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Fulda, Samstaq den 3. Juli 1909.
36. Jahrgang.
Krstes Matt.
Die heutige Ausgabe umfaßt 14 Seite».
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 2. Juli 1909.
Am Bundesrats tisch: Sydow, Rheinbaben. Der Präsident teilte das Ableben des nationalliberalen Abg. Quark mit. Die Mitglieder des Hauses erhoben sich von ihren Plätzen. Auf der Tag^ordnung steht die zweite Lesung der
Tabaksteuer.
An Stells der Banderole des Regierungsentwurfes hat die Kommission einen neuen Entwurf vorgelegt, der einen Wertzufchlag beim Labakzoll einführt. Nach § 1 beträgt der Zoll für Tabakblätter, unbearbeitet usw., 85 Mk., für die verschiedenen Tabakerzeugnisse von 85 Mk. herauf bis zu 400 Mk. für Zigarren. 700 Mark für seingeschnitlenen Tabak und 1200 Mark für Zigaretten. § 1 a enthält den Zollzufchlag, der nach dem Kommissionsdeslluß 40 Prozent vom Wert beträgt. — Ein Antrag Müller-Fulda (Z.), Graf v. Mielzynski (Pole), Kreth (kons.) will den Zoll für Zigaretten auf 1000 Mark festgesetzt wissen. Ein Antrag Kreth (kons.) will ferner den Zoll für Zigarren auf 270 Mark herabgesetzt wissen.
Abg. Molkenbuhr (Soz.) bezeichnet diese Steuer als mitlelstandsseindlich und ruinös und lehnt sie namens feiner Partei grundsätzlich ab, weil durch Annahme der Tabaksteuer tausende von Arbeitern auf die Straße geworfen und dem Hungertode preisgegeben würden.
Abg. Dr. Stressmann (ntl.) hält die Vorlage für verderblich sür die Tabakindustrie, da die vorgeschlagene Wertsteuer zu einer Zentralisation der Tabakindustrie führen und die kleineren und mittleren Betriebe ruinieren würde. Aber selbst wenn allen Bedenken Rechnung getragen würde, wäre seine Partei doch nicht in der Lage, nach Ablehnung der Erbschaftssteuer der Vorlage zuzustimmen.
Abg. Schultz (Rp.) erklärt sich für die Vorlage, da der hier eingeschlagene Weg der einzig richtige sei.
Abg. Hormann (frf. Bp.) lehnt namens feiner Partei die Vorlage ab, da sie eine mittelstandsfeindliche ,Vorlage sei, die der weiteren Konzentration der Tabakindustrie Vorschub leisten und eine ungeheure Schädigung des Wirtschaftslebens zur Folge haben würde, s Abg. Erzberger (Ztr.): Sämtliche bürgerliche Parteien des Reichstags sind sich zum ersten Male darüber .einig, daß der Tabak stärker herangezogen werden muß. Nachdem die Banderolenfteuer gefallen ist, haben meine politischen Freunde sich in ihrer überwiegenden Mehrheit entschlossen, dem Wertzuschlag zuzustimmen und die Gewichtssteuer aus schwerwiegenden Bedenken abzulehnen, da durch die letztere die Zigarrenarbeiter und die Konsumenten viel stärker ge- ,troffen würden. Wenn der Abg. Hormann behauptete, der Wertzufchlag sei ein Vorschlag des Zentrums, so ist das unrichtig, er ist vielmehr ein Vorschlag des nationalliberalen Abg. Dr. Weber. (Lebhaftes Hört! Hört! im Ztr.) Wenn der Abg. Hormann weiter behauptet hat, alle Sachverständigen hätten erklärt, -aß der Wertzuschlag vollkommen undurchführbar fei, fr ist es doch auffallend, daß vor einiger Zeit ein Sach: inständiger in der .Nationalzeitung' ausgeführt hat, die Gewichtssteuer sei das allerschlimmste, was nur auszudenken wäre. Auch find meinen politischen Freunden von einer Anzahl von Tabakindustriellen und Sachverständigen Schreiben zugegangen, in denen wir dringend gebeten werden, unter keinen Umständen der Gewichtssteuer zuzustimmen, sondern dem Wertzuschlag den Vorzug zu geben. Der Wertzuschlag ist auch sozialer als die anderen Vorschläge, das hat selbst der Tabaksverein, ein Gegner dieses Systems, in seiner Denkschrift zugeben muffen. (Hört! Hört! rechts und im Ztr.) Gegenüber der Behauptung, daß der Wert- znschiag besonders geeignet sei, die Arbeit zu schädigen, verweise ich auf einen Artikel der „Tabakwelt", des Organs des Verbandes der deutschen Zigarettenindustrie, in welchem nachgewiesen wird, daß unter einer gleichmäßigen Erhöhung deS Zolles nach dem Gewicht die Arbeiterinteressen schwer notieiben würden, während bei einer Steigerung nach dem Wert sehr wohl eine Ö Ausgleichung eintreten könne. Die bei der ühmng der Wertzollsteuer sich ergebenden
