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«rschttnt täglich mit Ausnahm« der $o j«= «ndZeiertage. viertel­jährlicher Vezugspreir ohne Sringerlohn und vesteLgeld in Fuldas»- wie auswärts 1 50 31«-

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mondsteOage: „Fuldaer Geschichtsblätter"

Anzrigen: Vie ein- spMge Petitzeile oder deren Rau« ZS Pfg. Reklamen drepetitzeile 25 Pfg^ bei Wieder­holungen wird entspr.

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Rotationsdruckund Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Rr. 9.

♦ Jahrgang.

Zweites Wtcltt.

Der blau-rote Block.

Der geistreiche Abg. Friedrich Na-uinana hat mit seinen politischen Prophezeiungen schon oster Pech gel>abt. Aber ein Wort er au-gespro­chen, ist prompt von der Zertgeschrchte bestastgt worden: seine Ankündigung eines „Blocks von Basserma'nn bis Bebel".

Wer Härte geglaubt, daß noch vor dem Ende des Blockreichstags, der den Sozialdemokraten so große Wahlverluste brachte, die besiegten So­zialdemokraten und die angeblich siegrei­chen Liberalen Arm in Arm gehen würben, als treue Bundesgenossen, nicht bloß in der Be­geisterung für die Erbanfallsteuer, son­dern auch in der schließlichen Ablehnung aller a n- deren Steuergesetze. Nicht etwa nur die Frei­sinnigen haben sich mit den Sozialdemokraten verbündet, sondern auch die Nation al libe­ralen, die sich für den Kern des regierenden Blocks und für das Muster einer staatserihaltön- den Partei auszugeben pflegen!

Die hervorragende Stellung, die der revolutio- näran Partei durch diese Blockbildung von Bas- scrmann und Bebel zuteil geworden ist,, verdient eine viel schärfere Beachtung, als sie bisher ge­sunden hat. Auch wer den Verlauf der Rezie- rungskrisis erklären will, darf den „roten Faden" nicht aus den Augen verlieren.

„Eine Mehrheit von nuracht Stimmen!" rief die liberale Presse au», als die Abstimmung am Johannistage statt gefunden. Freilich, wenn eine Kraftprobe Nur unter den bürgerlichen Parteien stattgefunden und dabei die Opposition nur einen Ueberschuß von acht Stimmen erzielt hätte, so würde sicherlich die neue Wendung in der Regievungstaktik nicht eingetreten sein. Dann hätte man es wohl mit Auflösung und Neuwahlen versuchen können. Au einer Berufung an die Wähler wäre es ohne Zweifel sofort gekommen, wenn,etwa die sozialdemokratischen Stimmen auf feiten der Gegner der Erbanfallsteuer gefallen wären und bei der Ablehnung den Ausschlag ge­geben hätten. Aber al» der umgekehrte Fall ein- trat, da konnte die Regierung an keine weitere Kraftprobe danken. Die sonderbare Freund­schaft und Unterstützung, die ihr von der Sozialdemokratie zu Teil geworden, legte die ganze „Taktik" lahm.

Zunächst ergab sich, daß die sog. „konservativ- klerikale" Mehrheit kein Zufallsprodukt des Augenblicks war, sondern eine beträchtliche Ueberlegenheit der einen bürgerlichen Partei­gruppe über die andere. Rechte und Zentrum brachten 50 Stimmen mehr auf, als die Liberalen der verschiedenen Schattierungen mit Einschluß der Reichspartei. Gegen eine Mehrheit von» 50 Stimmen ist viel schwerer anzukämpfen als gegen eine Mehrheit von 8 Stimmen.

Zweitens ergab ein Blick auf den neuen „Block von Basiermann bis Bebel", daß ein von der Re- gierung inszenierter Wahlkampf gegen die neue Mehrheit unter den gegenwärtigen Verhältnissen zu einer sehr starken Zunahme der sozial- b e m akratischen Fraktion führen müßte. Der unveimieidliche Reingewinn der Sozialdemokratie ließ obendrein das Zustandekommen der gewünsch­ten liberalen Regierungsmehrheit als aus­geschlossen erscheinen. Also die Auflösung hätte nur Nachteile, aber keine Vorteile für die Negierung gebracht, darum mußte man auf sie verzichten.

