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Fernjprechcr Ur.
M 152.
Fulda, Donnerstag den 8. Juli 1909,
36. Jahrgang.
Grstes Wlcrtt.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 7. Juli 1909.
Ein Abkommen zwischen dem deutschen Reich und Dänemark belr. den gegenseitigen Schutz der Muster .nd Modelle wird in ersler und zweiter Lesung angenommen. — Der Gesetzentwurf betr. die Ausgabe kleiner Aktien in den Konsulargerichtsbezirken und in Kiautschou wird in erster Lesung angenommen, in zweiter Lesung aus Antrag Dr. Arendt (3tp.) an die Budgetkommisflon verwiesen. — Der Handels- und Schiffahrtsvertrag zwischen dem deutschen Reich „nb Venezuela wird in erster und zweiter Lesung angenommen. Dann wird die Beratung der
Finanzreform
fortgesetzt bei der zweiten Beratung der Mühlenumsatz- ltener.
Ein Antrag Speck (Z.) und Dr. Rösicke (kons.) will ie von der Kommission vorgeschlagenen Steuersätze eheblich ermäßigen, und Mühlmbetriebr mit einer Vermahlung bis zu 500 Tonnen jährlich überhaupt von der Steuer freilassen.
; Abg. Speck (Z.): Nach der ablehnenden Haltung -der verbündeten Regierungen besteht nur noch wenig Hoffnung auf Verwirklichung unserer Wünsche. Meine politischen Freunde halten auch heute noch an dem Grundgedanken der Mühlenumsatzsteuer fest. Wir (wollen die Großmühlen nicht totschlagen, rot . wollen nur eine Verschiebung der Produktion aus den Großbetrieben in die mittleren und kleineren. (Sehr richtig! im Zentrum.) Um auch den Schein des berechtigten Vorwurfs des Brotwuchers aus der Welt zu schaffen, "chlagen wir vor, alle Betriebe bis zu 500 Tonnen Lahresvermahlung überhaupt steuerfrei zu lasten. Der preußische Handelsminister hat auf den Mißerfolg der Mühlenumsatzsteuer in Bayern hingewiefen; dieser Mißerfolg beweist aber gerade, daß hier das Reich eingreifen muß, das ei.i einheitliches in sich abgeschlossenes Wirtschaftsgebiet darstellt und durch Zoll- lenzen gegen das Ausland abgeschlossen ist. (Sehr Mig!) Wenn der Handelsminister ausgeführt hat, man solle eine Steuer, die doch in erster Linie stnanz- politischen Zwecken dienen soll, nicht mit volkswirt- schastkichen Zwecken belasten, so meine ich, daß wir -doch fast bei allen Steuergesetzen versucht haben, durch Staffelung usw. auch volkswirtschaftliche Zwecke zu er- tchen. (Sehr richtig! und Zustimmung.) Ich hoffe die rrdündeten Regierungen werden unseren abschwächenden Anträgen gegenüber eine wohlwollende Stellung in nehmen, denn den mittleren und kleinen Mühlen .Muß unter allen Umständen geholfen werden. Sollten wir uns in unserer Erwartung täuschen, so müssen wir die ganze Verantwortung für die Folgen der Ablehnung der Umsatzsteuer den verbündeten Regierungen zu- ,chieben. (Äetfall.)
Abg. Dr. RSsicke (kons.) schließt sich im großen und und ganzen den Ausführungen des Vorredners an.
Preußischer Handelsminister Dr. Delbrück erklärt chmals namens der Verbündeten Regierungen, daß sie Steuer für sie völlig unannehmbar sei aus sachtchen Gründen. Auch würde mit der Steuer ihr "Zweck, die kleinen und mittleren Mühlen zu schützen, nicht erreicht werden, wohl aber würden zahlreiche Betriebe durch die Steuer zugrunde gerichtet werden.
Bayer. Bundesratsbevollm. Ritter v. Burkhardt äußert sich in ähnlicher Weise wie sein Vorreoner.
