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Fulda, Montaq den 19. Juli 1909.

M 161.

36. Jahrqanq.

Zweites Wtcrtt.

Deutsches Reich.

X Die Einführung des neuen Reichskanz­lers in die Auslandspolitik ist anscheinend vom Fürsten Bülow selbst erfolgt. Am Frei« lag und Samstag fanden längere Besprechungen zwischen dem Exkanzler und dem neuen Reichs­kanzler statt, in der nach offiziösen Meldungen der scheidende Fürst seinem Nachfolger die Lage 'der auswärtigen Beziehungen des Reiches ein­gehend dargelegt hat. Fürst Bülow empfing auch in den letzten Tagen mehrere der in Berlin anwesenden fremden Botschafter. Der deutsche Botschafter in Paris, Fürst Radolin, stattete am Freitag dem Exkanzler einen Besuch ab.

* Zwecks Einschränkung der vielen Dienst­reisen hat das Kultusministerium einen Runderlaß an die Nachgeordneten Behörden er- gehen lasten, wie dies schon früher durch die Minister der Finanzen und des Inneren und ! jüngst auch durch den Landwirtschaftsminister zeschehen ist.

X Die „Abrechnung des Berliner Prole­tariats", die am Freitag abend in acht sozial­demokratischen Versammlungen erfolgen sollte, ist 'höchst eintönig verlausen. Wie bei ihren früheren Demonstrationen hatten die Sozialdemokraten alles, waS nur Beine hat, aufgeboten, um die Dersc.mmlungSsäle zu füllen. Die Referate, die eine „eindringliche Lehre von der Bedeutung der Klassengegensätze und der Notwendigkeit des Klassenkampses" geben sollten, waren in allen Berstnnmlungen nach ein und derselben Schab- lone. ES wurde der Kampf um die Reichs- finanzresorm geschildert, die „Raffgier" der Agrarier, die „Herrschsucht des machtlüsternen Zentrums", sowie die liberale Feigheit in allen ^grellen Farben dargestellt und erklärt, nur von 'unten könne die Besserung kommen. In Preußen «üffe das Dreiklassenparlament gestürzt werden, ün Reiche sei eine gerechte Wahlkreiseinteilung, 'sowie die Demokratisierung der Versaffung und 'die Erringung der Macht der Volksvertretung lanzustreben. Man wird dieser „Abrechnung" ebensowenig Wert beizulegen haben, als den früheren Demonstrationen.

* An die sozialdemokratischen Wähler rich­tet der.Vorwärts einen Aufruf. Er hat sich diesmal selbst übertroffen an Kraftausdrücken und wir wollen nicht verfehlen zur Erheiterung ! unserer Leser einige Blüten aus dem anmutigen StraußbramarbasierenderRedenSartenhier wieder- zngebe«: MllitarismuS, Marinismus und kolo- sniale Abenteuer zerfressen das Mark deS Volkes. Nicht uur die Höhe der neuen Belastung, sondern vor allem auch die Lastenverteilung und die Dwchfühnmg deS Raubzuges müssen die Gnpönmg deS Volkes erregen. Die Finanz­resorm bezeichnet daS Blatt als eine schamlose Plünderung der Massen. Das Blatt schlüßt mit folgenden fulminanten Redensarten:

.Segen die Brotwucherer und Schnaps« stipendiateu, gegen die Finsterlinge und BotkSnerrSter. Meder mit den BolkSbe- drückern und FreiheitSfetndenl Meder mit dem »ülkrrzersleischenden Militarismus."

(*) Aenderung der Fahrkartensteuer? Line Berliner Korrespondenz will erfahren haben, daß die Regierung dem Reichstage im nächsten Winter em Gesetz über die Abänderung der Fahrkarten­steuer vorlegen will, das sich eng an die der RerchStagskommiffion zugegangene Denkschrift auichließt. In dieser Denkschrift war, wie er-

innerlich, vorgeschlagen, auch sür die Fahrkarten 4. Klaffe bei einem Betrage von 1 Mark ab Zuschläge zu «heben und die Steigerung der Steuer für die oberen Klaffen zu mildern.

