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M 157.

SvHIba, Mittwoch den 14. Juli 1909.

36. Jahrqani.

Erstes Mbcrtt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 13. Juli 1909.

Das Abkommen zwischen dem Deutschen Reiche und Dänemark vom 12. Juni 1909, betr. den gegen­seitigen Schutz der Muster und Modelle, wird in 3. Lesung debattelos angenommen, ebenso der Handels­vertrag mit Venezuela.

Zur dritten Lesung steht dann der Gesetzentwurf betr. die zollwidrige Verwendung von Gerste.

Abg. Gerstenberger (Ztr.) empfiehlt im Interesse des Zustandekommens des Gesetzes einen Antrag, die in zweiter Lesung beschlossene Verpflichtung zur Kennt­lichmachung (Färbung) der zu einem billigeren Zollsatz eingesührten Gerste zu streichen und dafür dem Bun­desrat die Befugnis zu geben, eine Kenntlichmachung ;anzuordnen.

Abg. Hausmann (ntl.) erklärt, daß damit die Hauplbedenken seiner politischen Freunde gegen die Vorlage beseitigt seien.

Abg. Dr. Semler (ntl.) wünscht eine bündende Er­klärung des Bundesrats, daß unter keinen Umständen zum Mittel der Färbung durch Eosin gegriffen werden soll.

f Ministerialdirektor Kühn bedauert, eine bestimmte Erklärung nicht abgeben zu können.

Damit schließt die Diskussion. — Die Vorlage wird mit dem Antrag Gerstenberger angenommen.

Der Gesetzentwurf wegen Aenderung des Schank- gefäßgesehes wird in dritter Lesung debattelos ge- znehmigt. — Bei der dritten Beratung der Uebersicht (der Einnahmen und Ausgaben für Ost- und Südwest­afrika für das Jahr 1901 bittet sr Staatssekretär Dernburg, den Beschluß zweiter Lesung, wonach die außerelatsmäßigen Ausgaben in 'Höhe von 192000 bezw. 127000 Mark für den Bau eines Hellings bezw. einer Mole in Swakopmund zu beanstanden seien, fallen zu laffen.

i Abg. Dr. Görcke (nl.) bittet, es bei den Beschlüssen zweiter Lesung zu belassen.

fe Der Antrag der Kommission wird hierauf ange­nommen: es bleibt also bei der Beanstandung der für den Molenbau in Swakopmund verbrauchten Mehr­ausgaben.

; Der Bericht der Reichsschuldenkommission Nom 27. Februar 1909 wird durch Dechargeerteilung erledigt.

' Hierauf wird eine Reihe von Petitionen entspre­chend den Kommisstonsbeschlüffen erledigt.

Der Gesetzentwurf betr. die Gewährung vou Kriegsteilnehmerbeihilfen wird in dritter Lesung nach den Beschlüssen zweiter Lesung debattelos angenommen.

Eine Reihe von Wahlprüfungen wird entsprechend den Kommisstonsbeschlüffen erledigt. Me Wahlen der Abgg. Kölle (wirtsch. Bgg.), Kley« (uatl.) und Kaphengst (kauf.) werden au die Kommisfion zurückverwiesen.

Es folgt daun die dritte Lesung des

Besoldungsgesetzes.

Reichsschatzsekretär Shdow: Mit Zustimmung der verbündeten Regierungen habe ich folgendes zu er­klären: „Der Reichstag hat gestern über die TehAter der Unterbeamten und der Assistenten Anträge ancenommen, welche über die von der Budgetkommis- siou vorgeschlagenen Gehaltssätze hinausgehen und von den Vertretern der verbündeten Regierungen bereits als unannehmbar bezeichnet worden sind. Der Bundesrat hat fich gestern noch einmal mit der Angelegenheit beschäftigt und beschloffen, dem Be­soldungsgesetze b'<- Zustimmung zu ver­sagen, falls bei der enogultigen Beschlußfassung des Reichstages über die von der Kommisfion angenomme­nen und vom Bundesrat zugestandenen Gehaltssätze in irgendeinem Punkte hinausgegangen werden sollte." (Bewegung, Unruhe, Zurufe.) £" '■ ^as Schicksal der Vorlage in Ihrer Hand.

