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Maer W Zeitung

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oerantw. Redakteur» Sarr schütter

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üotationrdruckund Verlag der Luldaer Ak- tiendmckerei in Fulda Fernsprecher Rr.y.

Fulda, Freitag den 2. Juli 1909.

M 147.

36. Jahrgang.

Zweites Wtcrtt.

* Zur Einführung der Wertzu­wachssteuer.

Gegen die Reichswertzuwachssteuer, die im Reichstag in zweiter Lesung zur Annahme gelangt ist, hat bekanntlich der Haus- und Grundbesitzer, verein in Fulda Stellung genommen. Wir haben in dem Bericht über die fragliche VereinZsitzung bereits vermerkt, daß der sehr anfechtbare Beschluß übereilt gefaßt wurde und wohl kaum die überein­stimmende Meinung der Vereinsmitglieder wie- dergibt., Das wird uns bestätigt durch folgende Nachschrift zu der Versammlung, bi: uns von 'einem KauÄesitzer zugeht:

„Als Redner war vom Vorstand des Vereins Rechtsanwalt Raab von Gießen gewonnen. Wel­cher Partei Redner angehört, ist mir nicht be­kannt, tut auch nichts zur Sache. Jedenfalls ge­hört er jenen Parteien nicht an, die im Reichstag der Einführung der Wertzuwachssteuer den Boden geebnet haben. Aus. seinen Ausführungen konnte man entnahmen, daß er der Wertzuwachssteuec nicht zugetan war. Er fchilderte diese Sreuer grau in gtiau,. obgleich er auch einige Gründe für die Steuer ins Feld zu führen wußte.

, Man mag über die Wertzuwachssteuer denken wie man will, eins steht fest, 'daß diese Steuer g e- recht ist. Gerecht allein schon deshalb, weil der Gesetzgeber nur jenen unverdienten mühe­losen Gewinn, den man Wertzuwachs nennt, mit der Steuer treffen will. Und warum nicht? Es ist nicht der Besitzer allein, der seinen Grund­besitz im Werte 'steigert. Viel mehr tut das die Allgemeinheit durch die Anlage von Straßen, Bürgersteigen, Gas-, Wasser- und Kuralleitungen usw. Ist es da nicht ein Akt der Gerechtigkeit, wenn derjenige, dessen Grundbesitz von der Ge­samtheit im Wert gesteigert wird, nunmehr auch . zur Leistung eines einmaligen Beitrages für die Gesamtheit herangezogen wird?

Nahmen wir hier in Fulda das Gelände der Kurftirstensträße an. Wer hat die K u r f ü r st e n- st r a ß e gebaut? Doch die Gesamtheit dec Ein­wohner der Stadt. Ein Grundbesitzer hatte dort Grundbesitz mit 18 M pro qm angekauft, inner­halb % Jahr ging ein Teil mit 25, 26 M pro qm mühelos wieder in andere Hände über. Ein an­derer Besitzer erwarb daselbst ein größeres' Stück mit 20 M für das qm. Nach 2 Monaten ging es an einen anderen Käufer mit 32 für das qm über. Müheloser Gewinn an diesem Grundstück 15'000 <«.

Ich will weiter fragen, wer hat das Gelände Truchseß-, S ch i l d e ck-, R a n g st r a ß e, I m Kessel erschlossen? Wieder die Einwohner der Stadt. Fragt man den Besitzer eines unbebauten Grundstückes in jener Gegend, was er jetzt für ein Baugrundstück haben will, dann wird man er­staunt sein über die Forderung. Das Gelände str der Bli!.Herstraße soll vor mehreren Jähren für 1,80 bis 2 M pro qm angekauft worden sein; heute erhält der Besitzer 10, 11, 12 M für den Quadratmeter. Ist da eine Wertzuwachssteuer nickst am Platze? Wie bei unbebauten, so auch bei bebauten Grundstücken. Es sind mir eine Menge Verkäufe aus d-en letzten Jahren bekannt, wo schweres Geld mühelos verdient worden ist. Ein jeder, der sich einigermaßen aus dem Jmmobilien- markt umsieht, wird das bei objektiver Betrach­tung bestätigen müssen. Ist da die Erhebung einer einmaligen Abgabe nicht am Platze? Die Gesamtheit hat die Werte geschaffen und der Ge- famtheit muß ein Opfer gbracht werden.

