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M 163.

Fulda, Mittwoch den 21. Juli 1J09.

36. Jahrgang.

Erstes Mcrtt.

Weshalb sind die neuen Steuern notwendig geworden?

Diöse Frage hat schon mancher aufgeworfen, dem es nicht recht begreiflich ist. daß nun auf einmal eine solche Steuecnflut über Deutschland hereinbricht; daß gleichzeitig Bier, Tabak. Branntwein, Zündhölzer, Kaffee, Cham­pagner, sogar Glühstrümpfe und elektrische Lam­pen Höhen- besteuert und außerdem noch eine Steuer auf . Wertpapiere und Grundstücksge­schäfte gelegt werden nmß.

Die Antwort auf diese Frage ist einfach. Die Steuern sind nötig geworden in Folge der Reichstagswahlen vom Februar 1907. Damals gelang es dem jetzt entlassenen Reichs- kanzler Fürsten Bülow eine Mehrheit im Reichs­tage zusammenznbringcn, bestehend aus Libera­len, Freisinnigen, Konservativen und der soge­nannten Wirtschaftlichen Vereinigung.

Diese neue Mehrheit, schlechthin „der Block" genannt bewilligte alles, was die Regierung, d. h. Fürst Bülow verlangte, keine Ausgabe für Heer, Flotte, Kolonien und Weltpolitik war zu groß, alles wurde bewilligt. Die Be­reitwilligkeit -zum Bewilligen solcher Ausgaben wurde noch vermehrt durch sogenannte KoloNial- und Marine-Vorträge mit Lichtbildern, welche j allerlei Streber und auf den Gimpelfang ausge- , sandte Leute sogar in den kleinen Vrovinzstädt- cheii abhielten.

Das dicke Ende kam, wie oerständige, auf Sparsamkeit bedachte Leute, längst vorherg.iagt hatten, nachher. Der Reichsgeldbeutel wurde im­mer leerer und leerer, di? Schuldenlast mußte bis zur Unerträglichkeit gesteigert werden, der Größenwahn nahm schließlich ein trauriges Ende, wie bei allen Leuten, die über ihre Verhältnisse leb.-n, kam am Schluß der große Kr ach. —

Fürst Bülow wurde entlassen, seine Reichs- tagsmehrheit, der sogen. Block, ging in Trümmer und die Zentru mspartei, die er in die Ecke drücken wollte, mußte schließlich unter Mit­wirkung der Konservativen, die Sache wieder in die Hand nahmen und für Ordnung sorgen. Diese Aufgabe war nicht leicht, galt es doch, für Hunderte von Millionen Fehlbetrag im Reichs­haushalt Deckung zu schaffen und iir die Til­gung der in den letzten Jahrpn aufgöhäuftan Schulden zu sorgen. Hierzu kam der Rückgang im Ertrag der bereits bestehenden Einnahmm des Reichs, die unter den schlechten Zeitverhält- nissen zu leiden haben.

Deshalb müssen jetzt große Opfer gebracht werden, um die schlimmen Folgen der B ü l o w'schen Blockwirtschaft auszu­gleichen; auf die kurze Herlichkeit folgte der wüste Katzenjammer.

Das sind die Ursachen der neuen Steuern, die jetzt alle Volkskreise belasten. Dadurch, daß sie auf möglichst viele zu besteuernde Gegenstände verteilt werden, ist es allein möglich, die gro- ßen Summen anfzubring-m, deren das deutsche Reich bedarf, uni aus der unhaltbaren Borg­wirtschaft wieder herauszukommen. Richt die­jenigen tragen die Schuld, die jetzt die neuen Steuern machen mußte'n, sondern diejenigen, welche die Aus­gaben bewilligt und die Schulden ge­macht haben, ohne sich um deren Deckung zu kümmern.

. Mit den Parteien, welche die Schuld an den leichtsinnigen Ausgaben trifft, wird erst bei den Nächsten Reichstagswahlen im Jahre 1911 abge- rechnet werden, der verantwortliche Staatsmann,

Reichskanzler Fürst Bülow, mußte aber schon jetzt sein Amt niederlegen, mit rhm ist also schcm jetzt abgerechnet worden. Sein Nachfolger will strengste Sparsamkeit walten lassen, er wird dabei die Unterstützung aller gutgesinnten Par­teien des Reichstags finden; wird der gute Wille in die Tat umgesetzt, dann wird das Volk künf­tig von weiteren Lasten verschont bleiben.

