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JänSS«. wscheMiwe«! „Illustrierte Sonntagszeitung"

36. Iahrqanq.

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Mon-trbeuage: „Fuldaer GeschichtrbMer"

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Fulda, Donnerstag den 15. Juli 1909.

Grstes Wlatt.

Zer Kanzlerwechsel.

Gestern um die Mittagsstunde erschien eine LxtraauSgabe des .Reichsanzeigers' mit der Mit­teilung von dem Kanzlerwechsel und einer Reihe von Personalveränderungen unter den Staats­sekretären und den preußischen Ministern.

Wir haben gestern noch unseren Lesern btS auf einen kleinen Teil der Postabonnenten einen Auszug aus der amtlichen Meldung mitgeteilt. Wir wiederholen: Nach dm nunmehr vorgenom­menen Aenderungen ist

Reichskanzler der bisherige Staatssekretär des Innern, v. BethmannHollweg;

Staatssekretär des Innern der bis­herige Handelsminister v. Delbrück;

Handelsminister der bisherige Reichs- schatzsekretär v. Sydow;

Reichsschatzsekretär der Unterstaats- 'retär im Reichsamt des Innern, Wermuth;

Kultusminister der Oberpräsident der Provinz Brandenburg, v. Trott zu Solz.

Außerdem ist der bisherige Chef der Reichs­kanzlei v. Loebell zum Oberpräsidenten von Brandenburg ernannt, und dem Fürsten Bülow derSchwarze Adlerorden mit Brillanten ^riehen worden.

Die äußeren Vorgänge beim Kauzlerwechsel.

Der Kaiser ist am Dienstag abend von Kiel nach Berlin gereist, wo er am Mittwoch emttaf. Um 10 Uhr schon fuhr Fürst Bülow - Schlosse vor. Er wurde vom Kaiser lopsangen. Der Kaiser hatte mit ihm eine viertelstündige Unterredung. Beim Abschiede um­armte der Kaiser nach der Meldung Berliner Blätter, die auf solche Aeußerlichkeiten Wert legen, den scheidenden Reichskanzler. Dann empfing er zunächst den künftigen Reichskanzler Dr. v. Bethmann-Hollweg und zwar in dem kleinen im Schlöffe an der Spree gelegenen Garten. Dort wandelte er 8/< Stunden mit ihm auf und ab, wobei fast nur der Kaiser sprach, während der Kanzler nickte, um am Schluffe zu einer kurzen Aeußerung das Wort zu nehmen. Nachher wurden auch die ü b r i g e n neuernannten Minister empfangen.

Der Kaiser wird voraussichtlich schon am Donnerstag wieder nach Kiel zurückkehren, um seine Nordlandsreise anzutreten.

♦ *

* Handschreiben des Kaisers. Der Kaiser yat an den Fürsten Bülow unter dem gestrigen Datum folgendes Handschreiben gerichtet:

Mein lieber Fürst! Aus Ihrem erneuten Ge­suche habe ich zu Meinem schmerzlichsten Be dauern ersehen, daß Sie entschlossen sind, von Ihren verantwortungsvolle^ Aemtern als Reichskanzler, Präsi­dent des Staatsminifteriums und Minister der aus­wärtigen Angelegenheiten zurückzutreten. So schwer es Mir fällt, auf Ihre bewährte Kraft bei der Leitung der Reichs- und Staatsgeschäfte zu verzichten und das Band vertrauensvollen Zusammenwirkens, das Mich so viele Jahre mit Ihnen verbunden hat, zu lösen, habe ich doch in Würdigung der gewichtig en Gr ü n deJbresEntschlusses geglaubt, Ihrem -ringendem Wunsche Mich nicht länger verschließen zu dürfen. Ich habe daher Ihrem Anträge entsprochen und Ihnen die erbetene Entlastung gewährt. Es ist Mir aber ein Be­dürfnis des Herzens, Ihnen bei dieser Gelegenheit für

-die Hingebung und Aufopferung, mit denen Sie in den verschiedensten Aemtern und Stellungen Ihrer ehrenvollen und segensreichen Dienstlaufbahn Meinm Borfahren, Mir und dem Vaterlande so her­vorragende Dienste geleistet haben, Meinen wärmsten Dank auöznsprechen. Gott der Herr schenke Ihnen nach einem so taten- und arbeitsreichen Leben noch viele Jahr« ungetrübten Glückes. Indem Ich Ihnen als äußeres Zeichen Meiner Dankbarkeit, Anerkennung und Zuneigung den hohen Orden vom Schwarzen Adler mit Brillanten verleihe und die Insignien desselben hierneben zugehen laste, verbleibe Ich Ihr Ihnen stets wohlgeneigter, dankbarer Kaiser und König. Wilhelm I. B.