Abg. Molkenbuhr (Soz.) erklärt, seine politischen Freunde würden auch die Anträge Speck-Rösicke ablehnen. Wenn man den Kleinmühlen helfen wolle, solle man vor allem die Einfuhrscheine beseitigen. Im weiteren polemisiert Redner gegen das Zentrum, das keine Ursache habe, sich als Mittelflandspartei mfzuspielen.
Abg. Baffermann (natl.) begründet wie immer, die ablehnende Haltung seiner Partei mit der gegenwärtigen politischen Situation.
Abg. Günther (ft. Vp.) spricht sich namens seiner ckartei aus den vom Handelsminister angeführten Gründen gegen die Steuer aus.
Abg. Liebermann v. Sonnenberg (wirtsch. Vgg.) bestreitet, daß die Großmühlen durch die Steuer zugrunde gerichtet würden, und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Verbündeten Regierungen sich bo„> noch bewegen lassen würden, ihr „Unannehmbar" zurück-
S" 'ien. Es sei erstaunlich, was die Regierung für üchte zu finden wisse, wenn es sich darum handele, die Interessen der Großmühlen zu vertreten.
Handelsminister Delbrück: Ausflüchte findet die Regierung überhaupt nicht. (Beifall und Heiterkeit.) Der Herr Abgeordnete hat wohl das Recht, mein Wissen und Können in Zweifel zu ziehen, aber meine Ehrlichkeit und meine Objektivität in Zweisel zu ziehen, dazu hat er kein Recht. Ich gebe nur dem Ausdruck, was ich nach meiner lleberzeugung für richtig halte, und ich weife einen solchen Vorwurf mit aller Ent- schiedenhett zurück.
Abg. Gothein (srs. Vgg.): Wozu denn überhaupt diese ganze Diskussion? (Lebh. Zurufe rechts: Sehr richtig! Gr. Heitk.) Es ist ja doch ein offenes Geheimnis: heute werden die Herren (nach rechts) noch einmal für die Steuer stimmen, aber in der dritten Lesung werden sie sie fallen lassen. Aber zu dem schönen Bericht der Kommission muß man doch etwas sagen. Wenn der Berichterstatter, was ja demnächst kommen wird, den Adel erhält, (Abg. Erzberger wehrt lebhaft ab), dann soll er Schere und Kleister ins Wappen erhalten. (Heitk.) Die Kommission soll berichten über Verhandlungen der Kommission und nicht des Plenums. Kein Mensch kann sehen, waS überhaupt in der Koinmission verhandelt worden if>, wahrscheinlich gar nichts. > War ja auch gar nicht nötig. Es wird prophezeiht von dem Untergang der kleinen Müller, und die Herren beten das alles nach.
Abg. HSffel (Rp.): Meine Freunde stehen prinzipiell auf dem Boden dieser Steuer. Aber dieses Gesetz ist ein wirtschaftliches Gesetz und gehört nicht in diese Finanzresorm. Wir werden es deshalb ablehnen. (Beifall links.)
BerichterstalterAbg Erzbecger (Ztr.): Herr Gothein hat den Bericht, den die Kommission genehmigt und seine politischen Freunde mit unterschrieben haben, lächerlich zu machen gesucht. Hätte er der Kommissionsverhandlung deigewohnt, so wäre der Bericht vielleicht etwas interessanter geworden, weil wir einen Märchenerzähler in der Kommission gehabt hätten. (Heitk.) Die Freisinnigen hätten ja nicht aus der Kommission weg- zulaufen brauchen; so aber hat die Kommitsion einstimmig beschlossen, das Material aus dem Plenum in den Bericht aufzunehmen.
Abg. Mommsen (srs. Vgg.) ruft: Wegzelaufen, das verbitte ich mir.
Abg. Erzberger (Ztr.): Ich könnte mir auch verbitten, was Herr Gothein gesagt hat.