Für jetzt aber wird es Vielen, die unter bei» Druck der neuen Stenern zu leiden haben, eine Lehre sein, daß die Bewilligungslust für alle Militär-, Marine- und Kolonialausgaben auch ihren bitteren Nachgeschmack hat, daß es mit „nationalen Phrasen" allein nicht getan ist, son­dern, daß unfehlbar das dicke Ende nachkommt.

Die deutschen Kolonien haben bereits 900 Mil­lionen Mark verschlungen, sie bringen auch jetzt trotz aller Dicunantenfunde dem Reiche Nichts ein und erfordern immer wieder neue Ausgaben, sie sind eine Hauptursache der neuen Steuern, denn ohne diese Kolonien wären die ungeheuren Fehlbeträge im Reichshaushalt nicht entstanden, wäre auch die Schuldenlast bei weitem nicht so groß gÄvorden.

Der Reichstag wurde bekanntlich im Dezem­ber 1906 aufgelöst, weil die Zentrumspartei nicht alle Kolonialforderungen bewilligen wollte, die Neuwahlen im Januar 1907 ergaben dann eine Mehrheit für die Bewilligung aller geforderten Ausgaben gegen "das Zentrum. Die Folgen die­ser- Mehrheit haben wir heute in Gestalt, der neuen Steuern auf Bier, Tabak, Branntwein, Zündhölzer, Kaffee usw.

Diese neuen Lasten werden vielleicht aus Wäh­ler, die sich vor 2*4 Jahren mit nationalen Phra­sen betören ließen und Blockabgeordnete wählten, eine vernichtende Wirkung ausüben, leider müs­sen aber auch alle bie mitbarunter I e i b-e 'n, bie an den Ausgaben und an der Wahl der Vlock- mehrheit keine Schulb tragen.

Eine, wenn auch geringe Genugtuung, gewährt ihnen aber wenigstens der Umstand, daß der Hauptverantwortliche für alle solche Ausgaben, der Reichskanzler Fürst Bülow, entlassen worden ist, und daß jetzt wenigstens bie Aussicht be­steht, daß toieber bessere Zeiten kommen werden, in denen die Steuerlasten nicht loeiter vermehrt, sondern hoffentlich recht bald wieder erleichtert werden können.

Deutsches Reich.

** Berlin, 20. Juli 1909. Das Besol­dungsgesetz für die Reichsbeamten ist amtlich publiziert worden. — Das neue preußische Fischereigesetz scheint fertig zu sein. Es soll zusammen mit dem neuen Wassergesetz dem Landtage alsbald nach seinem Wiederzusammen­tritt vorgelegt werden. — Die Ans Wanderung aus dem deutschen Reich nimmt wieder zu. Ihre Zahl betrug im Juni 1870 gegen 1376 im gleichen Monat des Vorjahres. — Der Deutsche Verband sÜrFrauenstimmrecht hat an den Bundes- rat das Gesuch gerichtet, den 18. Januar zur Erinnerung an die Reichsgründung als Schul- feietiag einzusühren, dajür aber die noch in einigen Bundesstaaten übliche Feier am 2. «Sep­tamber auszuheben. Die Anregung ist wohl der Erwägung wert. — Offiziös wird bestätigt, daß Herr v. Bethmann-Hollweg sich mit der Absicht eines Besuches in Wien und Rom trägt, lieber den Zeitpunkt der Ausführung steht noch nichts fest.

* Bon der Nordlandreise des Kaisers. Am Dienstag vormittag sand in Bergen (Nor­

wegen) eine Zwammeulunst zwischen dem Deutschen Kaiser und König Haakon statt.

