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üotationrdruckund Verlag der Fuldaer Ak- tiendruckerek in Fulda Ferufprecher Nr. 9.

JV8 144.

Fulda, Montag den 28. Juni 1909.

36. Jahrgang.

Erstes MlclLL.

Wegen des Feiertags Peter und Paul wird die nächste Nummer der .Fuldaer Zeitung' erst am Mittwoch ausgegeben.

[] Das Errtlaffrrngsgesrtch des Reichs­kanzlers abgelehnt.

Der Reichskanzler hat am Samstag in Kiel dem Kaiser sein Entlassungsgesuch über­reicht. Der Kaiser hat das Gesuch ab ge­lehnt. Fürst Bülow soll die Verhandlungen über die Reichsfinanzreform weiter führen, bis ein für die verbündeten Regierungen annehm­bares Ergebnis erreicht ist.

Das ist das Ergebnis deS Vortrages, den der leitende Staatsmann am Samstag dem Kaiser gehalten. Das offiziöse Wolff'sche Telegr.- Bureau berichtet darüber wie folgt:

Bei seinem heutigen Vortrag über die politische Lage hat der Reichskanzler den Kaiser um seine so­fortige Entlassung gebeten. Der Kaiser hat es ijebodj abgelehnt, im gegenwärtigen Augenblick dem Wunsche des Fürsten Bülow zu entsprechen. Der Kaiser wies darauf hin, daß nach der einmütigen Ueberzeugung der verbündeten Regierungen das baldige Zustandekommen der Finanz­reform für die innere Wohlfahrt wie für die Stellung des Reiches nach außen eine Lebensfrage sei. Er könne unter diesen Umständen der Erfüllung des MunscheS deS Fürsten auf Entbindung von feinen Aemtern nicht eher näher treten, als bis die Arbei­ten für die Reichsfinanzreform ein positives und für die verbündeten Regierungen annehm, bares Ereignis gezeitigt haben würden.

AuS dieser Note geht klar hervor, daß die -Mitteilungen, die darauf hinausliefen, daß Fürst Bülow nicht an feinen Abschied denke, falsch 'waren. Er hat daran gedacht, und er konnte nicht mit Sicherheit voraussagen, daß sein Ge­such Ablehnung erfahren werde. Nun ist es ab- gelehnt worden, vorläufig. Nach der amtlichen Darstellung hat der Kaiser es abgelehnt „im gegenwärtigen Augenblick" dem Abschiedsgesuch des Fürsten Bülow stattzugeben. Das Hingt, als ob der Kaiser gegen den Rücktritt des Reichskanzlers für einen späteren Zeitpunkt nichts einzuwenden, sich damit sogar grundsätzlich einverstanden erklärt habe. Es wird hinzugefügt, der Herrscher wolle dem Gesuch erst näher treten, wenn die Finanzreform zustande gekommen ist. Allerdings wird nicht gesagt, daß dem Fürsten Bülow alsdann der Abschied bewilligt werden soll. Wenn der Kaiser dem Gesuch „näher tritt", so kann das Ergebnis der Prüfung die Erfüllung aber auch die Versagung des Wunsches sein. Niemand weiß, wie sich die Verhältniffe in Monaten gestaltet haben werden. Es ist also auch ganz ungewiß, welche Entschließungen sich aus ihnen ergeben.

Es ist deshalb unberechtigt, wenn das,Berl. iTagebl/ aus der offiziösen Note klar und deut­lich lesen will, daß der Rücktritt des Fürsten Bülow beschlossene Sache sei. Der ,Berl. Lok.- Anz/ scheint da beffer unterrichtet zu fein, denn er rennt bereits die Bedingung, unter welcher der Kanzler int Amte zu bleiben gedenkt. Hier wird ausgesührt, noch fei es vielleicht für die

Konservativen nicht zu spät dazu, den einmal be­gangenen Fehler wieder gut zu machen:

„Wenn die Konservativen jetzt, in der letzten Stunde, dem Kanzler die Hand zur Verständigung bieten, wird der in der schmerzlichen Enttäuschung dieser Tage gefaßte Entschluß des Fürsten Bülow sich vielleicht doch noch einer Revision unterziehen lasten."

