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Soiationrdruckund Verlag der Luldaer Al- tieudruckerei in Zulda Zernsprecher Nr. y.

36. Iahrqanq

Fulda, Freitag den 23. Juli 1909

M 165.

igelegenheit ruht tat« t. W^er seitens der

erfüllt habe, und die Freude sei umso größer, als die Ereignisse völlig unerwartet eintraten. Ein Korrespondent weiß sogar zu melden:

sächlich seit 1*1» Jahren absolut. Weder selten? der Kurie noch seitens Preußens wurde rrgend ein Schritt qelan. Nach all den Mißerfolgen der letzten Jahre wird die Freude des Vatikans vollkommen fein, wenn das Zentrum wiederum die dominierend« Stellung einnehmen wird wie früher."

Es ist ganz klar, daß die Unterredung ent» weder frei erfunden ist oder mit einer ganz untergeordneten Persönlichkeit stattgesunden hat. Die Publikation hat nur den einen Zweck, m Deutschland neue Mißstimmung gegen Rom und das Zentrum herbeizusühren. ES fehlt eigentlich an der wunderschönen Geschichte nur das eine, daß daS Zentrum auf Befehl von Rom

so gehandelt hat.

I Die Reichstagsersatzwahl in Landau« Neustadt hat den Liberalen bekanntlich den enormen Verlust von 5500 Stimmen gebracht; wenn man ihnen die Stimmen des Bundes der Landwirte zuzählt, beträgt ihr Rückgang immer noch über 3000 Stimmen. Das Zentrum hat 1700 Stimmen verloren, ein Rückgang, der offenbar daraus sich erklärt, daß die Zentrums» Wähler sich von vornherein sagten, daß die Wahl für sie durchaus aussichtslos sei. Die natllb. ,Augsb. Postztg.' schreibt zu dem Wahlergebnis: „Die . . . Ersatzwahl hat das Resultat ergeben, das zu erwarten war: eine Stichwahl zwischen dem liberalen und dem sozialistischen Kandidaten mit seh« trüben Aussichten für den liberalen Kandi­daten. Nicht in diesem Umfange zu erwarten war das ganz bedeutende Wachstum der sozialdemokratischen Stimmen, dem wie bei Ersatzwahlen üblich, ein Ruck» gang der Stimmen aller Parteien gegenübersteht. Das ist zugleich eine bittere Lehre für die Links- liberalen, die in den Tagen der Krrsis eine Auf­lösung des Reichstages forderten."

Die lautesten Schreier nach der Reichstags» auflösung waren aber doch vor allem die Na» tionalliberalen, vor allem ihr Führer Basser» mann. Die Wahl in Reustadt-Landau zeigt klar, was die Liberalen zu erwarten gehabt hätten, wenn die Regierungen sich durch das liberale Geschrei zu einer Reichstagsauflösung hätten drängen lassen: die Liberalen hätten Schläge bekommen, daß die Fetzen davon flogen! Nirgends zeigt sich bester, wie wenig

Deutscher Reich.

** Berlin, 22. Juli 1909. Äm Samstag beginnen unter dem Vorsitze des Staatssekretärs des Reichs-Schatzamtes, Wermuth, die Beratun­gen der vereinigten Ausschüste des Bundesrates für Zoll- und Steuerwesen, für Handel und Ver­kehr und für Rechnungswesen über die Aus- führungs»Bestimmungen zu den neuen Steuergesetzen. — Eine Zusammenkunft mit dem

