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Erscheint täglich mit ruunahme der So.m= und Leiertage. Viertel- phrlicher Vezngrpreir »h« vrkugrrlohn und VesteLgeld l« Fulda so« «iranrwärtrs.SOMt.

Vera»«». Redakteur: Larl schütter

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JV3 166.

Fulda, Samstaq den 24. Juli 1909.

36. Jahrgang.

Hostes McrtL.

Deutsches Reich.

** Berlin, 23. Juli 1909. Das Staat-- Ministerium hielt am Freitag eine Sitzung ab. — Eine neue Redaktion der neuen Steuergesetze wird halbamtlichen Meldungen zufolge, um die Ueberfichtlichkeit zu fördern, vor- genommen werden. Die alten bestehen gelaffenen Bestimmungen sollen mit dem neuen Gesetze zu einem Texte zusammengearbeitet uud dann die ganzen Gesetze, wie sie sich hierdurch ergeben, veröffentlicht werden. — Der Reichskanzler von Bethmann Hollweg antwortete dem In- nungsauSschuß der Vereinigten Innungen zu Berlin auf ein Ergebenheitstelegramm u. a.: Be­rechtigte Wünsche deS Mittel- und Handwerker­standes zu erfüllen, werde ich immer bemüht sein. — Reichskanzler v. Bethmann Holl­weg wird sich, einer Berliner Korrespondenz zu- folge, gelegentlich der Mitte September in Mün­chen erfolgenden Eröffnung der Schackgalerie dem Prinzregenten Luitpold von Bayern vor­stellen. Er wird den Kaiser zu der Eröffnungs­feier nach München begleiten. Ob der Reichs­kanzler im Anschluß daran auch die Höfe von Stuttgart und Karlsruhe besuchen wird, steht noch nicht fest.

4 Der Kaiser besichtigte gestern in Aale­sund die dortige Kirche mit den von ihm ge­stifteten Kirchenfenstern.

* Ein Besuch der Zareufamilie am hessischen Hofe. Der Großherzog von Hessen ist einer Darmstädter Meldung zufolge mit Frau und Kindern nach Kiel abgereist. Dort wird der Großherzog zugleich tntt dem Prinzen Heinrich von Preußen am 11. August den Zaren begrüßen. ES ist ziemlich sicher, daß der Kaiser und die Kaiserin von Rußand Mitte August auf Schloß Wolfgarten in Hessen zu einem etwa zwei­monatlichen Aufenthalt eintreffen werden. Das Befinden der Kaiserin Alexandra, das im Früh­jahr bedenkliche Erscheinungen angenommen hatte, hat sich wesentlich gebeffert. Die Kaiserin erhofft völlige Genesung in der hessischen Heimat.

(*) Die Arbeiten des Bundesrats. Der Bundesrat wird, wie die,Poftt hört, den ganzen August hindurch tagen, um die Ausführungs­bestimmungen zu den am 1. September und 1. Oktober in Kraft tretenden Steuergesetzen zu beraten. Die Aussührungsbestimmungen zu den am 1. und 15. August in Kraft tretenden Steuer- gesehen find bereits fertiggestellt und dürften demnächst amtlich publiziert werden. Wann der Reichstag wieder zusammentreten wird, das wird der BundeSrat erst im Oktober beschließen.

)( An den diesjährigen Herbstmaaövern der Flotte wird auch der Kaiser teilnehme«. Zum ersten Male werden sich daran drei Ge­schwader beteiligen. Freilich besteht daS dritte Geschwader nur aus alten Küstenpanzern der Siegsried-Klasse. — Bekanntlich will Prinz Hein- rich nach Beendigung der Herbstmanövrr den Oberbefehl über die Flotte niederlegen und wird in die Stelle des Generalinspektors der Marine einrücken.

(*) Der Entwurf über die Neuregelung der Sonntagsruhe im Handelsgewerbe soll nach einer Mitteilung der .Deutschen Handelswachtt

Bernhard von der Eiche.

Roman von Baronin Gabriele von Schlippendach- 37] (Nachdruck verboten.)

