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36. Jahrgang

Fulda, Samstag den 24. Juli 1909

M 166.

Zweites Wtcrtt

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Maschine selbst hineinrutscht, hat man hinter der letzteren eine sogenannte Schutzrolle angebracht. Diese breit sich ausdehnenbe Rolle erschwert nun wieder dem Radfahrer das Ausweichen zur Seite, in dm oft das einzige Heil liegt. Kommt er zum Kill, so ist es bei der großen Schnelligkeit an sich schon gefährlich genug. Aber in der Regel folgen auf dem Fuße noch andere Schrittmach-rmaschi- nen; sie müssen mit der größten Gewalt auszu­weichen suchen, oder sie geraten in den Knäuel Non Rädern und Menschen hinein. Dieses ge- fährltche „Entweder — oder" ist durch die beiden jüngsten Unglücksfälle mit grausiger Klarheit be­leuchtet worden.

In Brüssel hatte der Schrittmacher des Rennfahrers Berbist plötzlich Reifenschaden. Der- bist konnte nicht ausweichen und kam zu Fall. Der dahinterliegende Motor des Berliner Rsnufah- rers Schipke konnte auch nicht ausweichen und überfuhr den gefallenen Verbist. Letzterer war sofort tot. Schipke und dessen Schrittmacher stürz- ten ebmfalls, kamen aber ohne ernstlichen Scha­den davon.

In Berlin war der Anfang ebenso, das Ende aber noch viel schlimmer. Auch hier platzte ein Reifen der ersten Schrittmachermaschine; der Führer und der anhängende Renner stürzte, di« nachfolgende Maschine wollte ausweichen und die. ses Manöver gelang auch; man könnte sagen: es gelang zu gut. Bei der großen Geschwindigkeit schoß nämlich die ausweichende Maschine mit vol- ler Wucht auf die Anhöhe hinauf, die man an der Krümmung der Bahn angebracht hatte, und sprang bei ihrer Aufwärtsbewegung über den Bahnzaun hinweg in das dichtgedrängte Publi- kum hinein. Dort explodierte der wohlgefüllte Benzinkasten der Maschine, und die armen Opfer verbrannten bei lebendigem Leibe.

Damit ist in der durchschlagendsten Weise der Beweis geliefert ,daß solche Hetzjagden von Ben- zinrnotoren nicht bloß für die beteiligten Fahrer, sondern auch für die Zuschauer lebensgefährlich

Die Tabaksteuer tritt am 15. August in Kraft; diese Steuer soll, jetzt 40 Millionen brin­ge, während sie nach Vorschlägen der Na- tionalliberalen das Doppelte, also 80 Millionen bringen sollte. Dem Zentrum ist es gelungen, die Belastung auf 40 Millionen zu beschränken. Ihre Mrkung wird sein, daß die billigeren Zigarrensorten, also die für den Mas- senkonsum bestimmten, künftig um einen Pfen­nig pro Stück in Zukunft teurer sein werden; statt bisher 5, 6, 7 Pfg. wird man in Zukunft 6, 7 und 8 Pfg. anwendsn müssen; bei den teureren Sorten wird sich der Preis um etwa 2—3 Pfg. erhöhen. Kein billig Denkender wrrd diese Steigerung als eine unerträgliche bezeichnen können. ((Die „Köln. Vztg." berechnet, daß dre 5-Pfg.-Zigarre nur um % Pfennig, die 6-Pfen- nig-Zigarre um etwa % Pfg. und die 8-Pfennrg- Zigarre um 1 Pfg. verteuert werden.)

Dann der Kaffee. Der Zoll für gebrann­ten Kaffee ist auf 85 M für den Doppelzentner erhöht worden, und für ungebrannten auf 60 M. Das bedeutet eine Steigerung des Preises für das Pfund um 10—20 Pfg.; der Tee wird eine etwas stärkere Preissteiaerung erfahren; hier wird sich der Preis um etwa 40 Pfg. für das Pfund steigern. Also mrch bei Kaffee und Tee kann von einer übermäßigen steigierMg im Ernste nicht gesprochen werden.