Und sind denn die neuen Steuern wirklich so . chlecht, tote die Liberalen glauben machen? Was zunächst die drei großen Verbrauchssteuern auf Bier, Tabak und Branntwin anlangt, so haben die Liberalen ja selbst zugegeben, daß diese Steu­ern nicht nur Notwendig, sondern auch e r t r a g- i ch seien. Wie können sie jetzt das, was sie selbst früher gebilligt haben, als verderblich bezeichnen? Auch die Erhöhung des Zolls auf Kaffee und Tee hatten die Liberalen, wie der Abg. Dr. Arendt im „Tag" (Nr. 166) behauptet, in Privat­gesprächen gutgeheißen. Und daß die Liberalen schließlich auch der soviel angefeindeten Zünd­holz- und Glühkörpersteuer zugesttmmt hätten, wenn im übrigen alles nach ihren Mün­chen gegangen wäre und das Zustandekommen der Finanzreform davon abgehangen hätte, wer­den die Herren selbst kaum bestreiten, da sie ja, wie die Verhandlungen gezeigt haben, nicht beste- res an deren Stelle zu setzen wutzden. Die Bet- behaltung der F a h r kar ten steue r und der Zuckersteuer hatte gleichfalls schon die Billi­gung der Liberalen gefunden, und die Erhöhung der S ch a u m w e i n st e u e r haben sie sogar sel­ber vorgeschlagen. Also f a st a l l e V e r b r a u chs- steuern batten anfänglich die Billigung der Liberalen gefunden und jetzt sollen alle diese Steuern auf einmal nichts taugen, rui­nös wirken und wer weiß was sonst noch alles. Wie reimt sich das zusammen?

Was endlich die Besihsteuern anlangt, so niag ja sein, daß sie nicht nach dem Geschmack der Libe­ralen ausgefallen sind, da der mühelose Gewinn stärker herangezogen wird als es den, Liberalen paßte, aber dan ist doch noch lange kein Beweis für den Unwert der neuen Steuern. Wir sind im Gegenteil der Ansicht, daß die neuen Besitz­steuern im Gegensatz zu der Erbschaftssteuer einen durchaus glücklichen Weg darstellen, den Be­sitz zu den Lasten des Reiches heranzuziehen. Die Umsatzsteuer auf Grundstücke ist ein vollwer­tiger Ersatz für die Erbschaftssteuer und sie hat vor dieser noch den Vorzug, daß sie nicht wie diese zur Erhebung gelangt, wenn die Familie einen unersetzlichen Verlust erlitten hat. Der immobile Besitz wird durch die Umsatzsteuer mit 40 Mill, belastet und in ihrer Wirkung unterscheidet sich die Umsatzsteuer von der Erbschaftssteuer nur da­durch, daß sie beim Besitzwechsel zu Lebzeiten erhoben wird. Ein tatsächlicher Unterschied be­steht also gar nicht. Es entsprach natürlich der Billigkeit, daß neben dem immobilen Besitz auch das mobile Kapital herangezogen touA? und die hierfür vorgeschlagenen! und. angenommenen Steuern sind so niedrig bemessen, daß sie ohne Mühe getragen werden können. Bon einer Schä­digung von Handel und Industrie kann gar keine Rede sein.

Will die liberale Presse jetzt noch behaupten, daß eine Finanzreform nach liberalen Rezepten anders ausgesehen haben würde, nun gut, so mag sie doch einmal statt unerwiesene und unbeweis­bare Behauptungen aufzustellen, den Beweis dafür erbringen. Sie soll uns doch einmal vor­rechnen, a u f w e l ch e Weise sie die 500 Mil­lionen aufgebracht hatte.

Sie wird sich hüten I

König Eduard soll nach österreichischen Blät- tern der neue R e i ch s k a n z l e r nach seinem AmtS- antritts-Besuche beim österreichischen Kaiser haben, und zwar in Marienbad. — Wie aus Wien ge- meldet wird, haben die Höfe von Baden, Bayern und Württemberg den Wunsch geäußert, den Kaiser Franz Joseph während seiner Anwesenheit tn Bregenz in 4 Wochen zu begrüßen. Natürlich hat man in Wien diesen Plänen sofort mit Freuden zugestimmt, und die Begegnung wird also statt- ^nt>*n$er Kaiser ist auf seiner Nordlandsreise gestern in Aalesund eingetroffen.

** Fürst Bülow ist am Mittwoch in Nor­derney eingetroffen. Die Ankunft verlief tn Der üblichen theatralischen Weife. . Zur degru- tzung wurden tränenschwere Reden über den Rück­tritt des Kanzlers geholten, worauf dieser mit einem der so beliebten Hinweise auf den „natio­nalen Gedanken" und einer. Selbstbelobung sei­ner Treue zu Kaiser und Reich antwortete.