Abg. Dr. Rösicke (kons.): Ich bebaute sehr die ablehnende Haltung der Regierung. Wir lönnen uns aber nicht entschließen, daraus Konsequenzen zu ziehen (Lachen links.)
Abg. Dr. Südekum (Soz.): Wir waren durch einen Bruch der Geschäftsordnung gezwungen, die Kommission zu verlassen. Wir lehnen selbstverständlich die Verantwortung für den sogenannten Bericht ad.
Abg. Monpnsem (srs. Vgg.): Wenn der Berickt- statter sich auf unsere Unterschriften beruft, dann hätte er wohl auch darauf aufmerksam machen können, daß bei der Fesfftellung des Berichtes der allerlebhafteste Widerspruch gegen dieses ganze Verfahren geltend gemacht worden ist. Das hätten wir von der Loyalität des Berichterflalters erwartet. Weggelaufen ist ein Ausdruck, den ich mir hiermit nochmals verbitte. (Unruhe.)
Abo. Erzberger Z.): Schön, allo »rausgegangen". (Heiterkeit.) Wenn ich gänzlich unmotiviert als Berichterstatter angegriffen werde, muß ich mich ver- teibinen.
Die Diskussion schließt. Die Mühlenumfatzsteuer wird sodann mit 188 gegen 170 Stimmen abae- lehnt bei 3 Stimmenthaltungen, nachdem die Anträge Speck und Rösicke zurückgezogen waren. Gegen das Gesetz stimmten die gesamte Linke, die Reichspartei, die Polen und einige Abgeordnete anderer Parteien.
Es folgt bet Gesetzentwurf der Kommission über den
Ausfuhrzoll ans Kohle» und Koks.
Handelsministet Delbrück: Die Gründe gegen einen solchen Ausfuhrzoll habe ich bereits dargelegt. Ich kann mich daher aus die Erklärung beschränken, daß dieser Aussuhrzoll für die Regierung unannehmbar ist.
Abg. Richthofcn (kons.) erklärt, daß seine Freunde gegen diesen Entwurf stimmen. Ans eine Frage des Redners, wie der Minister über einen Kali-Ausfuhrzoll denke, antwortet
Minister Delbrück: Auch gegen den Kali-Ausfuhrzoll bestehen grundsätzliche Bedenken, vorausgesetzt, daß derselbe für die Dauer gedacht ist. Ich spreche hier aber nur meine persönliche Auffassung aus.
Abg. Herold (Ztr.): Einen Kohlenaussuhrzoll hält ein Teil meiner politischen Freunde durchaus für zweckmäßig. Nach der Erklärung der Regierung werden wir aber dagegen stimmen. Beim Kali liegen die Dinge anders. Das Ausland ist auf unser Kali angewiesen. Wir stehen daher dem Gedanken eines Sali« Ausfuhrzolles sympathisch gegenüber.
Abg. Stresemann (ntl.) erklärt sich gegen den Kohlenaussuhrzoll. Die Hauptbedenken lägen auf dem handelspolitischen Gebiete.
Abg. Gothein (steif. Vgg.) tadelt, daß der Handels- Minister auf die an ihn gerichtete Frage bezüglich Ein- sühning eines Kalizolls, die ganz außerhalb der Tagesordnung liege, geantwortet habe; Frage und Antwort schmeckten ganz außerordentlich nach bestellter Arbeit.
Abg. Hue (S.) wendet sich in schärfsten Ausdrücken gegen den Gedanken eines Kohlenaussuhrzolls und kritisiert die ganze .Gesetzesmacherei" der neuen Mehrheit. Mit den Sleuetn, die Sie hier verabschieden wollen, haben Sie das Christentum verhöhnt, haben Sie die Barmherzigkeit mit Füßen getreten. (Lebhafter Beifall d. b. Soz, Ruse: Pfui, unverschämt, rechts, Lärm und Unruhe im ganzen Haufe.)