SchwierigkeUen sind nicht unüberwindlich. Bezüglich der Folgen der Zigarettensteuer berufe ich mich auf die der Vorlage beigegebene Statistik. Aus ihr geht hervor, daß zwar im ersten Jahre nach Einführung der Banderole die Betriebe mit reiner Maschinenarbeit um zehn abgenommen, dagegen die Zahl der Betriebe mit £andarbeit um 40 zugenommen haben, daß also das egenteil von dem eingetreten ist, was die Jnterefsen- ten prophezeiht haben. Es wäre allerdings erwünscht, von der Regierung zu erfahren, ob sie gegenüber den vom Verband der ZigareUeninduftriellen erhobenen Angriffen diese ihre Angaben ausrecht erhält. Meine politischen Freunde sind in ihrer großen Mehrheit ent- schlosien, für das Gesetz in der vorliegenden Form zu stimmen. Sie haben diesen Schritt nicht gern getan, aber sie haben sich überzeugt, daß man, um die 500 Millionen neuer Steuern aufzubringen, an einem Genuß- mittel, wie es der Tabak nun einmal ist, nicht gut vorübergehen können. Ich hoffe also, daß das ganze Gesetz eine Mehrheit findet. (Beifall irn Ztr.)
Inzwischen ist ein Antrag Momsen (frf. Vgg.) und Gyßling (frf. Vp.l eingegangen, der den Wertzuschlagzoll streichen und dafür eine Erhöhung des Gewichtszolls vorgenommen wissen will.
Reichsschatzsekretär Sydow bedauert, daß ein so entbehrliches Genußmittel wie der Tabak nicht mehr zur Steuer herangezogen werden soll. Bei dem Streit zwischen Gewichts- und Wertzufchlagsteuer stellen wir uns mit aller Entschiedenheit auf die Seite des W ert- zuschlags. Unsere Angaben Über den Stand der StgarettenhtbuRrie halten wir vollkommen aufrecht; sie beruhen auf Berichten der Zolldirektionen, und wir stellen sie — unter der Voraussetzung der Diskretion — den Herren gern zur Einsicht zur Berfüguna. Aus den Berichten ergibt sich, daß der allergrößte Teil der vom Verband der Zigarettenmdustriellen namhaft gemachten Betriebseinstellungen auf rein persönliche Gründe zurückzuführen ist, und es ist in der Tat nicht zuviel gesagt, wenn man das Vorgehen des Verbandes mit dem Ausdruck „skrupellose Agitation" belegt.
Abg. Schmidt-Altenburg (Rp.) spricht sich für seine Person gegen die Vorlage aus.
Vizepräsident Kaempf teilt mit, daß der Abg. Giesberts beantragt habe, daß ein von ihm gestellter Antrag, dem Artikel 2 einen neuen Absatz binzu- zufügen, wonach arbeitslos werdende Arbeiter Unterstützungen erhalten sollen, nachträglich mit dem bereits zur Debatte stehenden Artikel 1 zur Debatte gestellt werden soll: ein gleiches soll mit dem Antrag Albrecht geschehen,' der eine Entschädigung für arbeitslos werdende Arbeiter verlangt.
Abg. Molkenbuhr (Soz.) begründet den sozialdemokratischen Antrag.
Abg. Giesberts (Ztr.): Nach dem Inkrafttreten des Gesetzes wird die Tabakindustrie eine schwere Krisis durchzumachen haben, unter der vor allem die Arbeiterschaft schwer zu leiden haben wird. Unser Antrag will wie der sozialdemokratische diese Härten nach Möglichkeit beseitigen. Ueber die Höhe der Unterstützung wollen wir nur die eine Bestimmung treffen, daß mindestens */« des entgangenen Arbeitsverdienstes gezahlt werden sollen. 'Ich glaube, daß unser Antrag vor dem sozialdemokratischen den Vorzug verdient, weil in diesem die Möglichkeit von Mißbräuchen ausgeschlossen ist. Ich bitte Sie daher, unserem Anträge zuzustimmen. (Lebh. Beifall im Ztr.)