Die Wertzuwachssteuer trifft den kleinen Hausbesitzer ni ch t, den Besitzer eines mitt­

leren Houses ebenfalls nicht oder nur gering, weil hier, der Wertzuwachs der einem Verlauf naturgemäß nur gering fein kann. Wenn dagegen der Besitzer eines wertvollen Baugeländes, oder der Besitzer wertvoller Häuser oder Villen durch den Verkauf einen VermögenZzuwachs erhält, dann kann er auch von diesem Zuwachs etwas abgeben.

Nicht alle Mitglieder des Haus- und Gcund- besitzervereins stimmen der Resolution über die Verwerfung der Wertzuwachssteuar zu. Die Re­solution hat die Versammlung v ö l I i g u n vo r- bereitet angetroffen. Der Vorstand mußte, Wolke er objektiv handeln, auch einen Redner ge­winnen, der die Gründe, die für die Steuer sprechen,, entsprechend erläuterte. Es gibt viele Leute, die für die Steuer sind. Erst wenn das Für und Wider in einwandfreier Weise geschildert war, konnte die Resolution zrtr Abstimmung ge­bracht werden. Ich bin fest davon überzeugt, daß viele Hausbesitzer, die in der Versammlung wa­ren, banrt ein ganz anderes Bild von der Wert­zuwachssteuer erhalten hätten.

Die Wertzuwachssteuer ist gerecht. Ein erheb­licher Teil fließt den Gemeinden zu. Die Ge­meinden können deshalb ihre Prozent« herab­setzen. Die Folge der Herabsetzung ist, daß eher ein Zuzug, namentlich besser gestelller Leute, statt- findet. Boi hohen Prozentsätzen ist bekanntlich dec Zuzug gänzlich ausgeschlossen. Ziehen aber Leute zu, dann hat jeder Stand, jedes Gewerbe hiervon Vorteil, nicht in letzter Linie die Haus­besitzer, die doch ihre Wohnungen und Geschäfts­lokale möglichst rentabel vermieten wollen. Ge­rade durch dieses Gesetz soll eine Heinmung der Bodenspekulation eintreten, was auch für Fulda sehr angebracht wäre. Jedermann, der objektiv ur­teilt, muß zugeben, daß die Bodenspekularion, wie sie jetzt hier betrieben wird, der Allgemeinheit nicht von Nutzen sein kann."

So weit die Zuschrift. Seir einige Städte mit der Wertzuwachssteuec bahnbrechend vorge­gangen sind, hat diese L-teuer in den weitesten Kreisen wachsende Sympathien sich erworben und die Resolution des Haus- und Grundbesitzer- Vereins wird ihren Siegeszug nichr hemmen. Sie ist in sich gerachl und bei richtiger Handhabung auch wohl erträglich: sie trifft den Verkäufer in einem Augenblick, wo er einen beträchtlichen Ge­winn einheimst, also zahlungsfähig ist. Nur solche Veräußerungen, bei denen dec Verkäufer ein sehr gutes Geschäft macht, werden mit einer Abgabe belastet und zwar nicht nach dem Maßstabe des ganzen Verkaufs- oder gemeinen Wertes, sondern nach dem Maßstabe dec Werrsteigecung, d. h. dem Unrerschieö zwischen den Anschaffungskosten und dem erzielten Verkaufspreise. Ihre Berechtigung ergibt sich, wie oben schon ausgeführt, aus der Tat­sache, daß die Wertsteigerung des Grundstückes nicht allein durch die Arbeit und Geschicklichkeit des Besitzers hecbeigeführt wird, sondern durch die Belegenheit des Grundstückes in der Ge­meinde. durch die Teilnahme des Grundstücks an all den Veranstaltungen d r Gemeinde, die den Zuzug und die sonstige wirtschaft- liche Entwickelung des Ortes wie einzelner Stadt­teile heben. Wenn die Allgemeinheit, das ist nicht nur die Gemeinde, sondern auch der Staat, durch ihre Maßnahmen das Wachsen der Grundstück- Preise serdnn, dann kann sie auch wenigstens einen kleinen Teil dieses Wertzuwachses für sich zurück­fordern. Den Hausbesitzer, der gelegenrlich ein­mal ein Haus verkauft, trifft die Steuer ja auch weniger, als den Häuser- und Grund- '* ü a ; rei u Ia n t e n. Es ist wirklich nicht c:n« zusehen, warum die Allgemeinheit nicht von ihm einen Tribut verlangen soll, wenn er auf* ihre Kosten reich wird. Können dadurch andere unge­rechter wirkende Sreuern vermieden werden, dann

Bernhard von der Eiche, llornan von Baronin Gabriele von Schlippenbach. 19] (Nachdruck verboten.)

