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«ar. Schütter für die «ureigen: z. parzeler in Fulda.
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«otationsdruckund Verlag der Fuldaer At- üendruckrrei in Fulda Fernsprecher Ur. 9.
36. Jahrgang.
Fulda, Samstag den 31. Juli 1909
M 172.
Erstes Matt
Deutsches Reich.
nur 45 Millionen.
-ü Der Vorsitzende des Bundes der Landwirte, Freiherr v. Wangenheim, sollte sich Blättermeldungen zufolge mit der Absicht tragen, den Vorsitz niederzulegen. In einer öffentüchen Erklärung bezeichnet Freiherr v. Wangenheim diese Meldung als falsch.
)( Für eine mildere Beaufsichtigung der Drogenhandlungen sollen sich nach Meldungen verschiedener Blätter auf eine Umfrage des Kultusministeriums hin die Regierungspräsidenten ausgesprochen haben. Dagegen protestiert jetzt der Vorstand des Deutschen Apothekervereins, der erklärt, daß nach Ansicht erfahrener Medi. zinalbeamten im Gegenteil eine häufigere und schärfere Kontrolle der Drogenhandlungen an
gebracht sei.
X Graf Zeppelin hat den Reichstag zur Besichtigung seines Luftschiffes in Friedrichshafen zum 4. September eingeladen.
)( Daß der Hansabund keineswegs die Inte- reffen des kaufmännischen und gewerblichen Mittelst amdes vertritt, wird klipp und klar in einem Rundschreiben des württembergischen Schutzbundes sür Handel und Gewerbe dargelegt. Die Gründer des Bundes seien dieselben, die
Steuer möglichst leicht zu gestalten.
>f Zur Umgehung der Talonfteuer haben die Börieanec jetzt ein anderes Mittel ersonnen. Mehrere Gesellschaften wollten die Talonsteuer dadurch vermeiden, daß sie die Zinsen und Dividenden ohne die Ausgabe von Zinsbogen aus- schütten wollten. Um dies zu hintertreiben, soll, wie osfiziös gemeldet wird, angeordnet werden, daß inländische Aktien - Gesellschaften und Kam- mandit-Gesellfchasten auf Aktien, die keine Quell- Anteilscheine ausgeben, binnen 3 Monaten nach der Eintragung der Gesellschaft oder der Eintragung der Erhöhung des Grundkapitals in das Hai dclsregrfter, und,' sofern dieser Zeitpunkt vor dem 1. August 1909 liegt, bis zum 31. Oktober 1909 der zuständigen Steuerstelle eine vorläufige Anmeldung einzureichen haben. Die endgültige Anmeldung und Steuerentrichtung muß seitens der inländischen Aktien-Gesellschaften re., die keine Quell - Anteilscheine auSgeben, zum ersten Male binnen 3 Monaten nach Ablauf von 1) Jahren seit Begründung oder seit dem 1. August 1909 erfolgen. — Wie man sieht, trifft die Reichs- regierung alle Sorge, um jeder Steuerhintergehung vorzubeugen. Man kann diese im Jntereffe des Steuersäckel? nur begrüßen.
* Neber Tabaksteuer und Zigarrenhandel schreibt die .Süddeutsche Tabakzeitung' in Mann
jacht, auch ein Kriegsschiff, sondern nur LuxuS- schiff sein.
)( Deutschsüdwest besitzt jetzt auch einen Eilzug". Wie gemeldet wird, ist nämlich in den neuen Fahrplan der Staatsbahn Swakop- mund—Windhuk versuchsweise ein in jeder Richtung allwöchentlich einmal verkehrender Eil- zug eingelegt worden, der lediglich den Personen-, Gepäck- und Briespostenverkehr vermittelt. Durch diese Einrichtung ist dem jede Woche wiederkehrenden Verkehrsbedürsnis, das durch die An- fünft und Abfahrt der Europa- und Küsten- dampfer entsteht, Rechnung getragen. Es wäre ja zu begrüßen, wenn man mit den Eilzügen tn der Wüstenkolonie bessere Verkehrsoerhältniffe schaffen könnte. Aber wir befürchten, daß die Neuordnung mehr Unkosten verursacht, als sie Gutes schafft. ,
(*) Neue Diamantenfunde m Südwestasrlka. AuS Südwestafrika wird gemeldet, daß bei Windhuk Blaugrund festgestellt und em Diamant von V» Karat als in dem Blaugrund gefunden bei der Bergbehörde eingeliefert worden ist. Ob diesem größere Bedeutung beizumeffen ist, bleibt abzuwarten.
