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Rotationsdruckund Verlag der Fuldaer AI> tiendruckerei in Fulda Fernsprecher Nr. 9.
36. Jahrgang
Fulda, Mittwoch den 30. Juni 1909
JV3 145
Zweites Wtcrtt
Zustandekommen der Finanzreform und die Befriedigung der Ansprüche, die von Beamten und Heeres- angehörigen an sie geknüpft werden. Wenn von liberaler Seite weiter behauptet wird, die Konservativen achten die Nationalliberalen hrranzuziehen, um „ihre Blößen zu bedecken-, so ist auch diese Behauptung unwahr. Die Konservativen brauchen die Ratronal- liberalen nicht, sie sind durchaus m der2a ge, auf ihre Unterstützung zu verzichten. Wollen sie sich der neuen Mehrheit anschließen, so würde unS das ganz recht sein. Aber sie u m w e r b e n? Nein, dazu liegt kein Bedürfnis vor."
In diesen Aussührungen scheint uns die Situation zutreffend gekennzeichnet. An den Nationallibern len liegt es nun, ob sie die positive Arbeit der unfruchtbaren Negation vorziehen wollen. Wollen ie es — gut, wollen sie es nicht — auch gut. Den schaden werden wir nicht haben, sondern sie selber. Sie mögen sich dann mit dem freudigen Gedanken trösten, daß sie jetzt in so imposanter .Geschloffen- beit' erscheinen. Aber sie werden dabei auch bedenken müffen, wie das konservative Blatt anmerkt, daß „mitreden, verbeffern, Anträge stellen, dann aber alles verwerfen und die Verantwortung ablehnen, die Art ist, die bei der sozialdemokratischen Budgetverweigerung üblich ist, aber nicht einmal bei allen „Genossen" Anklang findet." Wollen die Liberalen durch eine ähnliche Taktik ihre „Prinzipienfestigkeit" erweisen — mögen fie es tunl _________
Ueber die in der Interpellation _ weiter verlangte Aenderung der Bestimmung über die Erteilung von Eiusuhrscheinen, auf die hin jetzt bekanntlich nicht nur Getreide, sondern z. B. auch Petroleum zollfrei eingesührt werden darf, kann mau reden. Allerdings ist die Sozialdemokratie seinerzeit gegen den Identitätsnachweis und für die erweiterte Geltung der Einfuhrscheine stürmisch eingetreten, worin sie jetzt einen Grund für die Getreideteuerung erblicken.
-4- Wehe, der herrliche Blockreichstag! Wer sich des tollen Freudentaumel- während der Blockwahlen und während der ersten „glorreichen« Zeit des Blocks erinnert, daß endlich emmal der Reichstag eine „zuverlässige nationale Mehrheit« erhalten habe, kann nur mit bitterstem Schmerze lesen, wie die „nalionale Preffe jetzt schreckliches Wchegeschrei erheben muß über, diesen viel- gerühmten und vielgeliebten Blockreichstag. Wie weit muß es gekommen sein, wenn ein so begeistertes Blockblatt wie die ,BerI. Neuesten Nachr/ (Nr. 321) ausrusen muß:
.Die Bedenken, die in Bundesratskreisen noch vor kurzem gegen eine Auflösung gemacht worden sind, unterschätzen zu sehr dir Stoßkraft natronaler Entrüstung, wie sie diesem Reichstag gegenüber allicherall im deutschen Volle himmelhoch empor* flammt!"
Die nationale Entrüstung wendet sich gegen den Blockreichstag — eia grausamerer Hohn ist nicht auszudenken.