Die Bundes genossen schäft der S o- zralüemokratie wird den Liberalen auch noch wüter verhängnisvoll werden bei ihrem agi­

tatorischen Kampfe gegen die Rechte! und das Zentrum. In der Hetze und Volksverführung, ent­wickelt die ganze liberale Presse, von der „Kölni­schen" bis zur „Freisinnigen", eine unübertteff- liche Rührigkeit. Aber bei den Leuten, die Noch cktwas gesunden Menschenverstand haben, wird schließlich der Gedanke durchbrechen: Wenn ein Bündnis mit dem Zentrum nicht schön sein soll, so ist ein Bündnis mit der revolutionären Sozial- demokmtie zweifellos noch viel häßlicher und schädlicher!

Deutsches Reich.

)( Die Wertzuwachssteuer soll jetzt anscheinend den Gemeinden wenigstens teilweise auf dem Wege des Erlasses weggenommen worden. Die zuständigen preußischen Minister haben nämlich „neue Grundsätze" für die Steuer aufgestellt, Worin es neben anderen Beschränkungen heißt: „Die Wertzuwachsstsusr darf 25 Proz. des steuer­pflichtigen Wertzuwachses nicht übersteigen." Was darüber hinauZgeht, will sich der Staat offenbar selber Vorbehalten.

* Die Konservativen im Lande und die Reichsfinanzreform. Weil einige Konservative im Lande mit der Haltung der konservativen Reichstagsfraktion nicht einverstanden sind, sieht die liberale Presse bereits den Aufruhr gegen die Fraktion in Hellen Flammen ausbrechen und glaubt — oder tut wenigstens, als glaube sie es —, bei Neuwahlen würden die konservativen Wähler mit ihren Vertretern gründliche Abrech­nung halten. Die ,Kreuzztg/ stellt demgegen­über, wie wir in der.Germania' lesen, fest, daß die große Masse der Konservativen im Lande „auch in diesen ernsten und schweren Tagen treu und standhaft zur Partei und ihren bewährten Führern steht". Nur vereinzelte Parteifreunde hätten sich durch die maßlose liberale Agitation beirren und verwirren lasten. So hat der Vor- stand des Konservativen Vereins G r o ß - Lichterfelde eine Kundgebung veröffentlicht, worin er sich von der Parteileitung förmlich los­sagt, weil die Konservativen im Reichstage in der Finanzreformsrage gegen die Regierung sich mit den Polen und dem Zentrum verbunden hätten. Darauf hat die Parteileitung an den Lichterfelder Vereinsvorstand folgende Antwort gerichtet:

In der Lossagung von der jetzigen Parteileitung erblicken wir, solange diese Parteileitung zu Recht be­steht, eine Lossagung von der Gesamtpartei. Wir nehmen hiervon Kenntnis und betrachten den Verein nunmehr aus der Deutschkonservativen Partei aus­geschieden.

Diese kühle Verabschiedung hatte der Vor­stand, in dem verschiedene dem Evangelischen Bunde geistesverwandte Herren sitzen, wohl nicht erwartet. Nach ihrer Meinung sollte ihre Kund­gebung die Wirkung einer Einschüchterung der Parteileitung haben, und nun kommt ein er­nüchterndes: „Na, denn Adieu!" Wenn die Liberalen auf einen Zwiespalt im konservativen Lager große Hoffnungen für Neuwahlen setzen, so werden sie sich jedenfalls schwer getäuscht haben.

)( Der „Hansabund" hat es sich zum Ziele ge­macht, nichr nur jene Kreise um seine Fahnen zu sammeln, den ein großes nationallibcrales Blatt mit „Mob 6er Börse" kennzeichnete, er möchte auch die Handwerker für sich gewinnen. Aus dem Grunde hat er den Ehrenobermeister Richt aus Berlin in den Vorstand genommen. Dieser alte Herr, der die Bedeutung seiner also gewönne-

Bernhard von der Eiche.

Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach.

22] (Nachdruck verboten.)