* Stuttgart, 30. Juli 1909. Die Fmanz- kommission der zweiten Kammer hat mit zwölf gegen drei Stimmen eine gleichmäßige Erhöhung aller indirekten Steuern um fünf Prozent beschlossen.
d* München, 29. Juli 1909. Der Wahl- kampf tn Neustadt-Landau ist m m interessantes Stadium getreten. Liberale Blatter des Wahlkreises zitieren Aussprüche des Papstes Pius X. und des Erzbischofs Dr. Abert von Bamberg, um die Katholiken an ihre „religiösen Pflichten" int Kampfe gegen die Soztaldemokra- tie zu erinnern. 1907 ist der furor protestanticus entfacht und gerade im 2. pfälzischen Wahlkreise, daran erinnert worden, daß ein guter Protestant keinen Katholiken wählen dürfe. Exzellenz Burk- lin sagte sogar, daß sich die protestantischen Vorfahren im Grabe umdrehen würden, wenn Verrat an der protestantischen Sache geübt würde. Jetzt soll der furor catholieus, dienstbar gemacht werden zum Kampfe gegen die Sozialdemokratie. Die Katholiken lehnen es ab, sich von liberalen Blättern auf ihre religiösen Pflichten aufmerksam machen zu lassen. Der Stimmeichettcl in dieser Form ist geradezu widerwärtig, da sich gerade der pfälzische Jungliberalismus in Kul- turkampfpankcrei hervorgetan hat und die „Ultramontanen" als Trottel und Dummköpfe hinzustellen beliebt. Der Abg. Bassermann, der noch kürzlich aus dem nationalliberalen Delegiertentag dem Fürsten Bülow nachrühmie, er habe nochmals in großer Stunde den „Kampf gegen Rom" gewagt, kann letzt auch wieder anders. In einer liberalen Versammlung zu Landau fchwörte er feierlich den Kulturkampf ab, und fand fast warme Töne, als er die unerschütterliche Stellung des Zentrums schilderte. Schade! Die liberalen Herren hätten früher das Zentrum und die Katholiken nicht so unter aller Kritik schlecht behandeln sollen: das wäre für sie besser gewesen. Herr Bassermann wird mi feinen Sirenelitlängen keinen Zentrumswähler einfangen.
Ausland.
* Die belgische Kammer hat mit 75 gegen 48 Stimmen die vom Senat beschlossenen Abänderungen an dem Gesetz betreffend den Maximalarbeits tag für Grubenarbei ter verworfen. Rach dieser Zusatzbestimmung des
** Berlin, 30. Juli 1909. Ein Anschluß set deutschen Postscheckeinrichtungen an L M Oesterreich-Ungarnvorhandenen darf !ach der ,Rationalztg.' als ziemlich sicher gelten, 'obalv die nötigen Vorarbeiten erledigt find. /#
** Der Kaiser ist auf der „Hohenzollern gestern nachmittag in Odde angekommen.
C. Die Reichsfinanzreform des Jahres 1909. Unter diesem Titel ist von einem Mitglrede der Zentrums. Fraktion des Reichstages soeben im Verlage der,Germania' (Berlin C., Stralauerstr. Nr. 25) zum Preise von nur 20 Pfg. ein 96 Setten starkes Buch erschienen, das überall bafr größte Jntereffe erwecken wird. Der Verfasser, der selbst an den Kämpfen um die Finanzresorm beteiligt war und Einblick in alle Verhältnisse hatte, schr - tert in lichtvoller Weise den Verlauf der achtmonatlichen Verhandlungen und gibt ein anschauliches Bild der Derhältniffe, die schließlich zur Zertrümmerung des Blocks und zum Kanzler- Wechsel führten. Das Buch enthält auch vortreffliches Material zur Verteidigung des von der ZeninlmSpartei vertretenen Standpunktes, über die Beziehungen zu den übrigen Parteien und die Ursachen der Kanzler-KrisiS.
