Maer W Zeitung
Fulda, Samstag den 10. Juli 1909
36. Jahrgang
M 154
Monatrbeüage: „zuldaer Geschichts-Mer"
Anzrigen: Vie ein. spalligepetit;elle»ter deren Raum 15 pfg. Reklame« diepetttzrlle 25 pfg., bet wieder. Holungen wird entspr. Rabatt gewährt.
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verantw. Redattenrr «ar» ZchStte:
Z parzeller ht Fulda. WocheNdeilÜKk! Illustrierte Zomtagrzeitung"
Erstes Wtatt.
Die heutige Ausgabe umfaßt 16 Seite«
Abg. Dr. Frank-Mannheim (S.) spricht sich sehr abfällig über den Antrag Giesberts aus und befürwortet den sozialdemokratrschen Antrag.
Abg. Dr. Potthoff (fress. Vgg.) schließt sich den Ausführungen des Vorredners an.
Abg. GieSbertS (Ztr.): Daß die christlichen Tabak- arbeiter von der Tabaksteuer nicht erbaut sind, ist begreiflich, aber ich bin fest überzeugt, sie werden die Einsicht haben, daß die Tabaksteuer eine unabweisbare Notwendigkeit ist. ES ist natürlich leichter, hier mit großartigen Redensarten das Zustandekommen der Vorlage Hintertreiben zu suchen. (Lärmen bei den Soz.) Daß unter den Begriff Arbeiter selbstverständlich auch die Angestellten wie die Zwischenarbeiter usw. fallen sollen, brauche ich nicht erst ausdrücklich hervorzuheben.
Nachdem noch die Abgg. Dr. Strosemann (natl? und Frank (Soz.) sich gegen den Antrag Giesberts ausgesprochen, und Ministerialdirektor Kühn erklärt hat, daß die auf Grund dieses Gesetzes gemachten Zuwendungen nicht den Armenunterstützungen aus öffentlichen Mitteln gleichzustellen seien, schließt die Diskussion.
Es wird abaestimmt. Angenommen wird ein Antrag Dr. Jäger-Speyer fZtr.) mit einer Milderungs- bestimmuug für Tabakabfalle zu Gunsten des süddeutschen Tabaks. In namentlicher Abstimmung werden ein nationalliberaler und rin sozialdemokratischer Abänderungsantrag zum Anträge Giesberts abgelehnt. Ein Sozialdemokrat ruft: „Pfui!" und wird darauf zur Ordnung gerufen. Dann wird der Antrag Giesberts gegen die Linke angenommen.
In der Gesamtabstimmuug wird daS Tabakstruer- gesetz mtt 197 gegen 165 Stimmen bei 6 Enthaltungen angenommen.
Das Tabaksteuergesetz tritt bezüglich der Aende' rung des Zigarettensteuergesehes von 1906 am 1. Sept.- im übrigen am 15. August d. I. in Kraft.
Hierauf tritt das Haus in die dritte Lesung der Branntweinsteuer ein.
Abg. Südekum (Soz.) spricht sich gegen das Gesetz aus und tadelt, daß die Erwerbsgesellschaften durch hohe Gehälter einflußreiche Staatsbeamte für sich gewinnen, und dast der Abg. Kreth, obwohl er al? Direktor der Spirituszentrale angestellt sei. noch in der zweiten Lesung für dieses Gesetz gestimmt habe.
Finanzminister Frhr. v. Nheinbaben weist die vom Vorredner gegen Beamte erhobene Beschuldigung der Korrupplion mit Entschiedenheit zurück.
Abg. Kreth (kons.) bestätigt, daß er allerdings vom 1. Oktober ab in die Verwaltung der Spiriluszentrale eintrete, daß er aber nicht das geringste Interesse daran habe, wie dieses Gesetz gestaltet werde.
Nach weiterer unerheblicher Debatte schließt die Diskussion. Die einzelnen Paragraphen werden mit einigen vom Abg. Nebbel (kons.) beantragten Aende- rungen angenommen.