(*) Die 30,000 Mark - Spende und die Mittelstands-Kundgebung. Die.Deutsche Gast- wirts-Ztg/ beschäsligt sich neuerdings wieder mit der auch von uns erwähnten 30,000 Mark-Spende für die Mittelstands-Kundgebung in der Berliner ,Neuen Welf. Die Sache scheint mit der Erklärung in der.Nordd. Allgem. Zig.' und mit dem Dementi des Abg. Rahardt nicht erledigt zu lein. Die .Deutsche Gastwirtsztg/ richtet jetzt nämlich an den Landtags-Abg. Rahardt dre Aufforderung: „Vielleicht ist angesichts dieser de- stimmten Verneinung die Frage an Herrn Rahardt berechtigt, aus welchen Mitteln nun die 3O,OOO'Mark {lammen, die ihm für die Deran- staliung dieser Versammlung zur Verfügung gestellt worden sind?« -
fr Bntinatiouale Arroganz. Gegenüber dem Fürsten Bülow, der sich durch das Verhalten des Zentrums sehr «gekränkt« fühlt, hat bekanntlich Abg. Dr. Spahn erklärt, daß das Zentrum sich durch den Vorwurf des „antmationale Arroganz" durch Bülow beleidigt fühle. Als Fürst Bülow darauf in seiner Presse behaupten ließ, er habe diesen Ausdruck nicht gebraucht, da schlug das Blatt des Evangelischen Bundes, die „Tägl. Rundschau«, Purzelbäume vor Vergnügen über diesen „Hereinsall" des Zentrums und entrüstete sich mächtig über die ultramonlane „Verlogenheit". Inzwischen ist in der Zentrumsprefle genau festgestellt 'worden, wann und wo der Ausspruch des Fürsten Bülow von der „antinationalen Arroganz" des Zentrums gefallen ist. — Die publizistischen Verfechter des Eoangelrschen Bundes sind aber nicht auf den Mund gefallen. Was schreibt die „Tägl. Rundschau« jetzt?: „Das Wort ist so treffend, daß es schade wäre, wenn er es nicht gesagt haben sollte." — Wenn es das Wort „Frechheit" in der deutschen Sprache noch nicht gäbe, dann müßie es erfunden werden, um das'Verhalten dieses Blattes zu kenn- zeichnen, das seinem Herrn und Meister übrigens alle Ehre macht.
Ausland.
* Stürmische Jubiläumsfeier. Die Katho' liken Brüssels feierten am Sonntag das 25« jährige Regierungsjubiläum ihrer Partei. Da der Bürgermeister in der Hauptstadt den Umzug verboten hatte, fand die Feier zurückgezogen im Vorort Koekelberg unter Beteiligung des Erzbischofs Mercier von Mecheln statt. Die Jungliberalen ärgerten sich darüber und fielen über die Katholiken her. Es sanden große Schlägereien statt, gegen die zuerst die Feuerwehr, dann berittene Schutzleute einschritten. Der Erzbischof, der auf dem Balkon des katholischen Gesellenhauses erschien, wurde von dem liberalen Pöbel mit Gebrüll und Gepfeife begrüßt.
* Die „Laizisation" in Belgien. Der Ruhm der .'.-Brüder in Frankreich läßt die belgischen Freimaurer nicht mehr ruhig schlafen. In Brüssel hat sich eine Gruppe «freiheitlich« angehauchter Aerzte zusammengetan, denen sich mehrere Mitglieder des Brüffeler Stadtrals sowie auch einige Herren vom Armenrat zugefellt haben. Ihr Bestreben geht dahin, die Hospitäler zu verweltlichen, d. h. die Ordensschwestern daraus zu vertreiben. Sie haben zu diesem Zwecke eine Schule gegründet, in der Laien für den Krankenpflegerdienst herangebildet werde« sollen, um durch diese Laien die Schwestern zu verdrängen. Außerdem stellten sie bei der Regierung den Antrag, daß nur solche Personen zum Krankenpflegerdienst herangezogen werden dürfen, die im Wege der Prüfung ein gewisses Maß von Kenntnissen nachgewiesen haben. Dre
Deutsches Reich.
E Die Brotwucher-Jnterpellation.
„Angesichts des durch die Teuerung der Lebensmittel verursachten Notstandes weiter Volkskreise" hat sich die Sozialdemokratie bekanntlich veranlaßt gesehen, in einer Reichstagsinterpellation die zeitweilige Aushebung der Getreivezölle von der Regierung zu fordern. Die Interpellation wird heute den Reichstag beschäftigen.
