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36. Jahrgang
Fulda, Dienstag den 6. Juli 1909
M 150.
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Tatsache ist, daß die Monopolstellung Krupps, . soweit es sich um Geschütze kleinen und mittleren Kalibers der Landartillerie handelt, nicht mehr besteht: es ist bekannt, daß die Durchbrechung Oiefir Monopolstellung auch finanziell günstig gewirkt hat. Sie besteht aber heute noch für die schweren Geschütze und hat zur Folge, wie mitge- teili wird, daß die Krupp'schen Preise für schwere Kanonen und Lafetten nun um 30—40 Prozent höher sind als die seiner Konkurrenten. Der Verfasser schließt seine AuSführiungsen: Die Frage liegt nahe, ob es denn wirklich unmöglich sein soll, in unserem Lande mit seiner so beispiel- los hoch Entwickelten metallurgischen Industrie eine Konkurrenz gegen die Essener Monopolfirma zu schaffen? Krupp hat infolge seiner artillerie- rechmfchen Rückständigkeit, seiner unerschöpflichen Mittel und seiner abnorm hohen Preise dem Deutschen Reich und vielen anderen Staaten schon schwer« pekuniäre Schädigungen zugefügt und bedeutet dauernd eine furchtbare Gefahr für alle diejenigen, die infolge seines Monopols auf ihn angÄviesen sind. An allen Ecken und Endm soll bei uns gespart werden, um die Kosten der Reichsverwaltung nicht ins Unge- messene zu steigern: einen großen Anteil an dem I Anwachsen der öffentlichen Ausgaben hat die
Marine, die uns andererseits so bitter no'itut: Wäre es da nicht eine wirklich lohnend^ patriotische Aufgabe für unsere Großindustrie und untere Hochfinanz, durch Stärkung der Kon- kurrenzunternehmungen, die, tote wir gesehen haben, den Kampf gegen den übermächtigen Gegner bisher mit solcher Bravour ausge- holten haben, dem Deutschen Reich jährlich — sehr viel« Millionen zu ersparen?"
Seitens der Firma Krupp ist nun gegen die Perbrandriche Broschüre eine Erklärung er- Lssen toot&at des Inhaltes daß der Berfaffer auS Anlaß von Differenzen aus den Diensten der Firma auSgeschiedon fei, daß die Mehrzahl der erörterten Dinge außerhalb tetner dienstlichen Tätigkeit gelegen habe und daß dre Schrift für die Firma Ehrhardt Propaganda zu machen be- l stimmt sei. Aber das beweist doch nM das Ge-
X Fürst Bülow sollte, wie gestern von Berlin aus berichtet wurde, am Samstag nach Travemünde gefahren sein, um dem Kaiser Bericht zu erstatten über den Fortgang der Verhandlungen über die Reichsfinanzreform. An der Meldung ist kein wahres Wort, Fürst Bülow hat Berlin nicht verlassen. Wie verlautet, wird er erst nach beendeter dritter Lesung bi« Reichsfinanzresorm zum Vortrag beim Kaiser
△ Liberale Parteitage.
Am Sonntag haben alle drei liberalen Gruppen eine Parteitagung abgehalien, um zur Lage Stellung zu nehmen. Es tagten die Freisinnige Vereinigung, die Freifinnige Volkspartei und die nationalliberale Partei. Es gab an allen drei Stellen fürchterliche Reden gegen die Mehrheits» parteien im Reichstag und gegen den bösen Bundesrat, der nicht auflösen wolle, sowie auch über die Sch recken der reaktionären Finanzreform.