Als Schlußparagraphen beantragen sowohl die Sozialdemokraten als di« bürgerliche Linke die Verwendung eines Teils, des Aufkommens aus diesem Gesetze zur Trnnksuchtsbekämpfung; dieSozial- demokraten 10 Proz., die bürgerliche Linke 1 Prozent.
Abg. Dr. Südekum (Soz.): Aus den Einnahmen der Getreidezölle ist ein Teil für die Witwen und Waisen, aus dem Totalisatorgesetz für die Förderung der Pferdezucht ausgeworfen, an dem einen Prozent können die verbündeten Regierungen das Gesetz nicht scheitern kaffen; sie bringen einfach den moralischen Mut für ein „Unannehmbar^ nicht auf. (Sehr richtig! links.)
Abg. Raab twirtsch. Vgg.): Sympathisieren tun wir durchaus mit dem Grundgedanken. (Heiterkeit lks.) Wir können uns vielleicht verständigen, wenn Sie Ihren Antrag dahin abändern, daß der lOOfte Teil dessen zur Bekämpfung der Trunksucht verwendet wird, was Sie (nach links) überhaupt an Steuern bewilligen. (Gr. Heiterkeit.)
Der sozialdemokratische 10 Prozent-Antrag wird abgelehnt, und in namentlicher Abstimmung auch der einprozentige Abfltnenzantrag mit 207 gegen 151 Stimmen.
Das ganze Gesetz wird mit 229 gegen 137 Stimmen bei 2 Enthaltungen angenommen.
Samstag: Dritte Beratung des Reichsstempel, gesetzes und des Finanzgesetzes.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 9. Juli 1909.
Präsident Graf Stolberg teilt mit, daß Graf Zeppelin beabsichtige, den Reichstag für Anfang September zu einem Ausflug nach Friedrichshafen em- zuladen.
Auf der Tagesordnung steht die
dritte Lesung der Reichsfinanzreform, die mit dem Brausteuergesetz begonnen wird.
Abg. Zubeil (Soz.) spricht unter allgemeiner Unaufmerksamkeit des Hauses- Der unersättliche Moloch wird gefüttert. Unzählige Existenzen bleiben auf der Strecke. Bierstener, Tabaksteuer, Automatensteuer, Lichtsteuer, wo es doch immer heller werden muß. Konzessionssteuer, Polizeikontrolle!--Bei solchem
Skandal kann man nicht reden — Zubeil wartet (schweigend, bis der Präsident für einige Zeit etwas Ruhe schafft. Nach einiger Zeit unterbricht
Präsident Graf Stolberg mit seiner Glocke wieder die Unruhe: Wenn ich recht gehört habe, hat der .Redner den Ausdruck „Schnapsblock' gebraucht. Der Ausdruck ist nicht parlamentarisch.
Abg. Zubeil (S.) spricht noch eine Zeitlang weiter und schließt: Bei Ihnen, meine Herren, ist doch jedes Wort zum Schornstein hinausgesprochen.
Abg. Speck (Ztr.) spricht die Hoffnung aus, daß die Verbündeten Regierungen der Vorlage ihre Zustimmung geben werden, nachdem er und seine bayerischen Freude im Interesse des Zustandekommens des großen Reformwerkes ihre schweren Bedenken zurückgestellt hätten.
Die Diskussion schließt. § 1 wird angenommen, ebenso die §§ 2-5. § 6 wird mit einem Kompromißantrag Zehnter (Ztr.) und v. Gamp (Rp.) und Gen. jtn namentlicher Abstimmung mit 218 gegen 131 Stimmen bei 6 Stimmenthaltungen angenommen, wonach izum Schutze bereits bestehender Brauereien für neu : erstehende Brauereien die Steuersätze für die Zeit bis izum 31. März 1915 um 50 Proz. und für die Zeit -vom 1. April 1915 bis zum 1. März 1918 um 25 Proz. 'erhöht werden.