Und 'dann erst das Bier! Hier hat sich dre liberale Presse ganz außerordentliche Uedertver- bungen zuschuldkn kommen lassen. Nach ihrem Darstellungen sollte das Liter Bier , um minde- stens 10 Pfg. im Preise steigen. Die Folge ist, daß allerdings die Bierpreise vielleicht eine 'btt- artige Steigerung erfahren werden, aber nicht in­folge der Steuererhöhung, sondern weil Brauer und Wirte, durch die liberalen Hetzereien begün- stigt, eine ungerechtfertigte Preiserhöhung vor- nehmen wollen. Die Steuer für den Hektoliter Bier wird um ganze 2 M steigen, also um 2 Pfg. für das Liter. Und doch wollen Brauer und Wirte den Preis für das Liter bis um 10 Pfg. erhöhen! An der zu erwartenden Bierverteue­rung ist alio nicht die Steuer schuld.

Auch beim Branntwein sind die Produ­zenten und Händler bemüht, einen durch die Höhe der Starrer nicht begründetem Praisauf- schlag vorzunchmen. Die tatsächliche Steuerer­höhung beträgt nur l0 für das Liter; dre Produzenten wollen jedoch die Preise um durch- toeg 40—50 ü> erhöhen für die geringen Likörsorten, für die besseren sollen Peisaufschläge bis zu 1,25 M vorgenommen werden.

Die Zündhölzer werden allerdings 'eine beträchtliche Preissteigerung erfahren, da die steuer für ein Paket von 10 Schachteln 15 Pfg. beträgt, so daß sich der Preis in Zukunft auf, 25 Pfg. stellen wird. Diese Steuer ist hoch, das, geben wir zu; aber auf der anderen Seite geben! wir zu bedenken, daß fast, in allen Ländern dia Preise ebenso hoch, wenn nicht noch höher sind.^

Tic Glühkörper werden nach der neuen Steuer je nach der Qualität ein« Preissteigerung von 5—10 Pfg. für das Stück erfahren.

Wenn man nun zu einem abschließenden Ur­teil über die gesamte Steuererhöhung kommt,, so wird jeder gerecht Denkende uns zugsben müs­sen, daß Sie Steuererhöhungen bei weitem nicht so riesig sind, wie Büe liberale Presse glauben machen möchte. Wohl aber versuchen, wie schon bemerkt, die Produzen­ten, aus der Steuererhöhung für sich einen Vor­teil herouszuschlagen, und hiergegen sollte mit aller Energie Front gemacht werden, um so mehr,! als die vorstehenden angegebenen Zahlen betoei- sen, daß zu einer so starken Preissteigerung, tott' sie beim Bier und Branntwein beabsichtigt wird,! kein Anlaß vorliegt.

Gefahr, verloren zu gehen. Herr Baisermann prach auf dem Berliner Vertreterrag am 4. Jun die Ansicht aus, „daß noch niemals für den libe­ralen Gedanken die Strömung und Stimmung o groß und so gut wie jetzt sei . . . in weiten Kreisen des deutschen Volkeshabsmcm auf den Moment der Auflösung geharrt. Und er fügte hinzu: „wir waren gerüstet, ich möchte glauben, daß in dem sozialdemokratischen Lager die Wahl- chancen nicht übermäßig günstig beurteilt wer­den". Heute, angesichts dieser Wahl, wird Herr Bassermann sich sagen müssen, daß er den Mund etwas sehr voll genommen hat.

In Frankreich ist über Nacht eine Ka- binettskcisis eingetreten.' Der alte Ministerstur- zer Clemencsau, der im Parlamente in der letzten Zeit einen Sieg nach dem anderen errang, er­hielt Dienstag abend plötzlich ein Mißtrauens­votum, das den Anlaß zu dem Rücktritt des gan­zen Kabinetts bildete. Es ist über die Flotte ge­stürzt. Ein offenes Geheimnis ist der schlechte Zustand der französischen Marine. Als Clemen- ceau wieder vertuschen wollte, kam seine Schick­salsstunde: die Kammer sprach ihr Mißtrauen aus, und Elemenceau mutz gehen. Dem kultur- kämpferischen Mimsterium Elemenceau brauchen wir zwar keine Träne nachzuweinen, aber es ist bedenklich, daß gerade der Draufgänger Delasse, der schon einmal in frevelhafter Weise beinahe einen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland wegen der unglückseligen Marokkoafsäre herauf- beschworen hatte, (Tiemenceau stürzte.

