Einzelbild herunterladen
 

_ - 1 Rnzrrgen: vir et»

«kfchckist täglich mit '3e &. «OS N™T ▼ J A fpdtigepefitieileober

Ausnahme der §o.m- / W A W W -*Ju ,A A, a A Ak A AI AA deren Sau« 15 Pfg.

und Feiertage, viertel- flk M« U 1W JWM W ■■ /V Rellamendiepetttzeile

jährlicher Vezugspreis W W W 1 »1 IOBY ^^A.W/ W A II II I I 25 Pfg., bei wieder-

ohne Sringrrlshn und H| | |ll | |7 ■ M MM I ■ ■ ■ ■ ■ ■ ■ tz-l-mgen wird entfpr.

Bestellgeld in Fuldafo- «MW Me VII M. M M K Ä. 11 ■ I.BI Rabatt gewährt.

wiea«rwSrtsl.5«Mt. U& MW& Uss /tiTOA X!)M ▼▼ ■ ▼ fl

Ä «t W ™ ▼▼ W ZL^ «»tationsdruSund

Verantw. Redakteur: BW Verlag der Fuldaer Ak-

«arlSchütter Ä .. tiendruckerei inFuld»

sÄ«"®«- Mchenbewg«:,M«ftrierte Somfiagrzewm^' M<mat-dellag«: „Fuldaer Geschichtrblatter „^,,».9.

M 151. Fulda, Mittwoch den 7. Juli 1909. 36. Jahrgang.

Erstes Matt.

Deutscher Reichstag.

Sitzung vom 6. Juli 1909.

Auf der Tagesordnung steht zunächst die zweite Beratung eines Gesetzes betreffend die

zollwidrige Verwendung von Gerste.

Ein sozialdemokratischer Antrag, die Vorlage von der Tagesordnung abzusetzen, wird gegen Fretsmmge und Sozialdemokraten abgelehnt.

8 i der Vorlage verbietet, Malz aus Gerste, die bei der Einfuhr in das deutsche Zollgebiet nach einem niedrigeren als dem für Malzgerste bestehenden Zoll- satz verzollt ist, zu Brauzwecken zu verwenden. — Die Kommission hat dem hinzugefügt, daß alle auS dem Ausland eingehende Gerste, die als Futtergerste em- geführt wird, kenntlich zu machen ist, wenn nicht der Nachweis erbracht wird, daß sie zur Bereitung von Malz ungeeignet ist, oder daß sie hierzu nicht ver­wendet wird. Jeder Verkäufer der zum niedrigeren Zollsatz verzollten und nicht kenntlich gemachten aus­ländischen Gerste ist verpflichtet, dem Käufer ausdrück-^ lich von der erfolgten Verzollung nach dem niedrigeren Zollsatz Kenntnis zu geben.

Abg. Stolle (Soz.) lehnt die Vorlage ab, da sie zugunsten der Landwirtschaft eine ganze Reihe von Gewerbetreibenden schädige und dem kleinen Landmann die Einfuhr der ausländischen Futtergerste erschwere.

Abg. Hausmann-Hannover (natl.): Die Einfuhr von Braugerste, die mit 4 Mark zu verzollen ist, ist seit dem Jahre 1906 um 2 Millionen Doppelzentner zurückgegangen, während die Einfuhr von Futtergerste, die nur mit 1,30 Mark zu verzollen ist, in der gleichen Zeit um 2 Millionen Doppelzentner gewachsen ist. Da ist es ganz klar, daß Braugerste als Futtergerste eingefuhrt worden ist. Darum ist diese Vorlage notwendig, der wir zustimmen. r ,

Abg. Hufnagel (kons.): Der Rückgang der Einfuhr von Braugerste und die Zunahme der Einfuhr von Futtergerste beweist, daß die Umgehung des Zolles von 4 Mark möglich ist. Der reelle Handel wird von der Vorlage nicht berührt. . m ,

Abg. Carstens (frs. Vp.) bezerchnet die Vorlage als einen agrarischen Wechselbalg, den feine Parte: durchaus ablehnen müffe, zumal sie den Handelsver­trägen widerspreche und die Regierung in der Som« Mission ihr .Unannehmbar" erklärt habe.