)( Die neuen Steuergesetze. Die Ausfüh- r u n gs b estimmu ngen zu allen Steuerge» sctzen, die am 1. und 15. August in Knast treten, find erschienen und im Zentralblatt für das deutsche Reich veröffentlicht worden. Am 28. August werden die vereinigten Ausschüsse des Bundesrates wiederum zusammentreten, um die Ausführungsbestimmungen für die am 1. Oktober in Kraft tretenden Gesetze zu beschließen. — Die am Freitag veröffentlichten Ausführungsbestimmungen für die Brau st e u e r nehmen nicht weniger als 55 Seiten größten Quartformats ein. Es werden genaue Bestimmungen über die Braustoffe gegeben. Alle Bestimmungen werden durch zahlreiche Beispiele und ausgefüllte Formulare erläutert, um die Durchführung der
ihren Einfluß in den Handelskammern jederzeit dazu benutzten, die Förderungen des kaufmännischen und gewerblichen Mittelstandes niederzustimmen. Es handle sich bei den Bestrebungen des Hansabundes nut um den Schutz und die Bewegungsfreiheit deS modernen Kapitals und der Großbetriebe; eine Förderung der Jnte- reffen des Detail Handels und des Handwerks könne als ausgefchloffen gelten.
* Ein Neubau der Kaiserjacht „Hohen- zollern" ist, wie die „Berl. R. 91." aus dem Reichsmarineamt erfahren, für das nächste Jahr noch nicht geplant. Die „Hohenzollern" habe sich erst jüngst auf der Fahrt von den finnischen Gewässern nach Kiel, auf der das Schiff mit Volldampf fuhr, um den Kaiser rechtzeitig nach Hamburg zu bringen, als vollwertiges Seeschiff bewährt. Aber noch heule stimme, was der Staatssekretär v. Tirpitz vor 3 Jahren im Reichstag äußerte: „Ich kann nicht verhehlen, daß ich daS Schiff in seinen Doppelboden- und Schottenverhältniffen nicht mehr für sicher halte, wie dies von einem Fahrzeug, das die Person des Kaisers tragen soll, gefordert werden muß." Durch einen kostspieligen Umbau sind die Eigenschaften der Kaiserjacht inzwischen erheblich verbessert worden. Die Nachfolgerin der „Hohen- zollern", deren Modell bereits fertig- gestellt ist, wird nicht wie die bisherige Kaiser-
Senats wären 27 000 Kohlenzieher und Förderleute von der Wohltat des Gesetzes ausgeschloffen worden. Der Ministerpräsident trat sür den Senatsantrag ein, konnte aber dessen Annahme nicht erreichen. Regierung und Senat haben damit eine empfindliche Niederlage erlitten.
* Der Präsident der französischen Republik hat die Deserteure von Casablanca, wie in Ergänzung der gestrigen Meldung jetzt mitgeteilt wird, begnadigt. Sie werden an die Grenze gebracht und aus Frankreich aus gewiesen. Dieser Begnadigungsakt kann als Liebenswürdigkeit gegen Deutschland aufgesaßt werden, das bekanntlich bei der diplomatischen Regelung der Casablanca-Affäre auf die Freigabe der Deserteure verzichtet hatte.