Herta sagte es sich, daß sie Schiffbruch gelitten, daß sie zu einer Künstlerin nicht den Stoff hatte. Eine einfache, kleine Blumenmalerinl Das war aus allen ihren hochfliegenden, kiihnen Plänen geworden. O, daß sie nie auf Thoa Schönhausen gehört, daß sie nie nach München gekommen wäre. Was würde Randen dazu sagen, wenn er es er­führe? Sie schämte sich auch vor ihren Bekann­ten und Mitschülern in der Akademie. Sie würden über sie spotten, umsomehr, als sie immer eine Schranke zwischen sich und dem leichtlebigen Malervölkchen gezogen hatte. Tea und Mandel durften nichts von ihrem Fehlschlag erfahren. Deshalb suchte Herta eine Wohnung, die weit ent­legen in einem Dorort lag, ein Daö^immerchen, gegen das Frau Hubers Mansarde ein Paradies war. Und dos Geld ging zur Neige, jetzt hieß es arbeiten, um zu laben. Zuerst konnte Herta sich nicht dazu entschließen, eine große Schlaffheit hielt sie gefangen. Sie hatte das Gefühl, als sei - etwas in ihr gebrochen. Es war der Anker der Hoffnung, der jedem ringenden und kämpfenden Menschen nötig fft, um das vorgesteckte Ziel zu 'erreichte. Herta schrieb den Geschwistern nidjtä über ihre veränderten Lebensaussichten. Sie schrieb überhaupt nicht mehr nach Rätzlingen seit der Unterredung mit Beyerstein, und ba sie ihre neue Adresse nicht aufgegeben hatte, blieben Ines Briefe auf drr Post liegen.

i Es war eine harte Schule, die das eitle, selbst­süchtige Weib durchlitt, die den Mann verlieh, dttm sie die Treue gelobt, dessen wahren Wert sie zu spät erkannt hatte. O, warum hatte sie 'es nicht früher getan, damals, als es noch Zeit war. "Erst etwas über ein Jahr war es her, seit sie 3hm- denhagen verlassen hatte, sie war gebrochn an Leib Irmd Seele. Ihre Gesundheit war durch die unae-

bereitS in diesem Herbste dem Reichstag sofort nach seinem Wiederzusammentritt zugehen.

----- Zu der Stichwahl in Landau-Neustadt schreibt Vie liberale ,Augsb. Abendztg.:

»Gelingt es ihnen (den Liberalen und Bündlern) — wir nehmen an, daß die Bündler wenigstens in der Stichwahl zu de» Lcheralen halten werden! — Reserven ins Feld z« führen, erinnert sich nicht zugleich ein Teil der Zentrumswähler, daß ihre Partei doch auch eine bürgerliche ist uud eine staatserhaltende sein will, so ist der Wahlkreis rettungslos an die Sozialdemokratte verloren.'

Hier wird verhüllt, aber verständlich um die Stimmen des Zentrums gebettelt. Trotzdem bringt die ,Augsb. Abendztg/ es nicht über sich, das Zentrum als staatserhaltende Partei anzu- erkennen, sondern sie spricht nur von davon, daß daS Zentrum eine staatserhaltende Partei .fein wolle". Wir wollen der pfälzischen Parteileitung in ihrer freien Entschließung nicht vorgreifen. Aber soviel darf gesagt werden: die Zentrumswähler müßten schön dumm sein, wenn sie nach all den ordinären Beschimpfungen, mit denen ihre Partei in den letzten Wochen und Monaten von der liberalen Preffe und von libe­ralen Rednern überschüttet wurde, und nachdem man eS auch jetzt noch nicht über sich bringt, daS Zentrum als staatserhaltende Partei anzuer- kennen, sich dazu herbeilassen wollten, den Libe­ralen durch ihre Stimmen zum Siege zu verhelfen. Den Kampf mit seinem ungeratenen Sohn Sozialismus soll der schmähsüchiige Liberalismus nur allein ausfechten.

■z* Krakeel und Kampf ist daS Ideal der Liberalen. Der nationalliberale Abg. Sieg sprach sich kürzlich in Grandenz über den neuen Reichskanzler folgendermaßen aus:

.Den jetzigen Reichskanzler v. Brthmann-Hollweg kenne ich genau. Er ist ein Philosoph, einer unserer aebildetsten Leute im ganzen Reiche. Aber der ganzen Charaklerantage nach fehlt ihm dir gepanzerte Faust, die heute ein Reichskanzler haben muß, um im Reiche Ordnung zu halten. Deswegen wollen wir hoffen, daß fich der jetzige Kanzler noch nach dieser Richtung entwickelt. Eins aber ist sicher: ein Kanzler, der es wagen sollte, die Ostmarkenpolitik zu opfern für Zentrum uud Konservative Her wird ro eg« gefegt werden, wie die Spreu vom Winde.