Die junge Witwe war. des Umherstreifens müde. Sie war im Sommer in Livland bei ihren Verwandten gewesen und hatte später eine Reise durch Oesterreich und das Salzkammergut ge­macht. Jetzt sehnte sie sich 'nach Ruhe und Sülle, ihr Haus in Wien blieb geschlossen. Sie hatte eine ausgesprochene Vorliebe für die schöne Kai- ferstadt an der blauen Donau. An Mon Repos knüpften sich keine angenehmen Erinnerungen. Hier hatte Irmgard einige Wochen mit dem Gat­ten verbracht. Sein Rückenmarkleiden begann sich zu zeigen. Zuletzt artete es in Geistesum- nachtung aus, bis ein Schlaganfall den Tod her­beiführte. Einer baltischen Adelsfamilie ent- sprossen, fühlte sich Frau Gerard durch die Kar­ten der Geschwister angenehm berührt. Sie hatte den Federhut abgenommen und Gerte und Stul­penhandschuhe auf den Tisch geworfen.

„Eiche, Eiche", dachte sie. „der Name kommt mir bekannt vor. Wo habe ich ihn doch gehört?"

An der einen Wand hing ein großes Ge­mälde, eine Alpenlandschaft mit einer Sennhütte. Wie das Auge der jungen Frau zufällig darauf ruhte, durö^uckte sie ein Gedanke. Hieß so nicht der Tourist, mit dem sie die Bergtour machte, der sie vom Steinschlag rettete und ohne ihren Dank abzuwarten, sich kurz verabschiedete? In dem abwechslungsreichen Leben, das Frau Ger­ard seitdem geführt, hatte sie die Bekanntschaft .fast vergessen. Nun führte die Erinnerung sie zu jenem Augenblick zurück, als zwei starke Arme sie wie eine Feder aufhoben und eine vor Er­regung zitternde Männerstimme sagte: „Das hätte schlimm werden können."

„Ob 'es derselbe ist", dachte Irmgard. „Die Familie der Freiherrn v. Eiche ist in Preußen

weit verbreitet. Es wäre doch ein eigenes Zu­sammentreffen, wenn dieser Hochofenchef und Tourist eine und dieselbe Person wäre. Müller ist seines Lobes voll, er hat mir gestern wohl eine halbe Stunde vocgeschwärmt. Ich bin interessiert bei der Sache, leider ist ein großer Teil meines Geldes hier in Aktien angelegt."

Irmgard ging, um sich umzukleiden. Sie zog ein helles in Wien gearbeitetes Tuchkostüm an, dann bestellte sie einen Ponnywagen und fuhr mit ihrer Gesellschafterin zu Müllers. Sie wollte das Hochofenwerk besehen. Die auf demselben gereinigten Eisenerze wurden teils an westfäli­sche Hütten verkauft, teils in Röblingen auf dem Stahlwerk zu verschiedenen Zwecken verarbeitet. Heute Wurde auf dem Hochofen in fieberhafter Tätigkeit gearbeitet, denn eine größere Liefe­rung mußte in einigen Tagen nach auswärts ab­gefertigt werden. Zum erstenmale betrat Frau Gerard das Feld der Tätigkeit aller der Arbeiter und Angestellten, die in ihrem Interesse ihre Kraft und ihren Schweiß opferten. Ihr Mann hatte es nie erlaufet, daß „seine Prinzessin", wie er sie gern nannte, die Sohlen ihrer feinen Schuhe mit dem Staub des Werkes in Berührung brachte. Er hafte sie Wie in einem goldenen Kä­fig gehalten, mit Luxus und Reichtum überschüt­tet. Aber sie fühlte sich unfrei, sie fror innerlich, berat ihre impulsive Natur brauchte Wärme und Ungefeundenheit. Auch wenn die Klausel in Gerards Testament, ihr eine zweite Heirat nicht erschwert hatte, auch dann wäre sie fest entschlos­sen gewesen, keinen Mann zu wählen, dem sie sich abermals fügen mußte. In Livland hatte eben ihr Vetter, Gras Frauenfeld, um sie geworben. Er war reich, einer der begütertsten Majorats­besitzer des Landes. Sein Schloß lag in der so­genannten livländischen Schweiz, einer Gegend, die sich mit den schönsten Punkten Thüringens messen konnte. Der Graf war eine ritterliche Erscheinung. Trotz aller dieser Vorzüge hatte Irmgard Gerard ihn abgewiesen, allzusehr gd- rroß sie ihre Selbständigkeit. Ihr Herz hatte noch

ric der Siebe Leid und Lust empfunden, und sie bull es für ausgeschlossen, 'daß es je über sie kommen könne