Gleichzeitig hat der Kaiser an den Staats- Minister Dr. Holle folgendes Handschreiben gerichtet:

Mei« lieber Staatsminister Dr. Holle! Nachdem Ich Ihnen durch Erlaß vom heutigen Tage die wiederholt nachgesuchte Dienftentlastung in Gnaden erteilt habe, kann Ich es Mir nicht versagen, Ihnen für die treuen, aufopferungsvollen Dienste, welche Sie in allen Ihnen anvertrauten Aemtern Mir und dem Vaterlands geleistet haben. Meinen wärmsten Dank auszusprechen und damit herzliche Wünsche für weitere Kräftigung Ihrer durch die Bürde des verant- wortungSvollen Amtes angegriffenen Gesundheit zu verbinden. Als Zeichen Meiner Anerkennung und Meines Wohlwollens verleihe Ich Ihnen den Roten Adlerorde« erster Klasse mit Eichenlaub, dessen In­signien hier beifolgen. Ich verbleibe Ihr wohlgeneigter König. Wilhelm I. R.

Die neuen Männer.

Der neue Reichskanzler von Bethmann- Holl­weg. Der neue Reichskanzler gehört zu denjeni­gen Persönlichkeiten, die in der preußischen Re­gierung eine schnelle Carriers zurückgelegt ha­ben. Geboren ist er am 29. November 1856; er ist also zwei Jahre älter als der Kaiser, den er schon als Student im Bonner Korps der Borus­sen persönlich kennen lernte. Von 1875—1879 studierte er in Straßburg, Leipzig uni) Berlin die Rech!«, 1885 wurde er Assessor bü der Regie-

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vo r Betqnrr.rm-HN weg.

l'ung in Potsdam, 1886 Land rat des Kreises -Oberbarnim. 1890 wurde er von seinem hei­matlichen Kreise in den Reichstag gewählt, in detn er sich der Reichspartei anschloß; nach kurzer Zeit legte er jedoch das Mandat nieder. Im Jahre 1896 wurde v. Bethmann-Hollweg zum Ob e r p r ä s id i a lr at in Potsdam und schon im Oktober desselben Jahres wurde er nach Achen­bachs Tod Oberpräsident der Provinz Branden­burg. Schon damals soll der Kaiser zu ihm ge­sagt halben: „Sie sind mein künftiger Minister des Innern." Zwei Jahre später, im Mai 1901, als Freiherr v. lllheinbaben aus dein Ministerium des Innern in das der Finanzen übertrat, sollte

Herr v. Bethmann zum Miniestr aufrüden. Er äußerte aber damals Bedenken, weil die Kanal­frage noch ihrer Lösung harrte, und statt seiner wurde Führ. v. Hammerstein Mini st er de's Innern. Am 22. März 1905 erst, nach dem Tode .Hammersteins, trat Bethmann-Hollweg an dessen Stelle. Zwei Fahre darauf übernahm Herr v. Bethmann das Reichsamt de3 In­nern. — Der Leitung des neuen Reichskanzlers sehen wir unbefangen entgegen. Zweifellos ist er ein mir reichen Kenntnissen ausgestatteter Staatsmann, der praktisches Geschick besitzt und jia dem selbständigen Persönlichkeiten gehört. Es wäre vmfrüht, ans seinem bisherigen Auftreten irgendwie für seine Tätigkeit als Reichskanzler zu präjudizieren, dann es ist etwas anderes, ob jemand sich selbst in leitender Stellung befindet oder au'sführendes Organ ist. Wenn die „Poft" schon meint, daß der neue Reichskanzler seiner­seits noch einmal den Versuch machen werde, eine Blockpolitik zu etablieren, so glauben wir, daß sie daneben haut, denn es dürfte den neuen Reichskanzler nach dem Fiasko, welches die Block­politik erlitten hat, wenig nach einem solchen Ver­suche gelüsten.