Ministerialdirektor Dr. Kühn erllärt, dich die Re­gierungsvorlage die Ausfüllung einer Lücke in der be­stehenden Gesetzgebung darstelle, um die Umgehung der zollpolitischen Vorschriften unmöglich zu machen. Die Forderung einer allgemeinen Kenntlichmachung der Futtergerste ist aber für die Verbündeten Regierungen unannehmbar.

Abg. Boigt-Cratlsheim (wirtsch. Vgg.) spricht sich für die Vorlage aus und gibt der Hoffnung Ausdruck, daß die Verbündeten Regierungen ihren Widerspruch gegen die Kenntlichmachung der Gerste aufgeben werden.

Abg. Gothein (frs. Vgg.) bestreitet, daß Futtergerste häufig zu Brauzwecken verwendet werde, und wirst dem Bundesrate vor, daß er in dieser Frage wieder umgefallen sei. Im weiteren spricht Redner seine Freude darüber aus, daß die Verbündeten Regierungen die Kenntlichmachung der Futtergerste als unannehm­bar bezeichnet haben, und meint, der Schnapsblock solle selbst darauf dringen, nicht Nur hinter den Kulissen die Macht zu haben, sondern auch nach außen hin.

Ministerialdirektor Dr. Kühn: Eine vorsichtige Gesetzgebung hat Uebertretungen von Gesetzen vorzu- bengen, auch wenn solche Uebertretungen mcht nach- gewieseu sind. Die Regierung hat schon lange eine Gesetzgebung, wie die vorliegende, für erwünscht ge- halten. Was die Angriffe und Verdächtigungen des Abg. Gothein gegen die verbündeten Regierungen an­geht, so glaube ich, daß ich den Regierungen zu nahe treten würde, wenn ich auf diese Verdächtigungen ein­gehe.

Abg. Speck (Ztr.): Der Gesetzentwurf entspricht nicht vollständig den Wünschen, die ich hier bei der ersten Anregung ausgesprochen habe. Diese meine Wünsche sind gescheitert an dem Widerstände der ver­bündeten Regierungen, und ich würde gegen den gan­zen Entwurf stimmen, wenn ich nicht den dringenden Wunsch hätte, daß das so nötige Gesetz möglichst bald in Kraft trete. Besonders bedauerlich ist die im Gesetz­entwurf vorgesehene Behandlung der zur Herstellung

von Malzkaffee verwendeten Gerste, wodurch das Aus­land vor dem Jnlande bevorzugt wird. Wir haben nie beabsichtigt, die Gerste zu versteuern. Leider haben die verbündeten Regierungen eine allgemeine Kenn­zeichnung der Futtergerste für unannehmbar erklärt. Die Verantwortung für das Gesetz tragen wir gern, da es für unsere Landwirtschaft von größter Wichtigkeit ist. (Beifall.)

Es wird ein Antrag auf Schluß der Debatte ein­gebracht.

Abg. Dr. Eemler (natl.): Ich habe vor dem Haufe folgendes festzustellen. Soeben kommt Graf ©armer zu mir und sagt zu mir, ich hatte ja einen Antrag zu ß 1 Stellt; man wolle mich dazu fünf Minuten reden en. Nur unter dieser Bedingung wolle man jetzt aus den Schlußantrag verzichten. (Hört, hört! links und große Unruhe.) Ich habe dem nichts hinzuzufügen. (Stürm. Hört, hört! links.)

Unter großer Unruhe erfolgt die namentliche Ab­stimmung über den Schlußantrag. Er wird mit 184 egen 149 Stimmen bei acht Stimmenthaltungen ange­nommen. (Psui!-Ruse links.)

Vizepräsident Dr. Paasche: Das Pfui ist nicht par­lamentarisch.

Abg. Dr. Eemler (natl.) nimmt das Wort zur persönlichen Bemerkung und wiederholt mit Rücksicht Darauf, daß vorhin eine Anzahl Mitglieder nicht im Hause waren, seine Erklärung und beruft sich auf den Prinzen Schoenaich - Earolath, der die ganze Unterhaltung des Grafen ©armer mit ihm angehört habe.

Abg. Graf ©armer (kons.) fzur Geschäftsordnung): Nachdem fämtliche Parteien zum Wort gekommen waren, hatten wir einen Schlußantrag mit anderen Parteien verabredet. (Große Unruhe links. Zurufe: Mit uns nicht! Ruse aus dem Zentrum: Jawohl, mit uns!) .