Weshalb auch sollte Fürst Bülow jetzt, und nun gar erst nach Erledigung der Finanzreform, nicht int Amte bleiben können? Wenn die Libe­ralen ihn für sich fordern wollen, so kann er ihnen ruhig erwidern, daß er ja alles getan habe, was in seiner Macht gestanden. Seine Demission ist abgelehnt worden, die Auflösung des Reichs­tags zu bewirken steht nicht in seiner Macht. Und er wird hinzufügen können, daß das natio­nale Jntereffe des Reiches höher stehe als das Parteintereffe des Liberalismus. Wir möchten deshalb dafür halten, daß Fürst Bülow nach Erledigung der Reichsfinanzresorm noch weiter im Amte bleiben wird. (Vergleiche jedoch weiter unten die offiziöse Auslassung der «Franks. Beifang'.) Die Mehrheitsparteien des Reichstags haben keine Veranlassung den Rücktritt des Fürsten Bülow zu wünschen. Das gilt insbesondere auch, wie wir oft betont haben, für das Zentrum. ES ist nicht wahr, daß das Zentrum auf die Ent­lassung des Fürsten Bülow hinwirke. Wenn der Abstimmung über die Erbanfallsteuer eine politische Bedeutung innewohnte, so bestand diese nicht darin, vaß die Mehrheit des Reichstags sich zu dem Kanzler in Gegensatz stellte, sondern darin, daß das Machtstreben des Libe­ralismus zurückgewiesen wurde.

Das Zentrum arbeitet an den Aufgaben des Reiches nicht mit, einer Person zu liebe, sondern um dem Reiche zu dienen. Deshalb kann es sich in seinen Entschließungen nicht beeinflußen lasten von seiner jeweiligen persönlichen Stellung zu dem leitenden Staatsmann.

Roch keine Klärung.

Wohl allgemein hatte man von der Aus­sprache zwischen Kaiser und Kanzler eine Klärung der verworrenen Situation erwartet. Die amt­liche Note bringt keineswegs ausreichende Klärung. Sie beschäftigt sich nur mit dem Schicksal des Reichskanzlers, aber es'gibt doch schließlich noch andere Dinge, die uns in dieser Zeit der Rat- unb Tatlosigkeit der Regierung interessieren. Nur Eines jedoch scheint deutlich aus der amtlichen Note hervorzugehen, nämlich daß die verbündeten Regierungen gewillt sind, im Interesse des als­baldigen Zustandekommens der Finanzreform eine Verständigung mit der Mehrheit des Reichstages zu suchen. Sie werden dabei durchaus Entgegenkommen finden, denn die Mehrheit ist ehrlich gewillt, mit ihnen über die neuen Steuern sich zu verständigen. Voraus­setzung dafür ist allerdings, daß sie den Willen der Mehrheit des Reichstages, das mobile Kapital in angemessener Höbe zu den Reichs- lasten heranzuziehen, respektieren und auch ihrer­seits zu einer Verständigung die Hand bieten. Leider ist bis jetzt noch nicht genügend in die Erscheinung getreten, daß die verbündeten Regie­rungen diesen Willen besitzen.

Die Mehrheitsparteien also sind zu einer Verständigung bereit. Die Versuche der Anhänger des alten Blocks, das Zentrum zu verdächtigen, als ob es nicht gewillt sei, an der Finanzreform

Bernhard von der Siche.

Roman von Baronin Gabriele von Schlippenbach. 16] 's~- (Nachdruck verboten.)

< Was wollte der Generaldirektor MMer von -ihm? Wohl irgend eine Auskunft, eine Frage 'geschäftlicher Art?