Abg. Sielermann (k.) spricht sich, obwohl persönlich Gegner des Gesetzes, für den Antrag Giesberts aus.
Abg. Kreth (k.) hat gegen die Anträge Bedenken, spricht sich aber für eine vom Vorredner vorgeschlagene Resolution aus, wonach aus den Einnahmen dieses Gesetzes ein Fonds angelegt werden soll, aus dem auf Grund näherer vom Bundesrat zu erlassender Vorschriften Entschädigung gewährt werden soll.
ReichSschatzsekretär Sydow spricht sich gegen den Antrag Albrecht anS, vor dem Antrag Giesberts würde er allerdings der Resolution Sielermann den Vorzug geben.
Abg. Gras Miclchnski (Pole) spricht sich für den Antrag Giesberts ans und empfiehlt den Mehrheits- anftag auf Herabsetzung des Zigarretienzolls von 1200 auf 1000 Mark.
Präsident Gras Stolberg richtet um */i7 Uhr dir Frage an das Haus, ob man nicht eine Pause machen und das Gesetz in einer Abendsitzung erledigen solle.
Abg. Kreth (k.) widerspricht, da er es für richtig hält, die Sitzung fortzusetzen.
Die Beratung geht ohne Unterbrechung weiter. Unter allgemeiner Unaufmerksamkeit spricht Abg. Böhle (S.) gegen die Vorlage.
Abg. Weber (ntl.) tritt für den Antrag Mommsen ein, der viel sozialer und gerechter sei, als der Antrag Kreth.
Abg. Freiherr v. Gamp (Rp.) begrüßt es, daß jetzt allgemein das Prinzip gutgeheißen werde, daß die durch das Gesetz arbeitslos werdenden Arbeiter entschädigt werden sollen.
Geheimrat Dr. Reinhold teilt mit, daß bei der Formulierung der Ausführungsbestimmungen der Tabaksverein gehört werden soll. Ferner soll bei der Zollrückvergütung möglichst weitherzig verfahren werden.
Um V»8 Uhr beginnen die namentlichen Abstimm un gen. Der Antrag Albrecht (S.) wird in namentlicher Abstimmung mit 296 gegen 57 Stimmen abgelehnt. Der Antrag Giesberts (Ztr.) wird mit 341 gegen 12 Stimmen angenommen. Die Resolution Sielermann (kons.) ist damit erledigt. Die Anträge Müller-Fulda (Ztr.) und Kreth (L), werden gegen die Linke und einige Zentramsmitglieder angenommen- Der Antrag Mommsen (freif. Vgg.) wird gegen die Linke abgelehnt. Der so veränderte § 1 wird angenommen.
Es folgt die Abstimmung über § la (Wertzuschlag). Sie ist namentlich. Der § la wird mit 191 g egen 154 Stimmen bei 10 Stimmenthaltungen ange nommen. Ebenso einige weitere Paragraphen mit den Anträgen der Mehrheit. Der Rest des Gesetzes wird angenomm en.
Sam Stag: Branntweinsteuer.
Deutsches Reich.
-f- Zur Lage der Finanzreforrn.
Die Besprechung zwischen Mitgliedern des Bundesrats und den Führern der Mehrheit spartet en dauerten gestern fort. Eine Einigung ist bislang noch nicht erzielt worden, jedoch dürste sie bald bevorsiehen. Bedauerlich ist, daß der Bundesrat den Bestrebungen des Reichstags, das mobile Großkapital und die Börse zu den neuen Lasten des Reiches heranzuziehen, so heftigen Widerstand entgegensetzt.
Fürst Bülow beteiligt sich an den Besprechungen nicht. Er wird sich nach der,Tägl. Rundschau' daraus beschränken, vor Beginn der dritten Lesung in einer kurzen Erklärung seinen Standpunkt darzulegen.
Andere Zeitungsmeldungen kündigen an, daß der Reichskanzler sich in der letzten Reichstagssitzung verabschieden werde. Starken Glauben findet das noch nicht, obgleich der Hintertreppen- klatsch der Sensationsprefle bereits zu erzählen weiß, daß ein Wagen der Hosspedileurfirma Knauer am Freitag vor dem Reichskanzlerpalais gestanden habe.
. ** Berlin, 2. Juli 1909. Der frühere Kul- luÄnini'stek Dr. bl Studt, der elftem bot fünfzig Jahren in "den preußischen Staatsdienst getreten ist, hat zu diesem Anlaß ein sehr Herz- lickes Glückwunschtelegramm deZ Kaisers erhalten.