Am stillsten verlief die Tagung der Freisinnigen Volkspartei. Hervorzuheben ift | das Bekenntnis des Abg. Dr. Wiemer, daß die । Freisinnigen keinen Anlaß hätten, auf die Periode der Blockpolitik mit Bedauern zurückzublicken, die dem Liberalismus eine Reihe längst erstrebter Reformen gebracht habe: die Milderung des Majestätsbeleidigungsverfahrens, eine Strafpro- zeßresorm, eine Berbesserung des Börsengesetzes, das Reichsvereinsgeseh, das Gesetz über die Haftpflicht des Staates für Amtsvergehen von Beamten, die feierliche Zusage, daß die Reform des preußischen Wahlrechts eine der wichtigsten Aufgaben der Gegenwart ist, die Anerkennung der Gleichberechtigung liberaler Staatsauffaflung, das Zugeständnis der staatsbürgerlichen Gleichberech- tigung der Konfeflionen im Heer usw. Als man auf die Frage der Einigung des Gesamtliberalismus zu sprechen kam, gab's zwar eine „lebhafte Erörterung", aber zu einem Beschlüsse kam es
4- Die Monopolstellung der Firma Nrupp
ringfte gegen die sachliche Richtigkeit der gemachten Ausführungen I Die Firma Krupp muß ich fchon nach fachlichen Gründen umsehen, wenn sie das Gewicht der behaupteten Tatsachen erschüttern will. Sie hat dazu u. G. allen Grund und wird sich nicht beklagen dürfen, wenn man aus dem Verzicht auf sachliche Widerlegung dre Richtigkeit der in geschlossenem Zusammenhänge und beweiskräftig vorgetragenen Ausführungen d-'s Herrn v. Perbanidt fchließen wird. Auf jeden Fall aber scheint uns das Schriftchen allgemeiner und ernster Betrachtung wert, ganz tbssondecis im Zusammenhalt mit den eingangs erwähnten Vorstellungen des Grafen Oppersdorf anläßlich der Beratung des Marineetats. Auch wir halten Äaiür, baß das Bestehen eines leistungsfähigen Konkurrenzwerkes neben Krupp, sowohl, eine für die Reichfinanzen als auch für die Qualität unteres Kriegsmaterials und damit für die Sicherung der Landesverteidigung günstige Wirkung haben würde.
. Herr v. Perbrandt protestiert übrigens in einer Zuschrift an die Presse gegen die Erklärung der Firma Krupp. Danach hat Herr v. Perbrandt selbst aus Unzufriedenheit über die ein- seiriae Parteinahme feines Vorgesetzten Artilleriedirektors das Bortragsverhältnis, gekündigt und in seiner fünfjährigen Tätigkeit in dem Bureau für artillarietechnische und -kaufmännische Angelegenheiten die in der Pro schüre erörterten Dtnge kennengelernt.
Von unserer Seite wird man dieser Verdächtigung der Tätigkeit der neuen Mehrheit beim Mittelstände und dem Kleingewerbe entschieden entgegentreten muffen; denn weder die dem mobilen und spekulativen Großkapital zugedachte Kotierungssteuer, noch die in manchen Einzelheiten vielleicht nicht hinreichend durchdachte Parsümsteuer, noch der Kohlenaussuhrzoll, noch die Umsatzsteuer aus Großmühlen, noch die Wertzuwachssteuer treffen den Mittelstand. Sie treffen vielmehr den wirklichen Besitz und den Luxus; der Kohlenaussuhrzoll verbilligt dem Gewerbestand das ' wichtigste Rohmaterial und die Umsatzsteuer auf Großmühlen soll ja gerade den Mittelstand schützen!
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 5. Juli 1909.
Am Bundesratstisch: Finanzminister von Rhein- baben, Staatssekretär v. Sydow. Auf der Tagesord- nung stand die zweite Lesung eines Gesetzes bett, die Aenberung des Schankgefäßgesetzes.
Das Gesetz sieht Bestimmungen vor, daß die Schankgefäße nur Quanten enthalten dürfen, die vom Liter abwärts durch Stufen von zehn Teilen und vom halben Liter abwärts von 20 Teilen des LUers gebildet -werden. Ferner soll die Verwaltungsbehörde befugt fein, den Mindestbetrag des Abstandes zwischen Full- llrich und Rand von einem Zentimeter auf zwei Zentimeter zu erhöhen.
Die Vorlage wird nach unwesentlicher Debatte an eine Kommission von 14 Mitgliedern verwiesen.
Es folgt die zweite Beratung des Gesetzentwurfs vetr. das
Erbrecht des Staates.
Die Kommission schlägt vor, die Vorlage abzulehnen. „ , . ,,
. Abg. Dr. Junck (ntl.) erklärt namens seiner poli- , tischen Freunde, daß sie der Regierungsvorlage zu- stimmen würden. „, ...
'■ Abg. Dove (frs. Vgg.) spricht sich namens seiner Partei gleichfalls für bte Vorlage aus. Wenn sie auch stellenweise verbesserungsbedürftig sei, so sei sie doch besser als die Hundstagsprodutte der Kommission.
Weinsteuer.