Eine Reihe weiterer Paragraphen wird debattelos > unverändert angenommen. Bet Artikel 4 wird ein so- Izialdemokratischer Antrag auf Unterstützung arbeitslos ^werdender Arbeiter in namentlicher Abstimmung mit 1215 gegen 148 Stimmen abgelehnt. (Pfuirufe links.) (Präsident Graf Stolberg ruft den Abgeordneten, der Pfui gerufen hat, zur Ordnung.) Artikel 7 wird «ach unwesentlicher Debatte angenommen, ebenso der Nest des- Gesetzes.
In der Gesamtabstimmung wird hierauf das ganze Gesetz mit 204 gegen 160 Stimmen angenommen. ■
Es folgt die Tabaksteuer.
Abg. Molkenbuhr (S.) spricht sich gegen die Vor- rge aus, da sie direkt arbeiterfeindlich sei.
Abg. Giesberts (Ztr): Wir haben unseren bereits (in zweiter Lesung angenommenen Antrag auf Unterstützung geschädigter Arbeiter in neuer Fassung eingebracht. Materiell unterscheidet er sich von jenem Antrag dadurch, daß ein Gesamtbetrag von 4 Millionen für diese Zwecke bereit gestellt werden sim. Wir glauben, daß dieser Betrag vorläufig ausreichen wird; sollte es nicht der Fall sein, so behalten wir un§ vor, weitere Mittel zu fordern. Im weiteren bespricht Redner eine Petition des Verbandes der chttstlichen Tabak- und Zigarrenarbttter Deutschlands zur Frage der Entschädigung, deren Wünsche durch den Antrag zum allergrößten Teile berücksichtigt worden seien. Bedenken habe er nur gegen die Forderung, daß die Unterstützung auch auf das zweite Jahr ausgedehnt werden soll. Sehr viel werde bei der Lösung der Arbeiterfrage von dem guten Willen und der kräftigen Initiative der Behörden abhängen und deshalb wünsche er, daß diese das Gesetz nicht nur formal, sondern seinen Absichten und Tendenzen entsprechend auSführen. (Lebhafter Beifall.) ..
Direktor im Reichsschatzamt Kühn spricht die Zu- stiminung der Regierung zu dem Antrag Giesberts aus; allerdings nur unter der Voraussetzung, daß aus chen eigenartig gelagerten Verhältnissen des Tabakge- ;tt>etbe8 nicht Konsequenzen für andere Gewerbe gezogen würden.
öernhard von der Eiche.
Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach 65] (Nachdruck verboten.)
f Frau Gerard stand mitten im Kreise ihrer Gäste, die aus Diadenhofen, Luxemburg, Rotz- Im gen und Umgegend herbeigeeilt waren. Wie seine Königin sah sie aus in ihrer schlanken Anmut. in dem schlichron, weitzen Kleide. Es sprach für ihren feinen Takt, daß sie als Wirtin so einfach gekleidet »wir. Der einzige Schmuck, den Irmgard trug, waren zwei herrliche Rosen, eine fdunkelrote und eine gelbliche; Bernhard ecjin- merte sich, daß sie seinen Strauß in dieser Fariben- -'Ausamm enstelluiig bewundert hatte. Ob die duf- Mgen Blüten seiner Spende entnommen toaren? --Wohl nur, weil es so schöne Exemplare waren, (das sagte er sich. An dem vierten Finger der nveißen Rechten Frau Gerards glänzte der gol- chene Trauring des alten Mannes, dessen Weid jie geworden war. „Ilm 'des Geldes willen," «achre Bernhard fast zornig, „deshalb har sie ihm sthre Jugend verlauft." Ein Gefühl der Mißachtung wollte über ihn kommen. Da hing das ^kdelbild des Mannes, der die Millionen znsam- xmenigescharrt hatte, dessen FuchSgesicht malitiös Ku lächeln schien, als ob es sagen wollte: „Ich Dabe Dich noch über), Grab hinaus gebunden, -Irmgard, entsage dem Luxus, der Dich umgibt, ^verzichte auf den Reichtum, an den ich Dich ge- ttvöhnt habe, um der Liebe willen, die einmal doch Aber Dich kommen muß, und die Du bisher nicht (kanntest."