Niemand bestreitet, daß die Getreidepreise augenblicklich eine ungewöhnliche und sehr unerwünschte Höhe erreicht haben. Aber nur die grimmigen Gegner der Schutzzollpolitik können glauben, daß die Aushebung der Getreideeinfuhr- zölle hier Wandel schaffen. England, das keine Schutzzölle kennt, wird doch gegenwärtig ebenso von der Getreideteuerung heimgesucht wie Deutschland. Nicht im Schutzzoll, sondern in der allgemeinen Weltmarktkonjunktur ist das preissteigende Moment zu erblicken. Interessant ist, was zu diesem Thema eine wissenschaftliche Veröffentlichung sagt. Nach einet auf Grund der statistischen Aemter ausgestellten Verbleichung betragen die Durchschnittsausgaben von gleich starken Familien jür Lebensmittel:
in Deutschland 1016 Mk.
in Amerika 1044 Mk.
in England 1168 Mk.
Daraus geht klar hervor, daß in England die Lebensunlerhaltungskosten im Durchschnitt zum mindesten nicht billiger sind, als in den „Schutzzoüländern" Amerika und Deutschland.
Uebrrgens stimmt die Forderung der Sozialdemokraten gar nicht überein mit einer Auslassung des .Vorwärts', der vor einiger Zeit in einem Artikel die Gründe für die Getreideteur- rung untersuchte, und, in Anbetracht der Tatsache, daß doch die letztjährige Ernte so reich ge- wesen ist, die Spekulation sür die Teuerung verantwortlich machte. Nun sind es aber bekanntlich nicht die „Argrarier", die Spekulation machen, sondern das ist das Atelier von Leuten, die der Sozialdemokratie außerordentlich nahe stehen. Gegen deren „Brotwucher" Maßnahmen zu treffen, hütet sich freilich die Sozialdemokratie.
(*) Die Reichseinnahmen im Mai, dem zweiten Monat des neuen Etatsjahres, waren wesentlich ungünstiger als im April. Die Zölle und Verhrauchsstsucru, mit Ausnahme der Zucker- teuer, haben gegenüber dem Mai vorigen Jahres, dessen Einnahmen schon recht schlechte waren, einen Minderertrag gehabt. Auch bie Uebecwei- ungssteuern und die sogen, neuen Steuern sind ast durchweg hinter dem Monatsdurchschnitt des Etatssolls zurückgeblieben; nur die Börsensteuern haben einen günstigen Ertrag gehabt. Man rechnet mir einem Ausfall von zusammen 13 Millionen Mark gegen 1% Mill, im April.
* Der evangel. Bund tmb die Fronleichnamsprozession. Die .Nürnberger Volkszeitung" bringt in der Nummer vom 26. Juni folgendes Ein gesandt: „Im gestrigen .Fränk. Kurier" (24. Juni) findet sich folgendes Inserat:
„EvangelischerBund. Zwrigverein Nürnberg. Donnerstag, 1. Juli, abends 8'/. Uhr, im evangelischen Berrmshaus: Außerordentliche Generalversammlung. Tagesordnung: 1. Statutenänderung. 2. Fronleichnamsprozession. Die Borstaudschast."
Da die Fronleichnamsprozession ein öffentlicher katholischer Gottesdienst ist und darum den evangelischen Bund in keiner Weise etwas angeht, so können wir uns die Sache nicht anders erklären, als daß die Generalversammlung des evangelischen Bundes vielleicht beschließen wjll, sich das nächste Jahr auch an der Fronlei ch- namsprozession zu beteiligen und sich zu diesem Zwecke jetzt schon eine Fahne anzuschaffen." —
** Koblenz, 28. Juni 1909. Der Reichstags, u-nö Landtagsabgeordnete für Koblenz-St. Goar, Oberlandesgerichtsrat W e l l st e i n in Frankfurt a. M., ist zum Senatspräsidenten in Hamm befördert worben. Daher sind Neuwahlen erforderlich. Der Wahlkreis ist sicherer Besitz be3 Zentrums.
4- RationaUiberale «nd Fmarrz- reform.
Man schreibt uns aus Berlin: Nachdem Fürst Dülow in Kiel den Auftrag erhalten har, die Fi- Man^eform zum glücklichen Ende zu führen, muß Kein erstes Bemühen dahin gehen, zunächst die Steine wegzuschaffM, mit denen er sich selbst den Weg versperrt hatte. Zu diesen Steinen gehört geine Parole: Keine Finanzreform ohne Mit- jwirkung der Liberalen.