„Sehr geehrter Herr Baron," so hieß es in dem Brief, „würden Sie geneigt sein, die Stelle des Hochofenchefs in Rößlingen anzutreten und zwar schon in nächster Zeit? Es dürste Ihnen Nicht unbekannt, fein, daß das Werk eines der größten ist. Wir haben acht Hochöfen, es wer­den ttoch zwei gebaut werden. Auch daß Rätz­lingen ein Aktiemmternehmen ist, wird Ihnen nicht fremd sein. Nun, ich will ganz offen fein: die Aktien stehen schlecht, weil das Werk bisher ketztnen Hochofen chH ^besessen hat, dstr es verstand, die Sache am rechten Ende an­zugreifen.

Ich habe von Ihrer Tüchtigkeü gehört und glaube, daß wir in Ihnen den rechten Mann gefunden hätten. Wenn Sie auf meinen Vor­schlag eingeHen, bitte ich Sie hierher zu kom­men, damit wir alles Weitere besprechen können. Inzwischen verbleibe ich mit vorzüglicher Hoch­achtung

Franz Müller, Generaldirektor d. Hochofenwerke in Rößlingen, Luxemburg."

. So ehrend dieses Angebot war, so 'kämpfte Bernhard doch mit sich, ob er annehmen sollte. Aber fein Ehrgeiz, etwas Hervorragendes in sei­nem Beruf zu leisten, seine junge Kraft zu betä­tigen. toar jo groß, daß er noch an dänselbrn Übend zurückdepeschierte, er werde am nächstem KoniÄage Hinreisen.

। In großer Spannung gingen die drei Tage vorbei. Nun faß Bernhard im Zuge und sah Köln, Aachen,. Trier an sich vorüberziehen. In Luxemburg hielt der Zug eine Stunde. Eiche genutzte sie, um sich die wundervoll gelegene Stadt,

von der er Abbildungen kannte, anzusehen. Tief im Grund liegen schöne Häuser, ein prächtiger Viadukt führt vorüber. An den bewaldeten Ab­hängen leuchtet das Laub in saftigem Grün und reizende Villen lugen daraus hervor. Oberhalb liegt die eigentliche Stadt, die früher Bundes- festung war; die dicken Mauern erzählen es noch heute.

Nach einer weiteren Stunde Fahrt erreichte der Reisende sein Ziel. Rößlingen ist ein lang­gestreckter Ort, eigentlich ein Dorf. Die kahlen Airsläufer der Eifel ziehen sich dahinter her. Das Hochofenwerk ist König im Ort, alles dreht sich darum. Die meisten stehen in ganz engem Zu­sammenhänge damit, als Arbeiter, als Aktionäre, als Verwandte der Angestellten. Hoch und mäch­tig ftreben die Oefen und eisernen Gebläsemaschi­nen zum Himmel, 'der vom Qualm und Ranch ge­färbt wird.

Bernhards hüttenmännisches Herz pochte schnel­ler.

Es müßte doch schön sein, hier Ches zu wer- den, die vielen hundert Arbeiter unter sich zu ha­ben, das, was andern nicht gelang, zu können und so zu zeigen: „Ich bin ein ganzer Mann, der seine Sache verficht.

Noch ehe er mit Generaldirektor Müller ge­sprochen, war er mehr als halb entschlossen, anzu- nehmen.

Generaldirektor Müller war ein älterer Mann, der feit vielen Jahren diesen Posten in Rößlingen bekleidete. Er war Miiaktionär des Werkes, und bangte für fein Vermögen. In zuvorkommender Art äußerte er seine Freude, Bernhard kennen zu lernen. Man ging gleich zum Geschäftlichen üibgr, gegen anderthalb Stunden sprachst die Herren darüber. Es wurde Einsicht in die Bücher ödnammett, in denen das Soll und Haben ver­zeichnet stand. Kurz zusammmgesaßt war das Resultat folgendes: Müller bot dem neuen Hoch- oferrchef 12000 Mark Fixum, und recht annehm- bare Tantiemen, falls sich die Dividenden besser­

ehrlich mitzuarbeiten und als ob es eine Ver­ständigung hintertreiben wolle, sind zu durch­sichtig, als daß sie bei ernsten Männern Eindruck machen könnten. In diesen Tagen wird vielfach der Vorgänge vom Jahre 1879 Erwähnung ge» tan, wo Fürst Bismarck die große Schwenkung in der inneren Politik vollzog, indem er die Nationalliberalen fallen ließ, da er mit ihnen eben nichts zustande bringen konnte, und mit Konservativen und Zentrum die Finanzreform zum glücklichen Ende führte. Also auch damals war es nicht das Zentrum, das die Sanierung der Reichsfinanzresorm hinderte, sondern allein der Liberalismus. Wir meinen, die Geschichte spricht deutlich genug.