0- Zurufe bei den Soz.) Wollten Sie die

ge...... gc|ai4en, vom Bundesrat abgelehnten Beschlüsse aufrechlerhallen, so würde das Besoldungsgesetz scheitern und infolge von Meinungsverschiedenheiten, die nur einige Beamtentlafien betreffen, die Ge­

samtheit der von der Vorlage bedachten Beamten, Offiziere und Unteroffiziere der zahlreichen Verbesserun­gen verlustig gehen, die ihnen sowohl in den Gehältern als auch in den Wohnungsgeldzuschüfsen von der Re­gierung gern zugewendet worden wären. Bei etwaiger Wiedereinbringung der Vorlage im nächsten Jahre werden weitere Zugeständnisse von der Regierung nicht zu erlangen fein. (Gelächter u. Zurufe bei den Soz.) Wohl aber würde die Rück­wirkung der Vorlage bis zum 1. April 1908 dann nicht mehr in Frage kommen. (Hört, hört! rechts. Na, na! links.) Hiernach kann ich namens der ver­bündeten Regierungen nur noch einmal dringend empfehlen, im Interesse des Zustandekommens der Vorlage, besonders aber im Jnlerefle der Beamten selbst, auf den Boden der Kommissionsdeschlüffe zu treten. (Bewegung. Ruse bei den Soz.: Wo ift das Unannehmbar?)

Abg. Dr. Spahn (Ztr.): Da die Besoldungsordnun g, wie sie aus der Kommission herausgekommen ist, große Vorteile für die Beamten bringt, glauben meine Freunde die Verantwortung nicht tragen zu können für das Scheitern der Vorlage, zugunsten einzelner Beamtenkategorien. Nach der Erklärung des Staats­sekretärs erscheint es auch ausgeschlofleii, daß später Zugeständnisse für die Beamten von der Regierung zu erlangen sind; dazu kommt noch, daß die Vorlage rückwirkende Kraft nicht erhalten wird, wenn sie im Herbst wiederkommen würde. Ich bitte daher dringend, der Vorlage so zuzustimmen, wie sie aus der Ko umission herausgekommen ist. Wenn auch die Ansprüche der einzelnen Kategorien nach den Kommisstonsbeschlüffen nicht alle erfüllt wer­den, so müffen wir doch nach der Erklärung des Staatssekretärs uns mit dem bescheiden, was erreicht ist. Die Vertreter des Postbeamtenverbandes haben gestern abend selbst erklärt, daß sie die Ver­antwortung nicht tragen wollen, daß das ganze Werk scheitert, nur weil die Postbeamten nicht voll be­friedigt werden. (Hört! hört!) Daher stimmen wir der Vorlage in der Fassung der Kommissionsbeschlüsse zu in der Ueberzeugung, daß sie zum Wohle der Beamten wirken wird, daß diese endlich aus der bisherigen Pumpwirtschast herauskommen. Wir werden uns da­mit den Dank der Beamten erwerben. (Beifall.)

Abg. Singer (Soz.) erklärt, daß seine Partei an den Beschlüffen zweiter Lesung festhalten und vor der Regierung nicht zurückweichen werde.

Abg. Lattmann (wirtsch. Vgg.) erklärt, seine Partei wolle die Berantwortung für ein Scheitern der Vor­lage nicht auf sich nehmen und werde deshalb die gestern gefaßten Beschlüsse im Interesse der Beamten selbst fallen lassen. Es ist doch ein Zeichen von Ver­nunft der Beamten, wenn sie gestern abend und heute zu dem Entschluß gekommen sind, trotzdem, daß ihre Wünsche nicht ganz erfüllt sind, uns dringend zu bitten, jetzt unbedingt für die Vorlage zu stimmen. Also die Beamten sind vernünftiger als Sie. (Gr. Heiterkeit.) Daß draußen int Lande einzelne Beamte, die die Verhältnisse nicht genau über­schauen und vorläufig noch böse fein werden, wird ganz gewiß der Fall fein. Mit der Zeit wird aber unter den Beamten überall mehr die Ueberzeugung zum Ausdruck kommen, daß es sich bei Ihnen (nach links) lediglich um ganz gewöhnliche Demagogie handelt.