Als der Generaldirettor Müller und Frau Gerard ba3 Hochofenwerk betraten, war die Ac- beii in vollem Gange. Mit ohrenbetäubendem Zischen waren die riesigen Gebläsemaschinen da­bei, die zum Schmelzen der Erze glühenden Oesen durch kalte Luftzufuhr vor dem Platzen zu schützen. In die langen Rechen der auf dem Bo­den liegenden Formen floß das rotglühende Me­tall. Unzählige Arbeiter verteilten die Masse, die nach und nach eine dunklere Farbe an nahm, und wenn sie nach mehreren Stunden ganz abge- kithlt war, von den wuchrigen Hämmern, die sehnige Arme schwangen, zerkleinert wurde. Irm­gard wollte den Generaldirektor um etwas fra­gen. Sie bewegte die Lippen, aber solange die Gebläsemaschinen in Tätigkeit waren, war fein Wort zu verstehen. Obgleich auch spärer der Lärm und das Getöse des Werkes nicht nachlie­ßen ,so erschien es doch fast wie wohltuende Stille, im Vergleich zu dem, was vorhergegangen war. Eine markige Männersümme rief Worte des Be­fehles : knapp und klar übertönte sie alles.

„Unser Hochofenchef ist auf der Höhe der (Si­tuation", bemerkte Müller lächelnd.

Irmgard sah sich mit einer ihr unerklärlichen Neugierde um; aber sie mochte nicht fragen: „Wo ist er?" Und deshalb verfolgte sie den Pro­zeß des Schmelzens mit lebhafter Neugier. Ein Beamter trat auf den Generaldirektor zu und sagte ihm etwas. Müller wandte sich zu Frau Gevacd. „Bitte mich für einige Mi nutzen zu entschuldigen, gnädige Frau", sagte er, „ich bin gleich wieder hier. Eine dringende Angelegen­heit ruft mich ins Kontor."

Er verneigte sich und ging mit dem Beamten fort. Irmgard blieb auf ihrem Platze 'stehen, von da aus konnte sie das Werk übersehen. Und plötzlich war ihr, als werde sie beobachret. Wer konnte es sein? Sie wandte den Kopf nach rechts.

hat dcch auch der reelle Grundbesitzer den Vorteil davon

Deutsches Reich.

* Zur Verwaltunqsreform. Im Ministerium des Innern trat am Montag die Jmmediatkom- Mission zur Vorbereitung der Verwaltungsreform zu ihrer ersten Sitzung zusammen. Den Vorsitz führte der Minister des Innern v. Moltke. Zur Vorbereitung der weiteren Arbeiten wurden Aus­schüsse gebildet. Der Kaiser ließ durch ein Tele­gramm den Herren zu ihren Verhandlungen den besten Erfolg wünschen.

* Gegen die liberale Kampfesweise erläßt im Beobachter am Main' die Zentrumspartei in Aschaffenburg folgende Erklärung:

