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Berank». Redakteur« Sarl Schütter

Mdaer

ZParzeLer in Zulda. Wochenbeilage: „Illustrierte Zonntagszeltung"

Zeitung

Monakbellage: „Zuldaer Geschichtsblätter"

Rnzrtgen: Vie ein­spaltige Petitzeile oder deren Rau« 15 pfg. Reklamen drepetitzeile 25 pfg., bei Wieder­holungen wird entspr. Rabatt gewährt.

üotationrdruckund Verlag der Luldaer Ak­tiendruckerei in Lulda Fernsprecher Rr. y.

JV$ 148.

Fulda, Samstaq den 3. Juli 1909.

36. Jahrgang.

Wrevtes WLcrLt.

y. Winke für die Reifezeit.

Die Reisezeit hat begonnen. Unannchmlich- fcitett blieben nicht aus. Viel Aerger aber kann man sich sparen, wenn man nicht nur Geld, son­dern auch einige Kenntnis des Gesetzes uiitnimmt. Darum einige Winke für diejenigen unserer Leser, die eine Reise machen:

Der Eisenbahnfiskus ist für allen Schaden verantwortlich, wenn ein Mensch bei dem Be­trieb der Eisenbahn getötet oder körperlich verletzt wird. Allein, ganz abgesehen von höherer Gewalt, die den Unfall verursacht hat, braucht er den Schaden nicht zu ersetzen, wenn der Verletzte f e 16 ft an dem Unfall Schuld trägt. Wenn ein Reisender z. B. in den im Gang be­findlichen Zug steigt, oder er ihn, bevor er hälr, verläßt, und dabei verunglückt, so hat er den Schaden selbst zu tragen.

Für das Gepäck haftet die Eisenbahn unter Umständen nicht. Man kommt zum Bahnhof und übergibt einem Gepäckträger sein Handgepäck mit dem Auftrag, es an den Zug zu bringen. Bis zur Abfahrt ist noch eine halbe Stunde Zeit. Der Gepäckträger stellr es deshalb in den Gepäckraum: dort wird es gestohlen. Dec Reisende kann sich an die Eisenbahn nicht halten. Sie haftet nach :§ 34—37 der Verkehrsordnung nur für die Be­förderung des Gepäcks durch die Gepäckträger von und nach dem Zuge, den Abfahrtsstellen usw., n i ch t für V e r w a h r u n g. Dazu sind die amt­lichen Aufbewahrungsstellen für Handgepäck da. Wenn man also noch Aufenthalt hat, soll man lie­ber Nicht sparen und das Gepäck einstweilen dort ein'stellen. Auch unterwegs tür man gut, auf Handgepäck zu achten. Geht es verloren oder läßt man es liegen, so kann man sich ebenfalls nicht 'an die Eisenbahn halten. Sie haftet nur für Schaden, der durch Verschulden der Bahn oder des Personals entstanden ist: wenn also ein an­derer Reisender eine Handtasche aus dem Netze stiehlt, geht sie das nichts an. Dagegen kann man sich wegen des Eiepäcks beruhigen, Las man „a u f g e g e b e n" hat. Immerhin mag man auf den Gepäckschein achten. Die Eisenbahn gibt die Gepäckstücke d-amjenigen heraus, der ihn vorlegt. Hat ihn ein anderer Reisender gestohlen oder ge­sunden, und hat er sich gegen dessen Auslieferung die Reisestücke aushändigen lassen, so kann der Geschädigte die Bahn nicht haftbar machen.

Endlich konimt man an Orr und Stelle an und übergibt den Schein und das Handgepäck einem Holeldiener. Nun haftet der Wirt, ganz gleich ob man Zimmer fchon bestellt har oder nickst. Frei­lich muß man auch im Hotel Zimmer nehmen. Will nran dort nur zu Mittag essen, sich vielleicht «rach einer Privatwohnung umsehen usw., so ist ruan nur Restaurations-, nichr Hotelgast. Ein Rastauvateur haftet nicht für Verlust oder Beschä­digung von Sachen, die man in das Gastzimmer bringt. Hat man aber ein Zimmer genommen, .so kann man sich auf dan Wirt verlassen. Ir­gend ein Anschlag, daß er die Haftung für die eingebrachten Sachen ablehne, gilt nichts. Das schließt § 701 Abs. 3 des B. G. B. ausdrücklich aus. Dennoch tut man gut, Geld, Wertpapiere und Kostbarkeiren ihm zu übergeben: denn über 1000 Mark braucht er sonst nicht zu ersetzen: ec müßte denn die Aufbewahrung abgelehnt oder ec oder sein Personal den Verlust verschuldet ha­ben. Alle Vorsicht soll man auch sonst nicht außer acht lassem: denn ein Gast, dec den Schaden sechst verursacht, kann keinen Ersatz verlangen: es ist nicht eimnal nötig, daß er daran schuld trägt. Wemr man abreist, soll man sich darum küm- rnem, ob man alles mitgenommen hat; entdeckt man nach der Abreise, daß etwas fehlt, so kann man sich an den Wirt nicht mehr halten: ebenso ist man verpflichtet, sofort Anzeige zu machen, toenn man im Hotel wohnt und etwas verloren gegangen oder beschädigt worden ist.