Was daS „Wegfegen" angeht, so hat der nationalliberale Abg. Sieg wohl einige Erfah­rung gesammelt, aber nicht, wie man wegsegt, sondern wie man weggefegt wird. Er gehörte nämlich zum Block, der wie Spreu vor dem Winde hinweggesegt worden ist. Selbigem Winde ist auch der Blockkanzler Bülow erlegen. Nachdem die Liberalen diese gründliche Nieder­lage erlitten haben, sollten sie den Mund nicht so voll nehmen gegenüber dem neuen Kanzler. Echt „liberal" ist die Forderung des nationakib. Abgeordneten, daß der deutsche Reichskanzler eine „gepanzerte Faust" haben müsse, und zwar eine gepanzerte Faust in der inneren Poli­tik. Unser Ideal ist die Arbeitshand, die für das Wohl des Volkes rastlos wirkt uud schasst. Der Liberalismus aber muß seinen Kampf haben, einen Kampf gegen andersdenkende ober anderssprechende Mitbürger. Entweder einen großen „Kulturkampf" gegen den katholi­schen Bevölkerungsteil im ganzen, ober einen kleineren gegen den polnischen Volksteil. Der „Liberale" fühlt sich erst wohl, wenn er Mit­menschen unterdrücken darf. Ist wirklich eine gepanzerte Faust nötig, um im Reiche Ordnung zu halten? Daun müßte es in den letzten zwölf Jahren, um dir Ordnung schlecht bestellt gewesen

wohnten Entbehrungen geschwächt. Tiefe Schat­ten lagen unter ihren Augen, uni) das einst so blühende Gesicht sah verfallen aus. Ein dumpfes Kopfweh quälte sie dazwischen und sie war ntiibe — müde. Aber sie durfte es nicht sein, es hieß ja: arbeiten, um nicht Mangel zu leiden.

Profeffor Beyerstein hatte mit dem Inhaber des Ladens gesprochen. Als Herta zum ersten Male hinging, zitterten ihre Kniee, so aufgeregt toor sie. Sie hatte einen Fächer gemalt, leicht hiegetvorfeae Veilchen und Maiglöckchen, in der Mitte ein zierliches Rokokobirdchen. Es kam ihr schwer an, es Münster u. Strauß anzubieten. Der Preis, den sie bekam, war so gering, daß sie erschrack, aber sie mußte das Geld nehmen, um nicht zu hungern. Der Inhaber des Ladens sagte: „Der Wettbewerb in diesem Zweig ist so groß, daß wir mit Angeboten überlaufen werden und daher keine hohe Summe zahlen können."

Herta kämpfte mit sich. Endlich fragte sie, in welcher Art sie wohl weiter für das Geschäft Ar­beiten liefern könne.

„Hier find sechs Mappen, die ich Ihnen geben will," entgegnete Straub, ein freundlicher, älterer Dfann. „Sie können sie nach ihrem Geschmack malen, ich will nur Bemerfeit, daß ich sie gern möglichst bald hätte. Ten Preis kann ich erst nach Abliefrung nennen, es kommt darauf an, wie mir die Arbeit gefällt."

Herta trug das ziemlich umfangreiche Paket in ihre Dachstube, die ein einziges Fenster hatte, daZ von einem Nachbarhause verdunkelt wurde, wurde.

„3d) betreibe die Malerei handiverksmäßig, gleich ein halbes Dutzend auf einmal," dachte sie mit bitterem Spott. „Soweit habe ich es also gebracht."