Daß er dabei nur an die Nationalliberalen Mdacht hat, ist männiglich bekannt, und so war 'von vornherein zu erwarten, daß er alsbald den sBersuch machen werde, die Rationallibe- zralen zur Mitarbeit an dec Finanzrefornn ßu bewegen.
Die Erklärung Baffermanns am Freitag, Katz sein« Fraktion nach der Ablchnung der Erb- lan fallsteuer nicht in öer Lage sei, die Finanzre- jform wie die von der Mehrheit gemachten Vorschläge zu akzeptieren, und daß sie fie deshalb ebenso wie ihre einzelnen Teile ablehnen müsse, hat die Nationalliberal en in einer Weise ^e st gelegt, daß anscheinend nur ein halsbre- jcherisches Salto mortale sie aus dem Lager der 'Opposition rettan kann. Mr haben allerdings Mrund zu der Annahme, daß in nlaßgebenden Preisen der nationalliberalen Partei bereits ec- Bebliche Zweifel bestehen, ob die Erklärung des Dg. Bassermann Erwägungen „staatsmännischer" Klugheit, denen sich die Nationalliberalen ffonst so gerne rühm-m, entsprungen sei. Es wird Deshalb damit gerechnet werden dürfen, daß die Malionalliberalen erkennen, wie wenig dec Rückzug in den Schmollwinkel dem Interesse der ernsten oadje wie auch ihrem Parteiinteresse bien- Sich ist.
Es braucht nicht betont zu werden, daß wir den Entschluß der Nationalliberalen, fortan an der Lösung der großen Aufgabe po s i t i v m i t z u - wirkest, nur begrüßen könnten. Von Anfang an haben wir die Meinung vertreten, sdaß die Finanzreform eine so wichtige nationale Aufgabe sei, "daß sie die Mitarbeit aller b ü r - fgerlichen Parteien erfordere. Das gegen« wärtig beobachtete Verhalten bet nationallibera- len Fraktion läßt freilich nicht erkennen, daß sie die Wichtigkeit dieser Aufgabe gebührend ein- schätzte Nach der Erklärung Bassewnanns äußerl« sich ein rechtsstehender Abgeordneter gesprächsweise zu einem Zentrumsabgeordneten: Ta stehen sie wie kleine Kinder und sagen, wir spielen nicht mehr mit. Und das ist die Partei, die das parlamentarische Regime bei, un» ein- führen zu wollen behauptet. Das Urteil ist hart, aber nicht unzutreffend. Hoffentlich kommt aber doch Noch nach der gegenwärtigen Verärgerung eine Stunde ruhigeren Nachdenkens. Die gegenwärtige Mehrheit gcht keines- tuegs darauf aus, den Nationalliberalen die Mitarbeit an der Finanzreform unmöglich zu machen. Aber nach der ganzen Entwickelung der Dinge werden die Nationalliberalen nicht er- hxirten dürfen, daß sie alsdann allein den Ton vnzugaben haben, der die Musik maijen soll. Die „Kreuzztg." läßt darüber, was die Absichten dec fKonservativen angeht, feinen Zweifel.
„Die Konservativen", erklärt fie, „und jedenfalls auch die übrigen Teile der neuen ReichstagSmrhrheit, tragen das Verlangen nicht, um jeden Preis, auch um den des Scheiterns der Finanzrrsorm, ihren, Willen eigensinnig durchzusetzen. Sie werden also über die einzelnen Steuergesetze mit sich reden lassen und dabei den Bedenken der Regierung, soweit wie immer möglich ist, entgegenkommen. Ihr Hauptziel ist das
Bernhard von der Eiche.
Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach.
17] (Nachdruck verboten.)
Im Laufe des Gespräches erwähnte Bernhard, baß er seine Schwester Ines bei sich erwarte. Ihr Kommen hatte fick verzögert, weil sie noch im Stettiner Krankenhause zu bleiben wünschte, um ein Examen als Schwester zu machen. .
„O, Sie müssen uns Ähre Schwester bald bringen," sagte Frau Therese Müller herzlich, „wir freuen uns hier in dem kleinen Ort über ieoen neuen Zuwachs zu unserer Geselligkeit."
