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M 153.
Fulda, Freitag den 9. Juli 1909.
36. Jahrgang.
Kvstes -MlerLt.
bei
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 9. Juli 1909.
(Abendsitzung.)
Die Beratung der Reichsfinanzreform wird Besprechung der
Matrikularbeiträge
fortgesetzt
Abg. Stadthagen (Soz.): Den Einzelstaaten sollen oie Schulden erlassen werden. Den Mittelstand wollen Sie ruinieren. (Es herrscht laute Unterhaltung im Saale, sodaß der Redner eine Pause macht Als er dann weiter redet, wird er durch steigenden Lärm unterbrochen.)
Präsident Graf Stolberg: Der Umstand, daß wir Abendsttzung haben, berechtigt Sie nicht, solchen Lärm zu machen.
Abg. Stadthagen (fortsahrend): Da haben Sie mit Ihrer Reform ein Meisterstück gemacht Der Antrag Speck bedeutet eine Rückkehr zur Lotterwirtschaft des alten deutschen Reiches. Das gleich ist nur gut dazu, um die Steuern aus den Taschen der Besitzlosen zu holen und um ihnen die politischen Rechte zu nehmen. (Ironisches Bravo, Glocke des Präsidenten.) Eines Tages wird aber die Vergeltung kommen.
Abg. Neumann-Hofer (freis. Vgg.) bei dem Lärm schwer verständlich, sucht nachzuweifen, daß das beste Mittel die Einführung einer Reichsvermögenssteuer wäre.
Abg. Speck (Zentrum) wird mit anhaltendem Zischen empfangen. Der Redner wendet sich an die äußerste Linke und fordert sie auf ruhig zu fein, wie es der Anstand gebiete. Als er dann sagt: .der preußische Finanzminister", ertönt links der Ruf: („sehr richtig!"), was dort große Heiterkeit hervorruft und den Präsidenten zu der Bemerkung veranlaßt, daß solche Unterbrechungen nicht angebracht seien. Redner verteidigt das Zentrum gegen den Borwurf, daß es einen Wandel der Anschauungen vollzogen habe. Wir haben zunächst versucht, den Steuerbedarf h:rabzumindern, haben das aber aufgegeben, als wir nicht unterstützt wurden. Redner rechtfertigt dann den Kompromißantrag über die Matrikularbeiträge, ist aber bei der Unruhe des Hauses nur stellenweise verständlich. Das Ueberweisungssystem ist wichtig für den förderatioen Charakter des Reiches. Redner begründet dann einen Antrag, wonach die Vorschrift des § 3 des Finanzgesetzes, die die Reineinnahme aus der Branmweinver- brauchsabgabe den Bundesstaaten nach der Kopfzahl der Bevölkerung überweist, nur mit Zustimmung von Mayern, Württemberg und Baden geändert werden harf. Jede Steuer ist unangenehm. Es handelt sich aber um das Bessermachen. Herr Büsing hat 1906 zu den Freisinnigen gesagt: Machen Sie unsere Arbeit schlecht, das läßt mich kalt, wir wollen die Finanz- teform zustande bringen und das eben nur auf dem Wege, wo sich eine Mehrheit zusammenfindet Das gilt auch heute noch. (Lebhafte Zustimmung im Zentrum.)
Abg. Erzberger (Ztr.) führt aus, daß sich das Zentrum davon überzeugt habe, daß 500 Millionen nötig feien Die Bindung der Matrikularbeiträge Müsse mo» ablehnen. Auch die Ueberweisungssteuern halte er für nötig, da sich vielleicht doch wieder einmal Ueberschüffe einstellen könnten. Sodann befürwortet Redner einen Antrag, in § 3 des Finanzgesetzes die Regierungsvorlage dahin wiederherzustellen, daß von dem Roherträge, der aus der Besteuerung der Erbschaften auskommt, das Reich drei Viertel erhalten, den Sinzeistaaten ein Viertel ihrer Roheinnahme verbleiben {>ll. Dadurch werde man einen Teil der Mittel für ie Beamtenbesoldung bekommen.