A...?^ben Frau Gerard stand ein Fremder, ein (hübscher, blonder Herr, der noch sehr jung uiti> Aabenhaft aussah. Als der Hochofenchef sich ihr -Äa bette,» stellte die junge Frau ihn vor.
fv "c in Graf Frauenfeld, — Baron
HWn der Eiche.
£ Sie sich die Hand und wechselten
Qstnige höfliche Redensarten. Irmgard ist zurück-
getreten und einen Moment ruhte ihr dunkles Auge auf den beiden, auf der kraftvollen, männlichen Gestaü, und dem energischen Gesicht- des Hochofenchefs, wie auf dem hübschen, jugendlichen Aeußerttn des kaum drerundzwanzigjährigen 53er- wandten. „Wie verschieden sie sind," dachte sie; dann widmete sie sich den älteren Mitgliedern der Gesellschaft. Aus Diebenhofen tvaren einige Offiziere mir ihrten Damen herüberg-ekÄmmen. Ines kannte mehrere von ihnen, da sie mit dem Bruder in der Garnison gewesen war. Ein schmucker Leutnant machte dem jungen, hübschen Mädchen den Hof; in ihrer harmlosen Art setzte und lachte Ines mit ihm. Sie blickte auf, als Graf Frauenfeld sich ihr näherte und ihr den Arm bat. Eben hatte der Diener die Tür zum Speise- saal geöffnet und die Herrschaften zu Tische gebeten.
»Ich, — ich glaubte, Sie — Sie würden Frau Gerald führen," platzte Jnetz etwas erschreckt heraaS.
Er versuchte zu lächeln, es sah aber nicht heiter aus. „Wir Sie sehen, geht sie mit einem andern Herrn zu Tisch." Eüvas wie schlecht verwundener Aerger klang hindurch.
Ines sah zwei hohe Gestalten Arm in Arm an sich vorübergehen, ihren Bruder und Irmgard. Da sagte sie in ihrer Natürlichkeit: „Es tut mir so leid, daß Sie nicht Ihre Kusine führen, Herr Graf; ich bin din schlechter Ersatz für sie."
„So bewundern Sie Irmgard?" fragte Frau- enfeld lebhaft.
„Nicht das allein, ich habe sie sehr, sehr lieb!" rief JneS impulsiv mit der Wärme ihres Herzens.
Er sah zum ersten Male genau auf das junge Wesen an sejinep Seite. „Sie ist allerliebst," dachte der Graf, „eigentlich müßte ich mit meiner Tischdame zufrieden sllin — da es nicht Irmgard ist," fügte er mit einem leisen Seufzer hinzu.
Das elektrische Licht strahlte von der reich mit Stuck verzierten Decke aus roten und goldgelben
+ Die Reichsfinanzreform.
Das große Merck sst bereits so gut wie boHen1 Lei. Denn daß die Reform in der heute zu beendenden dritten Lesung noch scheitern könnte, ist vollkommen ausgeschlossen. Und wem ist es zu danken, daß endlich die schwere Sorge vom deutschen Volke genommen ist? Nicht dem „nationalen" Block! Der hat monatelang da gestandem und den Mund gespitzt, aber als er pfeifen sollte, da konnte er Nicht. Wenn eine Partei sich des Werkes rühmen darf, dann ist es das Zentrum. Es darf für sich in Anspruch nehmen, daß es nicht zum geringsten Teil ihm zu danken ist, wenn in verhältnismäßig kurzer Zeit die erforderlichen Mittel dem Reich zur Verfügung gestellt werden können.