Abg. Graf ©armer (kons.): Da wurde mir hrer oben vom Bureau mitgeteilt, daß Dr. Semler sich ge­meldet hätte, um seinen Antrag zu begründen. Daraus hörte ich, daß der nächste Redner Dr. Hahn von unserer Partei war und bin nun ,« Dr. Semler gegangen und habe ihm gesagt: Der nächste Redner ist von unserer Partei. Wir find bereit, Ihnen den Platz einzu- räumen (Stürm. Hört, hört! rechts) zu Gunsten Ihres Antrages, wenn Eie nicht zu lange sprechen wollen. (Hört, hört! rechts) Ich habe gejagt: 5 Minuten.

Abg. Dr. Semler (ntl.): Graf ©armer hat mir fünf Minuten zur Bedingung gemacht. Daß Dr. Hahn der nächste Redner war, ist unrichtig. (Hört, hört! links.) Er hatte sich hinter Dr. Südekum zurückstellen laffen. (Hört, hört! links.)

Bizepräfident Dr. Paasche: Dr. Hahn war zu mir gekommen und sagte, er wolle noch nicht reden, er wolle sich umschreiben laffen, und bitte, hinter Dr. Südekum heranzukommen. Davon habe ich Dr. Semler Kenntnis gegeben. (Hört, hört! links.)

Abg. Gras ©armer (kons.): Ich kann nur von neuem konstatieren, daß ich Dr. Semler gesagt habe, das nächste Wort hat ein Herr unserer Partei. Ich habe es so gehört, und ich kann es nicht anders sagen, als ich es gehört habe. Ich habe ja auch nur gehört, daß Dr. Semler sich zu Wort gemeldet hat, sonst hätte ich ja gar nicht zu ihm gehen können. Ich kann ebenso den Prinzen ©arolath zum Zeugen anrufen. Wenn Dr. Semler so erregt war, daß er es überhört hat, so bedauere ich es. Ich kann nur sagen, es ist so ge­wesen. Ich habe zwar von 5 Minuten gesprochen, aber die 5 Minuten werden oft genug gebraucht, ohne daß man sich nachher an den Buchstaben hält. (Sehr richtig! rechts.)

Äbg. Dr. Hahn (kons.): Ich möchte nur feststellen, daß die Aussührungen des Grasen ©armer, soweit sie meine Person betreffen, absolut zutreffend sind. Ich bin, ohne dem Grasen ©armer oder sonst jemand ein Wort davon zu sagen, zum Präsidenten gegangen und habe ihn gebeten, mich au einer anderen späteren Stelle einzuschreiben. Das geschieht ja oft

Vizepräsident Dr. Paasche: Ein Borwurf gegen den Grafen ©armer kann nicht erhoben werden. Er ist im guten Glauben gewesen. Er hat die frühere Red­nerliste gesehen, erst danach kam Dr. Hahn zu mir.

In der Abstimmung wird zunächst em Tetl des Antrages Semler angenommen. Danach braucht die Färbung nicht zu erfolgen bei dem Nachweis der Ver­wendung zu Brennzwecken. Der andere Teck des An­trages, auch bei Nachweis der Verwendung zu Futter­zwecken von der Färbung zu entbinden, wird abge­lehnt. In namentlicher Abstimmung wirb der so ge­staltete § 1 mit 255 gegen die 85 Stimmen der Frei­

sinnigen und Sozialdemokraten bei einer Stimment­haltung angenommen. Die §§ 2—4 werden nach den Beschlüssen der Kommission angenommen, ebenso § 4 und damit das ganze Gesetz.

Es folgt die zweite Lesung der Reichsfinanzreform.

Der von der Kommission abgelehnte Entwurf eines Elekirizitäts- und GaSsteuergefetzes wird ohne Debatte vom Plenum einstimmig abgelehnt, ebenso nach un­wesentlicher Debatte das Anzeigenstenergesetz.

Die zweite Beratung des Effekienftempels wird auf Antrag des Grafen Westarp (L), da über diesen Gegenstand noch Verhandlungen mit der Regierung schwebten, gegen den Widerspruch des Abg. Singer (Soz.), der wegen seiner Aeußerung, die Rechte drücke mit ihrem Verhalten dem Reichstag immer mehr den Stempel einer Schacherbude aus, unter großer Unruhe der Rechten vom Präsidenten zur Ordnung gerufen wird, von der Tagesordnung abgesetzt.