Vizepräsident Kaempf: Einem Teil des Hauses Demagogie vorzuwerfen, ift nicht zulässig. Jq rufe Sie zur Ordnung.

Abg. Lattmann (wirtsch. Bgg.): Wenn ein Mit­glied aus der Kommission um die Erfüllung der Forde­rungen bis zum letzten Augenblick gekämpft hat, bann glaube ich wohl, sagen zu können, daß ich es mit einem anderen Mitgliede gewesen bin. (Zuruf links: Umge­fallen!) Gerade deshalb darf ich für meine Freunde in Anspruch nehmen, daß uns bei unserer Zustimmung die Jntereffen des gesamten Beamtentums leiten, und daß wir uns nicht leiten lassen von augenblicklichen Gedanken, die für die Wahlen hier und da in Betracht kommen. Man kann deshalb sagen, bei der Abstimmung wird auf der rechten Seite die Vernunft fein und auf der linken die Unvernunft. (Heiterkeit und Beifall rechts. Große Unruhe und Gelächter links.)

Vizepräsident Kaempf: Einer Seite des Hauses Unvernunft vorzuwersen, ist unzulässig ich rufe. Sie zur Ordnung.

Abg. Dr. Wirmer (frf. Vp.): Die Vorwürfe gerade von dieser antisemitischen Seile sind unerhört, weil gerade diese Herren zur Aufhetzung der Bevölkerung das Menschenmöglichste geleistet haben. (Große Unruhe rechts, stürm. Widerspruch». Abg. Werner iRefp.l ruft mit Stentorstimme: Herr Präsident, ist das zulässig? Erneute stürmische Unruhe und Zwischenrufe. Abg. Werner schlägt auf das Pult und ruft: Wir protestieren dagegen!)

Vizepräsident Kaempf: Wenn der Redner den Aus­druck auf Mitglieder des Hauses bezogen hätte, hätte ich ihn zur Ordnung gerufen.

Abg. Dr. Wirmer (forifahrend) erklärt im weiteren, daß seine Partei an den gestern gefaßten Beschlüssen festhalte.

Abg. v. Oldenburg (kous.): Wenn es nur auf die Tallik änkommen würde und nicht auf das Wohl der Beamten, dann würden wir Sie mit Ihren Anträgen hereinsausen lassen. (Heiterkeit.) Bisher war es nur der Sozialdemokratie Vorbehalten, die Deckung zu verjagen und unerfüllbare Anträge zu stellen. ^Zustimmung rechts.) Jetzt hat auch die getarnte Linke diese Gewohn­heit angenommen. (Zustimmung rechts, Lachen links.) Aber Sie uinlerfchätzen denn doch das Verständnis der Beamten für die Situation. Die Beamten werden sich sagen müssen, daß, wenn es auf die Herren von der Linken angekommen wäre, die veibündelen Regierungen nicht in der Lage wären, ihnen auch nur einen einzig en Pfennig Zulage zu geben. (Lebhafte Zu- stiniuiung rechts, Lachen links) Wir haben unter Möglichstes getan, uni für die Beamten zu erreichen, was zu erreichen möglich war, aber wir lehnen es ab, die Hoffnungen und Wünsche der Beamten zum Gegen­stand einer miserablen Wahlagitation zu machen. (Lebhafter Beifall rechts, Lärm links.)

Abg. Bruhn -Rsp.): Es wäre gewissenlos von uns, wenn wir die Vorlage scheitern ließen.