* Die nationalliberale Sehnsucht nach dem Block. Der,Schwäb. Merk? schreibt in einem Artikel „Politische Fusions-Möglichkeiten" u. a.: „Die Nationallibttalen werden trotz der großen Wendung der inneren Politik am Blockgedan- ken festhalten und alles das fördern, das seine politischeWiedergeburt vorzubereiten geeig­net ist. Dazu gehört vielleicht auch der deutsche Bauernbund, der den eigentlichen Blockzerstörern, den hochagrarischen Landbündlern, entgegentreten will." — Was das „Festhalten am Blockgedanken im cintte der Nationalliberalen sagen will, weiß man nur zu gut.

* Die Burschenschaften gegen die katholische Kirche. In einer Besprechung der von Herm. Haupt herausgegebenen Geschichte der alten Gießener Burschenschaft im .Literarischen Handweiser^ schreibt der Rezensent („Verus"):

„In der geeinten „Deutschen Burschenschaft" ist das demokratische Element vollständig ausgeschaltet. Ihr Hauptstrebrn geht vielmehr dahin, die jetzige Ver­fassung de? Deutschen Reiches mehr unitaritchzu ge­stalten, die Kaisermacht auf Kosten der Bundessürften stetig zu erweitern. Beseitigung der „gottes­feindlichen Papstkirche" (gegen die schon Rie­mann gelegentlich des Wartburgfestes 1817 donnerte) war (cf. Haupt) und ist ein Lieblingsgedanken vieler ihrer Anhänger." Deshalb unterstützt sie wenigstens indirekt die Los von Rom-Bewegung in Oeste- reich, die Bestrebungen der Hakatisten in Posen, des Schulvereins in Tirol itfw und stellt bedeutende Philister, Beyschlag, Mppold, Thümmel in die vorder, sten Kämpserreihe.i des Evangelischen Bundes, während andere ihrer Alten Herren die Rechte des katbol. Volkes nach Tunlichkeit zu schmälern suchen. Wer daran Zweifel hegt, der lese Haupts lehrreiche Schrift und die feit 1887 erscheinenden Burschasllichen Blätter, in denen beispielsweise schon vor 17 Jahren zum Kamps gegen die katholischen Polen aufge­fordert wurde, merkwürdigerweise mit dem wahrhaft rührenden Geständnis, daß es sich nicht bloß um eine „nationale", sondern um eine „konfessionelle" Angelegenheit handle."

Diese Auslassung wird hoffentlich katholischen Eltern und Studierenden die Augen über den wahren Charakter der Burschenschaften öffnen.

* Darmstadt, 16. Juli 1909. Der Wahl- prüfungsausschuß der zweiten Kammer hat einstimmig beschloffen, die Wahl des Abg. Dr. Frenay (Ztr.) im Wahlkreis Mombach Ingel­heim sür ungiltig zu erklären. Auf Grund der amtlichen Erhebungen wurde festgestellt, daß in Mombach, wo die Wahlmänner Dr. Frenays nur mit knapper Majorität siegten, eine Reihe nicht wahlberechtigter Preußen gewählt haben.

8. C. Soziale Fragen in amtlichem Lichte.

Einen besoirdern Wert haben die alljährlich erscheinenden Berichte der pceutzischvir Gewerbe- aufsichts-beamten dadurch zu beanspruche, daß sie über bestimmte soziale Fragen, die sich als dringend Herausstellen, besondere Erhebungen zu bringen Pflegen.

Aus den über das Jahr 1908 erstatteten Son- betraf ernten ist zunächst zum Punkte: P e r m i rt- lung der Gewerbsaufsichtsbeamten bei Streiks und Aussperrungen sestzustel- lsn, daß die Frage insofern zu unglücklicher Zeit gestellt war, als das Vorjahr mit seiner außer­ordentlich schlechten Wirtschaflskonjunrtuc zu der Inszenierung von Streiks und Aussperrungen durchaus ungeeignet war, vielmehr die Arbeiter froh sein mußten, die früher erzielten Errungen­schaften zu bchaupten. Das Anrufen der Be- amten als Vermittler erfolgte öfters seitens der

Kleines Feuilleton.