Irmgard schauderte. Sie kam sich plötzlich so klein und nichtssagend vor gegen das Gefchwi- sterpaar. Dieses zarte, blonde Mädchen war meh­rere Jahre jünger, was leistete sie im Vergleich zu ihr? Und der Bruder, ixiefer Mann, der das ganze verwickelte Unternehmen de» schlecht ge­führten Hochofenwerkes leitete, dem Hunderts auf einen Wink gehorchten, von dessen Einsicht und Wissen Millionen abhingen, stand er nicht tote ein Herrscher da, arbeitete er nicht für sie, fcaamr sie den verwöhnten Leib in die kostbarsten Stoffe kleiden, sich den Luxus erlauben konnte, der durch die harte, gefahrvolle Arbeit gesichert wurde? —

Der Abend sank. Schon krochen feine Schat- ten über das Tal; auf der Höhe war noch Dicht.

»Wir wollen aufbrechen," sagte Frau Gerard zu Ines.

..Sie gingen durch Unterkorn, einem kleinen Arverterdorf. dessen Männer auf dem Rößlmger SScrf beschäftigt waren. Kurz vor Mon Rspos überholte sie ein Reiter. Barry sprang freudig bellend auf ihn zu.

„ES ist mein Bruder!" rief Ins» erfreut "Hardy, -Hardy!" ertönte ihr Mer Ruf.

, , k^nte er nicht anders. Er mutzte abftei-

"äherte er sich der lichten Stauen- Qtt der Seite der Schwester.

Hatdp, laß mich dis Sona führen," bat Sugel der braunen Stute Ergreifend.

mJ«10 $tn1?r &en beiden andern her. Jrm- ÄÄn9 Xl-n schnelles Tempo an, sodaß Ines mit Eiche einige banale \etoe Kolgren sich sehr höflich und waren F* ihrem aufgezwungenen Alleinsein bald M Ende zu machen. Sie hatkm Mon Repos fast

erreicht, da sagte Frait Gerard schnell: „Ich habe Ihnen noch nicht für Ihr entschlossenes Eingrei­fen auf dem Gletscherfelde gedankt; der Stein traf gerade die Stelle, auf der ich stand."

„O, bitte, gnädige Frau, e» ist wirklich nicht der Rede wert. Ich hatte das kleine Ereignis vergessen."

Sie warf trotzig das Haupt zurück. Sie sand seinen Ton so abweisend tote nur möglich. Und sie ärgerte sich, daß sie die Sache erwähnt hatte. Mit einem hochmütigen Nicken gegen Eiche ver­schwand sie, nachdem sie Ines die Hand gereicht hatte.

„Was war ihr nur, Hardy? Hat sie sich über Dich geärgert?" fragte Ines. ..Sie war noch eben so nett zu mir."

„Ach, latz sie doch," entgegnete Bernhard in einem bei ihm selten gereiften Ton. „Solche reiche Damen haben Saunen. Sie wird doch keine Aus­nahme bilden."

Herta war mit hochfliegmden Plänen nach München gereift. Sie besaß dreitausend Mark, die ihre Tante ihr gelrechen, mit dem mehrere Male geäußerten Vermerk, daß auf eine weitere Hilfe chverseits auf keinen Fall zu rechnen sei. Wie bedauerte Herta es jetzt, da» Geld, da» sie t>ou ihrem Vater zu gleichen Teilen mit Ines ge­erbt, für Toiletten und fpitzenbesetzte Wäsche, für Tand und Putz verausgabt M haben. Sie war so unpraktisch und erfahren in allen Dingen des täglichen Lebens, daß sie sich mit den dreitausend Mark reich vorkam. Von ihren eleganten Klei­dern hatte sie säst nichts mitgenommen, nur eine elfenbeinfarbene Robe, von der sie wußte, daß sie besonders vorteilhaft darin aussah. ES war nicht leicht gewesen, die alle grämliche Tante in dem kleinen türingischen Städtchen zu besucheit ,ihre spitzen Bemerkungen ruhig anzuhören, da» ge­liehene Geld gegen eine Quittung zu empfangen, mit der Mahnung, ja recht haushästerisch zu sein.

