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woch-nbeimge: „Illustrierte Sonniagrzeitung" Monatsb-ilage: „Luldaer GeschichtsbMer"

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M 149.

Fulda, Montaq den 5. Juli 1909.

36. Jahrgang.

Zweites Wtcrtt

+ Die unbeliebten Steuern.

Man schreibt uns aus Berlin:

Die liberale Presse sucht die iRegierungc-n vor einer Verständigung mit den Mehrheitsparteien ^dadurch zu schrecken, daß sie einen unglücklichen Ausfall der nächsten Wahlen an die Wand malt. Man will damit auf sofortige Neuwahlen hin- Lrängen. Als Beispiel dieser Stimmungsmache isei ein Artikel 'der „Nationalztg." erwähnt, in pem es u. a. heißt:

„Daß die große Flut kommen wird und kommen muß, wird im Ernst kaum jemand zu bestreiten wagen. Von diesen neuen Steuern mit ihrer unverhüllten Exemption (Schonung) des ländlichen Großgrundbesitzes und in ihrem Gefolge von Vexatioren und unleidlichen Kontrollen wird im Lande ein Unwille aufsteigen, dessen Heftigkeit man spätestens anno 1911 an den sozialdemokratischen Wahlstimmen wird ab- lesen können."

! Dor einem halben Jahre war der liberalen Dresse diese Befürchtung noch gänzlich fremd. Da halben wir ix?3 öfteren gelesen — und wir ha­lben dem zugestimmt, daß die dringliche Not­wendigkeit, dem Reiche die notwendigen neuen Einnahmen zur Verfügung zu stellen, von der Überwiegenden Mehrheit des deutschen Volkes "erkannt und anerkannt werde, und daß dieses Volk auch bereit sei, die Lasten auf sich zu neh­men. Damals bestand keine Sorge, daß die neue Steuerbelastung zahlreiche Unzufriedene in das Lager der Sozialdemokratie treiben werde. Wenn heute die liberale Presse diese Sorge verkündet, so kann sie dies wohl nur damit er- Iflörien, daß öle Steuervorlagen, die von der Mehrheit des Reichstages vorgeschlagen werden, erhMich schlechter sei, größere Unzufrieden­heit erwecken müssen als die ursprüngliche Re­gierungsvorlagen. Sehen wir zu, wieweit dies zu trifft.

Die großen K o n s u m st e u e r n, welche ine Mehrheit des Reichstags zur Verabschiedung Dringen wird, sind, wenn auch zum Teil in ande- freir Form, von Len verbündeten Regierungen 'vorgeschlagen. Der einzige Unterschied gegen Diese besteht darin, daß sie für die Konsumenten Wie auch für die Produzenten weniger drii- ck e n d gestaltet worden sind. Man kann kaum sagen, daß eine solche Aenderunz Unzufrieden­heit Wecken werde. Die Zündhölzchen- st euer hatte den Zweck, die Lücke auszufüllen, welche, die Ermäßigung der vorgesehenen Tabak- steuererhöhung im Gefolge hatte. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, wird man, diese Steuer immerhin als erträglich ansehen können. Die ©teuer auf die Beleuchtung sm ittel ift ursprünglich von der Regierung vorgeschla­gen, sie bildete einen Teil der Elektrizstäts- und Gassteuervorlage. Die Erhöhung des Kaffee- zvlls dürfte wohl die meisten Bedenken gegen sich haben. Allein so schlimm wie die Sache ge­macht wird, ist sie im Grunde doch nicht. Sie würde für das Pfund Kaffee eine Erhöhung des Preises um 5 Pfg. bedeuten; nimmt man den Kaffeekonsum einer Durchschnittsfamilie auf 20 Pfund im Jahre an, so würde die jährliche Mehr­belastung also 1 JH betragen. Nun wird geltend gemacht, daß der Kaffee Volksgetränk ist, da- iOogen darf darauf verwiesen werden, daß im Süden das Bier genau so Volksgetränk ist wie Ader Kaffee im Norden. Wenn das Bier erheb­lich verteuert wird, so ist es in gewisser Be­iziehung nur ein gerechter Ausgleich, wenn auch Der Kaffee ein wenig belastet wird. Im übrigen wollen wir nicht verhehlen, daß wir jede sich irgend bietende Möglichkeit begrüßen würden, die Erhöhung des Kaffeezolls zu verhindern, und

Bernhard von der Eiche.

Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach.

,21] . (Nachdruck verboten.)

„Ihr Bruder ist Wohl sehr gut zu Ihnen?" „Ach ja, feit unser lieber Vater starb, sorgt er ganz für mich. Es gibt keinen besseren Men­schen. Alle, die ihn näher kennen, sind dieser Ansicht."

Sie waren in das Haus gegangen, denn Irmgard war im Garten gewesen, als ihr jun­ger Gast ankam.

Man Repos war von innen und außen ein Juwel. Was der Reichtum aufbieten konnte. Ivar geschehen, um das Schlößchen zu einem aus­erlesenen Aufenthaltsort zu machen. Der alte Millionär hatte den Käfig, in den er sein fchönes gunges Weib bald nach der Hochzeit brachte, ver- zgoldet. Nur kurze Zeit genoß er fein Glück, dann wurde er gelähmt, und siechte langsam -Vah in.

Irmgard dachte nichr gern än die zwei Jähre -ihrer Ehe. Sie hatte den Gatten verloren, und Hst kam es ihr vor, als sei sie überhaupt nicht verheiratet gewesen. Der Zauber mädchenhafter -Unberührtheit war ihrs gebligben. Sie wußte von der sÄtsamm Testamentsklausel, aber sie be­kümmerte sich nicht darum. Ihr schien das Le­sben gerade recht, so wie sie es führte. Sie war imstande, sich jeden Wunsch, der durch Geld er­reichbar war, zu erfüllen. Unö sie genoß ihre Freiheit in vollen Zügen. Sich wieder einem Mann unterzuordnen, schien ihr unmöglich. Oft 'glaubte sie, einet großen, alles Kiewer senden 'Liebe gar nicht fähig zu fein, und sie fürchtete die Leiden und Kämpfe, die Aufregungen, die damit M Verbindung stehen. Fräulein Hulda Körner, die Gesellschafterin Frau Gerards, war eine be­häbige Fünfzigerin, mit einem runden, gutmüti- MM Gesicht und phlegmatischem Temperament. Sie hatte in dem hübschen, eichen getäfelten Svei-

wir sind auch gewiß, daß das Zentrum es an Anstrengstmtzen 'nach dieser Richtung hin nicht wird schien lassen.

Nun äbeü die Ves i tz st e u est. Liberale und Sozialdemokraten in einfrächrigem Verein behaupten, daß das ganze Volk über die Ableh­nung der Erbanfallsteusr empört sei. Gewiß, es ist nichts unversucht gelassen worden, um für diese Steuer Stimmung zu machen. Man hat ober klüglicher Weise auf den Hauptpunkt der Vorlage möglichst wenig aufmerksam gemacht, nämlich auf die Besteuerung des G a t r e n- und Kindeserbes. Wir können behaupten, daß viele fogenannte Frevnjde der Erbanfallsteuer ihre Begeisterung merklich einschränken würden, wenn sie genügend wüßten, daß das Kindeserbe besteuert werden sollte. Noch vor wenigen Tagen waren wir Zsuae eines Gesprächs zwischen zwei Herren aus dein besten Bürgerstande über die Finanzreform. Der eine dieser Herren trat sehr energisch für den Gedanken der Erbanfallsteuer ein, betonte aber, daß selbstverständlich das Gat­ten- und Kindesevbe von diesen Steuern frei bleiben müsse. Wie aus dem Zusammenhang hervorging, daß der gute Mann gar keine Ah­nung davon, daß die Besteuerung des Gatten- und Kindeserbes das Haupt stück der Erban­fallsteuer bildete. Diese Unkenntnis dürfte auch bei vielen anderen Leuten bestehen. Die Freunde der Erbanfallsteuer sollen auch einmal das Pub­likum darüber aufklären, daß diese Steuer im günstigsten Falle einen Ertrag von etwa 30 Mil­lionen jährlich abwerfen wird. Wir sind gewiß, daß dann mancher mit uns sagen wird, für eine so verhältnismäßig g-ringfügige Summe soll man nicht einen so gehässigen Eingriff in die Fainilienverhälrnisse, wie es die Besteuerung des Gatten- und Kindeserbes mit all ihren Folge- erscheinungen fein würde, unternehmen.