* v. Hegel nicht Kultusminister. Dis Nachricht, daß Herr Obsrpräfident b. Hegel zum Kultusminister ernannt fei, entbehrt, wie die Magdeburger Zeitung aus bester Quelle wissen will jeder Begründung.
a. Die Reichsbeamtenbesoldung. Die B u d- gelkommission beriet gestern die Besoldungsvorlagen der Reichsbeamten in zweiter Lesung. § 6 des Entwurfes besagt bezüglich der Woh-
nungsgeldzuschüsse, daß der Reichshaushaltsetat bestimmt, welche Beamten und Offiziere den im Tarif angegebenen Tarifklaffen beizuzählen sind. Diese Bestimmung wurde dahin abgeändert, daß nicht der Reichshaushaltsetat, sondern die Besoldungsordnung darüber zu bestimmen habe. Zu den Schlußvorschriften der Besoldungsvorlage wurde eine vom Abg. Erzberger beantragte Sparsamkeitsresolution angenommen, die den Reichskanzler ersucht, alsbald im Interesse der Sparsamkeit und der Vermeidung der beständigen Vermehrung der Beamten Anordnungen zu treffen, bei Etatsaufstellungen die Zahl der nicht etatsmäßig ange- ftellten Beamten anzugeben. — Diese Resolution ist von großem Belang. Die Vermehrung des Beamtenkörpers in den letzten Jahren hat einen ganz ungewöhnlich hohen Prozentsatz der Bevölkerung zu Beamten gemacht. Daß da durch modernere Arbeitsteilung, Beseitigung bureau- kratischer Formen im Verkehr unendlich viel gespart werden kann, davon ist man in den weitesten Kreisen fest überzeugt, besonders auch in den Kreisen der Beamten, die selbst unter der althergebrachten bureaukratischen Arbeitsweise leiden.
* Dem Zentrum soll nach dem Zustandekommen der Reichsfinanzreform wieder der Stuhl vor die Türe gesetzt werden. Dieses Versprechen gibt die in Stuttgart erscheinende ,Deutsche Reichspostt, das Hauptorgan der süddeutschen Konservativen, jetzt schon den Liberalen. Das Blatt schreibt:
Binnen wenigen Monaten, wenn erst die Erregung sich gelegt hat, und anbere gesetzgeberische Ausgaben vorliegen, werben wir vielleicht von neuem einer Zu - sarnrnenarbeit der Rechten mit d er Linken bedürfen, um basZentrurn zu eliminieren, wenn es allzu groß roerben sollte; und dafür wären die Konservativen nötigenfalls auch zu haben, da ein „neuer Block" tatsächlich nicht gegründet ist und keinerlei Verbindlichkeit besteht. Hat der gesamte Liberalismus aber inzwischen alle Brücken nach rechts zerstört, bann ist natürlich Zentrum Trumpf und die Linke zur bedeutungslosen Statisterei herabgesunken.
Die Absicht, das Zentrum wieder hinauszuwerfen, mag ja gewiß in manchen Kreisen bestehen, aber manchmal pflegt es auch anders zu kommen, als man denkt.
** Zur internationalen Regelung des Luft- schiffverkehrs hat, wie das „B. T." erfährt,Frankreich das Deutsche Reich wie auch andere Staaten zu einer Konferenz eingeladen, die möglichst noch in diesem Jahre stattfinden soll. Den Anlaß hierzu gaben Reklamationen deutscher Ballonführer wegen der Erhebung hoher Zollbeträge für nach Frankreich verschlagene Ballons.
a. Gegen die Errichtung von Lohuämtern sprach sich am Freitag in der Reichstagskommission für die Gewerbeordnung Staatssekretär v. Bethmann- Hollweg aus, der es für ganz unzulässig erklärte, daß der Staat sich in die Lohnfrage einmische. Das gehe auch nicht an etwa durch Sanktion von Bestimmungen der Tarifverträge. In der Debatte begrüßte u. a. der Centrumsabg. Fleischer zwar, daß dir Arbeitskammern mehr zur Regelung der Heimlohnstage herangezogen werden sollten, wünschte aber doch, daß der Staat zu einer Vereinbarung seine Sanktion gebe als Stärkung und ohne staatliche Verantwortung.