Bayerischer Bundesratsbevollmächtigter Dr. Burck- hardt bittet, den Antrag Erzberger abzulehnen und weist nochmals auf die Notwendigkeit der Bindung der Matrikularbeiträge hin.
Abg. Paasche (nall.): Herr Erzberger hat 1906 »och eine Broschüre geschrieben, wo er meint, das Zentrum werde keine neuen Verbrauchssteuern bewilligen. (Lebh. Hört, hört! links.) Jetzt bewilligen Eie über 300 Millionen Verbrauchsabgaben. (Lebh. Zustimmung links.) Ist das Konsequenz ‘i Bedauerlich ist, daß die Mehrheit alles nimmt, was nur die Reichskasse füllt. (Abg. Hahn ruft: Das ist die Hauptsache! Lärm links.) Was Sie da schaffen, ist keine Finanzreform !
Abg. v. Richthofen (kons.): Abg. Paasche hat gesagt, was wir machten, sei keine Finanzreform. (Stürmisches sehr richtig! links. Zuruf: Es ist eine Räuberei! Großer Lärm.) Die Einzelstaaten verdienen Anerkennung, daß sie int Interesse der Finanz- reform und der Besoldungsordnung auf die Kürzung ihrer Einnahmen aus der Erbschaftssteuer eingehen. (Lebh. Beifall rechts.)
Abg. Pachnicke (Freis. Vgg.): Ein Zenlrumsabg. hat 1908 die Tabaksteuer scharf, verurteilt und die ganze Finanzreform abgelehnt. Das war Herr Speck. WaS hat sich seitdem geändert? (Zurufe: Bülow.) Jawohl, Bülow hat seinen Abschied genommen und nun ist für sie alles gut. (Lebhafte Zustimmung links.)
Abg. Erzberger (Zentr.) führt unter stürmischen Zwischenrufen der Linken aus, daß das Zentrum getreu seinen Traditionen gehandelt hat.
Darauf wird das Finanzgesetz nach den Kompromißanträgen mit unwesentlichen Aenderungen angenommen. Angenommen werden auch der Antrag Erzberger bett, die Quote der Einzelstaaten an der Erbschaftssteuer und der Antrag Speck bett, die Branntweinverbrauchsabgabe. «Die Abstimmung wird mit Hochrufen bald rechts, bald links begleitet?
Sodann erhält das Wort der Abg. Stadthagen (So,?, um den sozialdemokratischen Antrag auf Beschränkung des Geltungsbereiches der Einfuhrscheine zu begründen. (Er ist bei dem anhaltenden Lärm nicht zu verstehen.) Man muffe billigeres Brot für die Mafien ichaffen, denen man hunderte von Millionen neuer Steuern auserlege.
Der sozialdemokratische Antrag wird gegen die Stimmen der Freisinnigen und Sozialdemokraten ab» gelehnt.
In der Regierungsvorlage war die Aufhebung der Fahrkartensteuer vom 1. April 1910 ab vorgeschlagen. Die Mehrheit der Kommission hat dies abgelehnt
, Mg- Ghtzling (frf. Bp.) begründet einen Antrag gut Wiederherstellung der Regierungsvorlage, also auf
' sT"? det Fahrkartensleuer.
hi» -EIAsb/retär Sydow: Die Regierungen wollten '».ill,>?^a"ensteuet aufheben, wenn neue Mittel be- beNaen ab5' Die Freisinnigen wollen die Steuer rtotia^ re*ta\ baß sie Ersatz bewilligen. (Sehr
* ®,ne Reform der Steuer behalten UHv VVle
In namentlicher Abstimmung wird der freisinnige Antrag mit 203 der Rechten und des Zentrums gegen 137 der gesamten Linken bei 12 Stimmenenthallungen der Polen abgelehnt — Nach der Regierungsvorlage sollte vom 1. April 1910 ab die Zucker st euer herabgesetzt werden. Ein Antrag Hertlrng will diesen Termin bis zum 1. April 1914 hiuausschieben.