Spanien muß jetzt auch erfahren, daß mit den marokkanischen Stämmen umzugehen, keines­wegs ein Kinderspiel ist. Die Kahylen wollten die spanischen Arbeiter aus den Erzlagern in der Gegend von Mvlilla vertreiben, und es kam daher in den letzten Tagen zu wiederholten Gefechten. Daß die Lags der Spanier aber nicht sehr günstig ist, geht schon daraus hervor, daß die spanische Regierung sich jetzt zu einer größeren Truppen- entsendunz nach Marokko entschloß. Dem Sultan Muley Hafid ist natürlich dieser Zwist zwischen der spanischen Regierung und den marokkanischen Mächten, die in letzter Zeit auf selten seiner Geg­ner standen, höchst unangenehm; denn er befurch- tet, daß daraus sich eine größere Einmischung Spaniens in die marokkanischen Angelegenheiten ergeben werde. Er ist daher auch gewillt, mit aller Kraftaufwendung die marokkanischen Stäm­me zu veranlassen, ihre Streitigkeiten mit den Ausländern einzustellen. — Durch den Tod Don Carlos von Bourbon ist das spanische Herr­scherhaus von einem seinerzeit äußerst gefährli­chen Thronprätendenten befreit worden. Die carlistische Partei dürfte jetzt stark an Anhang Verlierern, zumal der Sohn des verstorbenen Thron Prätendenten die Thronansprüche nicht übernehmen will.

Um die K r e t a f r a g e ists bedeutend ruhiger geworden. Und das trotzdem der heikle Moment immer näher rückt. Tie Griechen scheinen zur rechten Zeit entdeckt zu haben, daß auch bei ihnen vieles faul ist, und so haben sie sich zuerst ihr eigefne§ Anwesen angcffchaut und müssen wohl oder übel einsehen, daß sie im gegenwärtigen Zustand« kaum in der Lage sein dürften, einen erfolgreichen Krieg gegen die Türken zu führen. Sicher ist es diese Einsicht gewesen, die die schon länger im Lande umschleichende revolutionäre Bewegrrng zu allgemeinerem Bewußtsein und offenerem Hervortreten gebracht hat. Auch in Griechenland sind es in erster Linie Offiziere, die alte Kraukheitsstoffe aus dem gr-iechischen Äaatskörper entfernen wollen. Die Quelle aller Hebel scheinen ihnen die Prinzen und Günstlinge am Hofe zu sein. Wie sich das entwickeln wird, muß die allernächste Zeit lehren. Einstweilen mag es ein Zeichen der griechischen Hnberaten-

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sind. Nun lese ich heute in den Berliner Blättern, i die Behörden hätten alles untersucht und keine Schuld gefunden; das Hnglück sei auf eine Ver­kettung von verhängnisvollen Zufällen zurückzu­fuhren. Ach nein, das Unglück ist durch Unvor­sichtigkeit herbeigefiihrt worden. Es handelt sich um eine neue, in aller Eile angelegte Bahn, die nur den kleinen Umfang von 333% Meter hat. Auf diesem unerprobten Bähnchen läßt man so­fort vier Schrittmachermaschinen mit den anhän­genden Rennfahrern laufen. Die müssen sich ja einander hart auf den Hacken liegen und haben nicht den rechten Spielraum, wenn der eine den andern überholen will. Die Kurven müssen um so steiler und also um so gefährlicher sein, je schmaler der Bahnraum ist. Der einfache Zaun,! der die Bahn von den Zuschauerplätzen trennte,' Ivar nicht ausreichend, um das Publikum gegen einen abirrenden Motor zu schützen. Wenn die Polizei ihre Genehmigung gegeben hat, so werden die Beamten gewiß in gutem Glauben und nach den geltenden Vorschriften gehandelt Haden; aber dann taugen die Vorschriften nichts, und es müs­sen unbedingt bessere Einrichtungen gefordert werden.

Wenn ich Minister des Innern wäre, so würde ich einfach verfiiggn: Auf den Rennbahnen ist das Schrittmachen mittels Kraftfahrzeugen verboten. | Das wäre ein großer Gewinn, nicht bloß für die öffentliche Sicherheit, sondern auch für den Sport, f Denn dann würde man zu vernünftigen Kraft­proben zwischen den Rennfahrern selbst zuruckkch- ren. Allerdings würden von den Zuschauern, die sich jetzt einfinden, wohl Viele zu Hause bleiben. Aber das wäre gewiß kein Schaden für ore Kul­tur. Denn dies« Leute kommen nicht aus Sport- interesse oder sonst einem edlen Beweggründe, son­dern wegen des Nervenkitzels, den sie bei der ge­fährlichen Jagd empfinden. Sie stehen auf dsm- selben Kulturstandpunkt, wie die Spanier, die sich an den vielbeschriesnen Stiergefechten ergötzen, oder wie die alten Römer, die blutige Kämpfe in

wochen-Rundschau.

sst Fulda, 23. Juli 1909.