)( Der vationalliberale Rcichstagsadzeordnete Justizrat Q u a r ck, Vertreter von Koburg, ist in der Freitag Nacht plötzlich gestorben. Ouarck war bereits seit längerer Zeit schwer leidend. Bei dec Abstimmung über die Erbschaftssteuertrage war er herbeizitiert worden, er wurde aber während
Bernhard von der Eiche.
Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach.
20] (Nachdruck verboten.)
Nun wohl, so wollte auch er mit keiner Silbe an ihre kurze Begegnung rühren. Er war ja nur der Hochofenchef, sie die reiche Frau, bie den Löwenanteil der Aktien besaß. Er arbeitete in -ihrem Interesse, nicht in ihrem Dienste, das durfte sie nicht denken. Jeden Tag konnte er /eine andere Stelle bekommen, fein Ruf war ja begründet. Trotz und verletzte Eitelkeit sprachen so. Eine andere bessere Stimme lautete: „Jetzt liegt mir noch mehr daran, zu beweisen, daß ich aus dem rechten Platz stehe. Diese Geldaristo- kratin soll sehen, was ich leisten kann. Welch ^stolzes Gefühl wäre «3, wenn sie mir verpflichtet fein müßte, wenn ich das Werk hoch bringe und jhiien Reichtum verdoppele. Daqum frisch an Jbie Arbeit, Bernhard bon der Eichel"
v Als der Hochosenches zu Mittag nach Hause ‘ferm, wartete Ines schon ungeduldig auf ihn. Sie eilte dem Brudör entgegen und rief: „Denke Dir, Havdy, ich habe Frau Gerard kennen ge- jlenÄ. Sie ist reizend. Ich glaube, ich habe noch nie ein so schönes Gesicht gesehen."
Als Bernhard schwieg, erzählte Ines weiter: < „Durch Barry haben wir Bekanntschaft gemacht. Ich war nach Rätzlingen gegangen, um Frische Hühnereier zu kaufen. Wie ich eben aus der Hütte der Mere Antoine 'trete, die mir im- zner die schönsten Eier ihrer Cochinchiaesen verkauft, fährt eine allerliebste Equipage mit zwei -gelben Pormys bespannt, vorbei. Barry springt .laut bellend darauf zu. Da hält die Dame, die Ln dem Korbwägelchen sitzt, die Pferde an, und mch zu mir wendend, fragt sie: „Gehört Ihnen Srefer prachtvolle Hund!?" Ich war nccher ge- ^ttetm und erwiderte: „Barry gehört meinem Wruder, gnadtge Frau." Die Dame streichele
den Kopf des Hundes, der es sich, ohne zu knur- ven, gesvllen ließ. „Ich bin eine große Tierfreundin", sagte sie, „ich besaß früher selbst einen ähnlichen Bernhardiner." „O, aber Barry ist kein gewöhnliches Exemplar seiner Raffe", entgegnete ich. „Er hat seinen Stammbaum und ist ein Gwtzsohn jenes tapferen Barry, der so viele auf bem St. Gotthard rettete und zuletzt sÄbst dabei verunglückte."
Ines hielt inne und schöpfte Atem. Jhrst Sorte übersprudelten sich. Sie merkte nicht, wie aufmerksam ihr Bruder zuhörte.
„Leben Sie wett von hier?" fragte Frau Gerard.
„Ja, beinahe zwei Kilometer. Das Haus meines Bruders, des Hochosenchefs von Rohlingen, ist am anderen Ende des Ortes. Ich w.'itz nicht, ob ich mich täuschte, aber das Gesicht der Frau Gerard wechselte leicht ine Farbe. Sie rückte zur Seite. „So steigen Säe ein, mein Fräulein", berschte sie. „Ich glaube, richtig -erraten zu ha- den. Sie heißen Ines und find die Schwester des — hm", — hier räusperte sie sich, dann fuhr sie fort: die ©djtoefter des neuen Hochofen chess. Müllers haben mir schon von Ihnen erzählt."
„Und Sie find Frau Gerardl" rief ich. „O, ich habe es gleich gedacht."
„Wir lltchtM beide über dies- Bekanntschaft aus der Dorsstroß». Im nächsten Augenblick saß ich neben -er Lenkerin der PonNyequipag» und. im munteren Trabe ging es davon. Ich bedauerte, -atz die Fahrt so schnell zu Ende ging, denn sie toar furchtbar nett, und sagte, -atz uh sie bald besuchen müsse und —"
Inez unterbrach sich und blickte verwundert in das Gesicht des Bruders.
„Wär? es Dir nicht recht, Hardy?" fragte sie etwas zaghaft. „Du sichst so aus, als ob Du mit mir unzufrieden bist."