Bei der Abreise überreicht der Oberkellner die Rechnung. Der Preis des Zimmers ist sehr hoch. Auf feine verwunderte Frage erhält der Meisende die Auskunft, den höheren Preis habe ssich der Wirt durch Anschlag im Zimmer Vorbe­halten, weil die Mahlzeiten nicht im Hotel einge­nommen worden seien. Hat er nun, ehe er das fZimmer 'nahm, nach dem Preis gefragt und dec Mirt oder Kellner nichts von Mn Vorbehalt 'gesagt, so braucht er sich um den Anschlag nicht B« kümmern. Wenn er ihn aber im Zimmer findet, ohne sich vorher nach dem Preis erkundigt zu haben, so kann er selbstverständlich ausziehen, tvmigstens muß er dem Wirt oder Kellner sofort ifaMt, daß er sich nicht daran binde, die Mahl- aeiten im Hotel einzunehmen; tut er das aber Nicht, so muß er unweigerlich zahlen; er kann sich Nicht darauf berufen, daß er nur den „üblichen" Dreis schuldig sei; dann ist os eben in dem Hotel ^„üblich", den Preis zu erhöhen, wenn die Mahl- dekten nicht im Hause genommen werden.

3» .?^r. miangenehnisten Begleiterscheinungen dec §-blse stnd die Trinkgelder; die Kellner ha- rechtlichen Anspruch, nur der s^^öiencr dessen Arbeit im Zimmerpreis nicht W- Allein, wie soll man als einzel- «ttt dem Unfug beikommlgn? Also man zahle.

P. Das Schlafen bei offenem Fenster.

„Die Fenster auf, die Herzen auf, geschwinde, geschwinde," so möchten wir mit dem Dichter jetzt mit Beginn des Sommers allen Lesern zurufen, namentlich jenen, denen dec Winter mir seinen mancherlei Schädlichkeiten bleiche Wangen ge­bracht oder gar Krankheiten beschert hat.

Aber nicht nur tagsüber sollte man die Fen­ster, namentlich das Schlafzimmer, offen halten, nein, die nun begonnene wärmere Jahreszeit bie­tet ja auch denjenigen, die bisher noch nicht wuß­ten, welchen Hochgenuß das Schlafen bei offenem Fenster gewährt, die Gelegenheit, diesen Hoch­genuß in praxi kennen zu lernen. Darum aufge­räumt mit allen Vorurteilen aus dec Großväter­zeit. Wer wird denn heute noch im Ernste an jene Mär glauben, die unsere Ahnen in Schrecken ver­setzte, daß man durch Schlafen bei offenem Fen­ster unheilbar blind werden kann. O herrliche, lebenspendende Gottesluft, welche Untugenden werden dir fälschlicherweise nachgesagt! Weshalb soll denn die Nachtluft schädlicher fein, als die Luft am Tage? Einen vernünfftgen Grund wird man nicht beibringen können. Sollte sich auch schließlich einmal eine Fledermaus ins Schlafzim­mer verirren, fo wäre das doch weiter nicht schlimm.

Es würde doch schließlich keinem Menschen be­denklich erscheinen, sein Mittagsschläfchen bei offe­nem Fenster zu halten. Ebenso unbedenklich ist es auch, die Schlafzimmer über Nacht offen, ja recht weit offen zu halten. Wer den Mut nicht bat, der versuche es einmal, indem er eine Nacht das Fenster ein klein wenig öffnet, dann immer weiter, bis beide Flügel weit offen stehen. Er wird sicher keinen Schnupfen, keinen Katarrh, oder Husten oder sonst etwas davontragen. Be­sonders in den Städten ist das Schlafen bei offe­nem Fenster geboten, denn gerade in der Stadt ist die Luft während der Stacht, wo jedweder Be­trieb ruht, reiner und gesünder als am Tage, wo Rauch den Schornsteinen entströmt und aus den Straßen der Staub durch Reiter, Fuhrwerke, Autos usw. aufgewirbelt und dem Publikum in Nase und Lunge gejagt wird.