Damit schli.tzt die Diskussion. (Zurufe bei den Sozialdemokraten: Un d die Na tt o n alli b e r al en'k)

Zunächst wird ein Antrag Dröfcher ($?, durch den die gestern gefaßten Beschlüsse aufgehoben und die Beschlüsse der zweilen Lesung der Kommission wieder- hergestelll werden, mit 234 gegen 79 Stimmen bei 14 Stimmenthaltungen angenommen.

Hierauf wird die Besold ungsvorlage en bloc mit 317 Stimmen angenommen. Gegen das Gesetz wurden keine Stimmen abgegeben.

Damit ist die Tagesorünuiig erschöpft.

Abg. Bassermnnn intl.) dankt namens des Hanfes dem Präsidenten sür die Leitung der Geschäfte des Hauses.

Präsident Graf Stolberg dankt im Namen des Büros dem Vorredner.

Staatssekretär v. Bethmanu-Hollweg verliest eine kaiserliche Botschaft, durch die der Reichstag geschlossen wird.

Präsident Gras Stolberg bringt ein dreimaliges Hoch auf den Kaiser aus, in das die Anwesenden ein« stimmen. (Die Sozialdemokraten hatten vorher den Saal verlassen.)

+ Zum Rücktritt des Knrfteu Bütow'

Am heutigen Mittwoch wird b’r Reichskanz­ler Kürst Bülow öent Kais.r zum letzteumale Vortrag tollen und in unmittelbarem An­schlüsse daran aus dem politischen Leben a usscheiöe n.

Währens die beiden ersten Kanzler des Däni­schen Reiches, Kürst Bismarck un-d Graf Caprivi, infolge eines Zerwürfnisses mit ihrem kaiser­lichen Herrn aus dem Amte schieden und den dritten Kanzler Fürst Hohenlohe sein hohes Al­ter zimu Rücktritt veranlaßte, hat sich dec vierte Kanzler Füllst Bült.v sain politisches Grab f e I b ft' g e gr a be n Seine 35jährige politische Tätigkeit schließt, fast möchte man sagen: tra­gisch ab. Ein Mann, aüsgestattet mit hervor­ragenden diplomatischen Eigenschaften, ein Mann, ausgezeichnet durch eine glänzende Be­redsamkeit und von einem gewinnenden persön­lich höflichen Wesen, hat Fürst Bülow sich bei seinem ersten Auftreten int Reichstag als Staatssekretär des Auswärtigen Amtes im,

Herbst 1897 die Sympathie aller Parteien des Reichs tags erworL-en. . Aber - indem etc als Reichskanzler im Verlaufe seiner Kanzlerschaft alle Parteien gegeneinander ausspielte, sie ent­zweit und verbitterte, hatte er am Ende seiner Kanzlerschaft das Vertrauen aller Parteien ver­loren und seine innecpolitische Unzuverlässigkeit zwang chrn den Wanderstab in die .Hand.

Wer die Geschichte des Reichsvarlarnents von deim ersten Auftreten des Fürsten Bülow bis zum heutigen Tage mitgemacht, wer beobachten konnte, wie Füllst Bülow die Parteien, deren Vertrauen er sand, für seine Zwecke auszunutzem suchte, und wer von so manchen Dingen hinter den Kulissen erfahren hat, bei denen Fürst Bü­low sich des in ihn gesetzten Vertrauens sehr we­nig würdig gezeigt har, sür den halrte »«elfer Mann mit dem unzuverlässigen und zweideuti­gen politischen Charakter sich schon seit langem der politischen und persönlichen Hochachtung -be­geben.