Es war draußen heiß und staubig, in der en­gen Dachstube heiß und schwül. Die Sonne ßhien unbarmherzig herein. Herta hatte schon mehrere Stunden rastlos gearbeitet: sie hatte fich kaum Zeit genommen, ein Glas Milch und ein Brät- chen ru genießen. Mittags brachte ihre Wirtin

sein, da Fürst Bülow eine eiserne Hand nach Bismarckschem Dorbilbe nicht besaß. Allerdings hat er Ende 1906 plötzlich mit der Faust auf den Tisch geschlagen, und seitdem sich gern den Anschein eines Kampfhelden gegeben. Aber, wie gings denn? So lange er den Handschuh des ftiedlichen Ausgleichs trug, wurde viel Großes geschaffen. Als er mit der gepanzerten Block­faust zu paradieren ansing, gab es Krach auf Krach, und schließlich einen parlamentarischen Bankerott, wie ihn keiner von seinen Vorgängern erlebte.

* Irreführungen. Unter dieser Ueberschrift veröffentlicht die „Kons. Korr." einen Artikel gegen die offiziöse Preffe im Lande, die fortfährt, „in Waschzetteln und in Kreisblättern die Le­gende zu verbreiten, als ob der Rücktritt des Fürsten Bülow die Folge eines unzulässigen und unpatriotischen Verhaltens der konservativen Reichstagsfraktion gewesen sei." Das kon­servative Fraktionsblatt schreibt:

Wir haben es hier vielleicht nur noch mit Rück­ständen früherer Preßinformationen zu tun, denn seit der Reichstagssitzung vom 10. Juli ist mit dieser Le­gende doch wohl so gründlich aufgeräumt worden, daß eine bemerkenswerte Schwäche der Auffassung oder des guten Willens dazu gehören würde, jene irreführende Ansicht noch aufrecht zu erhalten. Wir hoffen deshalb, daß es uns erspart bleiben wird, die im Jntereffe unser Panei sonst unbedingt efforderliche, wiederholte unzweideutige Widerlegung vorzunehmen. Auch mutet es in den offiziösen Kreisblaitartikelu seltsam an, mit Bezug auf di« Erbansallsteuer und den damit in sach­liche Verbindung gebrachten Rücktritt des Fürsten Bü­low den Hinweis zu finden, daß nur vier Millionen Wahlstiinmen hinter den Gegnern, dagegen sieben Millionen hinter den Freunden der Regierung gestan­den haben. Es wird nämlich dabei verschwiegen, daß die Hälfte dieser Wahlstimmen aus dem sozial­demokratischen Lager stammte, und es ist uns zweifelhaft, ob das der Regierung sowohl sachlich als ans allgemein politischen Gründen zum besonderen Rückhalt gereicht.

X Große Erregung herrscht unter ben Lehrern im rheinifch-westsälifchen Jnbustriege- niet. Die Bürgermeister der Städte des genannten Gebietes hatten nämlich vor kurzem auf einer Konfet enz beschlossen, den Sladtoerordneten gleichmäßige Vorschläge sür die Ortszulagen der Vo'.kSjchullehrer- und Lehrerinnen zu machen. Ferner sollten die betreffenden Vorschläge einst­weilen selbst vor den Stadtverordneten geheim gehalten werden und sie erst kurz v5r den be­treffenden Stadtverordneten-Sitzungen, die natür­lich zu diesem Zwecke überall auf ein und den- selben Term n, nämlich auf ben 20. Juli, ein« berufen wurden, veröffentlicht werden. Bekannt­lich wurden nach dem Gefetzr Ortszulagen für Lehrer bis zu 900 Mark und für Lehrerinnen zu 600 Mark gestattet. Die Oberbürgermeister aber einigten sich in der Konferenz nur auf 400 Mark für Lehrer und löO Mark für Lehrerinnen und zwar können diese „Höchstsätze" erst nach 32 Dienstjahren erreicht werden. In einigen Städten, wie in Essen und Mülheim a. d. Ruhr, wurden die vorgeschlagenen Sätze auch ange­nommen. In Dortmund beschloß man Vertagung. Das Zentrum halte daselbst beantragt, die Zulagen nach einer gewissen Staffelung in Höhe von 9i;0 Mark bezw. 500" Mark zu gewähren. Doch wurde dieser Antrag abgelehnt.

* Politik auf der Kanzel. Bei einem Fest- gottesdienste in der protestantischen Stadtpfarr­kirche zu Schwabach hielt Dekan Boeckh die Predigt, lieber die Beratungen zur Reichs - Finanzreform sagte er: „Es war eine Schmach, wie die deutsche

Volksvertretung feilschte darum, wer das wenigste für des Reiches Wohlfahrt leiste« soll." Wen» ein katholischer Geistlicher die Reichs-Finanzreform auf die Kanzel brächte, welches Geschrei würde sich erheben. Ich Schwabacher Falle aber schweige» alle Flöten.