Vizepräsident Dr. Pansche tust den Redner wegen der letzten Aeußerung zur Ordnung. «Beifall.)
Handelsministet Delbrück bestreitet, daß seine Antwort auf die Frage nach dem Kalizoll bestellte Arbeit gewesen sei. Mik bet Frage des Kalisynbikats habe das aat nichts zu tun.
Nach weiterer unerheblicher Debatte schließt die Diskussion. § 1 der Vorlage wird einstimmig abgelehnt, desgleichen bet Rest der Vorlage.
Donnerstag: Fortsetzung.
[] Die Lage klärt sich.
Die letzlen Schwierigkeiten rn Sachen der Reichsfinanzreform sind behoben. Nach langen eifrigen Verhandlungen zwischen Regierung und der neuen Mehrheit des Reichstages ist man sich, wie schon gemeldet, am Dienstag abend endlich über den Ersatz für die abgelehnte Erbanfaüsteuer und die von der Regierung für „unannehmbar" erklärten Steuern einig geworden.
Man wußte schon, daß die engeren Beratungen sich um eine schärfere Besteuerung der Börse oder der Börsenwerte drehten. Jetzt ist es heraus: Die von der neuen Reichstagsmehrheit vorgeschlagenen Besitzsteuern: Wertzuroachssteuer, Schecksteuer, Erhöhung des Kunden- und Effektenstempels sollen durch eine Talonsteuer, eine Besteuerung der Zins- scheine bei Aktien- und Wertpapieren unter Freilassung unserer Staats- und Rnchspapiere ergänzt werden. Das Reich soll durch diese Steuer von den zur Verteilung kommenden Dividenden ein Fünftel Proz. bis ein Proz. mitbekommen, Außer- dem ist durch Aenderung des Stempelgesetzes eine schärfere Heranziehung des Geldverkehrs vor- gesebcn. Der Stempel für Kauf- und sonstige An- schafsungsgeschäfte wie ihn ’ Kommission beschlossen, wird aestrichen werben, dagegen *• unter die Schecksteuer auch fallen Quittungen über Geldsummen aus B a nkgu th a be n, die i.. Kommission vom Stempel befreit halle.
Die Bedeutung des erzielten Kompromisses liegt darin, daß anstelle der in 2. Lesung angenommenen Kotterungsstcuer bezw. dec ursprünglich geplanten Nachlaßstcuer drei Steuern auf das mobile Kapital treten. Tas ist zunächst die Stempelerhöhung auf langfristig» Wechsel, auf die Fenerversiche- rungsaesellschasten, auf Aval- und Kautionswechsel, sowie eine Scheck- und Nnis atzstempel- steucr. Ten Gesamtbetrag berechnet man auf 20 Millionen. Lazu tritt eine Erhöhung des Emij- sionsstempets für auszugebende neue Wertpapiere (Aktien, Obligationen, Pfandbrieie). Der finanzielle Effekt sind 23 Millionen. Die dritte Steuer, Talonsteuer, ist eine Steuer, die bisher noch nicht bestanden hat. Sie umfaßt Zinsschein» und
Dividendenbogen und dringt 27 Millionen. Der Ertrag dieser drei Steuern delänft sich also zusammen auf 70 Millionen vom mobilen Kapital.
Die Jmmobilien-Wer tzuwa ch ssteuer in Verbindung mit einem Umsatzstcmpel soll nebenher mit einem Ertrag von 40 Millionen jährlich bestehen und außerdem sollen 25 Millionen Matri« kularbeiträge mehr als bisher von den Bundesstaaten erhoben werden, so daß die vorzugsiveise Belastung des Besitzes insgesamt 135 Millionen jährlich betragen würde. Da außerdem noch aus Ermäßigung der Zuckersteuer und Aufhebung der Fahrkartensteuer nut zusammen 55 Millionen verzichtet werden soll, so würden noch 310 Mill, durch indirekte Steuern zu decken sein. Diese sind durch Bier, Branntwein, Schaumwein, Tabak, Kaffee und Tee, Zündwaren und Glühkörper ausreichend gedeckt, so daß Kohlenausfuhrzoll und Mühlenumsatzsteuer preisgegeben werden können.
