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JV8 143.
Fulda, Samstag den 26. Juni 1909.
36. Jahrgang.
Erstes Matt
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 25. Juni 1909.
Am Bundesratstisch Staatssekretär Sydow.
Auf der Tagesordnung stand zunächst die zweite Lesung des
v • Reichsstempelgesetzes.
Die Kommission hat die in der Regierungsvorlage svorgeschlaaenen Stempelsätze für Umsätze in Höhe von (*/»*/• durchgängig auf */»•/« erhöht.
! Abg. SB aff er mann (ntL): Nachdem gestern ein wichtiger Teil der Reichsfinanzreform gefallen ist, find wir, zumal der Reichskanzler und der Reichsschatzfekretär ! die entschiedene Erklärung abgegeben haben, daß 'ohne Erbschaftssteuer die Reichsfinanzreform 'nicht zustande kommen wird, nicht in der Lage, für die einzelnen Teile dieses Gesetzes zu stimmen. Nachdem dir Regierung und die zu ibr stehenden Parteien gestern eine schwere Niederlage erlitten haben, und nachdem das Zentrum gestern dem Reichskanzler bie (Quittung für die Dezemberauf- löfung gegeben hat (Widerspruch), liegt es bei den Konservatwen, dem Zentrum und den Polen, die Reichsfinanzreform so auszugestalten, wie sie es wünschen. Wir werden ihren Siegeslauf nicht hemmen. Im einzelnen werden wir Verbesserungen uns Vorbehalten. Da die Voraussetzung einer allgemeinen , Besitzsteuer seit gestern nicht mehr besteht, fehlt uns die Möglichkeit, die Reichsfinanzresorm anzunehmen.
6 Abg. Dr. Wirmer (frs. Vp.) gibt namens der frei- finnigen Fraktion eine ähnliche Erklärung ab.
Abg. Dr. Spahn (Ztr.): Die Herren (nach links) mögen die Haltung, die sie eben proklamiert haben, vor sich und vor dem Lande rechtfertigen. (Lachen links.) Ich möchte mich aber mit aller Energie gegen »inen Ausdruck verwahren, den der Abg. Bassermann uns gegenüber gebraucht hat. Wir haben gestern nicht Rache genommen für den 13. Dezember (Lautes Gelächter links), wir haben gestern aus rein fachlichen Erwägungen heraus Stellung genommen. (Erneutes höhnisches Gelächter links.) Schon vor Jahren hat meine Fraktion ihren Widerstand gegen die Erbschaftssteuer mit aller Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht, und unsere gestrige Abstimmung war lediglich die Konsequenz dieser unserer Haltung. (Beifall im Zentrum.)
Abg. Raab (wirt. Vgg.): Auch ich habe gestern für die Erbschaftssteuer gestimmt. Aber ich muß doch sagen, die Gründe, die die Abgg. Bassermann und Wiemer hier eben vorgebracht haben, sind doch wahrhaftig trauriger Natur und entspringen nicht dem Gefühl wahrer Vaterlandsliebe. Wir werden nach wie vor an dem Zustandekommen der Reichsfinanzreform Mitarbeiten. Wir werden gegen die Besteuerung des Umsatzes auf Grundstücke stimmen, denn wir können uns nicht von dem Bedenken sreimachen, daß em solcher Umsatzstempel Landwirtschaft und Gewerbe in hohem Maße belastet.
Abg. Dr. David (Soz.): Unsere Haltung bezüglich der indirekten Steuern ist hinlänglich bekannt. Ich wollte nur fragen, ob denn die verbündeten Regierungen keine Erklärungen abzugeben haben. (Große Heiterkeit.)
Hieraus schließt die Diskussion. Die grundlegende Bestimmung des Umsatzstempels wird in namentlicher Abstimmung mit 174 gegen 151 Stimmen bei einer Etimmenenthaltung angenommen. Der Rest der Vorlage wird debattelos angenommen.
Es folgt die zweite Beratung der Vorlage be« treffe" r»
Erhöhung des WechselftempelS.
Während dir Regierungsvorlage olle Wechsel mit einer Umlaufzeit bis zu 3 "Monaten von der Steuer sreilaffen will, hat die Kommission beschlossen, die Steuerbefreiung auf alle Wechsel mit einet Umlauszeit bis zu 6 Monaten auszudehnen.
Reichsschatzfekretär Sydow bittet um Wiederherstellung der Regierungsvorlage, da sonst der finanzielle Erfolg der Vorlage vernichtet werde.