Fürst Bülow beim Kaiser.

Die Ankunft des Fürsten Bülow in Kiel erfolgte Samstag morgens 81/» Uhr. Er begab sich sofort zu der gegenüber dem Bahnhof an der Anlegebrücke liegenden Salonpinasse der „Hohenzollern" und fuhr zu der „Hohenzolletn" hinüber. Unmittelbar nach seinem Eintreffen wurde er vom Kaiser empfangen, mit dem er eine anderthalb- bis zweistündige Unterredung hatte. Der Vortrag des Reichskanzlers beim Kaiser dauerte bis 11 Uhr 15 Minuten. Nach seiner Beendigung zog sich der Kaiser zur Er­ledigung von Regierungsgeschäften zurück, während der Reichskanzler Fürst v. Bülow sich in ein längeres Gespräch mit dem Chef des Zivilkabi­netts, Herrn v. Valentini, auf dem Achterdeck der „Hohenzollern" vertiefte. Der Reichskanzler blieb zum Frühstück auf der „Hohenzollern" und fuhr um 3 Uhr wieder nach Berlin.

Daß Bülow vorläufig im Amte bleiben wurde, das konnte man bereits im voraus seftstellen, als man sah, wie feine Presse den Kaiser gegen die Konservativen ausspielte. So teilte eines seiner Blätter am Samsfag aus „sonst gut unterrichteter Quelle" mit, der Kaiser sei sehr verstimmt gegen die Konservativen, nicht nur wegen der Ablehnung der Erbansall- fleuer, sondern namentlich „wegen eines Falles, der dem Kaiser erst gestern bekannt geworden fei". Infolgedessen habe der Kaiser den Reichs­kanzler telegraphisch erfachen lassen, sofort nach Kiel zu kommen.

Bülows Rücktritt ist beschlossen so behauptet der Berliner Osfiziofus der,Frank- furter Ztg/ in der heutigen Morgenausgabe. Er schreibt:

Aus einer Unterhaltung mit einem, der am besten die Unterredung zwischen dein Kaiser und dem Reichs­kanzler und den beabsichtigten Sinn der halbamllichen Mitteilung kennen muß (der Reichskanzler selbst?) ent­nehme ich, daß Bülow wirklich nut auf den Wunsch des Kagers noch so lange bleibt, bis über die Finanzreform ein den Verbündeten Regierungen an­nehmbares Resultat erzielt ist. Dann aber ist sein Rücktritt im vollsten Einvernehmen mit dem Kaiser beschlossen. Bülow hält fest an den Voraussetzungen, die er nach reiflicher Urberlegung in seiner letzten Reichstazsrede vom 16. Juni für sein Verbleiben im Amte formuliert hat. Infolge der Ab­lehnung der Erbschastssteuer durch die Konservativen ist ihm die Foitsührung seiner seit der Reichstagsaus­lösung eingeschlagenen Politik unmöglich gemacht, ist die Entwickelung eingetreten, von der er am 16. Juni sagte, daß er sie nicht mit machen könne, wolle und werde. Und daraus zieht er die damals angekündigte Konsequenz. Bülow besitzt das volle Vertrauen de- Kaisers und wird sein Berater bleiben bis zur Ernen­nung eines Nachfolgers, über dessen Person zurzeit noch nichts feftliebt Er wird versuchen, die Finanz­reform in einer wenn auch nach dem Vvrausgegan-

ten. Die .Hauptaktionärin des Hochosenwerkes war eine Frau C«raod, die Witwe des Mannes, dr vor zftka 10 Jahren das Unternehmen grün­dete. Sie lebte aber selten in dem hübschen Schlöß­chen, das der Verstorbene erbaut hafte und das, auf halber Höhe liegend, den Oft beherrschte.