Bei dar Schule, die Fürst Bülow durchge- inacht (>at, war es naturgemäß, daß das Schwer- gewicht seiner Leistungsfähigkeit nach dem Ge­biete der äußeren Politik hin neigte. Als Sohn des im Jahre 1879 verstorbenen Staats­sekretärs des Auswärtigen Amtes Bernhard von Bülow trat der Reichskanzler schon int jugend­lichen Alter von 25 Jahren in ton diplomatischen Dienst ein. Sein großer Lehrmeister in der Diplomatik war Fürst Bismarck, dessckn Unter» Weisungen in der. diplomatischen feinfühligen Sensibilität und Rhinozerosartigen Dickhäutig- keit er sich bei seinen Reden im Reichstag uiü> im Privatverkehr gern erinnerte. Nachdem Fürst Bülow als Legationssekretär und Ge- schäftsträgec in Rom, Petersburg, Wien, Paris und Bukarest geweilt hatte, wurde er im DeAMt- ber 1893 deutscher Botschafter am italienischen Hof. Von hier aus wurde er im Oktober 1897 in einem Alter von 48 Jahren als Staats- s e k o e t ä r des Auswärtigen A in tse s noch Berlin berufen. Mit feinem Auftreten im Reichstag kam ein frischer Zug in die Vertre­tung der äußeren Politik vor dem Forum der Volksvertretung. Man batte die Empfimaung, eine Persönlichkeit vor sich zu haben, die mit den Fragon der äußeren Politik völlig vertraut, dip- lomarifch gewandt und durch ihre vielfachen Be­ziehungen zu fremden Höfen besonders geeignet war, dem dänischem Reii.che Hute Dienste zu 'eisten.

Am 20. Oktober zum Staatssekretär ernannt, trat Fürst Bülow bereits in der vierten Sitzung des Reichstags am 6. Dezember 1897 auf, um sein Programm der äußern Politik zu entwickeln. Er prägte es in die Worte: Wir wollen niemand in Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne. So einwandfrei dieses Pro« gramm auch erschien, so sollte die Erfahrung doch bald zeigen, daß es geeignet war, uns in eine uferlose Weltpolitik zu treiben, und es hat der ganz energischen bremsenden Tätigtest des Reichstags bedurft, eine Abkehr von dieser Bahn herdeiznführen. Die Politik Bülows hat allerdings niemanden in den Schatten gestellt, aber eine be­sonders glückliche Sonne hat uns in unseren Be­ziehungen zu den fremden Mächten in der Aera Bülow auch nicht geschienen. Es nmß zwar aner­kannt werden, daß es ihm gelungen ist, den Frieden zu erhalten, aber es gab doch ver­schiedentlich Momente, wo wir einem Kriege sehr nahe waren und wo wir uns aus äußeren Konflikten nicht immer rühmlich herausfanden. Erst künftige Zeiten wird in dieser Beziehung eine richtige Würdigung des Fürsten Bülow vorbehalten ein, da heute die Oeffentlichkell über die inneren diplomatischen Vorgänge vielfach nicht genügend informiert ist. Das steht aber außer Zweifel, daß

Bernhard von -er Eiche.

Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach 28] (Nachdruck verboten.)

„Bah, ich glaube nicht. Trotz allen Flrißes bringt sie es nicht zu etwas Großem. Professor Beyerstein, bei dem sie die Kurse besucht, müßte eS chr sagen."

..Sehen Sie, Alfredo, ich sichle mich einiger- maßen verantwortlich dafür, daß Frau von Nan- jfoen hergekommen ist", sagte Thea, bei der das gute Herz wieder zum Durchbruch kam, „ich habe ihr zuscredet, Malerin zu werden. Vielleicht 'gelingt es ihr dennoch, etwas — wenn auch nicht gerade Hervorragendes — zu leisten. Wir dür­fen ihr nicht den Glauben an ihr Talent nah­men."

„Sie sind doch gin liebesr Mansch", meinte Mamtol. „Warum sind Sie oft so kratzbürstig, ^besonders gegen mich, der Ihnen treu ergeben Ist?"

