belage­rungszustandes im ganzen Lande; die Spanier verdanken die böse Usberrasckung den Riffkaby- len in Marokko, die sich den Eisenbahn- und Mi­nenbau französischer Spekulanten in der Um­gebung ber spanischen Festung Melilla nicht ge­fallen lassen wollten. Wir können dem armen König Alfonso unb seinem zerfahrenen Volke Zucht helfen, sondern können uns nur darüber :freuen, daß uns nicht auch ein Stück von dem ge­fährlichen Marokko an den Fingern kleben ge­blieben ist. Zu den unpolitischen Juliereignissen rechne ich erstens ben Flug über dem Aermel» Fanal und zweitens das vorläufige Verbot der Motorräder auf den Rennbahnen in Preußen. ; Einige fagen, es sei ein „weltgeschicht- iliches" Ereignis, daß zum erften Male ein Mensch mit einem Flugapparat die Meerenge zwischen Frankreich unb England überwunden habe. Na ja, in die Weltgeschichte gehört schließ- lich alles, Was auf Erden passiert, das kleine wie das große. Ich finde nichts überraschendes darin, daß die Drachenflieger auch ein paar Meilen über ben See zurücklegen, nachdem sie schon so häufig meilenweit über Land geflogen find. Es sind in diesem Monat drei Verfuche des Men- fchenflnges von Calais nach Dover gemacht wor- M. Zuerst flog der Erfinder Latham unb fiel schon auf ber ersten Hälfte der Strecke ins Meer, »veil sein Motor versagte. Er schwamm auf fei­nem Flugapparat, bis ihn das nachfolgende Hilfs» mhiff auffischte. Während Latham sich und seine Maschine für einen neuen Versuch auffrischte, Mt ihm ber Franzose Bleriot zuvor. Dieser

waghalsige Familienvater humvelte noch wegen eines verletzten Beines an Krücken umher; aber das hinderte ihn nicht, sich eines schöneil Morgens in seinen Drachenflieger zu setzen und in einer knappen halben Stunde von Calais nach Dover hinüherzufliegen. Der Motor Blöriots hielt aus, bis er Wieder auf festen Boden kam; beim Abstieg warf der Wind die Flugmaschine noch Wie einen Kreisel umher, aber der kühne Vogel­mensch kam doch heil auf die englische Erde. Gro­ßes Hurrah aus beiden Seiten des Kanals, Wobei bie Engländer eine sauersüße Miene machten. Als Latham von dem Erfolg seines Nebenbuhlers hörte, vergoß er erst bittere Tränen und stürzte sich bann zornentbrannt in seine Flugmaschine, um ber Welt zu zeigen, daß er das auch könne. Unb trotz des schlechten Wetters ging alles gut, bis Latham schon vor der englischen Küste War; da bekam sein Motor wieder die üblichen Mucken, bie Bewegung hörte auf, der Drachenflieger stürzte in's Meer unb würbe abermals von ben berbeieilenben Schiffen auf gefischt. — Man siebt, baß im Aermelkanal bte Menschensischerei mit Erfolg betrieben wird.

Diese Vorfälle lehren klar unb deutlich, daß der Meuschenflug vom Motor abhängt. Der Mo­tor hat die Herrschaft, — derselbe Motor, ber auf den Rennbahnen das schwere Unheil anrichtet und auch auf den Landstraßen die Automobile in die oft so verhängnisvolle Schnelligkeit treibt. Von den guten oder schlechten Launen des Motors hängt Sieg oder Niederlage des Drachenfliegers und auch die Leistungsfähigkeit des lenkbaren Luftschiffes ab. Wenn der Motor beim lenkbaren Luftschiff versagt wegen irgend einer Störung in ber Maschinerie ober Wegen Erschöpfung des Benzinvorrats, so Wirb aus bem Lenkballon ein gewöhnlicher Ballon, ber dchn Winde preisge­geben ist. Bei bem Drachenflieger hat bas Ver­fügen bes Motors noch eine viel schlimmere Wir­kung; benn diese Maschine ist schwerer als die Luft unb muß infolgedessen sofort zur Erde fal­len, Wenn die borWärtStrcibenbe Kraft aufhört. Es geht ihr dann gerade so. Wie dem Drachen unserer Kinder, Wenn ber Bindfaben reifet. Der Drachen, den bie Jugeub auf den Stoppelfel­dern steigen läfet, ist auch schwerer, als die Luft, er wirb aber doch in bie Höhe gehoben unb bort