Die Politik zehrt jetzt vom alten Fett. Zwar trirb überall noch eifrig ;ü zumteil gervoczu bifeig diskutiert und politisier:, aber worüber man diskutiert und politisiert, das sind kein« Ta- gesfragen, keine praktischen Fragen, die der ^ag bringt und stellt, sonöern Rückblicke auf daS, was vor Schluß der Saison in ihrem ereignisreichen letzten Teil vor sich gegangen ist. Die Finanzre- sorm wird hüben und drüben nut größtem, nicht immer sachlichem Interesse, weiterbehandelt. ^m großen ganzen wird man doch wohl!konstatieren dürfen, daß die ganz überwiegende Mehrheit des deutschen Volkes die erheblichen neuen Steuern mit verhältnismäßig sehr wenig Verbitterung ! entgegen nimmt. Das zeugt für ein wachsendes ! Verständnis staatspolitischer Notwendigkeiten tn >n breitesten Schichten unseres Volkes wobei man jedoch auch bedenken muß, daß die parlamen- iarische Behandlung der Finanzveform dafür ge­borgt hat daß die weitesten Kreise, auch zneient- gen, die sonst der Politik ferner stehen, sich von der Notwendigkeit der neuen Abgaben überzeugt haben und sich schon vorher damit abfanden. Trotz dieser Haltung des Volkes spekulieren gewisse Zeitungen auf die niedrigsten Instinkte und aus das politische Unverständnis ihrer Leser und ge- ben derart verdrehte Darstellungen von der Wir- kung der neuen Steuergesetze, daß man ihre laut- alistischen Machenschaften als Volksverhetzungen ler gewissenlosester Sorte bezeichnen muß.

Der frühere Reichskanzler hat nun den Berli­ner Staub von seinen Füßen geschüttelt, nicht ohne daß ihm von seinen Berliner Parteifreun- Iben einige Abschiedstränen nachgeweint worden wären. In seinen Träumen nahm er vorn polr- tischen Leben als Held und Sieger Abschied, als geschlagener Manu aber zog er ob nach Klein- Flottbeck. Darüber kann auch die Huldigungs­mache nicht hinwegtäuschen, di« neuerdings in Szene gesetzt worden ist. Wer ein goubernemen- tales Bülow-Blatt zur Hand nahm, mußte sich erst durch so und soviele Ergebenheitstelegramme durcharbeiten, bis er zum ernsten Inhalt kam.

Inzwischen haben die Nafionallibera- len die Gelegenheit beim Schopf gefaßt und mit dem Klingelbeutel geschellt. „Helfe uns, (durch Wvenden) wer eine ultramontan-konservativ-pol- ip'sche Herrschaft im deutschen Reichstag für eine 'Verhöhnung des deutschen Reichsgedankens hält", leiht eine Blüte in dem Aufruf der Partei. UI- tramontan-konservativ-polnisch? Mit Verlaub, die Vieichspartei und die Wirtschaftliche Vereinigung gehören auch zu der so gekennzeichneten Reichs­tagsmehrheit. Und wenn man dann die Sozial- demokratie von der Minderheit abzieht, so bleibt das Häufchen Liberalismus übrig, das sich als einzig „national" spreizt und Rad schlägt. Soll man so etwas noch ernst nehmen? Aber freilich, der lachende Dritte ist die Sozialdemokratie. Das hat die am Dienstag getätigte Reichstags­ersatzwahl in Neustadt-Landau (Pfalz) gezeigt, bei der die Genossen an Stimmenzahl er­schreckend emporgeschnellt sind, von 63-10 im Jahre 1907 auf 8384; der gesamte Liberalismus erhielt 1907 im Verein mit dem Bund der Landwirte 14 613 Stimmen .heuer aber nur 9105 (Bund der Landw. 2488), sodaß der Rückgang ganz empfind- flich ist. Das Zentrum, das im Ernst nicht an einen Erfolg denken konnte, beteiligte sich schwä­cher als 1907; es erhielt 7067 (stimmen, 1400 weniger als 1907. Der Nationalliberale hat ge­gen 1907 rund 5500 Stimmen verloren, der So­zialdemokrat 2000 gewonnen. Das letzte pfäl­zische Mandat der Nationalliberalen ist also in

Unpolitische ZettlSuse-

(N.) Berlin, 22. Juli 1909.

(Nachdruck verboten.)

