36. Jahrgang
Fulda, Donnerstag den 8. Juli 1909.
JA 152.
Zweites Hätatt.
Meines Feuilleton.
und
»n;rk-e,: vte «*• spalttge pelltzelle oder deren San« 15 psg. Refiomen diepetitzekle 25 pfg-, bei wieder» Holungen wird entspr. Rabatt gewährt.
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ser seien. Und Tag für Tag sprechen neue Anzeichen dafür, dah die Erkenntnis auch tn natio- ,«illiberalen Kreisen weiter um sich greift, daß die Partei sich selbst ausgeschalret und damit einen schweren politischen Fehler begangen hat.
Zu posidwer Arbeit war der Ratio na llibera- liSmus von jeher unfähig, rmd er ist es haute noch — das haben die letzten Monate und Wochen deutlich gezeigt. Eine Partei, die nur auf die Verschärfung der konfessionellen Gegensätze rechnet und keine posirive Arbeit leisten kann und will, hat ihren Boden int Volke längst verloren. Mir großen Sprüchen allein ist -dem Liberalismus nun einmal nicht mehr auf die Beine zu helfen. Das sollte man auch in nationalliberalen Kreisen einsehen. ________________________
jKÄ wochenb-iiase: „Illustrierte Somtagyettmg"
Erscheint täglich mtt Ausnahme der So m« uudZeiertage. vierteljährlich« Verngrpreir ohne vringerlohn und vestelgeld in Zulda so- wle auswärts 1-50 Ulf. verantw. Resatteurr «ar» *chü"er
D Ernteschätzung.
Die Preisberichtsstelle des Deutsch«! Landwirtschaftsrat hat, wie schon im Getreivewochen- bericht (vgl. Nr. 150) mitgeteiltz wurde, am 1. Juli d. Js. eine erstmalige Ernteschätzung vorgenommen. Das Ergebnis der Schätzung für Winterroggen ausgedrückt in Prozenten einer Mitteler nie, ist für Körner 92,2 gegen 100,8 am 1. Juli 1908, für Stroh 84,6 gegen 100,5 im Vorjahre. Für die Beurteilung dieser Prozentziffern ist zu beachten, daß nach den bisherigen Erfahrungen die Berichterstatter geneigt sind, die mit ICO bezeichnete Mittelernte als eine gute Mittelernte anzuseheu, sodaß 92,2 noch eine Mittelernte, wenn auch nur eine knappe, bezeichnen würde. Für Preußen beträgt der wahr- scheinlicke Körnerettrag 9U>. Am niedrigste» ist die Schätzung für Westpreußen mit 82,8 und für die Provinz Sachsen mit 79,1 ausgefallen. Der Monat Juni brachte zwar die nötigen
Run denk' ich, während ich in den Rauch meinet Zigarre blicke, so darüber nach, wie die Menschen sich mit Tieren vergleichen. Was gibr es da für schöne Schimpfnamen aus Reich der Tierwelt, womit die Menschen sich gagenseitlg betiteln: Ochs, E s el und alles-, was sein ist, Schaf, Hund, Schlange, und wer weiß sie alle? Dann spricht man von dem Raubtier, Ictm Fuchs, dem giftigen Insekt, de>m Trainpeltier, i>em Dickhäuter, ernt Elefanten, und von der H n u d e s e e l e, dem Froschl Mitunter hört man auch: ich Schaf, ich Esel! Man spricht nicht nur vom Füttern, sondern auch vom Abfüttern, von Abfütterung, bei Geiellschafren beriecht man sich sogar. Es ist eine Bärenkälte, eine Bull en Hitze, ein Schweinewetter. Man spricht von allem, was ca kreucht und fleucht. Von den Lüsten bis hinab unter die Erde zum GZvürm nimmt per Mensch seine Vergleiche ans der Tierwelt. Ter stolze Flug des Adlers, der Adler selbst ist ehr Bild für das menschliche Genie. Keine Krähe hackt der andern die Augen aus. Da ist ein liebliches Täubchen, wohl gar mit einem Schwanenhals. Der Bienenfleiß wird bewgicheät. Man verachtet d« Maulwurfsarbeit. Es wurmt ihm Mrn spricht von Hyänen des Schlachtfelds. Ter Affe spielt «ne große Rolle. Man sagt nachüfsen, es gibr ein affiges Wesen, eine affenartig« Geschwindigkeit. Im Gegensatz dazu dec Schneckeugang. Dsr Schauspieler ist der Löwe in» Tages. Er hat aber auch eine richtige Mähnen einen Pelz auf dem Kopf. Diel Liebliches gibt es da noch. Rur das mit Kmr Hund gefallt mir nicht. Hund sollte kein SchrrnpsnamL sein. Ich glaube, wer di« ^Huudeseele" kennt, versteht das. Kein Tier ist dem menschlichen Verstäwon.is vielleicht so nahe wie der Hund.