Die Mehrheit des Reichstages will den Besitz treffen durch die Kotierungssteuer, den Kohlen- ansfuhrzoll und die Mühlenumsatzsteuer. Das sind Steuern, welche das mobile Kapital und das Großkapital treffen. Gegen die Steuern wird eine kolossale Agiration betrieben, aber die Interessenten hierbei sind nicht in den Reihen des arbeitenden Volkes und des Mittel­standes zu finden. Wir meinen, daß die über­wiegende Mehrheit des deutschen Volkes eine Be­steuerung des mobilen Kapitals und Großkapi­tals als durchaus gerecht ansieht, und im Falle einer Neuwahl wird sicherlich derjenige nichr am schlimmsten fahren, der für, eine Be­steuerung des mobilen Kapitals eintritt.

Alles in allem genommen können wir wohl behaupten, daß die neuen Steuern der Reichs­tagsmehrheit in keiner Weise geeignet sind, grö­ßere Unzufriedenheit zu erwecken, als die ur- fprüngliche Regi-rungsvo illage. Wenn dem so ist. so ist die Erwartung berechtigt, daß das deut­sche Volk das Opfer dieser neuen Steuern ruhig auf sich nehmen wird. Wer davon überzeugt ist, daß das Reich notwendig die Steuereinnahmen haben muß, der wird sich auch tagen, daß ein jeder von dieser Belastung mitgetroffen werden muß. Zu dem patriotischen Sinne unse­res Volkes haben wir das Zutrauen, daß es gern bereit ist, das Opfer der Srauerbelastung auf sich zu irehmen. Wenn die liberale Presse da­gegen die Unzufriedenheit zu schüren sucht, so handelt sie dabei alles andere als patriotisch und „national".

Deutsches Reich.

** Berlin, 4. Juli 1909. Tie städtischen Kol­legien von München haben in geheimer Sitz­ung beschlossen, gelegentlich der Einweihung der neuen Schackgalerie dem deutschen Kaiser die

goföene Bürgermedaille zu verleihen. Der Kai­ser hat für die ihm gehörige Schackgalerie in der Prinzregentenstraße ein Neues prächtiges Heim geschaffen.

— Staatssekretär Shdow den kl, wie der „Na­tionalztg." mitgeteilt wird, nicht daran, z u - rückzutreten, weil die für den Reichskanz­ler bestehenden Ursachen rein politischer Art für ihn nichr Geltung haben. Als weiterer Grund wird bezeichnet: weil durch die gegenwärtige Mehrheit keine genügende Finanzreform zustande kommen werde, müßten im Winter neue Finanzvorlagen an den Reichstag ge­bracht werden, die gSvissermaßen die Fortsetzung der gegenwärtigen Steuergesetzgebung bilden wür­den! es werde unzweckmäßig sein, einen neuen Schatzsekretär mit der Vertre'rung dieser Vorla­gen zu betrauen. — Der letztgenannte Grund dürste kaum stichhallig sein, die „Nationalztg." mag ruhig abwarten, ob die gegenwärtige Mehr­heit nicht eine genügende Finanzreform zustande bringen wird. Auf jeden Fall wird sie besser werden, als wenn die Liberalen sie durchgesühri hätten. Im übrigen glauben auch wir nicht, daß Staatssekretär Sydow in die Lage kommen wird, alsbald aus feinem Amte zu scheiden.