)( Der neue Reichskanzler scheint allen gut Freund sein zu wollen. Sogar die Anti­alkoholiker, die in diesen Tagen in London zu einem Kongreß versammelt sind, wurden am Montag von den Glückwünschen des Reichskanz­lers, die ein deutscher Delegierter überbrachte, überrascht, v. Bethmann-Hollweg habe für die Ausgaben des Antialkohol-Kongresies das aller­größte Interesse und wünsche zu dem Verlaufe der Verhandlungen viel Glück.

A Bülow und Baffermann. Die ,Rordd. Allg. Ztg/ veröffentlicht wiederum eine Menge von Kundgebungen an den Fürsten Bülow. Das Antelegraphieren, besonders ans liberalen Kreisen, will kein Ende nehmrn. Der nationalliberale Führer Bassermann hat bereits im 9iamen der nationalliberalen Partei kondoliert. Jetzt richtet er auch noch persönlich ein Telegramm an den Exkanzler. Es enthält zwar nichts besonderes und wiederholt nur die alten Phrasen von der kurzsichtigen und engherzigen Politik der Konser­vativen, durch die die Zentrumsherrschaft wieder neu begründet sei. Bemerkenswert ist jedoch der intime Ton, der in Bülows Antwort an Baffer- mann angeschlagen wird. Er preist vor allem die nationalliberale Mitarbeit in der ganzen Zeit seiner Kanzlerschaft, die zwischen ihm und dem nationalliberalen Führer auch persönliche Beziehungen geknüpft habe. Bei diesem Hin­weise erinnert man sich unwillkürlich erstens an den Umstand, daß Herr Baffermann die Inter­pellation über das persönliche Regiment des Kaisers und über das Elend unserer auswärtigen Politik nach vorheriger Verabredung mit dem Fürsten Bülow eingebracht haben soll, und daß Herr Baffermann in der seligen Blockzeit dem Kanzler die persönliche Freundschaft kündigte, weil er unliebenswürdig behandelt zu sein glaubte.

** Der deutsche Kronprinz ist (so erklärt eine von einem Zentrums-Abgeordneten herausaegebene Zeitungs-Korrespondenz gegenüber einer Behaup­tung der,Köln. Volksztg/) von jeder Gegner­schaft gegen das Zentrum weit entfernt. Er hat erst in den letzten Tagen erklärt, daß diese Partei Großes geleistet habe. Dagegen hat er den Fürsten Bülow eher als andere vollständig erkannt und machte in den letzten Monaten aus seinen Ansichten keinen Hehl. — Diese Behauptung stimmt mit der bisher unwidersprochen gebliebene Angabe des Pariser,Figaro', der deutsche Kron­prinz habe den Fürsten Bülow einen possierlichen Seiltänzer genannt.

* Zur Glühkörpersteuer Halle der Reichs­tag dem Bundesrat freie Hand gelassen, ob er ein Banderolensteirer einsühren will oder nicht. Wie der ,Börsen-Kourier, erfährt/ werden die Verbündeten Regierungen dir Banderolensteuer fallen lassen und den Versuch machen, aus an­dere Weise die Steuer auf Beleuchtungsartikel zu erheben.

* Gehaltsnachzahlung bei der Postverwal­tung. Das Reichspostamt hat die Ausführrrngs- beftimmungen zu der verabschiedeten Gehalts­aufbesserung für die Postbeamten an die ein­zelnen Oberpostdirektionen ergehen lasien. Bei den Direktionen foll unter Heranziehung von Hülsskräfien mit größter Beschleunigung die Feststellung der Einzelgehäller erfolgen. Es soll alles geschehen, die Nachzahlung so rasch wie nur denkbar zu bewirken.

(*) Keine Aufhebung der Frauenabteile. Entgegen der auch von uns roiebergegebenen Notiz, daß die Eisenbahnverwaltung beabsichtige, die Frauenabteile eingehen zu lassen, meldet das „Berl. Tageblatt, daß diese Meldung der Be- gründung "entbehre; das Ministerium denke nicht daran, die Frauenabteilungen abzuschaffen. — Eine solche Maßnahme wäre auch nicht zu billi­gen gewesen.