Ausland-
i Die holländische Sozialdemokratie hat mehrere Fälle auszuweisen, in denen Geistliche
Deutsches Reich.
)( Der nationalliberalen Fraktion scheint noch ein weiterer Verlust bevorznstehen. Abg. Frhr. v. Heyl zu Herrnsheim hat bekaiiinilich ebenso wie Graf Oriola an der entscheidenden Abstimmung über die Erbschaftssteuer nicht teilge- nommen, sich also dem Fraktionszwangs nicht gefügt. Er hatte zu der entscheidenden Sitzung ein ärztliches Attest beigebracht, worin der Arzt bescheinigte, daß er, der Arzt, ihm auf das Bestimmteste vorgeschrieben habe, in diesem Stadium der Kur unter keinen Umständen an der politischen Arbeit teilzunehmem Dre liberale Presse macht sich das Vergnügen, darauf hinzu- weisen, daß v. Hehl bereits zwei Tage nach der Abstimmung in Worms gewesen sei. Sie zieht daraus, vielleicht mit Rechr, den Schluß, daß v. Heyl ebenfalls den Austritt ans der nationalliberalen Fvaktion erwägt. Wie konnte die Partei auch angesichis derartiger mocalis.her Zwangs- miitel, wie es der Fraktionszwang bei Abstimmungen doch nun einmal ist, auch erwarten, daß Leute mit Rückgrat sich noch in ihren Reihen wohl zn fühlen vermöchten.
.'. NatisuaUiberale Mittelstandsfreundlich- keit. Zu der Beratung der Brausteuer hallen in der vorigen Woche nationalliberale Abgeordnete beantragt, daß für die nach dem 1. Oktober 1909 neu errichteten Brauereien in den ersten 5 Jahren der Steuersatz 20 Mark für jedev Doppelzentner der Braustoffe betragen sollte; d. h. ohne Rücksicht auf den Malzverbrauch sollte jede neu errichtete Brauerei 20 Mark für den Doppelzentner Malz bezahlen; ein Satz, der nur bei den grüßten R esenbrauereien zu zahlen ist. Damit würde selbstverständlich die Gründung jeder mittleren und kleineren Brauerei vollständig unmöglich geworden sein. Tie deutschen Gastwirte wären für alle Zeiten den Großbrauereien auf Gnade und Ilngnade ausgeliesert gewesen. Der freisinnige Abg. Mommsen war so freundlich, dies in der Diskussion über den Antrag auch offen einzugestehen, indem er sagte: die neu entstehenden Großbrauereien müßten ja so wie so den Steuersatz von 20 Mark bezahlen. Diesen natioualliberaleu Antrag und feine freisinnige Begründung mögen sich die Mittetstands- angehörigen merlen! Die ätationalüberalen rühmen sich noch gar ob dieser Heldentat ihrer Abgeordneten. Die gesamte nationalliberale Frak'ion stimmte für diesen Anwag.