Der Tod hält feine Ernte auf den Rad­rennbahnen. Am Sonntag gab es auf einer Berliner Bahn sechs Tote und ein paar Dutzend Verwundete; amMittwoch wurde auf der Brüsse­ler Bahn ein Renner totgefahren. In beiden Fällen fing das Unglück an mit dem Platzen eines Luftreifens; vollendet wurde es durch die Schritt- machermaschinen, die bei ihrer Schnellzugsge- chhwindigkeit zum plötzlichen Ausweichen nicht ge- 'nügenb befähigt sind. Die Radrennen mit Moto- 'renführung sind zu einem lebensgefährlichen Un­ifug ausgeartet.

Auf den Zuschauertribünen drängt sich ein »Publikum, das für das Eintrittsgeld seinen N e r- en kitzel haben toiff. Man will „sich amüsie­ren", und das Amüsement besteht darin, daß man Ivrnem wilden Lauf von ratternden und fauchen­den Motorrädern zusieht, von denen jedes hinter isich einen krampfhaft strampelnden Radfahrer ^erzieht. Man nennt das heuchlerischerweise ein 'Wettrennen zwischen den Radfahrern, tafiächlich fist.'es ein Wettrennen zwischen den Führungsma- -schinen. Wenn nur die Radfahrer allein ohne die Maschinen antreten, so bewachtet das, Publikum das als, eine, langweilige Nummer, die nur als Lückewbüßer in den Kauf genommen wird. Die Maschinen erst bringen „Leben in die Bude" und Aufregung in die Nerven. Der Radfahrer muß lM zum Anhängsel dieses Kraftfahrzeuges ma- dann beginnt der „Sport", wie ihn die mo- liebt. Lärm, Gestank und Gefahr — oas nicht einen herrlichen „Genuß" I

L Sin» und Verstand hat die Sache nicht. So- Mld die Führungsmaschinen knattern, ist es mit Vernünftigen Schnelligkeitsprüfung zu Ende, fortwährend lesen wir ja in den Rennberichten: Aer Und der Fahrer ist trotz feiner anerkannten.

Tüchtigkeit unterlegen, weil seine Schrittmacher- Maschine den und den Defekt hatte. Von dem „Sieger" wird triumphierend erklärt, daß er 90 oder gar noch mehr Kilometer in der Stunde zurückgelegt habe. Das ist aber gar nicht die wirk­liche Leistungsfähigkeit eines radfahrenden Men­schen; diese Anzahl von Kilometern konnte nur dadurch bewältigt werden, daß sich der Radfahrer hinter einen Motor hielt, der für ihn den Luft­widerstand überwand und ihm überhaupt alles Denken und Sorgen um tuen Weg ab nahm, sodaß er nur auf das krampfhafte Strampeln mit den Beinen bedacht zu, sein brauchte. Will man auf dem Rade eine entsprechende Strecke in der freien Natur zurücklegeri, so hat man weder den Wind­schutz noch die sonstige • Erleichterung, die von einem vorfahrenidvn Wagen. cmsgeht. Da der Windschutz einen sehr bedeutenden Vorteil bietet, so haben die Schrittmacher durch weite Kleidung, breite Bleche und allerhand sonsfige Kniffe in der Breitenausdehnung ihrem nachlaufenden Schütz­linge möglichst Windstille zu verschaffen gesucht. Dis hat man durch zahlreiche Vorschriften zu verhindere gesucht; aber die Gesetze sind dazu da, daß man ihnen ein Schnippchen schlägt, und die ehrlichen Fachmänner gestehen ein, daß es eigent- lich gar feine Schrittmachermaschine gibt, die den geltenden Vorschriften vollständig entspricht. Von einem chrlichen und soliden Wettstreit zwischen den Rennfahrern kann man also nicht mchr spre- chen. Wer die meisten Pferdestärken in Benzin und zugleich die besten Kniffe und Pfiffe mobil zu machen weiß, hat gewonnen.

Das 'Publikum weiß sehr wohl, welche Gefah­ren mit diesem Motorengetriebe verbunden sind. Wenn an der Führungsmaschine ein Reisen platzt oder in dem verzwickten Räderwerk eine Störung eintritt, so sind lebensgefährliche stürze kaum zu vermeiden. Der Radfahrer, der hinter der ge- störten Maschine einherstrampelt, kann nicht schnell genug anhalten. Damit er nicht bei einer plötzlichen Verlangsamung des Tempos in die

beit fein, daß der bisherige Ministerpräsident Theotofis zurückgetreten, und an seine Stelle Mallis die Kabinettsbildung übernommen hat.