Abg. Fehlhauer (ntl.) weist auf die Notwendigkeit der Herabsetzung hin.
Abg. v. Normann (kons.) erklärt, daß seine Freunde für eine Aufrechterhaltung der hohen Zuckersteuer nur stimmen würden, wenn die Finanzreform in der dritten Lesung keine grundsätzliche Aenderung erfahre und die Regierung dieser Finanzreform zustimmen werde. (Beifall rechts?
?lbg. Frhr. v. Hertling (Ztr?: Wir begrüßen die Erklärung des Herrn v. Normann (Lachen links), wir können aber gleichzeitig erklären, daß wir bereit sind, die Voraussetzungen des Herrn v. Normann zu erfüllen. (Beifall im Zentrum und Lachen links.)
Abg. v. Oertzen (Rp.) erklärt, es sei eine patriotische Pflicht, unter den gegenwärtigen Umständen an der hohen Zuckersteuer festzühalten.
Der Antrag Hertling wird mit 204 gegen 133 Stimmen bet 15 Stimmenenthaltungen mtginommen; ebenso der Rest des Gesetzes.
Freitag: Brausteuer, Tabaksteuer und Branntweinsteuer.
Schluß 12 Uhr 5 Minuten.
+ Reichskanzler und Zentrum.
Die Zentrum» - Parlaments - Korrespondenz hatte zu dec etwaigen Reichskanzlerschaft des Staatssekretärs v. Bethman n-H o l l w e g geäußert, daß dieser ein Anhänger der Blockpolitik sei und daher Wohl wenig Lust verspüren würde, gegenwärtig den Reichskanzlerposten zu übernehmen. Diese Auslassung hat in der Berliner Presse eine Deutung erfahren, die eftvas sehr gesuchter Art ist. U. a. meint die ..Kreuzzeitung", daß das Zentrum als Kanzler einen Paviaimann wünschte, „der dem konfeirvativ- liberalen Block feindlich gegenüber gestanden habe. Ausgeschlossen wäre also ein konservativer oder liberaler Kanzler, und da ein sozialdemokratischer Kanzler unmöglich sei, bliebe nur di: Wahl unter Zentrumsmitgliedern oder Polen. Die Zentrumspresse würde gut tun, solche anmaßende Ideen zu vermeiden.
Die „Kceuzztg." glaubt Wohl selbst im Ernst nicht daran, daß das Zentrum die B.puiunig eines Zentrumsmannes oder eines Polen zum Reichskanzler erwartet. Nachdem aber bei der wichtigen Ausgabe der Finanzreform oer Block so kläglich versagt hat und zwischen Konfcrvari- ven und Liberalen der Helle Krieg ausgebrochen ist, wäre es doch Wohl nicht ratsam, alsbald wie- dr einen Reichskanzler zu bestellen, der sich für die Blockpolitik in so ausgesprochener Weise engagiert hat und als grundsätzlicher Gegner der gegenwärtigen Rcichsragsmehrheit gilt. Er würde rechts und links auf gleiches Mißtrauen stoßen und darum von vornherein großen Schwierigkeiten begegnen. Was wir von dem künfiigen leitenden Staatsmanne erwarten, ist lediglich, daß er eine Politik treibt, die dem Wohle dec Allgemeinheit gerecht wird und die nicht die Parteien unterschiedlich behandelt. Das ist ein Standpunkt, der auch der „Krcuzztg." als unanfechtbar erscheinen dürfte.
