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«otatlonrbruckunb Verlag berZulbaer Al- tienbruckerei in Lnlba Zernsprecher Nr. 9.
36. Jahrgang
Fulda, Montag den 12. Juli 1909
M 155.
Irveites Wlcrtt
der ehemalige österreichische Dsinisterptäsideiti Graf Badens an einem Herzschlage Plötzlich verstorben. — Graf Badem, ein Pole mit deutscher Erziehung, war 1895 zur Uebernahme des österreichischen Ministerpräsidnrms berufen worden unö Halle anfangs im Parlament nicht unechMiche Erfolge erringen können, indem er die Wahlreform, die Zuckersleuer und andere Ge- etze trotz der Zerfahrenheit der parteipolitischen Zustände durchsetzte. Als er aber im April 1897 den Versuch machte, den Ausgleich mit Ungarn dadurch zustande zu bringen, daß er den Tschechen die tschechische Amrssprache in Böhmen und Mahren zngestauld, stieß ec bei den deutschen Parteien auf den heftigsten Widerstand. Schon im Mar begann der Sturm im Wiener AbgeovdnÄen- haufe, und im Herbst desselben Jahres setzte dann der beispiellose Qbstruktionskampf der deurschen Parteien ein, zu dessen Niederzwingung Graf Ba- deni schließlich die Polizei in den Parlamentssaal eindringen ließ. Auch dieses letzte Mittel nutzte nichts. Als die Erregung sich auch auf die Volksumsfen zu übertragen drohte, erhielt Gras Ba- deni — am 28. November — seine Entlassung, nachdem er vorher in einem Du >ll mir dem deutsch-rad'kalM Abgeordneren Wolf leicht verwundet worden war.
* Kuba fügt sich den Bereinigten Staaten. Wie ein Telegramm aus Havana meldet, har Präsident Gomez ein Dekret erlassen, das die durch einen Agentm der kubanischen Regierung in Deutschland und Frankreich abgeschlossenen Ver- iräge über die Lieferung von Geschützen und Ge- wehcan für die kubanische Armee annulliert. Ferner wird eine aus dem Oberstkominandierenden Vino Guerra und zwei Offizieren bestehende Kom- »lisston eingesetzr, die die Vereinigten Staaten und Europa besuchm, die besten Modelle studieren und neue Verträge schließen soll. Diese Maßregeln sind eine Folge eines Protestes der Ver- emtgten Sraaten.
Aus dem Nachbargebiere.
* Schlüchtern, 9. Juli 1909. Im Gasthaus zum Löwen wurden einem Reisenden die Handtasche, zwei dorr logierenden Lehrern die Stiefel gestohlen. Die Polizei machte als die Diebe zwei Kroaten ausfindig, von denen der eine in seiner hiesigen Wohnung, der andere in der Fliegener Kantine verhaftet wurde.
' Hanau, 10. Juli 1909. Der Bau einer elektrischen Straßenbahn^ von Hanau nach Groß-Auheim soll, wie laut „Hanauer Zeitung" in einer Zusammenkunft von Vertretern der Hanauer Straßenbahngesellschaft und der beteiligten Behörden beschlossen wurde, demnächst in Angriff genommen werden. Zwecks Erlangung der Erlaubnis zur Überschreitung der Eisen- bahn Hanan-Eberbach durch die elektrische Srra- ßenbahn am Eingang von Groß-Auheim soll eine Eingabe an den Eisenbahnminister abgesandt werden. — Wie oer Kreisausfchntz in seinem Verwal- tungsberichte miiieilt, sind die Verhandlungen über den Bau einer Kleinbahn von H a n a u nach Büdingen soweit gediehen, daß die Ausführung des Unternehmens gesichert erscheint.
* Hersfeld, 10. Juli 1909. Ein für unser junges Lullusbad freudiges Ereignis tourbe gestern abend in Anwesenheit zahlreicher Kurgäste würdig begangen. Herr Heinrich Rückershause aus Bochum war der Inhaber der 200 0. K u r- karte geworden.
' Fraukenberg, 10. Juli 1909. Dem landwirtschaftlichen Kreisverein find seitens der Landwirtschaftskammer auch in diesem Jahre 500 Mark zuP ränticn überwiesen worden. Tas Geld erhalisn kleinere Bauern, ivelche ihre Aecker mustergiltig bewirtschaftet haben.