* * *
Man wird diese Form der Lösung als recht glücklich bezeichnen können, Natürlich sind gegen alle erdenklichen 'Steuern Einwände zu erheben. Wie sollte es auch anders sein? Keiner zahlt gern Steuern, und die berlvickelien steuerlichen Verhältnisse im Reich, in den Einzeistaaten und den Städten und Gemeinden zwingen dazu, auch auf weniger beliebte Steuern zurückzugreifen. Aber es ist der Reichsragsmehrheit gelungen, Steuern zu finden, die die breite Masse nicht s o stark belasten, wie es die ursprüngliche Regierungsdorlage rat. Die indirekten Massenverbranchssteuern (Mer, Tabak, Branntwein usw.) sind in ihren Ansätzen erheblich herab- gemindert worden. Statt 40 0 Millionen sollen sie nur 310 Millionen Mark bringen. Man stelle sich vor, was das heißt l An die Stelle der Erbschaftssteuer sind Steuern gesetzt worden, sie in des Wortes schärfster Bedeutung besser sind: Die Wertzuwachssteuer z. B. ist eine alte liberale Forderung. Lediglich wilische Gründe, lediglich j>er Wunsch, der Rechten Schwierigkeiten zu machen, veranlaßt die Linke, sie abzulehnen. Die Einführung des Scheck- siempels ist nach Zeitungsmeldungen sogar erfolgt, weil die liberalen Bankherren es wünschten, um auf diese Weise die allzugroße Ausbreitung der Schecks über ganz kleine Beträge zn Verhindern. Tie Erhöhung des Stempels auf Kuxen- und Effekten bat an der Börse keinerlei Rückschlag ausgeübt, als die Regierung mit dieser Vorlage kam. Und jetzt die Talon- oder Kuponsteuer? Auch die National! iberalen hatten ja eine Dividenden st euer angekündigt. Es wird aber niemand behaupten wollen, daß eine Dividendensteuer etwas wesentlich anderes sei, als das, was man letzt Kuponsteuer oder Talonsteuer nennt. Die Kreise, öie durch diese Steuer getroffen werden, können sie and) tragen. Insofern wirkt die Steuer noch sozial günstig, als sie dem überschnellen Anwachsen der ganz großen Vermögen wenigstens eine schwache Bremse anlegt.
Das Verdienst, jetzt die Verabschiedung der Steuern herbeigeführt zu haben, gehört in erster Linie dem Zentrum. Es hat, als der Block- feuren mit Bülow auf dem Kutschersitz am tiefsten in den Blockiumps.hineingeraten war, kräftig zugegriffen, mehr als nack" außen hin bekannt geworden ist, um aus dreie Weise dem entsetzlichen Anwachsen der Reichsschulden um 1% Millionen täglich ern Ende zu bereiten und die Verabschiedung der Vorlage und die Gehaltserhöhung der Reichsbeamten zu ermöglichen. Datz das Zentrum vielfach angegriffen wird, ist zu erwarten. Tas wird aber die Freude an diesem glücklich verabschiedeten Riesenwerke nicht
Bernhard von der Eiche.
Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach.
<s4] (Nachdruck verboten.)
Zu derselben Stunde stano ein einsamer Mann ,ern von der Isarstadt am Fenster eines Zimmers in Schloß Randenhagen. Auch hier schien der Mond und warf die Silberschleier über die schiachnoe Welt.