Wie der „Köln. Vztg." ihr parlamentarischer Mitarbeiter melder, wird in Kreisen des Bundesrates und des Reichstages immer bestimmter die Ansicht laut, daß der Erwählte des Kaisers der Staatssekretär des Reichsmarineamtes, Herr v. Tirpitz ist. Auf ihn soll sich ein Worr des Kaisers beziehen, daß er sich der Beliebtheit aller Parteien erfreuen sollte. Bei Admiral v. Tirpitz trifst dies im allgemeinen zu. Herr v. Tirpitz gilt freilich als besonderer Freund der Freisinnigen. Er hielt immer gute Beziehungen zu Eugen Richter und Schmidt (Elberfelü), ist auch mit der Tochter eines ehemaligen freisinnigen Abgeordneten verheiratet: aber er legt im Reichstage auch Wert auf gute Beziehungen zu den übrigen Parteien, was ihm um so eher gelang, als fein persönliches Auftreten ihm viele Sympathien gewann. Auch das Zentrum hat nie zu ernsten Beschwerden gegen Tirpitz Anlaß gehabt. Es ist noch nicht allzulang her, daß liberale Blätter unid Organe des Evangelischen Bundes ihm wegen feiner angeblichen Beziehungen zum Zentrum hefnge Vorwürfe machten. Tatsache ist, daß Tirpitz feine Erfolge in dec Flottenpolitik wesentlich der Hülse des Zentrums mit zu verdanken hat. Bedenken gegen seine Ernennung dürfte man höchstens mit Rücksicht auf ihre Rückwirkung bei den Engländern hegen, obwohl auch diese sachlich -unbegründet fein würden.
Deutsches Reich.
*’ Berlin, 8. Juli 1909. Tie Meldungen über eine zweite Begegnung des Zaren mit Kaiser Wilhelm in Kiel entbehren, wie der „Nationalztg." mitgeteilt wird, jeder Begründung. Schon die bestimmten Reisedisposiiionen des Zaren ständen dem entgegen. — Kaiser Wil- Helm wird die N ord lan d r eif e nur in beschränktem Umfange zur Ausführung bringen, da er, wie bekannt, wegen der politischen Lage vorläufig noch in nächster Verbindung mit Berlin bleiben will. Nach einer anderen Meldung, die sich ebenfalls den Anschein des Authentischen gibt, heißt es, daß es als wahrscheinlich gelte, daß dec Kaiser nach Kiel 'kommen werde, aber nicht Mitte, sondern Ende dieses Monats — entweder auf der Reise nach Cherbourg oder auf der Rückfahrt. — Reichskanzler F ü r st v. Bülow empfing am Mittwoch den Vorsitznden oes vor kurzem gebildeten Bundes deutscher Redakteure, Ministerialdirektor o. D. Dr. Hermes (Redakteur der Krouszta.) und nahm dessen Darleauna über
die Aufgaben und die Zwecke des Bundes mit Interesse entgegen. Fürst Bülow bekundete Sympathie für das Gelingen dieser Bestrebungen.
)( Der Seniorcukonvent des Reichstages trat am Donnerstag wieder zusammen und warf seine letzte Vereinbarung wieder nm. Um am Donnerstag mit der zweiten Lesung der Finanzreform zu Ende zu kommen, fand eine Abendsitzung statt. Die dritte Lesung der Reichssinanzreform soll in dieser Woche zu Ende geführt werden und am Montag die Beamtenbesoldungsvorlage zur Beratung kommen. Dienstag ist dann Schluß.
-f- Ter frühere Landtagsabg. Gras Viktor Matufchka, Frhr. v. Toppelczan und Spaetgeu, ist, wie aus Breslau gemeldet wird, dort int Alter von 85 Jahren gestorben. Er lebte zuletzt in Breslau und war Forstmeister außer Dienst. Von 1873 bis 1893 vertrat er den Wahlkreis Oppeln int Abgeordnetenhause und gehörte der Zentrumsfraktion an.
a. Die Schankgefastkommission erledige am Donnerstag die Beratung des ihr zugewiesenen Gesetzentwurfs, der bekanntlich die Abwälzung der Biersteucr aus die Konsumenten erleichtern soll. Ter bisherige gesetzliche Mindest schau m- r a u in, d. h. der Abstand zwischen Füllstrich und Rand des Schankgefäßes beträgt einen Zentimeter, der Höchstabstand drei Zentimeter. Letzteren ändert die Vorlage nicht, dagegen wird die höhere VerwaltungSbebörde befugt, den Mindest- sefischaumraum auf zwei Zentimeter zu erhöhen. Es wurde ein Zenirumsantrag angenommen, der oie höhere Verwaltungsbehörde befugen will, einen Schaumraum von 2—4 Zentimeter zuzu- lasseit.