, Die Kommission beantragt Ablehnung des Regie »unaSentwurss, dagegen eine Erhöhung der Schaum
i Abg. Graf Sanitz (kons.) begründet einen von chm Angebrachten Antrag, der die von der Kommission «bgelehnte Weinsteuer m etwas veränderter Form wieder «insühren will. Danach soll für Wein- und Trauben- Snost im Werte von mehr als 40 Mark für das Hekto- Eiter eine Steuer erhoben werden von 71/» Pf- für da? Liter. Mußerdem soll für Flaschenweine ein staffelsörmiger .Zuschlag von 10 Pfg. (bet einem Preis von mehr alS $ Mark für die Flasche) bis zu 8 Mark erhoben wer- den. Redner betont, daß man zwar den deutsche« -Weinbau schützen müße, aber man werde es im Volke ikaum verstehe«, daß der Wein frei bleiben soll, wenn falle andere« Grnußmittel, wie Bier und Branntwein -herangezogen würden.
Reichsschatzsekretär Shdo« bedauert eS, daß der Megierungsvorschlag in der Kommission Itine Mehrheit 'gesunden habe. Wenn Mer und Branntwein besteuert werde, bürfe der Wein nicht frei bleiben. Er könne tobte dem Antrag Kanitz nicht zustimme», da dieser auch die billige« Weine treffen würden di« «ach der Regierungsvorlage freibleiben sollten, und dadurch der Wiuzerstand schwer belastet wurde.
i Abg. Dr. Weber (ncttl.) erklärt, daß sein« politische» Freunde bei der allgemeinen polittschen Lage foeber dem Antrag noch der Vorlage zustimme»
haben wird. ____ , , . .
)( Er wird wieder krank! Am Mittwoch beginnt fein neuer Prozeß, und da heißt eS jetzt wieder, m seinem Befinden habe sich eine Verschlimmerung geltend gemacht. Beim Fürsten Eulenburg nämlich. Er habe Samstag und Sonntag daS Bett nicht verlaffen können und habe mehrfach schwere Herzkrämpfe und Ohnmachtsanfälle erlitten. Das ift denn doch höchst auffällig. Man würde e8 unseres Erachtens im Volke nuht verstehen, wenn Staatsanwaltschaft und Gericht jetzt nicht rücksichtslos die Sache zu Ende bringt
db. Der Meineidsprozeß gegen Genera! Hammann, dem Preßdezernenten im Auswärtigen Amte, hat am Montag feinen Anfang genommen. Sogleich nach Eintritt in die Verhandlungen, bet ! denen er sich um die Frage handelt, ob Hammann mit der Ablegnung vorehelichen Verkehrs mit feiner jetzigen Frau, der früheren Frau feines früheren Freundes Prof. Schnntz, eine« Meineid geschworen hat, wurde die Oefsent- lichkeit ausgeschlossen. ES wurden jedoch zwei Vertreter deS Auswärtigen Amtes mtt Stenographen zugelaffen, weil das Auswärtig Amt ein dringendes Jntereffe daran hat, den Gang der Verhandlungen mtt Rücksicht auf em etwaiges Disziplinarverfahren zu kontrollieren.
» Landau (Pfalz), 5. Juki 1909. Als Kandidat der Zentrumspartei des zweiten pfälzischen ReichStagSwahlkreiseS wurde LandtagSadg.
' Siben aus DeideSbtim ausaestellt.
nicht. 1
Bei der Freisinnigen Vereinigung» ' den Unentwegten in „Wadenstrümpfen«, gab's zunächst eine grimmige Resolution gegen die „neue Mehrheit« und alles, was den Herren in ihre Börsenintereffen nicht hineinpaßt. DaS Thema der Einigung des Liberalismus wurde auch behandelt ünb die Neigung zur Einigung war erheblich stärker als bei den volksparleilichen Kollegen. Zu erwähnen ist noch, daß Herr Nau- mann seine große Genugtuung darüber aus- prach, daß der Block von Bebel bis Bass ermann bei der Finanzreform Wirklich- eit geworden fei.