)( Die Hochseeflotte wird in der Nacht vom 7. zum 8. Juli öie Sonmwrübringsr«se antreten. .Sie setzt sich für diese auf etwa vier Wochen ke- rechnere lckebungsfahrt aus dm beiden Linien- schiffsgeschwadern mit je acht modernen Linien- schiffen zusammen sowie aus der Aufilärungs- 1 gruppe mit fünf kleinen und drei großen Kreu-
Riederschläge, deren wohltätige Wirkung aber anfangs durch verhältnismäßig kühle Temperatur wesentlich abgeschwächt wurde. Erst um die Mitte Juni kam sommerliche Wärme. Wenn der WttternngSumschwung, namentlich für die Weizensaaten und fflr den auf leichten Böden befindlichen Roggen, vor allem aber für die Futterpflanzen auch vielfach zu spät kam, um noch eine entscheidend« Wendung herbeiführen zu können, so lassen die vorliegenden Berits ünmerhi» erkennen, daß man — wenigstens was Roggen betrifft — die Lage heute weniger ernst beurteilt, als vor kurzer Zeit. Bor allem stützt sich die zuuerfiGlichere Auffassung auf die meist günstig verlaufene Blüte und den Umstand, daß man einen gewissen Ausgleich für den überwiegend dünnen Stand in dem allgemein gelobten Körneransatz erblicken zu können glaubt. Weniger günstig äußern sich die Beritte über Winterweizen, der zwar auch ernt mäßige Besserung viel deutlicher aber die Spuren der vorangegangenen kalten und trockenen Witterung erkennen läßt. Den größten Vorteil hat da» fruchtbare Wetter der letzten Zeit für die Sommersaaten gebracht, die infolge später Bestellung und Trockenheit gegen andere Jahre nm ungefähr 14 Sag im Wachstum zurückstehen, dennoch aber bietet ihr angenblickticher Stand günstige Aussichten auf eine befriedigende Entwicklung. Für Hafer auf leichteren Böden wären wettere Niederschläge allerdings von Borkest. Sehr häufig wird bei dieser Frucht über starke Bernnkrauttmg geklagt.
— lieber Dorfmusik plcmöett Dr. Richard Bvtka hu 19. Heft des Kunstworts folgend.wma» ßen: Die Zeil ist glücklich vorbei, da man die ganze Musikkultur unfaves! Volkes über einen Kamm scheren, wollte. Die Zeit, da man es als den Triumph der Zivilisation erträumte, wenn kein Dorflein so klein wäre, daß nicht Konzett brin gehalren ober Theater gespielt würde. Daß dieser Wahn verstießt, gibt Sen Wieg frei für eine sachgemäße Reformtätigkeit. Vor allem gilt e» auch h^r, der Verstädterung mtgegen^ntretert uad in den La wo beuten dem Stolz darauf zu wecken oder W nähren, sie selber, also Dörfler und nicht Städter zu sein. So sind auch für bett Städter, öjt aufs Land geht, Abwehr, Erhaltung imd gröröerung die wichtigsten Aufgaben: vergeht wicht, euerem Gastwirt pr ragen, welche Trottlet euch das Grammophon breitet, das im Extra- ftnbel steht tmß woraus er sich nicht wenig zugute iait. Das wirkt. Der Mamt hat geglaubt, vor den „seinen" Gäste« als ein auf der Höhe bet Bett stehender Wirt zu erscheinen, als er das Ding dem Geschäftsreisenden auf dessen ernsten Vorhalt aJWawfle. Er wird es, wenn di« erste» Sckieiben abgespielt sind, in die Rumpelkammer stellen, falls er merkt, daß er eine ganz andere . Wirkung damit hervorruft, als er wollte. Zweckmäßig fft es auch, die Konkurrenz zur Bekämpf-- un« der mechanischen Instrumente zu benutzen. .Wen« emge Wirte ihr HauZ iw den Reisebücher» Md Anzeigen ausdrücklich »Iß „grammophonsrei" zn bezeichrwn enrfingen, so würden die andern bald an der Herrlichkeit ihres schnarrenden Haus- Mtossen bange werden. Auch das lobe man nicht, vxnn im Gastzimmer mir vorwiegendem Dörfler- verkchr oder im Tanzsaal ein Klavier aufgestellt M feÄfi toemtS .zufällig ein grttss Klavier wäre
ä Oh! Oh!
Ach, wie schön war es doch im neuen oeutschen Reiche, als der Block noch in seiner Muw prangte und die Ratio-nalliberalen als Kern des Blocks sich die Herren bet Welt wähnten. .Alles war herrlich bestellt, der Himmel hmg voller Gerzen, wir hatten einen „nationalen Reichstag, der auf vortrefflichen Pfaden wandellw, wtr hatten emen Kanzler, der von Btsmarckschsm Geist erfüllt war. Es war wieder eine Lust zu leben und es sollte ja immer noch schöner kommen I
Und jetzt ist alles, alles aus! Futsch ist der Block, die Welt geht in Trümmer, nächstens kommt die Sintflut, und wir sind rettungslos dem Untergang verfallen. Und wavmn? Die Liberalen sitzen seit einigen Tagen in der Reichs- tagAminorität 1 Darum ist das Vaterland, in Gefahr rmo die Regierung hätte eigentlich die Pflicht, das Parlament wieder aufzulösen, damtt der verstoßene Liberalismus wieder in die Mehrheit kommt. Die Sorge um das, deutsche Reich ist beim Liberalismus zugleich die Sorge, daß die Herren Bassermann, Müller-Meiningen und Wiemer das große Wort im Parlament, führen können. Es ist nun einmal nach „freiheitlicher" Auffassung nicht anders: die Liberalen sind Deutsche erster Güte, Höhen- und Herrenmen- schen, die Anhänger der anderen Parteien sino Herdenmenschen, Parias, die einfach Nicht mit- Hählen.