(*) Fürst Eulenburg hat Donnerstag nachmittag Berlin wieder verlassen und sich mirrels Autos nach Schloß Liebenberg begeben. In seiner Begleitung waren die,Fürstin und die beiden ältesten Söhne sowie ein Arzt. Das Befinden des Fürsten hat sich, Blättermaldimgen zufolge, eüvas gebessert.
s. Die Bejoldimgsresorm für die Reichsbeamter! ist von der Budgetlommission des Reichstages nunmehr zu Ende beraten. In der Fortsetzung der 2. Lesung erklärte sich bei den Jntendanturbeamten der Schahsekretär nur mit einer Zulage von 150 Mk. einverstanden. Eine jede weitere sei unannehmbar. 30 Prozent der Bureaubeaniten — nicht 8 Prozent, wie aus der Kommission beh rupiet wurde — kämen in Beiöcde- rimgsstellen. Der Antrag, die Zulage auf 300 Mk. sestzusetzen, wurde ab gelehnt, und die Zulage auf 150 Mk. festgesetzt. Auch im übrigen wurden die Kompromißanträge unter Ablehnung von Anträgen der Nationalliberalen und Freisinnigen, für die fast durchweg auch die Wirtschaftliche Bereinigung stimmte, durch die Mehrheit von Konservativen, Reichspartei, Zentrum und Polen angenommen.
In einer dritten Lesung, die sich anschloß, wurden für die Postschaffner die Gehälter, die in der ersten und zweiten Lesung aus 1200 bis 1800 Mk. festgesetzt waren, auf folgende Gehaltssätze herabgesetzt: 1100, 1190, 1280, 1320, 1460, 1540, 1620, 1700 Mk. Die Besoldungsordnungen BI und IV für Heer und Marine wurden en bloc angenommen mit einer Befierstellung der Zeug- und Feuerwerksleutnants im Wohnungsgeld, mit Rücksicht darauf, daß es sich um fast lauter verheiratete Beamte handelt.
In der gestrigen Morgensitzung wurde zunächst eine Resolution angenommen, wonach die Besoldungserhöhungen ohne Verzögerung zur Auszahlung gelangen sollen und die formelle Regelung in einem Nachtragsetat erst erfolgt, wenn der Reichstag im Herbst wieder zusammentritt. Da die Regierung erklären ließ, daß die Finanzreform mit ihren 500 Millionen Mark nicht ausreiche, um die 17 Millionen, die der Reichstag bei der Beamlenbesoldung über die Regierungsvorlage hinaus beschlossen habe, zu decken, so vertagte mau schließlich, nach längerer Erörterung, die Erhöhung der Mannschaftslöhne (13 — 14 Millionen) auf das nächste Jahr; die dann noch erforderlichen Mehraufwendungen von 3l/4 Millionen sollen dadurch beschafft werden, daß die an die Einzelstaaten für die Erhebung der Reichserbschastsstener abzusührende Vergütung von 33‘,3 auf 25 Prozent des Ertrages verkürzt wird. Von freifinniger Seite hatte man sich scharf gegen die Verschiebung auf ein Jahr ausgesprochen, worauf der Schatzselretär unter lebhaftem Beifall der Mehrheit erwiderte, daß die Freisinnigen große Erhöhungen der Bearntenbesoldunaen verlangten, aber keine Einnahmen bewilligten, wogegen sie ebenso lebhaften Widerspruch erhoben. Von sozialdemokratischer Seite wurden heftige Vorwürfe gegen die Regierung gerichtet und von Hungern und Verelendung der Soldaten in den Kasernen gesprochen. Das wurde vom Vertreter des Kriegs- minifteriums, General v. Wachs, sowie Mitgliedern bürgerlicher Parteien in der schärfsten Form zurückgewiesen. Zur Deckung der Erhöhung der Mann- schastslöhne und Leteranenbeihilfen wurde von konservativer, freikonfervativer und nationalliberaler Seite die Wehrsteuer verlangt.
