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M 164.

Fulda, Donnerstag den 22. Juli 1909.

36. Jahrgang.

Deutsches Reich.

** Der Kaiser verließ in der Nacht zum Donnerstag auf seiner Nordlandsreise Bergen und suhr nach Aalesund und Molde.

** Mit der Veröffentlichung der Steuer­gesetze ist im .Reichsanzeiger" begonnen worden. Am Mittwoch sind die Gesetze betreffend die Erhöhung der Tabak- und der Schaum- weinsteuer publiziert worden.

)( Ein „Drei-Kaiscr-Manöver"? Man erwar­tet, daß vn dem im September bei Groß-Mese- ritsch stattfindenden österreichischen Kaiferman- növer auch der Zar von Rußland teilnehmen wird. Es würde also dieses Manöver durch die Beiteiligung des deutschen Kaisers und des Kai­sers Franz Joseph von Oesterreich dadurch zu einem „Drei-Kaiser-Manöver" werden. Voraus­sichtlich wird auch noch der König von Sachsen auf dem Manöverfelde anwesend sein. Die Ankunft des deutschen Kaisers in Groß-Meieritsch soll am & September erfolgen.

(*) Als Triumphator hat Fürst Bülow aus dem Amte scheiden wollen, das ist chm nicht ge­lungen. Daher erklärt es sich, daß ihm der Rück­tritt jetzt so große Ueberwindung gekostet hat. In­dessen war seine Stellung längst erschüttert, nicht nur bei der maßgebenden höchsten Stelle, son­dern auch im preußischen Staatsministerium und nicht zuletzt im Bundesrat. Ein Artikel der .Köln. Volksztg/, der allerhand Intimitäten aus den hohen Kreisen mitteilt, sagt darüber: „Wer engere Fühlung mit Ministern und Bundesratsbevollmächtigten hatte, konnte darüber nicht im Zweifel sein, auch wenn dies« Herren sich noch so vorsichtig und zurückhal­tend aussprachen, der lange verhaltene Unmut kam doch manchmal zum Durchbruch, und dann erfuhr man merkwürdige Dinge. Es ist ja auch hinläng­lich bekannt, welcher Beschluß oder welche „Stel­lungnahme" der Reise nachKiel, von welcher der Kanzler mit gebrochenem Selbstbewußtsein zurückkehrte,vorans- ging. Als Fürst Bülow noch der st a r ke M a n n war, pflegte er anders aufzutreten. Die Amtsentsetzung von Staatssekretären und preußischen Ministern konnte man immer schon einige Zeit im voraus hören, fanden doch schon Konferenzen mit Abgeordneten über die Entlassung des Grasen Posadowskq zu einer Zeit statt, als dies noch niemand ahnte, kaum sechs Wochen nach lieber« nahm« des Kanzlerpostens durch den damaligen Herrn v. Bülow. Nur dem Eintreten der zu Rate gezogenen Abgeordneten für den damaligen Slaats- sekretLr des Innern dürfte es zuzuschreiben sein, daß dieser nicht schon sechs Jahre früher kalt ge­stellt wurde. Wie v. Miquel und v. P o d - vielski den Abschied erhielten, ist noch in frischer Erinnerung, auch dies« beiden Herren konnten den Kampf mit dem Kanzler nicht bestehen. Aber nicht immer konnte der Kanzler seinen Willen durchsetzen, schon im Jahre 1907 war sein Stern im Erbleichen. Im Reichstag ging damals eine Karte an einen Parteiführer der Blockmehrheit von Hand zu Hand, welche eine Einladung enthielt zur „Besprechung der politischen Lage." Aus dieser Karte war der Verlauf der Unterredung kurz notiert, und dabei fiel der sehr bezeichnende Satz auf: „—--, — — — (die Striche bedeuten

die Namen zweier Minister, die wir hier nicht nennen wollen) fallen, erschweren Situation." — Die Tage dieser beiden Minister, welche ebenso wie Graf v. Posadowsly nicht für blockfreundlich galten, hielt man damals für gezählt, man nahm allgemein an, daß der Kanzler sie dem Block zum Opfer bringen wollte. Die Sache kam sedoch anders; die beiden Minister sitzen heute noch fest im Sattel und ihr Gegner genießt die Ruhe des Privatlebens. Die erwähnte Karte enthielt auch noch manches andere, was ein sehr bezeichnendes Licht auf die

Situation warf und noch heute werfen würde, wenn eS mitgeteilt werden sollte.