Ausland.
* Graf Kasimir Badrni f. Auf einer Erholungsreise ist in einem kleinen galizischen Orte
suchen Das liberale Regiment würbe unbedingt zu einem neuen Kulturkampf geführt haben und einen solchen Kulturkampf mögen erfreulicher Weise auch die Konservativen nicht.
Es ist gckviß ein tragisches Schicksal für den Fürsten Bülow, daß er über seine eigenen politi- chen Pläne zum Falle gekommen ist, aber das Schicksal war verdient, denn in jahrelanger Arbeit hatte er sich des Zenirums zu seinen Zwecken ür das Wohl des Reiches b ed i e n t und trotzdem und obwohl er verschiedentlich früher dem Zentrum das Zeugnis nationaler Gesinnung ausgestellt hatte, glaubte er ihm einen Fußtritt ver- etzen und es als antiimtional verschreien zu müs- en. Dem letzten Akt der Finanzreform ist Fürst Bülow am Samstag fern geblieben. Er hat die Annahme der Finanzrefonn seitens der Verbündeten Regierungen durch ben Mund des Herrn b. Bethmann-Hollweg erklären lassen, denn seine politische Täligkeit hatte in den letzten Wochen «hin geführt, daß er es mit allen Parteien Der- derben hatte.
Deutsches Reich.
+ General - Oberst Freiherr v. b. Goltz, der General-Inspekteur der 6. Armee-Jnspektion, >egibt sich in diesen Tagen auf 4 Wochen nach der Türkei. Im Anschlüsse an die Herbstübungen folgt dann ein weiterer im November beginnender und bereits bewilligter Urlaub von 4 Wochen nach der Türkei. Von dem Ergebnisse dieser beiden Urlaubsreisen, die ausschließlich militärischen Zwecken gewidmet sein werden, wird es abhängen, ob Exwllenz v. d. Goltz den Posten als General-Instrukteur der ottomanischen Armee endgültig übernehmen wird.
Das Befinden des Fürsten Eulenburg, der sich, wie gemeldet, nach Schloß Liebenberg begeben hat, soll fick wieder gebessert haben, doch dürfte an eine Wiederaufnahme des Eulenburg-Prozesses in absehbarer Zeit nicht zu denken sein. Die Staatsanwaltschaft will dem Fürsten vorerst eine mehrmonatliche vollständige Schonung, die durch keinerlei behördliche Maßnahmen unterbrochen wird, gewähren. Es soll auch fein Einspruch erfolgen, wenn der Fürst dem Rate ferner Aerzte entsprechend einen Kurort aufsucht, selbst dann nicht, wenn sich dieser in Oesterreich befindet. Nach Ablauf einer bestimmten Zeit, voraussichtlich aber nicht vor dem Spätherbst, wird der Gesundheitszustand des Fürsten Eulenburg gerichtsärztlich geprüft werden. Aus Grund dieses Gutachtens wird die Behörde bann ihre weiteren Maßnahmen einrichten. Von einer weiteren polizeilichen Bewachung wird vollständig Abstand genommen werden.
)( Der Streit um die Strasienreiniguug hat bie Oeffentlichkeir in Preußen seit Jahren lebhaft beschäftigt. Rach bem Gesetz oblag den Gemeinden die Straßenreinigung. Durch Ortsstatut konnte sie nicht auf die Anlieger abgewälzt werden. Das war wenigstens die Auffassung des Oberverwaltungsgerichts. Das Kammergericht aber toar der Ansicht, daß das doch möglich sei, und so wurden Leute von den ordentlichen Ge- richren bestraft in derselben Sack-e, in der sie beim höchsten Bektvaltungsgerichte gesiegt hatten. Jetzt soll die Sache gesetzlich gevögelt lverden, und zwar, wie verlauter, int Sinne der Gemeinden, gegen die Hausbesitzer. _____________________
+ Die Reichsfiuanzresorm verabschiedet.
„Endlich nach so vielen Mühen ist das schwere :$8crf gediehen". Die R eich s fr n a n z r eso r m ist am Samstag im Reichstag m drfiter Lesung angenommen worden. ^^Erablchiödunz erfolgte sang- und klanglos. Weder die Mitglieder der Mehrheitsparteien, noch der Minderheit Ite- ßen dme Kundgebung laut werden.