— Nebergeschmippt ist der ,Nordhalbener Grenzbote', der in der Heimat des bayerischen liberalen Abgeordneten Pfarrer Grandinger er­scheint. Er verleiht seiner Entrüstung über das Verhallen von Zentrum und Konservativen gegen­über der Reichsfinanzreform mit folgenden Worten Ausdruck:

Zentrum und Konservative haben die Erb- schaftssteuer abgelehut. Acht Sümmchen ist, die Mehrheit. Dem Zentrum half die dreckige P o l l a ck e i. Der Teufel fahre mitten hinein in den schwarzblauen Block, der das Reich schnöde in Schulden stecken läßt, der auf den Kanzler des Reiches pfeift und für den die kaiserliche Mahnung Lufr ist. Und abermals fahre der Teufel mitten hinein in den schwarzblauen Block, der sich antideutsch bis an die Knochen zeigte, der uns dem, Ausland zum Gespött überliefert und der auf die Jun­ker- und Rittergeldbentel den Daumen legt und die armen Leute Trauern zahlen läßt. Und zum dritten Male fahre der Satan in die f ch w a r z b l a u e B l o ck b l a s e,, ftic Ministerstürzerai auf Volkes Unkosten treiben will, die miteinander einen Eid geleistet hat, fürs Wohl des Reiches zu arbeiten, die im Verein mit den Jnsky und Omsky Schindluder mit dem Staarsgedanken treibt.

Das muß die „schwarz-blaue Blockblase" un­bedingt sprengen.

Ausland-

** In Marokko scheinr die Lage des Sul­tans M u l e y Hafid deir neuesten Nachrichten doch schlimmer zu sein, als man annahm. Ein dem Sultan treu gebliebener Stamm in der Um­gegend bon Fez, nämlich der Stamm der Sche- rajalcute, ist am 27. Juni von mehreren rebelli­schen Stämmen vollständig aufgerieben worden. Die Rebellen zündeten die Dörfer an und ver­brannten die Ernte. Muley Hafid hatte den Scherajas 300 Steirer und sonstige Hilfstruppen zur Verfügung gestellt, doch auch diese sind von den dem Roghi ergebenen Berberstämmen ciufge- rieben worden. Gleichzeitig wurde die unter der Führung des Kaid Bagdads von Muleh Hafid errichtete Ma hall a von dem Stamme der .Hayana in einem zweitägigen Kampfe vollständig ge­schlagen. GleickMitig hatte eine andere Mahalla des Sultans einen Kampf gegen die Scharen

des Roghi zu bestchen. Auch Liefe wurde unter schweren Verlusten zurückgeschlagen. 14 Häupt­linge, die dem Sultan Muley Hafid freu ergeben wallen, wurden gefangen genommen und ent­hauptet, die Köpfe der Häuptlinge wurden als Trophäen in das Lager des Roghi gebracht. Noch bedenklicher ist die Nachricht, daß der rebellische Bruder des Sultans, Muley El Kebir, fernem Einzug in Mekinez gehalten hat und dort zum Sultan proklamiert worden fei.

** Die vier Schutzmächte Kretas haben defi­nitiv vereinbart, daß die Zurückziehung der Okku­pationstruppen am 24. Juli vollzogen fein wird. Am gleichen Tage wird die Bevölkerung, Kretas durch ein Manifest der Mächte verständigt, daß diese die Fortdauer der türkischen Sou­veränität garantieren.

vermischtes.

♦ Der Ausflug der Gericht-Vollzieher. Fünf Hunden Berliner Gerichtsvollzieher fuhren mit einem Sonder­zug auf den Osten los. Alles, was sich nicht ganz sicher fühlte, ergriff schleunigst die Flucht. Es zeigte sich aber, daß diese Herren, wenn sie in Mafien auftreten, viel harmloser sind, als wenn sie einzeln kommen. Außerdem hatten sie ihre besseren und milderen Hälften mitgebracht. Mit diesen fuhren die sonst so gefürchtelen Männer unter Vorautriit einer eigenen Musikkapelle vom Bahnhof Rahnsdorf durch Fichtenau nach Waltingers Kurhaus und kehrten abends mit klingendem Spiel wieder nach Berlin zurück,

** Weiß und rot, d. h. in den polnischen Landes­farben halte ein polnischer Müller seine Mühlen« fiügel angestrichen. Er wurde wegen Störung der »öffentlichen Ruhe und Ordnung" bestraft. Weiß und rot gefärbte Mühlenflügel — höchst ordnungs­widrig !