gehalten, Wenn er in schräger Lage von dem Wind getroffen wird unb diesem Wind Wider­stand entgegenznsetzen vermag. Die Widerstands­fähigkeit Wirb durch bie Strippe, den Bindfaden erreicht; der Schwanz am Drachen dient bazu, ben lieber gang in bie horizontale Lage zu ver­hinbern. Wirb ber Winb sehr schwach, so muß der Junge, ber ben Faden hält, den Drachen zu sich beranziehen oder im Notfälle sogar mit dem Drachen gegen den Wind anlaufen, um so die nötige Auftriebskraft zu Schalten. Was hier der Faden unb ber Junge besorgen, das muß bei bem freien Riesenbrachen ber Motor besorgen. Durch bie stetige Umdrehung der Luftschraube treibt er den Apparat gegen ben Wind und diese Luftbe­wegung gibt den großen Flügeln jenen Auftrieb, der d>as Clanze schwebend erhalt. Versagt ber Motor, so steht die Luftschraube still, und ber Apparat kann sich nicht mehr gegen ben Winb stemmen, er verliert seine Stütze und fällt her­unter, Wie ein losgerisiener Kinderdrache. Nun haben bie zahlreichen Proben gezeigt, bafe bie Flugkünstler der verschiedenen Systeme bei der Abmefsimg unb Anordnung ber Flügel es schon zu einer großen Sicherheit gebracht haben; sie wisscm den erforderlichen Auftrieb zu erzielen und auch bie Bewahrung des Gleichgewichts in ber Luft gelingt ihnen bei den gewöhnlichen Luft­verhältnissen sochn recht gut. Aber die Voraus­setzung bleibt immer, bafe der,Motor rastlos und regelrecht Weiter arbeitet. Dieser Motor ist ein Wahres Kunstwerk; er muß, um ben Flugappa­rat nicht zu überlasten, so klein unb so leicht als nur eben möglich gebaut sein, mufe dabei aber eine bedeutende Zahl von Pferdekrästen haben. Solche Motoren, die auf bem engstem Raum mit spärlichem Material eine grofee Leistungsfähig­keit entwickeln, hat erst der Automobilsport her­vorgerufen. Deshalb ist das Automobil ber Bahnbrecher geworben sowohl für bte lenkbaren Luftschiffe als für bie Drachenflieger.

Leider müssen Wir uns vorläufig noch mit den Benzinmotoren behelfen. Der elektrische Mo- kor kann an Leichtigkeit und Kraft noch nicht dasselbe leisten, ba bie Akkumulatoren (bte Sammler für bie elektrische Spannung) noch zu schwer sind. Der berühmte Erfinber Edison hat freilich längst versprochen, bafe er einen leichten

Akkumulator schaffen Werbe, aber man sieht noch immer nichts davon, unb es gibt sogar Gelehrte, welche bie Möglichkeit biefer Erfindung bestrei­ten. Ter Benzinmotor, ber vorläufig das Feld behauptet, muß natürlich mit einem Vorrat Ben­zin versehen fein, und bie Anwesenheit dieses explosiblen Stoffes macht das Ding höchst gefähv sich — wie bie verbrannten Menschen auf bet Rennbahn im alten Botanischen Garten zu Ber« lin bezeugen können.

Ein Bravo bem preußischen Minister des Innern für bas Verbot ber weiteren Verwendung von Motoren auf ben Rennbahnen! Ich hatte in ben letzten „Unpolitischen Zeitläu- fen" gesagt, ich Würbe als Minister bes Innern ein solches Verbot erlassen. Es ist nun tatsäch­lich erfolgt, unb sofort haben zwei neue Unglücks­fälle die Notwendigkeit bestätigt. In Chemnitz unb in Semlin gerieten am letzten Sonntag wie­der Motorräder unter bie Zuschauer, während auf ben preußischen Bahnen Ruhe und Sicherheit herrschte. Das Verbot ist allerdings nur „bis auf weiteres" verhängt worden, aber man darf wohl hoffen, daß die Aufhebung des Verbots nicht überstürzt wirb. Zum mindesten kann man erwarten, daß erst die a l ler s ch 5 r f st e n Si- cherheitZmaßregeln nickt bloß vorgeschrieben, wndern and) vollständig durchgeführt werden. Inzwischen mehren sich erfreulicherweise die Stimmen, welche überhaupt das Motorunwesen beseitigt wissen Wollen. Von Freunden und Ken­nern des Sports Wird bargelegt, daß bie Schritt- machermaschinen das Radrennen zu einer unsin­nigen, lebensgefährlichen unb verrohenden Schau­stellung machen, die nicht mehr zum Sport ge­hört. Ferner Wird mit Recht geltend gemacht, bafe bie Anwohner ber Rennbahn vor dem ner- venzerriittendcn Geräusch geschützt Werben müs­sen. Tas Fauchen und Staffeln ber Motore ist weithin vernehmbar unb bildet eine Wahre Qual für die unglückseligen Nachbarn. Nicht bloß an dem Tage ber Schaustellung, sondern auch an den übrigen Wochentagen, da auf folchen Bahnen fort­während g.übt (trainiert) wird. So ein polizei­widriger Lärm darf höchstens in einer Einöde geduldet Werben, aber nicht auf Bahnen, die in der Nähe von Häusern liegen. „Minister, bleibe Hartl"