Mit bem Zustandekommen der Reichsstnanz- reform ist, was von keiner Seite bestellten werden kann und was die Regierung noch am Samstag durch den Mund des Stellvertreters des Retchs- kanzlers ausdrücklich erklären ließ, ein großes nationales Werk geschaffen worden, und z6a§ Verdienst, dieses Werk zustande gebracht zu haben, gebührt mit den Konservativen dem Zentrum. Die Blockmehrhekt hat sich als unfähig erwiesen, diese nationale Aufgabe zu erfüllen, obwohl sie unter dem billigen Geschrei von Hurra- Patriotsn seinerzeit als die Trägerin der nationalen Aufaaben gefeiert worden war. , ' Das Werk der Reform hat z iv e i I a h r e in Anspruch genommen. Während Fürst Bülow im vorigen Jahre bem Drängen der Liberalen nach einer Verschiebung der Finanzreform auf das kommende Jahr nachgab, um eine Spren- g u n g des Blocks zu vechijndckrn, ist diese Sprengung in diesem Jahre bei Beratung der Vorlage selbst unvermeidlich geworden und mti dem Zerfall des Blocks war auch der R ü ck t r i tt b e s Für st e n Bülow von seinem Posten gegeben.
Fürst Bülow wird jetzt selbst zu der Auffassung gelangt sein, daß sein Blockgedanke ein takti- jcher Fehler war, und daß die Ignorierung der gegebenen machtvollen politischen Verhältnisse, wie er sie seit Antritt seines Amtes bis zur Begründung des Blockes vorfand, sich rächen mußte. ££)amit hat die Politik des Fürsten Bülow ein schweres Fiasko erlitten. Die Ausschaltung des Zentrums ivar ein politischer Fehler, und über diesen Fehler ist der Reichskanzler gestolpert.
Hoffentlich wird der künftige Staatsmann daraus feine Lehren ziehen. Das Zentrum steht ihm, wer es auch sei, unbefangen gegenüber. Es kann der kommenden Entwickelung ruhig entgegensehen. Richt hat sich bas Zentrum bei der Finanzreform den Konservativen und der Regierung aufgedrängt, sondern es ist zur Mitarbeit an der Reform herangezogen worden, nachdem der Liberalismus vertagte und aus Verärgerung darüber jedes weitere Mitarbeiten an dem Finanzwerke abgelehnt hat.
Auch die Konservativen werden aus diesen beiden Jahren gelernt haben, und es verdient alleAn- erfenmt'ng, daß der Abg. v. Heydesbrand von den Konservativen am samstag im Reichstag erklärt hat, daß das, was Fürst Bülow von den Konservativen bei der Finanzreform verlangt habe, zum reinenGouvernmentalismus führen müsse und daß die Konservativen dieses ablehnen mußten. Aber was Fürst Bülow gewollt hat, war noch mehr als das gouvernementale Regime. Der letzte Grund zu der Auslösung des Reichstags war nicht die Kritik, die vom Zentrum an kolonialen Mißständen geübt wurde, sondern es war die Absicht des Fürsten Bülow, ein liberales Regime zu begründen. Die Liberalen toaren nicht stark genug, aus eigener Kraft zu einem liberalen Regiment sich entporzuschwingen, und daher sollte dieses Regiment auf dem Umwegs über den Block etabliert werden. Das war für bie Konservativen mit maßgebend, Anschluß an das Zentrum zu
* Kassel, 10. Juli 1909. Der Lokomotivführer Sturichavdt aus Kasiel stürzte unweit Kreiensen von der Lokomotive und wurde totgefahren. — Der Ccharakter als Oeko n omi era t ist dem Mitgliede der Lanftwii/sichaftskfimmer für dien Regierungsbezirk Kassel, Gutsbesitzer Ernst Staudinger in Bietmünden, Kreis Ftankenberg, verliehen worden. „ , „ .
* Göttingen, 10.Just 1909.Tue erste länd- liche Tuberkulosefürsorgestelle ist gestern in einer Konferenz von Aerzlen und Geistlichen für ben Landkreis Göttingen ins Leben gerufen worden. Die Fürsorgestelle, deren örtliche 23er- waltung die Geistlichen des Landkreises übernommen haben, hat sich insofern als eine Notwendigkeit herausgestellt, als in einzelnen Ortschaften des Kreises die Tuberkulose sehr verbreitet ist. Die Mittel für die neugeschaffene Jnstitulion sind von der Landesversicherungsanstalt und dem Kreisansschuß zur Verfügung gestellt worden.