Nach unerheblicher Debatte wird die Vorlage in der Fassung der Kommission angenommen.
Hierauf wird die Beratung über die von der Finanzkommisfion vorgeschlagenen Ersatzsteuern fottge- setzt. Die Beratung beginnt mit dem
Kaffee- und Teezoll.
Nach der Vorlage soll der Kaffeezoll auf 60 Mark für rohen, auf 80 Mark für gebrannten Kaffee und auf 100 Mark (bisher 25 Mk.) für Tee erhöht werden, i Abg. Pachnicke (freis. Vgg.) erklärt, daß seine Freunde diesen Kommiffionsbeschluß entschieden ab» lehnen.
) Abg. Molkenbuhr (Soz.): Bei der Erbanfallsteuer soll daS Steuerzahlen den „Familiensinn" schaden. Bei oem Kaffee, der gerade in ärmeren Familien eine große Rolle spielt, fragen Sie nicht nach dem Familiensinn!
! Abg. Spahn (Z.): Der Schatzsekretär hat in der 5Immission erklärt, daß die Anregung auf Erhöhung es Kaffeezolles von freisinniger Seite gekommen Set: ferner: es fei nicht anzunehmen, daß die Erhöhung des Kaffeezolles eine Erhöhung des Inlandspreises zur Folge haben würde. Dieser Ansicht sind auch meine politischen Freunde. Die endgiltige Stellungnahme seiner Partei macht Redner abhängig von der schließlichen Gestaltung des ganzen Finanzproblems.
? Nach weiterer unerheblicher Debatte schließt die Diskussion. Der grundlegende 8 1 der Vorlage wird in namentlicher Abstimmung mit 187 gegen 154 Stimmen bei 7 Stimmenthaltungen angenommen. Zu 8 4 wird ein Antrag Gothein angenommen, wonach bei Kaffeelieferungsgeschäften, die vor dem 1. Juli 1909 abgeschlossen sind, der Käufer berechtigt fein soll, .vom Empfänger Ersatz für den erhöhten Zoll zu beanspruchen. — Der. Rest der Vorlage wird debattelos angenommen.
« Dann folgt die zweite Beratung der Vorlage betreffend die
Besteuerung der Beleuchtungsmittel.
Abg. Weber (natlib.) bezeichnet die Vorlage als technisch ganz undurchführbar; einer so verkehrsfeind- ltchen Steuer könne feine Partei nicht zustimmen.
s Reichsschatzfekretär Sydow: Diese Vorlage ist fichtS anderes als der zweite Teil deS Gesetzes über ie Besteuerung von Gas und Elektrizität, das die Regierung Ihnen vorgelegt hatte. Sie werden sich .daher nicht wundern, daß ich f ür diese Vorlage eintrete. Wenn man das Petroleum mit einem hohen Zoll heranzieht, fo kann auch das elektrische Licht, daS tzewiß sicht als das Licht des armen Mannes bezeichnet
werden kann, eine Abgabe vertragen. Die Bedenken des Vorredners find unbegründet.
Abg. Dr. Müller-Meiningen (frs. Bp.): Interessant ist, daß Abg. Speck (Z.) im bayerischen Landtage noch im Vorjahre gegen eine solche Steuer polemisierte. (Lebhaftes Hört, hört l links.)
Abg. Dr. Pichler (Ztr.): Herrn Müller-Meiningen muß ich erwidern, daß kein Mensch im bayerischen Landtage von der Besteuerung der Glühkörper gesprochen hat; man sprach lediglich von der allgemeinen Elektrizitätssteuer. Abg. Speck hat nur Bedenken gegen die Kraftsteuer geäußert, davon ist aber hier keine Rede.
Vizepräsident Dr. Paasche: Ich schließe die Diskussion. (In dem Augenblick meldet sich der unermüdliche Abg. Müller-Meiningen zum Wort. (Stürmische Heiterkeit im ganzen Hause.)
Abg. Dr. Müller-Meiningen (freis. Vp.) zur Geschäftsordnung: Ich möchte an den Präsidenten die Frage richten, ob es gestattet ist, den Ausdruck Jesuit zu gebrauchen? (Huh, huh! und stürmisches Gelächter im Zentrum.)
Abg. Dr. Heim (Ztr.): Ich möchte mir auch eine Anfrage an den Präsidenten erlauben. Ist folgendes Zitat gestattet: Gutzkow sagt in dem Ritter vom Geist: „Wenn man einen minderwertigen Menschen möglichst rasch erkennen will, darf man nur die Sprache auf die Jesuiten bringen." (Stürmische Heiterkeit und Bravorruse.)