Selbstverständlich wollen und können wir Nicht bestreiten, daß auch die übrigen Parteien der neuen Mehrheit rMich das Ihrige getan haben, um das Reformwerk zu fördern. Aber ohne die Mitarbeit dieser Parteien irgendwie zu unter- schätzen, glauben wir mit gutem Gewissen behaupten zu dürfen, daß die Finanzreform schwerlich schon so tont vorgeschritten wäre ohne die Mitarbeit des Zentrums, desselben Zentrums, dem mau'den Vorwurf antjinatiottalär Gest n n u n g mache« zu dürfen und dessen Hilfe die Linke Mt solcher Selbstüberhebung zurückoei- s«n zu können glaubte.
Wir wollen hier nicht näher untersuchen, torr den Vorwurf antinationaler Gesinnung rnchr verdient: das Zentrum, das trotz der Wversten Beleidigungen und Verdächtigungen seine Dienste dem Vaterland nicht entzogen hat, oder den Na- tionalliberalen und Freisinnigen, die einfach jede Mitarbeit einstellten, weil nicht alles nach ihren Wünschen ging. Wir glauben das Urteil, wer an- Irinbtiomlet Gssinnjung gediehen werd ein darf, ruhig unseren Lesern überlassen zu können.
Was aber wäre geschehen, wenn den Liberalen ihr Wille geworden wäre? Der ganze Gang der Verhandlungen über die Finanzreform zur Zeit der Blockära beweist besser als Worte es vermögen die ganze Unfähigkeit des Libera- l i sm u s, praktische Arbeit zu leisten. Es ist gewiß keine angenehme Aufgabe, Steuern zu bewilligen, die selbstverständlich von den davon betroffenen Kreisen unangenehm empfunden werden. Aber das ist es ja gerade, warum der Liberalismus sich von jeher als unfähig erwiesen hat, wenn es galt, dein Reich die absolut notwein- digen Mittel zu beschaffen. Das war es auch jetzt wieder: der Liberalüsmnd wollte die iwtwendi- gen indirekten Steuern nicht bewilligen, obwohl seitens der rechten Blockhälfte Entgegenkommen mehr als nötig bezeigt wurde. Wäre es nach den Wünschen der Liberalen gegangen, so wäre die Finanzreform auch nicht um einen Schritt näher gekommen, und die Beamten hätten sich noch länger in Geduld üben müssen.
Die Liberalen belieben es freilich so hinzu» stellen, als ob die neuen Steuern eine unerträgliche Belastung des Volkes seien. Selbstverständlich sind neue Steuern niemals ganz frei von jeder Belästigung, das gilt auch von fiten jetzigen neuen Steuern, das kann nicht bestritten werden, aber, unerträglich sind sie keineswegs. Das ist nur ein Schlagwort des mit der Sozialdemokratie verbündeten Liberalismus, mit dem die Wählermassen eingefangen werden sollen. Dir Liberalen sind ja schon jetzt eifrig an der Arbeit, um den Wählern rühmend hervorzuhabem, daß sie „solchen" Steuern nitfc zu gestimmt haben. Es ist da für sie aber recht unangenehm, daß sogar dieBörsenleute mit den neuen Besitzsteuern so ziemlich cinverstairden sind.
Obwohl auch die Liberalen recht gut wissen, daß eine gründliche Reform not tut, um die Fi
nanzen des Reiches auf eine gesunde Basis zu stellen, 'laben sie sich aus Parteiinteressen geweigert, bart „Kaiser zu geben, was des Kaisers ist". Darüber wird auch die fürchterlichste Entrüstung der Liberalen über die „Schandtaten" des „schwarzen Blocks" nicht hinwegläuschan.
Deutscher Reich.
(*) Die Nordlandreise des Kaisers gilt für dieses Jahr so gut wir aufgegeben. Berliner BlLttermeldungen zufolge gedenkt der Kaiser in den heimischen Gewässern zu bleiben, bis der Rücktritt des Fürsten Bülow und die Ernennung seines Nachfolgers vollzogen ist. Das dürste keinesfalls früher als am 17. Juli der Fall sein. Zu einer Fahrt in die norwegischen Gewässer ist es alsdann aber etwas spät geworden, sodaß der Monarch sich höchstwahrscheinlich darauf be» schränken wird, noch einige Zeit auf der Ostsee zu verbleiben.