♦ Wiesbaden, 7. Juli 1909. Ein lustiger Vorfall ereignete sich an einem deck letzten Abende in der Refidenztheater-Garderobe. Eine Theaterbesucherin totre der Garderobfrau außer ihrer Schulterhülle auch ihren Hut zur Aufbüvah- rung übergeben, aber in der Eile versäumt, beim Abnehmen der modisch-umfangreichen Kopfbedeckung ihres kunstreichen Lockenbaues sorglich zu geinten; so geschah denn das Uirgehauefiliche, daß das Locken-Haar im Hut haften blieb und die ahnungslos Skalpierte wohlgemut den Zuschauerraum betrat. Ob sie dort durch die ungewohnt frische Brise, die plötzlich ihr Haupt umspielte, selbst ihres Verlustes inne wurde ober von einer mitfühlenden Nachbarin darauf aufmerksam gemacht wurde, darüber war nichts zu erfahren. Sicher ist nur, daß im zweiten Akte der Schaden repariert erschien und die „Enthauptete" im vollen Schmuck ihrer Lockentour dasaß.— Die Feuerwehr hat sich, um dem Unfug der böswilligen Alarmierungen zu steuern, einen giM abgerichteteu Spürhund angeschafft. Er begleitet die Feuerwehr-Radfahrer^ nach der Melde- ' stelle, um gegebenenfalls die Spur des Täters aufzunehmen.
* Aus Nassau, 9. Juli 1909. Vor etwa zehn Tagen wurde der Buchbindermeister Oppermann aus Hahnstätten im Oberlahnkreis von fempr Familie als vermißt angemeldet. O. war seit einer Reise, die er geschästshalbor nach Mainz unternommen hatte, verfchwuichen. Gestern wurde nun seine Leiche bei Budenheim aus dem Rheinstrom gezogen. Es liegen Anzeichen dafür vor, daß O. das Opfer eines Verbrechens geworden ist. — Im Abort eines Abteils 2. Klasse verübte heute früh im Westertvaldzuge Limburg— Altenkirchen nahe der Station Hachenburg ein Herr ans Hachenburg Selbstmord durch Oeffming der Pulsadern.
1 Ohrdruf (Thür.), 10. Juli 1909. Der Kaiserpreis vom 11. Armeekorps ist bei dem im Gelände des Ohrdrufer Truppenübungsplatzes abgehaltenen Kafterpreisschießen, wÄchern der kommandierende General des 11. Armeekorps, der Divisions- und Brigadekomman- dcur, sowie verschiedene anoere höhere Militärs beiwohnten, die 9. Kompagnie vom Jnfairterie- Regiment Nr. 96 in Rudolstadt für dieses Jahr zugefallen.
Handel und Industrie.
A. Berlin, 10. Juli 1909. Die schlechte Industrie« läge dürste zu der heutigen schwachen Haltung der Börse am meisten beigetragen haben. Am Banken« markt waren die leitenden Aktien zumeist niedriger. — An der Produktenbörse dagegen zeigte sich eine feste Tendenz. Weizen für Juli 258—259,25. Roggen für Juli 192.
Bernhard von der Siche.
Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach 26] (Nachdruck verboten.)
Bernhard stand in einer bet tiefen Fensternischen; sein Auge übersah die angeregte Gesellschaft. Ines plauderte mit einigen jungen Mädchen. Fräulein Elfriede Müller war auch dabei Und zwei Leutnants aus der Diedrnhofer Garnison lachten und scherzten animiert mit ihnen. Die filteren Mitglieder tot Gesellschaft saßen öfter standen in Gruppen zusammen.
Im Erker des Salons stand eins hohe, weiße ,Gestatt und vor ihr ein Herr; es waren Irmgard Gerard und Graf Artur Frauenfeld. In seiner -Haltung lag etwas Werbendes, in der ihren die ganze jungfräuliche Herbheit, die ihrem Wesen — obgleich sie zwei Jahre die Gattin des alten Mannes gewesen — zu eigen geblieben war.