Wenn andere Parteien in der Minorität sitzen, wie so häufig Zentrum oder Sozialdemokratie — auch den Konservativem fft es schon begegnet —, so werden sie sich nicht aufs Flennen und Sammern verlegen, nicht nach Kanzlerhilfe und undesrat, tote ein Kind nach der Milchflasche, schreien, sondern sie toeeben eine rührige Agitation für ihre Prinzipien beginnen, wie es ihr gutes Recht ist, und sie werden die günstige Lage, in ber jede Oppositionspartei sich befindet, nach Küäfüen austtützen. Für die Ääökung eine» Partei ist es gar kein Glück, in einer, „Regie- rimgsmajorität" zu sitzen; das ist fast eine, Binsenwahrheit. Aber das ist es oben: die Liberalen sind unfähig — als einzige von allen Parteien — ohne Regierungskrücken zu marschieren; sie fühlen sich nur wohl, wenn sie den Kanzler und den Bundesrat auf ihrer Seite wis- sem unö Koalitionen mit anderen Vatteien Haden, die ihnen Folge leisten müssen, die sie so kräftig machen, daß sie als echte „Liberale" ’ttjran- nifieran können, wen sie wollen. Geht die Sache nicht nach ihrem Willen, dann wollen sie nicht mehr miffpielen und lehnen grundsätzlich alles ab.
Aber sie werden sich rächen! Auf dein Parteitag am Sonntag haben sie ja schon den Mund recht voll genommen und allen Parteien, die nicht willig sich an ihren Karren spannen ließen, Fehde auflefagt. Hochtönende Worte wurden gesprochen von dem „SiegesMge", den der liberale Gaoanke angetreten habe und von der stolzem Einigkeit, welche die nationaIHberale Partei zu- sammenschließe. Baffermann rief ans: „Das fft die Größe dieses Moments, daß wir uns durch- druigen konnten zur Einigkeit, eine Pattei, die soviel Unemigfeit in ihrer Geschichte aufweist! Eine Einigkett, in der die Abgeordneten zufam- im>nstechen mit der ganzen Stimmung im Lande, und in dieser Einigkett liegt die Zukunft unfern Partvi." Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, daß die so deutlich zur Schau getragene Begeisterung nur darüber hinwegtäuschen soll, wie wenig glänzend es in Wahrheit um die na- tieiuriliberale Parvttsache steht. Bemerkenswert war ja schon das- Eingeständnis DaffemuannI, läatz die Neuwahlen jetzt stattsind en müßten, nickst erst 1911, weil heute die Aussichten viel bes-
MaerW Zeitung
m°«akbellag«! „guldaer SeschichtsbMer"
und -sicht, wie in 99 von 100 Fällen, ein elendes, mit harten, teils verstimmten, teils versagenden Tönen. Das Klavier ist ein Werkzeug städtischer Musikkultur. Der Lehrer, dr Pfarrer, der Arzt, Ser Fabrikant und die sonstigen Bewohner des Dorfe», Sie eine stäSnsche Bildung hinter sich haben, zu denen gehörtes wohl. Ins .Hans des eigeirrlichen Lai u)m raschen gehört die Geige, die Zither, die Gitarre, sogar die Ziehharmonika oder die Maultrommel. Zum Tanz sollte die recht- fchasfene bäuerisch- . Tanzmusik"' in der ottsübli- chea Besetzung das Chor beziehen. Jiffrem der .Städter bei feinem. Besuch Utuf dem Lande ein Interesse an diesen Dingen fimbgibt, erhöht er »en Torf teuren unwillkürlich die Freude an ihrer dörfischen Kulfftweffe. Sie schämen sich ihrer nicht mehr, wenn sie fetzen, daß der Stadtmensch sie nicht verachtet, sondern gut leiden mag und schätzt . . .