Die alte Dame lachte sich ins Fäustchen, al» ihre Nichte weg fuhr.

neu Stellung im öffentlichen Leben offenbar stark überschätzt, erklärte bekanntlich auf der Grün­dungsversammlung breitspurig:. das ganze deut­sche Handwerk stehe hinter ihm. Diese spaßhafte Phrasendrescherei ynrd von dem Organ des „Nie­dersächsischen Schutzverbande» für Handel und Ge­werbe" nicht schlecht abgetan. Das Blatt schreib! dem Herrn Ehrenobermeister folgendes ins Stammbuch:

„Gott behüte mich vor meinen Freunden, möchte man ausrufen! Wie denkt sich denn der neue Bund die Vertretung gemeinsamer Interessen? Den kleinen Schuhmachermeister, der selbst auf seinem Sche­mel sitzt und seine Arbeiten verrichtet. Arm in Arm mit dem Kohlenbaron, der ihm für die Kohle 1,65 Mark für den Zentner abnimmt! ? Den kleinen Gewerbetreibenden in Gefolgschaft des großen Börsianers, der wenig Verständnis für die mißliche Lage des Kleingewerbes hat und ihm Kredite nur unter guten und besten Sicherheiten und nur gegen möglichst hohe Zinsen und Provisionen, am liebsten aber an die Warenhäuser gibt! Ein herrliches Bild! Es sollte uns wundern, wenn dies nicht die „Lustigen Blätter" und der „Simplizissimus" verwerten und uns nächstens zum Morgenkaffe eine besondere Freude be­reiten !" ■

Das wird auf Herrn Richt allerdings keinen Eindruck machen; denn die „hohen Herren" von der Börse haben ihn rettungslos eingefangen. Aber daß das Handwerk tatsächlich so denkt, das wird er erfahren müssen, wenn dem „Hansabund" der Zuzug aus den Handwerkerkreisen attsbleibi!

* Zum Verhältnis des Zentrums zu Rom bringt das .Berliner Tageblatt in Nr. 328 einen interessanten Beitrag. Sein römischer Korre­spondent schreibt da über die Stellung des Papstes zum Zentrum:

„Die Berliner Ereignisse werden im Vatikan mit begreiflie;cin Interesse verfolgt. Ginge es nach dem Wunsche des Papstes, das Zentrum stünde der Reichs­regierung heute nicht so feindselig gegenüber. Vor einer Aeußerung solcher Gefühle hütet man sich indessen in Rom recht sehr, denn man kennt die eigene Schwäche, ja Ohnmacht gegenüber dem Zentrum nur zu gut, welch letzteres einen römischen Wink vor­aussichtlich durch ein „quod non“ (gibts nicht!) b e - antworten würde. Man empfindet, ehrlich gestanden, die eigene Abhängigkeit vom Zentrum und steht darum wohl "oder übel den deutschen Vorgängen mit Scheu und Zurückhaltung gegenüber."

Sonst behaupten politische Schwachköpfe immer, das Zentrum schiele ultra montes und hole seine Weisungen von Rom. Hier sagt das ,Berl. Tagebl/, Rom sei ohnmächtig gegenüber dem Zentrum. „Bald so, bald so, wie's trefft".

<? Darmstadt, 5. Juli 1909. Die Beratungen des Gesetzgebungsausschusses über die W a h V recht »Vorlage haben nunmehr das Ende der ersten Lesung erreicht. Nachdem die einzelnen Fraktionen des Landtags grundsätzlich ihre Zu­stimmung zu den Beschlüssen des Ausschusses so- wohl inbezug auf das Wahlrecht als auch auf die Verfassungsänderungen gegeben, darf auf ein Zu­standekommen des Reformwerke» in diesem Land­tag gerechnet werden. Diese Hoffnung wird durch die Tatsache verstärkt, daß die ländlichen Abgeord­nete:' ihren seitherigen Widerstand gegen die Vermehrung der städtischen Mandate aufgegeben haben. Auch in der Frage der Verfassungsände­rung ist man zu einer Einigung gekoinmeit. Selbst die Sozialdemokratie, die im Wahlkampfe und bi» in die letzten Monar-e ständig den Kriegsruf gegen den angeblichen Verrat von Dolksrechten er­schallen ließ, hat diesen Versuch mit untauglichen Mitteln aufgegeben. So wird, wenn nicht alle Zeichen trügen, im kommenden Herbst auch dieses Gesc-tzgebungSwerk in der Zweiten Kammer seine Auferstehung feiern. — Die Tatsache, daß von den vier nationalliberalen Reichstagsabge- orbneten Hessen» nur der Vertreter Darmstadts für die Erbanfallsteuer gestimmt, wäh­

rend die drei übrigen bei der Abstimmung durch Abwesenheit glänzten, hat in Sen Kreisen des hes­sischen Liberalismus viel Staub aufgewirbelr. In liberalen Kreisen droht man mit einer gründli­chen Abrechnung gegenüber den beiden „Abtrün­nigen", Fchrn. v. Heyl und Graf Oriola, aber es wirs voraussichtlich bei dieser Drohung bleiben. Fest steht, Saß die überwiegende Mehrheit der ländlichen Bevölkerung, auch der liberalen, ge­gen die Erbanfallsteuer eine unüberwindliche Abneigung besitzt und es scheint, daß gewisse libe­rale Politiker dieser Stimmung Ser Volksseele in kluger Weife Rechnung tragen.

vermischtes.