* BriandS Laufbahn. Ter neue französische Ministerpräsident Aristide Briand war noch vor 10 Jahren Generalsekretär der sozialdemokra- tischen Partei Frankreichs, und dieses Amt verdankte er seiner überaus scharfen Propaganda im Sinne der Genoffen. Seine Flugschriften, Broschüren und Zeitungsartikel, welche die kommende Revolution und den Generalstreik verherrlichten, das Ende des Kapitalismus und Militarismus ankündigten, sind noch jetzt mustergültig für die sozialdemokratische Propaganda. Er ist geboren am 28. März 1862 als Sohn eines Gastwirts, der ein Tingel-Tangel in der Hafenstadt Nantes unterhielt, studierte dre Rechte und wurde Advokat in Paris. Wegen eines schmutzigen Ehebruchsskandals wurde er in der Liste der Rechtsanwälte gestrichen, wandte sich der Politik zu und brachte es dank seiner mit Blut und Dynamit erfüllten Reden bald zu Ansehen in der roten Partei. Als etwas Gras über seine Ehe- bruchsgeschichte gewachsen war, wurde er auch wieder zur Advokatur zugelaffen und alsbald Hauptgeschäftsführer der sozialdemokratischen Partei und Leiter bet „ßanterne". 1902 erhielt er em Abgeordnetenmandat in der Industriestadt St. Etienne. Als Kammersozialist legte er bald feine heftige Abneigung gegen Kapitalismus, Militarist mus und Marinismus ab, betätigte aber als ®e» hülfe von Combes seine blutige Gesinnung im Kampfe gegen Mönche und Nonnen. Er war Berichterstatter über das Gesetz gegen die Kongregationen. Mit dem Befähigungsnachweis des Kulturkämpfcrs versehen, wurde Briand am 14. März 1906 Minister für Kultus und Unterricht, später im Mlnisterium Clomenceau Justizminister, und führte das Gesetz zur Beraubung der Kirche (offiziell Trennungsgesetz genannt) so raffiniert aus, daß die Kirche in Frankreich jetzt arm und bloß bastelst, die für die Enterbten der Nation bestimmte Milliarde aus dem Erlös der „toten Hand" aber glücklich in den Taschen spekulierender Kapitalisten verschwunden ist. Da der ehemalige Prediger des Generalstreiks inzwischen als Unterrichtsminister die Schullehrer maßregelte, die sich in Gewerkschaften zusammen- schloßen, und die Postbeamten absetzen half, die das Streikrecht beanspruchten, so hatte er seine Be- sähigung zur Leitung der Regierung der großen Republik genügend dargetan. Jetzt hat er zwei waschechte Genoffen, die freilich auch gleich ihm den Demagogenrock in der Regierungsgarderobe abgegeben haben, zwei Vertreter des Militarismus und zwei ehemalige Mitglieder des reaktionären Kabinetts Moline, seinem Ministerium einverleibt. Mit seinem Programm der Phrase und der Schaukelpolitik, nnd mit seiner Praxis der Bestechung der Freunde nnd der Bedrückung der Gegner mag es ihm leicht gelingen, bis zu den Wahlen sich am Ruder zu halten, vielleicht sogar die Wahlen zu machen.
r Der König von Italien wird nun bestimmt mit dem Zaren in Spezia Zusammentreffen. Die vielfach verbreitete Nachricht, daß während der Zusammenkunst ein französisches
beim (die doch wohl nicht verdächtig ist, dem „schwarzen Block" Dienste leisten zu wollen) u. a.:
Die Tabaksteuerfrage ist entschieden. Hat auch das Tabakgewerbe hinsichtlich der unseligen Wahl des Steuersystems die schwersten Sorgen für die Zukunft, io muß ein Trost darin gesucht werden, daß nicht allem das Schlimmste, nämlich die Form der Band erolen- steuer vermieden, sondern auch die Hohe der dem Tabakkonsum von der Regierung zugedachten Belastung von etwa 80 auf 45 Millionen reduziert wurde. In diesem Erfolge mögen alle diefenigen den Lohn für ihre Anstrengungen finden, welche fich an den Abwehrmaßnahmen in so selbstloser Weise beteiligt haben.
Bekanntlich wurde die Herabsetzung der Belastung des Tabaks insbesondere durch die Bemühungen des Zentrums bezw. der neuen Mehrheit erreicht. Die Nationalliberalen wollten den Tabak bis zu 80 Millionen belasten. Durch die Arbeit der neuen Mehrheit wurden daraus
Bernhard von der Eiche.
Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach.
48] (Nachdruck verboten.)