Zum ersten male ist in der Person des Herrn v. Bethmann ein Reichskanzler ernannt worden, der aus der i n ne r e n Verwaltung hervor­gegangen ist. Seine Ernennung läßt erkennen, daß der Kaiser zu ihm das Vertrauen hat, daß er sich auch den Fragen der auswärtigen Politik gewachsen zeigen wird. Die Einarbeitung in diese wird ihm dadurch erleichtert, daß ihm eine Persönlichkeit wie der Staatssekretär des Aus­wärtigen v. Schön zur Seite steht.

Die liberale Presse ist fofort mit politischen Forderungen an den neuen Reichskanzler zur Stelle. Selbstverständlich fordert sie von ihm das, was Fürst Bülow den Liberalen nicht ge­geben har: die Reform des preußischen Wahl­rechts. Wenn das „Berliner Tagobl." vom neuen Kanzler eine tatkräftige Wetterführung der So­zialreform fordert, so können wir ihm darin nur beistimmen. Daß in den beiden letzten Jahren dis Sozialpolitik wenig gefördert ist, braucht nicht auf das Konto des neuen Kanzlers ge­setzt zu werden, sondern hängt mit äußeren Grün­den, namentlich der Belastung des Reichstags mit der Reform unserer Finanzen zusammen. Wir geben uns gern der Hoffnung hin, daß der neue Kanzler im Herbste das Arbeitskammernge- fetz und die große Gewerbenovelle wieder ein« bringen wird.

Staatssekretär deS Innern Delbrück. Der zum Staatssekretär des Innern ernannte bisherige Han­delsminister Delbrück wurde schon seit einiger Zeit unter denjenigen Personen genannt, die für eine Nachfolge des Herrn v. Betbmaun-Hollweg in Be­tracht kamen. Er ist 54 Jahre alt und wurde 1905 zum Handelsminister ernannt, nachdem er vorher ausschließlich im Osten in der Verwaltung tätig gewesen war. Wie es in der Natur der Dinge liegt, ist Herr Delbrück bisher im Reichstag nur wenig ausgetreten. Seine Tätigkeit aber im Landtag hat erkennen lassen, daß er ein sozial­politisches Verständnis besitzt, wenn auch bei den dort zur Verabschiedung gelangten Berggesetznovellen nicht alle Wünsche der Bergarbeiter befriedigt werden konnten.

Handelsminister Sydow. Die größte lieber« raschung bei dem Ministerwechsel bildet die Er­nennung des Reichsschatztekretärs Sydow zum preußischen Handelsminister. Man konnte doch annebmen, daß, wenn Herrn Sydow das Zustandebringen der Finanzreform in einer den verbündeten Regierungen genehmen Form gelingen würde, er auf seinem Posten verbleiben werde. Man sieht also keinen Grund ein, warum

er eine Nummer heruntergesetzt wird. — Herr Sydow hat eine eigenartige Entwicklung durch­gemacht. Ursprünglich gehörte er der Reichs« postverwaltung an und ist nun über das Reichs­schatzamt beim preußischen Handelsministerium angelangt. Der neue Handelsminister ist als Sohn des vor einigen Jahren verstorbenen früheren Unterstaatssekretärs im Kultusministeriums, späteren Präsidenten der Hauptverwaltung der Staatsschulden im Januar 1851 in Berlin ge­boren. Nachdem er bis 1883 im Justizdienst tätig geroefen war, trat er als Landrichter in die höhere Postkarriere über, wurde ein Jahr später Geheimer Postrat und Vottragender Rat und 1889 Geheimer Oberposttat. 1897 wurde Sydow Direktor im Reichspostamt und am 8. November 1901 Unterstaatssekretär. Am 24. Februar 1908 wurd er mit der Leitung des Reichsschatzamtes betraut.