In namentlicher Abstimmung wird hierauf 8 1 bei zwei Stimmenthaltungen mit 185 gegen 160 Stimmen angenommen. Ebenso debattelos der Rest der Vorlage.
Das Haus vertagt sich dann auf Mittwoch. Zur Beratung steht die sozialdemokratische Interpellation über die zeitweise Aufhebung der Getreide- zölle.
Abg. Singer (S.) schlägt vor, morgen eine Sitzung zu halten, um dem Reichskanzler schon morgen Gelegenheit zu Erklärungen über die Sage zu geben. (Heiterkeit.)
Der Antrag wird abgelehnt.
Preußischer Landtag.
Abgeordnetenhaus.
Sitzung vom 25. Juni 1909.
Der Prästdententisch ist aus Anlaß der 100. Sitzung mit einem Blumenstrauß geschmückt.
Aus der Tagesordnung steht zunächst die Beratung deS vom Herrenhause abgeänderten
Beamtenhaftpflichtgesetzes.
Das Herrenhaus hat den Entwurf dahin geändert, daß der Staat für die Amtsvergehen von Lehrpersonen in der gleichen Weise haften soll, wie für die Beamten, und nicht in erster Linie die Schulver bände hasten sollen.
Abg. Boehmer (kons.) begründet einen von fast allen Parteien unterstützten Antrag, den § 5, der die Haftung des Staates für die Amtsvergehen der Lehr- Personen betrifft, ganz aus dem Gesetzentwurf zu streichen.
Abg. Reinhard (Ztr.): Es handelt sich hier nur noch um eine Differenz zwischen dem Abgeordneten- und Herrenhause. Zu bedauern ist, daß der Beschluß des Herrenhauses, der meinen Parteifreunden an sich durchaus sympathisch ist, von der Regierung als unannehmbar bezeichnet wird. Es bleibt uns, da das Herrenhaus nicht auf den Boden unserer Beschlüsse treten will, nichts weiter übrig, als die Lücke, die durch Ausscheiden der Lehrer im Gesetz hervorgerusen wird, mit in Sauf zu nehmen, damit wenigstens etwas erreicht wird.
Die Abgg. Boisly (natl ), Frhr. v. Zedlitz (ftkons.), Gaffel (frs. Bp.) und Peltasohn (frf. Vgg.) sprechen sich gleichfalls für den Antrag aus.
Der § 5 wird gestrichen und das Gesetz im übrigen unverändert angenommen.
Der Gesetzentwurf betr. die Schulversäumnisse in Nassau wird debattelas angenommen.
Sodann erteilt das Haus die Erlaubnis zur strafrechtlichen Berfalgung der Redakteure Paul Petzold in Erfurt und Wilhelm Dahl ebenda wegen Beleidigung des Abgeordnetenhauses.
Hierauf wird eine Reihe von Petitionen entsprechend den Kommisfionsbeschlüssen erledigt.
Damit ist die Tagesordnung erledigt.
Präsident v. Kröcher teilt mit, daß der Abg. Dit- furth lkons.) fein Mandat niebergelegt hat und schließt die Sitzung mit einem Hoch auf Den Kaiser. Vor dem Hoch entfernen sich die Sozialdemokraten.
Herrenhaus.
Sitzung vom 25. Juni 1909.
Das Herrenhaus gab sich mit der gestern im Ab- geordnelenhaufe befchloffenen Herabsetzung des Stempels aus Automaten, auf Miels- und Jagdpachtverträge in der Stempelsteuernovelle zufrieden. Dann schloß eS fich der soeben vom Abgeordnetenhause zum Beamtenhastpflichtgesehe beschlossenen Streichung der Haftpflicht des Staates für haftpflichtige Amtsvergehen der Lehrer an. _ . _ , ,
Hierauf wird ei.t Antrag Graf v. Haeseler- Dr Dorn in folgender von der Kommission be- schlöffenen Raffung angenommen: Die Regierung zu ersuchen, einen Gesetzentwurf vo.zulegen, durch welchen der Besuch der Fortbildungsschule nach der Entlassung au8 der Elementarschule bis zum vollendeten 18. Lebensjahre für obligatorisch erklärt wird. Die Sitzung schloß mit einem Kaiserhoch.
Gemeinsame Schlußsitzung beider Häuser.