In Persien haben die Verwicklungen etn unerwartet schnelles, wenn auch vielleicht nur vorläufiges Ende gefunden. Die Nationalisten hoben Teheran erobert, und wie der Schah sah, daß er sich nicht mehr halten konnte, ist er in die russische Gesandtschaft geflüchtet und hat freiwil­lig abgedankt. Der Führer der Nationattsten, Sipahdar, hat bann die Regierung in die Hand genommen und seine Bestimmungen und Der- fiigungen sind auch von den Russen und Englan- dern anerkannt tocrben. Zum Nachfolger des Schchh wurde der kleine Prinz AchmÄ Mirza er­nannt, der feinen Eid auf die Verfassung ge­leistet hat, aber noch durch eine vormundschaft­liche Regierung vertreten werden muh.

-r- Die Wirkung der neuen Steuern.

Die Verhetzung der Massen wird nach beim Zustandekommen ber Reichsfinanzreform von der liberalen.. Presse mit ihrem Anhang in so skrupel­loser Weise betrieben, daß die sozialdemokratische Presse darob vor Neid bersten könnte. Die libe­rale Presse verlegt sich vor allem mit aller Kraft auf die Aufhetzung der Konsumenten gegen dre neuen Verbrauchssteuern. In den Ziffern, dre sie habet ihren Lesern zu bieten wagt, geigt sich drastisch, entweder, in welcher Unkenntnis diese Presse während der ganzen monatelangen Debatten ihre Leser über den Umfang der neuen Belastung gehalten hat, denn sonst konnte sie ihnen doch jetzt nicht so faustdicke — — Be'ech- luingen aufstellen, oder aber für wie d u m m und unwissend die liberale Pres'e ihr Lefe- pubnkum halten muß, wenn sie von ihm an­nimmt, daß es nicht weiß, um was es sich han­delt. Schon die eine Tatsache, daß die Liberalen 400 Millionen indirekter Steuern zu bewilligen bereit waren, während der neue Block nur 310 Millionen bewilligte, zeigt, was von Phrasen zu halten ist, wie, das deutsche Volk müsse „den Schmachtriemen etwas enger ziehen" usw. Nun schreibt das „Berl. Tagebl.' bei der Auszählung der neuen Steuersimrinen:

.Rechnet man — was eher zu wenig als zu viel gerechnet ist, - dazu 30 Prozent Aufschlag für den Zwischenhandel, so kommt man auf 340 Millionen usw."

Mit Recht bemerkt dazu die „Deutsche Tages­zeitung" :

Bei der Steuerforderung des Reiches wurde um jede Mark, um jeden Pfennig gefeilscht, da stand das „Konsumenteninterelle" höher als das nationale Er- sordernis. Daß aber der Zwischenhandel, statt viel­leicht einen Anteil an der neuen Lust selbst mitzu­tragen, nun umgekehrt einen Gewinnzuschlag „von mindestens 30 Prozent" auflegen wird: das gilt der Tageblattseele als ganz selbstverständlich! Die Logik der liberalen Zeitungsleser ist offenbar so beschaffen, daß sie dies alles erträgt: erstens, „die neuen Steuern ruinieren Gewerbe und Handel". Zweitens: „Ge­werbe und Handel verdienen daran „mindestens 30 Prozent". Drittens: „Dem Zwischenhandel darf der Konsument zwar steuern, dem Staate aber nicht."

Gegenüber ben liebertreibungen ber libera­len Presse wollen wir heute einmal eine unge­fähre Berechnung aufstellen, in tuel= <fjer Höhe eine Reihe wichtiger Konsumartikel durch bie neuen Steuern mehr belastet wirb. Borausschicken möchten wir, daß sÄbstverständ- lich jede Steuer, namentlich in ber ersten Zeit, unbequem empfunden wirb; aber es darf auf der andern Seite nicht außer Acht gelassen wer­ben, baß bie Not des Reiches brtngenb Abhilfe verlangte. 11 nb bann mag noch darauf verwie­sen werden, daß gerade bie wichtigsten Ver­brauchssteuern auf Bier, Tabak und Branntwein im Ausland erheblich höher siild, als bei uns.

MIdaerW Zeitung

Virantw. Redakteur:

woch-ndeiiase:„IllustrierteSontttagsjeihing" mon-kb-liage: „Fuldaer GeschichtrblStter"