„Zwischen dem .Beobachter am Main' und der .Aschaffenburger Ze tung' ist in den letzten Wochen eine Preßfehde entstanden, deren wesentlicher Jnhaltffchließ- lich die Brandmarkung einer Schrift war, die voller Verdächtigungen des Beichtinstitutes der kathol. Kirche ist. Diese Schrift hat den jetzigen Redakteur der ^Aschaffenburger Zeitung' zum Verfasser und beschäftigt wegm ihres unsittlichen Charakters zurzeit die Staats­anwaltschaft. Jeder Katholik muß Die Schrift aufs Tiefste bedauern, und jeder Jugendfreund ohne Unter­schied der Partei und des Bekenntnisses sie verurteilen. Im Verlause der Auseinandersetzungen hat der Redak­teur der »Aschaffenburger Zeitung' allen Angehörigen der Zentrumspartei die niedrigsten Schimpfwörter beigelegt, z. B. fchwarzes Gelichter, Gesindel, dunkle Partei, die das deutsche Volk zu belügen, zu knechten und ins Unrecht zu setzen sucht, Lügner, dunkle Brut usw. In einer der letzten Nummern geht die Kühn-' heil sogar soweit, daß er „die hiesigen Ultramontanen", das ist doch die überwiegende Mehrheit der Aschaffen­burger, mit dem Ausdruck „Lumpengesindel" be­zeichnet, „das zu allem fähig ist"' Das alles ge­schah, ohne daß die liberale Parteileitung es für notwendig gehalten hätte, in irgend einer Weise einzugreifen und gegen den Ton der Angriffe ihres Redakteurs Stellung zu nehmen. Die Zentrumspartei sieht sich veranlaßt, gegen eine solche Kampfesweise öffentlich zu protestieren. Im Vertrauen auf das gesunde Urteil der Aschaffenburger Bevölkerung glaubt sie davon absehen zu können, weitere Schritte wegen der oben erwähnten Beleidigungen zu unter­nehmen. Im Auftrage: F. M. Haus."

Au§ dem Nachbargebiele.

1*1 Hanau, 30. Juni 1909. (Schwur­gericht.) Heute nacht ging nach bieitägiger Verhandlung der Meineidsprozeß gegen die Ehe­frau Creß, das Ehepaar Kempf und den Landwirt Georg Möller, sämtlich von Hinter­steinau zu Ende. Die Zeugen, 73 an der Zahl, stellten zum überwiegenden Teil dem Möller das Zeugnis eines gewalttätigen Menschen aus. Wie von einem Albdruck befreit fühlten sich die Ein­wohner, als Möller in Hast genommen war. Der Staatsanwalt hielt die Schuldsrage bei allen Angeklagten aufrecht. Die Schuldfragen auf vorsätzlichen Meineid bei der Ehefrau Creß und des Ehepaares Kempf will er bejaht wissen und den Möller der Verleitung hierzu durch Bedrohung und Ueberredung schuldig gesprochen haben. Die Verteidiger plädierten auf Nicht- schuldig. Die Geschworenen sprachen sämtliche Angeklagten schuldig, worauf wegen Meineid Ehesrau Creß zu 1 Jahr 1 Monat, Ehefrau Kempf und Adam Kempf zu je 1 Jahr Zucht­haus und Georg Möller wegen Anstiftung zum Meineid zu 4 Jahren 6 Monaten Zuchthaus verurteilt wurden. Gegen Möller wurde außer­dem auf 10 Jahre und gegen die anderen Ange­klagten auf 7 Jahre Ehrverlust erkannt.

* Frankfurt a. M., 30. Juni 1909. I« einem Cafe zähen zwei Gäste einem 22jährigen Kellner Anton Ludwig je einen Hundert­markschein zur Begleichung der Zeche. Der Kellner nahm die beiden Scheine in Empfang, um sie zu wechseln. Es entfernte sich im Frack und ohne Hut aus dem Cafe und vergaß dar Wiederkommen., Man verständigte sofort die Polizei und dieser gelang es, den flüchtige» Kellner schon nach einigen Stunden zu ermitteln und zu verhaften. Das Geld war noch voll­ständig in seinem Besitz.

* Kassel, 28. Juni 1909. Der Bäckermeister Hase in Unterrieben (Kr. Witzenhausen) wurde heute vor der Tür seines Hauses vom Blitz erschlagen.

* Wiesbaden, 30. Juni 1909. Das Reichs­gericht verwarf die Revision des Stations- hilsserhebersJoh. Burkh ardt, der vom Schwur­gericht Wiesbaden wegen Ermordung der Frau. Thamer zum Tode verurteilt worden ist.

* Halle, 30. Juni 1909. Die Bunzlauer wollen den aus Essen dorthin versetzten berühm­ten Gr-mnasialdirektor Dr. Biese auch nicht haben. Der Bürgerverein in Bunzlau beabsichtigt gegen die Uebertragung der Leitung des Bunz­lauer Gymnasiums an Dr. Biese Einspruch zu erheben. *

vermischter.

* Gegen die Schundliteratur. Eine Maß­nahme, die Erfolg haben dürfte, hat der Schul­vorstand in Radebeul bei Dresden getroffen, um der Verbreitung der Nick Carter-, Sherlock Hol­mes- und anderer Schundliteratur unter den Schülern einen Riegel vorzuschieben. Den Schul­kindern und Fortbildungsschülern ist nämlich bei Schulstrafe verboten, in den Geschäften zu taufen,' die diese Schundliteratur führen.