Um 5 Uhr versammelten sich die noch anwesenden Mitglieder beider Häuser des Landtags im Sitzungssaale des Abgeordnetenhauses, wo Fürst Bülow an der Spitze des MinisterkorpS erschien und die königliche Botschaft verlas, durch die die Session geschloffen wird. Ein Hoch auf den König, und bann auf Wiedersehn im Herbst.
ä Nach der Abstimmung
Daß der Himmel nicht eingefallen, und das ganze deutsche Reich nicht in tausend Scherben gegangen ist, als der Reichstag die Erbschaftssteuer hat unter den Tisch fallen lassen, das kann man nicht begreifen, wenn man die liberale Presse liest. Bei dem Höllenlärm, der aus diesen Blättern schallt, sollte man wirklich erwarten, mtch lange mehr und die ganze Welt breche aus- emander. Solch einen Spektakel hat man tatsächlich lange nicht mehr gehört.
Aus der keifenden Wut, ander? kann man es kaum nennen, gehr aufs deutlichste hervor, wie
arg die Liberalen in der Hoffnung enttäuscht worden sind, 'Mn Reichstage und dem deutsch«: Volke ihren Willen aufzwingen zu können. Die „Voss. Ztg.", die doch sonst Wert darauf legt, als vornehmes Organ betrachtet zu werden, leistet sich den geschmackvollen Satz:
„Die Vorlage, die als Voraussetzung für die ganze Reichsfinanzresorm bezeichnet wurde, ist verworfen worden, wie ein Tierleichnam auf den Schindanger verscharrt wird . . . Ohne Sang und Klang wurde die Erbanfallsteuer verscharrt wie em widerwärtiger Kadaver."
Roch toller treiben es die „Berliner Neuesten Nachr.", die überhaupt in der letzten Zeit ihre zunehmende Bedeutungslosigkeit durch einen kolossalen Aufwand von Kraftworten und öder Schimpferei zu verdecken suchen — „nationale Begeisterung" nennen sie das —. Hier heißt es:
„Sie haben es doch gewagt. Was kein Gläubiger der nationalen Gesinnung der Konservativen für möglich hielt, wofür das heiße heilige Dentschbe- wußtsein (ah!) unseres ganzen Volkes bangte und sorgte: das Unbegreifliche, hier ward es Ereignis. Arm in Arm mit den polnischen Reichsfeinden und den ultramontanen Reichsschädlingen hat die Partei, die das Monopol zu haben vorgibt, auf Königstreue und patriotisches Gefühl, das Reichssinanzgesetz zu Fall gebracht. Der tausendfach begründeten Vorlage der Reichsregierung, der Erbschaftssteuer, die dem Kanzler so wichtig- dünkte, daß er sein Verbleiben im Amte von ihrer Annahme abhängig machte, hat das Kartell der schwarzen, nein, schwärzesten Reaktion hohnlachend ein Nein entgegengesetzt, das wie ein Schlag ins Gesicht von Regierung wie vom Volke empfunden werden muß."
Natürlich ist bas Zentrum wieder das Karnikel, das die ganze Geschichte auf dem Gewissen hat. So fahren die nationallibellalen „Leipz. Reuest. Rachr." den Reichskanzler folgendermaßen an:
„Und er ist persönlich, ganz persönlich, der Besiegte des Zentrums geworden. Will er nicht die Wähler ausstürmen zum Wahlkamps, so muß er scheiden oder einem anderen das Feld überlassen. Will er auch das nicht, saugt er sich fest am Honig Der Macht, so mag er hingehen, gesenkten Blickes und mit schüchtern geröteten Wangen, und die Kotierungssteuer, Den Wertzuwachs und all das andere schlucken, den Blockgedanken verleugnen."
Der Mehrheit wird vor allem zum Vorwurf gemacht, daß sie die g an 3 e Vorlage abge- lehut hat, sodaß sie nicht mehr zur dritten Lesung gelangt. Die „Rationalztg." nennt dieses Vorgehen brutal. Ja, aber warum denn? Die Ver- handlunzen sind lediglich dadurch abgekürzt worden, und das ist doch kein Fehler. Die Erbanfallsteuer wäre auch in dec dritten Lesung unter allen Um ständen abgelehnt worden.