— Ta» Totenschiff. Der Dampfer „Shimosa", der jüngst von New-Aork nach China adging, hatte nicht weniger als 8000 Passagiere an Bord; noch niemals dürste ein Schiff, nnd noch dazu ein vechältnismäßig fo kleines, eine so große Menschen­fracht befördert haben. Trotz der gewaltigen Heber» ifüllnng hat aber keiner der Passagiere protestiert oder Lärm geschlagen, und das aus dem einfachen Grunde, weil die Fahrgäste sämtlich tot waren. Reisende, die sich in Särgen befördern lassen, nehmen nur wenig Raum em. Die Chinesen glau­be» bekanntlich, daß sie der Freuden deS Paradieses 1 nur dann teilhaftig werden können, wenn ihr Leich­nam kn der Heimat bestattet wird. Deshalb zahlt jeder Chinese, der im Auslande lebt, in mehr oder mücher hohen Raten eine bestimmte Summe an die . Gesellschaft, die sich verpflichtet, nach seinem Tode die Lchche nach China zu schaffen. Die Gesellschaft, die hr allen Weltteilen, besonders aber in Amerika, ro» die Chinesen ht ganzen Kolonien leben, Zweig- ^Niederlassungen hat, läßt von Zeit zu Zeit Chinesen, vie fern von der Heimat bestattet sind, ausgraben und sendet die Lerchen nach Hongkong, wo sie defi- nMo emgegraben werde». Die Gesellschaft ver- pfttchtet sich außerdem, in jeden Sarg ein Pfund Echweinebrareu, ein halbes gekochtes Huhn und eine Portion Reis legen zu kaffen. Diesen Mund- die ins Vaterland zurückkehrende chinesische Seele, um bei Kräften zu bleiben und o\e tauge Uederfahrt ungestört überdauern zu lOltttÖL

‘ — r^£tektta” *** Aberglaube. Ein köstliches

Vorherrschen des Aberglaubens

M bei Krnsen des Frerdenkertums und zwar gerade bet besitzenden und „gebildeten" Kreist desselben

findet sich in den Lebenserinnerungen („Aus meinem Leden") des vor kurzer Zeit verstorbenen berühmten Berliner Philosophen Friedrich Paulsen. Wo er seiner Jugend gedenkt in dem Bauernhaus zu Langenhorn an der Westküste Schleswigs, kommt er auch auf den Aberglauben zu sprechen und er« zählt:

„Der Aberglaube ist meiner Jugend in jeder Ge­stalt fremd geblieben. Im Elternhause hatte er keinen Ort schon wegen seiner Unverträglichkeit mit dem religiösen BorfeyungSglauben. . . . Kleine Spuren eines Glaubens an Hexerei oder an Vorzeichen sind mir be­gegnet, aber sie spirtten in feine i Weise eine Rolle: jedenfalls in unserer Gemeinde und in der ganzen be­kannten Wett gab es keine Hexen. Und ebensowenig waren Abwehrmittel, Amulette und dergleichen gegen bösen Zauber oder gegen Krankheiten von Mensch und Vieh im Gebrauche. Auf Träume gab niemand etwas und die böse Wirkung der Dreizehn war ebenso unbe­kannt. All diese Dinge habe ich erst in dem aufge- klärten Berlin kennen gelernt. Ich erinnere mich wohl des Erstaunens, als ich eines Tages in einem Restaurant mit ein paar Berliner Familien, die der Creme der Anfttärung, der freireligiösen Gemeinde an- gehötten, zusammensaß und plötzlich eine der Frauen aufschrie: Herrgott, wir sind dreizehn am Tische. Im Augenblick stob alles auserander, um das böse Omen noch abzuwehren, und setzte sich dann in Reineren Gruppen wieder zusammen." (S. 31-32.)