„Das nicht Kleines, aber man muß doch die Menschen etwas näher kennen lernen, ehe man sich mit ihnen befreundet. Doch nun lassen wir
dieses Thema fallen. Ich hoffe. Du hast etwas Gutes zu Mittag. Ich bin hungrig wie ein Werwolf.'
Ines eilte geschäftig von dannen.
Ihr Bruder blieb nachdenklich zurück.
We follte er sich das Benehmen Frau Gerards deuten? Wollte sie durch dieses liebenswürdige Entgegenkommen der Schwester gegenüber das schrinibarte Verleugnen des Bruders gut machen? Frau Gerard durfte nicht glauben, daß er irgendwie empfindlich war. Mochte Ines, so oft sie wollte, nach Mon Repo» gehen; er gönnte es ihr von Herzen. Sie hatte so wie so nur ältere Menschen zmn Umgang. Selbst Friäulein Elfriede war viel alter. Wie alt mochte wohl Frau Gerard sein. Bernhard ertappte sich dabei,, über diese Fragp zu grübeln. „Höchstens drei und- zwanzig", dachte er. „Ach, da erinnere ich mich, Müller sagte, sie sei seit zwei Jahren Witwe und habe jung geheiratet. Ja, ja, er erwähnte, datz sie gerade so alt ist, wie ich sie taxiere."
„Ich hoffe. Du erlaubst mir, die Einladung nach Mon Repos anzunchmen, Hardy", bat Ines mit der Zuversicht eines geliebten, verwöhnten Kindes, dem selten etwas versagt wird. „Frau Gerard bat mich, morgen zu kommen; wir wollen einen Spaziergang durch den Wald nach Itnterfom machen. Sie hat sehr bedauert, uns bei unserer Visite nicht gesehen zu haben."
„Gewiß, geh nur hin. Kleines."
Es kam seltsam hasttg heraus, so, als fiirch- trie Bernhard sich, seine Erlaubnis zu widerrufen."
„Kannst Du nicht mitkommsn?"
Und als er den Kops schüttelte, setzte Ines hinzu: „Oder hole mich wenigstens ab, es wäre zu nett. Weißt Du, sie hat schöne Ansichten aus Rußland, und aus ihrer livlanbffcheln Heimat, die sie schr liebt."
„Es geht wirklich nicht. Ich mutz morgen nach Düßlinggn in Geschäften hinübervsitan, Ines."
Sie seufzte etwas, dann aber 'dachte sie nur noch an das, was ihr der nächste Tag neues bringen werde.
Die goldgelben Spalierbirnen hingen schwer und reif an den Aesten. Es war Ines besondere Freude, sie einzusammeln und die schönsten Exemplare auf die Mittags- und Abendtafel zu bringen. Heute füllte sie ein Körbchen mit den saftigen Früchten und trippelte in ihrem weißen Kleid durch den Ort. Sie sah allerliebst aus mit Deut breitrandigen Strohhut auf dem goldblonden Köpfchen. Havdy hatte erlaubt, daß sie bis zum Abeitt» in Mon Repos bleiben könne. Es war Ines mit ihrem weichen Herzen eigen, jeden Menschen zu erfreuen. Sie wußte, daß es in Mon Repos lange nicht so herrliches "Obst wie in ihrem Garten gab. Gewiß würde es Frau (Herard nicht mißdeuten, wenn sie von ihrer Fülle etwas brachte. Als sie, von Barry begleitet in Mon Repos ankam, eilte ihr Irmgard entgegen und begrüßte sie erfreut.
„Wie nett, daß Sie kommen!" rief sie und hielt ihr beide Hände hin, „ich hatte kaum gehofft, Sie schon heute zu sehen. O, und Barry ist auch da, der liebe schöne Kerl!"
„Ich habe Ihnen etwas Obst gebracht, gnädige Frau, wir haben so viel davon und Sie nichts."
Wie Naiv und harmlos es klang; es entzückte die reiche Frau. „Ich danke Ihnen herzlich", sagte sie und sich zu dem jungen Mädchen nieber- beugeud, legte sie ihr die Hand leicht auf die Schulter. Ines ergriff die weiße mit kostbaren Ringen geschmückte Frauenhand und zog sie an die warmen Lippen.
„Nicht so. Kleine." Irmgard umarmte ihren Gast.
„Sie sagen: Kleine, gerade so wie Havdy?" rief Ines, halb verwirrt durch die Freundlichkeit Frau Gerards.
lFortsetzung foIffLA