X DaS Abkommen zwischen Deutschland und den Bereinigten Staaten betreffend den gegenseitigen gewerblichen Rechtsschutz wird demnächst in Kraft gesetzt werden. Vor allem handelt eS sich bekanntlich um den Schutz der Patente, Muster und Modelle. Es wird der Grundsatz aufgestellt, daß die Angehörigen deS einen Vertragsstaates in dem anderen Vertrags­staate keinem weitergehenden Ausführungszwang ausgesetzt sein sollen, als im Heimatsstaate.

)( Die Talonsteuer sucht man besonders in Börsenkreisen auf die Weise zu umgehen, daß neue Dividendenbogen vor Inkrafttreten des Ge- setzes ausgegeben wurden. Der Bundesrat will aber diese Hintergehung nicht gelten lasten, und wird daher in nächster Zeit Maßnahmen treffen, um einer Vereitelung der Talonsteuer entgegen zu wirken.

* lieber den Bremer Tabakmarkt schreibt die nationalliberale Kölnische Zeitung':

Im allgemeinen hat stch die Marktlage nicht ge­ändert. Nach Annahme der Wertfteuer, die zweifellos für unseren Markt von Vorteil sein wird gegen­über Holland, sind billige Preislagen stärker begehrt, als zuvor. Größere Posten Brasil wurden zu festen Preisen verkauft. . . .

Das klingt ganz anders als das liberale Jammergestöhn, daß die neuen Steueraesehe Handel, Gewerbe und Industrie in ihrem Lebens- nerv bedrohten.

* Arbeiter und neue Steuern. Die.West­deutsche Arbeiterzeitung' in M.-Gladbach, das Organ bet katholischen Arbeitervereine West­deutschlands, schreibt: „Kaffeezoll, Zünd- warensteuer, Besteuerung der 4. Wagen- klasse. daS sind hauptsächlich die Steuern, deren Annahme wir bedauern wüsten. Unsere Zenlrumspartei wird sie, ihrer ganzen Vergangen­heit nach, ebenfalls nicht zu den Jdealsteiiern rechnen können noch wollen. Ihre Aufnahme in das Sleuerprogramm ließ sich, wie uns immer wieder versichert wird, nicht umgeben. Die Zentrumspartei, io versichern uns die Vartei- ffihrer, stand vor der Wahl: entweder eine Lösung der Reichsfinanzre'orm mit den konser­vativen Parteien zu finden und zu beenden, oder — sich selbst aufzuaeben. Diese Perspektive soll sich namentlich in den letzten Wochen mit absoluter Sicherheit gezeigt hoben. Daß die Partei die Wahl im ©inne einer zu politischer Arbeit gewillten und tähigen Partei entschied, müssen auch mir versieben. Und können es. Im poetischen Leben spielen eben noch aanz andere Dinge mit. Erwärunaen. über deren Be­rechtigung und Richtigkeit eiaentlich erst die Ge­schichte entscheiden kann. Die Gründe, die den Führern unserer Zentrumspartei «roinaenb er­schienen, so »u bandeln, wie sie getan, schließen auch unser Interesse als katholische Arbeiter mit ein. Wir haben uns das Vorhandensein solcher Erwägungen aerobe bei dieser Reichsfinanzreform- fraoe nie verhehlt."

f.) Stuttgart, 21. Juli 1909. Die Erste Kammer nahm den Kernpunkt deS Volks- schulgesetzes an: den Ersatz der geistlichen Bezirksschulaussicht im Nebenamt durch die fach­männische Bezirksschulaussicht im Hauptamt. In zwei Resolutionen wirb b'e Voraussetzung aus­gesprochen, daß der Eintritt in bte Stellung eines BezirkSschulaussehers Theologen und Angehörigen

deS Höheren Lehrerstandes nicht erschwert, und baß burch bie Auswahl bet Personen eine bem christlichen und konfessionellen Charakter bet Volksschule entsprechende Ausübung bet Schul­aufsicht gewährleistet wird. Die Durchberatung des Gesetzes wurde heute beendet; es geht nun­mehr wieder an die Zweite Kammer.