(*) Der Reichstag wird Dienstag abend bestimmt seine Arbeiten beenben.
* Die Wahl des neuen Reichskanzlers ist, wenn man der,Postt glauben soll, bereits erfolgt, doch wird die Ernennung vor der Vertagung des Reichstages au8 erklärlichen Gründen nicht bekannt gegeben. Staatssekretär v. Tirpitz ist, wie das Blatt erfahren haben will, nicht als Nachfolger des Fürsten Bülow ausersehen.
(*) Kundgebung der konservativen Fraktionen? Die konservative Fraktion des Reichstages soll, einer Berliner Korrespondenz zufolge, gemeinsam mit dem preußischen Abgeordnetenhaus beabsichtigen, unmittelbar nach Erledigung der Reichsfinanzreform eine Kundgebung großen Stils an ihre Wähler zu richten. In konservativen Blättern findet diese Nachricht einstweilen keine Bestätigung. Der früher so blockbegeisterte „Reichsbote" meint dazu:
Wir selbst sind über diese Abficht noch nicht informiert; sollte sie bestehen, so wird der Eindruck einer solchen Kundgebung, die ihre zeitgemäße Berechtigung halte, um so allgemeiner sein, je rückhaltloser und abgeklärter zugleich alle politischen Motive und Faktoren dargelegt werden, die bei den Entschlüssen der Partei- leitung mitgewirtt haben. Die Sprache der Wahrheit und des Vertrauens findet noch immer den besten Boden.
)( Bülow bleibt den Liberalen wenigstens beim Abschiede treu. Es heißt, er werde nicht mehr im Reichstage sich sehen lassen und die Vertretung des Steuerkompromiffes seinem Stellvertreter Dr. v. Bethmann-Hollweg überlassen. Die freisinnige Presse jubelt, daß er sich „nicht mehr unter das klerikale Joch beugen wolle". Ob Bülow erscheinen will oder nicht, das muß' er selber wissen. Uns kanns kalt lassen, wenn er sich bereits für so überflüssig und politisch tot hält, daß er nicht mehr kommt.
* Weitere Rücktritte? Unter diesem Stichwort schreibt die .Deutsche Tageszeitung^: „In der Presse wird vielfach die Behauptung ausgestellt, daß nach dem Fürsten Bülow auch der eine oder andere Staatssekretär aus dem Amte scheiden werde. In erster Linie werden die Namm v. Schoen und Sydow genannt Es handelt sich dabei natürlich um Kombinationen. Und so nahe diese auch liegen mögen, so haben wir doch Grund zu der Annahme, daß sie bisher wenigstens jeder tatsächlichen Grundlage entbehren."
* Für die Beratung der Beamtenbesoldungsgesetze haben die Patteien beschlossen, nur kurze Erklärungen
GlaZkelchen gedämpft bernieber; es ließ die Kristall- und Silbergeräte bet Festtafel magisch schimmern und entlockte dem hohen Tafelaufsatz aus geschliffenem Kristall und reich vergoldetem Silber bunte Reflexe.
Ungefähr vierundzwanzig Personen saßen um den reizend mit Blumen gedeckten Tisch. Manch hübsches, junges Gesicht, manch stattlicher Mann war zugegen, frohes Lachen und Sprechen erfüllte den Raum. Nur 'die Zwei in der Mitte der Tafel sprachen wenig; es War, als ob sie ifoReri von den übrigen dasaßen. Was Hatton sie sich auch zu sagen? Die oberflächliche Unterhaltung wollte ihnen nicht glücken und an tiefer Gehendes rührten sie, wie in stummer Uefcereinftimmung, nicht. Endlich brach Irmgard das Eis.