Und tuieber mußte Eiche zu b$n Bilde desjenigen Hinschauen, der mit seinem verschlagenen Fuchsgesicht auf bie Gäste Mon Repos herabzu- 'lächeln fchien, als wollte er sagen: „Was selb Hhr alle für arme Schlucker gegen meine Frau, fier ich meinen fürstlichen Reichtum hinterließ!"
„Wo habe ich dieses Gesicht doch schon früher gesehen," dachte Eiche, so wie am Vormittag und er grübelte vergeblich nach. Von dem Fenster, fin welchen der Hochofenchef stand, konnte man die Feuer von Deutsch-Oth und Villernpt sehen. Jetzt -fuhr der Wagen mit der rot glühenden Schlacke in Roßliugen über bie Schienen; am Ende des langen Berges lohte es feurig auf. Dort stützten fiie Arbeiter die Behälter mit der flüssigen Masse aus; in breitem Strom floß sie hinab, ben Nacht» Himmel mit feuriger Glut färbend. Und der junge Hochofenchef blickte hinüber nach feinem Troßen, vera niwo rtungsreichen Arbeitsfelds. Was Dht er hier im Frack mti den feinen Lackschuhen, W.r sehnt sich plötzlich dorthin, Iöo er eben jetzt Vielleicht nötig ist; es war ihm, als riefe das Kochofenwerk nach seinem Meister. Er reckte
sich höher, ja, er ist dort an feinem Platz, dort kann er rastlos bis zur Ermüdung arbeiten, arbeiten, um nicht zu denken.
Ein leises Rauscheu ertönte neben ihm. Et war nicht mehr allein, jemand war in die Fensternische getreten — Irmgard. Die Sammet- Portiere fiel hinftr ihr zu; sie waren wie abgeschloffen von ben übrigen.
„Was willst Du hier? Kannst Tu mich nicht allein lassen?" dachte Eiche trotzig.
Sie schien mit sich zu kämpfen; sie atmete schneller. Endlich sagte sie, als wünschte sie, es hinter sich zu haben: „Ich glaube, ich war bei Tisch unfreundlich gegen Sie, Herr Baron, ich hätte nicht vergessen sollen. Saß -sie mein Gast waren."
Ihre Hand; krampften sich ineinander und sie sah sehr bleich aus.
„O bitte, gnädige Frau," oirfe&re Eiche ruhig, „ich erwartete wirklich nicht von Ihnen, er be- tortie das Wort, „ich erwartete nicht, das; Sie mich, den armen Hochofenchef von Rößsingen, daran erinnern, daß eine so hoch über ihm stehende Dame sich eine gesellschaftliche Blöße gegeben hat." Schärfer, als er beabsichtigte, fielen die Worte aus.
Sie zuckte die stolzen Schultern.
„Es ist gut, daß Sie mich cm meine Pflicht als Wirtin erinnern," verletzte sie kühl.
Sie wollte ihn verlosten, da hielt ein habb unterdrückter Ausruf Eiches Irmgard zurück. Auf dem Werk mußte etwas geschehen sein. Blutig rot flammte es auf und stieg in feuriger Lohe em- pvr. Ein dumpfes Krachen tönte bis zu dem im Glanz zahlloser bunter Lampen strahlenden Mon Repos. In demselben Augenblick klingelte das Telephon im Nebenzimmer. Ohne em Wort der EnitschilVsiMNg eilte der Hochofenchef hin und horchte gespannt.
„Steffel geplatzt, sofort kommen."
Ines stand neben dem Bvudec.
„Nimm mich mit, Hardy," sagte sie. Dann sich an Irmgard wendend, erklärte sie ihr mit
kurzen Worten, daß sie und ihr Bruder nötig eien. Das Hochosenwerk rief feinen Chef und eine Schwester wußte, daß dort Menschen waren, denen sie helfend beifpringen konnte. Der ganze Vorgang hatte sich fo fchnell abgefpieli, daß et von der lachenden und plaudernden Gesellschaft nicht bemerkt worden war.
Als Bernhard mit Ines verschwand, folgte ihnen Frau Gerard. „Ich begleite Sie!" sagte sie entschlossen, einen dunklen Mantel überwerfend.
„Aber Kusine, das ift eine Torheit!" rief Graf Frauenfeld, der ihr nachgekommen war.