X Di« nationalliberale Schnorrerei.

AuS dem Bettelbrief, den der Vorstand der nationalliberalen Partei im ganzen Lande verbreitet (vgl. Nr. 163), verdienen noch folgende Sätze festgehalten zu werden:

«Handel, Gewerbe und Industrie wurden in ihrem Lebensnerv bedroht, der Mittelstand in Stadt und Land schwer getroffen ohne gerechten Ausgleich, die breiten Massen aufs neue schwer bedrückt. Das tat die Mehrheit, um die Besitzenden, um insbesondere den großen Grundbesitz zu schonen. Und um der Er­haltung politischer Macht willen zerstörten die Konservativen den Block, halfen wieder dem Zen­trum zur Macht und stürzten den Kanzler. . . . Am schwersten wirkt die konservative Schuld in ihrer Bersündigung am Block. Welch nationales Leben, welche Zukunstshoffnungen erweckte die letzte Reichs­lagswahl! Eine Rrichspolitik, in den großen Lebens­fragen des Vaterlandes unabhängig gemacht vom Zen­trumsübermut, gefördert durch gegenseitiges Sichver- stehenlernen von konservativem und liberalem Geiste! Sie ist zerstört. Zentrum wird wieder Trumpf. Wird das deutsche Volk sich willenlos beugen wolle»? Wird es sein Schicksal einer Mehrheit überantworten wollen, die verständnislos und übelwollend der kultu­rellen und wirtschaftlichen Entwicklung gegenübersteht? Wir glauben: Nein."

Ja, haben denn bie Nalionalliberalen keine Sleuern aus ben Massen konsum legen wollen? Aber gewiß boch. Sie wollten ja sogar 400 Millionen indirekter Steuern bewilligen, während der „schwarze Block" nur 310 Millionen ge­nehmigt hat. Also mit bet Ueberlastung der schwachen Schultern sieht es denn doch ganz anders aus. Was die Liberalen am meisten schmerzt, das ist die Zerstörung des Blocks und der infolgedesien bedingte Sturz des Reichskanzlers — und: „Zentrum wird wieder Trumpf." Darin gipfelt die ganze Jeremiade. Nun, außer­halb bet liberalen Kreise weiß man, baß ein Weiterbestehen des Blocks, nur für die Dauer von einigen Monaten, dem deutschen Volke nicht nur Millionen gekostet, sondern nicht einmal die geringsten Einnahmen verschafft und das Deutsche Reich einfach in finanzieller Hinsicht an den Ab­grund des Verderbens gebracht hätte. Und durch die Zerstörung eines solchen Jammergebildes sollen sich die Konservativen versündigt haben! Nein, diele haben sich lediglich dadurch versündigt, daß sie nicht, folgsam wie kleine Kinder, nach der liberalen Meise getanzt haben. Davon aber spricht man nicht, daß die liberalen Adgeordnelen ihrer Pflicht als Volksvertreter nicht nachgekom- men sind, baß sie aus Aerqer darüber, weil die liberal« Vormachtstellung einen kleinen Swß er» littlen hatte, sich einfach in den Schmollwinkel setzten und sagten: Ich ine nicht mehr mit.

Der Ausruf laust in einen bringenden Appell an die großen Geldbeutel der nalionalliberalen Wähler aus, um die Mittel für die „Aufklärung" im Lande zu gewinnen. Jetzt also soll das Volk, um dessen Gunst und Liebe sich die Libe­ralen bisher auch nicht im geringsten gekümmert haben, „große Mitte!" liefern, damit die „Abwehr klerikaler Herrschaft" gelinge, damit „unser Vaterland freigehalten werde von der Zentrums- Herrschaft" ufa.