* Ein Gegenmittel gegen die Maffenaus- gabe von Talons. Die ,Nordd. Allg. Zeitung schreibt: . , ,,

„In steigendem Umfang hat man tn der letzten Beit den Druck und die Ausgabe neuer Gewmnantell- scheinbogen und Zinsbogen lediglich zu dem Zweck be­wirkt, um der mit dem 1. August mkrall tretenden Zinsbogensteuer auf eine Reihe von Jahren hin­aus zu entgehen. Es kann kein Zweifel darüber be­stehen, daß der Gesetzgeber nur Unternehmungen von der Steuer freilassen wollte, deren Bogen in natürlichem Verlauf der Dinge vor dem ersten August durch neue ersetzt werden müssen Es ist als sicher vorauszusetzen, daß bei der Handhabung des Ge setzes durch die Behörden die nicht zweifelhafte Absicht des Gesetzes zu Grunde gelegt wird. Sollten sich der Ausführung Schwierigkeiten entgegenstellen, so wird im kommenden Herbst ohne Verzug eine authentische Erläuterung durch die gesetzgebenden Faktoren herbeigesührt werden."

)( Mit der preußischen Wahlreform will man angeblich solange warten, bis die Erfahrungen, die man mit dem neuen sächsischen Watch recht macht, vorliegen. Das sächsische Wahlrecht bleibt bekanntlich weit hinter den Erwartungen des sächsischen Volkes zurück. Aber innnerhin wird es trotz seines ausgesprochenem Klassen­charakters den Arbeitern eine Anzahl «itze tn der zweiten Kammer sichern. Auch schon wah­rend der Wahlrochtskämpfe im letzten sächsischen Landtags wurde die Ansicht geäußert, daß Sach­sen gewissermaßen als Bersnchsland für Preußen gelten solle. Im Plenum ist diese Ansicht da­mals nicht weiter hervorgetreten; doch lautet aus sächsischer Quelle, daß die preußische Regierung amtlich um Vtaterial über die Zusammensetzung der Wahlen und ihre Stimmabgaben in einzel­nen Wahlkreisen eingekommen ist. Die sächsischen Landtagswahlen nach dem neuen Gesetz werden gegen Ende Oktober stattfinden. Bis dann aber die „Erfahrungen" gesammelt sind, dürften noch mehrere Jahre vergehen. Also Geduld!

)( Auch die kommunalen Beamten sollen in ihrem Gehalle aufgebeffert werden. In West­falen wurden die Magistrale der großen Städie bereits aufgefordkrt, die Befoldungsverhältniffe ihrer kommunalen Beamten einer Revision zu unterziehen.

r Der Vatikan und der Kanzlerwechsel. Ueber die Aufnahme des Kanzlerwechfels im Vatikan wiffen liberale deutsche Blätter allerlei zu erzählen, als ob ihren Korrespondenten die leitenden Persönlichkeiten in Rom alles auf die Nase binden würden. So wird milgeteilt, daß der Sieg des Zentrums — denn dafür halte man den Kanzlerwechfel in Rom — die maß­gebenden vatikanischen Kreise mit großer Freude

+ Liberale Flaumacherei.

Die ReichAsinanzreform wird in der liberalen dargestellt. An freilich noch nie verlegen gewesen; sobald es aber gilt. Taten zu zeigen, hat er noch stets versagt. Dafür ist ja die Finanzreform der schlagendste Kkl ffiaru„rt»bin Me liberal«! «<** ferwisser ihr Können nicht gezeigt? Zen und Gelegenheit hatten sie. doch tn den langen sieben Monaten, tn denen mit Hilfe oes Liberalis­mus das Reich aus feiner Finanznot befreit wer­ben sollte, mehr als übergenug!