Ferner bedenke man, daß der Mensch ein Drit­tel seiner Lebenszeit zu Bette liegt. Welch schäd­lichen Einfluß muß es aber haben, wenn man diese ganze Zeit hindurch die Luft von sich ab- sperrt Gerade im Schlaf sammelt der ermüdete und ei schöpfte Körper neue Kräfte für die Last und Arbeit des nächsten Tages. Das ersehen wir auch daraus, daß der Organismus während dec Nacht fast doppelt fo viel Sauerstoff verbraucht wie am Tage. Woher aber soll er dieser Sauer- swsf nehmen, wenn man die Türen ängstlich ver­schließt? Es findet während der Nacht nicht nur eine erhöhte Sauerstoffaufnahme, sondern auch eine entsprechend höhere Kohlensäure-Abgabe des Körpers statt. Kohlensäure aber ist eines der giftigen Lungenercremente, die wieder und wie­der eingeatmet, dem Körper nur schade:: können. Nun hat man z. B. gefunden, daß in einem ge­schlossenen Raum von 45 Kubikmeter Inhalt in der Nacht der Kohlensäuregehalt auf 8 -10 pro Tausend gestiegen war, während er in der atmos- vhärischen Luft nur 4 pro Tarnend, alw nicht einmal halb so viel beträgt. Bedenkt man dann noch, daß der Mensch in einer Minute etwa 33 Lite: Luft einatmet, so mui; es jedem denkenden Menschen klar werden, wie schädlich es 'ft, die Zimmer neck/? über geschlossen zu halten, na­mentlich wmm inehrere Personen beisammen in einem Zimmer schlafen.

Die Arbeitsfreüdigkeit des nächsten Tages hängt wesentlich von der Güte der Luft ab, die wir des nachts einatmen. Darum, die Fenster auf! Wer sich einmal daran gewöhnt hat, wird nie wieder davon ablassen. Es gilt zunächst. das gefaßte Vorurteil zu überwinden Wer z. B. bei offenem Fenster schläft und muß einmal bei ver­schlossenem Fenster schlafen, der fühlr sich am andern. Morgen ganz zerschlagen, der Kopf ist wüst und dick und die Kohlensäure liegt wie Bfti aut den Gliedern. Mütter haben in dem offenen Feilster auch ein sicheres Mittel, ihren Kindern einen ruhigen Schlaf zu sichern. Kinder sind in der Regel gegen Kohlensäure empfindlicher als Erwachsene und beginnen daher, wenn die mite Luft im Zimmer verbraucht ist, zu schreien. Da öffne man nur sofort die Fenster und man wird bald sehen, wie sich die Kleinen beruhigen. Auch im Winter ist das Sckstafen bei offenem Fenster nicht von Uebel, natürlich muß es dann in mä­ßigerer Weise betrieben werden als int Sommer.

* Ueber Jngendspiele und Turnen.

Haltet Eure Kinder währeird der schönen Sommerzeit zum fröhlichen Spiele an, da sie Zeft in Hülle und Fülle habens Schließt sie nichr ängstlich von jedem Verkehre mit ihren Alters­genossen ab. Hinter verschlossenen Türen bat noch niemand seine sittliche Kraft gestählt; ein Charak­ter bildet sich eben nur im Strom der West.

Lernt von der meisterhaften Art der Erzieh­ung der alten Griechen, die das Ziel der Ju­gendbildung nicht in Viellvisserei erblickten, son­dern in der harmonischen Entwickelung von Kör­per und Geist. Regelmäßige Abwechselung zwi­schen ernster Arbeit und frohem Spiele sind hier­zu unerläßlich. Das Spiel ist zunächst von großer Bedeutung für die körperliche Frische und Ge­sundheit des Kindes. Wie fliegen sie dahin, wie glühett die Waitgen der spielenden Knaben. Alle Muskeln sind in Tätigkeit; das ganze Kind ist Bewegung und Leben. Das beschleunigt den Blut­laus, macht den ganzen Körper biegsamer, ge­schickter und gesünder. Diese Bewegung ist für unsere Kinder ein Bedürfnis, da sie während der Schulzeit täglich vier bis sechs Stunden mit nur