Die Macht in politischer und wirtschaftlicher Beziehung an sich zu reißen, das zu tun, was man anderen Parteien zum Vorwurf macht, nämlich der Regierung den Parteiwillen auszu­zwingen, das ist das Streben des Liberalismus. Und dieses Streben unterstützt ein guter Deutsch« nicht. Die Regierung soll über den Parteien stehen. Jede Partei soll mit Peinlichkeit darauf achten, das beste ?u leisten und für des Volkes Wohl ihre ganze Kraft einzusetzen. Das ist dcS Zentrums einsrigstes Bestreben. Die „gekränkte Leberwurst spielen" und dann über die anderen losziehen, die sich aus solchen Schmollwinkel­sitzern nichts machen, das leistet sich nur der, dessen Egoismus keine Grenzen kennt.

(*) Die Bierpreiserhöhung.

In Berlin hat eine weitere Beratung bet an bet Frage bet Abwälzung bet Braufteuer zunächst interessierten Kreise stattgefunben. Währenb bis­her bie Brauereien gemäß der am vorigen Frei­tag angenommenen Resolution eine BierpreiS- erhöhung von 5 M. pro Hektoliter burchzuführen beabsichtigen unb bie Wirte 7—10 Pfg. auf­schlagen sollen, nähern sich nunmehr mehrer« Großbrauereien der Ansicht der Schultheiß- Brauerei, daß für Berlin schon eine Erhöhung von 3-4 M. pro Hektoliter ausreichend erscheine. Eine Einigung wurde noch nicht erzielt.

Ausland.

* Die Spanier wollen keinen Krieg in Marokko. Erst gestern meldeten wir von den Kundgebungen in Barcelona, bie sich gegen den marokkanischen Krieg richten, und jetzt kommt die Nachricht aus Madrid, daß dort eine außerordentliche Erregung herrscht. Die allgemeine Meinung ist gegen die Kriegs­unternehmungen in Marokko. Es fanden lärniende Kundgebungen gegen das Ministerium statt. Frauen drangen in ben Sübbahnhof ein, um bie Abfahrt ber Truppen zu verhindern. An mehreren Punkten kam es zu Zusammen­stößen.

* In Marokko dauern die Kämpfe zwischen Kabplen und Spaniern in der Umgegend von Melilla fort. Am Dienstag bombardierte die spanische Artillerie ununterbrochen die feindlichen Stellungen. Gegen abend rückten mehrere Riffleuie gegen das spanische Lager; es entwickelte sich ein neues Gefecht, das um Mitternacht noch andauerte; der Ausgang ist bisher nicht bekannt.

* Türkei. Die Kammer nahm nach lebhafter Debatte einen Gesetzentwurf an bett, sofortige Aus­hebung von sechs Klassen von Nichtmusel­manen und solchen Muselmanen, die bisher vom Militärdienst befreit waren. Die Gesamtzahl der Mannschaften wird auf 150 000 geschätzt.

* Persien. Ein Handschreiben des neuen Sultans an den Regenten befiehlt die beschleu­nigte Einberufung des Abgeordnetenhauses unb des Senates zur Beruhigung des Volkes.

* Bülow, der Papst «nd das Zentrum.

In einem so überschriebenen Artikel macht der „(Sortiere della Sera" (Nr. 195 vom 16. Juli) recht interessante Enthüllungen über bie bewußten Machenschaften der letzten Jahre, den Heiligen Stuhl gegen die Zentrums- Partei einzunehmen.

Bernhard von der Eiche.

Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach- 35] (Nachdruck verboten.)

„Stein," dachte sie traurig, „er Sarf keine vollerblühtc Rose nehmen, jene zarte Mädchen- knespe paßt besser für ihn. Ich habe erraten, daß sie Bernhard von dec Eiche liebt. Ick; will nach einigen Tagen fortceifen und nach Mon Repos erst zucücklehren, wenn er verheiratet ist."

Daß sie ihren Reichtum freudig aufgeben würde, wenn der Hochofenchef die eine Frage an sie stellte ,nach der ihre Seele lechzte, das wußte sic heute. Sie hatte es klar empfunden, wie Sä'nppen ivar es ihr von den Augne gefallen: sie Iieibte Bernhard von dec Eiche, den armen Mann ohne Vermögen, ber in harter Arbeit ihren Reichtum vergrößern half. Um sich nicht zu bet­raten, wofür ihre stolze Natur bangte, hatte sie sich in den Eispanzer gehüllt, der so oft ein heiß pulsierendes Frauenherz umgibt und die Men­schen täuscht.