* Militärgerichtszugchörigkeit am Tage der Kontrollversammlung. Vor einiger Zeit fällte das Kriegsgericht der 4. Division in Würzburg die Entscheidung, Saß Reservisteir und Landtvehr- leute bei einer Konirollversammlung nicht den ganzen Tag der Militärgerichtsbarkeit unter­stehen. Kurz danach schloß sich das Kriegsgericht in Hannover dieser Entscheidung an. Das Reichs- militärgericht hat diese Entscheidung umgestoßen und erkannt, daß die a l t e B e st i m m u n g, wo- nach von uachrs 12 Uhr bis wieder Mitternacht die Militärgerichtsbarkeit bestehe, Geltung habe. Und doch ist die Bestimmung veraltet; ein Beispiel beweist dies. Nach einer Kontroll- Versammlung in Aschaffenburg kam es in einer Wirtschaft in Stockstadt zu einer Schlägerei. Ein Reserve-Unteroffizier hieb dabei mir einem Stuhle um sich und bekam dafür von einem Reser­visten einige Schläge in» Gesicht. Diesen Fall wollte das Würzburger Kriegsgericht einem Zi­vilgericht überweisen, weil e» der Ansicht war, daß nach Beendigung der Kontrollversammlung, vor allem aber bei einer gemeinsamen Schlemme­rei tm Wirtsbause der Reserve-Unteroffizier kein Vorgesetzter mehr sei. Auf Grund der Enffchei- dung des RaichSmilitärgerichts wurde der. Re­servist aber wegen tätlichen Vergreifen» an einem Vorgesetzten verurteilt und zwar erhielt er sechs Monate acht Tage Gefängnis.

Literarisches.

Deutscher Hansschatz in Wort und Bild. 35. Jahrgang. Inhalt des 19. Heftes. Der Spatz am Joch. Eine Tiroler Berggeschichte von Hans Schrvtt-Fiechtel. — Charakterköpfe zeirgernössi- scher deutscher Literatur. P. Gaudeutius Koch. Von E. M. Hamann. — Der Priestevkönig Jo­hannes in Sage und Geschichte. Von Lewis Eu- rasian. — Friede. Gedicht von P. GaudentiuS Koch. — Aphorismen. — Splitter. Von F. Quant. — Ter Heimliche. Roman von I. PeiS- fer. — Ferdinand von Schill. Von Karl Bauer. — Sinngedichte. Von Otto Pronvber. — Die Huusstage. Von G. Terburg-Arminiu». — Der 'Mir von Tfchimrfftan. Reiseerzähludg bon Karl May. — Unsere Begrüßungsformeln. Plauderei für die Reisezeit von Kurt Kersten. — Inter­mezzo. Ein Stimmungsbild von Ludw. Nüd- üng. — Ein Ausflug ins Waldenburger Berg- land. Von Fritz Mielert. — Büchertisch. Von M. Herbert. — Denk nach einmal . . . Gedicht von Hugo Oswald. — Aphorismen. Von F. Qnank. — Das Sieb von Tharerwirt. Gedicht von P. Gaudeutius Koch, 0. Cap. Komp, von Dr. Otto Denk. — Sammelmappe. — Unterhal­tungen am Familientisch. — HauZschatz-Chronik: Franz Betttnger, der neue Erzbischof von Mün­chen-Freising. — Weltrundschau. (Vom 30. Mai bis 15. Juni 1909.) — Bilderschau. — Die Ernte des Tode». — 24 Illustrationen.

Die wird es noch bereuen, ihre Stellung als reiche Frau so leichtsinnig aufgegeben zu haben. 9äun der Randen ist ein nobler Mensch da» Geld ist sicher; er zahlt es mir bei Heller und Pfennig zurück und berechnet auch die Zinsen. — So sind aber die modernen Frauen: nie zufrieden und im­mer nach dem strebend, was unerreichbar ist. Herta wird die Schule des Lebens schon klein kriegen.