— Der deutschen Vereinigung ist der Schreck in die Glieder gefahren, weil der nationallibe­rale Führer B a s s e rm an u kürzlich auf dem na- tionalliberalen Parteitage unter dem Jubel sei­ner Getreuen zum Kampf g eg e n R o m gebla­sen hatte. Für die Einschläferungsmethove, die diese Vereinigung in katholischen Gegenden be­folgt, sind solche Trompeiensiöße höchst störend. Dshalb müht sich, wie wir in der „Köln. Bztg." lesen, das Organ der Vereinigung, die „Deutsche Wacht", ab, den Kampf gegen Rom in einein Kampf gegen bas Zentrum umzudeuten. Ja, aber warum sagte Herr Bassermann denn'Ro m und nicht Zentrums Und warum hat nur das Sprach­rohr der Deutschen Vereinigung, aber kein ein­ziges ausgesprochen nationalliberales Parteior­gan den Versuch einer „harmloseren" Deutung dec Bafsermannschn Kriegsfanfare unternommen. Es bedeutet demgegenüber absolut gar nichts, wenn Abgeordneter Dr. H i eb eauf den sich die „Deutschs Wacht" beruft, im Reichstag er- klärte, von den Nationalliberalen wolle „niemand in die Zeiten des früheren Kulturkampfes zurück- kchren". Ja, gewiß, mit den zweischneidigen Mit- wln des früheren Kulturkampfes, an dem die Nationalliberalen so hervorragnd beteiligt waren, wird man sobald nicht mehr arbeiten. Man würde es heule mit anderen Mitteln versuchen; Herr Dr. Hieber spricht von „geistigen Waffen" — nun ja, diese fleissigen Waffen des Liberalis­mus und seines Verbündeten, des Evangeli­schen Bundes, kennt man zur Genüge. Im übrigen genügt es. daran zu erinnern, daß die Nationalliberalen für die Simultanschule ein­treten und weiterhin auf dem Gebiete der Schule den Einfluß der Religion überhaupt auf das denkbar geringste Maß zurückschrauben wollen, und daß strengstes Festhalten an den engherzigen Ueberresten des Kulturkampfes ein Hauptstück ihrer Kirchenpolitik ist. Im übrigen ist auch dieser Vorfall eine Beleuchtung und Bestätigung des Systems der Deuffchen Vereinigung: schärf­ster Tadel alles iUrfriedlichM auf katholischer, da­gegen möglichste Beschönigung von Friedensstö­rungen auf Prorestantischer bezw. liberaler Seite. Zweierlei Maß! Wer ist so harmlos, daß er dies noch nicht merkt?

-f- Die nationalliberale Partei beabsichtigt ihre Organisation auszubauen. In dem Organ der Partei, der,RationaIztg/, wird ein Aufruf an die Anhänger der Partei veröffentlicht mit der Bitte um Geldmittel zu diesem Zwecke. Be­gründet wird die Bitte mit der angeblichen Un­sicherheit der politischen Lage, die plötzlich Neu­wahlen herbeisühren könne. Wir wüßten nichts was die Reaierung in absehbarer Zeit veranlassen könnte, den Reichstag aufzulösen.

)( Neue Verordnungen für die Armee wer­den in der allernächsten Zeit erscheinen. DaS Front machen vor den direkten Vorgesetzten fällt fort, beibehalten wird es nur noch vor dem Kaiser und Komingentsherren. Damit wird die Quelle für manche Disziplinarstrafe und für manche Störung des Verkehrs in großen Städten beseitigt. Ferner pll künftig jeder Unteroffizier dis 12 Uhr abends, jeder Sergeant die ganze Nacht ausbleiben dürfen.

Bernhard von der Eiche.

Roman von Baronin Gabriele von Schlippendach.

34] (Nachdruck verboten.)

Bernhard von der Eiche stand hocherhobenen Hauptes da. Sein Auge strahlte, er schaute in die Ferne und er fühlte seine junge Kraft, das Vermögen, etwas Großes zu leisten. Noch immer lag- Irmgards Arm in dem seinen; ihm wars, als fühle er ein leises Beben desselben. Mit Liner leichten Verbeugung gab er sie frei, und etwas vortretend, sprach er:

„Glückauf! Ich rufe es wie mein verehrter Vorredner, und ich danke ihm für die anerken­nenden Worte. Sie entschädigen mich für manche sorgenvolle Stunde, sie spornen mich zu neuem Eifer an. Ich war mir voll bewußt, daß es kein Achtes Unternehmen war, als ich die Stelle des Hochofenchefs in Nößlingen antrat. Wenn ich gute atefultate erzielte, so wollen wir uns des schönen Dichterwortes eingedenk sein:

„Doch der Segen kommt von oben."