kurzen Pausen auf den Bänken sitzen müssen. Das Spiel schafft ferner Frohsinn und Zufriedenheit, und diese Eigenschaften muffen unserer Jugend unbedingt bewahrt bleiben. Gehen sie ihr ver­loren, so wird sie blasiert, altklug, stumpf. Es gibt keine Kinder mehr; diese Klage hört man fo oft, weil ihnen der natürliche kindliche Leichtsinn abhanden gekommen ist. An dieser beklagens­werten Erscheinung tragen hauptsächlich die Er­zieher die Schuld, denn ein Kind entwickelt sich, wie man es erzieht. Ihr Eltern, laßr Eure Kinder spielen mit ihresgleichen! Dann werden sic in strahlender Heiterkeit auch auf Euch erhei- lernd und sorgenverscheuchend wirken, wie der Sonnenschein die Blume, so wird der kindliche frohe Blick Eure Augen erglänzen lassen; dann glätten sich die Falten der Sorge und Schwer­mut. Ein Haus ohne lachende spielende Kinder gleicht einem Lenze ohne Blüten.

Tas Spiel bietet weiter die nötige Erholung nach geistiger Anstrengung. Wenn des Kindes Gehirn lange gearbeitet hat, so bedarf es der Ruhe. Diese wird bei dem lebhaften Tempera­mente dec Kleinen diesen nicht durch gedankenlo­ses Hinbrüten, vollständiges Nichtstun, langwei­liges Stubenhocken zuteil, sondern durch frisch­fröhliches Spiel. Dieses unterstützt sogar gleich­zeitig, während es Erholung gewährt, die Weiter­entwickelung der geistigen Fähigkeiten. Es erfor­dert oft einen hohen Grad von Aufmerksamkeit, von Geistesigiogenwart, von schnellem Urteilen. Endlich ist das Spiel auch imstande, vorteilhaft auf die Charakterbildung einzuwirken. Es macht streitlustige Kinder verträglicher, weckt oft einen gesunden Ehrgeiz, fordert Unterwerfung unter bestimmte Spielregeln, Anerkennung eines frem­den Willens, verscheucht Furcht und Aengstlichkvit, fördert Mul und Entschlossenheit.

Nock vieles andere lieft? sich ausführen, was den Jugendspielen hohen Wert verleiht. Leider wird ihre Bedeutung gerade von rocht fürsorgli­chen Eltern unterschätzt oder gar falsch beurteilt.

»l« Tas Wohnhaus auf dem Laude.

Die Erfahrmtgen, die die feilens der land­wirtschaftlichen Organisationen eingerichteten sog. Bauämter oder Bauberatungsstellen auch heute noch machen, weism darauf hin, daß die der Eigenart des landwirtschaftlichen Bauwesens ent­sprechenden Maßnahmen auf dem Linde noch im­mer nicht Oie notwendige Würdigung finden. Das beruht wesentlich darauf, daß den Landwirten vielfach das nötige Verständnis für eine zweck­mäßige Bauweise sowie Wohnungseinrichtung auf dem Lande fehlt, und sie unnötigerweise zu sehr am althergebrachten festhalten; diese Erscheinung hängt wieder eng zusammen mit dem vielfach be­stehenden Mangel an geeigneten Baumeistern für eine zweckmäßige Anlage der landwirtschaftlichen Gebäude und an Aufklärung über Die zweck­mäßige Wohnungseinrichtung überhaupr.

Betrachten wir für heute einmal das Wohn­haus unter dem Gesichtspunkt der Verteilung der Räume und bereit inne r n Einrich­tung.

Da ergibt sich zunächst für das W o h n z i m- m e r, daß es möglichst auf der Sonnenseite liegen soll; es soll weder gleichzeitig Küche noch Schlaf­zimmer sein, nod) viel weniger Trockenstube für Wäsche, itaffe Kleider und Früchte. Der mittlere und kleinere Landwirt braucht auch keine soge­nannte beste Stube, die man höchstens einige Male im Jahr benutzt und im Grunde genommen einen höchst unnötigen Luxus oarstellt. Was nun die innere Einrichtung des Wohnzimmers anbe­langt, so ist damit zu rechnen, baff dec Landwirt fein überflüssiges Geld für Schundmöbel aus dem billigen Basar hat, aber erst reckst nicht für teure städtische Prunkmöbel. Solide Möbel in einfa­chen geraden Linien, die sich leicht sauber halten lassen, sind, was zu Dorf und Bauer paßt. Er­erbte Möbel seien die Zierde des Wohnzimmers, niemals lasse man sich verlostem, ein Erbstück ge­nau Geld an Sammler abzugeben. Was Deinen Voreltern gedient, darf Dir um vieles Geld nicht feil sein.