Und warum haben sie nicht auch noch später, als die Unfähigkeit des Liberalismus immer un- verhüllter zutage trat und sich tue neue Mchrheri zusammengefunden hatte, nm des Reiche» Not zu enden, ihr Können gezeigt und an Stelle oer jetzt angefeindeten Stenern bessere Vorschläge gemacht? Niem and hat es ihnen verwchrt, tm Gegenteil, sie sind stets zur Mitarbeit aus- drucklich aufgefordert worden. Und eigentlich wäre es doch auch ihre Pflicht gewesen, bessere Vorschläge zu machen .wenn sie die letzt cingeführten Steuern für fo verderblich hielten. Also warum nur Worte, nicht auch Taten? Die Antwort dürfte den Herren wohl recht viel Kopf­zerbrechen machen, darum wollen wir sie der Mühe gern überheben. Die neuen Steuern taugen nur deshalb nichts, weil sie ohne Mitwir- kungderLiberalen zustande gekommen sind, in Wirklichkeit hätte der Liberalismus aber die Jiuanzreform auch Nicht anders machen, können als es jetzt geschehen ist. Wählend die liberalen Wortführer mit tönenden Phrafen gegen die Steuervorschläge im Reichstag donnerten, hat sich Uns wiAerholt die Frage auf die Lippen gedrängt, wie' würden die Herren Weber, Wiemer und Mommsen wohl reden, wenn der Block jetzt noch bestände? Dann hätte der Liberalismus doch auch alle die „verderblichen" Verbrauchssteuern und einen Teil der neuen Besitzsteuem „schlucken" müssen, die er so heftig bekämpfte. Darüber kann nicht der geringste Zweifel bestehen.

Gesetzt den Fall, die E r b a n fa l Ist e n er hätte Annahme gesunden, dann hätte der Libero- lisinus doch allen Verbrauchssteuern zustimmen müssens außerdem aber hätte er, da 100 Millionen dem Besitz auferlegt werden sollten und mußten, neben der' Erbschaftssteuer, die ja in ihrer letzten Form bekanntlich nur 55 Millionen bringen sollte, doch noch weitere 50 Millionen Besitz­steuern bewilligen müssen. Und da kann es doch keinem Zweifel unterliegen, daß für diese Besitzsteuern nur das mobile Kapital, die B ö r s e, in Betracht kommen konnte. Wesentlich andere Besitzsteuern hätte also auch der Liberalis- mus nicht Vorschlägen können, als die jetzt zur Einführung gelangten.

Nach alledem können wir also mit Fug und Recht behaupten, daß eine Finanzreform nach liberalen Rezepten auch nicht anders aus- gesehen haben würde als die jetzt verabschiedete, da die von den Liberalen gewünschte Reichsver- rnogens- ober Reichseinkommensteuer bei dem ent­schiedenen Widerspruch der Verbündeten Regierun­gen nicht die allermindeste Aussicht auf Verwirk­lichung hatten. Die Liberalen sollten also sich und anderen nicht vorheucheln wollen, daß sie die Sache ganz anders gemacht hätten.

„Ja, es soll im Vatikan Leute geben, die am liebsten illuminiert hätten. Das ging aber nicht an, und so mußte man sich eben mit den freudestrahlenden Gesichtern der leitenden Prälaten, zufrieden geben. Gegen Bülow fällt indessen kein hartes Wort. So- wohl der Papst als Merry del Val haben in Ge- prächen mit diplomatischen Persönlichkeiten ihrer reundlichen Gesinnung gegenüber dem Fürsten Aus­druck gegeben. Der Papst sagte, es sei hart, nach12. übrigem treuen Dienste so plötzlich aus dem Amte scheiden zu müssen. Daß in Rom das 3entrum mehr denn je Trumpf ist, ist selbstverständlich. In dies Gefühl der Bewunderung mischt sich aber eine gewiße Scheu vor dieser mächtigen Partei, die man im Grunde wohl ebenso fürchtet wie liebt. Auf meine Frage: Was wird der Vatikan nun von Deutschland verlangen ? erwiderte mein Gewährsmann: Der Vatikan ist viel zu klug, um irgendwelche Forderungen zu stellen. Papst Pius ist eine andere Natur, als sie Leo war, und Merry del Val wird sich damit begnügen, das Zurückgewonnene zu bewahren. Was soll der Vatikan im übrigen verlangen? Hat er doch aUeS, was sein Herz begehrt. — Aber das Jesuitengesetz? warf ich ein. Caro amico (lieber Freund) erwiderte mein Gewährsmann, davon ist zurzeit keine Rede, und wenn die Sache schon einmal zur Sprache kommen würde, so wird es nicht durch die Kurie, sondern auf Umwegen geschehen. Ich fragte weiter: Und die An- aelegenheit des Erzbistums Posen? Mein Gewährs­mann antwortete mir: Diese Anr-'--»-'--'»

(Nachdruck verboten.)

86]

(Fortsetzung folgP

Bernhard von der Eiche.

Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach.

sie ein, daß sie besser getan hätte, an der Seite des Mannes zu bleiben, der sie auf Händen trug."

Andere Gäste kamen in das Zimmer und stör­ten daS Alleinsein der beiden. Herta entschlüpfte, sie atmete erleichtert auf. Sie beherrfchte sich und blieb den ganzen Abend heiter und belebt. Die Erregung trieb ihr das Blut in die Wangen, sie war bildschön. Mehr als einer der Anwesenden bewunderte die überschlanke, anmutige Frau, die zu lachen verstand, während ihre großen Augen zu meinen schienen.

Am anderen Tage fühlte sich Herta so müde, daß sie später als sonst zur Akademie ging. Die meisten Schülerinnen und Schüler BeyersteiNS waren schon fort.

„Dorf ich Sie um eine Unterredung bitten, Frau Baronin?" fragte der Professor und hielt die Tür zu feinem Privatzimmer für sie offen.

Herta folgte ihm gespannt. Ihr Ahnungsver­mögen sagte ihr, daß es etwas für ihr Loben Tieieinschneidendes sein würde, was sie in der nächsten Viertelstunde zu hören bekomme.

Nachdem Beyerstein ihr einen Stuhl angebo­ten, ging er einige Male int Zimmer auf und ab. Er fchien mit sich zu kämpfen, und nach den nötigen Worten zu suchen. Endlich blieb er vor Herta stehen. Ein Ausdruck des Bedauerns malte sich aus seinem Gesicht, als er sagte: „Gnä­dige Frau, es fällt mir sehr schwer. Ihnen das, mitzuteilen, was ich für meine Pflicht halte: ich hätte es schon lange tun müssen, konnte mich nur nicht dazu entschließen.

Eine Ahnung besten, was sie hören werde, durchzitterte Herta. „Sie wollen mir sage», daß — daß ich kein Talent habe," brachte sie gepreßt hervor.

„Ja, gnädige Frau, es tft schade um Ihren Fleiß," versetzte der Professor. „Sie werden Dilettantin bleiben. Es Hingt hart, nicht wahr?"

„Ich habe es seit einiger Zeit selbst gefürch­tet," murmelte Herta, in sich zusammensinkend. Ihr war wie dem Schiffbrüchigen zu Mute, der den Abgnmd unter sich gähnen sieht.

Nachdem sie der Frau Profestor ihren Glück­wunsch dargebracht und ihre Hand geküßt hatte, wurden ihr die Herren vorgestellt. Die meisten kannte sie nicht. Es waren einige bekannte Ma­ler da, Männer der Wissenschaft mit ihren Da- men, einige Offiziere und Studienfreunde Beyer- steins.

„Fmu Baronin, Herr von Thümer ist ein alter Bekannter von Ihnen, wie er mir eben sagte."

Mit diesen Worten entfernte sich der Professor; ein älterer Herr stand Herta gegenüber. Sie er­schrak heftig. Thümer war der nächste Nachbar Randenhagens, ein Verwandter ihres Mannes. Glühende Röte färbte das schöne Gesicht der jun­gen Frau. Sie glaubte, daß sich alles um sie drehte und hatte ein Gefühl von Ohnmacht.

„Bitte, nehmen Sie meinen Arm," sagte Thü­mer, und führte sie in das anstoßende Zimmer.

Sie folgte willenlos.

Sie waren allein. Herta setzte sich. Ihre Knie zitterten. Jetzt war sie so blaß, daß Thü­mer sie besorgt fragte, ob ihr nicht wohl fei. Sie schüttelte den Kops, noch fand sie die Worte nicht auf, ihren zitternden Lippen.

„Sie dachten wohl nicht, mich heute hier zu fehen," fragte Thümer. „Ich bin ein Studien­freund Beyersteins. Einst glaubte auch ich, ein Raphael zu werden; glücklicherweise erkannte ich «en Irrtum beizeiten und kehrte zur Pflugfchar Srück. Ich habe es nie bedauert, habe ein liebes eifc und brave Kinder, und überlaste die Palme des Ruhmes denen, die dazu berufen sind." o^Ha hatte sich soweit gesammelt, daß sie ein Kacheln erzwingen konnte. „Sie — Sie kommen «W nufjt direkt aus Ostpreußen, Herr von Thü­mer? fragte sie stotternd.