Literarisches.

Gesetz über den Verkehr mit Kraftfahrzeugen (so­gen Automobilgesetz) vom 3. Mai 1909. Textausgabe mit Einleitung, erläuternden Anmerkungen und ausführlichem alphabeti­schem Sachregister. Herausgegeben von Geh. Justizrat, Univ.-Prof. Dr. Karl Gare i s- München. Verlag von Emil Roth in Gie­ßen. 20 Pfg. .

Trotz vorzüglichster Ausstattung ist dies die' billigste Ausgabe des neuen Automobilgesetzes, - von Dem berühmten Münchener Rechtslehrer, der t als eine Autorität in der Juristenwelr bekannt i ist, vorzüglich kommentiert. Besonders Übersicht-^ 'sich Lurch die treffenden, den Inhalt präzise djo-; rakterisievenden Schlagworte, mir denen jeder Pa- < ragraph überschrieben ist. Die klaren, ve r stäub- lickwn Anmerkungen bestätigen aufs neue, daß die Gareis scheu-Gesetzesausgaben zu den besten zählen.

Reklame»- nnd Zlnzeigeuteil.

sezimmer den Kaffee bereitet. Irmgard machte sie mit Ines bekannt. Das junge Maschen, Las an die Schlichtheit des Elternhauses gewöhnt war, und auch in der Forstei die größte Einfach­heit gesehen hatte, kam sich wie in einem Mär­chen vor. Die schöngeschnrückte Tafel mir schwe­rem Silbergerät, und reizendem, weißen Porzel­lan, die geschnitzten Stühle und Krxtdenztische, auf d.men allerlei kostbare Humpen und Gläser standen, entlockten Ines einen Ausruf der Be­wunderung. Frau Gerard lächelte zu dem naiven Eingeständnis.

„Es ist wunderschön bei Ihnen", sagte Ines, „ich 'habe noch 'nie ein so schönes Haus gesehen."

„Nun, dann kommen Sie oft zu mir", bat Irmgard herzlich.

„Das will ich!" rief Ines. „Hardy, mein Bruder, ist fast immer auf dem Werk, ich bin oft ganze Tage allein."

„Langweilen Sie sich nicht?"

„Bewahre, ich habe tüchtig im Hause zu schaf­fen. Es ist mir eine Freude, wenn alles blitz­blank und in Ordnung ist und mein lieber Bru-1 dr es recht behaglich findet, wenn er müde heim- kehrt. Wir haben schon kühle Abende gehabt, dann ist es herrlich gemütlich bei uns.

Der französische Kamin wird angesteckt, Barry liegt Lavor und ich sitze auf einem Schemel neben Handys Stuhl. Wir plaudern zusammen Und später liest mir mein Bruder aus einem guten Buche vor, während ich arbeite. Ich hoffe, Sie 'kommen auch bald zu uns: dann wollen Sie sich überzeugen, daß alles fo ist, wie ich Ihnen er­zähle. Zuweilen musizieren wir, das h üßt, ich finge unö Hardy begleitet mich auf unferm allen Piano, sind Sie auch musikalisch, gnädige Frau?"

„Gewiß", fiel Fräulein Hulda ein, „Frau Gerard spiÄt sehr schön Klavier."

„Nicht der Rede wert, Fräulein Körner Über­treibt. Haben Sie noch andere Geschwister, Fräu­lein von 'der Eiche?"

„Ja, eine Schwester, sie ist in München."