Am meisten Jntereffe beanspruchten die Beratungen, welche die Nationalliberalen gepflogen haben. Einen so scharfen oppositionellen Ton wie am Sonntag haben die Nationalliberalen auf einem Parteitage wohl noch nie gehört. Das Referat über die politische Lage erstattete Bassermann. Aus seinen Darlegungen sind zwei Punkte bedeutsam: zunächst das offene Eingeständnis, daß der Liberalismus aus eine Reichstagsauflösung hinarbeitet, um durch sie Parteigeschäfte zu machen, welche sie im Jahre 1911 nicht mehr wird machen können und zweitens seine maßlose, an den ödesten Kulturkampfsjargon erinnernde Hetzrede gegen daS Zentrum. So äußerte er:
Die Verbrüderung mit dem Zentrum ist die große bittorische Schuld der Konservativen. Diese Verbrüderung muß sür das Land verderblich werden. Rom 1 macht eine zielbewußte Politik, eine Politik, bewährt und fest geworden durch Jahrhunderte in zäher Kraft und Willensstärke . . . Fürst Bülow hat den Kampf gegen das Zentrum gewagt; daß er den Kampf vn- loren hat, ist tief beklagenswert. Und dann noch einS: Wenn die Wogen höher und höh« steigen, wenn immer I mehr und mehr im deutschen Volke d« Gedanke »lebet | wach wird, daß es unerttäglich wird, wenn Roms ®uv ] fluß wächst, dann wird d« Blockgedanke deS Kanzlers in Deutschland seine Wiedergeburt feiern.
Hen Bassermann rechnet augenscheinlich darauf, daß der faror protestanticus, dem die Nationalliberalen bei den letzte« Wahlen soviel« Erfolge verdankten, auch bei der nächsten Wahl ein treuer BundeSgenoffe sein möge. Abg. Dr. Weber, bet „Steuermann der Nationalliberalen, sprach von den neuen Steuern als von einem ' „Raubzuge gegen den Mittelstand" und von „antisozialen und mittelstandSseindlichen" Be-
(Heiterkeit) t ,
, Abg. Ulrich (Eoz.): Wir werden der Vorlage zu« stimmen, weil wir den in ihr enthaltenen Grundgedanken für berechtigt halten. Der neue Echnaps- drüderblock hat den Satz aufgestellt: Dm Besitzenden schonen, den Nichtbesitzenden fest heranzrehen. In der Kommission hat ein Herr von der rechten Sette gesagt, die Vorlage sei kein Erbrecht des Staates, sondern ein Raubrecht des Staates. Die Herren, deren Vorfahren Raubzüge unternommen haben, aber dabet wenigstens ihre Haut zu Martte trugen, haben, nachdem sie die Klinke der Gesetzgebung in die Hand bekommen habm, es nicht mehr nötig, ihre Haut zu Markte zu tragen; sie beuten das Volk aus, indem sie tzesetze machen. (Sehr richtig! links und bei den Sozialdemokraten.) v , _.
Präsident Graf Stolberg: Herr Abgeordneter, Sie sprachen von Raubzügen; ich nehme an, daß Sie damit nicht Mitglied« des Hauses im Auge gehabt haben. (Heitk.)
Abg. Ulrich (sortsahrmd): Ich habe natürlich Mit- ^lieder des Hauses nicht gemeint (Heitk.) Die ewige Finanzmisere im Reich und in den Emzelstaaten wird solange sortdauern, als man nicht wagt, das liebel an seiner Wurzel zu {affen, als man nicht den immer wachsend« Ausgaben für Marinezwecke, He« und Kolonie« ein Ende macht.
Reichsschatzsekretär Sydow: Den beiden ersten Herren, die jetzt für die Vorlage gesprochen haben, stimme ich durchaus zu. Der dritte Redner hat in einer Weise für die Vorlage gesprochen, die bewirkt, daß uns an fein« Zustimmung nichts liegen kann, i Abg. Gröber (Zentr.): Wenn diese Vorlage Gesetz würde, so würde die Bevölkerung sicher dafür sorgen, idaß recht wenig bet der Steuer herauskommen würde, es würdm aber mehr Testamente gemacht werden. Durch diese Vorlage wird auch der Besitz, besonders die großen Vermögen und Fideikommisse so gut rote aar nicht getroffen. Es handelt sich hierbei gar nicht um eine Steuerfrage, sondern um eine hochbedeutsame Frage des Privatrechts. (Sehr richtig! rechts und rm Zentrum.) Es liegt auch keinerlei Anlaß vor, den fundamentalen Grundsatz des Bürgerlichen Gesetzbuchs der Eigentumssreihett aufzuheben. (Sehr richtig! rechts und im Zentrum, Lachen links.) Das Eigentum tst älter als der Staat, und der Staat ist b«ufen, das | Eigentum zu schützen, und nicht die Freiheit des @ii tumszu beschränken. (Sehr richtig! rechts und im trum.) Wollen Sie an Stelle des lachenden Erben den lachenden Bureaukraten setzen? Wenn diese Vorlage Gesetz würde, dann wäre schließlich d« Umfang beä Privaterbrechts nur eine Zweckmäßigkeitsfrage. Wird diese Vorlage Gesetz, bann wird es nicht lange dauern und man wird kommen und sagen: Warum soll die Erbfolge erst beim fünften Grade ausgeschlossen fein, warum nicht schon beim dritten? Und auf solche Weise würde schließlich das Erbrecht des Staats mehr und mehr erweit«t werden. (Sehr richtig!, rechts und hn Zentrum.) Wir wollen das Prrvatrecht der Familie bestehe« lassen, wie es nach reiflicher Ueberlegung im Bürgerlichen Gesetzbuch festgelegt ist und lehnen bes- Ihalb die Vorlage ab. (Lebhaft« Beifall im Zentrum Und rechts.) , , ..