Ausland.
r Tas vorläufige Ende der ungarischen Krise wird dadurch bezeichnet, daß das Amtsblatt ein Königliches Handschreiben veröffentlicht, durch das der bisherige Ministerpräsident sowie die Resort- minister neuerdings ernannt werden.
* Das neue belgische Wehrgesetz. Der belgische Ministerpräsident Schollaert hat in einer Fraktionssitzung der Kammerrechten der katholischen Majorität feine Wehrgesetzvorlage unterbreitet. Die darin vorgeschlagene Heeres- reform beruht daraus, daß je ein Sohn für eine Familie zur Dienstpflicht herangezogen werden soll, während sonst alles beim alten
bleibt. Da die Führer der Rechten sich beifällig zu diesem Prozekt geäußert haben, so darf schon jetzt behauptet werden, daß die Vorlage im August Gesetz werden wird.
* König Eduard erklärte bei der Parade über die Territorialtruppen von Westlancasphive auf eine Ansprache des Lotrd- mayors von Liverpool, er hoffe zu Gotr, daß sich keine Gelegenheit zu einer Einberufung der Truppen für den Ernstfall bieten werde. Die Bereitschaft zur Verteidigung sei aber die stärkste Bürgschaft des Friedens, und er sei davon überzeugt, daß die Bürger von Liverpool keine Mühe scheuen würden, für die Verteidigung des Landes zu sorgen.
* Mulay Hasid in Nöte». Nach Meldungen von Eingeborenen sind die zum Schuhe von Fez zusammengezogenen Mahallas zerstreut worden. Der Roghi soll unter den Mauern der Stadt stehen. Mulay Kebir ist im Begriff, in Meline« einzumarschieren.
O Die Ausstellung des landwirtschaftlichen Kreisvereins Fulda-
Kaum sind die Tage des Kreisturnfestes ver rauscht, so erhält der Schloßgarten ein ganz anderes Gepräge. Da, wo vor wenigen Tagen deutsche Jünglinge und Männer ihre Krafr und Gewandtheit zeigten, wo festlich geputzte Menschen auf und nieder wogten, haben in kurzer Zeit viele fleißige Hände Hallen errichtet, schwere Maschinen, landwirtschaftliches Gerät, Tiere und anoeres Ausstellungsgut in nie geahnter Menge üerbeigeschasfi. Für den Zuschauer war es ein interessanter Anblick, zu beobachten, wie sich aus dem Chaos allmähstch eine Ausstellung entwickelt hat, wie sie an Umfang, Reichhaltigkeit, Ueber- sichtlichkeit und allgemeines Interesse bervocrufend noch nie in Fulda und im größten Teile unseres Regierungsbezirkes gesehen wurde und mahl so bald nicht wieder zustande kommt. Gerade Fulda ist für eine derartige Ausstellung am besten geeignet, denn einerseits ist die Bevölkerung des Kreises hauptsächlich Landwivtschaft treibend, andererseits bestehen in hiesiger L>tadt eine Anzahl blühender Vereine, die sich mit Zweigen der Landwirtschaft befassen. Nur durch ihr Zusammenwirken konnte eine solch impcffantje Ausstellung, ivie wir sie vor uns haben, zustande kommen.