Und wieder lag sein Arm um sie und ihr Herz Po<l)te in wilden, heißen Schlägen: es wat ein Gefühl höchster Wonne und doch mischte sich eine Dual darein, die einem körperlichen Schmerz gleichkam.

Bernhard fühlte heute ,daß er noch jung war. fDas Mut klopfte schneller in feinen Adern, und er genoß das langentbchrte Vergnügen eines Bal­les in vollen Zügen. Diese Abwechslung eines arbeitsreichen Lebens hatte einen eigenen Reiz für An ernsten Mann. Mit Luise tanzte er am häu- ffigsten, auch die langen Tänze.

« Ines schwamm in Seligkeit. Sie flog leicht Me eine Libelle von einem Arm in den andern. Wr hübsches Gesicht glühte. Wirr kräuseln sich ML goldblonden Haare um ihr Köpfchen.

> „Schabe, daß Graf Frauenfeld heute nicht hier M", «achte fie, „er sagte mir, daß er leidenfchast- Kch gern tangt Wo mag der Arme jetzt sein?"

Dec Ball dehnte sich bis in den grauen Mor­gen hinein aus. Bernhard geleitete die Damen aus Mon Rirpos an den Wagen. Fräulein Hulda war schläfrig, der Rechtsanwalt hatte einen klei­nen Schwips, Irmgard sah müde aus. Sie war sehr bleich und ihre großen dunklen Augen hatten einen merkwürdigen Ausdruck, als sie dem Hoch­ofenchef die.Hand beim Abschiede reichte.

Schwer und kalt lag die weiße Fcau.mhand in der des Mannes. Er beugte sich darüber und küßte sie; nur fluchtig berührten seine Lippen die zarte Haut, dann trat er zurück und die Pferde zagen an. Im Morgegrauen entschwand die Equipage.

♦ ♦

Seit Herta von Randen in die neue Wohnung gezogen, waren viele Wochen vergangen. Sie hatte zuerst ein Gefühl der Erleichterung gehabt, nun ganz ihr eigener Herr zu sein. Sie hatte mit Eifer ihre Studien betrieben .aber nach und nach kam sie zu der niederschlagenden Erkenntnis, daß sie zu große Erwartungen gehegt hatte, daß sie nicht weiter kam. Sie schrieb fetten an die Geschwister, Ls fiel ihr schwer, den zuversichtlichen Ton anzuschlagea, der zuerst in ihren Briefen lag. Etwas wie müdes Entsagen schimmerte hin­durch. Und Ines und Bernhard lasen es zwischen den Zeilen; sie sorgten sich um die Schwester.

„Wir wollen Herta besuchen, wenn wir rei­fet", sagte Bernhard und Ines stimmte ihm leb­test bei.

„Wenn Du Gelb brauchst, so schreibe es mir," so schloß ber Brief des Bruders, den bie Malerin eines Tages «hielt.

„Nein, nein," dachte fie, „ich kann Hardy nicht um Unterstützung bitten; mein Stolz verbietet mir, einzugestehen, daß meine kleine Barschaft zur Neige geht."

Mutlos und traurig saß Herta in ihrem Beinen Stübchen. Ein angefangenes Bild stand auf der Staffelei. Sie trat davor und sah es »an. Sie war unzufrieden mit sich, fie te an ihrem Können. Professor Beherstein

batte sie gebeten, morgen zum Geburtstage feinet Frau zu kommen, mit dec Herta bekannt gewor­den war. Sic fühlte sich zu der alten, freundli­chen Dame hingezogen und war in der letzten Zeit mehrere Male in dem gastfreien Hause des Pco- fessors als stets gern gesehener Gast eingekehrt. Es tat ihr wohl, wieder in einem geordneten Heim ein unb auszugehen, sich mit wahrhaft ge­bildeten Meujchen zu unterhalten, aus der nach ihrem Geschmack allzu freien Atmosphäre der Kunstjünger heranszukommen, unter denen sie eine Fremde blieb.