Reichsschatzs-kretitt Wermuth ist erst seit einigen Jahren Unterstaatssekretär im Reichsamt des Innern gewesen. Er war sowohl unter dem Grafen von Posadowsky wie unter Bethmann-Hollweg die rechte Hand des Reffottchefs. Im Reichstag ist er bei den Etatsberatungen sowie bei sozialpolitischen Ge­setzentwürfen und namentlich in handelspolitifchen Fragen sehr häufig aufgetreten. Er macht den Eindruck eines eifrigen Arbeiters, der sich von den Patteibewegungen ziemlich fern gehalten hat. Seine Tüchtigkeit wird von allen ©eiten anerkannt. Im Jahre 1855 geboren trat er bereits 1893 als Hilfs­arbeiter in der Ministerium der Innern ein. In den Jahren 1888 und 1889 war er mit großer Auszeichnung als ReichSkommiffar für die Welt­ausstellung in Melbourne tätig, 1893 für die Welt­ausstellung in Chicago. 1904 erfolgte seine Er­nennung zum Unterstaatssekretär im Reichsamt des Innern. Er war dort Leiter der handelspolitischen Abteilung und Vorsitzender der Berufungskammer in Börsen- u.f.ro. Gerichtssachen.

Kultusminister Trott zu Solz, der bisherige Ober­präsident der Provinz Brandenburg, ist geborenes Kurhesse; er war vom 8. Februar 1899 bis 14. Mai 1905 Regierungspräsident in Kassel. Polstisch ist er ein unbeschriebenes Blatt. Er gehört den ton«' servativen Kreisen an und wird bereits von der liberalen Presse als Orthodoxer verschrien, unter dem es schließlich auch nicht schmäler werden könne als unter Stndt und Holle. Seine Berufung hängt mit der Kanzlerkrisis nicht zusammen, denn bereits im vorigen Jahre hatte Fürst Bülow im Landtag mitgeteilt, daß, wenn der Kultusminister Dr. Holle um die Zeit des Monats Mai von seiner Erkrankung sich erholt, man an einen Wechsel im Kultusmini­sterium denken müsse. — August oon Trott zu Solz, dessen verstorbener Vater kurhessischer Legationsrat war, ist am 25. Dezember 1855 zu Im shausen (Kreis Rotenburg) geboren. Er hat eine glänzende Karriere gemacht, 1884 wurde er Regierungsassessor, verwaltete als Landrat von 1886 dis 1892 den Kreis Höchst und von 1892 bis 1894 den Kreis Marburg, den er auch sest 1894 bis 1898 im Abgeordnetenhause als Mitglied der konservativen Fraktion vertreten hat. 1894 wurde er Vor­tragender Rat im Ministerium des Innern und 1890 Regierungspräsident in Koblenz, 1899 wurde er in seine Heimat Kassel versetzt. Herr v. Trott zu Solz begleitete wiederholt den Landgrafen Friedrich Wilhelm von Hessen auf großen Reisen nach dem Orient und nach Indien und befand sich auch in der Gesellschaft des Land­grafen, als dieser 1888 von seinem Schiff inS Meer stürzte und ertrank. Oberpräsident der Pro­vinz Brandenburg und des Stadtkreises Berlin war er seit Mai 1905. Der neue Kultusminister gilt als ein persöhnlicher Freund des Kaisees.

Oberpräsident ». Löbell. o. Löbell, der eigent­liche Macher der Blockpolitik, bekanntlich »Chef der

Bernhard von der Eiche.

Roman von Baronin Gabriele van Schlippenbach.

29] (Nachdruck verboten.)

Herta hatte in der Nähe der Akademie ein Zimmer gemietet. Es war viel größer und bes­ser möbliert als die Mansarde, allerdings war es auch fast doppelt so teuer. Aber dafür war sie jetzt frei und konure an dem einen der großen Fenster ihre Staffelei aufstellen. Es war Herttts Absicht gewesen, sich dec Landschaftsmalerei zu widmen, aber der Baumschlag bereitete ihr große Schwierigkeiten, und ost ließ sie den Pinsel mut­los sinken. Nach einer etwas erregten Ausein­andersetzung mit Thea Schönhausen verließ Frau von Randen das hohe, dustere Harrs, in dem sie viele Monate girwhnt hatte. Sie atmete auf, als sie die schwere Tür hinter sich zufallen horte, und doch überkam es sie wie eine große Verlassenheit. Run hatte sie niemand in der großen Stadt ter ihr näher stand, der ein Interesse an ihr nahm. »Ich muß meinen Weg allein gehen, ich habe es >lbst grwvllt", das dachte Hrfa, als sie in ter Droichke mit ihrem Reisekorb ihrer neuen Woh- Mttrg m ter Herrenstraße zufuhr. —