Das ist ja höchst interessant. Leute, die über religiösen Glauben nicht genug witzeln können, stöhnen einem Aberglauben, der dem ungebildetsten Wilden noch lächerlich erscheint. Und das geschieht bei der Spitze der Gesellschaft. Wahrlich, die Frei­denker-Agitatoren haben hier ein weites Feld für AufklärungSardett in den — eigenen Rechen. A. B.

— Er darf nicht mehr. A.: „Sie trinken ja gar keinen Sekt mehr, Herr Referendar! Bekommt er Ihnen nicht gut?" — B.: „Mir schon, aber meinem Vater nicht/

Arbeiter als der Arbeitgeber wie anderseits die Arbeitnehmer zu Verhandlungen, auch wenn sie den Gewcrbeinspekror selbst nicht angernfen hat­ten, djer bereit waren als die Arbeitgeber. In vielen Fällen schmierten die Vermittlungsver­suche der GewerbeoufsichtSbeamren überhaupt aus dem einfachen Grunde, weil beide Teile eine An­rufung der Gawerbegerichte als Einigungsämter bei deren paritätischen Zusammensetzung vorzu­ziehen pflegten.

Die Untersuchungen über das Vorkommen dec 2 4 ft ü n d i g e n W e ch s e l s ch i ch t ergaben im allgemeinen, daß diese Arbeitsmethode mit ihrem großen und darum auf die Dauer für den menschlichen Organismus außerordentlich an­strengenden Kräfteverbrauch leider noch viel häu­figer vockonunt, als es wünschenswert und rat­sächlich auch notwendig wäre.

Eine ganz besonders wichtige Frage ist die nach einer eventuellen Verdrängung der Männer­arbeit durch Frauenarbeit. Vergleicht man die einfachen .Zahlen, so erscheint ein solches Zu- cückdrängen auf der gairzen Linie dec Fall zu sein. Vom Jahre 1907 auf 1908 ist in den Fab­riken und denen gleichgestellten Anlagen die Zahl der beschäftigten Arbeiter von 3 069 498 auf 3 019 498 gefallen und zwar die Zahl der Arbei­terinnen über 16 Jahre von 563100 auf 560 309 und die Zahl dec männlrchen Arbeiter über 16 Jahre von 2 277 642 auf 2 230 381. Die Ab­nahme um 1,6 Prozent ist also bei den Männern viel größer als bei den Frauen, nämlich 0,5 Pro­zent. In dn Regel sind es allerdings nur ein­zelne Industriezweige, in denen sich eine Ver­drängung der Männerarbcit bemerkbar macht. Beskmumend ist dafür einmal die wachsende Ein­führung von Spezialmaschinen mit weitgetz.Mder Arbeitsteilung, dann die billigere Arbeitskraft. Beklagt muß es werden, daß Frauen vielfach in Industriezweige eingerückt sind, in denen ihre Beschäftigung wegen gesundheitlicher Bedenken nicht ohne starke Bedenken ist.

Die Untersuchungen über die Arbeilsbii- ch e r haben ergeben, daß diese Bücher ihren vor- nehmlichsten Zweck, den man b.i ihrer Einfüh­rung im Auge hatte, nicht erreicht, wann auch anderseits gewisse günstige Wirkungen nicht zu verkennen sind. Gleichwohl wäre es nun durch­aus verkehrt, sie abzuschaffen, vielmehr sind sie aus Gründen des Gewerbeaufsichtsdienstes selbst durchaus beizubehalten.

Wie sich schließlich noch aus den Sonderrefe- raten ergibt, nimmt die Sitte der Urlaubs- erteilung von Jahr zu Jahr zu, wenn auch von einer tarifliche oder ähnlichen Verpflichtung dazu ent in tucnigcn Fällen die Rede sein kann. Sie ist am meisten üblich in Betrieben des Staa­tes und der Gemeinden sowie in den sogauann- ten Saisonindustrien Die Erfahrungen, die man mit dieser Sitte gemacht hat, sind günstig; un­verkennbar ist, daß in vielen Fällen die Urlaubs­erteilung nicht zum wenigsten im Interesse des Prinzipals liegt.

volkswirtschaftliches und Sozialer.