Thea lachte und legre Oie Hand freundlich ömf den Samtärmal des kleinen Malers. „Nichts Mr ungut, Kamerad", sagre sie, „ich war vorhin unwirsch. Sie wissen, wenn es uns einen Tag nicht glücken will, leidet das innere Gleichge­wicht darunter."

t Er rückte näher, und sie vertieften fich in sein Gespräch über die mögliche Aussicht, die ihre Milder bei der Ausstellung im Mai hätten. Beide wünschten glühend, angenommen zu werden. — Während sie eifrig über die Chancen disku- n, stieg Herta langsam die Treppe zur rde hinauf. Sie hatte den öden Raum und nach etwas wohnlicher zu gestalten ver- t. Ein kleiner Teppich lag auf dem Fuß- don, neue Gardinen wovon angebracht, ein besseres Wafchgsschirr war an Stelle des brüchi­gen gesetzt und über das eiserne Bett eine weiße Wolldecke gebreitet Trotzdem sah es noch durs­

tig genug aus in dem schmalen Raum mit den schräg abfallenden Wänden. Von dec eleganten Erscheinung der Baronin Randen war auch vie­les abgefallen. Ihre Kleider waren vertragen, sie sah angegriffen aus und ein Zug der Sorge lag um tijren fcingeichnittenen Mund und in den übernatürlich groß gewordenen Augen, die etwas Suchendes hatten Was suchte sie? Den Ruhm, der beiß umworben wie ein wesenloser Schatten vor ihr gaukelte. Sie streckte die Hände nach ihm aus, zitternde, fiebernde Hände, aber sie erhaschte ihn nicht. Sie sagte sich, daß die Zeil zu kurz war, daß sie noch auf keinen Erfolg rechnen durfte. Und sie spannte alle ihr? Kräfte an, sie arbeitete mit eisernem Fleiß. Gall es doch zu beweisen, daß sie recht gehandelt, als sie sich frei machte, daß sie zu etwas Höherem als blos zur einfachen GutStositzrrsfrau geboren Ivar. Sie hatte nicht die Mirtel, ein eigenes Atelier zu mieten, und mußte daher Thea Schön­hausens Anerbieten, bei ihr zu malen, dankbar amiehmssn, denn sie arbeitete auch außerhalb öet Kurse und versuchte das in der Akademie Gelernte zu verwerten. Die burschikose! Art Theas stieß Hecta ab. Sie fühlte sich überhaupt in dem Kresse fremd, in den sie durch die Schön- hausen hineingezog i wurde. Es waren Ele­mente darin, die bisher der Baronin Randchr fern geblieben waren. Sie fühlte und dachte auderss, wie dieses leichtlebige, frei urteilende Völkchen. Hertn war schwerblütig, und man fand sie stolz un>d unnahbar. Am meisten fühlte ■53 Mandel. Er hatte vertgeblich versucht, sich der jungen Frau zn nähern; seine Bewunderung ärgerte Thea und stieß Herta ab. Sie zeigte es ihm unumwunden. Zuerst blieb sie still arbei­tend im Atelier, nrnn Alfredo dort mar und seine Modelle ihpr standen. Schweigend vertiefte sich Herta in ihre Malerei, aber sie konnte chr Ohr nicht verschließen. Sie mußte die Witze des kleinen Porträtmalers mitattf)ören; Theas ungezwungener Verkehr mit ihm, ihr abwech­selndes Zanken und Veffrrautsein, waren Frgu