„Außer der von mir erwähnten Gage bekom­men Sie eine Dienstwohnung. Sie ist groß und bequem, mit Möbeln von der Hütte versehen. Ein herrlicher Garten, der viel Obst und Gemüse liefert, gehört dazu, ein Reit- und zwei Fahr- Pferde werden für den Chef der Hochöfen gehalten. Siehaben ja öfter in Esch oder in den anderen Ortschaften zu tun. Wenn es Ihnen paßt, ton­nen wir das Haus gleich besehen, es steht leer, seit unser bisheriger Direktor uns verließ, um nach Metz zu ziehen."

Bernhard wünschte sein und seiner Schwester zukünftiges Heim in Augenschein zu nehmen. Es lag am Ende des Ortes, etwa einen halben Kilo­meter von dem Schlößchen Frau Gerards ent­fernt. Ein hohes, schmiedeeisernes Gitter um­grenzte den Garten, der vor dem Hause schön ge­pflegte Rasenplätze mft kunstvoll arrangierten Blattpflanzengruppen zeigte. Ein Spnngbrun- neu plätscherte dort, umgeben von hohen Silber- eschen, Rotbuchen und grünen Tannen. Am Spa­lier war edles Obst und Wein gezogen. Eben war die Baumblüte im Flor wie mit Schnee be­deckt erschinen die Zweige der Obstbäume. Das Haus selbst war geräumig, hafte französische Ka­mine, eine Veranda, die sich auf der ganzen Süd­seite hinzog: bequeme Möbel machten es wohn­lich.

„Ja," dachte Bernhard, hier muß sich meine liebe kleine Ines wohl fühlen, ich kann ihr mehr Annehmlichkeiten bieten als in H." —

„Ich nehme an, Herr Gswaraldirektor," sagte Eiche.

Müllers Gesicht, das recht sorgenvoll ausge- sckhen barte, erstrahlte.

Er schien von einer Bergeslast befreit zu fein.

genen nicht für ihn, aber, soweit möglich, für die Ver­bündeten Regierungen annehmbaren Form zustande zu bringen, aber — so muß man annehmen — wie ein Mann, der die Brücken hinter sich abge­brochen hat.

Deutsches Reich.

*’ Berlin, 27. Juni 1909. Nachrichten über Verhandlungen zwischen Deutschland und der Türkei wegen eines eventuellen deutsch-türki» schen Bündnisses werden für unbegründet erklärt. Sie haben offensichtlich den Zweck, Mißtrauen ge­gen die deutsche Politik zu erwecken.

= Zur Reichsbeamtenbesoldungsreform hatte sich der Abg. Erzberger in einem Artikel im ,$ag' dahin geäußert,

daß die augenbticktiche politische Situation ein Abgehen der Fraktionen, auch des Zentrums, von den Beschlüssen der ersten Lesung im Sinne der Regierung herbeisühren werde. Wegen einzelner weitgehender Forderungen der Beamtenkreise dürste die Gesamtvorlage nicht gefährdet werden uud nur ein Wunsch der Beamtenschaft sei heute berechtigt: Schleunige Verabschiedung der Besoldungsvorlage,

Gegenüber diesen Ausführungen ErzbergerS stellt die Föln. Dolksztg/ fest, daß nur einer Privatmeinung darin Ausdruck gegeben sei und die Zentrumsfraktion nach wie vor die Beschlüsse der ersten Lesung ver­trete. Gleichzeitig wird an die Verdienste deS Abg. Erzbergers um die Beamten erinnert, der in seiner Beamtenfreundlichkeit oft die schärfst« Kritik der politischen Gegner gefunden hat. Di« jetzige Stellungnahme Erzbergers wird zurück- geführt auf Bemühungen liberaler Politiker, die da meinen, das Zentrum solle der Hahnemann fein, der voran gehe, um das von liberaler Seite gewünschte RückzugSmanöoer einzuleiten. Das Zentrum wird sich dazu aber nicht her­geben, weil es immer noch der Ansicht ist, daß die Beschlüsse der Besoldungskommission aus der ersten Lesung annehmbar und durchführbar sind, und daß der Abg. Erzberger, der in der ersten Lesung sich selbst lebhaft für die Beschlüsse der Kommission ins Zeug legte, richtiger handelte, als der Erzberger des in Rede stehenden ,Tag'- Artikels.