Abg. Dr. Ablaß (Fr. Bp.) polemisiert gegen die Ausführungen deS Vorredners.
Nachdem die Abg. v. Oertzeu (Rp.V Raab lwirlsch. Vgg. und Frhr. v. Richthofen (kons.) sich der Bortoge gegenüber ablehnend ausgesprochen, schtteßt bte Dts- i In «amentlicher Abstimmung wird daS Gesetz mit 191 gegen 136 Stimmen bei einer Stimmenthaltung abgelehnt ! Damit ist das Gesetz in zweiter Lesung endgiltig gefallen.
Es folgt die zweite Lesung der
Vizepräsident Dr. Paasche teilt mit, daß Abg. Graf Kanitz beantragt habe, für den Fall der Ablehnung seines Antrages die Regierungsvorlage rotebtog^t36et (Zentr.): Der zweite Anttag Kanitz widerspricht völlig bem ersten Antrag Kamtz unb ich bin neugierig, wie der verehrte Graf Kamtz seinen »weiten Antrag begründen wird. (Hetterkett.) Rach Lern Antrag Kmltz würde jed«Wein besteuert werden und ro« die Verhältnisse in den Winzergebieten kennt, kann unmöglich einer Weinsteuer zustimmen. Gegen eine allgemeine Weinsteuer spricht noch, daß bei der Gründung des Reichs Württemberg zugesichert ist, daß eine allgemeine Reichsweinsteuer nicht emgefuhrt werden solle. Solange noch Treu und Glauben besteht, kann unmöglich das Vertrauen Württemberg? enttäuscht w«den, und auch die verbündeten Regierungen werden das nicht zulassen.
Abg. Lehmann-Wiesbaden (soz.) hält den Konser- vattven vor, daß sie sich um die bedrängten Winzer gar nicht kümrnetten. Die Sozialdemokratie werde bte Sten« ablehnen. ., _ . ,
Abg. Schultz (Rp.) polemisiert gegen bte Soztal- bemofraten, die jetzt die Winzer schützen wollten, aber früher für die Herabsetzung der Wemzölle nicht emge- tieten seien. Den Nationalliberalen wirst Redner vor, sie seien inkonsequent und umgefallen.
Abg. Blanckenhorn (ntl.): Man kann das ;a verstehen, daß man den Wein zur Steuer heranziehen werde. Man bedentt aber nicht, daß dreie Steuer den Winzer allein treffen würde, der heute schon tn einer trostlosen Lage sich befindet. Durch die Vorlage wurden die Aermsten d« Armen, deren Existenz schon so bedroht sei, noch mehr belastet. Auch sei der Wernkonsum tn den letzten Jahren außerordentlich zurückgegangen. Das sehe man schon im Restaurant dieses Hauses, früher sei viel mehr Wein getrunlen worden, letzt, da es Diäten gebe, trinke man Eellersroasser und Limonade. (Heiterkeit.)
Abq. Stauffer (wirtsch. Vgg.): Wir werden gegen den Antrag Kanitz stimmen, weil wir furchten, daß die Steuer nicht auf den Konsumenten abgewalzt, sondern auf den Produzenten bleiben wird. _
Ab«. Dr. David (©.): Die Weinsteuer wurde der Nagel zum Sarge der wirtschaftlichen Existenz von tausenden kleiner Leute sein. Der Antrag Kamtz ist noch schlimm«, weil er auch bte billigsten Weine trifft.
Nach einer weiteren unwesentlichen Debatte werden sowohl d« Anttag Kanitz, wie auch die Regterungs- üoriage^a ^^^tz also gefallen. Artikel 1 (Erhöhung der Steuersätze sür Schaumweine) wird mtt 200 gegen 125 Stimmen angenommen.