„Ich habe mich nur einen Tag in Berlin auf­gebalten, gnädige Frau, ich reife jetzt zu meiner verheirateten Tochter nach Wiesbaden, wollte aber vorher meinen alten Freund hier besuchen. Darf man fragen, wie Sie sich in der schönen Jsarstadt unterhalten?"

„O, München ist ganz herrlich, die Umgebung besonders."

Sie unterhielten sich einige Zeit darüber. Thümer berührte mit feinem Wort den Zweck von Hertas Anwesenheit in München. Sie wartete darauf und fürchtete sich davor. Eine Frage brannte ihr auf dem Herzen. Sie hätte gerne gewußt, wann Thümer Randen zuletzt gesehen hatte, wie er ihn fand und ob er wohl gewesen fei. „Herr von Tbümer, wann sahen Sie Fried­rich?" Wie aus der Pistole herausgeschossen sagte es Hreta.

„Im Januar vor seiner Reise."

„War er gesund? Wie, — wie sieht es in Randenhagen aus?" Gegen ihren Willen tote da­zu getrieben, mußte sie es fragen .

„Friedrich ist wohl auf und sehr tätig in der Wirtschaft. Er baut eine Sagemühle und mußte sehr oft nach Königsberg hi »unterfahren. Jetzt macht er eine geschäftliche Reife nach Nordame­rika; er versprach sich viel Abwechslung davon. Was soll der arme Kerl auch allein in dem großen, öden Hansel"

Es klang ein leiser Tadel in diesen Worten. Herta fühlte sich davon getroffen und senkte das Haupt.

Halb mitleidig, halb ärgerlich blickte Thümer auf die junge Frau nieder. Er war ihretwegen hergekommen, der Besuch beim Professor diente nur als Äirwand. Randen hatte den Onkel ge­beten, nach München zu reisen, er sorgte sich um Herta, er möchte wissen, wie es ihr ging, ob sie nicht des Schutzes und Beistandes bedurfte. Und was er zu fehen glaubte, regte in Thümer die Ueberzeugung an: „Sie ist nicht glücklich, sie hat das nicht gefunden, was sie hostfe. Vielleicht sieht

, Sehen Sie, Frau Baronin," ergriff Beyer- stein das Wort, „es ist für den Lehrer schwer, mit der Wahrheit hinter dem Berge zu bleiben. °thre Begabung liegt nicht in der Landschafts- nmlerei, der Baumschlag gelingt Ihnen nicht, und der Blick für die Perspektive fehlt, da geben e-ie es lieber auf."

„Aber was soll ich dann?" Traurig kam eS von ihren Lippen.

Sie haben meiner Frau ein Blumeustück auf einen Schirm gemalt, dies ist sehr f-in und an- st relMd. Ich glaube nicht zu irren, wenn ich Ihm» rote, in Zukunft nur noch diese Art der Malerei zu Ictreiben. Sie können allermeiste Sächelchen für ein Geschäft anfeu gen. das rH Ihnen nennen werde. Fächer, Schirme, Visiten­karten oder Albums. Es ist wirklich Oer beste Rat, den ich Ihnen geben kann, alles andere fuhrt zu nichts."

Herta gab sich einen moralischen Ruck, sie suchte ruhig zu erscheinen, und das Zucken ihrer Lippen unter einem Lächeln zu verbergen.

„Ich danke Jhnim, Herr Professor," sagte sie aufstehend, „ich — ich trete von heute an aus der Akademie aus, sie ist fortan für mich ver­schlossen."

Sie tat ihm so leid, wie sie da stand, entert Zug wehen Entsagens auf dem blaffen Gesicht. Der Professor ergriff die schlaff herabhangsnoe Frcmetchand und hielt sie in der eigenen; dann sagte er:

„Münster u. Strauß, unser erstes Galante- riewarengeschäft, kauft solche gemalten Gegen­stände. Ich will mit den Herren Ihretwegen sprechen, ich glaube, sie nehmen etwas an.

Wie Herta an jenem Tage ihr Zimmer er­reichte, ist ihr später immer unklar gewesen. An der Müdigkeit, die sie spürte, merkte sie erst, daß sie lange plan- und ziellos umhergeirrt sein mußte.