Friedrich von Randen hatte eine schwere Arbeit getan. Er hatte eben das Boudoir seiner Frau betreten, hatte eigenhändig die weißen Bezüge über die pfrrsichfarbenen Seidenmöbel gezogen, die Bilder verhängt und die kostbaren Nippsachen, Prachtalbums und Marmorstatuetven weggeräumt Eine feine Stickerei von Herta äuge» fangen, lag auf dem Tisch. Randen hob sie auf. Ein ferner Veilchenduft haftete ibr an; die junge Frau bevorzugte dieses diskrete Parfüm. Wie er sie vermißtet Sie hatte ihm so wenig gegeben. Randen barg die Stickerei an seiner Bcusttasche; seine Lippen bewegten sich leise.
„Solltest Du je enttäuscht und flügellahm werden, so erwarte ich Dich."
So schrieb er ihr, als sie von ihm ging. So sprach er auch heule in Gedanken mit der großen, tiefen ßidbe, die nichts toten kann.
Er ging hinaus. Seine .Hand schloß die Tür zu ihrem Zimmer. Niemand sollte es betreten; es war ihm, als sei es ein Grab, in dem sein Liebstes ruhte.
Zwischen Frau Gerard und Ines war eine große Freundschaft entstanden. Fast täglich sahen ffie sich bald auf einem Spaziergänge, bald in Mon Repos. oder Irmgard holt- das junge Mäd- chen.i" ihrem Ponywagen ab. Auch beim Gene- latdrrektor kam man zusammen. Müllers liebten 'es .gemütliche Abende in ihrem gastfreien Haufe au veranstalten.
Zuweilen kam auch Bernhard dorthin, oder er holte die Schwester ab. Es gab heiße Arbeit auf dem Hochofeuwerk; neue Assistenten mußten in den Betrieb cingeführt werden. Die Erze, aus Frankreich bezogen, eigneten sich besser zum Schmelzen und die Produktion wuchs. Müller rieb sich vergnügt die Hande. Er sah, daß er in der Wahl des Hochojenchess einen Griff in den Glückstopf getan hatte und Frau Gerard, die Hauptbewiligte, merkte es an d m Steigen der Aktien.
Wenn sie mit Bernhard bei Mullers zusam- mentraf, verkehrten sie als gesellschaftlich gebildete Menschen in sehr verbindlicher Art. Nur jemand, der scharf blickte, konnte erraten, Laß eine gewisse Kühle beide beherrschte, wenn sie sich notge- Lrungvn anredeten. Ines war viel zu harmlos, um etwas zu merken, und aud> Müllers schienen nichts Außergewöhnliches in dein Verkehr der beiden zu finden. Niemals sprachen sie über ihr kurzes Beisammensein in den Bergen; es war, als sei diese Episode ausgelöscht.
Eines Abends war man wieder beim Gene- raldivekwr MMer versammelt. Luch der Amtsrichter und seine Frau, ein älteres Ehepaar und der Doktor mit ferner Mutter waren da. Ines hatte einige ihrer hübschen Volksküchen gesungen, die Fräulein Elfriede begleitete. Jetzt bat die.Tochter des Hauses Frau Gerard zu spielen. Sie tat es in so dringender Art, daß es unhöflich gewesen wäre, nein zu fagen.
.Was soll ich spiolen?" fragte Irmgard, etwas verlegen, denn Bernhard stand neben dem Flügel, und sie wußte durch seine Schwester, daß er ein feinsinniges Verständnis für Musik hatte. Er spielte selbst das Klavier und blies sehr schön das Kornett. Ost waren die weichen Töne in der 'Mille der Nacht bis hinauf nach Mon Repos gedrungen.
„Ach bitte, spielen Sie etwas von Sibelius!" rief Frau Müller vom Sofa herüb». „Dieser
schwedische Komponist sollte auch in Deutschland mehr Beachtmrg finden."
Frau Gerard erfüllte den Wunsch ihrer Wirtin. Sie spielte erst „Valse trifte“, jene eigenartige, schkxmmütige Tondichtung, in der grelle Disharmonien mit sehnsüchtigen Klagen abwech- sesn. In lautlosem Schweigen hörte die kleine Gesellschaft zu. Neben brillanter Technik besaß Irmgard einen sehr Weichen Anschlag und vertiefte Auffassung. Es lag etwas Persönliches in ihrem Spiel; es packte und ergriff.