Der Ton, in dem Ines das sagte, befremdete Frau Gerard. „Da ist etwas, wie es nicht sein soll", dachte sie. „Ist das der dunkle Punkt, der ja in keiner Familie fehlen soll? Ich möchte wis­sen, ob er auch bei mir irgendwo im Hinter­gründe lauert. Doch nein, nein, ich hätte es lange merken muffen. Vielleicht bin ich ein Sonntagskind des Schicksals."

Ines und Irmgard gingen durch Las gange Schlößchen. Es machte der jitngm Frau Spaß, ihrem Gaste ihr schönes Heim zu zeigen. Es lag nichts unangenehm Protzenhastes Darin. Ter Reichtum erschien Frau Gerard so natürlich. Sie hatte sich in Len Jahren seit ihrer Derheira'nmg daran gewöhnt, und vergaß, daß sie einst arm uni> abhängig gewesen war, als ihr Mann sie kennen lernte.

„Ich denke, wir unternehmen jetzt unfern Spaziergang", sagte Irmgard, „es wird zeitig dunkel."

Sie machten sich auf Len Weg. Hder Wald i nahm sie auf. Es ging ziemlich steil bergan, aber die beiden jungen Menschen kletterten mir Leich­tigkeit empor.

„Sirrd Sie nicht müde, gnädige Frau?" fragte Ines.

Irmgard lachte. „Von Lern bischen Steigen, ich spüre es nicht. In den Alpen macht man aridere Touren, Kleine."

„Ja, Hardy hat mir von einer Reise Lurch die Schweiz erzählt", bemerfte Ines. „Wann waren Sie dort, gnädige Frau?"

„Im Frühjahr." Irmgard sagte nichts weiter.

„Ach, da war Hardy auch gerade hingereist. Schade, daß Sie sich nicht kennen lernten."

Irmgard schwieg. Sie hatten die Höhe er­reicht, von der man weit ins Land hinausblickte. Rößlingen lag vor ihnen, links Dußlingen und Unterkortt. Ueberall sah man den Rauch der Hochöfen. Die Feuer der ausaefchütteten Schla­

cken flammten herüber. Langgestreckt und vom Strahl der untergehenden Sonne rot beleuchtet lag Rößlingen da, und mächttg, wie ein Risse stieg das graue Werk aus seiner Mitte empor. Die Schlote ragten wie schwarze Türme empor und die Oesen und Gebläsemaschinen, die Essen, Schuppen und Gebäude, die dazu gehörten, das alles bildete ein imposantes Ganzes. Um das Hochofenwerk scharten sich die Hunderten von Ar­beiter; es gab ihnen Brot und forderte dafür ihre Kraft, oft ihr Leben. Ines fing an zu spre­chen; sie erzählte Frau Gerard, daß erst neulich ein blutjunger Italiener durch ausströmemde Gase gestorben war, daß er der einzige Sohn seiner alten Mutter gewesen fei. Sie beziehe eine kleine Pension, da sie den Ernährer ver­loren.

„Kennen Sie ihre Adresse?" fragte Frau Gerard.

Ines nannte sie. Dann fuhr sie fort. „Schreck- sich sind 'Die Verbrennungen. Mein Bänder schickt dann zu mir und läßt mir sogen, daß ich schnell kommen soll; Verbandzeug und die ersten Mittel zur Hilfelustung sind auf der Hütte. Ein Arzt ist nicht gleich zur Stelle; da freut es mich immer, wenn ich den armen Menschen die Schmerzen lindern kann."

Frau Gerard blickte bertounbert auf die Spre» 'Hierin. „Und das verstehen Sie?"

„Ja, gnädige Frau, ich habe einen Kursus im Stettiner Krankenhause durchgemacht", lautete die bescheidene Antwort. „Ich möchte Loch mei­nem Bruder in etwas zur Seite stehen. T-re Leute sind so unvorsichtig. Denken Sie sich, vorigen Winter legte sich eine Bettlerfaimlie dicht unter dem Schlackenberge, da, wo dir Schlacke noch warm ist, schlafen. Als nun die flüssige rotglühende Schlacke angegossen wurde, verbrannten die armen Leute, die fest eingeschla- fen waren."

(Fortsetzung folgP