' „Nun Frau Charles Gerard spricht ja auch .davon, ihr Schlößchen Mon Repos nächstens zu ^bewohnen," warf Elfriede ein, „ich glaube nur t-nicht, daß die verwöhnte Dame es lange hier aus- ihält. Sie ist fast immer auf Reisen."
„Frau Gerard ist eine auffallend schöne Erscheinung", erzählte dec Generaldirektor, „eine Figur hat sie, ich sage Ihnen — superbe!"
Seine Frau drohte ihm lächelnd.
„Alterchm", sagte sie, „ich werde noch elfer- süchtig werden."
i Müller lachte, bann fuhr er gesprächig fort: /„Sie ist erst dreiundzwanzig Jahre alt und seit 'Owei Jahren Witwe. Sie war nur kurze Zeit Mit Gerard verheiratet: er lernte sie in Rußland /auf einer Geschäftsreise kennen. Kurz vorher .hatte er das Schlößchen „Mon Repos" erbaut /und ein und eine halbe Million schon titel früher /in Rohlingen Aktien angelegt. Niemand wußte ,etwas Wer Charles Gerard. Er war wenigst ms ‘BO Jahre älter als seine Frau. Kurz nach der Kochest erkrankte er an einem schweren Rücken- .'markleiden und kam nicht mehr hierher. Sie /reisten von Bad zu Bad, in Aachen ist er dann ivuch gestorben."
Bernhard achtete nur aus Höflichkeit auf bie- -seit Bericht. Es konnte ihm doch wirklich gleich- (fliltifl fein, welches Schicksal eine Fremde hatte.
„Ist Gerard Franzose gewesen? Der Name scheint es zu sagen?" fragte Bernhard, nur um nicht durch eine Teilnahmlosigkeit den Schein der Uichöslichkeif hervorzurufen.
„Ja, das weiß niemand, er liebte es, sich in ein gewisses Durfte! zu hüllen. Hier war nichts über sein Vorleben bekannt. Man behauptete, Gerard sei aus Australien gekommen, von wo er seinen Reichtum mitgebracht hatte. Ob er ihn ererbt oder gewonnen, das erfuhr man nie."
„Ec war sehr eifersüchtig auf sein junges, schönes Weib", behauptete Frau Müller. „Sie muß ein trauriges Leven an seiner Seite geführt haben, et hütete sie wie der Drache seinen Schatz. So kennen wir fie auch noch wenig. Jedenfalls ist sie seine alleinige Erbin und sie ist noch jung und berechtigt, das Leben zu genießen, das thr bisher viel schuldig blieb."
„Ja, wäre nur nicht die sonderbare Klausel beim Testament Charles Gerards", versetzte Müller.
„Was meinen Sie damit, Herr Generaldirektor?" fragte Eiche, den das Gespräch nach und nach interessierte.
„Der alte Egoist hat darin festgesetzt, daß seine Frau bei einer zweiten Vermählung nur einige tausend Mark erhalt, alles übrige Geld geht an wohltätige Stiftungen über. So glaube ich auch nicht, daß Irmgard Gerard sich entschließen könnte, einn zweiten Gatten zu wählen. Sie soll ein ganz armes Mädchen aus einer baltischen Adelsfamilie gewesen sein, die in Petersburgs bei Verwandten erzogen wurde. Da lernte sie Gerard feinen, und nun ist sie eine reiche, verwöhnte Frau geworden."
„Aber sie ist reizend, kann so einzig lieb und gut sein!" rief Fräulein Elfriede begeistert.
Du schwärmst für sie, liebes Kind", tadelte die Mutter.
„Ja, ich tue es. Papa ist es nicht begreiflich? Du tust es Nämlich auch, gestehe es nur ein."
„Zugegeben", lachte der Generaldirektor.