Das Schlaf zimmer muß das größte, geräu- ■iiigfte und sonnigste Zimmer des Hauses sein, weil man sich hier etwa Den dritten Teil des Le­bens auhäft. Die Beften müssen an einer tro­ckenen Innenwand außerhalb des Zuges stehen aber durch eine Holzwand von der feuchten, kalten Mauer getrennt fein. Tie Fenster und Türen in der Nähe des Bestes dürfen keinen kalten Zug auf den Schläfer senden; sonst muß Der Zug durch schwere Vorhänge oder durch spanische Wände von dem Betet abgehalten werden/ Nur die Wiege und das Bettchen der Kleinsten stehen bei den Bet­ten der Eltern; größere Kinder schlafen in den Nebenkammern oder auf den Dachzimmern. Das Schlafzimmer enthält nur die notwendigsten Mö- bei; es ist kein Stapelplatz für Schränke und Truhen; auch hängen nicht alle Kleider unter Vorhängen an den Wänden umher. Die Wände bedeckt ein einfacher Farbanstrich; ein einfaches Kruzifix und vielleicht einige Bilder zieren die Mauern.

Wo die Raumverhältniffe es eben gestatten, richte man ein besonderes Fremdenzimmer ein; es liegt entw?der in einer Giebelkammer ober bei zweistöckigem Bau im Obergeschoß. Es enthält nur die notwendigsten Möbel und darf nicht als Rumpelkammer benutzt werden. Da die Gefahr des Ungeziefers nicht so groß ist, kann eine einfache Tapete mit zartem Muster die Wand zie­ren. Gesindezimmer müssen im Hanse so angeordnet sein, daß die Mägde keine Belästigung von den männlichen Personen des Haushaltes er­fahren können. Am besten werden die Mägde in der Nähe der Kinder untergsbracht, die Knechte- kammdr aber neben oder über dem Kuhstall ein­

gerichtet. Es gehört sich nicht, daß die Kinder des Hauses mit dem Gesinde die Schlafräume teilen. Die Gesindezimmer werden alljährlich in Leimfarbe freundlich gestrichen, die Decke gekälkt. Die Ausstattung des Gesinbezimmers kann höchst einfach, muß aber auf alle Fälle genügend warm und sauber sein. Am empfehlenswertesten sind die eisernen Bettstellen mit Drahtmatratzen, weil sie dem Ungeziefer weniger Unterschlupf gewäh­ren. Darauf gehört ein Strohsack oder eine See- graZmatratze. Jeder Dienstbote muß auch einen verschließbaren Kasten ober Schrank haben, um feine Wertsachen und Papiere anszubewahren. Kleiberschränke, Kommoden und sonstige Schränke sind nicht ratsam, doch sorge man für gute Man- relbretwr mit Vorhängen gegen das Verstauben dec Kleider.

Die K l e i d e r I a m m e r liegt nach Osten ober Sllben, höchstens Noch nach Südosten. Das Fenster ist von außen mit einem ganz dichten Drahtgitter versehen; es wird fast beständig tagsüber geöffnet. An den Wänden stehen Schränke für die Sonntagskleider und die Wä­sche. Mirton durch den Raum zieht sich ein ein­faches Lattengestell, das von beiden Seiten zum Aufhängen der Werktagskleider benutzt wird. Dieses Gestell ist mit einem breiten Brett über- dachr, worauf die Hutschachteln ihren Platz fin­den, und das vermehrte Gelegenheit zum Auf- Hängen »ar Kleider bietet. Die Benutzung und Freistellung dieses Raumes stellt keine Verschwen­dung dar, weil die Schränke und Gestelle von der einfachsten Art fein dürfen, Ordnung in dem Haushalt und Luft in den Schlafzimmern ge­schaffen wird. In großen Bauernhäusern wird am besten neben dieses Zimmer ein Raum gelegt, der als Näh- und Bügelzimmer seine Verwen­dung findet.