Luise empfing ihre Schwägerin auf dem Bahnhof. Bernhard war zu Osterfeld gefahren, es gab Geschäftliches zu erledigen. Wie erinnerte sich Ines des Tages, als sie vor zwei Jahren zu chrem Bruder nach Rößlingen gekommen war, wie freute sie sich, alles wieder zu sehen:. Haus und Garten itnb die lieben Menschen, die den Ort bewohnten. Amtsrichters standen vor ihrem Hause und winkten ihr zu, Elfriede Müller hielt den Wagen an und überreichte ihr einen Blumenstrauß, ein alter Werkmeister zog lächelnd die Mütze, und des italienischen Dieners Gesicht glänzte, als er die blonde Herrin über die Achmelle des Hauses treten sah, dem sie als Hausfrau vorgestanden hatte.
Am Abend kehrte Bernhard heim. Da gab ein fröhliches Fragen und Erzählen. Auch von ^rmgard Gerard war die Rede. Ines hatte vor Wagen Wochen einen Brief von ihr aus Chri- stiama erhalten; sie machte eine Nordlandsreise.
sie mit keinem Wort nach Rößlingen und den: Hochofenchef fragte, gab Ines zu denken.
„Havdy", sagte das junge Mädchen, sobald sie «nt dem 9ruber allein war, „hast Du Dich mit örmgarb gezankt, oder habt Ihr irgenb ein Miß- kerstandms gehabt?"
„Warum Kleines?"
„Sie erkundigt sich nie nach Dir."
Er zuckte etwas ungeduldig die Schultern.
„Ja, weshalb soll sie es auch?" versetzte er. 7^") bin tn ihren Augen nur ihr Angestellter, der Hochofenchef des Werkes, das ihr zum größten Teil gehört."
®r das Gespräch auf ein anderes Wma. Aus seiner ganzen Art und Weife merkte
Ines, daß es dem Bruder peinlich war, über Irmgard Gerard zu sprechen. Während der Wochen, die Ines in Rößlingen blieb, gewann sie die Ueberzeugung, daß Bernhard und Luise glücklich waren, und gut zu einander paßten. Daß die junge Frau ibreyt Mann granzenlos liebte, sah Ines bei jeder Gelegenheit, sie war der gebende, er der empfangende Teil. Aber auch sein ernstes Gesicht trug den Stempel eines zwar ruhigen, aber zufriedenen Glückes. Als Bernhard von der Eiche in Trier bei Osterfeld gewesen, war die Rede wieder auf den verstorbenen Gatten Irmgards gekommen. In dem alten Mahagonischreibtisch hatte der Rechtsanwalt einen Bogen gefunden, der geschäftliche Aufzeich- nungen über das Soll und Haben des reich«, Mannes aufwies. Als Eiche die Handschrift sah, stutzte er. Diese feulenartigen Buchstaben glichen dem Brief, den der Dkajor von der Eiche feinem Sohne als einzigen Anhaltspunkt in der dunklen Sache gegeben, die ihn Jahre Bang beschäftigt hatte. Als die hohen Zahlen geschrieben wurden, die Osterfeld auf dem vergilbten Papier im Schreibtisch des Millionärs fand, mußte Gerard schon sehr reich gewesen sein. Es stand aber kein Datum darunter; auch war der Ort nicht erwähnt, in dem diese Aufzeichnungen niederge- fchrieben wurden.
Bernhard sagte Osterfeld nichts, aber ein leiser Verdacht bemächtigte sich seiner, zugleich das unbehagliche Gefühl, mit gebundenen Händen stehen zu müffen. Er konnte auf eine bloße Vec- mutung hin nicht vorgehen, und tat er es, so brachte das über die unschuldige Frau des alten Mannes viel Peinliches. Auf der anderen Seite sah er das Aufklären des Geheimnisses als ein Vermächtnis seines Vaters an. Im Zwiespalt dieser Gefühle drohte Bernhard feine Ruhe zu verlassen. Er beschloß nach hartem Kampf mit sich, vorläufig noch keinen Schritt zu tun, der Licht in die dunkle Sache bringen konnte. Viel- leicht waren es alles Zufälligkeiten und er sah mehr dahinter, als wirklich war. Er hoffte es
beinahe und beschloß, es der Zeit zu überlassen, welche Rolle er zu spielen habe.---
„Ines", sagte Luise eines Tages, „Du mußt mir etwas versprechen: ich habe es Mr schon lange sagen wollen."