X I» studentischen Kreise« plant man ein einheitliches Vorgehen, um gemeinsam eine Eingabe an ben Reichstag abzusenden, in der eine ein- heitliche Gestaltung des stndrnüschen Vereins- und Versammlungsrechtes auf Grund des Reichs-Bwinsgesetzes, sowie eine bestimmte Ab­grenzung der dem Rektor und dem Senat für die akademische Disziplin verbleibende» Besugniffe er­beten wird.

** Die Steuermogelei des Großkapitals.

Bekanntlich benutzen viele Gesellschaften den Umstand, daß die Bestimmungen über den Ge- winnanteilfchein- und Zinsscheinbogenstempel (Talonsteuer) erst am 1. August in Kraft trete» sollen, um in der Zwischenzeit neue Gewinnanteil- resp. ZinSscheinbogen vorzeitig, d. h. bevor der alte Bogen abgelaufen ist und bevor die Er­neuerung auf Grund des im Besitz der Eigen­tümer befindlichen Erneuerungsscheine (Talons) eigentlich stattzufinden hätte, auszugeben.

Erschwerend tritt, so lesen wir in der „Ger­mania", der Umstand hinzu, daß bte neuen Zinsschein- bezw. Gewinnanteilscheinbogen nicht, wie bisher allgemein üblich, sür 10 Jahre, son­dern gleich für 20 bis 30 Jahre ausgegebe» werden, sodaß damit der Ertrag der Steuer vollständig illusorisch gemacht wird. Eine Gesellschaft, welche die neuen Gewinnanteilschein- bogen gleich auf 30 Jahre ausgibt, erspart damit bei einem Aktienkapital von 30000 000 Mark 900000 Mark Steuer. In einzelnen Fälle» sollen felbst Gewinnanteilscheinbogen bis zum Jahre 1958, also gleich für 50 Jahre, auS« gegeben werden.

Der Ausfall, welcher der Reichskaffe durch diese Manipulationen entsteht, wird schon jetzt auf 60 Millionen Mark, die sich allerdings auf etwa fünf bis sechs Jahre verteilen würden, geschätzt, es kann aber bis zum 31. Juli noch manche Million hinzukommen.

Hätte das Reichsschatzamt ben von bet Mehr­heit ausgearbeiteten ersten Antrag angenommen, so wäre der ganze Unfug nicht eingetreten; aber im Reichsschatzamt hat man den Antrag ver­schlechtert und ben 1. August als Termin eingesetzt. Die Mehrheit wünschte den 1. Juli; da der Antrag über bte Talonsteuer erst am 7. Juli bekannt würbe, hätte keine einzige Ge- sellschast die Steuer umgehen können, Nicht die ttyte Mehrheit trifft daherr die Schuld, sonder» ganz allein bas Reichsschatzamt.

®te Gesellschaften werden sich, wie die .Germania" meint, nicht lange dieser Steuerum­gehung zu erfreuen Haden; denn die Reichskaffe kann diesen Ausfall ni ht tragen. ES wäre un­gerecht, den Besitz durch eine Masche entschlüpfen tu lasten, während der Konsum alles zu bezahle« hat. Man darf auf das bestimmteste erwarte», daß der Bundesrat sofort im November dem Reichstage eine ergänzende Novelle zugeh«» läßt, die ben Mogelern einen Strich durch bte Rechnung macht. Es wäre nur billig nnd recht, wenn sämtliche Zinsbogen, die zwischen dem 1. Juli und 1. August ausgegeben wurden, mit der doppelten Abgabe, alfa mit 2 Prozent

ihr einen Teller toäffrigzr Srfape und in winzi­ges Stückchen Fleisch. Die schlecht zubereitere Kost widerte Herta an. Ost blieb die karge Mahl­zeit fast unberührt.