. - Dieser Tag ist für alle bedeutsam, die dem Hcxlwfenwerk angeboren, für den schlichten Anbei- ter ebenso, wie für die Herren vom Aufsichtsrat. Wir alle bienen mit unseren besten Kräften dem Werk, das uns das tägliche Brot gibt. Wir wol- len uns weiter vereinen wie eine große Familie, öte Hand in Hand geht. Zum Schluß möchte ich unserer Hauptaktionärin, Frau Irmgard Gerard, m unser aller Namen danken, daß sie diesem schö- non Feste durch ihre Anwesenheit die rechte Weihe acht und den Ofen Nr. 8 anblasen hilft.

,.,^9e sich der gute, tapfere Berg- und Hutten- teutevers an uns bewahrheiten: '

räEii0rS“ne.^ic Tanne, es wachse das Erz Gott schenke uns allen ein fröhliches Herz."

Dia Musik blies einen schmetternden Tusch und vaausender Hurraruf drang aus den rauhen Koh- jen der Arbeiter.

Beppo, der junge, schmucke Diener Bernhards von der Eiche hatte seine besten Kleider angelegt. Ein weites, faltenreiche Beinkleid ,aus geripp­tem, braunem Sammet, eine rote Schärpe um die Taille das weiße Hemd quoll darüber und eine Tuchjacke mit bunter Wollstickerei umschloß den Oberkörper. Auf den krausen, schwarzen Lo­cken saß ein Filzhut, mit bunter Quaste.

Frau Gerard und Ines traten zu den Hoch­öfen. Die riesigen Steinkolosse sahen neben den alten jung und leistungsfähig aus. Während die Musik eine heitere Walzermelodie spielte, wurden die Oesen angesteckt.

Aus Irmgards besonderen Wunsch wurden auch die Arbeiter an diesem Tage in einem gro­ßen Schuppen, der ausgewärmt war, bewirtet. Ge- rieoaldirektor Müller (rotte die Herren vom Auf­sichtsrat, alle Assistenten, die Angestellten der kaufmännischen Abteilung, Bernhard, seine Schwester, und die aus Mon Repos zu einem Diner eingeladen, desgleichen die Honoratioren Rößlingens. Luise wollte in ihrer bescheidenen Art fortbleiben, aber Müller bastand darauf, daß auch sie käme.

An einer hufeisenförmigen Tafel war in dem großen Speisesaal der Wohnung des General- bireftorS für vierzig Personen gedeckt worden. Schon Tage vorher hatte ein aus Metz geholter Küchenchef das auserlesene Diner vorbereitet. Heute führte der Generaldirektor Frau Gerard zu Tisch, 83erf>arb würbe die Pflicht zu teil, die schwerhörige, ältere Frau des einen Herrn vom Aufsichtsrat als Dame zu führen.

„Ich kann es nicht ändern, lieber Freund," sagte Müller, „Würde bringt Bürde. Sie sind die Hauptperson W Festes. Na. um Sie zu ent­schädigen setze ich Fräulein Luise an Ihre rechte Seite. Unser zweiter Assistent ist ihr Tischhwr, Fräulein Ines bekommt den ersten Assistenten."

Es machte sich so, daß der Hochofenchef Frau Gerard fast gegenüber saß. Die Musikkapelle spielte im Nebenzimmer, nicht immer ganz kor- retz, aber man überhörte es in der allgemeinen,

heiteren Stimmung, bie durch das treffliche Mahl und die edlen Weine noch erhöht wurde.