— Etwas vom Rebel. Die LonSoaer Rebel sind allerdings als die dichtesten und gefährlichsten gefürchtet, denn sie fegen alljährlich Taufend- Lungenkranker mit fort. Die Londoner Rebel sehen fast fa dick aus wie Erbsensuppe; mau mehrt, man könne sie mit den Fingern fassen. Was die Zahl der SMeüage anbelangt, so steht dagegen Lsuüou mit 37 Rebettagen im Jahr an letzter Stelle. Den Rekord in dieser Bezttchimg scMgt der St. Gotthard, der jährlich etwa 277 Rebeltage hat. Es folgt Tegernsee mtt 134 Re- btttagen, dann Hamburg mit 53 und München mit 47, während Stuttgart, wie London, auch nur an etwa 37 Tagsn im Jahre vom Nabel heirnge- smht wird. «p.
— Auch eine Sprachbettachtnug. Da sitz' ich rm Refimmmt gemÄe bei der Zigarre Zwei .Herren tmm ein, um zu essen. Der eine sagt MM auüwcn: Ich muß mir noch schnell dre Pf o- ten waschen. Daan kommt Mich ein Dritter und fragt den Keüner: Was gibt's demr zu fwftern, ich hab einen Bärenhunger'.
gern. Ferner sind der Hochseeflotte noch zwei Torpadodootesflottillen für diese Fahrt angegliedert ivorden.
** Die 32. Generalversammlung des Perban- des katholischer kaufmännischer Vereinigungen Deutschlands findet, wie bereits mitgeteilt, in fern Tagen vom 12. bis 14. August in Hamburg statt. Die Tagesordnung für den Kongreß ist sehr umfangreich. 13 neue Vereinigungen werden definitiv in den Verband ausgenommen. Die zahlreich eingebmchten Anträge de- ziehen sich auf Verbandsangelegenheiten sowie vor allem auf Standes- und Berufsfragen, auf wirtschaftliche und soziale, den Kaufmannsstand betreffende Angelegenheiren. Es gibt wohl kaum eine augenblicklich zur Diskussion stehende, die selbständigen Kausleitte wie die Angestellten berührende Frage, die nicht zum Gegenstand der Erönerung und Behandlung gemacht' würde.
* Stuttgart, 6 .Juli 1909. In der Zweiten Kammer wurde bei Beratung des Kultusetats ein von sämtlichen Parteien unterzeichntter Antrag effigebracht, der die Mittel fordert für die Errichtung einer Lehrstelle an der Technischen Hochschule für Luftschiffe, Flugapparate uno Kraftfahrzeuge. Der Kultusminister teilte mit, die Regierung stehe dem Projekr sym- pachifch gegenüber. Eine Anzahl Aktionäre der früheren Zeppstinschen Luftschiffbau-Aktiengesell- fchafc habe annähernd 60 000 M für diesen Zweck zur Bettiigung gestellt. Aber mit der Professur wäre es noch nicht geran, es müßte auch ein Laboratorium errichtet werden. Graf Zeppelin habe auf eine Anfrage geäußert, daß Lehrstuhl und Laboratorium nicht genügen würden, daß vielmehr an eine Akademie für L u s t s ch i f f a h r t in Friedrichshafen gedacht werden müsse, die außer der Motorenfrage amh meteorologifche und elettrische Probleme zu bearbeiten hätte. Württemberg sei nicht reich genug, eine wiche Anstalt allein zu errichten, wenn sich nicht das Reich oder benachbarte Bunoesstaareii daran beteiligten.