Dienstag: Gesetzentwurf betreffend zollrvtdrtge I Verwendung von Gerste; Gas-, Elektrizität?-, Jnseraten- uud Zündroarensteuer.
reifen. . . ,
)( Ueber den Nachfolger Bülows wird m der Presse sehr viel hin- und hergeraten. Als „aussichtsreichster Kandidat« wird der Graf Monts, Botschafter in Rom, genannt. Man sagte diesem Herrn früher nach, daß er sich einer goldenen Rücksichtslosigkeit erfreue. Ob das den Liberalen zugute kommen würde, ist eine andere Frage. Wahrscheinlich haben sie sich, wenn dieser Herr kommt, kläglich mit ihrem Geschrei nach Bülows Rücktritt verrechnet. — Auch die Kandidatur von Dr. v. Bethmann»Hollweg taucht jetzt immer stärker auf. Diese Kandidatur hat insofern sehr viel für sich, als dieser Herr sich in die innerpolitischen Angelegenheiten einzuarbeiten Gelegenheit hatte, sich auch als durchaus befähigt gezeigt hat Man spricht auch vom Finanzminifier v. Rheinbaben und vom Fürsten zu Fürstenderg.. Der letztere, so wird gesagt, habe die günstigste Aussicht, Kanzler zu werden, denn er hübe das Privileg, ein Freund des Kaisers zu sein. Trotzdem halten wir es nicht sür wahrscheinlich, daß er die Kanzlerbürde auf sich nimmt. Andere Namen, die man hört, sind: Graf Wedel, Genera! v. Löwenfeld, General Mackensen. Wir haben keinen Anlaß, uns an den Prophezeiungen zu beteiligen, wir warten zunächst einmal ab, ob und wann Fürst Bülow gehen wird.
)( Ueber das Arbeitsprogramm des Reichstages verlautet jetzt folgendes: Die zwette Lesung der Reichsfinanzgesetze soll am Donnerstag beendet werben und dte dritte Lesung am Freitag und SamStag «ledigt w«den. — Die Reichs« besolbungsgesetze werden in der nächsten Woche verabschiedet werben, nachdem die Bndgetkommtssion diese Gesetze in dieser Woche zum Abschluß gebracht
Deutsches Reich.
-T-: Die Ersahsteueru, die anstelle der von der Regierung als unannehmbar bezeichneten Torschläge der Finanzkommission treten sollen, bereiten bet liberalen Presse anscheinend arge Kopfschmerzen. Anders ist es nicht zu erklären, wenn wir in ihr Tag sür Tag neue Meldungen über den angeblichen Zwang der Verhandlungen finden. Wir gehen nicht näher barauf ein, weil diese Meldungen einfach alle falsch sind. Irgend welche Abma- chungen sind noch nicht getroffen worden. Die nächste Entscheidung wird erst nach ber Beendigung der zweiten Lesung fallen. ,
Die einzelstaatlichen Finanzminister.außerdem b« bayrische Ministerpräsident, sind gestern tn Berlin eingetroffen, um zu den Beschlüssen des Reichstags in der zweiten Lesung Stellung zu nehmen. Erst auf Grund der hier getroffenen Entscheidungen werden Verhandlungen zwischen ber Regierung und ben Mehrheitsparteien stattfinden.
ift schon des öfteren Gegenstand ernster Beschwcc- d-n im Reichstag sowohl wie in derPresse gewesen. Zuletzt hat am 23. März d. I. der Zentrum--crbg. Graf Oppersdorfs in der Budgetkommiipon des Reichstags lebhafte Bedenken erhoben gegen ue Monopolstellung Krupps auf dem G-Wtete der Partzerplattenliefertung und aus mtlttaMsäM und finanziellen Gründen die Forderung gestellt, daß daZ Reichsmarinsamt das Aufkommen leistungsfähiger Konkurrenzwerke unterstützen möge.
Heute liegt uns eine Broschüre vor, welche die Berechtigung der Monopolstellung der Firma Krupp auf dem Gckbiete der Kanonem großen Kalibers, vor allem der Marineartillerie einer kriöischen Prüfung uniejr-ieht!. Dey Versaffer, ein Herr v. Perbandt, fuhrt darin an der Hand zahlreicher Beispiele aus, daß feit etwa 15 - 1 bis 20 Jahren Krupp artillerietechrnsch hinter
seinen Konkurrenten weit zurückgeblieben und daß infolgedessen das deutsche Reich durch d-ie Abnahme von Erzeugnisseii dieser Firma finanziell fchwer ges'chädigt worden