Al» Frau von Randen in München ankam, erwartete ihre Freundin Thea Schönhausen sie in Begleitung eine» tleinen, wie ein Nußknacker avssehcnden Herrn, den sie al» ihren Kamera­den Alfred Mandel, verstellte. Mit einem drei­sten Lächeln hielt er Herta seine große, behaarte Hand hin und sagte in lispelnder Stimme, die da­zwischen in einen hohen Diskant umschlug:

Sie sind uns sehr willkommen in der schönen Jsarstadt, gnädigste Frau."

Herrn fühlte sich veranlaßt, etwas zu erwi­dern. Die Berührung der feuchtkalten Spinnen- ftnger Herrn Mandel- flößten ihr eine unan­genehme Empfindung ein. Sehr von oben herab sah sie auf den kleinen Kerl nieder.

Tea merkte es und flüsterte ihr jur

„Spiele Dich hier nicht auf die Baronin aus; das verfängt bei uns Künstlern nicht."

Sie fuhren durch die Stadt. Es war zu dun­kel, um etwas iwn ihr zu sehen. Alfredo Man­del hatte sich auf dem Vordersitz bet Droschke zu­sammengekauert. Die ganze Zeit fchwazte er auf Herta ein. Sie wußte kaum, was er sagte, und antwortete mechanisch „ja" ober „nein"; ihr Kopf schmerzte heftig. Sie war mübe von der langen Reife und sehnte sich nach 9iu6e unb Alleinsein. Tie Droschke hielt in der Färbergasse. Das Haus Nr. 35 war ein hohe» unschönes Gebäude.

Ich habe ein Mansardenzimmer für Dich ge­mietet," fagte Thea. „Ich felbft wohne eine Treppe niedriger und habe auch mein Atelier da­selbst. Wenn Du willst, kannst Du es benutzen. Es ist allerdings im Winter etwas luftig, aber es hat gutes Licht. Na, Du wirst Dich schon selbst überzeugen."

„Ich danke Dir."

Es kam seltsam gepreßt aus Hertas Mund hervor. Sie war so doprimlierc; Sie ersten Ein­drücke waren gerade nicht erhebend.

„Ich darf mich nicht durch Kleinigketten Nie­derdrücken lassen", dachr die junge Frau, „ich muß an den Zweck meines Hierseins denken. Jetzt heißt es, alle Kräfte anfpannen, um das Ziel zu erreichen und meinem Manne zu beweisen, daß ich rocht hatte, mein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen."

Es regnete in Strömen, als sie ausstiegen. Mandel wollte Herta dabei die Hand reichen, sie übersah es. Eine Treppe, noch eine, eine dritte, endlich eine schmale Stiege; der schwere Reisekorb ging raum hinauf. Der Hausknecht und sein Sohn keuchten, als sie oben waren.

„Noch höher?" fragte .Herta, entsetzt emporbli- ckcnd.

„Ja, die Mansarde liegt über meinem Atelier", sagte Thea. „Mein Gott, so mache doch nicht ein fo verzweifeltes Gesicht! E» ist Dir wohl nicht be- auem genug? Du kannst Dir ja eine ganze Etage mieten."

„Bitte, höhne mich nicht," sagte Herta, der die Träum nahe waren. „Ich bin Dir ja für alle Mühe verbunden, es wird gewiß gut fein."

„Der Korb geht nicht hinauf," bemerkte dec Hausknecht, die Stiege mufternb, die eigentlich mehr eine schmale Leiter war.

„Tu mußt Deine Sachen auspacken und hin­auftragen. Warum hast Du auch soviel miige- bracht. Ich kann meine Habe bequem in ein Köf­ferchen packen. Na, ich merke schon, Du mußt Dir manche» abgewöhnm, liebes Kind."

Eine ältliche Fran, der graues, spärliches Haar unter einer großen, weißen Nachthaube her­vorquoll, öffnete eine auf den Flur mundende Tür. Thea stellte sie als Wirtin, Frau Barbara Huber, vor. Mandel war in seinem Zimmer ver­schwunden, das neben dem Atelier lag.

„Wie unangenehm," dachte Herta, dieser Mensch scheint auch hier zu leben." (Forts, folgt.)