„Sehen Sie, wie reifend Ihre Schwester ist," sagte sie zu Bernhard, „ich gewinne Ines alle Tage lieber."
Ein warmer Strahl trat in seine ernsten Augen. „Ich danke Ihnen, gnädige Frau."
„Wenn es nicht grausam wäre. Sie Ihnen zu nehmen, Herr Baron, behielte ich Ines am liebsten ganz bei mir, doch das mute ich Ihnen nicht zu. Es muß etwas Schönes fein um Geschwisterliche."
„Sie sagen es, als ob Sie sie nicht kennen?"
„Nein, ich kenne sie nicht," entgegnete Irmgard leise, „ich habe weder Schivchter noch Bruder gehabt, ich war immer allein."
„Und bist Du es jetzt nicht?" dachte Bernhard. „Warst Dtl es nicht in Deiner freudlosen Ehe, bist Du es nicht mitten in Deinem Reichtum, den Du mit utemanden teilen darfst?"
„Sie haben jetzt viÄ dringende Arbeit auf dem Werk," fragte Frau Gerard, das persönlich; Thema abbrechend. „Ines erzählle mir von einer Störung im Betrieb."
„Ja, und das bringt uns gleich zurück; eS ist auch nicht ohne Gefahr für die Arbeiter. Eigentlich hätte ich heute bet den Hochöfen bleiben sollen. Ich bin unruhig, wie es gehen mag, und habe angeordnet, daß ich sofort telephonisch be
nachrichtigt werde, wenn meine Anwesenheit er- sonderlich sein sollte. Ich bitte deshalb um Ihre gütige Vergebung, wsnn ich plötzlich die Gefell- fdjaft verlasse."
„Wie genau Sie «s nahmen," sagte Frau Gerard. „Hängt denn so viel davon ab?"
„Es handelt sich um das Leben der Menschan. die durch ihre Arbeit Ihnen dienen, gnädige Frau."
.Es kam schroff, fast unhöflich von Bernhards ' Lippen. Irmgard Gerard blitzte ihn hochmütig aus ihren großen Augen an. Wollte dieser Mann sie zu rechtweisen, er, der Hochofenchef, der getotf- frmafjen ihr diente?
„Ich danke Ihnen für Ihre Worte, — sie hätten ungesprochen blechen können," versetzte sie gekränkt. ,Lch habe ost bedauert, daß mein Mann sein Kapital in Rößlinger Aktien gebunden hat Sobald es geht, gedenke ich sie zu verkaufen."
-Bernhard unterdrückte ein spöttisches Lächeln. „Das könnte nur mit großen Verlusten geschehen," gnädige Frau," sagte er, jedes seiner Worte stark betonend, „ich würde Ihnen nicht dazu raten."
.Habe ich Sie um Rat gefragt, Herr Baron? Ich denke, fier Generaldirektor Müller ist die kompetente Persönlichkeit." Es klang ungezogan.
Bernhard fühlte, wie er vor Aerger errötete, aber er beherrschte sich und versetzte nchig, obgleich seine Stimme leicht bebte und Sr gern ntehr gesagt hätte: „Gewiß, gnädige Frau, verzeihw Sie mir, daß ich »3 wagte, meine Meinung ungefragt zu äußern, Ä soll Nicht wieder geschehen."
Am anderen Ende der langen Tafel ging e3 heiterer zu. Dort faß die Jugend, lsbensfrische ßefuty|ant§ mit ihren Damchi, auch Jntes und Graf Frauenfeld hatten dort ihre Plätze. _ Mtt weiblichem Scharfblick hatte das junge Mädchen erraten, was Frau Gerards Setter hergeführt. Er tat ihr so leid, dieser hübsche Junge mit dem traurigen Zug um den Mund; sie hätte ihn gern getröstet und froh gesehen. Anfänglich glückte es ihr nicht, aber nach und nach erweiterten sich die Züge des Grafen. Seine kleine Nachbarin war