Tie Ausstellung ist für alle Berufe und für alle Bevölkerungsklassen gleich sehenswert. Dem »er Landwirrschaft Fernstehenden wird sich die Ueberzeugung ausdrängen, daß heute zu einam „Bauer" etwas mehr gehört, als hinter dem Pfluge herzugehen. Dem Landwirt dagegen Bieler sie des Neuen in großer Menge und mannig- fa.he Anregung zum weiteren Ausbau und zuc Vervollkommnung seines Betriebes.
Die gegenwärtigen Verhältnisse, besonders die vielbeklagte Leuteunt zwingen den Landwirt, sich immer mehr der Maschine zu bedienen. In- folgodeffeu ist auch die Zlbteilung für land- w i r tschaf rliche Maschinen und Geräte sehr gut beschickt. Sie nimmt einen Teil der beiden Seiten der Kastanienallee und das Rondel ein, während die vielen anderen Geräte, die vor Nässe geschützt fein müssen, sich in einer großen Halle im niederen Teile des Schloßgartens untergebracht find. Im Irrgarten, zur Seite der Kastanienallee fauchen, pusten und rattern drei mächtige Dreschmaschinen. Alle diese Maschinen und Geräte bieten in der Mannigfaltigkeit ihrer Formen und Farben ein fesselndes Bild. Zugleich erhält dec Besucher ein klares Bild von dem jeweiligen Stand der landwirtschaftlichen Maschinen- und Gerätetechnik. Auch kann er sich von dem Nutzen und den Vorzügen der ausgestellten Gegenstände überzeugen. Zu diesem Zwecke sind verschiedene Maschinen in Betrieb gesetzt und bei den anderen wird deren .Handhabung erklärt.
Aus der großen Reihe der vorhandenen Maschinen wollen wir besonders Pflüge, Grubber, Exstirpatoren, Eggen, Walzen, Pferdehacken her- vorhgben. Ferner bämerkqn wir Bverlfi-äema» schinen, Drills, Dibbelmaschinen, Dungstrouma- schinen, Mähmaschinen, Heuwender, Kartoffelerntemaschinen, Häckselmaschinen, Schrotmühlen, Rübenschneidemaschinen, OelkucherrbrÄher, Heu- prefien, Waschmaschinen, Dampfapparate, Ge- treidereinigungs- und Sortiermaschinen, Butterfässer, Melkmaschinen, Pumpen rc. ec. Durch Inbetriebsetzung von Maschinen, z. B. Dreschmaschinen, Melkmaschinen re. wird dem Landwirt' Gelegenheit geboren, sich von deren Brauchbarkeit zu überzeugen.
Während die Abteilung Maschinen in erster Linie die Aufmerksamkeit des Landwirts in Anspruch nimmt, wird die in der geräumigen Reitbahn des Stadrschlosses untergsbvachte Sonderausstellung des Fuldaer Geflügelzuchtver- c i n s das allgemeine Interesse erregen. Sir ist außerordentlich zahlreich beschick! und umfaßt 106 Nummern Großgeflügel und Hühner fowie ca. 108 Nummern Tauben. Es sind Vertreten vom Großgeflügel Riesengänse, Peking-, Aglesbury-, Rouen- und andere Enten. Von den Hühneroas- sen nennen wir u. a. Brahma, Orgington, Mechel- ner, Faverolles, Wyandottes, Minorka, Italiener, sowie zwanzig Bruthennen mir Küken verschiedener Raffen. Außerdem ist noch eine Anzahl Zier- geslügel vorhanden. Auch wollen wir auf eine reichhaltige Kollektion von Futterar'rikeln, Fur- temäpfen und Trinkvorrichtungen Hinweisen, die sich als sehr praktisch erweisen. — Als ein ganz besonders kräftiges Zugstück, ja als den Glanzpunkt dieser Abteilung müssen wir Avei mit Bruieiern besetzte Bruimaschinön bezeichnen. Sie sind L> tpAnpiH/i in Betrieb aeSpkV Lm6 eiernde