Die Entscheidung über die Erbanfallsteuer hat für die weitere Beratung des Reichstags d i e Bahn frei gemacht. Nationalliberale und Freisinnige haben erklärt, daß sie nunmehr gegen die ganze Finanzreform stimmen würden. Tas mögen sie mit ihrem Gewissen und mit ihren Wöhlern abmachen. Die Mehrheit, die für die Kotierung kstouer gestimmt hat, wird auch die übrigen Steuern, die für das Reich notwendig sind, bewilligen. Wichtig ist, daß die Reichs- Partei nach der Erklärung des Fürsten Hatzfeld nunmehr, um die wichtige Finanzreform zustande zu bringen, ihre ganze Kraft für die vom Zentrum, Konservativen und Polen gewollte Finanzreform einsehen und die Mehrheit noch verstärken wird. Damit ist die Garantie geboten, daß die Finanzreform bald zu einem glücklichen Ende geführt werdenkann. Ob sie zu einem glücklichen Ende geführt werden wird,'das hängt jetzt allein von der Haltung des Bundesrats ab.
Die liberale Presse bemüht sich krampfhaft nachzuweisen, daß nach der Ablehnung der Ausdehnung der Erbschaftssteuer auf 'die Erbanfälle an Kinder und Ehegatten nur noch zwei Dinge möglich seien; entweder müsse Fürst Bülow geh en und mir ihm alle die Minister, w.Iche sich im Reichstage auf seine Seite gestellt haben, oder es müsse eine Auflösuug des Reichs tag es erfolgen. Dem Kanzler wird zu Gemüts geführt, daß er moralisch gezwungen fJ, an das Volk zu appellieren. Bemerkenswert ist, daß gerade der „Vorwärts" sich für die Reichstagsauflösung so stark ins Zeug legt. Nun freilich, der Sozialdemokratie wäre nichts angenehmer und auch nichts vorteilhafter als eine Neuwahl.
Die Entscheidung darüber, ob der Reichstag aufgelöst werden soll oder nicht, liegt nicht beim Fürsten Bülow, sondern beim Bundes rat. Und trotz aller Mitteilungen der liberalen Presse hat sich bis jetzt noch kein sicherer Anhalt dafür ergaben, daß der Bundsrat Neuwahlen ausschreiben will. Im übrigen möge man es doch tun, möge man doch ruhig den Reichstag nach Hause schicken, wir werden unter der Parole: Besteuerung des Großkapitals komm minder glücklich kämpfen als die, welche das Gatten- und Kindüsevbe der Besteuerung ausliefern wollen.
Was wird der Reichskanzler tun?
Er bleibt! Ob auch die Stürme ihn umbrausen, ob auch die liberale Presse tobt: entweder Reichstagsauflösung oder fort mit Dir! obwohl er selbst gesagt hat: „Ohne die Erb- schastSsteuer keine Finanzreform", waS man logisch ergänzen muß: ohne Finanzreform kein Bülow! Obwohl dies alles so ist und nicht anders: daS deutsche Volk darf sich der tröstlichen Gewißheit hingeben, daß sein vierter Reichs- kanzler, Fürst Bernhard von Bülow, ihm erhalten bleibt und zwar ohne Reichslagsauflösung. Vorläufig wenigstens! Seinem Berliner Leibblatt wird von „amtlicher Stelle" gemeldet:
Fürst Bülow bleibt, der Reichstag wird nicht aufgelöst! Der Kanzler hält es für feine Pflicht, gerade jetzt an der Spitze des Bundesrats auszuharren und das Schlimmste abzuwenden, damit nicht KoticrungSsteuer, Mühlenumsatzsteuer und der Kohlenausfuhrzoll in der von der Kommission beschlossenen Fassung Gesetz werden. Die Reichsfinanzresorm soll, muß und wird jetzt unter allen Umständen zustande kommen. Was Fürst Bülow nach» h er tun wird, ist seine Sache und bleibt abzuwarten. Es kann aber nach allgemeiner Auffassung keinem Zweifel unterliegen, daß der Reichskanzler, nachdem die Reichsfinanzreform in den Hafen gelangt ist, sein Abschiedsgesuch einreichen und es auch durchsetzen wird, daß diesem Abschiedsgesuch die Kaiserliche Genehmigung zuteil wird.
DaS entspricht ja dem, was gestern schon die ,Frankf. Ztg.' und einzelne Berliner Blätter versicherten.