-l-e Zeit verging. Immer mutloser sank die Hanc ter jungen Malerin herab, es kamen Tage, an denen sie nicht arbeiten konnte. Dann suchte sie ter Staat zu entfliegen, fie eilte ins Freie hin­aus.

, Der Lenz war gekommen. Es sproßt; und rrieb an allen Enden. Bunte, garte Blumen schlu­gen die Augen auf, und die grünen Schleifer der pir.en wehten. Herta hatte Üjr Skizzenbuch mit- gaumtmen; sie saß aus einem Baumstumpf und ämchnete. Heute war es keine Landschaft, sie ent­warf ein Blumenmärchen. Schlanke, zartbelaubte Weidenzweige, mit -en wolligen Kätzchen daran, darunter w Maßliebchn und sinnigen Glocken­blumen. Ein Falter wiegte sich darüber. Wie Wohlgelungen das harmlose Bildchen war. Herta

führte es zu Hause in Aquarellfarben aus; diese neue Art zu malen, machte ihr Freude. Sie legte das Bildchen in ihre Mappe, die sie zur Akademie mitzunehinen pflegte, aber sie vergaß e§ nbec den Sorgen, tem fieberhaften Ringen, nach dem hohen Ziel, das sie gern erreicht hätte, tem sie nach jagt, ohne es zu 'Haschen.

Die Brandwunden, die Bernhard von -er Eiche erlitten, waren zum Glück nicht schlimm; sie heilten gut. Rach drei Wochen konnte er die verletzte Hand ohne Binde gebrauchen, nur eine kleine Narbe blieb unterhalb des Handgelenkes. ®er junge Italiener litt dagegen sehr. Jneß ging täglich ms Hütteirhospital und verband ihn mit ihren leichten, geschickten Fingern, die ter Bur­sche in heißer Dankbarkeit küßte. Als er gesund war, zeigte es sich, -aß er zu schwach war, um den schweren Dienst als Heizer bei den Hochöfen noch weiter zu erfüllen. Da bat Bernhard den Gene- mlbirefuu darum, Beppo Franchetti, — so hieß ter junge Manu — ihm als Diener und als Hilfe für den alten Gärtner Joseph einem LandÄmann Beppos, zu geben. Seitdem war der Sohn der Carnpagiie glücklich, er konnte seine alte Mutter reichlicher versorgen, und die Arbeit war leichter. Seinie dunklesn, südländischen Augen glänfeten," wenn er die blonde Herrin sah, für die er ebne schwärmerische Verehrung fühlt;.

Frau Gerard hatte Müller eine namhafte Geldsumme für die Verunglückten gegeben, sie hielt sich aber feit dem Vorfall auf dem Hoch­ofenwerk sehr resnviert. Graf Friüenfeld war noch in Mon Repo-:. Ec und seine Cousine mach­ten Ausflüge nach Luxemburg, Metz und Trier. Man erwartete in Rätzlingen allgemein ihre Ver­lobung. Der Graf war reich; einen armen Mann wurde Irmgard nie erhören, da sie bei einer zweiten Heirat ihres ersten Gatten großes Ver­mögen verlor.

Eines Tages war Ines nach Mon Repos ge- gangm, um Frau Gerard eine Besorgung zu überreichen, die sie in Villerupt drüben im Fran-

zösischen gemacht hatte. Mit chrem leichten Schritt näherte sie sich einer dichten Epheuloute Da schlug ein erregter Wortwechsel an Ines Ohr. Unwillkürlich blieb sie stehen, nicht in der Absicht zu lauschen, vielmehr erschreckt über ihr vielleicht unerwünschtes Kommen.

„So nehmen Sie mir jede Hoffnung Irm­gard", sagte die Stimm; Frauenfelds mit leifer Klage.