Er wollte sie zurückhalten, aber sic schüttelte ihn wie ein lässiges Hindernis ab. „Latz mich, Artur, Du kannst ja bleiben!" rief sie heftig.
Bernhard war nach dem Stall gelaufen, aber Irmgard war auch da. Sie befahl ihrem Kutscher, die Rappen anzuspannen. Zum Glück standen sie ongeschirrt oa, um die Gäste von Mon Repos iMmzubringen. Nun flog ihr flüchtiger Huf einen anderen Weg, es ging in rasender Eile zum Hochosenwerk. Die Vier, die im Landauer satzen, denn Frauenfeld war mit eingestiegen, sprachen kein Wort auf der seltsamen Fahrt. Der scharfe Blick des Hochofenchefs flog zum Felde feiner Tätigkeit hinüber. Er dachte jetzt nur noch an den Schaden, den das Werk erlitt, und er machte sich Vorwurfe, °s gerade heute verlassen zu haben. Als der Wagen hielt, sprang Eiche mit einem Satz hinaus und stürzte die steile Treppe hinauf. Die anderen folgten ihm. Der erste Werkmeister berichtete in fliegender Hast, was geschehen war. Da ertönte die laute Stimme Bernhards; kurz und klar Hangen seine Befehle. Er stand etwas erhöht, sodaß t alles übersehen konnte. „Wie der Feldherr in vor Schlacht," dachte Irmgard. Und bie schlanke Männergestalt schien zu wachsen unter der Verantwortung, bie auf ihr lastete. Der Keffel, der heute gereinigt wurde, war frisch gefüllt worden. Eine kl.ine Unachtsamkeit hatte das Unglück Herberge- rufen. Die rotglühende Maffe des frischen Erzes hatte bie Wände gesprengt und sich blitzschnell über eine weite Fläche ergossen. Es hatte bie zu
nächst stehenden Arbeiter erreicht. Zwei von ihnen ind tot und mehrere haben Brandwunden erlitten. Ines kniete in ihrem Hellen Kleide neben einem Italiener, der die Besinnung verloren hatte. Sein Gesicht war arg verbrannt und das H-md, mit dem sein Oberkörper beklöibet war, hing in Fetzen herab. Am rechten Arm befand sich eine große Brandwunde. Frau Gerard und der Graf waren näher getreten. Schaudernd beobachteten sie wie das j-umge Mädchen den ersten Verband anlegie, wie sie den öunkleu Kops des Burschen auf ihren Schoß betete. Es ist auf, jedem Werk Verbandzeug und Pikrinsalbe vorrätig, das beste Mittel bei ben Unglücksfällen, die Ldibet? nur allzuoft auf den Hochöfen und Hütten Vorkommen. Wie schnell und geschickt der Zögling des Stettiner Krankenhauses alles verrichtete, wie bie kleinen Hände mutig Eingriffen, Schmerzen linderten und wohltuend wirkten. Und auch dar Bruder stand als ganzer Mann an feinem Platz. Ihm gehorchte die zuerst wild durcheinander lau- feuoe Arbeiterfchar. Wo es not tat, griff Eiche felbst mit an, er hatte ja Kraft und Mark in ben Armen. Er fühlte sich Herr der gefährlichen Lage. Es s-oh feltfam genug aus, tot- er mitten Unter den berußten Arbeitern in ihren grobem, vertragenen Anzügen im seinen Gesellschastskleide mit anpackte, und sich nicht schonte, nur von bem treibenden Gedanken erfüllt, seine Pflicht als Chef, noch mehr als Mensch zu tun."
Nun war bie Gasahr beseitigt. Das glühende Erz war ertastet, es gefährdete nichts mehr. Die Kranken stöhnten. Eiche trat auf sie zu und sprach zu ihnen, fo sanft unb freundlich, wie Jvm- gavd es nie für möglich gehalten hätte. Er selbft achtete der Brandwunden nicht, bie er davongetragen. Haar und Bari waren verfengt, fern Anzug von Wasser und Feuer verdorben. Auf Twg- bahren brachte man die Verunglückten rns Hospital. Ines bettete sie sorglich, Graf Frauenfeld nüigte sich bewundernd über sie. ...
| „Wie können Sie das? Sie, so zart Miriö jung, es ist mehr, als mancher Mann vermag." (F- f-)