p Darmstadt, 25. Juni 1909. Eine gestrige kurze Tagung der Zweiten Kammer gab den Fraktionen Gelegenheit, zu den Vorschlägen deS Gesetzgebungsausschusses über die Wahlrechts­vorlage Stellung zu nehmen. Obgleich Einzel­heiten über diese zunächst vertraulichen Verhand­lungen noch nicht bekannt sind, so kann doch festgestellt werden, daß die Vorschläge im all­gemeinen eine günstige Aufnahme gefunden haben. Es herrscht bei fast allen Parteien der dringende Wunsch, diesmal das wichtige Reformwerk nach dreimaligem Scheitern endlich zustande zu bringen. Ob die Standsherren gleichfalls auf den Boden der Verständigung taten wollen, muß der nächsten Zukunft überlassen bleiben. Anzeichen hierfür sind vorhanden; im Interesse des Friedens im Lande wäre es nur freudig zu begrüßen, wenn in der Ersten Kammer die Elemente die Ober­hand erhielten, die entschlossen sind, durch An­nahme des Reformwerkes endlich diese Streit­frage aus dem politischen Leben Hessens auszu­scheiden. Die Zustimmung zu den Regierung?» Vorschlägen wird der Zweiten Kammer dadurch wesentlich erleichtert, daß eine Reihe der von ihr

. früheren Verhandlungen geäußerten Wünsche im Regierungsentwurf Berücksichtigung

„Glück auf, Herr Baron!" rief er und schüt­telte Bernhard herzhaft die Hand. „Ich schöpfe frischen Mut, unter Ihrer Leitung muß die Karre wieder flott werden."

„Machen Sie sich keine vorschnellen Hoffnun­gen", bemerkte Bernhard vorsichtig. „Was ir­gend geschehen kann, soll gemacht werden, aber vergessen Sie nicht, daß der redlichste Wille, das tüchtigste Wissen ost widrigen Verhälinissen ge­genüber machtlos bleibt."

„Gewiß, gewiß, Herr Baron, ich habe Ihnen nitchs verheimlicht, nichrs beschönigst ich vertraue Ihnen viel an durch den Posten eines Hochofen­chefs in Rätzlingen. Gort wolle feinen Segen dazu geben."

Die schlichten Worte gefielen Bernhard, lieber- Haupt fühlte er schon bei dieser ersten Bekannt­schaft eine hochachtungsvolle Sympathie für den Generaldirektor.

Wir wollen Hand in Hand arbeiten," verfetzte Eiche und frohe Hoffnung erfüllte ihn.

Nachdem der Kontrakt aufgesetzt war, forderte Muller Bernhard auf, in feiner Familie das Mit­tagsmahl einWnehmen, und ging mit ihm durch den Ort. Hinter den Schlackenbergen, die sich nach zwei Richtungen ausdehnten, lag das Haus des Generaldirekrors, mitten in einem sehr ge­pflegten Garten, an den ein kleiner Laubholz- park stieß. In der Frau des Generaldirektors lernte Bernhard eine sein gebildete liebenswür­dige Dame kennen, die ihm sehr freundlich ent- AMMkam. Die beiden Sohne des Ehepaares teu­ren schon verheiratet. Der ältere war in Frank­furt a. M. in einem großen Bankhause angestellt, der zweite Sohn war Hauptmann und stand mit seinem Regiment in Metz. Nur die Tochter, Fräu­lein Elfriede, war noch bei den Eltern, ©fa war nicht mehr jung und ost kränklich, ein fehr stilles, etwas schwermütig aussehendes Mädchen von dreißig Jahren.

' (Fortsetzung folgt*