„Ja, ick habe es Ihnen schon früher gesagt, Artur, ich liebe Sie nicht."

Es klang grausam. Frauenfeld stöhnte, wie von einem großen Weh getroffen.

. „Warum lieben Sie mich nicht? Versuchen Sie es doch, ich bin reich, und Sie kehren in Ihr; baltische Heimat zurück, nach -ter Sie sich oft sehnen."

„Nein, ich will nicht." Jetzt lag wirklich et­was sehr Unfreundlich?? in ter Antwort.

„Dann gehört Ihr Herz einem andern, wer kann es sein?"

„Sie werten indiskret, Artur, solche Fragen stellt man nicht. Ich liebe keinen. Meine erst' Ehe war Nicht so. Laß ich mich nach neuen Fes­seln sehne und ich denke nicht daran, mein behag­liches Leben, die Freiheit, die das Geld mir bringt, leichtsinnig aufzngeben. Ich bin mir voll bewußt, daß ich das besitze, wonach viele ihr gan­zes Leben ringen, und ich will es festhalten um jeden Pitts."

Frau Gerard war aufgsstanden und ging stolz erhobenen Hauvres durch den Garten ins Haus. Ines wagte kaum, sich zu bewegen. Sie blickte der hohen Frauengeistall nach und dachte, wie hart und selbstsüchtig si; war. 8LtS der Laube drang ein leiser Laut, wie ein Stöhnen.

Dar Graf hatte dn Kopf in die Hände gestützt und glaubte sich allein in seinem Schmerz Wie leid tat er dem jungen Mädchen. Wie gern hätte ie ihn trösten und ihm ein freundliches Wort agen mögen, das ihn aufrichtete. En sah so knabenhaft aus, so jung, und Ines dacht; daran, daß dr keine Mutter hatte, die sich um ihn sorgte.

„Bitte, seien Sie mir nicht böse", sagte Ines, in die Laube tretend, „ich wollte nicht hören, und mußte es gegen meinen Willen. Es — es tut mir so schreckli.h leid um Sie."

Sir streichelte feine schlaff herniedergesimkene Hand. Da schlossen sich seine Finger darüber'; fast tat er ihr damit weh.

„Weitz Gott", sagte Frauenfeld leise, „ich liebe Irmgard mir meiner ganzen Seele. Von meiner Kindheit an ist sie mein Ideal gewesen, das Ziel meiner Sehnsucht, und nun ist alles vorbei. "

. Ines Augen füllten sich bei der Mutlosigkeit seines Tones mit Tränen. Was sagte sie nur, um ihn zu tröffen, welch; Worte sind die passend- ftdn.

„Ich möchte Ihnen etwas gutes sagen, und Weitz nicht, wie ich es anfange", beginnt sie, ihre iDarme, kleine Hand in der des Grafen lassend. „Ich verstehe wohl, Wunden zu verbinden, die der Körper erleidet, könnte ich es doch auch mit denen des Herzens. Sie sind ein Mann, ebn wei­tes, schönes Arbeitsfeld stcht Ihnen offen, Herr Graf, und die Zeit lindert vieles."

Er schüttelte den Kopf und starrte traurig vor sich hin. Als er auffah, toar er allein. JneS hatte den HemiwA) eingeschlagen. Sie fühlte sich von Irmgard abgeftoßen, es war ihr un-möglich, sie jetzt zu sehen.

„Gittes, kleines Tung, warum liebe ich sie nicht", dachte der Graf. Er beschloß, am andern Morgen abzureisen, und nie mehr seine Cousine zu sehen. Mit 23 Jahren, jung, reich, gesund und hichfch, kam er sich bettelarm vor.

Ines war so erfüllt von tem, was sie gehört, daß sie es nicht für sich behalten konnte, Ihr Bruder hatte bisher ja alles mit ihr geteilt, sie hatte kein Geheimnis vor ihm. Deshalb erzählte sie Benchard Wott für Wort, was sie als unfrei- williger Zeuge vernommen hatte, jedoch ihren eigenen Anteil an dem, was in der Laube pas­siert war, aiis einem Gefühl mädchenhafter Scheu verschweigend.

(Fortsetzung folgLZ