Ein vom Abg. Singer (Soz.) gestellter Antrag auf Vertagung des Hauses wird abgelehnt.

Es folgt die Beratung der Kommissionsvorlage über die Zündwarensteuer.

Abg. Osann (ntl.) begründet eine Reihe von ihm gestellter Anträge und erklärt dann, daß seine poli­tischen Freunde das Gesetz auf Grund der jetzigen po­litischen Situation ablehnen müßten, auch wenn seine Anträge angenommen würden.

Abg. Dr. Vahrenhorst (Rp.): Meine politischen Freunde stehen der Vorlage wohlwollend gegenüber und werden ihr zustimmen, da sie keine zu große Be­lastung der Bevölkerung zur Folge haben wird.

Abg. Momsen (srs. Vgg.): Es handelt sich,hier nicht um eine Regierungsvorlage, sondern um einen Antrag der Kommission, und da können wir wohl eine Erklärung der Verbündeten Regierungen verlangen, wie sie sich zu diesem Antrag stellen. Das Publikum wird durch diese Belastung ganz erheblich geschädigt, und die Fabriken sind nicht in der Lage, eine so hohe Belastung zu tragen. Wir unserseits müssen die jetzige Vorlage ablehnen. (Zurufe: Jede, jede!)

Ministerialdirektor Dr. Kühn: Bezüglich der Stel° lungnahme der Verbündeten Regierungen gegenüber der Vorlage habe ich keine offizielle Erklärung abzu­geben, aber nach meiner Kenntnis der Dinge nehme ich an, daß Die Regierungen Die Vorlage, wenn sie hier angenommen wirb, nicht ab- lehnen werden. (Heiterkeit.) Statistisch ist fest- gestellt worden, daß im letzten Jahre sechs Millionen Brandschäden durch fahrlässiges Wegwerfen von Streichhölzern entstanden sind. Sollte dieser Schaden durch eine Steuer eingeschränkt werden, so könnte das nur begrüßt werden.

Abg. Schwartz (Soz.) bekämpft die Steuer als volksfeindlich.

Abg. Sir (Ztr.) regt an, die Zündhölzer aus bil­ligerem und solche aus besserem Holz differenziell zu behandeln. . .

Abg. Dr. Müller-Meiningen (srs. Vp.) betont, daß das Zentrum diese Steuer in den Vordergrund ge­schoben habe. Der Entwurf sei zweisellos in der Wil- helmstraße selbst angefertigt, er fei technisch viel zu ge­schickt, als daß er aus Der Feder des Abg. Dr. Rösicke kommen könnte. (Heiterkeit links, Lachen rechts.) Seine Partei lehne diese Steuer ab.

Nach weiterer unerheblicher Debatte schließt die Diskussion. § 1 wird in namentlicher Abstimmung mit 179 gegen 165 Stimmen bei 1 Stimmenthaltung ange­nommen. Zum § 2 wird ein Zusatzantrag Rösicke (£onf.) angenommen, der einen neuen § 2a einfügen will, der die Steuererleichterungen für die ersten fünf Jahre nach Inkrafttreten des Gesetzes regelt. Die folgenden Paragraphen werden unverändert ange­nommen. Mit § 8 werden gleichlautende Anträge Dr. Rösicke (kons.) und Osann (natl.) angenommen, nach denen statt des Namens und Wohnortes des Her­stellers auch eine bei der Sienerbehörde anzumeldende Maike auf den Verpackungen angegeben werden kann. Die §§ 10—38 werden unverändert angenommen. Mit § 39 werden gleichlautende Anträge Osann (natl.) und Vahrenhorst (Rp.' angenommen, wonach der Zoll für Zündhölzer, Zündstäbchen aus Pappe von 20 auf 30 Mark heraufgesetzt werden soll. Mit § 41 (lieber» aangs- und Schlußvorfchrislen) wird ein Antrag Rösicke (kons.) angenommen, wonach von der Steuer die Zündkerzchen freizulaffeu sind, die sich zur Zeit des Jnkrasttreien des Gesetzes im Besitze von Straßen­händlern und ähnlichen Kleinhändlern befinden. Doch soll der Bundesrat den sreizulaffenden Vorrat begrenzen

können. Die §§ 42 und 43 werden unverändert ange­nommen. Endlich wird noch ein vom Abg. Dr. Rösicke (kons.) beantragter neuer § 43» angenommen, wonach, wenn beim Inkrafttreten des Gesetzes Anträge über Lieferung von Zündwaren bestehen, der Lieferer berech­tigt sein soll, vom Abnehmer einen um den Betrag der Steuer erhöhten Preis zu fordern, und die bare Zah­lung der Steuer bei der Lieferung zu verlangen, falls nicht anderes vereinbart ist.