Kassel, 17. Juli 1909. AuS dem Bericht über die 28. ordeulliche Genossenschaftsversamm­lung der Heff.-Naff. Baugewerks-BerufS- genossenschaft, welche am 15. Juni in Wie?- baden abgehallen wurde, entnehmen wir, daß die Gesamtsumme der in 1908 gezahlten Löhne gegen jene 1907 um rund 9 Mill, zurückgeblieben ist, insoigedeffen mußte bei der Steigerung der Gesamtzahl zu entschädigender Unfälle die Bei- lragsleistung um rund 3 Mark auf 1000 Mark Lohn erhöht werden fftalt 16,46 Mk. in 19 )7: 19,49 Mark in 1908). Im ganzen find an Entschädigungen gezahlt in 1908: 1087 568 Mark, die Umlage, welche von den Genoffenschastlern ausaebracht wird beträgt sür 1908 saft 1400000 Mark. Als Ort der nächstjährigen Genossenschafts-Versammlung ist Kassel in Aussicht genommen. Der Antrag auf Erwerb eines Unfallstankenhauses in Kaffel- Wolfsanger (vermutlich das nicht lebensfähige Bad Louisenthal, bei welchem ein Sektionsvor­sitzender stark beteiligt sein soll) wurde vertagt.

Am dem Nachbargebiete.

X Eckweisbach, 18. Juli 1909. Als eine immer größer werdende Landplage erscheint das Hausieren und Reisen gewisser Geschäfts­leute, deren Zudringlichkeit oft soweit geht, daß selbst die Feldarbeiter vor ihnen nicht sicher find. Wenn sie nichts kaufen wollen, dann wird ihnen ein Verzeichnis der wirklichen und angeblichen Käufer gezeigt und das Resultat ist, daß man ebenfalls kaust, ost auch solche Sachen, die man gar nicht braucht, immer aber Gegenstände, die man bei den einheimischen Geschäftsleuten zu dem gleichen Preise, wenn nicht noch billiger, bekommt. Sogar am Sonntag scheuen sich die Händler und Reisenden nicht, wo nur die Menschen zahlreich zusammenkommen, diesen irre Waren aufzu- schwätzeu. Da sollte der Landbewohner doch etwas mehr Lokalpatriotismus üben und alles daS am Orte beziehen, waS er dort ebenso gut und ebenso billig wie von den Händlern bekommen kann.

♦ Alsfeld, 16. Juli 1909. Der hiesige Gemein, berat beschloß, gemäß § 35 der Landgemeinde- Ordnung einen besoldeten Bürgermei- ste r anzustellen. Alsfeld ist die erste Landge­meinde, die von dieser Befugnis Gebrauch macht.

* HerSfeld, 17. Juli 1909. Dom Hegemeister a. D. Gustav Rogätz zu Hersfeld wurde dec Rote Adlerorden 4. Klasse verliehen.

' Frankfurt a. M., 16. Juli 1909. Die Stadt- verordneten beschäftigten sich in ihrer letzten Sitzung mit dem Berichte des gemischten Aus­schusses über die städtische Finanz läge. Die Einkommensteuer wurde um 19 Prozent, die Gewerbesteuer dar Klasse 1 um 14 Prozent und der Klasse 2 um 11 Prozent erhöht. Die Billett- steuec wurde zur weiteren Prüfung an den Aus­schuß zurückgewiesen. Als Termin für das In­krafttreten der Gehaltserhöhungen der Beamten wurde der 1. April d. I. bestimmt. Bemerkens­wert ist das Verhalten der Sozialdein o- k r a ten in der letztgenannten Angelegenheit. Sie wollten die Gehalts- und Lohnerhöhungen erst mit dem 1. Juli eintreten lassen, außerdem sollte den Beamten mit mehr als 4000 M Jahresgehalt die Zulage erst vom 1. Oktober d. I. an zuslohen. Tie finauzielle Wirkung dieses letzten Antrages hätte im günstigsten Falle 15 000 <M betragen. In der Abstimmung stimmten die Sozialdemo­kraten gegen die Gehaltserhöhungen ab 1. April und gegen die Steuererböhungn überhaupt und verweigerten somit die Mittel, die zu den Ge- Haltserhöhungen unumgänglich beschafft werden müssen.