„Die Baronin," diesen Spitznamen hatte sie weg. Er haftete ihr mit leisem Spott an und zog eine Schranke zwischen ihr und den Kollegen.

Thoa Schönhausen besuchte Herta ab und zu; sie war setzt, seit Frau von Randen nicht mehr in der Färbergasse wohnte, viel freundlicher gegen sie. Oft verplauderten die beiden ein Stünd­chen-, Thea sprach meist und Herta hörte zu. Die Schönhausen hatte große Hofusungen, daß sie durch ihr letztes Bild mit einem Schlage berühmt würde. Wenn sie Herta verließ, war das niedrige Zimmer mit dem blauen Rauch der Zigarette gefüllt. Ec verursachte Herta ein Gefühl des Un­behagens. Von ihrem Gatten hatte sie nur ein­mal durch die Tante in Thüringen gehört, daß et eine weite Reise nach Nord-Amerika unternom­men hatte, von der er im Frühjahr zurückkehren würde.

„Ob er mich noch liebt? Ob er im Wechsel des Neuen, das er sehen wird, die Zeit unserer Ehe zu vergessen sucht?" Sie fragte es sich wie­der und wieder.

Die Frau Professor Beyecstein war die «in- zige, die Ser ringenden und kämpfenden Seele der jungen Frau näher getreten war. Es lag iu dec mütterlichen Art ber alten Dame, daß fie Vertrauen gewann, baß auch Hertas verschlossenes Wesen sich bem Zauber erschloß, den ein wahrhaft guter, edler Mensch auf seine Umgebung ausübt. Ohne daß Herta es wußte, sahen die klugen Augen ihr« alten Freundin mehr, als sie backte, und

Frau Professor hegte den lebhaften Wunsch, daS junge Geschöpf glücklich zu sehen, sie wieder dem Mann zurückzuführen, der einsam geblieben war, seit sein Weib ihn verlassen hatte, um einem Ziele nachzujagen, das sie nicht erreichte. Der Profes­sor hatte es seiner Frau gesagt. Er war entschlof- fen, es bei der nächsten Gelegenheit seiner Schü­lerin miizuteilen ,daß aller Fleiß ihrerseits nicht ansrciche, daß ihr Talent nicht durchschlagend sei. Herta wünschte, der Frau ihres verehrten Lehrers ein kleines Geschenk zu machen. Sie malte einen Schirm und Nahm bte Skizze dazu, die fie drau­ßen entworfen hatte. Die schlanken Weiden- zweige mit den grauen, sammetartigen Kätzchen neigten sich anmutig über die blauen Kornblumen Und lveißen Anemonen im jungen grünen Grase, und ber bunte Falter wiegte sich in der blauen Frühlingsluft. Diese Arbeit hatte ihr Freude ge­macht; sie war so fein aosgeführt, die Farben leuchteten, die Blumen sahen wie lebend ans.

Herta hatte zum ersten mal baS elfenbeinfar­bene Seidenkleid angezogen und ihr volles, schö­nes Haar sorgfältig frisiert. Sie schüttelte den Kopf, als sie sich in dem kleinen Spiegel kritisch betrachtete.

„Ich sehe müde und häßlich aus," dachte sie, „was würde Randen sagen? Könnte er mich noch lieben?"

Dieser Gedanke fuhr ihr durch den Sinn. Er hatte fie an einem Ballfest bei ben Nachbarn in diesem Kleide bewundert; sie hatte es unf reu üb­lich zurückgewieesn.

Heute wurde es nicht mehr so jein; ihr fehlte der Mensch, bem sie alles sein konnte, dessen^ Siebe unb Treue sie weich und warm umgab. Frösteln» schauert« fie zusammen.

Als sie des Professors hellerleuchtetes Haus be­trat, waren schon fast alle Gäste berfammeii; aller Augen hefteten sich auf sie. Herta wußte n«ht, wie lieblich sie gerade durch ihre Blässe und bat schwermütigen Zug um den Mund ausscch, unb in ihren Augen lag etwas Su-bandes, etwas Welt- fremdes. (Forts, folgt.)