Bernhard saß im Schatten der hohen Stehlampe; er war ganz von dem Genuß dieses schönen Spiels hingerissen. Komne Liste scheinbar so falte Frau so spielen? Lag nicht ein warmes, pulsierendes Herz in der Sprache der Töne, öffnete sich ihre stolz verschlossene Seele unter dem 3cuber? Einmal blickte er zu ihr hinüber, nur einige Sekunden. Ec sah. daß ihr schönes Gesicht wie von einem inneren Licht erstrahlte. Die schlanke Gestalt war laicht vornübergebeugt, und die weißen Finger, an denen die kostbaren Ringe blitzten, eilten mit mühloser Geläufigkeit über die Tasten.
Nach der „Dalse trifte", spielte Frau Gerard noch Sibelin's Elegie und Romanze, beides Stücke, die ihren Ztchöreru bekannt waren und die ziemlich ixenjePben Charakter wie „Valse triste" haben. Und unvermittelt, kaum daß der letzte Akkord oer melancholischen Romanze ver- fhtngen war, schwirrten die neckischen Töne des „Papillon" von Gr>eg durch das Zimmer. Das perlte und flatterte unter den Fingern. Man glaubte, den bunten Falter von Blüte zu Blüte huschen zu sehen, man atmete den Duft der Rosen, bei denen der kleine Gast eiruehrte, um gleich darauf fein loses Spiel weiter zu treiben. Irmgard erhob sich vom Klaviersessel. Alle dankten ihr begeiftert. Fräulein Elfriede erging sich in überschwenglichen Eogüssen, Ines umarmte ine Freundin.
„Du spielst fo, daß man nicht weiß, ab man weinen oder lachen soll!" rief sie, Irmgard, das'
traute Du gebend, das sie seit einigen Tagen benutzten.
Nur Bernhard sagte nchts, er blätterte in einem Album. Fürchtet er zuviel, fürchtet er zu wenig zu sagen?
An diesem Tage zogen wieder die Weichen Klänge des Kornetts durch Rößlingen. Sie zo- gei: auch zum Schlößchen Frau Gerards hinauf. Diese stand in der Loggia und horte fie, aber noch ehe das Instrument verstumme war, ging sie ins Zimmer, mit fester Hand die Tur verschließend. ----—
„Weißt Du, Hardy, Freitag ist Irmgards Geburtstag," erzählte Ines nach einigen Tagen, „wir müssen gratulieren."
Bernhard sah auch die Notwendigkeit ein. Er bestellte bei einem Kunstgärtner in Lutemonrg einen Strauß dunkelroter und gelblicher Rosen, der am Morgen einrraf. Ines hatte eine Zotte gebacken und eine zierlich: Handarbeit engefer- ngt. Sie wartete voll Ungeduld auf den Bruder, der sich etwas verspätete.
„Nun, Hardy, es ist bald ein Uhr!" rief sie.
„Ja, Kleines, aber ich konnte nicht früher loskommen, eine Kesselreparatur ist im Gange."
„Hu, Wie Du aussiehst! Wie ein Schmied, der vor der Esse gestanden hat! Hände und Gesicht sind schwarz. So geh doch und mache Dich schön, ober beeile Dich, wir sind gewiß die letzten Gratulanten."
Trotz dieser Ermahnung brauchte Bernhard über ane Viertelstunde, bis er im schwarzen Rock, den spiegelblanken Zylinder auf dem Kopf erschien.
Ines sah ihn stolz an und zupfte an feinet Kravatte.
„Du bist doch ein stattlicher Mann, Hardy!"
Sie reckte sich auf die Fußspitzen und küßte ihn zärtlich
Fortsetzung fo!M