* Kirchhain, 15. Juli 1909. Ein hiesiger Landwirt hatte gestern einige Kinder mit zum Heuholen genomnvn und bei der Rückfahrt auf den nicht sehr hock) beladenen Wagen gesetzt. Beim Durchfahren eines Grabens stürzte ein Kind herunter und erlitt einen Schen- telbruch.

* Homberg, 14. Juli 1909. Herr Bürgermei­ster Lober überreichte nach Beendigung der gest­rigen Feuerwehrübnng an acht Mitglieder der hiesigen Feuerwehr das vom Kaiser gestiftete Erinnerungszeichen für mehr als 25jährige Ver­dienste um das Feuerlöschwesen.

"Münden, 15. Juli 1909. Die städtischen Kol­legien beschlossen, die Verwaltung der Gasanstall, der Wasserversorgung und der Slbfuhranstalt u n - ter einer Direktion zu vereinigen und diese dem bisherigen Leiter der neuerbauten Gasanstalt, Möller, zu übertragen.

* Zeua, 15. Juli 1909. Die Gemeindebehörden bcr Stadt Jena haben di« Einverleibung der rund 6000 Einwohner zählenden, jenseits der Saale liegenden Nachbargemeind« Wenigenjena zum 1. Oktober beschlossen.

* Limburg, 16. Juli 1909. Aus der Karls- Hütte in Staffel fiel ein Former in ein mit hei­ßem Wasser gefülltes Bassin und verbrühte sich derart, daß er alsbald verstarb.

* Bom Eichsfelde, 16. Juli 1909. Endlich —« nach den jahrelangen mißglückten Versuchen, ver­möge der „Wünschelrute" der Wasiernot in iwtt obereichsfeldischen Bergdörfern ein Ende zu ma­chen, kommt die nun schon seit 30 Jahren venti­lierte Wasfarversorgungs-Apgelegeuheit in Fluß, ES ist bereits baS Projekt, für die fünf Dörfer Küllstedt, Büttstedt, Effelder, Struth und Eigen­rieden eine Zentral-Wafserleitungs- a n l a g e zu schaffen, fertig ausgearbeitet. Die Kosten für die Ausführung dieses Projekts belau- fkn sich auf eine halbe Million Mark. Nachträg­lich ist auch das Dorf Wachstedt in das Projekt ausgenommen mit 60—80 000 Mk. Mehrkosten. Man hofft bestimmt, daß 60—66% Prozent der Kosten aus dem Weftfonds gedeckt werden.

Literarisches.

Deutsche Reichsgesetze in Einzelabdrucken: Rr. 201. Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb. Vom 7. Juni 1909. Preis 20 Pfg. Nr. 363/64. Gesetz über die Sicherung der Baufordernngen. Vom 1. Juni 1909. — Beide Gesetze in der Textausgabe mit Einleitung, erläuternden An­merkungen und ausführlichem alphabetischem Sachregister. Herausgegeben von Geh. Justiz­rat, Univ.-Prof. Dr. Karl GareiS-München. Verlag von Emll Roth in Gießen.

Der Herausgeber gill als eine Autorität in der Juristenwelt. Die treffenden, den Jnhall präzise charakterifirenden Schlagworte, mit denen jeder Paragraph überschrieben ist, machen den Jnhall recht übersichtlich.

Handel und Jndnstrie.

A. Berlin, 17. Juli 1909. Die schwache Haltung, die während der ganzen Woche an der Börse zu bemerken war, hielt am Samstag an. Am Montan­markt scheint sich wieder ein« Befestigung vollziehen zu wollen. — An der Produktenbörse war djss Tendenz ziemlich fest. Weizen für Juli 262, Rog­gen 191.

Reklamen- und Anzeigenteil.

♦ Anzeigen •*- fr) hin Jill. Ztr.' in ßchttm «rsch.

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