Besonvece Obacht ist auf die Küchezu legen: sie soll kühl, also etwa nach Norden liegen, jedoch muß von ihr aus die Hausfrau auch Hof und Stallungen überioachen können, ©re soll enthal­ten den Herd, die Schränke für Küchengeräte, Spülstein und einfachen Tisch mit Stühlen. Die Speisevorräte gehören nichr hierher, sondern in einen besondern schattigen luftigen Raum, die Speisekammer. Dec Fußboden der Küche ist mit Steinfliesen ober mit Ziegelsteinen belegt; bil­liger stellt sich ein Hactgipsesttich in einer guten Sanbunterbettnng. Wände und Deck- sind ge­weißt: der Sockel jedoch in dunkler Farbe ge­strichen. Alte Küchenschränke ober Tische, altes Porzellan, Zinn und Kupfer verkauft man nicht einem geschwätzigen Trödler, sondern bewahrt es stolz als teures Erbstück; die blankgeputzten Ge­schirre stellt man wie der vornehme Städter cuf Wandbretter und Schränke.

Zu den vorstehenden Gesichtspunkten, die bei der Erstellung und Einrichmng der Wohnung zu beachten sind und die wir dem zweibändigen Werk- chen: „Das Landleben. Ein Bauernbuch für Kurse und Haus" (M.-Gladbach, Volksvereins- verlag; 1. Teil Feld und Vieh, 2. Teil Haus und Hof; je 282 S. und 75 Pfg.) entnehmen, kommen noch weitere Winke, wie über Heizung und Lüftung u. a. Wenn sie alle berücksichtigt werden, machen sie die Wohnung auf dem Lande zu einer Stätte, die nichr nur den gesundheit- lidien Anforoecungen entspricht, sondern auch als Aufenthaltsort Seele und Gemüt befriedigtl Daran ist nicht zu zweifeln, auch die Wohnung dürste als Mittel zur Bekämpfung dec Landflucht wohl zu beachten fein!

Allerlei.

— Lynchjustiz unter den Tieren. Ein merk­würdiger Fall von Lynchjustiz unter Tiers» wurde jüngst in Ostend-Obecfchöneweide beobach­tet. Die baioen Opfer dieses Falles sind eine Krähe und eine Meise. Lynchrichter waren zwei Pirole. Ein Paar dieser sonst so scheuen Vögel hatten im Garten der Villa Weiskopfstraße 12 in Ostend zu Berlin in einem Starkasten vier Junge ausgebrütet und unternahm mit diesen die ersten Flugversuche in den Kronen der Bäume. Plötz­lich vernahm man äiigstliches Vogelgeschrei, und man sah, wie eine Krähe eine Meise gefaßt hatte. Jrn selben Augenblick schoß das alte Pirolpaar auf die Krähe herunter und bearbeitete sie mit den Schnäbeln, wobei die Vögel ein papageiarti­ges Geschrei ausstießen. Die Krähe konnte sich kaum von dec Erde erheben und flatterte im Gar­ten herum, immer von den kreischenden Pirolen verfolgt. Es toar ein eigenartiges Schauspiel, die wunderbar gefärbten Vögech die im Fluge fast rein goldgelb erschienen, mit ihrem ohrenbetäu­benden Gekreisch zu beobachten, und das hielt so lange an, bis die Krähe sich nicht mehr be­wegte. -V-

— Mein Bruder starb vor 150 Jahren. Diese Erklärung gab kürzlich ein Zeuge vor einem Ge­richt in London ab. Es handelte sich um einen Erbstreit. „Haben Sie Brüder oder Schwestern?" fragte der Gerichtspräsident. „Ich hatte einen Bruder, aber der stach vor 150 Jahren", war die Antwott. Ter Gerichtshof glaubte, der Zeuge wolle sich über ihn lustig machen, und schickte sich bereits an, den Mann wegsp Beleidigung der Richter zu maßregeln. Der Hruge aber brachte Beweise für feine Aussage. Der Vater des Zeu­gen hatte sich im After von 19 Jahren verheira­tet, und ein kurz nachher geborener Sohn starb noch in demselben Jahre. Später ging er, 75 Jahre alt, eine neue Ehe ein, und dieser entsproß ein zweiter Sohn, der in Frage kommende Zeuge. Letzterer ist 94 Jahre alt. Zählt man zu diesem After den Zeitraum zwischen der Geburt der bei­den Brüder 75 weniger 19, oder 56- Jahre, so hat man die Zahl 150. Der Mann hatte also recht, wenn er sagte: „Mein Bruder starb vor 150 Jahren." _______