Damst ist die Zündwarensteuer in zweiter Lesung angenommen.

Mittwoch: Kleinere Vorlagen; Fortsetzung der Finanzreform.

X Nationalliberale Knlturkämpfer.

In einem Stimmungsbild des nationalliberalen ,Schwäbischen Merkurs (Nr. 304) zum national­liberalen Parteitage finden wir folgendes:

Zwar kam der Unwille über die Gesetzesmacherei der neuen Mehrheit und über einzelne besonders un­gerechte, volks- und mittelstandsfeindliche Steuern zum Ausdruck, zwar hob fich die Stimmung in dem Ge­danken an den Aufschwung der Partei, den man jetzt schon empfindet und für die nächste Zeit noch stärker erwartet. Aber die Hauptsache war dies alles nicht. Die stärksten Stürme durchbrausten den Saal, wenn es gegen den Bund der Landwirte und vor allem gegen das Zentrum, gegen die Römlinge auf deutschem Boden, ging. Der Zorn über die wiederkehrende 3en» trumsherrschast war — neben der Ueberjeugung, daß ein gewaltiges Anwachsen der Sozialdemokratie verhindert werden muß — die Triebfeder, die auf allen Seiten Die Zustimmung zu dem Verhalten der Reichs­tagsfraktion emporschnellen ließ. Mancher eingefleischte Berliner Skepliker hat vielleicht mit Ueberraschung ge­sehen, wie stark noch der Blockgedanke in den Herzen da „draußen" ist, wie lebendig auch die Sympathie für den Fürsten Bülow als den Schöpfer des Blocks und den Kämpfer wider Rom.

Es ist ganz gut, daß die Nationalltberalen in ihrem Aerger jetzt den Mund so Weir aufmachen. Es entschlüpft dabei manches dem Gehege ihrer Zähne, das sie, wenn sie wieder etwas ruhiger ge­worden, sicher gern verleugnen würden. Sonst bestritten sie stets, daß "der Kampf gegen da's Zentrum, seine „Ausschaltung" int Jahre 1907 auch konfessionelle Beweggründe habe, und daß hinter dem Kampfe gegen die politische Par­tei des Zentrums die Sehnsucht nach einem neuert Kulturkämpfe, nach einem Kampfe gegen „Rom" lauere. Jetzt aber offenbart sich die kulturkäm­pferische Gennnung der Nationalliberalen mit ihrer Sympathie für den Blockschöpfer Fürst Bü­low als dm „Kämpfer wider Rom" vor aller Welt.

Der Abg. Bassermantt hatte schon trt feiner Rede auf dem Parteitage unter stürmi­schem Beifall erklärt, es werde dem Fürsten Bü­low unvergessen werden im deutschen Lande, daß er „nochmals in großer Stunde den Kampf gegen Rom" gewagt habe. Und unter brau­sendem Jubel fügte er hinzu) Seine, des Reichs­kanzlers Gedanke, die Blockschöpfung, werde wie­der auferstehen, wenn Roms Einfluß wieder unerträglich werde.

Fürst Bülow s e l b st hat bekanntlich immer versichert, daß sein Kampf gegen das Zentrum lediglich politischen Ursprungs sei und nicht im mindesten der kaiholischn Kirche gelte. Ja, der Kanzler schien besonderen Wert darauf zu legen, gerade die Fortdauer guter Beziehungen zu Rom zu demonstrieren, und offiziöse Federn stellten die Dinge so dar, als wenn nicht Fürst Bülow, son­dern im Gegenteil das Zentrum diese guten Be- zieh un gen störe. Und nun behauptet Herr Bas- sermann, der doch mit dem Reichskanzler auf ver­trautestem Fuße sieht, Fürst Bülaw habe den Kampf gegen Rom geführt, und seine Getreuen brechen dabei in stürmischen Beifall aus, um zu bekunden, daß die Nationalltberalen heute noch ebensolche Kultur kämpfer sind, wie ihre Vä-

Bernhard von der Eiche.

Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach.

23] (Nachdruck verboten.)

Frau Huber lsucht-te und kletterte zuerst zur Mansarde empor. Mit einer einladenden Hand- lbewegung forderte sie ihre neue Mieterin auf, tiäfjer zu treten. Herta stolperte, als sie die stei­len Stufen hinauf klomm. Eine bleierne Müölg- Seit machte sich geltend , fie wäre gern allein ge­blieben, aber Thea rief ihr nach:

„Ich erwarte Dich zum Abendessen. Komme (bald, wir find hungrig!"

Aus dem „wir" schloß Herta, daß der Kamerad nn der Mahlzeit teilnehmen sollte.

Oben sand sie ein schmales Zimmer mit einem kleinen Fenster, ein eisernes Beit mit grauer (Wolldecke, zwei wacklige Stühle, einen mit Del ge- sstrichenen, archgenutzten Kleiderschrank, einen nm- Leu Tisch und eine Waschkomode mit brüchigem Geschirr uni» einen blinden Spiegel, das war 'alles. In Randenhagsn wohnten die Dienstboten ■fcefier. Es mußte im Sommer unerträglich heiß, jimf Winter eisig kalt sein in der Mansarde. Frau ; Huber stellte die Lampe auf den Tisch. Mrr wohl- gefällig gekreuzten Armen stand fie da. Eine dumpfe Äuft war im Zimmer.

„Bitte, öffnen Sie das Fenster," sagte die tunge Frau beklommen atmend.

Die geflickte, ziemlich unsauber« Gardine Hafite zu dem klebrigen.

. , „Nun, wie gefällt Ihnen das 8immer?" fragte »le Wirtin.

-®aT nicht." Es schwebte Herta auf der «"ttge, es sagen, aber es lag ein so gutmuti- per Avsvnuck in dem runden, freundlichen Gesicht vor Frau Huber, baß ihre Mieterin sie Nicht kran­ken mochte.

„Es geht an," sagte Herta zögernd. Dann fragte fie nach dem Preise; er war nicht hoch. So entschloß fie sich, vorläufig auf drei Monate im Borans zu bezahlen, wie es verlangt wurde.

Mu einem: „Ich danke auch schön" empfahl fich die Vermieterin. Herta trat an das offene Fenster und blickte hinaus auf die fremden Stra­ßen, auf die Dächer der großen Stadt, in der sie leben sollte. Ein Gefühl der Angst würgte sie. Wird sie finden, was sie suchr? Har sie nicht allzu Großes autfgegdben? Jagt sie nicht einem Phan­tom nach? Und plötzlich sah fie ihr verlassenes stolzes Heim vor sich, sah die festen .schützenden Manern des alten Schlosses, ihr trauliches Zim­mer mit öen eleganten Möbeln und das reizende Boudoir, das ihres Mannes Liebe für fein junges Weib eingerichtet hak«. Und fie schloß die hei­ßen, überwachten Augen. Aber da taucht Fried­rich Ranidens Antlitz d«lllich in ihrer Erinnerung auf. Jeder Zug war da, nur erschien et ihr edler, anber», wie sie ihn im Leben gesehen hatte.

Ist es so? Ist sie blind gewesen, weil fie blind sein wollte?

Jemand stieß die Tür zur Mansarde aus. Es war Thea.

„Nun kommst Du endlich?" fragte sie etwas ungeduldig.

Herba «lrwachte aui ihren Gedanken. Sie säuberte Hände unb Gesicht vom Starck, der Reise; dann folgte fie der schon vorangefchrütenen Male- rin in dte untere Region.

In dem „Salon" Theas herrschte eine geniale Unordnung. Stuf Öen mit buntem, fleckigem Zeug bezogenen Sofa lagen ihr Regenmantel und ihr Hut. T4e Malerin selbst hatte ein dunkelrotes Reformkleid angezogen, ihr Haar kräuselte fich ttt wirren Locken um ihmn Kopf. Auf dem Fuß­boden lagen Zigarettensttumnsl, Schwefelhölzer und Asche, eine große getigerte Katze machte es sich auf dem Polster eines Sessels bequem; ihre grün­lichen Augen blinzelten schläfrig. —

Herta hatte sich vorgenommen, ihre Mienen besser zu beherrschen; sie mochte es nicht mit der einzigen bekannten Person in der großen Stadt verderben.