Heute war ihr besonders Weh ums .Herz. Es war ihr Geburtstag. Sie wurde erst zweiund­zwanzig Jahre alt, aber sie fühlte sich wenigstens wie vierzig durch die trüben Erfahrungen des letzten Jahres. _

„Ich will für heute Schluß machen, "dachte sie, „es zieht mich allzir mächttg hinaus ins Freie. Ich muß Luft haben, den blauen Himmel scheu, vielleicht vertiere ich dieses peinigende Kopfweh."

Bon ihren mitgchrachten Kleidern war nur nod) ein graues Kostüm halbwegs anständig, aber auch ihm sah man an, daß es abgenutzt und eigent­lich kaum mehr zu braudjcn war. Es hing, viel M weit geworden, um die abgemagerte Gestalt der jungen Frau. Sie nahm die elettrische Bahn und fuhr Wait hinaus aus der geräuschvollen Stadt. Der Lärm der Wagen, das laute, frohe Treiben der Menschen auf den Straßen war uner- trägttch. Nur fort, fort, wo es still war, wo sie sich im Grafe ausstrecken konnte, und die Ihtbe Luft ihr die pochendem, fchmerzenden Schläfen kühlte. Als die Bahn hielt, stieg Herta aus. Der Wald nahm sie auf. Hier war es kühl tmd fried­lich. Wie ein weidwundes Rch hätte fie sich ver- kriechen mögen, um zu sterben. Sie lag unter einem Baum. Bunte Falter gaukelten von Blume zu Blume, und die Drosiek fang ihr süßes Lied. Hier, wo niemand sie sah, durfte sie weinen. Die Augen, die sich zwangen, ruhig und kalt zu bli­cken, fanden die erlösende Wchltat dec Tränen.

„Solltest Du je emttäufcht und fiügellafan wer­den, so erwarte ich Dich."

Warum fielen ihr diese Worte immer wieder ein? Es war, als rauschte fie der Wald um fie her, als flüsterten fie die Blumen. Sie schloß die Augen. Im halben Schlummer floh ihr die Wirklichkeit. Sie sah das alte Schieß im fernen Ostpreußen: fest und stolz stand es unter den weit­

wipfligen Kronen der Buchen. Der See schim- merte blau herüber. Da sprengte ein Reiter durch die Allee; er spornte fein feuriges Roß an, sein Auge suchte die, der sein edles Herz gehörte, der er feinen Namen gegeben. Und sie eilte ihm ent­gegen, sie warf sich in feine Arme.

„Friedrich!"

Herta erwachte aus ihrem SHlummre, lauter Lachen hatte fie geweckt. Sie fah eine Gesell­schaft auf sich zukommen, an ihrer Spitze Thea Schönhausen.

„Also hier findet man Dich endlich," rief die Malerin, „wir konnten uns gar nicht 'erklären, wo Dir steckst. Das ist nicht hübsch, daß Du durch­gegangen bist."»

Thea küßte die bleiche Wange Frau von Rcm- dens.

Auch Mandel war da und einige von denen, mit denen Herta die Akademie besuchte, und es schien ihr, als ob alle sie halb mitleidig, halb schadenfroh betrachteten. Alfredo wollte ben Schwerenöter spielen und Herfa Komplirnnte sa­gen, wurde aber von Tea kurz abgefertigt. In ihrer kategorischen Art sagte sie: „Ihr geht vor- aus znm Wirtshause und bestellt das Abendessen; ich habe mit meiner Freundin zu täten und will nicht gestört werden. Punktum, vorwärts!"

Lachend gchorchten die übrigen. Mandel warf einen feiner brennenden Blicke auf Herta und ent­fernte sich mit offenkundigem Bedauern.

„Nun, Schatz, es ist Dir wohl nicht gut gegan­gen," fagte Thea und schiebt den Arm iw den der jungen Fron. „Man sicht es Dir an,/daß Du keine Seide spinnst. Warum nm alles in der Welt haft Du Dich gedrückt? Ich muß fagen, daß ich ziemlich gekränkt bin. Ich erfuhr durch bte Kollegen, daß Du nicht mchr die Akademie be­suchst- da dachte ich, daß Du doch zu mir kommen würdest. Brauchst Du Geld? Sage es offen. Ich ijabe gerade zwei kleine Skizzen verkauft, natür­lich für einen Schleuderpreis, aber für einen gu­ten Freund habe ich gern etwas übrig."

Gortsetzung folgte»