Bernhard verabschiedete sich. Sein Zug ging spät ab; er wollt- noch Umschau auf dem Werk halten. Müller kam mit ihm. Was er dort sah, war allerdings nidrt geeignet, ihm das Unternehmen in rosigem Licht zu zeigen. Mürrisch und verdrossen verrichteten die Leute ihre Arbeit, veberall entdeckte er Fehler; in den Anlagen der Oesen, bei den großen Gebläsemaschinen, die durch kalte Lust die rotglühenden Eisenmassen abkühlten. Jo, es war eine Herkulesarbeit, wie Müller ihm geschrieben. Aber Bernhard von der Eiche reckte feine kräftige Gestatt höher, er fühlte sich Mannes genug, um sich an das schwierige Unternehmen zu wagen. Er sah seine Lebensautgabe darin, die Hochofenwerke in Rößlmgen emporzubringen. „Glück auf", sagte er leise, als der Zug ihn dem Felde seiner zukünftigen Tätigkeit entführte. Der alte Spruch, der Berg- und Hüttenleute gab ihm die frohe Zuversicht des Gelingens. —
Fräulein Elfrieöe Müller hatte wieder einmal eine neue Schwärmerei. Das ältliche, kränkliche Mädchen neigte dazu und wurde von ihrem Vater deshalb geneckt. Diesmal war Ines von der Eiche der Gegenstand, dem die Huldigung Elfriedes galt. Im Sommer war Ines nach Rößlin- gen gekommen. Ihr junges reizendes Gesicht strahlte, als sie den Bruder begrüßte. Sie warf bie Arme um feinen Nacken und küßte ihn herzhaft.
„.Harfe, da bin ichl" rief fie; „Ach ich bin fo froh, ich möchte die ganze Welt umarmen. Es wird herrlich fein, immer bei Dir zu bleiben, sich nicht mehr trennen zu muffen."
Das gewöhnlich sehr ernste Antlitz Bernhards war gleichfas von einer tiefgefühlten Freude erhellt. Er fand feine Schwester gewachsen und sehr zum Vorteil verändert. Ines war eine junge Dame geworden. Die Lehrzeit im Kran- kenhausc hatte ihrer jugendlichen Frische nicht geschadet, sie lab gesund und kräftig aus.
Bernhard trug dem Diener aus der Hütte auf, das Gepäck zu besorgen. Dann führte Eiche seine Schwester zu einem hübschen, niederen Wagen, vor den ein Ponny gespannt war.
„Unsere Eguipage", sagte er lächelnd.
Ines jubelte, denn der Bruder hatte sie überraschen wollen. Deshalb erwähnte er nicht, daß er als Hochofenchef Pferde und Wagen bekam.
„Ich bin sehr neugierig", plauderte Ines, während die Geschwister durch den lang sich hin- ziehenden Ort fuhren, „ich kann ss kaum Erwarten, die Schwelle zu betreten, die unser Heim ist. Du hast mir wenig geschrieben, Harfe."
„Ja, Schwesterchen, es gab und es gibt noch riesig viel zu tun. Was jahrelang an dem Werk gesündigt ist, läßt sich nicht so bald gut machen. Es gibt fortwährend Störungen im Betrieb, und wenn ein Ofen streikt ttrtb seine Schuldigkeit nicht tut, komme ich oft Tag und Nacht sticht aus den Kleidern."
„Du Armer'" rief Ines bedauernd.
„Nein, bemitleide mich nicht! In der Arbeit liegt so reicher Segen. Ich bin immer ganz gehoben wenn ich die Schwierigkeiten meistere and in Gang bringe. Man fühlt, daß man etwas kann und seinen Mann stellt."
Sie fuhren durch Rößlingen. Neugierige Ge- sichler lugten zwischen den Gardinen hervor. Es war bekannt geworden, daß der neue Hochofenchef heute feine Schtvester erwartete. In folch Heirwi Ort wird alles zum Ereignis. Bernhard erklärte im Fahren, wo die verfchiedenen Familien wohnten. Der Amtsrichter, der Doktor, der Apotheker und der erste Assistent, der jung ver- heiratet war. Ter Weg führte nicht am Haufe des Generaldirektors vorbei, aber Fräulein Müller war auf der Straße; sie war neugierig, fee Schwester Bernhards zu sehen. „Sie ist süß", dachte Elfriede, die gern dieses Eigenschaftswort
। antoanfee, „ich muß sie bald kennen lernen." (Fortsetzung folgt1