Es sind zweifellos nunmehr Verhandlungen im Gange, um in letzter Stunde doch noch zu einer Verständigung zu gelangen. Daß Verhandlungen mit den Konservativen versucht worden sind, geht aus folgender Meldung hervor:
Wie das „Wolff-Bureau" erfährt, wurde der konservativen Fraktion im Auftrage des Reichskanzlers eröffnet, daß die Kotierungssteuer, die Mühlenumsatzsteuer und der Kohlenausfuhrzoll unannehmbar feien, weil sie Handel und Verkehr schädige», die Industrie unerträglich belasten und die gesamte wirtschafttiche Stellung verschlechtern würden. Die Parfümeriesteuer habe unüberwindliche Bedenken gegen sich. Hinsichtlich der Wertzuwachs st euer wurde auf die Erklärungen des Reichsschatzsekretärs Bezug genommen.
Die Mehrheit des Reichstags denkt keineswegs daran, der Regierung Steuern aufzuzwingen, die diese als schädlich bezeichnen zu müssen glaubt, und weiß, daß eine befriedigende Lösung der Finanzreform nur im Wege der Uebereinflimmung zwischen Bundesrat und Reichstag zustande kommen kann. Nachdem nun aber der Reichstag seinen Willen kundgegeben hat, die notwendigen Steuern zu bewilligen, und darüber hinaus auch bestimmte Angebote gemacht hat, so hat jetzt die Regierung die Pflicht, falls sie die Angebote des Reichstags nicht annehmen will, ihrerseits mit geeigneten Vorschlägen hervorzutreten. Wir steifen uns durchaus nicht auf die einzelnen Steueroorlagen der Kommission, wohl aber halten wir daran fest, daß die Tendenz dieser Vorlagen auch in den neuen Steuerprojekten innegehalten werben muß. Ohne ausreichende Besteuerung des mobilen Kapitals ist keineFinanz- reform möglich, die Forderung der Reichstagsmehrheit ist unabänderlich. Die Regierung wird gut tun, von vornherein dieser Forderung Rechnung zu tragen und sich etwas weniger rücksichtsvoll als bisher zur Kapital- und Börsenwelt zu verhaltm.
♦ ♦
s. Tie Finanzkommission des Reichstages erledigte am Freitag die Ersatzsteuervorlage über den Sch eck stempel. Abg. Müller-Fulda (Z.) hatte eine Staffelung beantragt: 10 Pfg. bet Schecks von 150 Mk. bis zu 1 Mk. bei Schecks von über 20000 M. Im Laufe der Beratungen zog der Antragsteller diesen Antrag zurück, worauf dec Fixstempel von 10 Pfg. unter Freilassung der Abhebung von Bankguthaben angenommen wurde. Zum Schluß lehnte man den Feuer- versicherungs stempel ab. Dabei erklärte sich die Regierung ganz entschieden gegen den Gedanken der Uebernahme der Feuerversicherung auf das Reich. Das Zentrum harte noch einen Antrag auf Einführung eines Automobil- stempel» eingebracht, zog diesen aber zurück.
)( Der Hansabund läßr auch von sich hören, Der vorbereitende Vorstand hat eine Sitzung abgehalten, aus der man an den Reichskanzler ein Telegramm gerichtet hat, worin es heißt: „Der heute fonftituiene Hansabund erblickt in der durch die gestrigen Beschlüsse des Reichstages geschaffenen Lage eine überaus schwere Gefahr für Deutschlands Gesamtwohlfahrt. . . unerrräglich« Schädigung von Gewerbe, Handel und Industrie. Der Hansabund erwartet, daß i>ie verbündeten Regierungen eine solche. . . einseitige Belastung mit allen ihnen verfassungsmäßig zu Gebote stehenden Mitteln vertreten und durchsetzen werden."
== Berlin, 26. Juni 1909. Der geschäftsführende Ausschuß des Zentralvorstandes der n ationalliberalen Partei hat, wie offiziell bekannt gegeben wird, beschlossen, einen Allgemeinen Vertretertag der Partei zum Sonntag, den 4. Juli, nach Berlin ernzüberufen. — Der Zenttalcmschuß der f r e i s i n n i g en Volkspartej wurde im Hinblick auf die politische Lage für den 3. und 4. Juli in das ReichstagsgLdäirde einberufen. — Die nationalliberalePartei beschloß gestern im Reichstag einen Antrag auf Einführung einer Dividendensteuer von 2 Prozent einzubringen.
" Berlin, 25. Juni 1909. Der Reichskanzler begibt sich heute Abend zum Vortrag beim Kaiser nach Kiel.
Deutscher Reich.
r Berlin, 25. Juni 1909. Der Unterftaat^ sekretar im Finanzministerium, v. Dombois, rst zum Präsidenten der Seehandluna ernannt