* Die ungünstige wirtschaftliche Konjunktur drückt auf den Reiseverkehr. Alles bleibt zu Hanse. In den Badeorten und Gebirgs-Sommer­frischen herrscht laute Klage über Gästemangel. So wird der „Tägl. Rundschau" aus dem Harz mitgeteilt, daß der diesjährige Verkehr an Som­mergästen und Touristen weit gegen das Vorjahr zurückbleibt. In manchn Orten hat der Monat Juni noch nicht die Hälfte der vorjährigen Be- fmfjer; gebracht. Ebenso klagen die Bewgfhner des Riesengebirges, sowie der Nord- und Ostsee­bäder über das Ausbleiben der Gäste. Diese un­günstige Lage macht sich auch dadurch bemerkbar, daß di; Vermieter mit ihren Preisen ganz er­heblich heru.ttergegangen sind, um dadurch mehr Sommergäste anzulocken.

** In die von Gläubigen überfüllte Pfarr­kirche in Amdschot bei Löwen schlug der Blitz' in dem Augenblicke, als der Dechant des Ortes' nach beendetem Hochamt mit dem Kelch in der Hand die Altarstufen herabstieg, um sich zur' Sakristei zu begeben. Der Geistliche wurde zu Boden geworfen, der Kelch zersplittert. Dels Dechant hat nur leichre Verletzungen davonge- tragen, dagegen fand man den Küster und ein junges Mädchen bKvußtlös und schwer verwun­det am Boden liegen.

* Französische Schützen werden sich zum ersten­mal an einem dutschen Festschießen betailigen. Dem Pariser „Journal" zufolge hat der franzö­sische Schützenverband eine Abordnung von sechs. Mitgliedern zum deutschen Bundesschießen nach Hamburg entsandt.

* Zwei starke Erdstöße wurden wieder in Reggio (Kalabrien) verspürt. Die Bevölkerung verließ die Baracken. Einige Mauern, die schon vorher Risse zeigten, stürzten ein.

Da stand ein hochgewachsener Mann. Er trug einen grauen, stark verbrauchten Anzug, ein gro-s ßer Filzhut beschattete seine Slirn. Ruhig und unverwandt sah er sie an. Irmgard war es un­bequem. Sie trat etwas zur Seite und tat, als. sei der Fremde für sie Lust.

Als Müller nach kurzer Abwesenheit zurück-, kam, sagte er: „Gestatten Sie, gnädigste Frau, daß ich Ihnen Baron von der Eiche vorstelle, un­seren Hochofenchef."

Irmgard stand dem Mann int grauen Anzug gegenüber. Und jetzt, als er bett Hut ziehend, eine tadellose Verbeugung vor ihr machte, tauchte das Gesicht dos Touristen vor ihr auf, jenes Mannes, dec ihr schon zweimal wichtige Dienst«.' leistete. Sollte sie ihm hier sagen, daß sie ihn. erkannte? Er schien ihr ein ganz anderer. Viel-' leicht lag es an dem spitzen Küinbart, ben sein Gesicht zierte, an dem ernsten fast düsteren Aus-, druck der energischem Züge.

„Nein", dachte sie, „ich tue lieber, als sähe i<Jä ihn zum erstenmale. Ich müßte ihm danken und kann es hier vor Müller nicht. Eine Erläuterung wäre die Folge und wozu braucht er zu wissen^ daß wir uns kennen." Ohne daß sie es wollte fiel die kaum merkliche Neigung ihres KapfeS steifer aus; sie sah sehr hochmütig und abtoeifcut^ aus in diesem Moment. Man wechselte nur einig/" förmliche Worte, dann fuhr Frau Gerard davon./

„Ich weiß nicht, was heute mit ihr ist", sagt« Müller zu Eiche, „so habe ich sie noch nie gesehen.'

„Eingebildet, hochmütig, beschrädkr."

Dieses Urteil bildete sich in Bernhards Kopf aber er schwieg und widmete sich wieder feiner Arbeit.

„Mir kann es gleich fein, mir ist es ganf egal."

Das dachte er mit leisem Ingrimm, sie chatt» ihn verleugnet.

(Fortsetzung folgtzZ