Sie saßen auf einer Bank im Garten und arbeiteten die zierlichen Baby-Sächelchen, die im Oktober im Hause des Hochosenchefs nötig wurden.
„Ja, Liebste gern, sage es mir", versetzte Ines freundlich.
„Komm zu mir, wenn — wenn unser Kindchen uns geschenkt wird, und sollte es mit mir schlecht gehen — so bleibe bei Hardy und dem Kinde."
„Aber Luise, wie kannst Du nur solche traurige Gedanken hegen!" rief Ines erschreckt.
„Fühlst Du Dich sehr elend?"
„Das gerade nicht, aber ich habe oft das Gefühl, daß ich zu glücklich gewesen bin, daß ich in dem Jahre meiner Ehe ein so volles Matz Glück empfangen habe, wie andere Frauen in ihrer jahrelangen Ehe kaum entgegechne-hmen. Es kann nicht ewig währen, ist doch auf Erden nichts vollkommen. Weine nicht, meine Ines, vielleicht schenkt der Herr über Leben und Tod mir das süße Leben. Es würde durch den Besitz des Kindes meines über alles Geliebten so schön werden, daß ich geblendet vor solcher Seligkeit die Augen schließen mutz."
Ines fühlte sich durch die Worte Luisens seltsam bewegt. Sie versprach ihr, das zu erfüllen, was sie forderte, fügte ober zugleich hinzu, daß sich die junge Frau unnütz trüben Gedanken hingab. — — —
In der Forstei war Ines als gern gesehene Hausgenossin eingekehrt. Das Haus mit den Geweihen am Giebel und über der Tür war Ines tote eine zweite Heimat gewesen, als sie nach des Vaters Tode sich unter die wärmenden Flügel Tante Emmas begeben hatte. Von den Bewohnern der Forstei herzlich willkommen geheißen, fühlte Ines sich schon am ersten Tage
sehr behaglich in ihrem ehifad)en, sauberen Stübchen; ihr sonniger, glücklicher Charakter fand sich schnell in jede Lebenslage hinein. Auch jetzt griff sie tätig zu. Tante Emma toar doch etwas alt und müde geworden, sie konnte sich nun mehr Ruhe gönnen. Die älteren Kinder waren schon aus dem Hause: ein Sohn studierte Jura in Thüringen, Luise verheiratet, der siebzehnjährige Kurt Gymnasiast in Liebenau. Es blieben die drei Jüngsten im Elternhauses eine Lehrerin unterrichtete sie.
Tante Emma konnte nie genug von dem jungen Eheglück ihrer Tochter hören; toar doch Luise durch ihren liebenswürdigen Charakter der Mutier besonders teuer.
Aus Nandenhagen kamen Hertas glückliche Briefe. Sie schrieb an die Schwester:
„Ich hätte nie gedacht, daß der Besitz eines Kindes io viel Sonnenschein ins Haus bringt. Unsere kleine Frieda verspricht eine Schönheit zu werden. Sie hat des Vaters Augen, hoffentlich gleicht auch ihr Charakter dem seinen. Ich erkenne täglich mehr, welcher Edelstein unter Randens unscheinbarer Hülle verborgen liegt. Warum kam diese Erkenntnis mir so spät? Mußte ick; durch so viel Schweres gehen, bis ich den seltenen Schatz an Treue und Liebe würdigte, den ich besaß und gering achtete. Weißt Du, ich male auch wieder. Pinsel und Palette haben geruht, seit ich München verließ; jetzt habe ich Freude daran. Errate, was ich male Ines? Ein Bildchen für unser Töchterchen. Ist es nicht spaßhaft? So klein bin ich geworden. Und doch liegt etwas Großes in dieser bescheidenen Arbeit, die. Mutterliebe führt den Pinfel, der einst vermessen nach Gro- hem gestrebt hat. Neulich las ich in einer Zeitung, daß Alfredo Mandell in Südwestz- afrika einem Fieber erlegen ist. Armer, kleiner Mensch! Trotz mancher Absonderlichkeiten toar er im Grunde ein gutes Kerlchen."
(Fortsetzung folgt.)