Irmgard beobachtete Luise und Eiche. Er konnte sich wenig mit der Schwerhörigen unter­halten, bie sich mit Kennermiene bem Diner wid­mete, desto eifriger plauderte der Hochofenchef mit seiner anderen Nachbarin; und wieder empfand er das feine Verständnis, das Anpassende in Lui­sens Wesen angenehm. Wie ging sie auf seine Interessen ein. wie leuchtete ihr Gesicht, wenn Eiche von seinen Plänen für die Zukunft des Werkes sprach. Mehr als je fühlte er: „Sie ist ein guter Kamerad, ein Weib, das mit treuer, fester Hand dem Mann ihrer Wahl zur Seite stehen würde.

Und bann suchte sein Auge Irmgard, die schöne, reiche Frau, der ein so karges Maß an Glück trotz ihrer Million beschieden war. Ihr eigentliches Wesen kannte Niemand. Ob es an- ders war, als es schien? Diese Frage quälte Bern­hard immer, wenn er mit ihr zusammen war; sie veranlaßte, daß er einsilbig wurde und es Luise auffiel. Sie fragte ihn nicht, weshalb er so schweigsam geworden war, sie glaubte es zu er­raten und sie litt darunter, denn sie war es sich bewußt, daß sie ihn liebte, hoffnungslos liebte. Wie wäre es auch möglich getoefen, daß er, der Hohe, der Herrliche, sie, die Unbedeutende, Arme, an sein großes, edles Herz diesen würde. Luise war trotz aller Weichheit eine in sich abgejchlossene Natur. Sie hatte es gelernt, vielem zu entsagen, was andere Möochen ihres Alters als Selbstver- stündlich Hinnahmen. Sie sagte sich, daß sie zu- rüdtreten mußte auch in diesem Fall, wenn es nur nicht so bitter schwer gewesen wäre; so bet- talarm kam sie sich vor. Sie dachte oft an das Dichterwort:

„Wandle, wandle Deine Mahnen, Nur betrachten Deinen -Schein, Nur in Demut ihn betrachten, - Selig bann und traurig fein."

Ahnte sie nicht, daß die kraftvolle Persön­lichkeit des Mannes sich gerade durch solche Em-

psindung der Frau angezogen fühlt, daß das Ver- langen in ihm erwacht, ein Glück zu spenden, das in seiner Hand liegt.

Nach aufgehobener Tafel begab sich bie ani­mierte Gesellschaft in ben Saal; es sollte getanzt werden; die kleinen Mädchenfüße trippelten vor Ungeduld bei den Klängen der Musik.

„Sie eröffnen wohl den Ball mit Frau Ger­ard," Herr Baron," sagte, der Hausherr, „trotz meiner grauen Haare hole ich mir Ihre Schwester zum Walzer. Ich tanze Noch ganz leidlich, war in der Jugend leidenschaftlicher Verehrer dieses Ver­gnügens."

„Gnädige Frau, darf ich um bie Ehre dieses Walzers bitten?" „

Bernhard von der Eiche war über das Parkett des Saales gegangen und steht vor Irmgard, die mit dem Rechtsanwalt sprach, -sie schrak leicht zusammen. Im nächsten Moment hatte er ihre schlanke Gestalt umfaßt und sie schwebten nach den weichen Klängen des Walzers aus „Frau Luna" durch den Saal.

„Unser Hochofenchef ist in allen Sätteln ge­recht," sagte einer der Herren aus Trier zu sei­nem Nachbar, „sehen Sie nur, wie tadellos er tanzt. Ein wundervolles Paar."

Erst nach und nach folgten bie übrigen dem Beispiel der beiden ersten Paare. Bernhard von der Eiche und Irmgard Gerard Jtanben jetzt 'ne­beneinander. Sie hielt ihren Fächer jo, fest um­spannt, daß einer der feinen Elfenbeinstäbe zer­brach. Hatte sie bis jetzt gelebt? Dieser eine kurze Moment, als sein Arm sie umschlungen hielt, als sie an ihn geschmückt dahinflog, schloß eine Seligkeit in sich, daß alles übrige dagegen verschwand. Nie hätte sie es für möglich gehalten, so zu empfinden. War ihr Herz erwacht, jetzt er­wacht, wo sie die erste Blüte ihrer Jugend bereits vergeben hatten an den altem Mann, der ihr Vater hätte sein können. Und ein heißes Weh, um da§, was sie verloren, kam in dieser Minute über sie.

/ (Fortsetzung folM