* München, 7. Juli 1909. Rach Jesuiten in Bayern schnüffelt die ,Augsb. Abendzig/. Sie laßt sich in Nr. 185 „aus Kleriker kreisen schreiben:
„In den streng katholischen Kreisen unseres Adels- rote auch in einzelnen Nerikalen Zirkeln gibt man sich der Erwartung hin, daß jetzt das geeignete Moment sei zur Aushebung des § 1 des Jesuitengesetzes, nachdem das Zentrum im Reichstage wieder die Oberhand gewonnen und sich als ausschlaggebende Macht gezeigt hat. Zur näheren Beleuchtung dieser Jesuitensehnsuchl fügen wir bei, daß bereits eine größere Zahl von Jesuiten in München seit längerer Zeit seßhaft geworden ist. Sie halten seit langem religiöse Borträge in einer bekannten Kapelle, die der vornehmen Welt zur Beftiedigung ihrer Andacht dient. Außerdem sind gerade in München verschiedene Mittelschulen mit Reltgionslehrern besetzt, die ihre Studien in Innsbruck gemacht haben. Endlich muß noch der Umstand et» ivähnt werden, daß wir heute in der theologischen Disziplin saft nur solche Lehrbücher benützen, die von Jesuiten verfaßt sind. Glücklicherweise liegt die Wahrscheinlichkeit der Rückkehr. des Jesuitenordens nicht jo nahe wie die Möglichkeit des Antrages, den das Zentrum in aller Stille vorbereitet hat."
Die Rückkehr der Jesuiten wäre offenbar zu mft'etzlich für ein waschechtes liberales Herz, das sonst von Toleranz nur so trieft. Die Auslassung zeigt jedenfalls wieder einmal klar, was von den hübschen Friedensoernchetilngen der liberalen Fteiheilshttden zu haften ist. „Freiheit sür alle — nur nicht für die Jefuilen!" Das ist die Devise dieser liberalen Hajensüße.
sich in ihre Reihen gestellt haben. Jetzt liegt wieder ein derartiger, wegen der Pflichtvergessen- heit seines Urhebers besonders drastischer Fall vor. In der reformierten Gemeinde Roordahni- zum bei Leeuwarden erklätte der Prediger Dr. B. Boers eines Tages von der Kanzel herunter ganz energisch, er halte beten für überflüssig, und werde eS deshalb in Zukunft unterlassen. Auch hielt er, nachdem das Resul- tat der Kammerwahlen zugunsten der Rechts- Parteien ausgefallen war, eine donnernde Philippika gegen die „Pfaffenbrut", die die freie Bolts- entwicklung hemme. Die Synode in Leeuwarden, die demnächst zusammenttelen wird, wird ihn natürlich seines Amtes entsetzen. Der Unselige hat aber bereits einige Jahre laug in sozml- demokratisch-atheistischem Sinne gewttkt. Die Sozialisten freuen sich über diesen Fall. Sie hätten fich aber lieber die Frage vorlegen sollen, ob ein solches Festhalten an einem Amte, für das er nicht mehr geeignet war, eines Ehren- mauneS würdig war.
* Der protestantische Fanatismus erhebt in England, wie die Vorgänge in Liverpool beweisen, wieder kühn sein Haupt. Zur Kenn« ^ichmmg dieses neuen Ausbruches von Fanatismus muß noch einzelnes nachgetragen werden. Anführer der Rowdies, welche die Katholiken Liverpools mit Knüppeln, Säbeln und anderen Mordwerkzeugen überfallen haben, ist. der „Pastor" Georg Wise. Er hat, wie aus Liverpool geschrieben wird, eine Organisation geschaffen, die „Kreuzzug Georg Wise" heißt. Dieser „Kreuzzug" will natürlich nicht Jerusalem den Türken abnehmen, sondem — mit türkisch »kurdischer Methode, die sich gegen die Armenier bewährt hat — die Welt dem Katholizismus. Die Argumente, mit denen Wise seine Mission rechtfertigt, geben gleichzeitig einen Begriff von dem Publikum, an das er sich mit seinem Fanatismus erfolgreich wendet. Er behauptet, daß der gefürchtete „Jack, der Ausschlitzer" nur ein Katholik tein könne, well die katholische Religion eine „Religion von Mördern" sei. Nach der Meinung Wises, die er in allerlei Flugschriften verbreitet, locken die katholischen Geistlichen Leute an fich, um sie zu ermorden, und der Papst soll von amtSwegeu verpflichtet sein, monatlich Hunderte von Juden zu maffakrieren. Die liberalen Blätter Englands bezeugen, laut Vaterland, dieses Vorgehen des Fanatikers, welcher auch der Urheber der Konflikte mit den Katholiken anläßlich der Prozession war. Es gelang ihm, die protestantischen Weiber mit der Behauptung aufzustacheln, die Katholiken hielten den Auf- sch'jtzer in einem Hause verborgen!