Kaller Ausschnitt, Brot, Butter und Käse stan­den auf dem Tisch, dazu ein großer Krug brau­nen Bieres. Teller und Schüssel waren aus schad- haslem Fayence und die Gabeln und Messer von der einfachsten Sorte. — Thea Schönhausen schien es nicht zu bemerken; sie war es nicht anders ge­wohnt. Ihrer Freundin entging nichts von der Misere dieses genialen Künstlerheims; ihr ver­wöhnter Geschnmck war der der reichen Frau. — Alfredo Mandel stellte sich auch ein. Er trug ein braunes Samtjackett und eine hellblaue lose Kra­wattenschleife a la Lord Byron, seine Locken hatten einen kühnen Schwung, und das kleine, schwarze Bärtchen war unternehmend nach oben gestrichen.

Während des Essens sprachen Thea und ihr Kamerad lebhaft auf Herta ein. Sie 'rieten ihr, in die Akademie des Professors Beyerstein einzu­treten, der es mit „Anfängern" versuchte. Ob­gleich Herta wußte, daß sie eine Anfängerin war, wurde das Wort recht oft und nachdrücklich betont. Alfreds schwarze Augen bohrten sich in Frau von Randens Gesicht; sie errötete und ärgerte sich darüber.

„Morgen zeige ich Dir mein Atelier, ver­sprach T^a auf eine diesbezügliche Frage Hertas.

„Was malst Du eben, Thea?"

„Eine Herbstlandschaft aus den bayerischen Alpen. Ich war vorigen Sommer mit Mandel einige Wochen in einem reizenden Dörfchen."

„So sind Sie auch Landschaftsmaler?" fragte Herta, aus Höflichkeit sich an Alfredo wendend, der die Katze neckte und dabei eine kurze Pfeife mit einem nächt eben wohlriechenden Tabak rauchte. Sie hatte den kleinen Maler bisher igno­riert, was Thea Schönhausan übel zu nehmen schien, denn fie wurde immer kühler und die Un- terhaltuna stockte.

„Nein ich bin Porträtmaler, entgegnet* Man­del, „ich male besonders gerne schöne Frauen."

Ein schräger Blick traf Frau von Randen bet diesen Worten. Thea fing ihn auf.

„Und dralle Bauernmöbel im Dorf," sagte sie spöttisch, „so a la Defregger; das heißt, et möchte und kann Nicht."

Alfredo war empfindlich, und es entspann sich zwischen ihm und Thea ein Wortgefecht, in dem sie sich gegenseitig Schnödigkeiten sagten. Die Katze strich schnurrend um Hertas Knie. Sierhalle von jeher einen Widerwillen gegen diese Sorte Tiere gehabt, und der getigerte Kater Prinz wat ihr grauenhaft.

„Ich bin heute todmüde, Thea, gute Nacht," sagte Frau von Stauben, sich erhebend. Sie über­sah Mandels ausgestteckte Hand und neigte kaum merklich den Kopf gegen ihn.

Thea begleitete sie die Stiege zur Mansarde hinauf. Als fie Herta fo blaß sah, mit den dunklen Ringen unter den Augen, kam die angeborene Gutmütigkeit der Malerin zum Vorschein. Sie umarmte die junge Frau und küßte sie herzlich.

„Schlafe Dich gut aus," sagte sie freundlich. „Morgen bist Tu wieder frisch und hast neuen Lebensmut."

Nun war Herta endlich allein.

Sie setzte sich auf den Stuhl am Fenster und stützte den Kopf in die Hand.

Es hatte aufgehört zu regnen. Der Mond schien hell auf die nassen Dächer und die Stern- lein standen am dunklen Himmelszelt. Der laute Wortwechsel in Theas „Salon" drang herauf. Man unterschied deutlich ihre sonore Stimme und das Organ Alfredos, das dazwischen tm hohen Diskant überschlug; fie schienen sich über etwas zu zanken. Wer Herta war zu müde, um darauf zu achten; sie schloß das Fenster und entkleidete sich. Bleierne Müdigkeit warf fie auf bas dürftige Bett und sie schlief sofort ein.---— —--

lFortketzuna folgte)