von Randen so unangenehm, daß sie nach und nach das Atelier nur noch dann benutzte, wenn Mandel fort mar. Einige Male hatte Thea sie um größere oder kleinere Geldsummen gebeten, die sie wiedeczngeben versprach. Aber sie mußte es wohl vergessen haben, es war nie mehr die Rede davon. So sparsam Herta zu leben glaubte, so schmolz doch ihre kleine Barschaft erschreckend schnell zusammen. Sie aß zu Mittag in einem Restaurant in der Nahe der Akadmie, wo noch mehrere Schüler Beyecsteins einkehrten. Oft berufne Herta kaum die Speisen, die ihrem ver­wöhnten Geschmack widerstrebten. Am Abend holle sie sich kalten Aufschnitt und Brot, dazu gab es Bier oder Tee. Nie eine Abwechslung in der Kost. Ihr fester Schlaf war ihr treulos ge­worden. Sie lag oft die halben Nächte hindurch in ihrsin barten, schmalen Bett wach und auf leisen Sohlen schlich ein graues Gespenst heran. Frau Sorge saß an ihrem Lager, Frau Sorge ging mitt ihr durch den arb-eiiZreichen Tag. Wenn Herta sich getäuscht hatte, wenn sie wirk­lich nichts erreichte, was sollte sie tun? Bren­nende Scham trieb ihr das Blut in die blaß ge­wordenen Wangen, Scham vor dem Mann, den sie so herzlos verlassen, vor den Geschwistern, denen sie fo sieAesgewiß geschrieben, Scham vor der Tante, die ihr das Geld nur geliehen, nicht geschenkt hatre.

Professor Beyerstein Ivar auf die schöne, vor­nehme Schülerin aufmerfffam geworben. Er vermutete, daß sie viele Stürme durchlebt, ehe sie nach München kam und er erzählte seiner Frau von Herta.

„Hat sie Talent?" fragte die alte Dame.

„In gewissm Gnade ja, aber' sie wird nie Bedeutendes leisten", sagte der Professor. „Schade, sie hat einen eisernen Fleiß, ich fürchte auf Ko­sten ihrer Gesundheit. Und sie muß sich nicht glücklich fühlen, sie ist gewiß an andere Lebens­verhältnisse gewöhnt. Wir sollten uns ihrer et­was annehmen." Trotz der guten Absicht blieb es vorläufig noch dabei.

Herta wußte hie Billigkeit der Mansarde bei Frau Huber zu schätzen. Sie wäre trotz des vie­len Unangenehmen noch länger daselbst wohnen geblieben, aber vor zwei Tagen war Alfredo Mandel ihr auf der Treppe begegnet, war mit ihr hinaufgestiegen und harre ihr eine halbe Lie­beserklärung gemacht. Herta schnitt sie kurz ab, indem sie ihm in scharfen Worten das Unziem­liche seines Betragens deutlich machte. Sie war dann betone vor Entrüstung in ilhve elende Mansarde geeilt und war in Tränen ausgebro­chen. Sie kam sich ganz und gar schutzlos vor. Nnd plötzlich dachte sie an ihren Murn, sie sehnte sich nach feinem Schutz, nach dem starken, trauen Arm, den sie von sich gestoßen hatre. Wie freundlich und nachsichrig war er gewesen, im­mer bemüht, sich zu erfreuen, ihre Launen er­tragend, für jede noch so kleine Aufmerksamkeit dankbar) Einmal Halde sie ihm Blumetr auf den Schreibtisch gestellt Er hatte es wie etwas Großes aufgesaßt, ihr wie für ein wertvolles Geschenk gedankt Und sie hatte feine zahllosen Rücksichren wie etwas selbstverständliches mit der Herablassung einer Fürstin hingenommen.

Rein, fort mit diesem Erinneqirngfeir. Sie durfte nicht an sie den karr, sie wollte es nicht! Und sie schloß die Augen. Heiße Tränen Qual­len unter ton Wimpern hervor. Wie auf Hellem Goldgründe tauchte Schlckß Randenlhageni in ihrer Erinnerung auf. Durch die Allee, die dorthin führte, trabte ein Reirer auf feurigem Pferde. Es war Randen. Er sah im Sattel sehr gut aus, als früherer Kavallerieofsizier ritt er schneidig. Warum mar Herta ihm nicht ent­gegengeeilt, als fein Auge suchend, wie erwar­tungsvoll zu ihrem Fenster emporschweifte. Sie bebatterte es jetzt zuweilen. Ganz leise sprach die ehrliche Stimme in ihr, ine nicht zu betäu­ben war: „Du hast nicht recht an dem Manne Mandell, der dir seine goldtreue Liebe schenkte, der vergeblich um deine Gegenliebe warb."

(Kottsetzung folaM